Montag, 2. März 2015

Religiöse Irre unter sich


Man glaubt es kaum: Häuptling Verfaulter Fuß hat im Eso-Blog "Jenseits der Realität" nun endlich herausgefunden, wo der wahre Feind seiner Glaubenslehre, die alle Menschen zu einem liebevollen Miteinander in seliger Dummheit führen könnte, zu finden ist. Potzblitz! Wer sich das zweiteilige pseudowissenschaftliche Geschwurbel selber durchlesen möchte, sei dringend vor akuter Hirnfäule gewarnt oder fasse es als vollendete Satire auf - für alle anderen verkünde ich das sensationelle Ergebnis des Rottenfuß'schen Verdauungsprozesses hier vorab: The Loser is ... *Trommelwirbel-mit-drohenden-Jericho-Posaunen* ... der "Satanismus - die versteckte Agenda des Neoliberalismus"!

Das steht da wirklich. Ich habe keine Lust dazu, auf irgendwelche Details aus diesem hanebüchenen Text, der sich, wie so oft, in epischer Länge durch die Belanglosigkeiten müht und dabei quasi nebenbei immer wieder in der schieren Textmasse allzu viele haarsträubende Absurditäten, haltlose Behauptungen und an Schwachsinn grenzende Schlussfolgerungen versteckt - das fängt beim äußerst amüsanten Definitionsversuch des Begriffs "Satanismus" an (Hauptquelle dafür ist, natürlich, ein Eso) und endet noch lange nicht bei der semi-klerikalen Feststellung, dass es sich dabei selbstverständlich nicht um eine Religion oder auch nur etwas "Glaubensähnliches" oder gar "Spirituelles" handele. Ich wüsste wirklich nicht, wo ich anfangen sollte, wenn ich diesen esoterischen Erguss des totalen Irrsinns tatsächlich ernsthaft kritisieren wollte. Es muss sich um Satire handeln.

Wenn ein religiöser Irrer, der sich im Besitz der einzig gültigen Wahrheit wähnt, einen religiösen Wahn wie den Kapitalismus zu ergründen versucht, ist es nur logisch, dass im Ergebnis ebenfalls ein religiöser Wahn zu finden ist - auch wenn der verkündende Guru diesem Ergebnis das Religiöse gleich wieder abspricht. Das "falsche Religiöse" ist eben nicht religiös in dieser aberwitzigen Denkweise: Das "TINA"-Prinzip ist das wesentlichste Merkmal aller religiösen Gruppierungen, ganz egal welcher Couleur.

Fazit: "Alles Fotzen außer Mutti."

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(Der Häuptling, wie ihn aufgeklärte, humorvolle Menschen gerne wahrnehmen.)


"Der Aberglaube gehört zum Wesen des Menschen und flüchtet sich, wenn man ihn ganz und gar zu verdrängen denkt, in die wunderlichsten Ecken und Winkel, von wo er auf einmal, wenn er einigermaßen sicher zu sein glaubt, wieder hervortritt."

(Johann Wolfgang von Goethe, aus: "Wilhelm Meisters Wanderjahre", 1829)

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P.S.: Ich habe diesmal erst gar nicht versucht, einen Kommentar bei den Esos zu hinterlassen - falls das jemand nachholen möchte, um den Häuptling auf diesen Kurzkommentar hinzuweisen, sei sich diese Person des höllischen Zornes der "Hochsensiblen" und der Nicht-Freischaltung dort drüben gewiss. :-)

P.P.S.: Ich weiß, ich weiß - ich sollte es lassen. Aber wenn der Wahnsinn so laut schreit, wie sollte ich da einfach weghören?

Samstag, 28. Februar 2015

Realitätscheck (16): Gone Home


Heute gibt's nur einen kleinen Exkurs in die virtuelle Welt, denn das Spiel, um das es geht, ist ebenfalls eher "klein". In "Gone Home", einem 3-D-Adventurespiel in Egoperspektive des kleinen Studios The Fullbright Company aus dem Jahr 2013 schlüpft der Spieler in die Rolle der amerikanischen Studentin Katie, die nach einem einjährigen Aufenthalt in Europa im Jahr 1995 zurückkehrt in die amerikanische Provinz in Oregon zu ihrer typisch amerikanischen (und heute allmählich aussterbenden) "Middle-Class"-Familie. - Es folgen Spoiler - wer das nicht möchte, sollte nicht weiterlesen.



Als Katie mitten in der Nacht an ihrem Elternhaus ankommt, muss sie allerdings feststellen, dass niemand daheim ist, und so macht sich der Spieler daran, das Haus nach und nach zu erkunden und vielfältige Hinweise zu sammeln, was mit den Eltern und der jüngeren Schwester Samantha geschehen ist. Am Anfang ist völlig unklar, in welche Richtung die Geschichte sich entwickeln wird - es wird gekonnt mit verschiedensten Elementen aus dem Adventure-Bereich bis hin zum Horrorszenario gespielt, was dem Spiel eine ganz eigentümliche, sehr spannende Atmosphäre verleiht. Im Grunde ist es aber einfach eine nacherzählte Geschichte, die allerdings mit so vielen Details gespickt ist, dass es trotz des anfänglichen Unbehagens eine helle Freude ist, dem roten Faden zu folgen.

Begleitet wird die voranschreitende Story von gesprochenen Passagen aus dem Tagebuch der Schwester Samantha, von dem Katie im ganzen Haus verstreut immer wieder einzelne Seiten findet. Letzten Endes offenbaren sich hier ganz normale "bürgerliche Abgründe", die das Bild von der "heilen Familie", wie es nicht erst seit 1995 und nicht nur in den USA stets allzu schönfärbend gezeichnet wurde und wird, arg ins Wanken bringt: Der Vater ist arbeitslos; die Mutter macht "Karriere" und geht daraufhin mit einem anderen, nämlich beruflich "erfolgreichen", Mann fremd; die pubertierende Tochter hört Punk-Musik, bekommt schulische Probleme, beginnt eine lesbische Beziehung und flüchtet schließlich aus der "bürgerlichen Hölle".

