Dienstag, 16. September 2014

Song des Tages: Smokers Outside The Hospital Doors




(Editors: "Smokers Outside The Hospital Doors", aus dem Album "An End Has A Start", 2007, akustische Version. - Weshalb der Sänger im Video eine Deppenmütze trägt, die seine Ohren verdeckt, und er dennoch einen Kopfhörer auf dem Schädel hat, kann wohl nur die heutige Mainstream-Jugend oder - noch viel besser - die beteiligte Brut der Werbewirtschaft erklären.)

Pull the blindfold down
So your eyes can't see
Now run as fast as you can
Through this field of trees

Say goodbye to everyone
You have ever known
You are not gonna see them
Ever again

I can't shake this feeling I've got
My dirty hands, have I been in the wars?
The saddest thing that I'd ever seen
Were smokers outside the hospital doors

Someone turn me around
Can I start this again?

How can we wear our smiles
With our mouths wide shut
'Cause you stopped us from singing

I can't shake this feeling I've got
My dirty hands, have I been in the wars?
The saddest thing that I'd ever seen
Were smokers outside the hospital doors

Someone turn me around
Can I start this again?
Now someone turn us around
Can we start this again?

We've all been changed from what we were
Our broken hearts left smashed off the floor
I can't believe you if I can't hear you



Anmerkung: Das ist völlig offtopic - aber ich reihe mich nun gezwungener Maßen ein in das Grüppchen der "Smokers outside the hospital doors" (und das leider nicht nur im übertragenen Sinn wie im Song) und melde mich für einige Tage ab. Falls ich das Krankenhaus wieder halbwegs gesund verlasse, lesen wir uns schon bald hier wieder - ich gehe einfach ganz optimistisch davon aus, dass dies schon in kurzer Zeit der Fall sein wird.

Wild wucherndes Unkraut, das den neoliberalen Terror stört, ist hartnäckig! ;-)

Samstag, 13. September 2014

Gysi, die Linke, die Demokratiesimulation und der Kapitalismus




Anmerkung: Das ist eine nette, unterhaltsame Rede, keine Frage - sie macht aber auch deutlich, dass die Linkspartei längst mitten im Kapitalismus angekommen ist und heute schlicht eben die Positionen vertritt, für die in vergangenen Jahrzehnten einmal die SPD und teilweise die Grünen zuständig waren. Der scharfe Rechtsruck des gesamten Parteienspektrums wird hier überdeutlich.

Die heutige Linke kann ebensowenig wie die SPD der 70er Jahre einen Weg aus diesem Horrorsystem heraus ebnen - wohin ein solcher Versuch vor 40 Jahren geführt hat, dürfen wir ja alle heute am eigenen Leib erleben.

Die alberne Demokratiesimulation im Bundestag ist auch anhand dieses Videos gut zu erkennen - die Marionetten, die Gysi anspricht, sind während der Rede größtenteils damit beschäftigt, sich mit ihrem Handy oder dem Sitznachbar zu beschäftigen, anstatt zuzuhören. Das ist keine Demokratie, das ist absurdes Theater auf Kindergartenniveau.

Merkel und der Rest der korrupten Bande sitzt dort während jener "Debatte zum Haushalt" (die keine ist, da ja nicht debattiert wird) doch nur deshalb, weil das zumindest gelegentlich noch nötig ist, um das himmelschreiende Zerrbild einer völlig absurden Scheindemokratie medial weiter aufrecht erhalten zu können. Niemanden dort interessiert es, was die jeweiligen RednerInnen zum Besten geben, irgendwelche Auswirkungen hat das erst recht nicht. Der Begriff "Quasselbude" aus der Weimarer Zeit als Synonym für dieses böse Schauspiel scheint mir ziemlich treffend zu sein.

Nicht zuletzt können wir ja alle nachprüfen, was die Linkspartei tut, wenn sie tatsächlich in "Regierungsverantwortung" kommt - beispielsweise in Berlin, aber nicht nur dort, war das Ergebnis - oh, welch eine Überraschung! - stets eine stramme Fortführung des kapitalistischen Untergangskurses der neoliberalen Einheitspartei (NED) der Schwarz-Rot-Gelb-Grünen.

Wir brauchen keine weitere Blockpartei - auch wenn die Linke in der Opposition in diesem untergehenden System eine gute und wichtige Funktion erfüllt. Letztlich ist sie aber nichts anderes als eine zeitgemäße Neuauflage der ehemaligen SPD - und damit sowohl ein Teil des Systems, als auch ein Teil des Problems.

Im Rahmen dieses pseudodemokratischen Systems der Herrschaft der Superreichen ist keine Abhilfe mehr möglich - daran ändert auch ein gut sprechender Millionär [sic!] wie Gysi nichts. Von den übrigen Gestalten in diesem Horrorkabinett wie beispielsweise Merkel, Kauder, Gabriel, von der Leyen und all den anderen zwielichtigen Figuren und Huren des Großkapitals will ich gar nicht erst sprechen.

Ich verstehe sehr gut, dass manch einer in einer so erbärmlichen Zeit in der Endphase des Kapitalismus wie heute eine solche Rede und solche (eigentlich völlig selbstverständlichen) Forderungen gut findet. Dennoch bleibt es dabei: Eine Symptombekämpfung - ganz egal, wie ausgeprägt sie auch sein mag - hilft letzten Endes nicht im Geringsten weiter. Wenn die Ursachen nicht angegangen werden, wird der Kapitalismus immer wieder dieselben katastrophalen Auswirkungen haben und regelmäßig erneut im finstersten Faschismus und Untergang münden.

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Nachtrag 15.09.: Ursprünglich war dieser Text ein Kommentar beim Doctor - wer das nicht ohnehin mitbekommen hat, sollte dort nachlesen. Das lohnt sich sowieso meistens.

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Der Wähler


"Und wiederum sind die Würdigsten berufen, den Bürger darüber aufzuklären, was ihm frommt."

