Montag, 8. Februar 2016

Fasching in Zeiten des (Prä-)Faschismus


Ein Gastbeitrag des Altautonomen

Mitten in der Hochphase des kalendarischen Humordiktats flippen die sich immer gern zu Tode amüsierenden Anhänger einer Schwachsinnskultur namens Karneval völlig aus. Alkoholisierte, grölende Massen auf Elferratssitzungen und Rosenmontagsumzügen, peinliche Witze und alberne Kostüme bestimmen für wenige Tage in wenigen Regionen des Landes das öffentliche Bild.

Zum Zwang, gut drauf zu sein, gab es bei feynsinn im März 2015 unter dem Titel "Los, sei lustig" einen guten Text, in dem es unter anderem heißt:

Ich hingegen verlange eine Aufnahme der Stimmungsautisten, Depressiven und Entnervten ins Antidiskriminierungsgesetz. Fortan soll, wer anderer Menschen Stimmung aufzuhellen versucht oder sie gar selbst dazu auffordert, ihre Stimmung zu wechseln, sanktioniert werden wie jeder andere miese Stalker.

Das Vergnügungskollektiv duldet nun mal keine Abweichler. Wer beim Ententanz oder beim Schunkeln der "Jecken" (übersetzt: "Verrückten") nicht mitmacht, ist verdächtig. Die besinnungslos und anlasslos ausgelassenen Massen ahnen nämlich ihre eigene Blödheit und fühlen sich durch Menschen, die nicht teilnehmen möchten, beobachtet. Beobachtung aber entblößt.

Damit Flüchtlinge durch derartigen Zinnober nicht irritiert werden, hat das Festkommitee der Organisatoren des Kölner Karnevals einen Infoflyer in verschiedenen Sprachen herausgegeben. Was darin als Tradition bezeichnet wird, ist heute die Lizenz zum Komasaufen, Fremdgehen und zu sexuellen Übergriffigkeiten. Flüchtlingen wird dieses beschönigende Aufklärungsflugblatt nicht viel sagen, hat es doch mit der Realität nur wenig zu tun. Denn die sieht in der Regel so aus, wie es ein Screenshot aus der WDR-Regionalsendung "Lokalzeit Dortmund" vom 4.2.2016 beispielhaft zeigt:



Für Menschen, die sich zwangsweise - aus völlig anderen Kulturkreisen kommend - in Deutschland aufhalten müssen, ist dies wohl eher ein derber Kulturschock, der auf sie sehr verstörend oder verängstigend wirken kann. Hier und heute entlarvt sich das Gerede von der "Leitkultur" und der "Integration in das deusche Wertesystem" als inhaltsleeres Geschwätz.

Und für so einen reaktionären Unsinn ist natürlich auch Geld vorhanden. Bisher kostete allein der Rosenmontagszug in Köln den Steuerzahler jährlich 1,7 Mio Euro. Durch den Einsatz von mehr Sicherheitspersonal wird dieser Betrag in diesem Jahr mit Sicherheit höher ausfallen.

"Konfetti! Kamelle! De Zoch kütt!"

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Anmerkung von Charlie: Eigentlich hatte ich vor, zu diesem Gastbeitrag eine ergänzende Doku zum Thema "Karneval in der NS-Zeit" einzufügen. Es gibt tatsächlich auch einige Filme dazu (meist vom WDR produziert bzw. ausgestrahlt), allerdings sind diese allesamt so grottenschlecht, da sie jedwede Distanz und erst recht jeden kritischen Blick auf den Karneval an sich rigoros vermeiden, so dass ich kein einziges Video gefunden habe, das ich mit gutem Gewissen hätte empfehlen können.

Daher steuere ich nur etwas bitteren Endzeithumor aus dem Jahr 1933 bei und verkrieche mich ansonsten vor dem bierseligen Stumpfsinn:

Eventueller Ausweg

In Adolfs Fass beginnt's zu gären.
Was wird dasselbige gebären?
Wenn wir uns lauschend drüber neigen,
vernehmen wir ein Blasen-Steigen.
Und Kenner, die es ernst beklopfen,
erwarten einen guten Tropfen.
Wogegen andere gehässig
auf Schlempe raten oder Essig.
Ja, manche sind geneigt zu glauben,
die Gärung sprenge bald die Dauben.

Gesetzt, es würde wirklich krachen
- was sollten wir mit Adolf machen?

Höchst einfach: allerwärts stehn Throne,
geeignet, dass er sie bewohne;
denn Stadt und Land und Berg und Tal
braucht einen Prinzen Karneval.

(Ratatöskr alias Hans Erich Blaich [1873-1945], in "Simplicissimus", Heft 44 vom 29.01.1933)

Samstag, 6. Februar 2016

Realitätsflucht (29): Lucius 2


Der heutige Exkurs in die Realitätsflucht ist nur etwas für psychisch Kranke, Sadisten und hartgesottene Freunde des tiefschwarzen Humors. Es geht um das Adventure Lucius 2: The Prophecy des kleinen finnischen Entwicklerstudios Shiver Games aus dem Jahr 2015. Es handelt sich um die direkte Fortsetzung des ersten Teils (2012), der in Deutschland allerdings aus nicht nachvollziehbaren Gründen indiziert und damit nicht erhältlich ist.

Das macht allerdings nichts, denn am Beginn des Spieles wird man ausführlich über die Ereignisse aus dem ersten Teil informiert, so dass man diesen zweiten Teil problemlos spielen kann, ohne den ersten zu kennen. Auch Lucius 2 ist übrigens, obwohl bereits im Februar 2015 erschienen, in Deutschland bislang nicht veröffentlicht worden, so dass man das Spiel lediglich über die Steam-Krake oder als Import-DVD erwerben kann. Ich habe mich vor einem halben Jahr für die zweite Variante entschieden und die DVD direkt in Finnland - damals übrigens für weniger als zwei Euro - bestellt. Den furchtbaren Steam-Zwang wird man dadurch allerdings nicht los.