Das hört sich vielleicht etwas dröge an, ist es aber in keiner Weise: Das kleine Spiel ist eine wahre Perle der verdichteten Atmosphäre, wie ich sie selten zuvor in einem Computerspiel erlebt habe - es ist das Genre-Äquivalent zu einer fesselnden Kurzgeschichte, die altbekannte Horrorelemente zur Veranschaulichung des ganz normalen spießbürgerlichen Horrors unserer zerbröckelnden Zeit benutzt.

Nach drei bis vier Stunden ist das Erlebnis leider schon vorbei - daher halte ich den momentanen Preis für dieses Spiel (20 Euro), trotz aller fast schon perfektionistischer Detailfülle, für sehr überzogen. Wer es selber spielen möchte, sollte also etwas warten - es wird wohl nicht so lange dauern, bis man es wesentlich günstiger bekommen kann. Es lohnt sich in jedem Fall.


Lived long and prospered: Leonard Nimoy ist tot, Spock lebt weiter


Leonard Nimoy ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Für mich ist das ein wehmütiger Anlass, meine freie Zeit in den kommenden Tagen und Wochen auch dazu zu nutzen, mir wieder einmal die komplette Spielfilmreihe von Teil 1 bis 10 anzusehen (die beiden fürchterlichen Schrottfilme danach, mit denen jede Vision zu Grabe getragen wurde, gehören selbstredend nicht mehr dazu).



Filmszene aus "Star Trek V: Am Rande des Universums": Kirk, Pille und Spock machen Landurlaub in der Natur und sitzen spät abends am Lagerfeuer. Kirk und Pille stimmen schließlich den alten Kanon mit dem Text an: "Row, row, row your boat gently down the stream. Merrily, merrily, merrily, merrily, life is but a dream." Als später alle drei im Finsteren in ihren Schlafsäcken liegen, entspinnt sich zu einem schwarzen Bildschirm der folgende Kurzdialog:

Spock: Captain?
Kirk: Was ist, Spock?
Spock: Captain, der Text ist Unsinn. Das Leben ist kein Traum.
[Pause]
Kirk: Schlafen Sie, Spock.


Freitag, 27. Februar 2015

Song des Tages: The Human Bondage




(Angel Dust: "The Human Bondage", aus dem Album "Of Human Bondage", 2002)

Out of my darkness it's rising in me
Discovers the feelings hidden so deep
I lose myself

Affection for sadness and longing for pain
I is dividing, deciphers the madness
I lose myself

Oh, the human bondage ...

No way to control it, I have to obey
Just can't deny it, so deep inside me
I lose myself

My personal demon is linking the shades
I could never see, now I know who I am
I see myself

Oh, the human bondage ...

I hate you - I hate you - I hate you -
I am you!

Oh, the human bondage ...


Mittwoch, 25. Februar 2015

"Sprachhygiene": Von Arschlöchern und verknöcherten Zwergen, nicht nur in der Satire


Der geschätzte Satiriker Georg Schramm hat im Rahmen seines jüngsten Auftrittes beim "Politischen Aschermittwoch" in Berlin in seiner Rolle als "Lothar Dombrowski" den ehrwürdigen Herrn Minister Wolfgang Schäuble als "hässlichen, verknöcherten Zwerg" bezeichnet. Ich gebe zu, dass ich beim Ansehen arg geprustet und diese von Schramm gewohnt deutlichen Worte regelrecht gefeiert habe.

Im Anschluss habe ich dazu eine kleine Mailkorrespondenz mit einem anderen Zuschauer dieses Videos geführt, der eine ganz andere Meinung vertrat und in dieser Schramm'schen Bezeichnung gar eine Diffamierung sah, die sich in erster Linie an der körperlichen Behinderung Schäubles orientiere. Ich war zunächst überrascht und erstaunt ob dieser Sichtweise und habe mir darüber einige Gedanken gemacht, die ich hier - falls sich jemand dazu äußern mag - zur Diskussion stellen möchte.

Ich habe beim Ansehen von Schramms Vortrag nicht einmal ansatzweise den Verdacht gehegt, er habe hier die Tatsache, dass Schäuble im Rollstuhl sitzt, für seine satirische Charakterisierung benutzt. Wenn er das tatsächlich hätte tun wollen, hätten sich ganz andere Bezeichnungen angeboten. Eine Wortwahl wie "ein hässlicher, verknöcherter Zwerg" ist - nach meinem Empfinden - völlig unabhängig von einer etwaigen Behinderung des Protagonisten zu betrachten: man könnte einen neoliberalen Hardliner wie Schäuble mit Fug und Recht exakt genauso charakterisieren, wenn er nicht behindert wäre.

Zur Satire gehört seit Urzeiten auch eine Überzeichnung von physischen Merkmalen - ich kann mich nicht daran erinnern, dass jemals jemand Anstoß daran genommen hat, beispielsweise Kohl als "den Dicken" oder als "Birne" zu bezeichnen. Und diese Bezeichnungen beinhalten, ganz im Gegenteil zu Schramms Formulierung, noch nicht einmal irgendwelche satirische Mehrdeutigkeiten.

Das Thema "Sprache" und deren Gebrauch ist sehr wichtig für mich, was angesichts meines Berufes, der mit Sprache und Musik unmittelbar zusammenhängt, auch nicht weiter verwundert. Ich persönlich habe beispielsweise überhaupt keine Probleme mit Wörtern wie "Neger", "Mohr", "Zigeuner" oder auch "Michel". Eine mit solchen Begriffen einhergehende gedankliche Ab- oder auch Aufwertung findet ja nun stets im Schädel des Rezipienten statt, und für mich sind diese Wörter schlichtweg neutrale Bezeichnungen ohne jedwede Wertung. Das mögen andere Menschen anders empfinden, gewiss - allerdings beschränkt sich dieses Phänomen ja nicht auf eine bestimmte Auswahl von Begriffen, sondern betrifft die gesamte Sprache. In den USA beispielsweise war es in gewissen faschistischen Kreisen in den 60ern und 70ern üblich, Schwarze als "Afro-Amerikaner" zu bezeichnen, was damals eigentlich ein gängiger, sozialwissenschaftlicher Begriff war. Der eine Amerikaner hat diesen Begriff damals also neutral-wissenschaftlich benutzt, während ein anderer ihn bereits rassistisch belegt hatte. Wer will nun festlegen, ab wann ein Begriff nicht mehr benutzt werden darf, da er "rassistisch" sei?

