Samstag, 24. Juni 2017

Schlips-Borg-Nachrichten aus dem Paralleluniversum des sabbernden Irrsinns (3): Nützliche Tipps für die Mehrheit


Ist es nur die Hitze – oder hat sich der Irrsinn schon vorher so tief in den verwesenden Stammhirnen der Journaille festgesetzt, dass keine Rettung mehr möglich ist? Ich kenne die Antwort auf diese Frage nicht, musste vor einigen Tagen aber wieder einmal meinen kleinen Finger benässt in die nächste Steckdose, die glücklicherweise noch aktiv war, schieben, als ich auf den Seiten der Frankfurter Rundschau las:

Cabrioverdeck: Nicht zum Hochdruckreiniger greifen / Spätestens jetzt bei der Sommerhitze holen viele wieder ihr Cabrio aus der Garage. Oft stellt sich dann heraus, dass das Verdeck mal wieder gereiningt [sic!] werden muss. Der Tüv [sic!] Süd erklärt, was es zu beachten gilt.

Nachdem der erfrischende Stromschlag mich auf den glühenden Boden der Realität zurückgeholt hatte, stellte ich mir die Frage, wieviele Menschen es wohl in Deutschland geben mag, die – neben ihrem "Alltags-PKW" – ein hübsches, kleines oder auch großes Cabriolet in der heimischen Garage herumstehen haben, das sie bei entsprechendem Wetter "herausholen" und demnach auch anmelden, sofern es nicht sowieso (Saison-)Kennzeichen besitzt und entsprechende Kosten verursacht, auch wenn es regnet. Ich habe natürlich keine belastbaren Zahlen dazu, woher sollten die auch stammen; dennoch stelle ich die steile These in den Raum, dass dies nur eine verschwindend kleine Minderheit betrifft, die noch weitaus überschaubarer sein dürfte als die Gruppe der verrückten, egomanischen Spinner, die im Sommer einfach zum Spaß auf ihren lächerlichen Motorrädern durch die Nachbarschaft und bevorzugt eigentlich stille Naturgebiete gurken, unsäglichen Lärm verursachen, nebenbei auch noch Abgase in die Luft blasen und sich nicht selten geradezu mörderisch verhalten.

Um die geht es in diesem bizarren Text der FR aber nicht, sondern um jene exquisite Clique, die zum Spaß mit dem Cabrio durch die Nachbarschaft und bevorzugt eigentlich stille Naturgebiete gurkt, unsäglichen Lärm verursacht und nebenbei auch noch Abgase in die Luft bläst. Es ist also ein gänzlich anderes Thema, das mit Motorradspinnern nichts zu tun hat, wie man schon an der hier gewählten Formulierung deutlich erkennt.

Es ist allerdings geradezu vorbildlich, dass die volksnahe Redaktion der "linken" FR hier genau erklärt, wie man seine schicke Open-Air-Kutsche ordentlich pflegt, um sich unnötige Folgekosten zur Reparatur des Verdecks zu ersparen – schließlich sind ZweitautobesitzerInnen ja auch keine Dagobert Ducks und müssen stets auf jeden Cent achten, um über die Runden zu kommen, gelle.

Sind diese Leute aus dem Bankmafiadorf Frankfurt eigentlich noch ganz bei Trost? Am Schluss des Textes wird noch dazu der dort obligatorische Hinweis eingeblendet: "Sie wollen stets informiert bleiben? Dann bestellen Sie gleich hier vier Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€." – Ja, sicher, das mache ich doch sofort, denn solcher Journalismus ist mir sehr wichtig!

Ich habe da mal eine Frage, liebe FR: Wenn ich mal wieder, so wie im Februar und Juni, schon am 20. oder früher keinen Cent mehr übrig habe, weil ich gelegentlich doch mal etwas essen oder mir ein neues Paar Socken zulegen möchte, kann ich dann bitte auch in Raten zahlen? Oder schicken Sie mir dann ebenfalls den Gerichtsvollzieher auf den Hals, wie das der freundliche "Gebührenservice" der Öffentlich-Rechtlichen regelmäßig tut, der ja nicht nur "JournalistInnen" wie die Großverdiener Claus Kleber oder Caren Miosga pünktlich alimentieren, sondern auch windigen Unterhaltungsmoderatoren eine eigene Insel oder albernen Schauspielern fürstliche Gagen im D-Mark-Millionenbereich für das ewige Krimi-Gedöns zahlen muss? Diese GesellInnen fahren jedenfalls bestimmt mehrheitlich Cabrio oder Motorrad und sind angesichts ihrer stets leergefegten Konten sicher sehr dankbar für Ihre hilfreichen Tipps.

Diese Schmerzen. Diese bohrenden, bösen Schmerzen. Die Ignoranz und der Zynismus dieser Systemmedien – und damit einhergehend auch nicht gerade weniger MitbürgerInnen – ist schlicht unfassbar.

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Glückliches Zusammentreffen



"Gut, dass ich dich treffe, Gustav, mir fehlen gerade zwei Mark für Benzin!" – "Bedaure, die fehlen mir gerade für Schuhsohlen."

(Zeichnung von Josef Sauer [1893-1967], in "Simplicissimus", Heft 1 vom 01.04.1934)

Freitag, 23. Juni 2017

Song des Tages: Burden




(Opeth: "Burden", Single version, aus dem Album "Watershed", 2008)

I, once upon a time
Carried a burden inside
I sung a last goodbye
A broken rhyme I had underlined
There's an ocean of sorrow in you

A sorrow in me

I saw a movement in their eyes
They said I no longer knew the way
I had given up the ghost
A passive mind submit to fear
And the wait for redemption at hand

Waiting to fail

Failing again

If death should take me now
Count my mistakes and let me through
Whisper in my ear
You've taken more than we've received
And the ocean of sorrow is you


Donnerstag, 22. Juni 2017

Zitat des Tages: Herbstliebe


Streich dir das
Spinnweb fort
unterm Aug.

Wirf sie, die
aschene Strähne,
zurück.

Ich säe Wollgras
auf deine Schultern.

Ich pflanz dir
Steinbrech
im Schoß.

Mein Farnzelt
überdacht
deine Narben.

(Wolfdietrich Schnurre [1920-1989]: "Herbstliebe", in: "Kassiber und neue Gedichte", List 1979)


Mittwoch, 21. Juni 2017

"Dagegen war Kohl modern"


Über Verstorbene soll man stets nur Gutes berichten, ich weiß. Ich gebe zu, dass mir das im Fall des jüngst verblichenen Helmut Kohl äußerst schwer fällt – auch wenn ich dem Ratschlag des Kollegen von den Fliegenden Brettern, der meint, man solle vielleicht noch etwas warten, einiges abgewinnen kann.

So rücksichtsvoll ist die kapitalistische Presse indes nicht, und deshalb kann ich gar nicht anders als hier auf den meines Erachtens bislang gelungensten Nachruf auf den bleiernen, pfälzischen Monarchen der 80er und 90er Jahre hinzuweisen, der in der verödeten Presselandschaft dieser untergehenden Pseudozivilisation zu finden ist. Überraschend ist dabei weniger, dass es sich bei diesem Autor um einen ehemaligen Chefredakteur des Titanic-Magazins handelt; die Kohl'schen Ausmaße der gehirnvernichtenden Groteske werden erst dann richtig ausgeschöpft, wenn man bemerkt, dass der Mann inzwischen Kolumnist bei Springers kapitalistischem Kampfblatt "Die Welt" ist.

Sicher, wir sind allesamt käuflich und mehr oder minder billige Huren – ich warte ja nach wie vor noch auf ein hübsches Angebot, das mich aus meiner materiellen Not befreit, während ich meine Seele dem Maschmeyer, den Quandts, Klattens oder Springers verkaufe und gleichzeitig irgendeinen schlabberigen, stinkenden Penis oral bearbeite – aber wie man vom Chefredaktionssessel der Titanic zur Welt gelangen kann, wird mir trotz alledem ewig ein Rätsel bleiben, während ich mich nach dem ekeligen Blowjob noch stundenlang übergebe.

Nichtsdestotrotz ist der Text sehr lesenswert, der in dem folgenden Fazit kulminiert:

Wir hätten es noch Jahrzehnte so weitertreiben können. Von unserer Seite bestand wirklich überhaupt kein Grund, den Mann 1998 eiskalt abzuwählen und dafür diesen windigen Hund aus Hannover als König Hartz IV einzusetzen. Aber das deutsche Volk wollte sich zur Abwechslung mal wieder von Sozialdemokraten verraten lassen. / Doch mit Schröder wurde es nie wieder so gut wie mit Kohl. Und Angela Merkel konnte man zwar durchaus ein paar lustige Hüte aufsetzen und ihr als Zonen-Gabi sogar mal eine Gurke in die Hand drücken. Aber sie erreichte einfach nicht diese satirische Wucht, die man nun einmal nur mit einem absolutistischen Herrscher wie Kohl hinbekam. Kohl verkörperte, sobald er auf einem "Titanic"-Cover auftauchte, in einer Gestalt sowohl die herrschenden Verhältnisse als auch die Kritik daran. Das wird ihm leider keiner mehr nachmachen.

Man sollte vielleicht besser noch etwas warten. Zumindest solange, bis die erste Generation der Maden ihren Job erledigt und der "Birne" mindestens die Haut vom nicht mehr ganz so ausladenden Birnen-Body weggefressen hat. Andererseits kannte Helmut seinerseits ja ebenfalls kein Maß und ist stets in die Vollen, also mitten ins Braune, gesprungen, auf dass das Blut nur so spritzte. Mit Spermageschmack auf der Zunge und gruseligen Gedanken an eine lange vergangene Zeit sehne ich mich nun in die Saumagenzeit zurück, in der mir zumindest Schauderhaftigkeiten wie die Merkel, die emotionslose "Misere", die eisige von der Leyen, der Faschist Maas oder der empathie- und intelligenzfreie Seidenklops Siggi Gabriel erspart geblieben sind.

Man wird wahrlich sehr bescheiden, wenn man sieht, was sich da heutzutage in Politikerkreisen herumdrückt. Es war der Freitag, der vor 17 Jahren angesichts des Schröder'schen Katastrophenkurses ("Agenda 2010") titelte: "Dagegen war Kohl modern". Dem kann auch die Titanic nichts weiter hinzufügen.


(Titanic)

Schlips-Borg-Nachrichten aus dem Paralleluniversum des sabbernden Irrsinns (2): Macron


Bei Zeit Online war vor einigen Tagen ein Text von einer gewissen Karin Finkenzeller zu lesen, der sehr anschaulich verdeutlicht, in welchen intellektuellen Jauchegruben des untergehenden Ferengi-Reiches ein Großteil der deutschen KuhjournalistInnen – verzweifelt nach Luft schnappend – herumtaucht. Die Dame stellt fest: "Frankreich ist reformunwillig" und meint damit die Mehrheit der französischen Bevölkerung, die aus sehr nachvollziehbaren Gründen keine Lust auf kapitalistische Zerstörungsorgien hat, wie sie Schröder und Fischer beispielsweise in Deutschland nachhaltig betrieben haben und von Merkel, Westerwelle und Gabriel ebenso nachhaltig fortgesetzt (und auch exportiert) wurden und werden.