Spoilerwarnung

Zur Story gibt es nicht viel zu sagen: Wie schon im ersten Teil schlüpft man hier in die Rolle des achtjährigen [!] Lucius, der selbstverständlich kein gewöhnliches Kind, sondern der leibhaftige Sohn des Teufels ist. In dieser Funktion muss der Spieler für die Rückkehr Satans auf Erden wirken - und diese Aufgabe besteht einzig und allein darin, auf dem Weg durch die detailreich gestaltete Spielwelt möglichst viele Leute ins Jenseits zu befördern. Man tut also nichts anderes als in Gestalt eines kleinen, harmlos aussehenden Jungen durch die verschiedenen Regionen zu laufen (oder wahlweise mit dem Dreirad zu fahren) und dabei wahllos zu töten - und zwar auf höchst unterschiedliche Arten. Ich kann und will hier nicht alle Möglichkeiten auflisten, sondern nur eine kleine Auswahl nennen. Man kann unter anderem die folgenden Tötungsvarianten benutzen:

  • vergiftete Sandwiches verteilen
  • Benzin verschütten und ein Feuerzeug werfen
  • Gift in die Kaffeemaschine füllen
  • Wasserleitungen unter Strom setzen (für den Toilettengang oder das Händewaschen)
  • selbstgebastelte Bomben platzieren
  • Gasbehälter, Heizungsanlagen oder Hydranten zur Explosion bringen
  • einen Defibrillator oder ein Narkosegerät an Schlafenden benutzen
  • eine Nagelpistole abfeuern
  • einen Kran bewegen, dessen schwingender Haken tödliches Unheil anrichtet u.v.m.

Dies ist, wie gesagt, nur eine kleine Auswahl. Anfangs gestaltet sich diese Aufgabe noch recht einfach und hat so manche urkomische Szene zur Folge - im weiteren Verlauf wird das aber immer schwieriger, zumal die (auf der Spielkarte rot eingefärbten) Bereiche, in denen der kleine Lucius sich nicht aufhalten darf und bei Entdeckung ziemlich schnell geschnappt wird, immer zahlreicher werden. Und wenn er geschnappt wird, bedeutet das einen Verlust von Lebens- und Erfahrungspunkten oder gar - wenn es zu oft geschieht - das Ende des Spiels.

Die Reise beginnt - wie sollte es auch anders sein - in einer Psychiatrie, durch die sich der kleine Junge auf seinem Weg nach draußen munter hindurchschnetzeln muss, um in den nächsten Bereich, das Dorf Ludlow, zu gelangen. In einem solchen Hospital ergeben sich natürlich unzählige Möglichkeiten, wie man Patienten, Besucher, Ärzte und Pflegepersonal mehr oder weniger diskret meucheln kann. Dabei gibt es einige kleine Quests zu erledigen, die zum Fortkommen wichtig sind - und je mehr Meuchelmorde man verübt, desto schneller steigt man auf und kann Erfahrungspunkte in drei verschiedene Spezialfertigkeiten investieren, die im weiteren Spielverlauf sehr wichtig werden. So kann man beispielsweise "Telekinese" erlernen, die es erlaubt, Gegenstände aus der Ferne zu benutzen; man kann die Fähigkeit erwerben, andere Personen mental zu "übernehmen" und sie so zu gewissen, meist todbringenden Handlungen veranlassen; oder man kann den Feuerzauber erlernen, um Leichen direkt nach dem Mord verschwinden zu lassen, damit andere NPCs, die ansonsten negativ darauf reagieren, nicht auf das schändliche Tun aufmerksam werden.

Es gibt im Spiel reichlich "Eastereggs", die auf bekannte Filme aus dem Horror-Genre verweisen - an einer Stelle muss der kleine Lucius beispielsweise auf der Säuglingsstation des Krankenhauses dafür sorgen, dass aus den Neugeborenen später so illustre Personen wie Freddy Krueger oder Michael Myers werden (von denen man zumindest einen im späteren Verlauf wiedersieht).

Außerdem gibt es mehrere "Geheimnisse" zu entdecken - so trifft Lucius im Krankenhaus beispielsweise in einer verschlossenen Toilette (deren Schlüssel man natürlich nur durch die Ermordung des in der Nähe herumlaufenden Pflegers erhält) auf ein munter kopulierendes homosexuelles Paar. Manche "Geheimnisse" haben sich mir beim ersten Durchspielen noch nicht erschlossen - ich weiß beispielsweise nicht, wozu der rosafarbene Dildo gut ist, den man an einer anderen Stelle des Spiels findet. Vielleicht will ich das auch gar nicht wissen.

Dieses überaus kranke, urkomische, tiefschwarzhumorige Spiel hat mir großen Spaß bereitet, weshalb ich die wenigen bisher erschienenen Rezensionen im deutschsprachigen Raum, die allesamt recht negativ ausgefallen sind, nicht nachvollziehen kann. Wer einen solchen (politisch natürlich gänzlich inkorrekten) Humor nicht besitzt, sollte ein solches Spiel nicht spielen - diese Binsenweisheit hat sich wohl noch nicht überall herumgesprochen. Wer hier mit "Ernst" an die Sache - also das Spiel - herangeht, kann nur verlieren und derbe enttäuscht werden.

Auf meinem Win7/64-System gab's keine Probleme - Abstürze kamen nicht vor und auch die (anfangs wohl noch recht umfangreichen) Bugs sind mit dem jüngsten Patch weitgehend ausgebügelt. Die Sprachausgabe (Englisch mit optionalen deutschen Untertiteln) ist zwar professionell, aber leider völlig matschig abgemischt, so dass man tatsächlich die Untertitel benötigt, um alles zu verstehen. Die Musik ist kein großer Wurf, aber dem Spiel völlig angemessen.