Rassistisch ist stets nur das Denken - einzelne Wörter werden dafür lediglich, je nach Bedarf, und gerne auch je nach Gruppe unterschiedlich, instrumentalisiert.

Nach meinem Dafürhalten macht es überhaupt keinen Sinn, einen Begriff, der von manchen ZeitgenossInnen abwertend benutzt wird, einfach durch einen neuen Begriff, der aber exakt dasselbe bezeichnet, zu ersetzen. Wir erleben das gerade wieder hautnah: Das Wort "Asylant" beispielsweise hat in Deutschland in gewissen Kreisen längst eine abwertende, negative Konnotation - es dürfte nicht mehr allzu lange dauern, bis auch dieses Wort in den Reigen der "rassistischen" Begriffe aufgenommen wird. Bereits heute kommt es im "politisch korrekten" Sprachgebrauch allenfalls noch in abgeschwächter Form ("Asylbewerber") vor; meist wird es aber schon ersetzt durch Synonyme wie "Flüchtling" oder "Migrant".

Davon abgesehen erfahren Wörter oftmals eine von der eigentlichen Bedeutung abgekoppelte Entwicklung. Ein plakatives Beispiel dafür ist die heute gängige Beschimpfung "Pisser". Jeder Mensch muss schließlich urinieren, und dennoch wird dieses Wort heute gemeinhin als Beleidigung benutzt und aufgefasst - mir erschließt sich das allerdings nicht, denn ich lasse regelmäßig Wasser und dies meist auch sehr gerne; ich bin demnach mehrmals täglich ein "Pisser". Dasselbe gilt für Bezeichnungen wie "Wichser" etc. Da kommen wieder ganz andere Aspekte ins Spiel, die den BenutzerInnen eines solchen Wortes meist nicht bewusst sind, nämlich die psycho-soziale Konditionierung, in der menschliche Ausscheidungen wie Kot, Urin, Schweiß oder auch Sperma als etwas generell Abstoßendes empfunden werden. Ein anderes Beispiel ist die Beschimpfung "Opfer" - ein versierter Psychologe könnte sicher sehr erhellende Bemerkungen dazu verfassen.

All das hat freilich auch Auswirkungen auf Satire. Wie kommt man darauf, eine Bezeichnung wie "hässlicher, verknöcherter Zwerg" für eine widerliche Figur wie Schäuble als rassistisch oder behindertenfeindlich aufzufassen? Ich hätte es vielleicht etwas weniger poetisch ausgedrückt und den Mann einfach ein "autoritäres, habgieriges, korruptes Arschloch" genannt. Wäre das vielleicht weniger diffamierend gewesen? Und ab wann ist eine Diffamierung eigentlich "erlaubt" bzw. auch nötig, um das tatsächlich schäbige, gar menschenfeindliche Tun einer Person zu illustrieren bzw. anzuprangern?

Ich persönlich nehme in dieser Hinsicht inzwischen kein Blatt mehr vor den Mund und schäme mich nicht, solche Menschen, die ich als Arschlöcher erkannt zu haben glaube, auch als solche zu bezeichnen. Und derer gibt es in den politischen Schergenreihen gar viele. Auch ein Rollstuhlfahrer, eine Übergewichtige, ein Hässlicher oder eine Dumme kann ein Arschloch sein - und wir sollten uns davor hüten, diesen Umstand verschweigen zu wollen.

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Die Nutznießer


"Janz recht hat er, der amerikanische Koofmich - das Pack soll sparen. Wir Staatserhaltenden kommen ja ooch immer zu kurz!"

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 35 vom 28.11.1927)

Dienstag, 24. Februar 2015

Zeitzeugen sprechen über Auschwitz (10): Schnipsel des alltäglichen Horrors


Der folgende Text besteht aus kurzen Auszügen aus den Zeugenaussagen der Holocaust-Überlebenden Georg Severa und Paula Rosenberg, die im Rahmen des sogenannten 1. Frankfurter Auschwitzprozesses am 06.08.1964 und 24.09.1964 dokumentiert wurden. Die kompletten Aussagen können - ebenso wie unzählige weitere Zeugenaussagen - auf den Seiten des Fritz-Bauer-Instituts nachgelesen und auch im Original angehört werden.

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Georg Severa:

Und als ich in den Bunker kam, da hat immer ein deutscher Artist [namens Bruno Graf] uns verschiedene Schlager gesungen und gesagt, dass er im Stehbunker ist und Schlage ihn zum Verhungern verurteilt hatte. [...] [Denn] der Schlage war in dieser Zeit in Urlaub, und da haben andere Häftlinge, die Kalfaktoren, die den Bunker da [...] betreut haben, ihm etwas zum Essen und immer zum Trinken gereicht. Und als Schlage aus dem Urlaub wieder retour kam, da hat er sich gewundert, dass dieser Häftling noch am Leben ist. [...] Und diese Häftlinge hat er beschuldigt, dass sie ihm Essen gegeben haben. [...] Als er aus dem Urlaub kam, hat er dann aufgepasst, damit er keine Nahrung mehr bekommt, dieser Häftling. [...] Der hat uns immer verschiedene Schlager vorgesungen, und mit jedem Tag war er immer schwächer, so dass er dann zum Schluss nur so gebrüllt hat wie ein Tier vor Hunger, und an einem Sonntag im Februar, da war er schon tot, da hat [man] ihn [...] herausgezerrt aus diesem Stehbunker.

[...]

Ja, das kann ich bezeugen mit reinem Gewissen, denn selbst in diesem Todesbunker waren auch größere Zellen, wo auch manchmal 30 Menschen eingepfercht wurden, die auch vor Hunger sterben mussten.

[...]