Trotzdem hat Macron nicht nur die Präsidentschaftswahl gewonnen, sondern – auch aufgrund der historisch geringen Wahlbeteiligung – nun mit seiner "neuen Partei" auch die absolute Mehrheit im Parlament errungen. Wie kann denn so etwas sein, fragt sich der unbedarfte Leser fassungslos? Finkeneinzeller weiß die Antwort:

Die Franzosen bräuchten sich ja nur an der Wahl zu beteiligen und Oppositionspolitikern ihre Stimmen zu geben, könnte man nun sagen.

In der Tat, das "könnte" man sagen – andererseits wären dafür auch tatsächliche Optionen für eine wirkliche, antikapitalistische Opposition nötig, und die gibt es in Frankreich ebensowenig wie in Deutschland oder anderen durchökonomisierten Pseudodemokratien des Westens. Eine solche "radikale" Position kann und darf eine Kuhjournalistin natürlich niemals einnehmen – das gilt insbesondere dann, wenn sie sogar lediglich angekündigte [sic!] Streiks gegen die von Macron geplanten Deformierungen und Zerstörungen des Arbeitsrechtes unverhohlen und ohne jede Ironie "radikalen Gewerkschaften" in die Schuhe schiebt. Spätestens an dieser Stelle ist jedem Mitlesenden klar, vor welchen braunen Winden die Dame segelt, denn Streiks sind aus ihrer Sicht lediglich ein fieses, zu verdammendes, kommunistisch-teuflisches Instrument, das ein Land "über Wochen zum Teil" lahmlegen könne. Das kostet die "Elite" doch Geld bzw. Profit und darf daher niemals vorkommen, sonst zürnt am Ende noch das goldene Kalb und bringt Pestwolken über die Ungläubigen!

Frau Hinkelstein ergeht sich weiter in glühenden, speichelleckenden Vokabeln wie dem "Reformpräsidenten", dem "Respekt vor der Leistung seiner Bewegung" und ähnlich semireligiösen Schleimereien, die zumindest bei mir einen üblen, krätzeähnlichen Gehirnausschlag hervorrufen, die im Paralleluniversum des sabbernden Irrsinns aber zum allgemeinen, guten Schlips-Borg-Ton gehören. Auch die Beschwörung der politischen "Vielfalt", die es zuvor gegeben habe, darf in diesem realitätsfremden Untergangsreigen nicht fehlen – das kennen wir alles schon aus Deutschland, wo in derselben Presse ebenfalls unentwegt und wie von Sinnen behauptet wird, CDU/CSU, SPD, Grüne, Linke, FDP und AfD unterschieden sich signifikant voneinander, während jeder, der einfach hinsieht, nur kapitalistischen Einheitsbrei in verschiedenen Brauntönen samt entsprechender Duftnote wahrnimmt. Madame Hinkebein ist sich auch nicht zu blöde, gleich noch explizit darauf hinzuweisen, dass die ganz große Koalition doch gar nicht so schlimm – und letzten Endes auch nichts anderes als die "neue Partei" in Frankreich – sei:

Das erinnert ein wenig an die lange Jahre in Deutschland vertretene Auffassung, große Koalitionen seien wegen der Gefahr einer Stärkung der Extremen zu vermeiden, eine Demokratie brauche eine handlungsfähige Opposition.

Was soll man dazu noch sagen, wenn man nicht sowieso kontinuierlich brechen muss. Wenn es nur eine Einheitspartei gibt, deren Blöcke letztlich alle dieselben elitären Ziele verfolgen, ist es in der Tat nur folgerichtig, wenn man auf so etwas Albernes wie eine parlamentarische Opposition gänzlich verzichtet. Die Parteien in Deutschland haben das längst begriffen und führen nur noch ein leicht durchschaubares Affentheater auf, das "Wir spielen parlamentarische Demokratie für die Kameras der Propaganda" heißt – in Frankreich beginnt diese böse Schmierenkomödie allerspätestens jetzt ebenfalls. Und die Journaille klatscht brav Beifall und suhlt sich wonnevoll mit den Räuberbanden im menschenfeindlichen Dreck.

Anmerkung: Ich rate dringend dazu, die Kommentare drüben bei Zeit Online zu diesem furchtbaren Erguss nicht zu lesen – wer sein Gehirn liebt oder es zumindest nicht hasst, muss diesen degenerierten Pfuhl unbedingt meiden, um bleibende Schäden zu verhindern.

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Der flammende Leitartikel



(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 47 vom 16.02.1925)

Montag, 19. Juni 2017

Die Uschi und der Generalfeldmarschall


Unsere überaus christliche und ziemlich reiche Kriegsministerin Uschi von der Leyen räumt in der Bundesangriffsarmee ordentlich auf, ließ sie jüngst verlautbaren. Nach den vergangenen "Skandalen" sollten sogar die heimeligen Wohnstätten der freundlichen SoldatInnen teilweise neue Namen bekommen. Leider gerät diese propagandistische Umbenennung nun schon wieder ins Stocken, wie ich vor kurzem beim WDR nachlesen konnte:

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hält beim Bundeswehrstandort im nordrhein-westfälischen Augustdorf am Namen Generalfeldmarschall-Rommel-Kaserne fest.

Die Begründung für diesen Schritt liest sich gar allerliebst: Zum Einen sei der Kriegsverbrecher und Nazi Erwin Rommel ja ein "Teil des Widerstandes gegen Hitler" gewesen (was schlichtweg Mumpitz und nicht bloß "umstritten" ist, wie Uschi und der WDR behaupten); und zum Anderen hätten dies die "Soldaten und die Gemeinde" beschlossen. Ja, dann ist doch alles gut und stramm "demokratisch" abgesegnet – wenn selbst die pazifistischen SoldatInnen und die "Gemeinde" diese Auffassung vertreten, darf eine Kaserne eben auch im Jahr 2017 weiterhin den Namen eines Nazis samt seines widerwärtigen, militärischen "Reichswehr"-Ranges "Generalfeldmarschall" tragen. Ich frage mich ja ernsthaft, wieso die olle Schrapnelle, die auf dem hübschen Bild beim WDR zwar mit der üblichen Stahlhelmfrisur und einem gewohnt fiesen, falschen Eislächeln, dafür aber in unschuldigem Weiß mit den waffenstrotzenden, potenziellen Mördern in Uniform samt Mordinstrumenten schäkert, nicht konsequent ist und die Kaserne stattdessen "Wüstenfuchs-Rommel-Kaserne" oder "Widerstandskämpfer-Rommel-Kaserne" nennt. Soviel "Wahrheit" sollte in der heutigen Zeit der menschenfeindlichen Fäulnis doch wohl drin sein!


(Screenshot wdr.de vom 10.06.17)

Wofür braucht Deutschland doch gleich eine Angriffsarmee, die grundgesetzlich ohnehin (noch) verboten ist? Die korrupte Bande weiß das genau, darf es aber (noch) nicht öffentlich sagen – und wenn es irgendeiner versehentlich doch einmal tut wie vor ein paar Jahren der Sparkassenhampelmann Horst Köhler, wird er schnell abgesägt und mundtot gemacht. Köhler salbaderte 2012 munter drauf los:

"Meine Einschätzung ist aber, dass wir insgesamt auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen – negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen."

Man möchte sich endlos erbrechen angesichts dieser schauderhaften Obszönitäten. Und wenn das nun auch weiterhin im Namen des Generalfeldmarschalls Rommel geschieht, gesundet die "deutsche Seele" umso schneller – und die grausige Kriegs-Uschi hat ihr Ziel, stellvertretend für die selbsternannte kapitalistische Elite, erreicht. – Feuer frei, Kameraden! Und vergesst das Lächeln beim Schießen und Töten nicht – stets für Volk und Vaterland die Interessen der Superreichen!

Samstag, 17. Juni 2017

Zitat des Tages: Chanson für Morgen


Wir wissen nicht, was morgen wird.
Wir sind keine klugen Leute.
Der Spaten klirrt, und die Sense sirrt,
Wir wissen nicht, was morgen wird.
Wir ackern und pflügen das Heute.

Wir wissen wohl, was gestern war,
Und wir hoffen, es nie zu vergessen.
Wir wissen wohl, was gestern war,
Und wir säen das Brot, und das Brot ist rar,
Und wir hoffen, es auch noch zu essen.

Wir wissen nicht, was morgen wird,
Ob der Kampf unserer harrt oder Frieden,
Ob hier Sense sirrt oder Säbel klirrt -
Wir wissen nur, dass es Morgen wird,
Wenn wir Schwerter zu Pflügen schmieden.

(Mascha Kaléko [1907-1975]: "Chanson für Morgen", in: "Verse für Zeitgenossen", 1945)


Freitag, 16. Juni 2017

Song des Tages: American Babylon




(Saviour Machine: "American Babylon", aus dem Album "Saviour Machine II", 1994)

A thousand bloody hand-prints stain the walls of liberty.
A stranger hides in dreams denied, awaiting his release.
I've seen this picture before.
I never thought that we would end up here.
When fascism comes as an angel of light
Its license parading as tyranny thrives forth its son.

The son of mourning dominating fears, afflicting fallen men.
His body highly organized is coming into prominence
To bear its ominous warnings.
It's in your blood to comprehend its origin.
For those who refuse to remember the past
Are condemned to repeat it,
The first and the last, dust to dust ...

History is his story
And life is laughing at its peril.
Building towers that come fourth in men.
Shifting powers consuming us within.
They will puzzle the apostles till the end.

Enter into the silence, into the dying life of America,
The brave, the slave, the grave.

The shattered pigs dying as primitive savages,
Eating their flesh, they'll lie rotting in dirt,
While a stranger among you has challenged the course
Of the human existence and alien forces.
The birth of the black prince is setting the stage
In its thriving dissension, exalting his rank,
And the innocent man will fall victim to hands
In the trial of truth and its twisted reversal.
The union of factions bleeds shock to the system,
For civilization has ended today.
The transitional nature of acts and society climbs in its place
While its face re-creates ...

... Until your god is dead.
Enlighten me with your pale statues, face of inhibition.
Until your reign has ended,
Frighten me with your stale – taste – tongue of inquisition.
In your eyes I will come forth in men,
With no justice, no order to defend –
And the stone will be cast again ...

Enter into the fire, into the bloody gates of America,
The great, the fate, the late.



Anmerkung: Einer Band aus Kalifornien kann man schwerlich Antiamerikanismus vorwerfen. Und auch wenn dieser Band immer wieder das alberne Mäntelchen des Christentums umgehängt wird, weil sie gelegentlich aus biblischen Texten zitiert, sprechen das Werk und auch dieser spezielle Song eine ganz eigene Sprache, die weder den bösen alten Männern in Rom, noch den christlichen Fundamentalisten in den USA oder der deutschen Grünpartei gefällt. Ich verehre Saviour Machine für ihre außergewöhnliche Musik und für Textzeilen wie die hier wiedergegebenen. Es gibt offensichtlich auch in den USA Menschen, die klar bemerken, dass hier etwas (wieder einmal: "For those who refuse to remember the past are condemned to repeat it") völlig aus dem Ruder läuft:

"When fascism comes as an angel of light" – ist der "Point of no return" nur noch einen Katzensprung entfernt. – Das war 1994. Vor über 20 Jahren. Ich kann mich dem Resümee dieser Band nur anschließen:

"Civilization has ended today."

Donnerstag, 15. Juni 2017

Kapitalismus und Menschenfeindlichkeit: Ein Beispiel aus der antisemitischen Hölle


Seit einigen Tagen liest man überall über die von Arte und dem WDR geschasste Dokumentation über heutigen Antisemitismus. Leider kennt kaum jemand den in Rede stehenden Film, so dass ich ihn hier einbette – auf dass sich einjede/r selbst ein Bild mache. Ich weiß nicht, wie lange der Film bei youtube noch abrufbar ist, daher sollte man ihn sich tunlichst schnell ansehen.