Wer also schon immer mal als kleines, unschuldiges Kind ein Krankenhaus und eine Kleinstadt entvölkern wollte, um danach im örtlichen Wasserwerk dafür zu sorgen, dass auch der Rest der Menschen in der Region ins Gras beißt, nur um danach die biblischen Plagen der Apokalypse für den Rest der Menschheit in die Wege zu leiten, um Satans Herrschaft den Weg zu ebnen, ist mit diesem herrlichen Indie-Spiel aus dem hohen Norden bestens bedient. - Wer sich jetzt hingegen verwundert am Kopf kratzt oder gar angewidert dreinschaut, sollte tunlichst die Finger davon lassen und stattdessen weiter Biene-Maja-Texte lesen - und sich eingehend darüber wundern, dass ein Pazifist allen Ernstes und natürlich ohne finanzielle Interessen ein solches Spiel bewirbt.


In Memoriam Maurice White


Maurice White ist am 3. Februar im Alter von 74 Jahren in Los Angeles gestorben. Seine letzten Bühnenauftritte hatte der damals bereits schwerkranke Sänger und Songschreiber während der Japan-Tournee seiner Band im Jahre 2004. Das verlinkte Video stammt aus einem Konzert in Japan 1990.



(Earth, Wind & Fire: "After The Love Has Gone", aus der DVD "Live in Japan", 1998; ursprünglich aus dem Album "I Am", 1979)

Freitag, 5. Februar 2016

Zitat des Tages: Stellenjagd


Was hab' ich nicht alles schon probiert:
jeden Morgen die Arbeits-Annoncen studiert.
Ich stehe um fünf Uhr auf, um der erste zu sein,
aber nie bin ich allein.

Ich notiere schnell und laufe im Trab
auch die entferntesten Stellen ab.
Freilich, mein Äußeres ist nicht mehr repräsentativ -
die Absätze sind schief,
und jung bin ich auch nicht mehr.
Mit leerem Magen fällt Haltung schwer.

Wenn ich Adressen zu schreiben bekäme,
ich machte es billig.
Wenn man mich wo als Ausgeher nähme,
ich liefe willig.

Ich war einmal Bürochef in erster Firma
und sah dazumal bessere Zeit;
meine Frau stammt aus gutem Haus und heißt Irma,
nun geht es ihr schlecht, und das tut mir leid.

Die wertvollen Sachen sind im Pfandhaus verfallen.
Die Halsabschneider haben uns längst in den Krallen.

Zum Glück gibt das Wohlfahrtsamt jetzt Kohlen und Holz,
damit unser Hunger nicht friert.
Früher hätten wir uns der milden Gaben geniert,
aber Not kennt keinen Stolz.

Die Buben sollten aufs Gymnasium gehn -
das ist nun aus.
Ich weiß nur eines bestimmt, wir sehn'
uns nicht mehr hinaus.

Neulich fuhr mein Abbaudirektor vorbei,
er lehnte im Auto in molligen Polsterkissen.
Zwischen ihm und mir steht mein christlich' Gewissen
und schließlich - die Polizei.

(Julius Zerfaß [1886-1956], in "Simplicissimus", Heft 46 vom 09.02.1931)

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[Der dicke Kapitalist]


"Tja - große Gewinne erfordern kleine Opfer!"

(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 7 vom 12.05.1920)

Donnerstag, 4. Februar 2016

Braune Propaganda bei der "Propagandaschau": Die Agitatoren


Über das unsägliche Blog "Propagandaschau" habe ich mich ja bereits vor gut einem Monat schon einmal ausgelassen und dort resümiert: "Die Endzeit war seit 1945 nie näher ... und die 'Propagandaschau' ist ein dicker, brauner, übelriechender Wegweiser auf diesem Untergangspfad."

Seitdem hat sich dort natürlich nichts zum Besseren verändert - eine kleine Stichprobe vor einigen Tagen hat mir das deutlich gezeigt. Die Blogpostings dieses Menschen, der sich "Dok" nennt, verursachen nach wie vor oft üble Pickel auf der Netzhaut oder direkt Gehirnblutungen - der Bodensatz der KommentatorInnen dort aber spielt inzwischen in derselben Liga wie die Schmutzschleudern von "PI", "CSU" oder "BLÖD". Was es da an fremdenfeindlichen, teils offen rassistischen und völkisch-nationalistischen, gelegentlich auch antisemitischen Auswürfen zu lesen gibt, ist nicht nur aufgrund der offen zur Schau gestellten Dummheit unerträglich. Ein paar Beispiele dazu (ich zitiere wörtlich, also inklusive aller Schreibfehler):

Dresdner: "Wenn der Schußwaffeneisatz an der Grenze gegen illegal eindringende Personen ausgeschlossen wird, bedeudet das doch unsere völlige Selbstaufgabe. Das Ganze ist doch eine Posse zum Totlachen, nur daß am Ende unser Volk als solches tot ist. Es werden Millionen und aber Millionen hier hereinströmen und mit allem pipapo sogar noch in Hotels gestopft und der deutsche Werktätige muß das alles erschuften. Ich frage mich nur, wo die deutschen Patrioten bleiben, die Eliten, das Militär usw. Wieso sehen alle tatenlos zu, wie unser Volk niedergemacht wird. Im Januar sind schon wieder über 60 000 Illegale nach Deutschland eingedrungen. Wann wird dem Wahnsinn endlich ein Ende bereitet? Es darf von mir aus auch ein Ende mit Schrecken sein."

Derselbe: "Sie verunglimpfen hier alle jene, die sich für den Erhalt unserer Deutschen Nation und und die Werte, die für unsere Nation stehen, einsetzen."

Helge: "Aber vielleicht gehören [zu den Flüchtlingen] Terroristen, die im Windschatten des Flüchtlingsstroms unregistriert über die Grenzen einsickern wollen. Und genau die würden sich auch bei einer tatsächlich stattfindenden Kontrolle einer solchen entziehen wollen… und genau die stellen tatsächlich eine höhere Gefahr für das Rechstgut der öffentlichen Sicherheit dar, so dass Waffengebrauch im Fall der Fällle auch rechtmäßig erscheinen könnte… (Konjunktiv!)"