[In] Gleiwitz wurden die schwachen Häftlinge, die sozusagen arbeitsunfähig beziehungsweise sehr mager waren, ausgewählt. Und zwar mussten sie nackt durchgehen durch den Entkleidungsraum und das Bad. [...] Und da haben der Angeklagte Klehr und noch andere mit dem Lagerleiter Otto Moll die Leute ausgesucht. Die mageren, abgemergelten Menschen ausgesucht und nur die Nummern aufgeschrieben. Und dann mit der Zeit kam ein Lastwagen, und da wurden diese aufgeschriebenen Häftlinge dann nach Auschwitz gebracht [und vergast].

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Paula Rosenberg:

Ich hatte in der Erregung etwas vergessen, was für mich der schrecklichste Eindruck war, als ich in das Lager Birkenau kam. Wir sind aus dem Zug ausgestiegen, schon, wie ich vorhin geschildert habe, dass wir voneinander getrennt wurden, und gingen dann ins Lager. Plötzlich kam ein Auto angefahren mit einem SS-Offizier, und der Reifen platzte an dem Auto. Und wir mussten dieses Auto schieben. Also Sie wissen ja, dass eine Blocksperre war, wenn Transporte ankamen, und dass kein Häftling [seine] Baracke verlassen durfte. Aber ein Häftling stand vor der Baracke. Da stand ein Strauch vor dieser Baracke und dahinter eine Frau, ein Häftling. Und sie zeigte uns wie ein Tier – also, ob wir was zu essen hätten. Eine Kameradin, die noch eine Konserve aus dem Zug mitgenommen hatte, die warf ihr das zu. Der SS-Mann, der hat nicht gesehen, wer das geworfen hat, aber dass der Häftling was aufgenommen hat. Er zog seinen Revolver und schoss auf diese Frau, ja, er traf sie mitten ins Gesicht, und sie stürzte blutüberströmt zusammen.

Das war mein erster, also der zweite schreckliche Eindruck nach dem Aussuchen zu den Selektionen. Ich hatte sehr große Angst, ich war ja damals noch fast ein Kind, und das war mein erster Eindruck. Und ich muss sagen, im Lager selbst habe ich so viel Schreckliches gesehen, was man also kaum beschreiben kann. Ich war auch Augenzeuge davon, wie viele, viele Menschen für die Vergasung ausgesucht wurden. Denn es waren fast täglich Appelle, und jeder Appell war praktisch damit verbunden, dass für die Selektion ausgesucht wurde.

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Die Auschwitz-Ärzte des Todes



(Dokumentation von Emil Weiss, 2012)

Montag, 23. Februar 2015

Zitat des Tages: Die Maulwürfe


Die Maulwürfe, oder:
Euer Wille geschehe!


I
Als sie, krank von den letzten Kriegen,
tief in die Erde hinunterstiegen,
in die Kellerstädte, die drunten liegen,
war noch keinem der Völker klar,
dass es ein Abschied für immer war.

Sie stauten sich vor den Türen der Schächte
mit Nähmaschinen und Akten und Vieh,
dass man sie endlich nach unten brächte,
hinab in die künstlichen Tage und Nächte.
Und sie erbrachen, wenn einer schrie.

Ach, sie erschraken vor jeder Wolke!
War's Hexerei oder war's noch Natur?
Brachte sie Regen für Flüsse und Flur?
Oder hing Gift überm wartenden Volke,
das verstört in die Tiefe fuhr?

Sie flohen aus Gottes guter Stube.
Sie ließen die Wiesen, die Häuser, das Wehr,
den Hügelwind und den Wald und das Meer.
Sie fuhren mit Fahrstühlen in die Grube.
Und die Erde ward wüst und leer.

II
Drunten in den versunkenen Städten,
versunken, wie einst Vineta versank,
lebten sie weiter, hörten Motetten,
teilten Atome, lasen Gazetten,
lagen in Betten und hielten die Bank.

Ihre Neue Welt glich gekachelten Träumen.
Der Horizont war aus blauem Glas.
Die Angst schlief ein. Und die Menschheit vergaß.
Nur manchmal erzählten die Mütter von Bäumen
und die Märchen vom Veilchen, vom Mond und vom Gras.

Himmel und Erde wurden zur Fabel.
Das Gewesene klang wie ein altes Gedicht.
Man wusste nichts mehr vom Turmbau zu Babel.
man wusste nichts mehr von Kain und Abel.
Und auf die Gräber schien Neonlicht.

Fachleute saßen an blanken, bequemen
Geräten und trieben Spiegelmagie.
An Periskopen hantierten sie
und gaben acht, ob die anderen kämen.
Aber die anderen kamen nie.

III
Droben zerfielen inzwischen die Städte.
Brücken und Bahnhöfe stürzten ein.
Die Fabriken sahn aus wie verrenkte Skelette.
Die Menschheit hatte die große Wette
verloren, und Pan war wieder allein.

Der Wald rückte näher, überfiel die Ruinen,
stieg durch die Fenster, zertrat die Maschinen,
steckte sich Türme ins grüne Haar,
griff Lokomotiven, spielte mit ihnen
und holte Christus vom Hochaltar.

Nun galten wieder die ewigen Regeln.
Die Gesetzestafeln zerbrach keiner mehr.
Es gehorchten die Rose, der Schnee und der Bär.
Der Himmel gehörte wieder den Vögeln
und den kleinen und großen Fischen das Meer.

Nur einmal, im Frühling, durchquerten das Schweigen
rollende Panzer, als ging's in die Schlacht.
Sie kehrten, beladen mit Kirschblütenzweigen,
zurück, um sie drunten den Kindern zu zeigen.
Dann schlossen sich wieder die Türen zum Schacht.

(Erich Kästner [1899-1974], in: "Die kleine Freiheit. Chansons und Prosa 1949-1952", dtv 1989; erstmals Atrium 1952)




Samstag, 21. Februar 2015

Das Fahrradwunder


Technischer Fortschritt, Innovation und Modernisierung

Eine Gastglosse von Altautonomer

Nichts hat sich in den letzten Jahren so rasant entwickelt wie der technische Fortschritt beim Bau von Mountainbikes und Fahrrädern schlechthin (Stichwort "E-Bikes"). Mal ganz abgesehen vom Material der Rahmen, die ursprünglich (selbst bei Rennrädern) aus Stahl, dann aus immer leichterem Aluminium bestanden und heute aus Kohlefasern (Carbon) gebaut werden, gehören andere Teile wie Lenker, Felgen, Sattelstützen und Bremszylinder aus Carbon heute schon zur Standardausstattung eines mittelpreisigen Mountainbikes. Die Konkurrenz kämpft um jedes Gramm Gewichtsreduktion.