Die Wellen schlagen inzwischen schon recht hoch: Der Regisseur hat sich medial geäußert; und inzwischen hat die Propagandapresse sogar eine Jüdin gefunden, die sich dem Thema auf gewünschte Weise widmet und – aus meiner Sicht völlig realitäts- und themenfern – schwadroniert:

Dass die Dokumentation von Arte gecancelt wurde und die Ausstrahlung im WDR verhindert, liegt nicht daran, dass dort Antisemitismus gezeigt wird, an den niemand mehr glaubt, sondern weil sie schlecht gemacht und propagandistisch aufgebaut ist. Das ist schade, aber passiert.

Dieses Resümee halte ich für kompletten, unbelegbaren Bullshit, der dem Film, den man freilich auch kritisieren kann und darf, in keiner Weise gerecht wird. Ich weiß nicht, welche Beweggründe die Autorin zu diesem Statement bewogen haben; allerdings schmeckt das wieder einmal nach einer dünnen, geplanten Strategie, die nichts mit einem "freien" (ich vermeide sehr bewusst das Wort "wissenschaftlichen") Diskurs zu tun hat, dafür aber umso mehr mit einer geplanten Agenda. Und das ist gewiss keine alberne "Verschwörugstheorie", sondern lediglich meine ganz subjektive Wahrnehmung, nachdem ich mir den Film angesehen und danach noch einmal die einschlägigen Verdammungstexte, die ich hier ganz bewusst nicht erneut verlinke, dazu gelesen habe.

Ich wiederhole noch einmal in aller Deutlichkeit: Selbstverständlich kann man auch diesen Film nach Herzens- oder viel besser Hirneslust kritisieren. Allerdings findet eine solche inhaltliche Kritik medial nirgends statt – ich habe bislang jedenfalls noch keinen einzigen Kommentar, Verriss oder lobhudelnden Anpreisungstext zu dieser Doku gelesen, der ernstzunehmende Kritikpunkte enthält oder pauschale Vorwürfe sinnvoll entkräftet. Das ist umso bedauerlicher, da mir beim Ansehen gleich mehrere kritikwürdige Stellen, ebenso aber auch viele klar bedenkenswerte Positionen aufgefallen sind.

Es bleibt aber festzuhalten, dass Antisemitismus damals wie heute kein rein rechtsextremes Phänomen war und ist. Allein diese sehr alte, unter "normalen" Umständen eigentlich nicht weiter erwähnungswürdige Erkenntnis, für die der Film allerlei Indizien liefert, die nicht mit salbungsvollen Pauschalkommentaren zu widerlegen und daher endlich zur Kenntnis zu nehmen sind, ist das Ansehen schon wert.

Kapitalismus ist Menschenfeindlichkeit. Und mit Menschenfeindlichkeit kennt sich die (*hust*) "fortschrittliche" Welt des "Westens" seit Jahrhunderten vorzüglich aus. Eigentlich kann es nur gehirnbefreite Menschen wundern, dass auch heute in religiösen Kreisen, die irgendwelchen Fantastereien von einem "höheren Wesen" und einem "paradiesischen Jenseits" anhängen, derartige Schauderhaftigkeiten wieder aufblühen – ganz egal, ob dieses "höhere Wesen" nun "Gott", "Allah", "Markt" oder "Geld" heißt. Den Antisemiten indes, die sich nicht auf irgendeine obskure Religion berufen – und das ist wohl die überwiegende Mehrheit hierzulande –, darf man sowieso schlichte Dummheit und dumpfe Bösartigkeit unterstellen. Das bedeutet nicht, dass "religiös motivierter" Antisemitismus irgendwie "besser" sei, denn da sind Dummheit und Bösartigkeit mindestens ebenso ausgeprägt. Hier können sich kapitalistische Schergen aus der Politik, aus den Medien und aus dem Rest der Bevölkerung freundlich die braune Hand reichen.

Das Thema ist schon ekelig genug – was aber nun dank der zwangsgebührenfinanzierten Sender daraus erwachsen ist, kommt einem dicken Schwall Kotze mit saftigen Stücken gleich. Wie kann man als seriöser Filmemacher denn auch auf den völlig absonderlichen Gedanken kommen, im "freiheitlich-demokratischen Westen" könne es ein menschenfeindliches Problem, das zudem nicht nur Juden, sondern "Ausländer" generell sowie Arbeitslose, Kranke, Alte und Behinderte betrifft, geben? Das ist schlicht böse Ketzerei und gehört bestraft! Massiv bestraft! Im "goldenen Westen" – also im "Land der Guten" – ist so etwas ausgeschlossen, sagt die bunte Propaganda.

Der Film jedenfalls spricht für sich selbst – und genauso sollte man ihn auch behandeln. Ich hoffe, er bleibt lange verfügbar.

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Wiener G'müat


"Wir lassen unsere lieben Juden nicht nach Palästina – wir wollen sie in Wien totschlagen!"

(Zeichnung von Eduard Thöny [1866-1950], in "Simplicissimus", Heft 23 vom 07.09.1925)

"Freiheit den Palästen, Krieg den Armen!"


Der kapitalistische Krieg gegen Arme geht munter weiter: Jüngst hat sich die korrupte Bande, diesmal in Dänemark, wieder weit aus dem Fenster gelehnt und einen weiteren Schritt in Richtung rechts außen angekündigt. Nun soll es "Bettlern" an den Kragen gehen, die ja bekanntlich zu den schlimmsten Feinden von "Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit" gehören, die man sich überhaupt vorstellen kann, sofern man solchen widerwärtigen, beschlipsten Menschenfeinden zuhört.

"Aktives Betteln" – also "die aktive Nachfrage nach Geld oder das Aufstellen eines Schildes mit der Aufforderung, Geld zu geben" – ist in Dänemark schon jetzt strikt verboten. Das reicht den fürstlich aus Steuergeldern entlohnten Schlips-Borg aber noch nicht, wie vor einigen Tagen bei n-tv nachzulesen war:

Arme Bettler: Die dänische Regierung will rasch härtere Strafen für Bettler einführen. Justizminister Søren Pape Poulsen zufolge soll aggressives Betteln mit zwei Wochen Gefängnis geahndet werden.

Selbstverständlich ist die dänische Räuberbande in dieser braunen Jauchegrube keineswegs allein – es gehört inzwischen (wieder) in vielen Staaten des "freiheitlich-demokratischen Westens", darunter selbstredend auch Deutschland, zum guten Ton, mit staatlicher Ordnungsmacht gegen Obdachlose und Arme vorzugehen, anstatt ihnen zu helfen. Wie lange mag es wohl noch dauern, bis in dieser stetig "besser werdenden Welt" (A. Merkel und B. Obama auf dem jüngsten "Kirchentag") des obszönen Glitzerkapitalismus' nicht mehr "nur" Flüchtlinge und Asylsuchende in Lagern oder Gefängnissen zwangsinterniert werden, sondern auch wieder Arme (die in der Nazi-Sprache vor 80 Jahren schlicht als "Asoziale" beschimpft wurden) oder politische Systemgegner?

Wer agiert hier klar erkennbar asozial bis ins Knochenmark – Menschen, die sich aus welchen Gründen auch immer zum Betteln genötigt sehen, oder diejenigen, die sie ausgerechnet deswegen in den Knast stecken wollen? Und ist eine "aktive" und vergleichsweise aggressive Bettelaktion, wie sie beispielsweise von den ebenfalls hochbezahlten Redaktionen der "Tagespropaganda" kürzlich wieder einmal verbreitet wurde, in diesem kranken Kontext nicht ebenfalls ein zu ahndendes Verbrechen? Wo ist doch gleich der Unterschied? – Man weiß so wenig in dieser verkommenen Welt, die jeden Tag ein Stück ekelerregender, brauner und grotesker wird.

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Alter Bettler mit einem Knaben



(Gemälde von Pablo Picasso [1881-1973] aus dem Jahr 1903, Öl auf Leinwand, Pushkin Museum of Fine Arts, Moskau, Russland)

Dienstag, 13. Juni 2017

Der redundante Einwurf (6): Ein tolles Bullenlogo


Man sollte auf der Hut sein, wenn eine Gewalt ausübende, staatliche Behörde banalste Selbstverständlichkeiten als besonders erwähnenswerte, anpreisungswürdige Merkmale sogar im amtseigenen Logo zur Schau stellt, wie das beispielsweise die Polizei in Bonn tut:


(Logo des Polizeipräsidiums Bonn)

Was der streng dreinblickende, olle Ludwig – abgesehen von der Randnotiz, dass er seinerzeit versehentlich in Bonn geboren wurde – in diesem satirisch-dystopischen Machwerk, das in Orwells Welt einen Ruhmesplatz einnehmen könnte, verloren hat, wissen wohl nur die Bonner Staatsschergen oder die durchgeknallten Irren der Werbe- bzw. Propagandaagentur, die diesen Stumpfsinn, natürlich für ein fürstliches Honorar, erbrochen hat.

Demnächst wird der Bevölkerung durch entsprechende Tafeln oder Aufschriften sicherlich auch noch versichert, dass beispielsweise Gerichte "völlig unabhängig" seien, dass Konzerne "an unserem Wohlergehen interessiert" seien oder dass der kapitalistische Staat "selbstredend gemeinwohlorientiert" handele. Spätestens wenn auf diese schauderhafte Weise explizit auf solche, in einer fiktiven, gesunden Welt selbstverständlichen Dinge hingewiesen wird, weiß man sicher, dass sie böse gelogen sind.

Montag, 12. Juni 2017

Der Rechtsruck und die Linke


Wie in "linksintellektuellen" Kreisen die Realität umgedeutet bzw. negiert wird

Ein Kommentar

Ich kann mich immer wieder nicht entscheiden, ob ich gelangweilt, belustigt oder schier entsetzt sein soll, wenn ich politische Texte sogenannter Linksintellektueller lese, die in den Massenmedien – jenseits der Satire – publiziert werden. Aus den vergangenen Jahren erinnere ich mich ehrlich gesagt an keinen einzigen Fall, der nicht in erster Linie durch Halbwahrheiten, Ignoranz, stramme Systymkonformität und/oder Verschleierung bzw. Verschweigen von "Fakten" aufgefallen ist.

Trump ist schuld

Bei Zeit Online gab es vor kurzem wieder einmal ein solches Stück, das mich vollkommen ratlos zurücklässt, nämlich diesen Beitrag von Michael Ebmeyer. Der Mann lässt sich da über den "Rechtsruck" aus, den er – wie sollte es im Rahmen dieses Systems auch anders sein – ausschließlich in den Wahlerfolgen der rechtsextremen Parteien ausmacht. Allein diese alberne Grundthese ist angesichts des generell weit nach rechts außen gerückten "politischen Parteienspektrums", das ausnahmslos nichts anderes mehr kennt als Kapitalismus, Kapitalismus und Kapitalismus, sowie der überall in der Gesellschaft deutlich wahrnehmbaren rassistischen, nationalistischen und völkischen Radikalisierung schon so hanebüchen, dass ich die Lektüre eigentlich sofort hätte abbrechen müssen. Dennoch habe ich diesmal weitergelesen und bin auf einige Denkschemata gestoßen, die meines Erachtens symptomatisch für den desolaten, geradezu denkfeindlichen Zustand dieser intellektuellen Knallchargen sind. Nachfolgend einige (nicht vollständige) Beispiele dazu.