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 50 vom 12.03.1928)

Mittwoch, 10. September 2014

Musik des Tages: Ballade in g-moll




(Frédéric Chopin [1810-1849]: "Ballade Nr. 1", Opus 23, komponiert zwischen 1831 und 1835)

Anmerkung: Diese Filmszene stammt aus Roman Polanskis Meisterwerk "Der Pianist" (2002). Kurz zum Hintergrund (zitiert und teilweise korrigiert aus Wikipedia): "Der Film beginnt mit Originalaufnahmen des Warschauer Straßenlebens aus dem Jahre 1939. Władysław Szpilman ist ein herausragender und in Warschau hochangesehener polnisch-jüdischer Pianist. Es ist der 3. September 1939: Szpilmans Studioarbeit wird durch die Bombardierung Warschaus durch die deutsche Luftwaffe unterbrochen. Szpilmans verängstigte Familie, bestehend aus dem Vater, der Mutter, der Schwester Halina und dem Bruder Henryk hören am Telefon, dass Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg erklärt hat und sie hofft, dass sich alles bald zum Guten ändern wird. Als 1939 die deutschen Truppen in Warschau einmarschieren, wird das Leben besonders für die Juden unerträglich. Die deutsche Besatzungsmacht entwickelt immer neue Schikanen vor allem für die Juden. Auf der Straße sind sie der Willkür der Besatzungssoldaten ausgesetzt. Nach einer Weile müssen die Szpilmans ins Warschauer Ghetto übersiedeln. Dort geht es [wie für alle internierten BewohnerInnen dort] für die Familie bald ums nackte Überleben. Während einige Ghettobewohner sich mit Schwarzarbeit oder der Arbeit im jüdischen Ordnungsdienst über Wasser halten, sind die Szpilmans wegen ihrer Naivität und ihres Stolzes vom Verhungern bedroht. Sie werden Zeugen vom Elend des Ghettolebens, von Demütigungen der Bewohner und willkürlichen Morden durch die deutschen Soldaten. Władysław Szpilmans gute Beziehungen zu einem einflussreichen jüdischen Polizisten rettet seinem Bruder einmal das Leben. Eines Tages werden die Bewohner des Ghettos auf dem "Umschlagplatz" versammelt. Von dort aus erfolgt der Abtransport in das Vernichtungslager Treblinka. Dort werden seine Eltern und Geschwister ermordet. Dank der spontanen Hilfe eines Mitglieds des jüdischen Ordnungsdienstes entgeht er dem Abtransport, gehört nun aber zu den Zwangsarbeitern, die unter strenger Bewachung in Betrieben außerhalb des Ghettos arbeiten müssen. Dies nutzt er aus, um Pistolen für Mitglieder der jüdischen Widerstandsbewegung in das Ghetto zu schmuggeln. Später gelingt ihm die Flucht aus dem Ghetto.

Szpilman kann den Beginn des Aufstandes im Ghetto am 19. April 1943 von einem Versteck aus beobachten. Um nicht gefasst zu werden, muss er das Versteck wechseln. Er leidet Hunger und erkrankt, wird aber von einem polnischen Arzt behandelt. Während eines Gefechts zwischen Deutschen und Polen während des Warschauer Aufstandes wird sein Versteck beschossen. Er flieht erneut, irrt durch die völlig zerstörte Stadt und versteckt sich in einem Haus. Dort hört er die Klänge von Beethovens Mondscheinsonate. Nachts entdeckt ihn ein deutscher Offizier; es ist Wilm Hosenfeld.

Hosenfeld [fordert Szpilman auf, der ihm auf die damals übliche scharfe Nachfrage flehentlich erklärt, er sei "bloß ein Pianist"], ihm auf dem [in der Ruine herumstehenden] Flügel etwas vorzuspielen. Szpilman spielt [daraufhin die] Ballade Nr. 1 von Chopin (diese wurde nach dem gescheiterten polnischen Novemberaufstand gegen die russische Besatzung komponiert als Ausdruck [des] Freiheitsstrebens) und Hosenfeld hört bewegt zu. Von da an, bis zum Rückzug der Deutschen Ende 1944, versorgt Hosenfeld Szpilman in seinem Versteck mit Lebensmitteln. [Kurz vor seiner Flucht vor der Roten Armee] schenkt Hosenfeld dem Pianisten noch seinen Offiziersmantel, der [diesem] beim Einmarsch der Roten Armee in Warschau fast noch zum Verhängnis wird [da die russischen Soldaten Szpilman wegen dieses Mantels zunächst für einen deutschen Offizier halten]."

Ich habe bislang keine bewegendere Interpretation dieses grandiosen Musikstückes gehört.


Zitat des Tages: Die Erde bebt noch


Die Erde bebt noch von den Stiefeltritten.
Die Wiesen grünen wieder Jahr für Jahr.
Die Qualen bleiben, die wir einst erlitten,
ins Antlitz, in das Wesen eingeschnitten.
In unsren Träumen lebt noch oft, was war.

Das Blut versickerte, das wir vergossen.
Die Narben brennen noch und sind noch rot.
Die Tränen trockneten, die um uns flossen.
In Lust und Fluch und Lächeln eingeschlossen
begleitet uns, vertraut für immer, nun der Tod.

Die Städte bröckeln noch in grauen Nächten.
Der Wind weht Asche in den Blütenstaub
und das Geröchel der Erstickten aus den Schächten.
Doch auf den Märkten stehn die Selbstgerechten
und schreien, schreien ihre Ohren taub.

Die Sonne leuchtet wieder wie in Kindertagen.
Die Schatten fallen tief in uns hinein.
Sie überdunkeln unser helles Fragen.
Und auf den Hügeln, wo die Kreuze ragen,
wächst säfteschwer ein herber neuer Wein.

(Wolfgang Bächler [1925-2007], in: "Die Erde bebt noch. Frühe Gedichte 1942-1957", Fischer 1988; zuerst in: "Die Erde bebt noch", 1947)


Anmerkung: Von Bächler ist die wunderbare Selbstbeschreibung überliefert: "Ich bin ein Sozialist ohne Parteibuch, ein Deutscher ohne Deutschland, ein Lyriker ohne viel Publikum ... kurzum ein unbrauchbarer, unsolider, unordentlicher Mensch, der keine Termine einhalten und keine Examina durchhalten kann und Redakteure, Verleger und Frauen durch seine Unpünktlichkeit zur Verzweiflung bringt." Ich wüsste nicht, wie man sich mit so wenigen Worten noch besser und sympathischer vom hochglänzenden Lügenterror der neoliberalen Bande und ihrem faschistoiden Menschenbild abgrenzen könnte.