Seewolf: "Je näher die Landtagswahlen heranrücken um so mehr ,steht die AFD auf der Anklagebank."

hhaien: "Ist mir heute aufgefallen, das auf dem Kinderkanal verstärkt Werbung für MultKulti gemacht wird und wie toll doch die Bereicherung duch die Neuankommenden ist… Zum Beispeil bei der Sendung Löwenzahn. Bei einer anderen Sendung wurde noch eine 7-köpfige Syrische Familie gezeigt, die nach kurzer Zeit eine schöne neue und geräumige Wohnung mit Balkon und gut gelegen, also nicht in einem Hochhaus und etwas grün draußen, beziehen konnten. Natürlich komplett neu eingerichtet und die Miete wird natürlich auch übernommen. Naja selbst schuld, wenn die befürftigen deutschen kinderreichen Familien nicht die syrische Staatsbürgerschaft beantragen…"


Und so geht das munter weiter - ich könnte noch seitenweise ähnliche und noch schlimmere Gehirnfürze zitieren - diese hier stammen allesamt aus dem Kommentarstrang zu nur einem einzigen "Propagandaschau"-Posting. Dabei ist die Wortwahl dieser offenkundigen Hohlbirnen, unabhängig vom Inhalt, schon bezeichnend genug: Da wird frisch und frei von "unserer Deutschen Nation" (natürlich groß geschrieben) und von "Flüchtlingsströmen", die ins Land "einsickern" wollen, schwadroniert; die arme AfD werde permanent und natürlich völlig zu unrecht "angeklagt" - und selbstredend darf auch die "siebenköpfige syrische Familie" nicht fehlen, die wie gewohnt in widerlichster rassistischer Manier gegen die "bedürftigen deutschen kinderreichen Familien" ausgespielt wird. Diese Beispiele sind, wie gesagt, nur ein kleiner Auszug - die Palette an dicken Kackwürsten ist dort wesentlich umfangreicher.

Ich frage mich inzwischen nicht mehr, was das für Menschen sind, die so etwas schreiben (einige Kommentatoren benutzen ja sogar selbsterklärende Nicknamen, wie bespielsweise Klein-Adolf "hhaien") - allerdings wird für mich die Frage stetig evidenter, was denn das für Menschen sind, die das regelmäßig - und vermutlich wohlwollend - lesen und es zudem für "die Wahrheit" oder gar "Aufklärung" halten?

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Der Agitator



(Gemälde von George Grosz [1893-1959] aus dem Jahr 1928, Öl auf Leinwand, Stedelijk Museum Amsterdam, Niederlande)

Montag, 1. Februar 2016

Unser freundlicher Überwachungsstaat: Schutz der Staatsmacht


Wie unser korruptes Regime tickt, kann man beispielhaft an einer kleinen Randnotiz, die auf den Seiten des WDR am vergangenen Donnerstag veröffentlicht wurde, ablesen. Dort heißt es:

Mit sogenannten Body-Cams geht die Bundespolizei seit [sic!] Freitag (29.01.2016) an den Hauptbahnhöfen in Köln und Düsseldorf auf Streife. Ein Jahr lang sollen die tragbaren Kamerasysteme von Beamten getestet werden. Danach sollen die Body-Cams möglicherweise zur Standard-Ausrüstung der Bundespolizei gehören. Hintergrund der Aufrüstung sei "die zunehmende Gewalt und Respektlosigkeit gegenüber der Polizei", sagte der Präsident der Bundespolizeidirektion St. Augustin, Wolfgang Wurm.

Ich möchte mich an dieser Stelle selbstverständlich nicht über den Namen des hochverehrten Präsidenten lustig machen (obwohl es mir arg in den Fingern juckt), sondern auf ein kleines Detail hinweisen, das NRW-Innenminister Jäger (ASPD) dieser akuten Orwellisierung hinzugefügt hat. Es heißt in der Meldung nämlich weiter:

Ob [diese Maßnahmen] zum Schutz der Polizei beitragen könnten, und ob die Auswertung der Bilder zur anschließenden Strafverfolgung rechtlich möglich sei, werde noch geprüft. Im Herbst solle das Ergebnis der Innenministerkonferenz vorgelegt werden.

Das lassen wir mal sacken. Da wird also eine neue Eskalationsstufe in der Bevölkerungsüberwachung für ein ganzes Jahr zu "Testzwecken" eingeführt, um ausdrücklich lediglich die Polizei - und nicht etwa die Bevölkerung oder gar irgendwelche Minderheiten - zu schützen. Außerdem wissen die Verantwortlichen nicht, ob eine solche Maßnahme überhaupt sinnvoll ist, sondern hegen zusätzlich noch arge Zweifel, ob sie sich überhaupt im grundgesetzlich erlaubten Rahmen bewegen. Das macht aber alles nichts, "getestet" wird trotzdem - und in einem Jahr kräht ohnehin kein Hahn mehr danach, so dass einzig eine Klage vorm Bundesverfassungsgericht noch eventuelle Abhilfe verspräche. - Ob sich die "testende" Bundespolizei nun wohl im Fokus des "Verfassungsschutzes" befindet? Wir wissen ja so wenig.

Wenn Staatsschergen (in diesem Fall Bundespolizisten) in einem zunehmend autoritär auftretenden Staat mit Kameras durch die Gegend laufen und anlasslos alles filmen und speichern, was ihnen bei ihren "Streifen" und Einsätzen vor die Linse gerät - was soll da schon passieren? Datenschutz war schließlich gestern - heute muss in erster Linie die Staatsmacht geschützt werden - natürlich vor der Bevölkerung. Vor wem denn auch sonst.