Zunächst muss in einem seriösen Text selbstverständlich Trump gegeißelt werden, denn das ist inzwischen ungeschriebenes Gesetz in deutschen "Leidmedien". Ebmeyer schreibt allen Ernstes:

Seit in den USA tatsächlich Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde und erst recht seit er im Amt ist, also das tut, was er unter Regieren versteht, lässt in Europa die Lust am eigenen Rechtsdrall nach.

Ich bin zwar ebenfalls der Ansicht, dass Trump ein gefährlicher Irrer ist – anders als der Autor halte ich mich mit entsprechenden Äußerungen aber solange zurück, bis ich zumindest ein paar illustrierende Beispiele nennen kann. Die braucht Ebmeyer aber gar nicht, auch nicht für die sogleich implizierte Schlussfolgerung, dass die "nachlassenden Wahlerfolge" der Rechtsextremen in Europa vornehmlich Trump geschuldet seien. Welch eine steile These. Auf die Idee, dass es möglicherweise vielen EuropäerInnen völlig schnurz ist, was der gelbhaarige Hampelmann da in Washington veranstaltet, kommt der Mann gar nicht. Amerika ist ja so wichtig! Er setzt sogar noch einen drauf:

Die Performance des Polit-Dilettanten mit dem narzisstischen Superhau jenseits des Atlantiks treibt bei uns die eben noch entfesselten Salon- und Stammtischrassisten scharenweise zurück zu Mutti. Die Amerikaner opfern ihre Demokratie dem Donald – dem Rest der westlichen Welt zur Mahnung.

Rassisten, Nationalisten und sonstige Faschisten sind bloß irregeleitete Schäfchen

Hier können wir gleich in mehrfacher Hinsicht eine intellektuelle Dürre bestaunen, die wohl vergeblich ihresgleichen sucht: Einerseits verharmlost Ebmeyer die rassistischen, nationalistischen und völkischen Tendenzen in nicht gerade kleinen Teilen der hiesigen Bevölkerung schamlos, indem er sie "Salon- und Stammtischrassisten" nennt. Andererseits suggeriert er, dass eine "Rückkehr" der "verirrten Schafe" zur CDU/CSU diese offenkundig menschenfeindlichen Haltungen in irgendeiner Form verbesserte. Liest der Mann keine Zeitungen und weiß wirklich nicht, welche braunen Geister sich in diesen Parteien breit gemacht bzw. schon langfristig eingenistet haben? Ihm kommen dann doch selbst Zweifel und er merkt an:

Natürlich kann man diesen Befund verwässern, indem man darauf hinweist, dass Teile der Unionsparteien oder auch der FDP sich immer schon oder phasenweise rechtspopulistisch gebärdet haben. Oder indem man an all die Nazis erinnert, die im politischen Apparat der frühen Bundesrepublik Karriere machen konnten. Aber es bleibt doch ein Unterschied: Die heute im Bundestag vertretenen Parteien sind zumindest von ihren verbrieften ideologischen Grundlagen her zweifellos demokratisch. Die AfD ist das nicht.

Aha. Dieser große, "verbriefte" Unterschied ist also die Grundlage des ganzen Sermons, den Ebmeyer da absondert. Na, das ist mal ein semigöttliches Fundament, auf dem man sogar den Turm zu Babel errichten könnte, so felsenfest ist es! Noch demokratischer, freiheitlicher und rechtsstaatlicher geht es nicht – die schwarz-rot-grün-gelbe kapitalistische Bande der Korrupten besitzt [sic!] diesen unverrücklichen, göttlichen Status einfach und wird ihn auch nie verlieren können, und das sogar trotz der ganzen Altnazis nach 1945 sowie der unablässig verfassungsfeindlichen Gesetzgebungsversuche heute! Salve Democratia! – Bin ich der einzige, dem der Kopf sehr übel schmerzt, wenn er so etwas in einem angeblichen Qualitätsmedium – ausgerechnet zum Thema "Rechtsruck" – lesen muss?

Die [hihi] Lösung: CDU, CSU, SPD, FDP und Grüne – die guten "Demokraten"

Schnell kommt Ebmeyer dann zum Schluss und betoniert sein wortreiches und inhaltsarmes Geschwafel noch einmal:

Zumal jetzt nicht einmal mehr die Erklärung verfängt, [die AfD] ziehe Politikverdrossene und bisherige Nichtwähler auf sich, solche, die glauben, bei den "Altparteien" hätten doch eh alle Dreck am Stecken. Wer heute die AfD wählt, gibt Politikern seine Stimme, die nicht mutmaßlich fies sind, sondern offenkundig.

Und dasselbe trifft nicht auf die CDU, CSU, SPD, FDP und die Grünen zu? Wieviele Beispiele müssen diese schmierigen Figuren, die in diesen Parteien Ämter ausüben oder anderweitig an politischen Entscheidungen beteiligt sind, noch bringen, bis auch ein Herr Ebmeyer erkennt, dass es sich gewiss nicht um Menschenfreunde, nicht um Demokraten, Pazifisten, Humanisten oder sonstwie gemeinwohlorientiert Denkende handelt? 100? 1.000? 10.000? – Ich befürchte, Hopfen und Malz sind hier verloren. Menschen wie dieser Autor werden wohl auch dann noch das lächerliche Lied von der Heiligen Fassadendemokratie anstimmen, wenn der Ausbau der flächendeckenden Totalüberwachung der Bevölkerung vollendet, der Staat vollprivatisiert und die längst gängige Sklaverei zugunsten des Kapitals von jeder letzten sozial- und rechtsstaatlichen Hürde befreit ist. Auf diesem fatalen Weg befinden wir uns nämlich – und das wissentlich und völlig ohne das Zutun von AfD, NPD, Front National & Co.

Der Schlaf der Vernunft

Der Kapitalismus braucht die Rechtsradikalen erst dann wieder, wenn es wieder Zeit für einen neuen Weltkrieg ist, um alles in Schutt und Asche zu legen – und wenn begleitend wieder massenhaft ausgegrenztes "Menschenmaterial" für militärische Zwecke, für Zwangsarbeit und – wie immer unter den habgierigen Augen und mit der Zustimmung der zuvor staatlich zwangsverarmten Restbevölkerung – natürlich auch zur Ausplünderung gebraucht wird. Dieser Tag ist heute noch nicht gekommen – in weiter Ferne liegt er allerdings ebenfalls nicht mehr.

Es geht alles seinen gewohnten, kapitalistischen Gang. Solange auch nur ein einziger Depp heute wieder allen Ernstes meint, mit Rassisten, Nationalisten, Völkischen und sonstigen Faschisten – egal ob sie sich nun CDU, AfD, NPD, CSU, Grüne, SPD, FDP oder wie auch immer nennen – gebe es einen Ausweg aus diesem kapitalistischen Kreislauf des Niedergangs, hat das System schon gewonnen und bei Springers, Mohns, Quandts & Co. knallen die Champagnerkorken.

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Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer



(Radierung von Francisco José de Goya [1746-1828] aus dem Jahr 1796; Museo de Calcografía Nacional, Madrid, Spanien)

Samstag, 10. Juni 2017

Song des Tages: This Sea




(Voltaire feat. Julia Marcell: "This Sea", aus dem Album "To The Bottom Of The Sea", 2008)

"'Twas the worst of times for tinkers like you and me.
So in search of fortune I took to the sea."

"Round my neck, a key, you said was to your heart.
Held it desperately as your ship left the dock."

I can't forget, I won't forgive this sea
For the endless hurt it gave to me.
I want to stab, I want to kill this sea.
Took you away, took you away from me.


"Silks from Singapore, a treasure from Tripoli for you.
And from Suvla Bay, I've scars for souvenirs."

"Love, your son was born. I wish you could see.
Eyes the same as yours and cries just like me."

I can't forget, I won't forgive this sea
For the endless hurt it gave to me.
I want to stab, I want to kill this sea.
Took you away, took you away from me.


"Years have passed – how many, I don't know anymore.
Lost adrift at sea, a storm comes. It's getting cold."

"I stand under moors searching a sea of blue.
And forever more, I'll wait here for you."



Anmerkung: Dazu passt wunderbar: "This Ship's Going Down" sowie "To The Bottom Of The Sea".

Donnerstag, 8. Juni 2017

Der hässliche Deutsche


"Schwarz-braun ist die Haselnuss, schwarz-braun bin auch ich"

Beim WDR war vor einigen Tagen ein nicht weiter lesenswerter, völlig unkritischer Text abrufbar, in dem es darum ging, dass von zwangsverarmten Familien in Deutschland viel zu selten Beihilfen für die ebenfalls betroffenen Kinder beantragt würden. Auf diesen lieblos zusammengeschusterten, aus journalistischer Sicht das Niveau einer schwäbischen Schülerzeitung der "Sekundarstufe I" locker unterbietenden Artikel, der, wie in diesen Massenmedien üblich, weitaus mehr Fragen offen lässt, gar nicht stellt sowie erzeugt, als er beantwortet, will ich inhaltlich nicht eingehen – da vertraue ich auf die Medienkompetenz der hier Mitlesenden.

Es ist in zwangsgebührenfinanzierten WDR-Kreisen inzwischen üblich, den LeserInnen einmal pro Woche oder seltener großzügig zu gestatten, zu einem ausgewählten Beitrag (natürlich moderiert bzw. zensiert) Kommentare abzusondern. Sie nennen das "Dialog". Welch eine bürgerfreundliche, demokratische Glanzleistung. Jedenfalls war der oben verlinkte Beitrag eine solche "Diskussionsgrundlage", die sich hier abrufen lässt: Inzwischen sind – nach acht Tagen – satte 19 Kommentare dort eingegangen bzw. freigeschaltet worden.

Der überwiegende Teil dieser Meinungsergüsse illustriert vortrefflich, wieso ausgerechnet die menschenfeindliche schwarz-gelbe Räuberbande an die Masttröge der nordrhein-westfälischen Landespolitik gewählt wurde. Nebenbei entblättert sich hier wieder einmal das allzu altbekannte Bild vom "hässlichen Deutschen", der in seinem triefenden Hass, seinem zerfressenden Neid, seiner rigorosen Bildungs- und Denkferne und seiner schier grenzenlosen Menschenverachtung und puren Dummheit fast schon legendär ist – auch wenn ganz ähnliche Horrorszenarien freilich auch anderswo in Europa und der Welt zu finden sind und dort ebenfalls krebsartig wuchern.

Hasstiraden gegen Zwangsverarmte

Ich zitiere aus diesen "Meinungen", verzichte dabei auf jedwede orthografische Korrektur und kommentiere den Sermon:

1. "Ehemals JobCenter u Sozialamt": Das Problem sind nicht die bürokratischen Hürden. Es sind die Eltern bzw. familiären Verhältnisse, die sich einen Sch.... kümmern (können / wollen). Das besorgen von Handy / Playstation mit Vertrag und Verklausulierungen klappt ja auch. Löst euch mal von der Sozialromantik das alle Eltern sich um die Kinder "kümmern", oft ist es ein Einkommensmodell, dass nur dazu dient größere Wohnungen und Beihilfen zu bekommen. Wenn man wirklich was für die Kinder tun will muss man die Eltern zwingen oder besser noch möglichst lange von zu Hause fernhalten.