Dienstag, 9. September 2014

Neoliberaler Horror an den Hochschulen: Die "Karrierefabrik" der Zombies


(...) Fast jede deutsche Universität hat inzwischen etwas, das sich Career Service nennt. Oder Career Center. Oder Career Development Center. Oder Professional Center. Das sind Einrichtungen mit Räumen auf dem Campus und eigenen Portalen auf den Uni-Homepages. Das "Career Service Netzwerk Deutschland" vernetzt die Career-Einrichtungen miteinander, und wenn man das alles hört, kriegt man als normaler Mensch ja eigentlich schon Kopfschmerzen, als hätte man zehn Spam-Mails hintereinander gelesen, aber es geht gerade erst los.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Kopfschmerzen waren noch das geringste Problem, mit dem ich nach dem Lesen dieses erfreulich sarkastischen FAZ-Artikels zu kämpfen hatte - ich schwankte eher in einem diffusen Zustand, der sich wild hin und her springend zwischen hysterischem Gelächter und tiefster Resignation bewegte. Was hat diese Bande bloß aus den Universitäten gemacht? Es ist noch keine 20 Jahre her, da war ich selbst ein Teil dieser Studentenwelt, die auch damals schon - wenn auch in gänzlich anderer Hinsicht - eine Art "Paralleluniversum" war. Aber was sich da heute abspielt, spottet jeder Beschreibung: Von der Einführung der Schmalspur-Studiengänge ("Bachelor") nach amerikanischem Negativ-Vorbild, über "Leistungspunkte" und die stetige Verschulung der entkernten Studiengänge bis hin zu diesen hirnschmelzenden "Career Centern" mit ihrem BWL-infizierten, vernebelnden Neusprech sind die heutigen Hochschulen in weiten Teilen inzwischen zu einem flammenden Fanal des Zerstörungswerkes der neoliberalen Ideologie verkommen.

Im Text wird gelegentlich sarkastisch an den eigenen Verstand erinnert, den sogar fast jeder Studierende besitze - allerdings sind für die Förderung eben dieses Verstandes nun nicht mehr die Universitäten zuständig: Dort sollen künftig lediglich marktkonforme, kritiklose Fachidioten herangezüchtet werden, die das perverse, asoziale Spiel des "Wettbewerbs" - also das "Ausstechen" und "Heruntermachen" aller "MitbewerberInnen" stets nur zum eigenen Vorteil - vorzüglich beherrschen und dabei selbstverständlich mit allen Tricks, Betrügereien und Täuschungen arbeiten, die für den Kapitalismus so evident sind. Und dass jene Betrügereien nun auch noch ganz offiziell in entsprechenden "Seminaren" von den Studierenden "erlernt" werden sollen, ist eine dermaßen hanebüchene, offen zur Schau gestellte Perversion, dass es mir dazu glatt die Sprache verschlägt.

Gelernt habe ich beim Lesen dieses Textes auch etwas, nämlich beispielsweise, dass man heute so etwas wie "International Business Administration" studieren kann. Ich bin mir fast sicher, dass ich allerspätestens an dieser Stelle den alten Humboldt vernommen habe, wie er sehr geräuschvoll im Grab rotierte und nach der Enterprise schrie, damit er endlich, endlich abgeholt werde.

Eines ist sicher: Von der nächsten Generation der Akademiker ist in Sachen Empathie, sozialer Kompetenz und Humanismus - auch wenn das fast zu irrsinnig ist, um es sich überhaupt vorstellen zu können - tatsächlich noch weniger zu erwarten als von der heutigen. Die neoliberale Bande macht Nägel mit stählernen Köpfen - und damit ernst. Die Zementierung der konsequenten Unbildung und Konformität ist in vollem Gange - die nächsten Zombiehorden stehen in den Startlöchern.

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Modernisiertes Hochschulwesen


"Angesichts der Zunahme des Werkstudententums sieht sich die Professorenschaft genötigt, ihre Vorlesungen jeweils an der Arbeitsstelle ihrer Hörer abzuhalten."

(Zeichnung von Alfred Pichel [1896-1977], in "Simplicissimus", Heft 31 vom 02.11.1931)

Donnerstag, 4. September 2014

Ein lauer Furz im Spätsommer: Goodbye, "Ad Sinistram"


Ich habe lange gezögert - aber heute ist es soweit und ich schmeiße Lapuentes Blog "Ad Sinistram" aus der Blogroll. Das ist wahrlich kein bedeutender Vorgang, sondern nur ein lauer, nicht einmal sonderlich übelriechender Mini-Furz im fortdauernden dissonanten Geschrei und Geblinke des Internets - daher sollten auch nur diejenigen weiterlesen, die sich mit "Ad Sinistram" auch schon intensiver auseinandergesetzt haben und ihre wie auch immer gelagerte Meinung dazu haben. Für alle anderen folgt hier nur redundanter, langweiliger Mist.

Schon vor längerer Zeit habe ich aufgehört, das Blog regelmäßig zu lesen - zu oft hatte ich zuvor dort Inhalte vorgefunden, die mich entweder nicht interessierten oder die ich als viel zu oberflächlich aufbereitet wahrgenommen habe. Besonders gestört hat mich von Anfang an die offenkundig gewollt verschwurbelte Sprache des Autors, die allerdings, wie ich schnell bemerken musste, keine tiefergehenden, intellektuellen Ursachen hatte, sondern offensichtlich stets Selbstzweck war. Wenn aber schlichte Inhalte sprachlich völlig unnötig verklausuliert werden und dies auch noch in einer Weise stattfindet, welche die sprachlichen Grenzen des Autors allzu offenkundig werden lässt, stellt sich unmittelbar die Frage, was dem Autor hier wichtiger ist: Der Inhalt oder die Form?