Samstag, 30. Januar 2016

Song des Tages: The Last Hour of Ancient Sunlight




(Draconian: "The Last Hour of Ancient Sunlight", aus dem Album "A Rose for the Apocalypse", 2011)

Black is the sunlight shimmering below;
It flows through life and the guilt we share
Our sorrow, it cuts through the undergrowth,
As we abandon this ravenous earth alone

The zeitgeist dimmed the surface and seized the soul
Our mother wept behind the fence,
And we drained her blood, then forgetting her face,
And hide from everyone

To breathe, to conquer,
To linger, to utilize the ignorant herd

In rapture from nature we divorce,
Like orphans by desire,
From this closing light

The bewildered sleep -
The shadowy voyager is lurking;
He's in the flesh of landscapes vaporous
The vacant, untiring sovran of old.
He's the machinery; igniting the paralyzed soil

We took the blood of the earth
And fell in love with death
With life itself as an excuse

Black is the sunlight shimmering below;
It flows through life and the guilt we share

We're hiding in chorus as starry eyes close,
And seasons part in farewell;
'cause we drained her blood, then forgetting her face
To hide from everyone

The bewildered sleep -
The shadowy voyager is lurking;
He's in the flesh of landscapes vaporous
The vacant, untiring sovran of old.
He's the machinery; igniting the paralyzed soil


Freitag, 29. Januar 2016

Zitat des Tages: Der Prolet


Was treibt dich, dieses Leben fortzufahren,
Prolet, in deinem schmierigen Gewand,
nachdem der Wollust jugendlicher Brand
erlosch nach allzu schnell verrauschten Jahren?

Hohläugig, hager, mit ergrauten Haaren,
so stehst du vor dir selber angespannt
und schleppst dich in ein sonnenloses Land,
um dich zuletzt dem Ekel zu verpaaren

und in der nächsten Pfütze zu verenden.
O könntest du den Blick noch einmal heben,
o könnt ich dir mit meinen weißen Händen

der Rache Fackelbrände übergeben,
dass sie in einem seligen Verschwenden
verzehrten uns und dein zertretnes Leben!

(Gustav Sack [1885-1916], in: "Gesammelte Werke in zwei Bänden", S.Fischer 1920)


Donnerstag, 28. Januar 2016

Von roten Armbändern und gelben Sternen


Die Stigmatisierung von Flüchtlingen schreitet weiter voran. Eine Vorreiterrolle nehmen diesmal die Briten ein, die den neoliberalen Horror im "reichen" Teil Europas bislang am konsequentesten umgesetzt und damit eine finstere Vorhölle für den Großteil der dort lebenden Menschen geschaffen haben. Bei n-tv war am vergangenen Montag zu lesen:

Asylsuchende im walisischen Cardiff müssen Tag und Nacht ein deutlich zu erkennendes rotes Armband tragen. Das berichtet der "Guardian". Hintergrund ist die Regelung des privaten Betreibers des örtlichen Flüchtlingsheims: Ohne die Armbänder erhalten die Asylsuchenden kein Essen. Die Bänder sind nicht abnehmbar. / (...) In Middlesbrough im Nordosten Englands stattete eine private Immobilienfirma Häuser für Flüchtlinge mit roten Türen aus. Mehrere Bewohner der Unterkünfte berichteten von Übergriffen und verbalen Anfeindungen.

Angesichts solcher Tendenzen kommt mir sprichwörtlich die "kalte Kotze" hoch. Es ist sicher kein Zufall, dass solche Maßnahmen ausgerechnet in Einrichtungen von "privaten" Betreibern vorkommen: Wenn der gewollt geschrumpfte Staat essenzielle Aufgaben wie beispielsweise die Unterbringung und Verpflegung von Flüchtlingen an profitorientierte Firmen auslagert, ist es im Rahmen des perversen kapitalistischen Systems nur folgerichtig, dass diese mit allen Mitteln versuchen, die "Kosten" zu senken, indem sie beispielsweise dafür sorgen, dass sich niemand eine Mahlzeit "erschleicht", für dessen Ernährung die betreffende Firma sich gar nicht "zuständig" fühlt.

Die Aktion mit den roten Türen verstehe ich allerdings nicht. Ist das auf bloßen Rassismus bei den Verantwortlichen jener Firma zurückzuführen? Oder welche Ziele mag das Immobilienunternehmen ansonsten damit verfolgen? Mir fällt jedenfalls kein "Mehrwert" ein, den ein Unternehmen verzeichnen könnte, wenn es die Wohnhäuser, in denen Flüchtlinge leben, auf diese Weise für alle kenntlich macht, denn es "verdient" schließlich mit diesen Menschen - was pervers genug ist - Geld.

Gestern, am 27. Januar, wurde in Deutschland mit gewohntem Pathos, mit Kranzniederlegungen und salbungsvollen Reden der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus begangen, während nationalistische, völkische und offen rassistische Entwicklungen in ganz Europa längst wieder auf dem kapitalistisch forcierten Vormarsch sind - natürlich und gerade auch in Deutschland. Diese stetig von Medien und Politik angefeuerte Pogromstimmung ruft bei mir blankes Entsetzen hervor, für das ich kaum angemessene Worte finde.

Allmählich erübrigt sich die Frage, wohin Europa steuert, da der furchtbare Weg ja deutlich und für alle sichtbar vor uns liegt.