Dies halte ich, wie der "Nickname" schon nahelegt, für einen dieser auftragsgenerierten Kommentare, von denen man immer wieder liest. Da finden sich auf engstem Raum so viele Vorurteile, kapitalistische Lügen und dümmlichste Unterstellungen, dass es in den morschen Balken nur so kracht. Ich fresse einen Besen, wenn das nicht von einem treuen "Staatsdiener", einer beauftragten Agentur oder gar einem für solche Zwecke eingerichteten "Robot" stammt.

2. "Thomas": Ich gehöre inzwischen schon zur Generation 50+. Als ich Kind war, gab es bei weitem nicht die staatlichen (Wohlfahrts-) Leistungen, die es heute schon gibt. Kindergeld gab es früher nicht eine müde Mark ! Von Hilfsprogrammen, staatlich geförderten "Ausflügen" konnte man damals nur träumen. Dennoch gab es früher nicht die Masse von Hilfsbedürftigen, den allgemeinen Niedergang der ganzen Gesellschaft, die Kriminalität, die Ghettos, die Verrohung, die es heute gibt. An staatlichen Leistungen kann es also nicht liegen.

Zu so viel Dummheit fällt mir nicht einmal mehr ein zynischer Kommentar ein – mit Ausnahme der Bemerkung, dass "Thomas" wohl eher zur "Generation 100+" gehören muss, sofern man seine lächerlichen Ausführungen für bare Münze nimmt.

3. "Rheinländer": In den meisten Fällen sind es die bildungsfernen Eltern, die die Angebote nicht nutzen. Oder jene mit Sprachbarrieren.

Dieser Herr ist offenbar Sozialwissenschaftler und weiß sehr genau, wovon er schreibt – woher sollte er sonst sein elitäres Wissen haben? Aber selbstverständlich sind auch diese Behauptungen hanebüchener Unsinn, der durch nichts zu belegen ist. Die völlig grotesken bürokratischen Hürden oder die schamlose Erniedrigung, die AntragstellerInnen für zehn Euro im Monat (jeweils auf sechs Monate begrenzt, dann geht das Prozedere wieder von vorne los) über sich ergehen lassen müssen, haben gewiss keinerlei Einfluss auf das Ergebnis – wie der Herr aus dem Rheinland zu wissen meint, über dessen Bildungsniveau sich anhand dieser nachgeplapperten Floskeln trefflich spekulieren lässt.

4. "Atze": Wer Geld für Tattoos, Smartphones und Oettinger ausgeben kann, der sollte auch 4,50 € für seine Kinder als Monatsbeitrag in einem Sportverein übrig haben. Für Ratenkäufe ist immer Geld vorhanden und wer kocht heute noch in bestimmten Kreisen, das wurde doch nahezu abgeschafft. (...) Dann noch ne Schachtel Kippen für schlanke 8,-€ und der Tag kann kommen. Ein wenig mehr an Eigenständigkeit und ein bisschen mehr an Bescheidenheit, würde manchem helfen.

Dieser Sprachklamauk lässt darauf schließen, dass "Atze" mit Vorliebe die BLÖD-"Zeitung" liest und/oder RTL glotzt und den dort dargebotenen Trash tatsächlich glaubt. Ähnlichkeiten mit den alten nationalsozialistischen Tiraden gegen "Asoziale", "Arbeitsscheue" und "sonstige Juden" sind sicher nur rein zufällig. "Atze" ist ein wahrer Menschenfreund, kocht gerne (aber bitte nur "BIO"), war noch nie arbeitslos und zahlt sogar seine Arztrechnungen selber, da er – ganz und gar eigenverantwortlich handelnd – dem Steuerzahler nicht "auf der Tasche liegen" will. Welch ein sagenhafter Held mit scharfem Durchblick, klarem Geist und deutscher Reinheit! Ich neige mein Haupt vor so viel verwesender, stinkender Debilität.

5. "Frank": Bisweilen beschleicht mich der Eindruck, dass je mehr Hilfe und Unterstützung für Einkommensschwache gewährt wird um so größer das Jammern und Wehklagen wird. Da bedeutet das Beantragen von Unterstützung zuviel Bürokratie (oh weh) (...). Und wer bitte bezahlt das alles? Der Depp natürlich, der mit einem Durchschnittslohn den Spitzensteuersatz abgezogen bekommt - das soll gerecht sein?

Ja, der "Frank". Ich habe lange überlegt, ob dem Knaben noch zu helfen ist und bin "frank und frei" zu dem Schluss gelangt: Nein. Wer angesichts des seit 20 Jahren andauernden sozialen Kahlschlags tatsächlich die Meinung vertritt, es werde "immer mehr Hilfe und Unterstützung" gewährt, kann nicht mehr bei Sinnen sein und nicht mehr therapiert werden. Und wer dazu noch meint, Durchschnittsverdiener müssten den "Spitzensteuersatz" zahlen – was sogar im Endstadium des Kapitalismus von der elitären Bande bislang noch nicht gewagt wurde – und noch dazu das Solidarprinzip, auf dem der gesamte (im Abbruch befindliche) Sozialstaat basiert(e), nicht einmal ansatzweise verstanden hat, dem braucht man gar kein Brett mehr vor den hohlen Kopf zu nageln, denn das hängt dort bereits felsenfest, betoniert und unlösbar verdübelt.

6. "Aufräumer": Stütze kürzen, in den Arsch treten, dann kommt er von alleine hoch, wenn das Volk nicht kuscht, den Brotkorb höher, Weg mit dem Linksblock. Deutschland ist gerecht, Schulz Geschwätz, ist Lügenerei, fallen wir nie wieder auf die Genossen rein. Wahlrecht ist Volksrecht und Volkspflicht = Arschtritt für SPD, MLPD, DKP, Linke Grüne und den anderen Gutmenschen Scheiß, Härte, Fleiß, Diszplin und Ungeduld führen zum Ziel. Befreien wir den Bund, nach dem die Sozen NRW vergeigt haben, das waren die ersten Schritte. Arsch hoch jetzt! Aufräumen

Dazu fällt mir nichts anderes mehr ein als eine respektvolle Ehrerbietung vor einem Menschen wie Georg Elser. – Weshalb dieses faschistische Affengebrüll vom WDR allen Ernstes freigeschaltet wurde, erschließt sich mir nicht – es sei denn, ich müsste dem Sender gezielte Provokation bzw. Irreführung unterstellen, welche die vorangegangen, inhaltlich nicht minder faschistoiden, dafür aber stramm systemkonformen Beiträge in ein "besseres Licht" hüllen sollen. Eine solche absurde Verschwörungstheorie täte ich allerdings niemals öffentlich kund.

Fazit: Eine Kakofonie in braun

Im "journalistischen" Teil der Systempresse wird bis auf wenige, schwer auffindbare und meist klitzekleine Feigenblätter weder der Kapitalismus generell, noch der Staatsterror gegen Millionen von Menschen und deren rigorose Zwangsverarmung thematisiert oder gar kritisiert. Im "Kommentarbereich" tummeln sich derweil braune Horden, denen eine Zeitreise ins Jahr 1933 wie eine paradiesische "Fahrt ins Grüne Braune" vorkommen muss, weil für sie dieser Staatsterror noch lange nicht weit genug geht und sie fälschlicherweise meinen, es seien nur "andere", nämlich "Asoziale", nicht aber sie selbst ebenfalls gemeint und schon ins Visier genommen. Ob dieses morbide, widerwärtige Kammerspiel der braunen Verwesung nun von Medien, politischen Parteien und/oder anderen Interessengruppen inszeniert ist oder nicht, spielt letzten Endes aber gar keine Rolle: Wichtig allein ist die Erkenntnis, dass man im Deutschland des Jahres 2017 tunlichst erneut auf gepackten Koffern sitzen und einen sehr schnellen Fluchtplan bereithalten sollte.

Mangels entsprechender Alternativen bietet sich immerhin noch der Mond als Ziel an. Deutsche Flüchtlinge sollten zuvor allerdings ihren Pass sowie alle anderen Ausweisdokumente verbrennen und sich als Österreicher oder Schweizer ausgeben – wer jemals in Sachen Asyl mit deutschen Behörden zu tun hatte, weiß nur zu genau, wieso das in untergehenden Zeiten ungemein wichtig ist.

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Hoffnungsloser Fall



(Zeichnung von Helmut Beyer [1908-1962], in: "Der Simpl", Nr. 7 vom Juli 1946)

Montag, 5. Juni 2017

Zitat des Tages: Das Leid und das Glück


Wenn man etwas schlimmes träumt, dann bedeutet das, dass man noch kämpft, dass man noch lebt. Wenn man erstmal anfängt, von schönen Dingen zu träumen, sollte man sich Sorgen machen.

(Der "namenlose Mann" in John Hillcoats Spielfilm "The Road", 2009)



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Anmerkung: Zu Flatters Frage nach der künstlerischen Gestaltung einer "lebenswerten Zukunft" merkte ich drüben an:

Ich halte die Frage, "ob es in diesen Zeiten quasi kritisch ist, eine Perspektive in der Kunst zu entwickeln, die anders wäre als niederschmetternd", für banal und wenig zielführend.

Einerseits ist das, was heute gemeinhin als "anerkannte" Kunst gilt, längst bis ins Mark durchkommerzialisiert – und zwar in einem weitaus rigoroserem Rahmen als das beispielsweise vor 100 Jahren der Fall gewesen ist. Andererseits legt diese These ja die Frage nahe, welche (gesellschaftliche, soziale, kulturelle, politische, unterhaltende, informative etc.) "Aufgabe" Kunst denn zu erfüllen habe – und schon an diesem Punkt kann ich nur noch das wallende Haupthaar heftig schütteln und muss mich gedanklich ausklinken.

Es ist aus meiner Sicht schlicht Unsinn, künstlerische Entwürfe danach zu beurteilen, ob sie – verkürzt gesagt – eher utopischen bzw. visionären oder dystopischen Pfaden folgen. Beides hat seine Berechtigung: Der visionäre Entwurf ebenso wie das dystopische Szenario, das die gegenwärtigen Zustände illustriert und – gerne auch ins Absurde – weiterdenkt. Und nebenher gibt es – das sei nur am Rande bemerkt – noch 1001 weitere Pfade, denen Kunst folgen kann, darf und bitte auch – ohne jede Einmischung von außen – soll.

Man lasse KünstlerInnen einfach machen. Anders als exemplarisch "Pelzer" meint, gibt es hier gewiss keinen "geistigen Stillstand" – der findet, wie immer, vornehmlich in der Rezeption, also in den Medien und finanzierenden Institutionen statt, ganz bestimmt aber nicht in den künstlerischen Tätigkeiten, von denen viele Menschen heute aus eben diesen Gründen gar nichts mehr erfahren.

Die eingangs erwähnte Frage ist also nicht nur redundant, sondern auch falsch: Zielführender wäre es, jedwede Kunst aus der kapitalistischen Verwertungsunlogik zu befreien, damit nicht mehr das, was "am meisten Kohle einbringt" oder politisch gerade opportun erscheint, gefördert, beworben und propagiert wird, sondern endlich wieder ein halbwegs sachlicher Diskurs über die künstlerische Qualität einsetzte.