Später habe ich mehrmals versucht, kritische Anmerkungen in den Kommentaren dort zu hinterlassen - allerdings ist keine einzige davon freigeschaltet worden. Kritik - und sei sie auch noch so sachlich - ist dort offenbar unerwünscht. Selbstverständlich steht es jedem Blogbetreiber frei, das so zu handhaben, zumal sich Lapuente dort ja nie selber einbringt, er also an Diskussionen oder einem kritischen Austausch mit den LeserInnen seiner Ergüsse wohl nicht interessiert ist - ich persönlich finde das allerdings wenig sinnvoll und als Leser eher abschreckend.

Soviel zur Vorgeschichte. Nun hat der Mann aber ein Posting veröffentlicht, das für mich der noch fehlende Tropfen gewesen ist, der das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen gebracht hat. In diesem Text beklagt auch Lapuente den "neuen Snobismus" der "Elite", also die inzwischen wohlbekannte, widerliche "Verrohung der Mittelschicht", über die schon viel - darunter auch viel Gutes - geschrieben worden ist. Allerdings bezieht sich Lapuente hier ausgerechnet auf den widerwärtigen Artikel der Heidemarie Brosche aus der Süddeutschen, über den ich mich kürzlich schon ausgelassen habe. Er allerdings bewertet diesen Artikel offensichtlich nicht kritisch, sondern benutzt ihn gar zur Untermauerung seiner Kritik am bösen, strunzdämlichen Klischee vom "faulen, dummen, arbeitsscheuen Hartz-Gesindel". Hat der Mann diesen Text tatsächlich gelesen und ihn - auch zwischen den Zeilen - verstanden? Zumindest letzteres muss ich stark bezweifeln.

Lapuente gehört zu den "Salon-Linken" vom Schlage der Nachdenkseiten, die grundsätzlich überhaupt kein Problem mit dem Kapitalismus haben und ihn "nur" in seiner "neoliberalen Extremform" ablehnen - ohne zu erkennen, dass eben diese "Extremform" letztlich nur die vollkommen logische, unausweichliche und stets wiederkehrende Endform dieses furchtbaren Systems ist, das ja nicht zufällig heute erneut wieder in der präfaschistischen, menschenverachtenden Gosse angekommen ist, wo die kapitalistische Welt vor 100 Jahren schon einmal gewesen ist. Die furchtbaren Folgen der damaligen Katastrophe sind bekannt - offensichtlich aber von vielen noch immer nicht begriffen.

Werter Roberto, es ist an der Zeit, das pseudo-intellektuelle Gehabe endlich abzulegen und sich stattdessen mit der tatsächlichen Bildung des Intellektes zu befassen - lieber spät als nie.

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[Zurück zum "guten Kapitalismus"]


"Ja, ja - unsere Zukunft liegt in der Vergangenheit!"

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 40 vom 31.12.1918)

Mittwoch, 3. September 2014

Zitat des Tages: Landschaft der Seele


Kein Himmel. Nur Gewölk ringsum
Schwarzblau und wetterschwer.
Gefahr und Angst. Sag: Angst - wovor?
Gefahr: Und sprich - woher?
Rissig der Weg. Das ganze Feld
Ein golden-goldner Brand.
Mein Herz, die Hungerkrähe, fährt
Kreischend über das Land.

(Albrecht Goes [1908-2000], in: "Lichtschatten du. Gedichte aus fünfzig Jahren", Fischer 1978)

Dienstag, 2. September 2014

Song des Tages: Snake Oil




(Saga: "Snake Oil", aus dem Album "Generation 13", 1995)

We hope you're feeling better
We know you've been under the weather
We can put you back together
But nothing will last forever

We hope you're feeling better
You're a little bit under the weather
If we put you back together
Would you want to live forever?

We hope you're feeling better
We know you've been under the weather
We can put you back together
But nothing will last forever

We hope you're feeling better
You're a little bit under the weather
If we put you back together
Would you want to live forever?

Anmerkung: "Generation 13" ist eines der besten mir bekannten Konzeptalben der progressiven Rockmusik der vergangenen 20 Jahre - es ist daher auch bezeichnend, dass fast niemand es kennt. In diesem kleinen Ausschnitt aus diesem grandiosen Mammutwerk wird der allzu dämliche, weichgewaschene und zynische Versuch der elitären Obrigkeit einer dystopischen Orwell-Welt in Musik gegossen, den "fehlgeleiteten", weil selber denkenden und daher auf oppositionelle Wege geratenen Protagonisten zurück in die dumpfe Schlichtheit der dystopischen Einheits- bzw. Sklavengesellschaft zu führen. Das gewählte musikalische Zirkus-Thema an dieser Stelle ist ein flammender Kommentar zum nur noch absurd zu benennenden Zustand der in dieser Rockoper beschriebenen, furchtbaren Welt - die wenig zufällig unserer heutigen verkommenen Realität verdächtig nahe kommt.

Ich kann jedem nur empfehlen, sich das komplette Werk anzuhören - und das nicht nur einmal, sondern immer wieder. Diese Musik hat zum Glück nichts mehr zu tun mit den Saga-Songs aus den 80ern, mit denen die Band einstmals kommerzielle Erfolge feierte. So beginnt das Epos ... doch wie es endet, findet Ihr besser selber heraus.


Montag, 1. September 2014

Journalismussimulation: Wenn der Mainstream einen Hauch Realität erschnüffelt


In seinem Blog bei "standart.at" hat der österreichische Journalist Robert Misik vor kurzem einen kleinen Text veröffentlicht, den er mit der folgenden Überschrift versehen hat:

"Wenn die Welt am Abgrund torkelt / Wohin man blickt: Kollaps- und Zusammenbruchserscheinungen"

In der frohen Hoffnung, endlich einmal Klartext von einem zumindest halbwegs "etablierten" Mainstream-Journalisten, der gelegentlich sogar schon vergleichsweise an Vernunft grenzende Artikel veröffentlicht hat, lesen zu dürfen, in dem nun auch Ross und Reiter beim Namen genannt und vielleicht sogar der eine oder andere Hintergrund beleuchtet werden könnte, öffnete ich den Text - und blickte völlig entgeistert auf drei einsame, kleine Textabsätze nebst einem Schlusssatz. Nein, Klartext ist hier natürlich nicht zu erwarten, Hintergrundinformation erst recht nicht.