Einen regelrechten Aufschwung™ legte aber der sogenannte "Antrieb" hin. Die ersten offenen Zweiventiler der Bergfahrräder des Erfinders Gary Fisher hatten noch vorne an der Kurbel drei Kettenblätter und hinten acht Ritzel (im Volksmund alles "Zahnräder" genannt). Das war der klassische Drei-in-acht-Antrieb. Dann wurde umgestellt auf neun, dann auf zehn Ritzel hinten, also der Drei-in-zehn-Antrieb mit 30 Gängen, die allesamt niemals zum Einsatz kamen, weil der diagonale Verlauf der Kette z.B. in der Kombination innenliegendes Kettenblatt vorne und äußeres, kleines Ritzel hinten dies nicht mitmachte. Lange Zeit hielt sich als Innovation dann die Drei-in-zehn-Version verschiedener Produzenten, bis bei den Überlegungen um eine Gewichtsreduzierung der Zwei-in-zehn-Antrieb offeriert wurde. Heute bietet die Firma SRAM sogar einen Eins-in-elf-Antrieb an. Doch das ist noch nicht das Ende.

Mittlerweile gibt es kabellose Elektroschaltungen, die mit jeweils einer Batterie am Schaltknopf des Lenkers und am Umwerfer der Ritzel ausgestattet sind. Schaltzüge und Schaltzughüllen entfallen. Dieses W-Lan in der Zweiradtechnik ist für knapp 2.000 Euro (also etwa fünf Monate Hartz IV) zu haben.

Als die Fahrradhersteller vor rund zwei Jahren festellten, dass sich der Markt trotz E-Bikes allmählich sättigte, wurden sogenannte Twenty-Niner auf den Markt geworfen. Das sind Mountainbikes mit 29-Zoll-Rädern, welche die seit über 25 Jahren üblichen 26-Zoll-Räder zwangsläufig ablösen werden, weil es sie nicht mehr zu kaufen geben wird.

Das sind die fortschrittlichen Segnungen, Innovationen und Modernisierungen des Kapitalismus.


Musik des Tages: Sinfonie Nr. 5, e-moll




  1. Andante - Scherzo (Allegro con anima)
  2. Andante cantabile, con alcuna licenza - Non Allegro - Andante maestoso
  3. Allegro moderato con patrioso
  4. Finale: Andante maestoso - Non Allegro - Presto furioso - Allegro maestoso - Allegro vivace

(Pjotr Iljitsch Tschaikowski [1840-1893]: "Sinfonie Nr. 5" e-moll, Op. 64 aus dem Jahr 1888; K&K Philharmoniker, Leitung: Matthias Georg Kendlinger)

Anmerkung: Diese Sinfonie gehört zu den Werken, die mich schon in den Jahren der Pubertät begeistert haben. Mein "erstes Mal" habe ich noch immer gut in Erinnerung: Anlässlich eines Wochenendbesuches bei kinderlosen Verwandten habe ich mich dermaßen gelangweilt, dass ich irgendwann angefangen habe, deren Schallplattensammlung durchzuhören - dabei stieß ich auch auf Tschaikowskis fünfte Sinfonie, die ich mir dann gleich vier- oder fünfmal nacheinander angehört und dabei "wie verzückt und der Welt entrückt" (Zitat meiner damaligen Gastgeber) vor den Lautsprecherboxen gehockt habe. Diese Musik ist einfach zeitlos - wild, aufregend und empfindsam.

Freitag, 20. Februar 2015

Zunehmende Armut: Und ewig grüßt der Zynismus


Es ist bereits zu einem jährlich wiederkehrenden Ritual geworden, dass die zunehmende Verarmung immer breiterer Bevölkerungsteile in Deutschland vom "Paritätischen Gesamtverband" medienwirksam aufbereitet in die Gazetten und damit unters Volk gebracht wird. So konnte man auch gestern beispielhaft bei n-tv wieder einmal lesen:

12,5 Millionen Deutsche sind arm / Der Paritätische Gesamtverband äußert sich besorgt. Es gebe einen "armutspolitischen Erdrutsch", noch nie sei die Kluft zwischen armen und reichen Ländern so groß gewesen. Dabei macht der Verband gleich mehrere Risikogruppen aus.

Dieser Bericht ist gleich in mehrfacher Hinsicht eine ebensolche Farce wie das zugrundeliegende Thema selbst. Einerseits wird durch die genannte Zahl von 12,5 Millionen Menschen suggeriert, es gebe bundesweit tatsächlich belastbare Zahlen, anhand derer ermittelt werden könne, wieviele Menschen in diesem Land tatsächlich arm sind. Die gibt es schlechterdings nicht - da fallen all jene ebenso durchs Raster, die eigentlich Anspruch auf staatliche Leistungen hätten, ohne diese in Anspruch zu nehmen, wie auch diejenigen, die nur über ein geringes Einkommen verfügen, das minimal oberhalb der willkürlich festgelegten "Armutsgrenze" liegt. Obdachlose bleiben ebenfalls unberücksichtigt, genau wie beispielsweise Studierende, die sich mühsam von einem prekären Semesterjob zum nächsten hangeln, oder auch allein und prekär arbeitende "Selbstständige". Meines Wissens - aber da kann ich mich irren - sind auch sämtliche in Deutschland lebende Flüchtlinge, denen bekanntermaßen noch weniger Geld als Erwerbslosen zugestanden wird, in dieser ominösen Zahl nicht enthalten.

Wie man angesichts dieser Datenlage in Verbindung mit einer absurden "absoluten Armutsgrenze" auf eine solche Zahl kommen und diese auch noch in Relation zu den Zahlen vergangener Jahre bringen kann, bleibt ein unlösbares, geradezu groteskes Rätsel. Die tatsächliche Armut in Deutschland dürfte wesentlich größer als dort berichtet sein.