In vergangenen Jahrzehnten gab es das zumindest rudimentär. Ich befürchte bloß, dass es dazu im Rahmen des untergehenden kapitalistischen Systemes selbstredend nicht kommen wird bzw. kann. Daran ändern auch "Rülpsfilme" nichts – wobei ich eine TV-Serie wie "The Walking Dead" nicht als "Kunst" betrachte, sie aber dennoch nicht so schlecht einschätze wie Epikur. Ein gutes Beispiel dafür ist der Film "The Road", der gänzlich ohne Zombies im herkömmlichen Sinne auskommt und die wenigen Überlebenden auf der sterbenden Erde aus reinem Nahrungsmangel zu Menschenfressern macht. Und das ist aus meiner Sicht ein äußerst künstlerischer, hervorragender Film, der an jeder Schule zum Pflichtprogramm gehören sollte, sobald es um das unsägliche Thema "Eigenverantwortung" bzw. "Eigennutz" geht.


Ergänzend möchte ich hinzufügen, dass es aus meiner selbstverständlich sehr subjektiven Sicht ein Wesensmerkmal von "guter" Kunst ist, wenn sie unablässig Salz, Schwefel oder schlimmeres in die Wunden ihrer Zeit streut. Das gilt umso mehr, wenn – wie heute – der "offizielle" Kunstbetrieb völlig korrumpiert ist und man beispielsweise in der öffentlich propagierten Musik lieber den belanglosen Volksweisen Mozarts als den drohenden Klangkulissen Mahlers lauscht – und letztere, wenn sie denn stattfinden, gar nicht mehr in einem aktuellen gesellschaftlich-politischen Rahmen interpretiert. So verliert Kunst jede Bedeutung, die sie einstmals hatte.

Es mag auch meinem persönlichen Geschmack geschuldet sein, aber mir sind aus den vergangenen 100 Jahren kaum Kunstwerke bekannt, die eine positive, visionäre Sicht auf die Zukunft zum Thema haben – diese Rolle hat fast immer nur der Kitsch der systemerhaltenden Propaganda, also der Boulevard, übernommen. Heute ist diese Verkitschung zur Perfektion gereift. Man kann das auch so formulieren, wie der in dieser Hinsicht unverdächtige Émile Zola es vor über 100 Jahren getan hat:
Das Leid ist ein großartiger Dramaturg – das Glück ist ein Stümper.

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Der Dichter, der für seine Zeitung eine Variation über "Das Glück" schreiben sollte

(Zeichnung von Franziska Bilek [1906-1991], in: "Der Simpl", Nr. 2 vom Januar 1948)

Freitag, 2. Juni 2017

Schweine am Masttrog


Noch sind die Koalitionsverhandlungen zwischen den Räuberbanden CDU und FDP in NRW nicht abgeschlossen, aber in einer Sache sind die widerwärtigen Arschlöcher sich schon einig: 11.000 € monatlich reichen offenbar nicht aus, um das Überleben eines Landtagsabgeordneten zu sichern, so dass in einer ersten Amtshandlung beschlossen wurde, die Bezüge ab dem 1. Juli um weitere 180 € anzuheben. Schließlich sollen unsere Volkszertreter doch nicht am Hungertuch nagen müssen – das wird sicher jeder verstehen.

Mir allerdings kommt angesichts solcher Zahlen die kalte, säuregefüllte Kotze hoch und ich frage mich, wie diese Hampelmänner und -frauen es fertigbringen, nachts albtraumfrei zu schlafen und sich morgens ohne Suizid- und Ekelgefühle im Spiegel zu betrachten. 22.000 D-Mark jeden Monat sind also nicht genug – es müssen noch weitere 360 D-Mark jeden Monat zusätzlich sein, damit diese Leute ihren politischen Job machen können? Ist in diesem Land eigentlich noch irgendjemand bei Sinnen oder sind wir allesamt längst in kollektiver Demenz versunken? Gerade CDU und FDP brüsten sich (ebenso wie SPD und Grüne – Unterschiede gibt es hier nicht) mit den "Erfolgen" der Prekarisierung, der Rentenkastration und der Etablierung des "Niedriglohnsektors", die Millionen von Menschen in Existenzängste und ganz konkrete, bedrohliche materielle Not gestürzt haben; gönnen sich selbst aber fürstliche Diäten und erhöhen diese nun um einen weiteren Betrag, der ihnen selbst unterm Strich kaum auffallen dürfte, während eine solche Erhöhung für alle Verarmten, Niedriglöhner und Armutsrentner geradezu ein segensvolles Gottesgeschenk wäre. Mit 180 € mehr im Monat wäre beispielsweise ich die gröbsten meiner Probleme auf einen Schlag los und könnte wesentlich entspannter in die Zukunft blicken.

Aber für Arbeitslose, Alte, Kranke, Kinder und Behinderte will die Räuberbande nichts tun – denen wird weiterhin der politische, menschenfeindliche Stiefel in die Fresse getreten und das "Existenzminimum" gekürzt. Wer "unnütz" im Sinne der kapitalistischen Verwertungsunlogik ist, wird gnadenlos bestraft. Dafür dürfen sich die verantwortlichen politischen Gauner ein sattes, selbstverständlich regelmäßig zu erhöhendes Monatsgehalt gönnen.

Ob rot, ob grün, ob schwarz, ob gelb –
ich kotze mir die Seele aus dem Leib.
Und denk' ich an die AfD,
tut mir das Herz gleich doppelt weh.

11.185,85 € monatlich – es wird wahrlich Zeit, dass ich nicht mehr nur in Skyrim, Nehrim, Rivellon oder Myrtana für Gerechtigkeit sorge.

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(Charlie in Rivellon – und bald auch in Deutschland?)

Donnerstag, 1. Juni 2017

Song des Tages: Fjara




(Sólstafir: "Fjara", aus dem Album "Svartir Sandar" ["Die schwarzen Sande"], 2011)



Anmerkung: Eine deutsche Übersetzung des isländischen Songtextes findet sich hier.

Mittwoch, 31. Mai 2017

Zitat des Tages: Sonnenuntergang


Als nach dem ersten großen Frühlingstag
die Sonne aufstieß und zerfließen wollte,
wie da der Horizont sich weit entrollte,
den Glanz zu fassen, der im Raume lag.

Lichthungrig pilgerten die Wälder an,
Gehölze knieten vor der Sonne nieder,
die Vögel opferten die letzten Lieder,
ein Bittdienst vor dem Gold, ein großer Wahn.

Doch eh' man's dachte, niemand war bereit,
versank das letzte Stück der hellen Schäume,
vergeblich bettelten die nackten Bäume
und spreizten ihre Finger, starr und weit.

(Gottfried Kölwel [1889-1958]: "Sonnenuntergang", in: "Erhebung. Neue Gedichte", München 1918)



Anmerkung: Kann man scharfe Kapitalismuskritik noch artistischer in ein expressionistisches, lyrisches Gewand kleiden? Es ist sicherlich kein Zufall, dass Kölwels Kunst heute nahezu vergessen ist – ich möchte mir auch lieber gar nicht ausmalen, wie Merkel, de Maizière, Schulz, Göring-Eichmann, Lindner oder irgendwelche andere Politclowns der kapitalistischen Räuberbande sich mit solchen Texten befassen, die sie gewiss nicht verstünden und dennoch verdammten.

Dienstag, 30. Mai 2017

Der redundante Einwurf (5): Die böse Männerfeindlichkeit


Es gehört schon lange zum "guten Ton" der menschlichen Gesellschaft, nicht nur Frauen, sondern selbstverständlich auch Männer zu diskriminieren. Beispiele dafür gibt es genug – man muss gar nicht auf das mittelalterliche Bild zurückgreifen, dass Frauen sich gefälligst zu verhüllen haben, da der intelligenzfreie, triebgesteuerte Mann ansonsten unweigerlich "in Versuchung" geführt wird, wenn er ein weibliches [sic!] Kind oder irgendeine dicke Schrapnelle sieht. Ein Blick in die zeitgenössische Reklamepest reicht da schon aus: Welch ein schauderhaftes, realitätsfernes, durch und durch groteskes Männerbild wird da vermittelt!

Doch auch jenseits des Kommerzterrors, der Frauen gleichermaßen diskriminiert und auf dümmste Banalitäten und Klischees reduziert, hat sich inzwischen eine Haltung festgesetzt, die ich äußerst bedenklich (s.u.) finde. So war beim WDR anlässlich des "Vatertages" der bemerkenswerte Satz zu lesen:

Wenn er nicht gerade volltrunken den Leiterwagen durch die Gegend schiebt, ist er ja doch meist ein ganz brauchbares Mitglied der Familie: der Vater.

Das mag satirisch gemeint sein – auch wenn die Satire nicht sofort erkennbar ist. Dennoch illustriert dieser schauderhafte Erguss eine Geisteshaltung, die jüngst sehr populär gemacht wurde und die altbekannte Abwertung der Frau einfach in ihr Gegenteil verkehrt – nach dem schlichten, dummen und unsinnigen Motto: "Was jahrhundertelang den Frauen widerfahren ist, sollen jetzt auch die Männer spüren müssen!" Anders gesagt: Die Evolution ist offensichtlich im Begriff, die Intelligenz endgültig auszumerzen.

Es ist indes kein Zufall, dass hier ein neuer Nebenschauplatz eröffnet wird. Schließlich hilft jede einzelne dieser Kampfarenen dabei, die tatsächliche Front zwischen der Splittergruppe der Superreichen und dem vergleichsweise besitzlosen Rest der Bevölkerung zu verschleiern – es ist also im Sinne des Kapitals, wenn sich Alte und Junge, Arme und vermeintlich Reiche, Frauen und Männer, "Deutsche" und "Ausländer" etc. gegenseitig anfeinden. So werden Kräfte gebunden und wunderbar auf ungefährliche Nebengleise abgelenkt, während die "Elite" weiter Schampus schlürft und sich köstlich amüsiert.

Die "Männerfeindlichkeit" ist daher ein ebensolches Bullshit-Thema wie der "Genderwahn", die "Flüchtlingskrise", der "demographische Wandel", der "Fachkräftemangel" oder das "Terror-Bingo" (die Aufzählung ist unvollständig). Nichts davon ist tatsächlich relevant. All das dient lediglich der Ablenkung und Vernebelung. Genauso sollte man es auch behandeln – und daher nicht über jedes Stöckchen springen, das die Propaganda – ob nun bewusst oder nicht – anbietet.

Männerfeindlichkeit ist Bullshit.

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(warandpeas.com)

Montag, 29. Mai 2017

Schlips-Borg: Nachrichten aus dem Paralleluniversum des sabbernden Irrsinns (1)


Diese Überschrift – dessen dürfte sich die überwiegende Mehrheit der Mitlesenden gewiss sein – ist eine knappe Zusammenfassung des alltäglichen Mehrheitsauswurfes der kapitalistischen Systemmedien und daher in etwa so neu wie die endlich einmal "prominent" formulierte Erkenntnis, dass beispielsweise Seehofer ein "Parafaschist" (Stefan Gärtner) ist.

Dennoch kommt es immer wieder vor, dass ich mir beim Lesen der Kuhmedien im besten Fall vor lauter Verwunderung die Augen reibe oder mich im schlimmsten Fall sehr schnell zwischen gefährlichen, geradezu hysterischen Lachattacken (akute Erstickungsgefahr) und einem unvermittelten, spontanen Freitod entscheiden muss, weil die Grenzen der gerade noch vorstellbaren Absurdität so oft mühelos gesprengt werden. Ab heute möchte ich ausgewählte Beispiele für diese ständig wiederkehrende mentale Belastungsprobe gelegentlich hier dokumentieren.

Vor einigen Tagen las ich – gänzlich unvorbereitet – bei n-tv den folgenden Satz, den man sich selber und anderen wiederholt laut vorlesen sollte, um ihn tatsächlich intellektuell zu begreifen:

Angela Merkel und Barack Obama sind sich einig, dass die Welt eigentlich immer besser wird.