Es scheint für heutige Mainstream-Journalisten schon einer ausgewachsenen Novemberrevolution biblischen Ausmaßes gleichzukommen, wenn überhaupt einmal der zarte Versuch gewagt wird, leicht zweifelnde Fragen diffus in den Raum zu stellen, die eine mögliche Verbindung von "Finanzkrise", "Wirtschaftkrise" und drastisch zunehmenden Kriegen weltweit zum Inhalt haben - nur um sie gleich danach durch einen albernen, das vorher ultraleicht Angedeutete sofort wieder ins Absurde ziehenden Schlussatz zu relativieren. Diese drei Absätzchen illustrieren ganz vorzüglich die totale Bankrotterklärung des westlichen, "freiheitlich-demokratischen" Journalismus' und entblößen ihn unfreiwillig als wesentlichen Bestandteil der kapitalistischen Dauerpropaganda.

Es ist fast unnötig zu erwähnen, dass weitere wesentliche Bestandteile der momentanen, auf Untergang gestimmten Endphase des kapitalistischen Zyklus' - wie etwa die massiv anwachsende Armut bis hin zum furchtbaren Elend auch inmitten der Zentren der kapitalistischen Geld- und Prunk-Burgen, die gleichzeitige Anhäufung von absurdesten Super-Vermögen in den Händen einiger weniger offensichtlich geistesgestörter Individuen oder auch das zum absurden, gar grotesken Theater aufgeblähte Wahl- und Medienspektakel des pseudodemokratischen Buhlens gleichgeschalteter neoliberaler Blockparteien um "Wählerstimmen" - in diesem Textlein gar nicht erst vorkommen. Die Worte "Kapitalismus", "Neoliberalismus", "Korruption" oder meinetwegen auch irgendwelche Synonyme dieser Begriffe kommen dort gar nicht erst vor - die bösen Katastrophen brechen auch in Misiks kleiner rosafarbenen Kindergartenwelt offenbar wie von Geister- oder Gotteshand geführt quasi schicksalhaft über die armen Menschen herein, die dem teuflischen Unheil scheinbar hilflos ausgeliefert sind.

Eigentlich würde und müsste ich solchen Blödsinn schon seit vielen Jahren gar nicht mehr lesen und ihn erst recht nicht mehr bewerten - wenn es da nicht das kleine fatale Detail gäbe, dass trotz aller offenkundiger Absurditäten noch immer eine große Anzahl von Menschen dieser strunzdummen Propaganda regelmäßig auf dem Leim geht und sie - man fasst das nicht - gar für mehr oder weniger "unabhängige" Informationen hält.

Was treibt beispielsweise einen Herrn Misik dazu, aus dem reichhaltigen Fundus der gegenwärtigen Untergangssymptome nur einige wenige herauszugreifen, sie aneinanderzureihen und nicht einmal um sieben Ecken die Frage nach den tatsächlichen Ursachen dafür zu stellen, die ja wahrlich nicht schwer zu ermitteln sind? Misik ist gewiss kein dummer Mensch - was also treibt jemanden wie ihn an? Ist es denn wirklich so profan, dass einjeder nur an seine eigene "berufliche Existenz", das eigene Bankkonto, die eigene "Stellung" in diesem völlig verkommenen, pervertierten System denkt?

Wenn das zuträfe, hätten die perversen Eigennutzmehrer der neoliberalen Bande das Spiel einmal mehr gewonnen - und anachronistische Relikte wie ich stürben demnächst aus. Ich bin geneigt, den Konjunktiv an dieser Stelle als einen letzten Rest meines humanistischen Wunschdenkens anzusehen.


"Die Freiheit der Presse."

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 40 vom 31.12.1918)

Freitag, 29. August 2014

Vorsicht: Satire!


Gelegentlich liebe ich es, das "Alphamännchen" zu spielen und lustige Begebenheiten aufzusammeln. Ich stehe zu dieser Unsitte und weiß, dass sie ein schlechtes Licht auf mich wirft, das ich kaum jemals wieder loswerden kann. Die folgende Dreieinigkeit muss ich aber trotzdem erbrechen, da der dusselige Schalk, der mir im Nacken sitzt, mir den selbigen ansonsten bräche - ich bitte alle feinsinnigen und anderweitig sensiblen LeserInnen nachdrücklich um tiefgehende Nachsicht.

1. Charlie schrieb am 28.07.14: "Ganz am Rande: Glaubst Du tatsächlich, dass es es sich bei dem urplötzlich aufgetauchten Blog 'ninatabai.com' um das Blog einer ausnehmend jungen Dame mit dem abgeklärten Weitblick eines alten Haudegens handelt, die ganz zufällig in den letzten Tagen wohl platzierte Kommentare in diversen linken Blogs hinterlassen, sich aber auf weitergehende Diskussionen nirgends eingelassen hat? / Nenne mich paranoid, aber hier stinkt etwas ganz gewaltig."

2. Burkhard schrieb am 25.08.14: "Ich bin im übrigen der Meinung, dass ninatabai.com ein Fake-Account ist und eine 'Nina Tabai' nicht existiert, sondern ein Mann ist."

3. Flatter von und zu Feynsinn schrieb am 25.08.14, etwas später: "Ich habe diese Vermutung auch bereits geäußert (...)."

Also, ich find's lustig - auch wenn ich vermutlich der einzige bin, dem das so geht. :-) Da kann ich nur noch einmal den Flattrigen zitieren und diesen peinlichen Post damit abschließen und im Netznirwana versenken: "So what"!?!