Juden müssen unter Aufsicht der SS vor einem Mob von widerlichen Gaffern mit kleinen Bürsten die Straße säubern (ca. 1940, aus "In einer Welt der Toten und der Larven")

Montag, 25. Januar 2016

Musik des Tages: Scheherazade




(Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow [1844-1908]: "Scheherazade. Sinfonische Dichtung nach der Erzählung "Tausendundeine Nacht" aus dem Jahr 1888, Vienna Philharmonic Orchestra, Leitung: Waleri Abissalowitsch Gergijew, 2005)

  1. Das Meer und Sinbads Schiff (Largo e maestoso - Allegro non troppo)
  2. Die Geschichte vom Prinzen Kalender (Lento - Andantino - Allegro molto - Con moto)
  3. Der junge Prinz und die junge Prinzessin (Andantino quasi allegretto - Pochissimo più mosso - Come prima - Pochissimo più animato)
  4. Feier in Bagdad. Das Meer. Das Schiff zerschellt an einer Klippe unter einem bronzenen Reiter. (Allegro molto - Vivo - Allegro non troppo maestoso)

Anmerkung: Dieses wunderbare Musikstück vereint alles, was heute als "böse" gilt: Ein russischer Komponist, der sich mit orientalischen Themen auseinandersetzt - und obendrein noch ein russischer Dirigent, der diese nicht zuletzt von den Nazis verbotene Musik ausgerechnet in Salzburg zur Aufführung bringt. Heutzutage stünde - nicht bloß in Österreich - vor der Konzerthalle gewiss der pöbelnde Pegida-Mob zur "Rettung der abendländischen Kultur", ohne das Groteske eines solchen dadaistischen Szenarios auch nur im Ansatz zu erfassen.

Samstag, 23. Januar 2016

Das ewige Krimi-Gedöns


Für einen TV-Boykotteur wie mich ist es eigentlich unerheblich, was die Verdummungssender dieses Landes da unablässig in die Welt koten. Leider kommt es aber gelegentlich vor, dass ich bei der buckeligen Verwandtschaft oder bei Freunden dennoch mit den Auswürfen von ARD, ZDF, RTL, Sat1, Pro7 & Co. konfrontiert werde - und das Ergebnis ist, wie soll ich das formulieren, ein regelrechtes Blutbad.

Leben nur noch Zombies in diesem Land, deren Gehirn genüsslich von halb verwesten Mitzombies verspeist wurde? Wer zur Hölle schaut sich diesen Mist an, der da Tag für Tag, Stunde für Stunde ausgekotzt wird?

Bei meinen diesbezüglichen Stippvisiten in der deutschen TV-Landschaft ist mir aber eines ganz besonders heftig - quasi messergleich (*Brüllwitz*) - ins Auge gestochen: Neben völlig debiler Hirnmatsche, bestehend aus dämlichen Shows, "Doku-Soups" und Pseudo-Dokumentationen ("Aldi oder Lidl - welcher Discounter ist besser?" - und das Hirn fliegt kreischend davon) besteht ein wesentlicher Teil des Programms inzwischen aus dem immer gleichen Krimi-Gedöns.

Es ist fatal - offenbar gibt es keine anderen Geschichten mehr, die es zu erzählen lohnt. Dafür findet man zu nahezu jeder Tages- oder Nachtzeit in der Flimmerkiste irgendwelche polizeilichen Arschlöcher, die laut Drehbuch die "Guten" sind und dem ewig lauernden "Bösen" mit jeden erdenklichen Mitteln zu Leibe rücken. Es ist sicher nur ein Zufall, dass hierbei kaum ein TV-Polizist ohne gesetzeswidrige Handlungen auskommt: Da wird getrickst, gelogen und betrogen, dass sich die Balken biegen - stets aber im "Namen der guten Sache" und zum "Schutz der BürgerInnen", versteht sich. Man scheißt wiederholt und ausdrücklich auf Gesetze und hält es stattdessen wie der Wild-West-Cowboy, dessen "Recht" bekanntlich das bessere ist. - Ich kann so etwas nicht anschauen ohne einen ständigen Brechreiz zu verspüren.

Man stelle sich eine Bibliothek vor, deren Bestand zu 90 Prozent aus dämlichen Kriminalgeschichten besteht, in denen die staatlichen Schergen die "Guten" und der Rest der Bevölkerung "Verdächtige" sind. Die große Kunst der Literatur wäre in diesem Falle schon lange, sehr lange ausgestorben. Aber im TV "ermitteln" die Staats-Bullen fleißig um die Wette, als gäbe es kein Morgen.

Es vergeht kaum eine Stunde an einem beliebigen Tag in diesem Land, an dem nicht auf mindestens einem Kanal - meist sind es zeitgleich mehrere - irgendwelche Kommissare oder sogar Geheimdienstwichser auf Verbrecherjagd gehen. Anscheinend leben wir in einer vollkommenen Verbrechenshölle, in der einjeder ständig von bösen Mördern bedroht ist und aus der uns einzig eine gesetzeswidrig handelnde Staatsmacht erretten kann. So etwas brennt sich ins Hirn unbedarfter BürgerInnen - und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass dies vielleicht doch nicht ganz so zufällig geschieht.

Als ich kürzlich gezwungen war, einen "Tatort" ansehen zu müssen, weil ich keine Lust hatte, 90 Minuten mit einer Schachtel Zigaretten und einem Kaffeepott auf der eisigen Terrasse zu verbringen, musste ich den folgenden Dialog (keine wörtlichen Zitate) verfolgen:

Bulle 1: "Wir dürfen in diese Wohnung jetzt nicht einfach so eindringen, dafür bräuchten wir einen gerichtlichen Beschluss!"
Bulle 2: "Hörst Du denn nicht diese verzweifelten Schreie?"
Bulle 1: "Hä?"
Bulle 2: "HÖRST DU DENN NICHT?"
Bulle 1: "Äh ... jetzt, wo Du es sagst ..."
Bulle 2: "Da ist eindeutig 'Gefahr im Verzug'!"
Bulle 1: "OK ... also dann: Attacke - wir entern die Bude!"

Danach bin ich, in einen dicken Mantel gehüllt, für den Rest des "Tatort"-Abends bibbernd, aber immerhin halbwegs hirngesund im Exil der vereisten Terrasse geblieben.

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Der neueste Lustmord


"Ein Bild aus dem Familienleben"

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 6 vom 11.05.1931)

Freitag, 22. Januar 2016

Zitat des Tages: Die Zeit fährt Auto


Die Städte wachsen. Und die Kurse steigen.
Wenn jemand Geld hat, hat er auch Kredit.
Die Konten reden. Die Bilanzen schweigen.
Die Menschen sperren aus. Die Menschen streiken.
Der Globus dreht sich. Und wir drehn uns mit.