Davon abgesehen betreiben der "Paritätische" und dessen Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider, die sich gerne als "Vorkämpfer gegen die Armut" gerieren, mir aber schon lange ein böser Dorn im Auge sind, hier ohnehin blanken Zynismus. Zur Lösung dieses gigantischen, unsäglichen und weiter zunehmenden Armutsproblems fordert der Verband nämlich tatsächlich - man lese und staune:

Als Gegenmittel verlangte der Paritätische eine Anhebung des Hartz-IV-Regelsatzes von 399 auf 485 Euro, Mindestsätze auch beim Arbeitslosengeld I sowie Beschäftigungsprogramme für Langzeitarbeitslose und "einen Masterplan für alleinerziehende Frauen".

Beim Barte des Propheten: eine so radikale, geradezu revolutionäre Forderung habe ich nun schon lange nicht mehr gelesen! Da sollen den Zwangsverarmten doch glatt stolze 86 Euro mehr ausgezahlt werden, und das Monat für Monat! Man kann sich gar nicht ausmalen, in welchem schillernden Luxus diese vielen Millionen Menschen plötzlich schwelgen könnten, wenn diese kommunistische Forderung Gehör fände! Ansonsten solle aber bitte alles so bleiben, wie es ist - den Hartz-Terror an sich findet der "Paritätische" offenbar ebenso toll wie "Beschäftigungsprogramme". Die faulen Säcke sollen offenbar ruhig für ihre paar Brotkrumen malochen müssen - auch dann, wenn es sich um sinnlose Arbeit (also "Beschäftigung") oder pure, schamlose Ausbeutung handelt. Der "Paritätische" nimmt selbst ja auch sehr gern die Dienste von Ein-Euro-Sklaven in Anspruch und will auf diese hübschen, kostenlosen und zur Arbeit gezwungenen Fachkräfte sicherlich nicht mehr verzichten. Immerhin verdient der Hauptgeschäftsführer dort, der besagte Herr Dr. Schneider, gewiss recht gut.

Das ist in einem kapitalistisch pervertierten Sinne durchaus "paritätisch" - allerdings darf sich ein solcher Verein bitte nicht "Wohlfahrtsverband" nennen. Eine Bezeichnung wie "Verband zur Sicherung des kapitalistischen Ausbeutersystems" wäre passender und vor allem etwas weniger zynisch.

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Habt Erbarmen mit den Sorgen eines armen alten Mannes



(Lithographie von Théodore Géricault [1791-1824] aus dem Jahr 1821)

Mittwoch, 18. Februar 2015

Zeitzeugen sprechen über Auschwitz (9): Schnipsel des alltäglichen Horrors


Der folgende Text ist ein kurzer Auszug aus der Zeugenaussage des Kommunisten und Holocaust-Überlebenden Hermann Holtgreve, die im Rahmen des sogenannten 1. Frankfurter Auschwitzprozesses am 31.07.1964 dokumentiert wurde. Die komplette Aussage kann - ebenso wie unzählige weitere Zeugenaussagen - auf den Seiten des Fritz-Bauer-Instituts nachgelesen und auch im Original angehört werden.

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In dem Jahre 1944 [Pause], ausgerechnet grade entweder eben vor Weihnachten oder auch gleich zu Heiligabend, [standen] zu beiden Seiten der Lagerstraße hohe Tannenbäume, die hell erleuchtet waren. Auf der rechten Seite, nach der Häftlingsküche ausgerichtet, hinter diesem Tannenbaum, stand ein großer Galgen. Und es wurden drei, es können auch vier Häftlinge gewesen sein, herangeführt. Und als diese Häftlinge oben das Podium betraten, da riefen die Häftlinge aus: "Es lebe der Sozialismus!" Daraufhin ist Herr Kaduk hergekommen und hat seinen Häftling erst noch verprügelt, und dann hat er ihm den Strick um den Hals gelegt. Herr Hofmann hat eigenhändig [den übrigen Häftlingen] den Strick um den Hals gelegt und auch den Schemel weggestoßen. [...] Anschließend hat Herr Hofmann eine Rede gehalten. Und zwar gipfelte die Rede darin, dass er sagte, diese Häftlinge würden zur Abschreckung für die anderen aufgehangen, und sie sollten drei Tage hängenbleiben, und dieses ist auch geschehen.

[...]

Und dann sagte Herr Hofmann [zu mir]: "Sie wissen doch, dass unser Führer ein Judenpogrom zu lösen" hätte. Ich habe die Frage bejaht, denn es blieb mir ja nichts anderes über. Dann bin ich mit diesen 100 Häftlingen rausmarschiert durchs Lagertor. Wir wurden draußen von der Wachmannschaft eingekreist, und so marschierten wir auf das Arbeitskommando zu. Als wir dort angekommen sind, verteilte sich die SS, so dass wir in der Mitte waren und die SS einen Ring bildete. Ich sagte zu den jüdischen Häftlingen: "Seid vorsichtig! Jeder, der außerhalb der Postenkette geht, wird ›auf der Flucht‹ erschossen."

Die Toilette wurde absichtlich außerhalb der Postenkette aufgestellt, so dass, wenn ein Häftling austreten musste – und man kann sich wohl vorstellen, dass Häftlinge aus der Strafkompanie wohl ziemlich durcheinander sind, [angesichts der] Angst, die sie haben. Und so sind Verschiedene durch die Postenkette gelaufen, und zwar auf folgende Weise: Man hat diesem Häftling, wenn er an diesen SS-Mann herantrat, die Mütze vom Kopf gerissen und hat sie außerhalb der Postenkette hingeschmissen und hat ihm dann gesagt, er soll die Mütze holen. Und bei diesem Mützeholen wurde dieser Häftling erschossen.

Ich darf wohl sagen, dass gerade an diesem Tag, meiner Meinung nach, eine regelrechte Treibjagd gewesen ist auf Häftlinge. Und so hatte ich an diesem Tage 28 Tote. Herr Hofmann kam im Laufe des Nachmittags mit einem Lkw herausgefahren und hatte sich dort mit dem Kommandoführer unterhalten. In der Regel war es ja so, dass wir Häftlinge unsere toten Kameraden ja immer selbst mit ins Lager bringen mussten. Aber in diesem Fall schickte Herr Hofmann einen Lkw heraus, und die Toten wurden darauf verladen. Ich gab des Abends nach dem Appell den Zettel ab, worauf die einzelnen Nummern der Häftlinge standen, und somit war dieser Tag beendet.