Donnerstag, 28. August 2014

Eigenzitat des Tages: Ohne Titel [Der Regen]


Das folgende Gedicht habe ich im Alter von etwa 20 Jahren verfasst, als ich allmählich und erst in groben Ansätzen erkannt habe, in welche irrsinnigen, völlig abwegigen Regionen mich meine damalige christlich motivierte Sozialisation führen würde, wenn ich nicht endlich mein Gehirn einschaltete. Ich habe dann versucht, besagtes Gehirn zu bemühen, und herausgekommen ist dieser Text:

der regen, er tröpfelt vom herzgrauen himmel
und rinnt so bedächtig in unseren geist.
der fall jener sonne in todgrünem schimmel -
ach, dass er die kuppel hier bloß nicht zerreißt!

und tränen, sie fließen - beständiges bohren -
stetig und kraftvoll die berge hinan,
erreichen die gipfel mit goldenen toren -
und brechen sie auf: wo ist der tyrann?

du schöpfer, du pfuscher, du gott aller wunden,
erscheine, verräter, die wangen sind nass!
das herz ist zerstört, verfault, schon verschwunden,
der brocken der brust verspürt nur noch hass!

so irre ich schreiend im himmel herum,
allein und gebrochen, ich fühle nichts mehr.
doch vor der unfassbarkeit werde ich stumm:
im himmel nur tränen, ein regnendes meer -
sonst ist er leer.


Dieses Gedicht hat mir sehr geholfen, meinen Weg durch all die religiösen Nebelkerzen, die immer wieder - unabhängig von der jeweiligen Zeit und der jeweiligen Religion - gezündet werden, zu finden. Die Pfarrerstochter, mit der ich damals liiert war und die um Gottes Willen nicht "Merkel" hieß, meinte damals dazu nur trocken: "Dieser Realismus ist widerlich und ekelhaft, aber wohl leider wahr." Dennoch hat sie weiter Theologie studiert und das Studium auch erfolgreich abgeschlossen.

Das sagt wohl mehr über den Menschen und seine irrwitzige Bindung an irgendwelche himmelschreiende Religionen aus als es jeder geschriebene Text jemals könnte.

Evolution, wo zur Hölle bist Du?

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Bestrafte Ketzerei


"Die glaubten nicht an Darwin."

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 28 vom 12.10.1925)

Song des Tages: All Alone




(Saturnus: "All Alone", aus dem Album "Veronika Decides To Die", 2006)

I'm standing here
Watching the clouds float by
Wondering why the pain never deserted me
The sadness, sorrow, bewilderness that never left

I'm flying away ... I'm flying away ...

Holding hands with myself
Sharing life with myself
Reaping the loneliness I've sown
In these fields I've always grown

Digging the blackness from my mind
I will die all alone ...


Dienstag, 26. August 2014

Zementierung eines Klischees: Die zunehmende Verachtung der Armut durch das "Bildungsbürgertum"


Wisst Ihr alle genau, was "das Prekariat" ist - insbesondere in scharfer, genau definierter Abgrenzung zum "Bildungsbürgertum"? Wer diese Frage bejaht, braucht gar nicht weiterzulesen - alle anderen aber sollten sich diesen haarsträubenden Artikel aus der Süddeutschen zu Gemüte führen: "Bildungsbürgertum versus Prekariat". Eine Lehrerin aus der Nähe von Augsburg namens Heidemarie Brosche "ärgert" sich dort über die Verachtung der Armen durch die "Gebildeten" - und klärt uns erst einmal auf:

Aber dann wird mir wieder bewusst: Die Welt der Menschen mit wenig Bildung ist komplett anders als die der Bildungsbürger. Viele der Geschmähten haben einen anderen Verhaltenskodex. Sie treten kaugummischmatzend zur Sprechstunde an, telefonieren während der Schultheater-Aufführung, stellen im Kontakt mit dem Lehrer naiv zu viel Nähe her oder treten ihm vor lauter Unsicherheit gleich bei der ersten Begegnung mit anmaßendem Kraftgebaren entgegen. Sie vernachlässigen ihren Körper, ernähren sich falsch, bewegen sich zu wenig oder betreiben einen absurd anmutenden Körperkult mit Sonnenstudio-Exzessen, der Züchtung von Muskelbergen oder Nail-Design-Events. Ihre Kinder erziehen sie zwischen grenzenlosem Gewähren-Lassen und Vernachlässigung.

Das muss man erst einmal sacken lassen. Eine so umfassende Verunglimpfung und Diffamierung von Millionen von Menschen, eine derartige Anhäufung von dumpfesten Verallgemeinerungen und RTL2-Klischees kann ich mir noch nicht einmal im Fischeinwickelblatt aus dem Hause Springer vorstellen. Die bildungsbürgerliche Heidemarie zieht hier alle Register des Dumpfbackentums und der stumpfsinnigen Verachtung - und das ausgerechnet unter der Prämisse, diese Verachtung anprangern zu wollen. Ein solcher Irrsinn ist mir in unseren Kuhmedien schon lange nicht mehr in solcher widerwärtiger Deutlichkeit ins Gesicht gesprungen.

Das fängt schon im Fundament an: Wie selbstverständlich wird hier der Begriff "Prekariat" bemüht - natürlich ohne zu hinterfragen, wie es denn wohl sein kann, dass es in einem der reichsten Länder der Welt überhaupt so etwas wie Armut - und dann auch gleich millionenfach - geben kann. Das interessiert die Heidemarie offensichtlich nicht und ändern will sie es wohl ebenfalls nicht. Auch treffen wir hier wieder auf die altbekannte Propagandamär der neoliberalen Bande, die seit Jahrzehnten gebetsmühlenartig auf allen Kanälen wiederholt wird, bis auch die letzte hirntote Lehrerin es begriffen hat: "Bildung (= gesittet auftretende Menschen, die wohlhabend, reinlich und ernährungsbewusst sind) versus Prekariat (= asozial agierende Menschen, die arm, dreckig und fett sind)". Allein die Umkehrung der Logikfolge in diesem "gegensätzlichen Begriffspaar" ist schon entlarvend genug: Auf der einen Seite sei es die Bildung, die den Wohlstand und die "guten Sitten" zur Folge habe, auf der anderen sei es wie selbstständlich die Armut, aus der die Unbildung und das "asoziale Verhalten" resultierten. Anders ist die hirnschmelzende Überschrift "Bildungsbürgertum versus Prekariat" kaum logisch zu verstehen.

