Donnerstag, 27. Juni 2013

Tucholskys "Gruß nach vorn" und eine Antwort


Lieber Leser [in der fernen Zukunft] – !

Durch irgendeinen Zufall kramst du in der Bibliothek, findest die "Mona Lisa", stutzt und liest. Guten Tag. / Ich bin sehr befangen: du hast einen Anzug an, dessen Mode von meinem damaligen sehr absticht, auch dein Gehirn trägst du ganz anders ... Ich setze dreimal an: jedesmal mit einem andern Thema, man muss doch in Berührung kommen ... Jedesmal muss ich es wieder aufgeben – wir verstehen einander gar nicht. Ich bin wohl zu klein; meine Zeit steht mir bis zum Halse, kaum gucke ich mit dem Kopf ein bisschen über den Zeitpegel ... da, ich wusste es: du lächelst mich aus.

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Anmerkung: Wer den kleinen Text "Gruß nach vorn" von Kurt Tucholsky aus dem Jahr 1926 noch nicht kennt oder ihn schon länger nicht mehr gelesen hat, sollte ihn sich vor der Antwort (noch) einmal zu Gemüte führen. Dazu scrollt Ihr die verlinkte Blättchen-Seite einfach nach unten - Tucholskys Original-Text ist unter der Antwort im Wortlaut wiedergegeben - oder klickt alternativ hier.

Ich finde diesen Antwort-Text ganz charmant - auch wenn es freilich nicht die erste Antwort ist, die jemand im Laufe der Jahrzehnte zu dem Text geschrieben hat. Einzig das gewollt schnodderige "Berlinerisch" geht mir ein wenig auf die Nerven, da es - obwohl Tucholsky selbst es gelegentlich auch benutzt hat - gerade zu diesem Text nicht so recht passen will. Aber darüber kann man hinweglesen.

Das ist kein "großer Wurf", aber ein nettes Stück politische Literatur - und außerdem ein willkommener Anlass, sich wieder einmal dem bemerkenswerten Tucholsky zuzuwenden. Sämtliche Werke dieses Schriftstellers und Journalisten sind heute gemeinfrei und im Netz kostenlos verfügbar.

Kommentare:

pantoufle hat gesagt…

Yep. Das Berlinerisch ist etwas dick aufgetragen; Tucholsky selber hat sich mehr als einmal recht kritisch über die Verwendung von Dialekt in Texten geäußert. Um ein so dichtes Lokal-Kolorit wie zum Beispiel bei Zille zu erzeugen, braucht es schon Meisterschaft. Es ist eigenartig: Manchmal funktioniert es; der jiddische Witz (fast ausgestorben), wenn es in die Nähe von Spruchweisheiten kommt, aber es ist immer eine Gradwanderung.
Was mich an dem Text von Tucholsky so reizt, ist das Rezitieren des normalen Tages, ganz fernab der üblichen Apokalypsen, an die wir uns angewöhnt haben. Eine Antwort auf sein altes Essay zwingt einen gewissermaßen dazu, sich auf den Alltag zu konzentrieren. Nicht »1984«, sondern »trägt der Mann noch Hut?« Denn auch in einer orwellschen Welt wird es – gibt es – einen Dialog beim Bäcker , die täglichen Sorgen, die weit entfernt sind vom großen Bruder... Liebeskummer, Zahnschmerzen.
Wahrscheinlich ist es das, was dazu verführt, sich eines Dialektes bei einer Antwort zu bedienen. Es klingt nach Friseur, Straßenecke, Kneipe und das muß es dem Sujet nach auch.
Schwierig ist es allemal, lohnenswert auch. Was ist er denn nun, dieser Fortschritt? Ist es denn immer der große Wurf? Hat sich die Welt – und im Fall von Tucholsky sprechen wir ja nur von »ein paar Jahren« - so sehr verändert, wie wir uns immer einbilden? Mein Unbehagen an dem Text im Blättchen würde eher bei der ausführlichen Beschreibung der Nazizeit ansetzen. Gehört das wirklich in der epischen Breite da hinein? Vielleicht. Geschichtliche und sozial bestimmt. Aber in meiner Wahrnehmung klingt in Tucholskys Text immer die kleine Hoffnung mit, daß man sich eben doch noch die Hand geben kann. Beim Bäcker um die Ecke.

Charlie hat gesagt…

@ pantoufle: Es sind da sicherlich verschiedene Sichtweisen möglich - ich persönlich finde es richtig, dass die Beschreibung der Nazi-Zeit einen etwas breiteren Raum im recht kurzen Text einnimmt. Schließlich war genau dies das bestimmende Lebensthema Tucholskys, an dem er letzten Endes auch zerbrochen ist. Nicht umsonst schreibt er in seinem Artikel - nur neun Jahre vor seinem Suizid - ja: "(...) meine Zeit steht mir bis zum Halse (...)".

Die Thematisierung des Alltäglichen ist indes ein literarisches Stilmittel, das der Autor gerne und oft benutzt hat. Du kennst ja sicher das bekannte Zitat, das u.a. auch auf der Internetseite des Ossietzky zu finden ist: "Beinkleider werden zur Zeit mittelweit getragen. Freiheit gar nicht." Darin kommt wunderbar zum Ausdruck, wie er die modischen Erscheinungen seiner Zeit mit den politisch-gesellschaftlichen Irrwegen verknüpft, die er miterleben musste. So ist das meines Erachtens auch im vorliegenden Text zu verstehen.

Ich verstehe Tucholskys Text so, dass er 1926 kurz innegehalten und darüber sinniert hat, inwiefern seine zeitgenössische Welt sich gegenüber vorangegangen Generationen verändert hat und ob der auch damals schon ewig und quasi religiös gepriesene "Fortschritt" tatsächlich ein solcher war. Das Ergebnis hat ihn offensichtlich sehr ernüchtert.

Es war ein genialer literarischer Trick, diesen Rückblick einfach in einen Vorausblick umzuwandeln und so auch eventuellen juristischen Konsequenzen, die damals für allzu kritische Texte nicht gerade selten waren, aus dem Weg zu gehen.

Eine Hoffnung aber entdecke ich in diesem Text nirgends - die ist in Tucholskys Werk ohnehin ein äußerst prekäres Gut. Die Quintessenz ist für mich eher: "Es blieb stets nur das inhaltsleere Mittelmaß, während alles Gute und Schöne den Gang alles Zeitlichen gegangen ist - das war so, ist so und wird auch weiterhin so (gewesen) sein."

Und deshalb hat mir der Text vom Gericke im Blättchen trotz der erwähnten Mängel gefallen - der kommt ja zu einem ähnlichen, unbefriedigenden Schluss: "Is det tröstlich? Na ick weeß nich."

Liebe Grüße!