Die Zeit fährt Auto. Doch kein Mensch kann lenken.
Das Leben fliegt wie ein Gehöft vorbei.
Minister sprechen oft vom Steuersenken.
Wer weiß, ob sie im Ernste daran denken?
Der Globus dreht sich und geht nicht entzwei.

Die Käufer kaufen. Und die Händler werben.
Das Geld kursiert, als sei das seine Pflicht.
Fabriken wachsen. Und Fabriken sterben.
Was gestern war, geht heute schon in Scherben.
Der Globus dreht sich. Doch man sieht es nicht.

(Erich Kästner [1899-1974], in: "Herz auf Taille. Gedichte", mit Zeichnungen von Erich Ohser alias e.o. plauen, Deutsche Verlags-Anstalt 1928)


Paukenschlag des Tages: "Gemeinsame Werte" und "Missverständnisse"


Ich gehe mal davon aus, dass dies keine satirische Aktion ist: Fefe hat am Dienstag seinen Austritt aus dem CCC Berlin erklärt. Die Begründung für diesen Schritt habe ich verlinkt, ein Nachtrag dazu findet sich hier.

Haben die (keinesfalls zwingend "ferngesteuerten") U-Boote, die schon die SPD, die Grünen, die Piraten und unzählige andere einstmals mehr oder weniger kritische Organisationen unterwandert und erfolgreich versenkt bzw. "eingenordet" haben, nun auch den CCC erreicht?

Welch ein fatales Signal in dieser finsteren Zeit der unablässig schrumpfenden Opposition.

Mittwoch, 20. Januar 2016

Realitätsflucht (28): Two Worlds II & Pirates of the Flying Fortress


Heute führt mich die - immer dringender notwendig werdende - Realitätsflucht ins Fantasy-Reich Antaloor: Es geht um das Rollenspiel "Two Worlds II" des polnischen Entwicklerstudios Reality Pump aus dem Jahr 2010.



Zur Geschichte möchte ich hier, wie immer, nicht allzu viel verraten: Auch in diesem Spiel schlüpft man in die Rolle des "namenlosen Helden" (Parallelen zur Gothic-Reihe sind allenthalben zu finden) und muss das Land von fiesen Monstern, Untoten, allerlei anderen Bedrohungen und natürlich vom Tyrannen, der hier Gandohar heißt, befreien. Die Story ist also alles andere als neu, immerhin aber relativ hübsch und unterhaltsam erzählt. Es gilt, verschiedenste Haupt- und Nebenquests zu erledigen, wobei diese Unterscheidung in diesem Spiel wenig sinnvoll ist, da man zum Einen diverse Nebenquests benötigt, um mit der Haupthandlung voranzukommen, und da zum Anderen der größte Teil des Spieles aus Nebenquests besteht und man mehr als die Hälfte der Spielwelt gar nicht mitbekäme, wenn man lediglich dem Hauptteil folgte.

Es gibt ein genreübliches Levelsystem, in dem man nach dem Erreichen gewisser Erfahrungswerte Attributs- und Skillpunkte für verschiedene Eigenschaften und Fähigkeiten des Helden vergeben kann. Es gibt den "Krieger", der die Feinde mit Schwertern, Äxten, Hellebarden oder Hämmern niedermetzelt, den "Waldläufer", der eher dem Bogen oder der Armbrust zugetan ist, den "Meuchelmörder", der sich schleichend mit einem Dolch an seine Gegner heranschleicht, und natürlich den unvermeidlichen "Magier". Abgesehen davon, dass ich persönlich noch kein einziges Mal in einem solchen Spiel einen Magier gespielt habe, weil ich das einfach langweilig finde, ist das Magiesystem in "Two Worlds II" so dermaßen konfus ausgefallen, dass es mich an den wenigen Stellen im Spiel, an denen man es zwingend benutzen muss, in den Wahnsinn getrieben hat. Die Menschen, die sich das ausgedacht haben, müssen entweder Sadisten oder stark drogensüchtig gewesen sein.

Hübsch ist hingegen die Idee, dass man gesammelte Waffen und Rüstungen nicht bloß verkaufen kann, um Goldberge zu erlangen (die man im Spiel ohnehin anhäuft und kaum sinnvoll verwenden kann), sondern sie auch in ihre Bestandteile "zerlegen" darf, um die eigenen Waffen und Rüstungsteile damit aufzuwerten. So kann man im Verlauf des Spieles beispielsweise der benutzten Waffe und den angelegten Rüstungsteilen verschiedene "Wertekristalle" hinzufügen, die der Waffe bzw. dem Helden höchst unterschiedliche, zusätzliche Attribute verleihen (z.B. mehr Stärke, mehr Tragkraft, Feuer- oder Frostschaden etc.). Auch das Alchemiesystem ist durchaus gelungen - es war nie einfacher, sehr unterschiedliche Tränke zu brauen, von denen einige im Spiel durchaus notwendig sind und das vorzeitige Ableben des Helden verhindern können.

Es gibt eine Menge unterschiedliche Waffen, leider aber nur recht wenige Rüstungen im Spiel zu finden. Hervorzuheben sind auch die Fallen, die man auslegen kann, um Gegner hineinlaufen zu lassen und aus sicherer Entfernung ihrem Ableben oder zumindest ihrer deutlichen Schwächung zuzusehen. Ich habe diese Fähigkeit zwar nicht sonderlich weit ausgebaut, da ich viel lieber mit gezückter Zweihandaxt mitten in die Horde der Gegner stürme und wild um mich schlage (was zuweilen freilich ebenfalls ein vorzeitiges Ableben des Helden zur Folge hat), einige Versuche fand ich aber dennoch höchst amüsant.