Daran ist nun bekanntermaßen alles falsch - es gibt selbstverständlich gebildete Menschen, die arm sind, und es gibt ungebildete Menschen, die reich oder sogar sehr reich sind. Genauso gibt es asoziales Verhalten in den Kreisen der Reichen und Superreichen ebenso wie in allen anderen Gesellschaftsschichten - wobei sich die Waagschale des asozialen Verhaltens nach meiner Wahrnehmung doch deutlich zur Seite der Reichen neigt.

Wenn ich ein solches Pamphlet lese, wird mir wieder einmal klar: Die Welt solcher Menschen wie Heidemarie, die sich für gebildet, wohlhabend und wohlgesittet halten, ist eine komplett entrückte, die mit der Realität nichts zu tun hat. Wer das im Text bemühte "haarsträubende Verhalten" sucht, wird genau hier fündig. Ich befürchte, dass diese Lehrerin es nicht einmal bemerkt (und den Vorwurf auch strikt von sich wiese), dass sie mit diesem Artikel exakt das tut, was sie vorgeblich zu kritisieren versucht: Sie zementiert dumpfeste Klischees, zündet reihenweise Nebelkerzen und Propagandabomben und gießt im Vorbeigehen gleich kübelweise Schmutz über die aus den unterschiedlichsten Gründen vom Kapitalismus ausgesonderten, abgehängten und zwangsverarmten Menschen, dass es nur so rauscht.

Heidemarie hat offenbar in der Schule nicht aufgepasst und erklärt die individuellen Erlebnisse aus ihrem kleinen, subjektiven Mikrokosmos, die sie "Erfahrung" nennt, kurzerhand zum allgemeingültigen Fakt. Damit disqualifiziert sie sich unmittelbar selbst und fällt aus der Gruppe des "Bildungsbürgertums" schon per definitionem heraus. Ich schlage vor, für solche Leute einen neuen Begriff einzuführen, nämlich das schlechtbürgerliche Dumpfbackentum oder auch "die Vogelscheuchen". Es ist traurig und (bildungs-)bezeichnend, dass man darunter auf Anhieb gleich halb Deutschland oder mehr einordnen müsste. Und das ist selbstverständlich kein Zufall.

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Sonntagsausflug der Vogelscheuchen



(Zeichnung von Alfred Kubin [1877-1959], in "Simplicissimus", Heft 21 vom 19.08.1919)

Samstag, 23. August 2014

Film des Tages: Harodim




Anmerkung: Dieser Spielfilm (2012) mit Travis Fimmel, Michael Desante und dem Altmeister Peter Fonda ist natürlich Fiktion, so wie alle Spielfilme - auch wenn sie historische Begebenheiten zum Thema haben - stets Fiktion und keine Dokumentationen sind. Eine kurze Inhaltsangabe von Blickpunkt:Film dazu (obwohl die gleich in mehreren Details falsch ist - aber das soll und kann jeder Zuschauer beim Ansehen selbst bemerken):

Lange Jahre hat der ehemalige Elitesoldat Lazarus privat und geheim nach jenem hochrangigen Al-Quaida-Führer gefahndet, der nun gefesselt in einem versteckten Bunker unter einem Wiener Bahnhof in seiner Gewalt ist. Für Lazarus ist die Zeit gekommen, Rache zu nehmen an dem Mann, der an den Anschlägen am 11. September beteiligt war und den Tod seines Vaters verschuldet hatte. Doch der überaus rechtschaffene Gefangene packt aus - und erzählt dem ungläubig Staunenden seine Version über Afghanistan, Al-Quaida, die CIA und ihre schmutzigen Machenschaften.

In diesem brillant inszenierten und von den drei Darstellern eindrücklich gespielten Kammerspiel werden viele der gängigen Verschwörungstheorien zu den Ereignissen am 11. September 2001 aufgegriffen, so dass der Film sich schon allein deshalb wohltuend von der üblichen Hollywood-Kost zu diesem Thema unterscheidet. Drehbuchautor und Regisseur Paul Finelli hat diesen Film allerdings in Österreich gedreht, weil er nach eigenen Angaben in Hollywood keine Financiers für den Streifen finden konnte.

Ich empfehle das Ansehen nachdrücklich - nicht etwa, weil ich jeder einzelnen Aussage zum 11. September, die hier getroffen wird, zustimme (zumal zum Ende hin der verschwörungstheoretische Teil ins fast Absurde driftet), sondern weil der Film - anders als viele Dokumentationen oder Pseudo-Dokumentationen - tatsächlich zum eigenen Denken (als Kontrast zum bloßen Rezipieren konträrer Meinungen) anregt und den Zuschauer eindringlich daran erinnert, wie wichtig in unserer Welt das kritische Nachdenken und nicht zuletzt auch der Zweifel sind. Ich will nicht zuviel vorwegnehmen, aber der lange Monolog, den Peter Fonda am Schluss des Films in seiner Rolle als Solomon Fell hält und der exemplarisch die brutale, faschistische Weltsicht eines Teils der globalen Finanz-"Elite", also der Superreichen, zum Inhalt hat, gehört zum Besten, was dieser Schauspieler in seinem langen Leben abgeliefert hat.

Einzig der entnervende, völlig deplatzierte und allzu dümmliche Abspann, der die gesamte bis dahin aufgebaute Atmosphäre des Films mit einem Schlag rückhaltlos zerstört, schmälert den Genuss doch arg. Man kann ein Shakespeare-Drama natürlich auch mit einem dummen Modern-Talking-Trällerliedchen enden lassen - aber was der Regisseur sich dabei wohl gedacht haben mag, bleibt - zumindest mir - ein Geheimnis.

Der Film ist hier in deutscher Synchronfassung zu sehen - Ihr solltet ihn Euch wirklich anschauen, und das möglichst bald, denn wer weiß schon, wie lange er bei youtube noch verfügbar ist. Es ist eher unwahrscheinlich, dass unser Propaganda-TV ihn in näherer Zukunft ausstrahlen wird.