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Landschaft mit Grab, Sarg und Eule



(Zeichnung von Caspar David Friedrich [1774-1840] aus dem Jahr 1836/37. Bleistift und Sepia auf Papier, Kunsthalle Hamburg)

Dienstag, 17. Februar 2015

Zitat des Tages: Die Frau des Henkers


Die Frau des Henkers aß eines Mittags nicht mehr weiter.
Ihr Mann verspeiste grad ein junges Huhn.
Sie sah ihm zu ... und wusste nicht,
warum sie sich an ihren Hochzeitstag erinnern musste
und an die Myrthen, und dass jemand sang.
Es war ein weißes Huhn gewesen,
so sanft und weiß und warm
und ganz geduldig unter dem Messer.
Nun aß es ihr Mann, und ein Tropfen Fett
rann über seine weiß gebürsteten Finger.

Da schrie sie, ganz so, wie ihr Mann
es von manchen Verurteilten erzählte,
wenn sie ihn sahen.
Sie schrie und stieß ihren Teller von sich
und lief hinaus, durch den kleinen Vorgarten
und die Straßen der Stadt,
durch das Feld mit Mohn
und das Feld mit Weizen
und das Feld mit dem grünen Klee.
Sie suchten sie lange vergeblich.

(Hertha Kräftner [1928-1951], in: "Das blaue Licht. Lyrik und Prosa", Luchterhand 1981)

Montag, 16. Februar 2015

Realitätsflucht (15): A Final Unity


Die heutige Spielempfehlung greift - man glaubt es kaum - noch tiefer in die schon halb vergrabene Mottenkiste als ich das zuvor gewagt habe: Heute geht es um das "Point & Click"-Adventure "Star Trek: A Final Unity". Dieses von Spectrum HoloByte entwickelte Spiel aus dem Jahr 1995 entführt den Spieler - oh Wunder - auf die Brücke des Föderationsraumschiffs U.S.S. Enterprise 1701-D, wo die Crew um Captain Picard durch allerlei heikle Missionen am Rande der "neutralen Zone" (und natürlich weit darüber hinaus) gesteuert werden muss - was selbstverständlich auch viele Außenmissionen nach sich zieht.



Eines vorweg: Dieses Spiel ist so alt, dass es auf heutigen Computersystemen längst (meines Wissens spätestens seit Windows XP) nicht mehr läuft. Allerdings ist es relativ leicht, es mittels eines virtuellen Systems, das beispielsweise ein kostenloses Programm wie DOSBox generieren kann, auch unter Windwos 7 wieder zu neuem Leben zu erwecken - zumal es freundliche Zeitgenossen dort draußen gibt, die das Spiel als direkt installierbare Version inklusive DOSBox zum Download anbieten, so dass man nichts weiter tun muss als es einfach wie gewohnt zu installieren und zu starten. Das ist zwar illegal - wenn man allerdings im Besitz der Original-CD ist, sollte niemand etwas dagegen haben können, diese modifizierte Version zu benutzen.

Zur Geschichte will ich nichts weiter spoilern - es ist eben ein Star-Trek-Abenteuer der "Next Generation"-Crew, das sich keineswegs zu verstecken braucht und auch in filmischer Umsetzung angemessen ins Bild gepasst hätte. Die englische Vertonung des Spiels haben die originalen Schauspieler Patrick Stewart, Jonathan Frakes etc. übernommen - über die deutsche Version kann ich nichts sagen, da ich sie nicht gespielt habe. Zur Grafik muss ich wohl auch keine Bemerkungen verlieren - ein 20 Jahre altes Computerspiel weckt diesbezüglich wohl nirgends sonderlich hochtrabende Erwartungen. Gerade die Hintergrundgrafiken bei Außenmissionen erinnern allzu oft an expressionistische Gemälde, da sie nur aus verschwommenen Farbmixturen bestehen. Dennoch kann ich feststellen, dass es dem Spiel auch heute noch gelingt, dem Spielenden glaubhaft zu suggerieren, er sei ein Teil der Crew von Picard, Riker, Data, Crusher, La Forge, Troi und Worf. Dazu tragen auch die wunderbar detailgetreuen Umsetzungen des Computerinterfaces, des Computerlogbuches und natürlich die originalgetreuen Sounds bei - jeder "Trekkie" weiß schließlich, wie es sich anzuhören hat, wenn ein Kommunikator berührt wird, eine Tür sich öffnet oder der Computer benutzt wird.

Das alles - vom Spiel selbst bis hin zur dadurch vermittelten Metaebene der sozialistisch konzipierten Star-Trek-Welt - ist angesichts unserer heutigen, einmal mehr aus dem Ruder laufenden Zeit natürlich pure Nostalgie, ich weiß. Nichts anderes wollte ich aber erreichen, als ich das Spiel vor einigen Monaten installierte und ausprobierte. Und diesen Zweck hat es perfekt erfüllt. Sollte die Enterprise unseren Orbit auf einer Zeitreise jemals passieren, bitte ich sehnlichst darum, mitgenommen zu werden - und wenn ich auch nur als Koch oder Kellner in "Zehn Vorne" fungieren darf. Ich kann - anders als Neelix auf der Voyager - tatsächlich gut kochen! :-)

In dieser furchtbaren Endzeit des kapitalistischen Showdowns samt aller faschistischer Auswüchse möchte ich wirklich, wirklich nicht ausharren müssen.


Freitag, 13. Februar 2015

Song des Tages: Another Face In A Window




(Antimatter: "Another Face In A Window", aus dem Album "Leaving Eden", 2007)

They're all the same, assimilated
And here am I, born of a lost cause
The underdog, an alien in drag -
Dying

So who's to say there's any shame in
Being alone when the dogs are outside
In packs of ten, their muzzles removed -
Biting

I tried to save my inner sanctum
While all around we're still playing with fire

The fact remains:
I've never been moved to sell myself
I don't want to be another face in a window
Seeing life through a screen, bathed in a warm glow

Fade like so ...