Es handelt sich leider nicht um ein wirkliches "Open World"-Spiel, da die Handlung auf mehreren Inseln, die zudem in verschiedene Regionen aufgeteilt sind, spielt, die meist erst nach und nach freigeschaltet werden. Mich stört das allerdings nicht, denn streng linear ist das Spiel trotzdem nicht. Die Gestaltung der Landschaften und Städte bzw. Dörfer ist durchweg gelungen - es bleibt lediglich zu konstatieren, dass die Wildnis in Antaloor erschreckend leer ist: Wenn man abseits der Wege durch die Gegend streift, gibt es nahezu nichts zu entdecken (Reality Pump ist eben ein kleines Studio und kann nicht dasselbe leisten wie Bethesda & Co). Besonders hervorzuheben ist hier die Stadt New Ashos, die fernöstlich gestaltet ist und teilweise wie eine mittelalterliche japanische oder chinesische Stadt wirkt. So etwas kenne ich aus anderen Spielen dieses Genres bislang nicht.

Die Handlungen der Quests sind größtenteils recht gelungen - und teilweise äußerst witzig und abwechslungsreich. Anders sieht es bei den Standardgegnern aus - da ist es mir mehrmals passiert, dass ich an denen einfach vorbeigelaufen bin, weil ich schlichtweg keine Lust mehr hatte, den 118. Panther oder die 276. Riesenameise niederzumetzeln. Dafür gibt es in "Two Worlds II" tatsächlich das eine oder andere Rätsel, das zumindest rudimentär diese Bezeichnung verdient - sowie einige Labyrinthe, von denen mich das schwierigste einige Nerven und vor allem viel Zeit gekostet hat, um hinein- und wohlbehalten auch wieder hinauszufinden. Die Höhlen und meist unterirdischen Ruinen, die es zu erkunden gilt, gleichen sich leider oftmals stark. Da sie hier aber längst nicht so oft vorkommen wie beispielsweise in "Oblivion" oder "Skyrim", stört das nicht allzu sehr.

An der Grafik gibt es nichts auszusetzen (für das Jahr 2010 ist sie, entgegen der Behauptung im unten verlinkten Review) äußerst ansprechend), die Musik ist eher mittelmäßig (von guten und mitreißenden Passagen über durchschnittliche Plagiate bis hin zur belanglosen Fahrstuhldudelei ist alles vertreten) und die deutsche Synchronisation professionell und durchweg überzeugend.

Ein Hauptkritikpunkt bezüglich "Two Worlds II" sind die - trotz aktuellster Patches - nach wie vor vorhandenen Bugs. So kann es vorkommen, dass nach einer gelösten Aufgabe eine eigentlich vorgesehene Videosequenz nicht startet und man minutenlang auf einen schwarzen Monitor starrt, bis man begreift, dass man die Escape-Taste drücken muss, um die Sequenz zu überspringen und weitermachen zu können. Außerdem - und das ist wichtig für alle, die das Spiel noch ausprobieren möchten - stürzt es unweigerlich regelmäßig ab. Das betrifft laut diverser Foren nicht bloß mein Win7/64-System, sondern offenbar alle Windows-Versionen. Deshalb gilt hier die goldene Regel, die für Spiele dieser Art ohnehin zu beachten ist, ganz besonders: Häufiges Speichern, möglichst nach jedem Kampf, ist äußerst sinnvoll, um unnötigen Frust zu vermeiden. Die Tastenkombination "Alt/F1" für das Schnellspeichern geht einem hier in Fleisch und Blut über.

Eine weitere Kritik betrifft das spieltechnische Design: Es ist unverkennbar, dass das Spiel nicht allein für PC, sondern auch für Konsolen entwickelt wurde, was wie immer zur Folge hat, dass die wesentlich umfangreicheren Möglichkeiten des PCs nicht ausgeschöpft, nicht einmal angekratzt werden. Diese Konsolen-Kacke werden wir wohl nicht mehr los. Allein das Inventar ist schon eine konsolengeschuldete Unverschämtheit, die spätestens in der zweiten Spielhälfte, wenn man ziemlich viel Zeug mit sich herumträgt, zum Ärgernis wird (wurde mit dem Add-on ein kleinwenig verbessert).

Pirates of the Flying Fortress

Zum Add-on aus dem Jahr 2011 ist zunächst festzustellen, dass es sich - anders als bei so vielen anderen Spielen - tatsächlich um zusätzliche Inhalte handelt und nicht bloß um eine Komponente des Hauptspieles, die zu Profitzwecken separat verkauft wird. Allerdings irritiert das Spiel dennoch ein wenig, denn die Piraten-Thematik kommt im Hauptspiel überhaupt nicht vor - es ist inhaltlich völlig unsinnig, dass der strahlende Held und Retter Antaloors hier nun plötzlich von einem zwielichtigen Piratenkapitän angeheuert wird. Lässt man derlei logischen Klamauk aber beiseite, muss ich gestehen, dass es eine sehr gelungene Erweiterung des Spieles ist, die äußerst viel Spaß macht und teilweise sehr abgedreht daherkommt - Drogen sind für Entwickler von Rollenspielen offenbar das, was für normale Menschen der Kaffeepott ist.

Fazit

"Two Worlds II" ist ein rundum gelungenes, sehr umfangreiches Rollenspiel (70 Stunden Hauptspiel und 30 Stunden Add-on - bei meiner gemächlichen, stets alles erkundenden Spielweise) mit einigen Schwächen, die aber durchaus auszuhalten sind. Ich habe es gewiss nicht zum letzten Mal gespielt.



Dienstag, 19. Januar 2016

Film des Tages: Aus der Hölle




Anmerkung: Ich habe lange versucht, einen angemessenen Kommentar zu diesem Film zu schreiben. In diesen Versuchen war stets die Rede von Kapitalismus und Faschismus, von Menschenfeindlichkeit und unserer heutigen furchtbaren Zeit, in der es in dieselbe schauderhafte Richtung geht - all das ist aber im Papierkorb gelandet, weil dieser Film keinen Kommentar benötigt. Seht euch das an, so unerträglich es auch sein mag, und zieht eure eigenen Schlüsse.