Anmerkung: Falls jemand Probleme mit dem Abspielen des Videos haben sollte, bitte einfach auf das "youtube"-Logo, das sich unten rechts im Videofenster findet, klicken, dann kann man es direkt bei youtube anschauen:

Ich wusste nicht, dass dies noch nicht allgemein bekannt ist, sorry.




Donnerstag, 21. August 2014

"Es wird ernst": Das neue Kriegszeitalter der neoliberalen Bande der Habgierigen


Die deutsche Kriegslobby konzentriert sich bekannter Maßen in Bayern - daher ist es auch kein Wunder, dass in der Propagandashow "Tagesthemen" vom 20.08.14 (ab Minute 4:10) ausgerechnet der widerliche Schlips-Borg Siegmund Gottlieb von "Bayrischen Rundfunk" - gern euphemistisch als "Journalist" bezeichnet - in einem Kommentar den Aufbruch Großdeutschlands ins neue Kriegszeitalter bekannt gegeben hat. Ich dokumentiere den Wortlaut seines Pamphlets an dieser Stelle, damit er erhalten bleiben möge:

Endlich - der Tabubruch war fällig! Der jahrzehntelang gültige Grundsatz deutscher Sicherheits- und Außenpolitik ist das Papier nicht mehr wert, auf dem er geschrieben steht. "Keine Waffen in Spannungsgebiete", hieß es bis heute - das ist vorbei. Unser politisches Spitzenpersonal in Berlin hat sich nach langem Zögern für einen Sinneswandel entschieden. Nach Tagen unentschieden-unerträglicher Wortakrobatik hat die Regierung eine historische Entscheidung getroffen, die riskant ist, aber ohne Alternative.

Deutschland wird also Waffen an die Kurden liefern, weil diese zur Stunde den letzten Schutzwall gegen den Durchmarsch islamischer Terroreinheiten bieten, die in blutrünstiger Barbarei hemmungslos gegen Andersgläubige wüten.

Angesichts dieser extrem dramatischen Lage haben die Kanzlerin und der Außenminister endlich das "Prinzip Verantwortung" anstelle einer "Ohne uns"-Prinzipientreue gestellt, die sich angesichts dieses Völkermords ja zynisch als unmenschlich erwiesen hat.

Die Regierung hat sich mit dem heutigen Schritt zu einer neuen, noch ungewohnten Haltung durchgerungen. Deutschland ist dabei, seinem starken Gewicht in Europa entsprechend zu reagieren. Dieser Tag gibt unseren Verbündeten das Signal, dass wir bereit sind, auch militärisches Engagement und seine Risiken fair mit ihnen zu teilen.

Lange Zeit und immer wieder historisch begründet, haben wir ein fragwürdiges Recht auf "Wegsehen" für uns in Anspruch genommen. Das war bequem.

Ab jetzt wird es ernst.

An diesem Text ist alles falsch, was falsch sein kann. Waffenlieferungen in Kriegsgebiete bleiben nach gültigem Recht rechtswidrig, auch wenn Merkel und Gabriel das nun missachten. Zur Verantwortung ziehen wird diese Gestalten dennoch niemand in unserem tollen "Rechtsstaat". Für einen umfassenden "Völkermord" im Nordirak gibt es keinerlei Beweise - als "Beweis" muss in diesem Fall ein zweifelhaftes Video ausreichen, das den angeblichen Mord an einem US-Amerikaner zeigt. Doch selbst wenn dieses Video authentisch sein sollte, bewiese es doch lediglich die Niedertracht einer kleinen Gruppe von mordlustigen Verbrechern, aber keineswegs einen "Völkermord".

Währenddessen werden anderswo ganz offiziell und ohne Zweifel in staatlichem Auftrag die Frau und das Kind eines "Verdächtigen" ermordet, ohne dass es irgendeinen vergleichbaren Aufschrei dazu gäbe, und das ist nur ein einziges Beispiel von so vielen weltweit. Ein "Eingreifen" der "demokratischen Helden des Westens" - nach der perversen Unlogik der Kriegstreiber - wird natürlich absurd, wenn der Mord aus den eigenen Reihen erfolgt ist.

Es müsste inzwischen doch auch dem letzten Dorfdeppen klar geworden sein, dass es hier nicht um das Wohlergehen der bedrohten Menschen im Irak geht - wenn das zuträfe, wäre es die naheliegendste (und einzig legale) Möglichkeit, die UN mit einem entsprechenden Auftrag zu betreuen und die bedrohten Menschen auf diese Weise zu schützen - was ausdrücklich auch bedeutete, keinen aktiven Krieg gegen die Bedroher zu führen. Das war ursprünglich der Sinn und Zweck der UN-"Blauhelme". Gleichzeitig müsste es eine Welle der humanitären Hilfe und eine umfassende Bereitschaft geben, Flüchtlinge aus diesem Gebiet aufzunehmen. Darum geht es den Kriegstreibern in Deutschland und den USA aber nicht - die Menschen und deren Wohlergehen sind denen völlig schnurz.

Gerade die deutschen Schlips-Borg - das wird an dem Gottlieb-Pamphlet aus Bayern nur allzu deutlich - wittern hier die Chance, an den imperialistischen Kriegen der USA teilhaben zu können und davon zu profitieren. Die Religion der Habgier (--> Kapitalismus) tritt ein in eine neue Phase - und ich befürchte, es könnte die finale Phase sein.

Der einzige Ausspruch, dem ich aus dem widerlichen Kommentar des noch widerlichen Gottlieb zustimmen muss, ist dieser, wenn auch aus gänzlich anderen Gründen:

Es wird ernst.

In der Tat. Die Decke der Zivilisation ist allzu dünn, und es bedarf nur weniger Aktionen, um sie zu entfernen. Die Bande arbeitet eifrig daran.

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Das alte Spiel


Der Boden muss immer mal wieder gedüngt werden, damit der Weizen der internationalen Rüstungsindustrie blüht!

(Zeichnung von Eduard Thöny [1866-1950], in "Simplicissimus", Heft 47 vom 21.02.1932)