Pause. Das muss man wirken lassen und mehrfach wiederholen: "Angela Merkel und Barack Obama sind sich einig, dass die Welt eigentlich immer besser wird." Den Rest des allzu langen Textes kann man sich getrost schenken, denn mit diesem surrealen Einsteiger, neben dem die Malerei eines René Magritte wie beinharte, realistische Fotografie aus dem elendigen Arbeitermilieu wirkt, ist klar, wohin die üble Propagandareise geht. Ich kann und will diesen Satz auch nicht "kritisch kommentieren", weil er offensichtlich aus einem Paralleluniversum stammen muss, in dem fiese, drachenköpfige Dämonen mit übelriechendem Feueratem lächelnd über geknechtete und gequälte Menschen herrschen, während ein verfaulender Apfel, sobald er sich vom Ast löst, auf güldenen Schwingen unter elfischen Klängen in Richtung Sonne fliegt und sanft verglüht, anstatt zermatscht, fliegenumsurrt und stinkend auf dem Boden zu landen.

Selbstverständlich wissen sowohl Merkel, als auch Obama – ebenso wie der Qualitätsjournalist Hubertus Volmer, der diese perversen Borg-Assimilationsfantasien unters narkotisierte Volk gebracht hat –, dass sie tumben Schmonzes noch weit jenseits des BLÖD-"Zeitungs"-Niveaus verkünden und dem Großteil aller Menschen in Europa (vom Rest der Welt, der in diesen dämonischen Kreisen ohnehin keine Bedeutung hat, gar nicht zu reden) damit ungeniert ins Gesicht urinieren. Genau dies ist jedoch ihr Programm – dafür stehen sie, dafür wurden sie aufgestellt und gewählt bzw. eingestellt; und solange die kontinuierlich angepisste Bevölkerung diesem widerwärtigen Treiben kein Ende bereitet, werden sie damit wonnevoll fortfahren.

Bis zum bitteren Ende. Wie so viele Male zuvor.

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Die schöne Welt



(Gemälde von René Magritte [1898-1967] aus dem Jahr 1962, Öl auf Leinwand, Privatbesitz [sic!], erworben im Jahr 2014 für 9,5 Mio. €)

Samstag, 27. Mai 2017

Hartz-Terror: Verarmung reicht nicht mehr - mit staatlicher Unterstützung gewollt in die Verschuldung


Ein Gastkommentar von Volker

Ich hörte eine Kurzmitteilung aus den Radionachrichten, dass Hartz IV-Empfänger zunehmend Kredite benötigen, um beispielsweise eine neue Waschmaschine finanzieren zu können, oder eben anderen (un)wichtigen Luxus, der aus dem Regelsatz nicht zu finanzieren sei.

Kreditgeber Jobcenter, der einen – immerhin! – zinslosen Kredit monatlich aus dem Existenzminimum tilgen lässt, verwaltet nicht nur Armut, er regelt sie sogar über Darlehen. Wobei zehn Prozent Rückzahlung aus dem Regelsatz Betroffene zwangsläufig vor weitere Probleme stellen werden, sei es der Verzicht auf ausreichende Nahrung, oder der Verzicht auf Schuhe.

Man staune darüber: Armut verschuldet sich, um Armut weiterhin finanzieren zu können.

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Dieser Text erschien unter dem Titel "Hartz IV-Tagebuch – aufstockende Kredite für Verarmte" zuerst im "Frei-Blog" und wird hier mit freundlicher Genehmigung des Verfassers wiedergegeben.

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Anmerkung von Charlie: Deutschland geht es gut, sagen Merkel und die Hofberichterstatter. Es ist kein Zufall, dass ich auf dieses, äh, großzügige, behördliche Angebot zur Verschuldung auch weiterhin dankend verzichte und stattdessen lieber seit nunmehr drei Jahren ohne Kühlschrank lebe. Man muss in der Tat bis tief hinein ins Knochenmark pervers sein, wenn man Zwangsverarmten, die nur noch vom sogenannten "Existenzminimum" (das gar keines ist), leben dürfen, allen Ernstes Kleinstkredite "anbietet", die sodann aus eben diesem Existenzminimum zu tilgen sind. Die Schlips-Borg, die sich diese Tortur ausgedacht haben, dürfen die hakenbekreuzte Armbinde voller Stolz tragen – und die Behördenschergen, die diesen Untergang des humanistischen Denkens - wie in Deutschland üblich – willfährig exekutieren, sind mit dem Namenszusatz "Eichmann" im Personalausweis umfänglich entlohnt.

Das "Existenzminimum" ist in Kapitalistan – entgegen der Meinung des Bundesverfassungsgerichtes, das vor fünf Jahren noch urteilte, das Grundrecht des Sozialstaatsprinzps sei "dem Grunde nach unverfügbar und muss eingelöst werden" – durchaus verfüg- und beschneidbar. Die (von den kapitalistischen Blockparteien "berufenen") Systemjuristen dieses Gerichtes werden aber auch hierfür geeignete Floskeln finden, um auch diese offensichtliche Grundgesetzwidrigkeit dieser Vorgehensweise zu billigen – dafür benötigt man heute gar keine offensichtliche Terrorjustiz und keinen Herrn Freisler mehr. Das Bundesverfassungs- bzw. Systemerhaltungsgericht hat das 2012 in geradezu perfekter Weise vorgemacht, indem es der angeblichen "Unverfügbarkeits"-Feststellung in Sachen "Existenzminimum" mittels eines Kommas hinzufügte, dass dieses "Minimum" einer "Konkretisierung und stetigen Aktualisierung durch den Gesetzgeber [bedürfe], der die zu erbringenden Leistungen an dem jeweiligen Entwicklungsstand des Gemeinwesens und den bestehenden Lebensbedingungen auszurichten" habe. Ein solche brutale Vergewaltigung des Grundgesetzes können sich nur Juristen – zumal solche mit einem bestimmten Parteibuch – ausdenken, während sie selbst sehr fürstlich (und völlig ohne Angst vor Arbeitslosigkeit) aus derselben Kasse bezahlt werden, die eigentlich allen Menschen das erwähnte "Existenzminimum" garantieren sollte. Anders ist auch die gerichtliche Billigung der deutschen Kriegsführung ("Auslandseinsätze" der Bundeswehr) nicht erklärbar.

Vor 20 Jahren wurde armen Menschen noch staatliche Hilfe gewährt, wenn beispielsweise die Waschmaschine den Geist aufgab – heute ist das längst "sozialromantische" Geschichte. Wie soll man das denn auch finanzieren, wenn Milliarden in die Aufstockung der Rüstung fließen und zeitgleich die Vermögenssteuer abgeschafft wurde? Das geht ja gar nicht. Wieso waschen Betroffene ihre Wäsche eigentlich nicht am Flussufer, wie das Millionen von anderen Menschen weltweit ebenfalls tun? Für ein entsprechendes Waschbrett – das deutlich günstiger als eine Waschmaschine ist – können sie ja gerne ein zinsloses Darlehen vom Staat bekommen. Ein paar Wochen ohne Nahrung wird die Habenichtse schon nicht umbringen ... und der Profit für die Kriegskonzerne ist ohnehin wichtiger. Waschmaschinen kann man auch wunderbar exportieren!

Wäre ich kein Pazifist, müsste ich nun schreiben: Es ist an der Zeit, militant zu werden. Zum Glück für die Schlips-Borg bin ich aber ein dummer, Gewalt verabscheuender Mensch. Manchmal bedaure ich das sehr.

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Trost in Tränen


"Zu arbeiten gibt's schon lange nichts mehr – das letzte Hemd haben wir auch schon hergeben müssen – wenn jetzt noch die Preise so weit gesenkt werden, dass man alles umsonst haben kann, dann ist Deutschland das reinste Paradies!"

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 46 vom 16.02.1932)

Song des Tages: Anaemia




(Novembre: "Anaemia", aus dem Album "The Blue", 2007)

A certain feeling assails
Visions form to wonder why
It still keeps fading
Away to the stars

The sanitarium is the night of the mind
Hidden where no-one wants to know
As nightside keeps saving your life
With its silver-painted dawn

The sanitarium holds the keys of the night
In a place no-one wants to know
And dance, dance for staying alive tonight
And you're not alone

On and on the rains with their anaemic crystals wash the pitch away
And I will follow you through centuries of famine
And there will still be horror

Nightly blood, anaemia
Night and blood, anaemia

As black sprites keep draining your life
When at night you're all alone
And dance, dance to remain alive
As this night beholds no dawn



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Anmerkung: Den Song und das Video dieser italienischen Band aus dem Jahr 2007 kann man heute getrost mit dem abgedroschenen Wort "prophetisch" belegen. Musikalisch werden hier keine neuen Pfade geebnet (ein wenig Chameleons, etwas Sisters of Mercy, eine hübsche Portion Metal, eine Prise Doom und eine Wand aus schreiendem "gothic feeling"), aber der vorhersehbare Abstieg in die Finsternis ist hier klar und ohne Hintertürchen umgesetzt – Politik und Wirklichkeit sind dem vorgezeichneten Weg seitdem konsequent gefolgt und tun dies auch weiterhin. Besonders beflügelnd finde ich persönlich das Fazit der Band: "As this night beholds no dawn". Wenn schon Endzeit, dann auch richtig – und ich kann diesem dunklen Absolutismus noch nicht einmal ein kleines Hoffnungsblümchen in den Weg pflanzen. Die "finstern Zeiten", die beispielsweise auch Bertolt Brecht seinerzeit klar ausmachte, stehen offenkundig einmal mehr vor unseren Türen.

Donnerstag, 25. Mai 2017

Zitat des Tages: Die verdiente Revolution


Der unbeirrbare Stumpfsinn, mit dem diese Kapitalisten ihre törichte Geldpolitik fortsetzen, immer weiter, immer weiter, bis zur Ausblutung ihrer Werke und ihrer Kunden, ist bewundernswert. Alles, was sie seit etwa zwanzig Jahren treiben, ist von zwei fixen und absurden Ideen beherrscht: Druck auf die Arbeiter und Export.

Für diese Sorte sind Arbeiter und Angestellte, die sie heute mit einem euphemistischen und kostenlosen Schmeichelwort gern "Mitarbeiter" zu titulieren pflegen, die natürlichen Feinde. Auf sie mit Gebrüll! Drücken, drücken: Die Löhne, die Sozialversicherung, das Selbstbewusstsein – drücken, drücken! Und dabei merken diese Dummköpfe nicht, was sie da zerstören. Sie zerstören sich den gesamten inneren Absatzmarkt.

Sie scheinen ihn nicht zu wollen – dafür haben sie dann den Export. Was dieses Wort in den Köpfen der Kaufleute angerichtet hat, ist gar nicht zu sagen. Ihre fixe Idee hindert sie nicht, ihre Waren auch im Inland weiterhin anzupreisen; ihre Inserate wirken wie Hohn. Wer soll sich denn das noch kaufen, was sie da herstellen? Ihre Angestellten, denen sie zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel geben, wenn sie sie nicht überhaupt auf die Straße setzen? Die kommen als Abnehmer kaum noch in Frage. Aber jene protzen noch: dass sie deutsche Werke seien, und dass sie deutsche Kaufleute und deutsche Ingenieure beschäftigen – und wozu das? "Um den Weltmarkt zu erobern!"