Anmerkung: Dieser Song beschreibt ziemlich genau das, was ich tagtäglich fühle und denke, wenn ich mich in diese vollkommen irre, verdorbene Welt "da draußen" begeben muss und meine lieben Mitmenschen dabei beobachte, wie sie ihre Lebenszeit mit groteskem Tand, Blödsinn, Verrücktem und oft genug Gefährlichem sinnlos vergeuden und verplempern - während ich mich gezwungen sehe, exakt denselben Bockmist ebenfalls immer und immer wieder zu tun. Da will man den Leuten ganz moralisch den Spiegel vorhalten - und sieht letzten Endes doch wieder auch die eigene entstellte Fratze darin ... es ist so frustrierend.

Donnerstag, 12. Februar 2015

Die Esos und das "Ur-Weibliche": Der Irrsinn bildet böse Metastasen


Ja ja, ich weiß ... "Hinter den Schlagzeilen" lese ich seit Längerem nicht mehr, ein Informations- oder Erkenntnisgewinn ist dort in der Regel sowieso nicht zu erwarten. Dennoch lande ich gelegentlich über krude Wege immer noch auf dieser ominösen Seite und kann den dort verbreiteten esoterischen Blödsinn glücklicherweise meist nur als treffliche Realsatire auffassen, über den ich mich herzlich amüsiere und dabei gelegentlich sogar laut prusten muss. So war es auch diesmal, als ich dort einen "Beitrag" (der wie so oft lediglich aus einer Kopie des Teasers und einem Link zu einer anderen, noch ominöseren Seite bestand) mit dem feinsinnigen (sorry, Flatter) Titel fand: "Die Rückkehr des Ur-Weiblichen". Ich frage mich ja nach wie vor, was das "kompetente Redaktionsteam" dieser schlimmen Sektierer, die erst kürzlich um Geldspenden geworben haben, den lieben langen Tag treibt - das unkommentierte Kopieren von Teasern und Links sollte nicht so wahnsinnig zeit- und geldaufwändig sein. Aber egal.

Den verlinkten Text mag sich durchlesen, wer sich dazu in der Lage fühlt - ich jedenfalls war nach der Lektüre um eine ganze Armee Gehirnzellen ärmer, denn die ist einfach fassungslos und unvermittelt abgestorben, während sie noch mit der weißen Fahne wedelte. Dazu will ich auch weiter nichts sagen - wer solche Texte liest, ist schließlich selber schuld an seinem bitteren Elend. Doch zu jenem beschworenen "Ur-Weiblichen" muss ich doch einige Worte verlieren.

Mir fallen da gleich reihenweise Frauen ein, die wunderbar illustrieren, weshalb das alberne Märchen vom "weiblichen Prinzip", das im völligen Gegensatz zum "männlichen Prinzip" stehe (was auch immer dieses oder jenes sein soll), zurück in die mittelalterliche Mülltonne gehört, aus der es diese religiösen Irren gezerrt haben. Diese Liste ist rein subjektiv und kann nie vollständig sein - ich nenne jetzt nur mehr oder minder prominente Namen, die mir unmittelbar eingefallen sind:

Margaret Thatcher, Ursula von der Leyen, Angela Merkel, Katrin Göring-Eckardt, Eva Hermann, Marine Le Pen, Madeleine Albright, Friede Springer, Liz Mohn, Susanne Klatten, Silvia Quandt, Hannelore Kraft, Beate Zschäpe, Daniela Katzenberger ... und nicht zu vergessen Daisy Duck.

Dieses "weibliche Prinzip" hat bekanntermaßen nur Gutes, Friedvolles, Gerechtes und Menschenfreundliches auf Erden bewirkt - und tut es kontinuierlich auch weiterhin. Und der Kopf des verwirrten Esos ist ein symmetrischer Quader aus spirtuellem Beton voller rostiger Nägel und anderem Unrat. Es ist einfach nicht mehr nachzuvollziehen, wie diese Fantasten, die ich jetzt einfach mal freundlich Spinner nennen will, wie blöde auf geschlechterspezifischen Scheinmerkmalen herumreiten, während doch klar ersichtlich ist, dass der Kapitalismus fast alle Menschen zu ausgemachten, "eigenwohlorientierten" Arschlöchern macht - völlig ungeachtet des Geschlechts (oder anderer willkürlicher Unterscheidungen). Daran ändern auch mittelalterliche oder steinzeitliche Voodoo-Vorstellungen nichts, die der Uploader bei "Hinter den Schlagzeilen" offenbar im überbrodelnden Hirn hatte, als er das passende Bild zum bekloppten Posting ausgewählt hat.

Was kommt als nächstes? Das "Ur-Blonde"? Das "Ur-Bekiffte"? Oder gar das "Ur-Amöbiöse"? Diese Denkweise ist nichts anderes als zutiefst faschistisch und steht damit in böser Tradition mit den esoterischen Verwirrungen der Nazis vor 80 Jahren.

Ich plädiere eindringlich dafür, ab sofort das Ur-Äffische anzustreben - es ist schließlich längst kein Geheimnis mehr, dass Affen sich in der Regel weitaus humaner verhalten als es die meisten vom Kapitalismus deformierten Menschen tun. Ein Schimpanse als Kanzler könnte wohl kaum Schlimmeres anrichten als es das aktuelle "Ur-Weibliche" aus der Uckermark (welch ein widerlicher, geradezu obszöner Gedanke, ganz nebenbei, das "weiblich" nennen zu müssen) tut und weiterhin tun wird.

Es ist ein Trauerspiel ohnegleichen, dass ich so etwas im Jahr 2015 - und nicht etwa 1520 - schreiben muss.

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Zukunftsbild


"Die letzten Menschen haben einander umgebracht. Jetzt heißt es, wieder von vorn anfangen."

(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 23 vom 06.09.1922)

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P.S.: Selbstverständlich habe ich auch diesmal einen (kurzen) Kommentar (ohne Link zu diesem Posting oder Blog) bei meinen lieben Eso-Freunden hinterlassen, der wiederum nicht veröffentlicht wurde.