So schlau wie die deutschen Kaufleute sind ihre Kollegen jenseits der Grenzen noch alle Tage. Es setzt also überall jener blödsinnige Kampf ein, der darin besteht, einen Gegner niederzuknüppeln, der bei vernünftigem Wirtschaftssystem ein Bundesgenosse sein könnte. Die Engländer preisen rein englische Waren an, die Amerikaner rein amerikanische, und das Wirtschaftsinteresse tritt als Patriotismus verkleidet auf. Eine schäbige Verkleidung, ein jämmerlicher Maskenball. (...)

Wie immer in ungesunden Zeiten ist der Kredit in einer geradezu sinnlosen Weise überspannt. Das Wort "Wucher" ist ganz unmodern geworden, weil der Begriff niemand mehr schreckt, er erscheint normal.

Nun haben aber Kartelle und kurzfristige Bankkredite die Unternehmungslust und die sogenannte "freie Wirtschaft" völlig getötet – es gibt sie gar nicht mehr. Fast jeder Unternehmer und besonders der kleinere ist nichts als der Verwalter von Bankschulden; geht's gut, dann trägt er den ungeheuren Zins ab, und geht's schief, dann legen die Banken ihre schwere Hand auf ihn, und es ist wie in Monte Carlo: die Bank verliert nicht. Und wenn sie wirklich einmal verliert, springt der Steuerzahler ein: also in der Hauptsache wieder Arbeiter und Angestellte. (...)

Wo steht geschrieben, dass es gerettet werden muss? Warum ist die Menschheit nicht stärker als dieser Popanz? Weil sie den Respekt in den Knochen hat. Wiel sie gläubig ist. Weil man sie es so gelehrt hat. Und nun glaubt sie. (...)

Doch schweigen sie [die Politiker und "Wirtschaftsführer", Anm.d.Kap.] nicht. Sie haben die Dreistigkeit, unter diesen Verhältnissen noch "Vertrauen" zu fordern, dieselben Männer, die das Unglück verschuldet haben. Und keiner tritt ab, nur die Gruppierung ändert sich ein wenig. Das verdient die schärfste Bekämpfung. (...)

Bleiben die Wirtschaftsführer bei dieser ihrer Wirtschaft, dann ist ihnen die verdiente Revolution sicher.

(Auszüge aus: Kurt Tucholsky [1890-1935]: "Die Herren Wirtschaftsführer", in: "Die Weltbühne", Nr. 33 vom 18.08.1931)

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Hamburger Werftarbeiter



(Gemälde von Heinrich Vogeler [1872-1942] aus dem Jahr 1928, Öl auf Leinwand, Eremitage, St. Petersburg, Russland)

Mittwoch, 24. Mai 2017

Big Brother: "Ich liebe euch alle!"


Die korrupte Bande ist auf ihrem menschenfeindlichen Weg in Richtung Panopticon einen bedeutenden Schritt vorwärts gegangen. Vor einigen Tagen wurde – ohne große mediale Aufregung – die in jenen schauderhaften Kreisen heiß ersehnte Totalüberwachung aller BürgerInnen durch den Staat um einen wesentlichen Faktor ausgeweitet, wie man beispielsweise bei Zeit Online nachlesen kann:

Personalausweise im Scheckkartenformat werden künftig standardmäßig mit einer einsatzbereiten Online-Funktion ausgegeben. Dies beschloss der Bundestag am späten Donnerstagabend und votierte auch für eine weitere Änderung des Personalausweisgesetzes: Sicherheitsbehörden können künftig massenhaft auf die Ausweisbilder zugreifen – Datenschützer sind alarmiert. (...)

Scharfe Kritik kam vom ehemaligen Bundesdaten-schutzbeauftragten Peter Schaar. Er beklagte, in dem Gesetz stecke eine "datenschutzrechtliche Ungeheuerlichkeit". Vorgesehen ist darin auch, dass die Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern in Zukunft das biometrische Lichtbild im Ausweis "zur Erfüllung ihrer Aufgaben im automatisierten Verfahren" abrufen dürfen. Bislang ist dies nur in begrenzten Fällen und durch [wenige] Stellen erlaubt. Schaar befürchtet eine Massenüberwachung. Er sprach von einem "Big-Brother-Gesetz".

Es sollte den BürgerInnen dieses Landes arg zu denken geben, wenn selbst einige kapitalfreundliche, gewiss nicht systemkritische Schlips-Borg inzwischen schon vor der "Big-Brother-Gefahr" der Totalüberwachung warnen. Das ist vergleichbar mit dem blutenden Frontsoldaten, der seine "Kameraden" zum Pazifismus aufruft. – Doch was können "Staatsführer" wie Erdoğan, Trump, Orbán, Merkel oder Macron schon mit dieser albernen Überwachungstechnik anfangen? Es existieren hier ganz gewiss keinerlei Gefahren, denn der kapitalistische Staat des freiheitlichen Westens will schließlich immer nur das Beste für alle Menschen. Das ist so. Gehen Sie doch einfach weiter, konsumieren Sie weiter Müll und denken Sie nicht nach – denn hier gibt es nichts zu sehen.

Ich oller Zausel kann mir indes lebhaft vorstellen, wie das "automatisierte Verfahren" im Alltag der "Sicherheitsbehörden" [sic!] aussehen wird, wenn diese gruselige Perversion Orwell'schen Ausmaßes nicht doch noch gestoppt wird – die dystopische Science-Fiction-Literatur der vergangenen Jahrzehnte bietet reichlich Anschauungsmaterial dafür. Eigentlich reicht es schon aus, sich vorzustellen, ein menschenfeindliches Terrorregime, dem ein größenwahnsinniger Vollidiot mit Schnauzbart und brauner Uniform vorsteht, hätte diese Überwachungsmöglichkeiten besessen. Man möchte sich wirklich nicht ausmalen, welche Konsequenzen das gehabt hätte und wieviele Millionen Ermordete heute zusätzlich zu beklagen wären.

Mir läuft es jedenfalls eiskalt den Rücken herunter, wenn ich mir vorstelle, dass irgendwelche Behördenschergen bzw. entsprechende Computerprogramme zukünftig Zugriff auf mein (biometrisches) Passfoto haben – der Weg zur allumfassenden Datenbank, die auch genetische Profile aller BürgerInnen enthält, ist da nur noch ein sehr kurzer. Im Verbund mit den staatlichen Wanzen ("Smartphone", "GPS-Sender" in Automobilen, Internetüberwachung etc.) wird daraus ein durch und durch terroristisches, totalitäres Überwachungsinstrument, das in der menschlichen Geschichte bislang beispiellos ist. Und die korrupte Bande der rot-grün-schwarz-gelb-blauen kapitalistischen Einheitspartei begrüßt es wohlwollend. – Wieso zur Hölle stehen hier nicht Millionen von Menschen protestierend auf der Straße, um diesem furchtbaren Endzeittreiben dieser zerstörerischen Bande endlich, endlich Einhalt zu gebieten?

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Der neue Polizist


"Ich fürcht' mich vor keinem Schutzmann. Der Mann ist doch zu meiner Sicherheit da!"
"Ja, das weißt du und das weiß ich! Aber ob der Mann das auch weiß?!"

(Zeichnung von Josef Nyary [1910-1973], in: "Der Simpl", Nr. 6 vom April 1947)

Dienstag, 23. Mai 2017

Esoterik und Intelligenz: Ein "Pöbler" sinniert


Eine durch und durch esoterische Glosse

Bei spektrum.de habe ich vor einigen Tagen einen interessanten Text zu einem wissenschaftlich leider noch nicht abschließend geklärten Thema gelesen, in dem es heißt:

Sind Menschen mit höherem Intellekt tendenziell eher Atheisten? Mit dieser Hypothese haben sich Forscher und Denker schon von der Antike bis ins Internetzeitalter herumgeschlagen, und so stehen Edward Dutton vom Ulster Institute for Social Research und Dimitri Van der Linden von der Erasmus-Universität Rotterdam in guter Tradition: Die beiden Sozialwissenschaftler veröffentlichten jetzt in "Evolutionary Psychological Science" ihrer neuen Versuch, Erklärungen für die negative Korrelation von Religiosität und Intelligenz zu finden, die immer wieder in historischen Aufzeichnungen auftaucht und durch allerlei Erhebungen gestützt wird.

Beim Lesen dieses witzigen, empfehlenswerten Textes musste ich unwillkürlich an meine besten Freunde aus der Eso-Filterblase von "Jenseits der Realität" denken, die unentwegt weitere Indizien für diese sehr alte These nachliefern. Wer dort gelegentlich mal hineinschaut und all die meist unkommentierten Verlinkungen oder gar Übernahmen aus anderen Quellen – seien es nun esoterische oder politische – außen vor lässt, kann schnell erkennen, dass intelligente Menschen eher selten esoterischen Wahnvorstellungen anhängen. Eine dieser Ausnahmen ist Herr Plattfuß, der sich aus mir unbekannten Gründen devot in den Dienst dieser Betgeschwister gestellt hat – wobei ich mir angesichts seiner gruseligen "Ausflügen in die Poesie", die einem Literaturwissenschaftler regelmäßig fiese nekromantische Geschwüre im Gehirn bescheren, nicht ganz sicher bin, ob hier die Intelligenz oder doch bloß die literarische Kompetenz vorgetäuscht ist. Aber das mag einjede/r selbst entscheiden.

Ein besonders herausragendes Beispiel für die im Raum stehende These ist indes Roland Faulfuß, dessen Texte sich zuweilen so lesen, als sei beispielsweise ein für jeden erkennbar denkbefreiter Mensch wie Lapuente endlich seinem "Schicksal" [sic!] gefolgt und in ein SPD-Kloster gegangen, um dem sozialdemokratischen, verrottenden Spaghettimonster demütig zu huldigen. Faulfuß (nomen est omen) befindet sich schon längst in einem solchen intelligenzfeindlichen Hort der Dumpfheit, und er entblödet sich nicht, Kritiker inzwischen gar als "Pöbelblogger" zu bezeichnen (einen Direktlink zum Kommentar gibt's bei den Esos nicht). Das lässt tief blicken – auch wenn es wohl kaum (intelligente) Menschen gibt, die in eine solche schauderliche Grube blicken möchten.

Der Aberglaube gehört zum Wesen des Menschen und flüchtet sich, wenn man ihn ganz und gar zu verdrängen denkt, in die wunderlichsten Ecken und Winkel, von wo er auf einmal, wenn er einigermaßen sicher zu sein glaubt, wieder hervortritt.

(Johann Wolfgang von Goethe, aus: "Wilhelm Meisters Wanderjahre", 1807/29)

Nun kann man trefflich darüber streiten, ob der offenbar nicht ganz so intelligente Faulfuß mit diesem liebevollen Begriff des "Pöbelbloggers" schlicht "das Pöbeln" oder vielleicht doch eher "den Pöbel" gemeint haben mag – ich weiß also nicht, ob ich aus seiner Sicht ein "pöbelnder Blogger" oder doch bloß ein Teil des "bloggenden Pöbels" bin, oder ob er diesen, äh, kleinen Unterschied gar nicht macht bzw. versteht. Daher werde ich einfach weiter "pöbeln" und mich parallel dem "plebs" zugehörig fühlen, während im stumpfsinnigen Eso-Kuckucks-Land unbeirrt ganz munter weiter an der evolutionären Ausrottung der Intelligenz gearbeitet wird.

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Die treusorgende Glucke


"Und sie breitete ihre Fittiche schützend über sie."

(Zeichnung von Max Radler [1904-1971], in: "Der Simpl", Nr. 8 vom Juli 1946)