Mittwoch, 26. November 2014

Ich glotzte zwei Monate TV: Ein Resümee


Vor einiger Zeit hatte ich angekündigt, dass ich mich - als bekennender "So-gut-wie-nie-TV-Glotzer" - verstärkt mit diesem Medium auseinandersetzen werde. Ich habe das im Rahmen meiner Möglichkeiten inzwischen getan und muss das "Experiment" nun abbrechen und teilweise für gescheitert erklären, weil ich es schlicht nicht mehr ertrage, so viel Zeit mit Propaganda, Müll und Schlimmerem zu verplempern. Das Ergebnis mag weder für mich, noch für so manchen Mitlesenden befriedigend sein - aber dazu mehr in den Einzelheiten:

Zunächst musste ich die Auswahl dessen, was ich anzusehen gedachte, schon allein aus Zeitgründen sehr stark einschränken: Offensichtliche Trash-Formate, wie ich sie exemplarisch aus Kreymeiers Magazin "Fernsehkritik-TV", das ich inzwischen allerdings auch kaum mehr anschaue, kannte, habe ich von vorn herein ausgeschlossen; dasselbe galt für all die mehr oder minder politischen Quassel-Shows, sämtliche Unterhaltungs-Shows sowie die täglichen Propagandaschleudern wie "Tagesschau" oder "heute". Gerade zu den letztgenannten Sendungen muss ich mir keine Meinung mehr bilden, dazu reicht die Lektüre der geschriebenen Online-Varianten völlig aus.

Ich wollte mir statt dessen anschauen, was das heutige Fernsehen jenseits dieser Jauche- und Desinformationsgruben noch zu bieten hat, stieß dann aber gleich auf das nächste Problem, nämlich die ständige, allgegenwärtige und für einen "Ungeübten" wie mich nicht erträgliche Reklame, die in der Zeit nach 20 Uhr (und darauf beschränkte sich mein "Experiment") glücklicher Weise nur die Privatsender betrifft. Selbst wenn ich dort einmal eine Sendung entdeckt hatte, die ich mir ansehen wollte, hat diese permanente, aufdringliche und schrille Reklame das erfolgreich und konsequent verhindert - ich bekomme von solchem Schmutz auf der Stelle Kopfschmerzen und juckenden Hautausschlag. Es tut doch weh mitansehen zu müssen, wie irgendwelche "Promis" sich gegen meist wohl recht fürstliche Bezahlung zum lächerlichen Affen machen und dem Zuschauerdeppen irgendeinen Mist präsentieren - ganz zu schweigen von den vielen, vielen Nicht-Promis, die dasselbe für einen Bruchteil dieses Geldes tun. Aufgefallen sind mir in den wenigen Spots, die ich ertragen habe, beispielsweise Heike Makatsch, Jürgen Vogel, Mehmet Scholl, dieser Basketball-Heini aus den USA und natürlich Thomas Gottschalk. Nagen diese Leute, die größtenteils längst Multimillionäre sind, plötzlich am Hungertuch - oder wieso halten sie ihre Fratzen zu Reklamezwecken gegen Geld sonst in die Kameras? Ich verstehe das nicht - ich verstehe maßlose Habgier nicht.

Jedenfalls waren damit auch die Privatsender ausgeschieden - es macht ja keinen Sinn, eine Sendung lediglich bis zur ersten Werbeunterbrechung zu beurteilen. Ich muss an dieser Stelle darauf hinweisen, dass in einigen wenigen Fällen bei Privatsendern tatsächlich Spielfilme im Programm waren, die ich mir gerne angesehen hätte - aber wenn ein guter Film, der in der Regel ja so etwas wie Spannung und Atmosphäre aufbaut, durch Reklame so zerstückelt und auseinandergerissen wird, dass von eben jener Spannung und Atmosphäre nichts mehr übrig bleibt, verzichte ich dankend. Man stelle sich einmal eine Mahler-Symphonie oder meinetwegen auch ein oberflächliches Lloyd-Webber-Musical vor, das an der einfühlsamsten Stelle von lauter, blinkender Reklame für einen Kloreiniger oder Damenbinden unterbrochen wird. Wie halten Menschen, die sich so etwas ansehen, das bloß aus? Der Abstumpfungseffekt dürfte hier extrem ausprägend sein.

So blieben noch die öffentlich-rechtlichen Sender samt deren "Spartenkanälen", die "dritten Programme" sowie 3sat, Arte und Phoenix für das "Experiment" übrig. Ich will es kurz machen: Das Ergebnis war mehr als ernüchternd. Es gab gelegentlich Spielfilme, die ich mir gern und mit Gewinn angesehen habe; es gab sogar vereinzelt kulturelle Beiträge (beispielsweise über den Maler Max Ernst auf 3sat), Dokumentationen (diese allerdings meist zu nachtschlafener Zeit, also nach Mitternacht) oder auch Kabarettsendungen, die ich empfehlen kann. Der weit überwiegende Anteil des Programms (geschätzte 95 Prozent) bestand allerdings aus im besten Fall redundantem, im schlimmsten Fall tendenziösem, propagandistischem Mist, der mir böse Hirnfäule beschert hat.

Eines aber ragt in diesen Sumpf ganz besonders tief hinein, nämlich das ewige, auf sämtlichen Kanälen stetig wiederholte Krimi-Gedöns in all seinen widerlichen Facetten. Es vergeht ja kaum ein Tag, an dem auf irgendeinem Kanal nicht eine "Tatort"-Wiederholung liefe, dazu kommen unzählige Filme und Serien, in denen Kommissare oder SOKOS sich - allzu oft gesetzeswidrig - auf "Verbrecherjagd" begeben: diesem Sujet ist im TV nicht zu entkommen. Mich hat das regelrecht entsetzt. Wer schaut sich das in dieser Überkonzentration an, welche Auswirkungen hat das auf die Zuschauenden - und wieso geht es da fast immer nur um (möglichst bestialischen) Mord? In Deutschland gab es 2012 insgesamt 281, ein Jahr später 282 statistisch erfasste Mordopfer. Ein drängendes, gesellschaftlich-soziales Problem ist das offensichtlich nicht. Ich vermute, dass diese Konzentration im TV mehr darauf abzielt, die in diesen Filmen und Serien oft illegalen Polizeimethoden gesellschaftsfähig zu machen, wofür sich böse Morde und sympathische, "menschelnde" Kommissare natürlich ganz besonders gut eignen - eine andere sinnvolle Erklärung für dieses Phänomen fällt mir auf die Schnelle jedenfalls nicht ein. Für weitere Denkanstöße bin ich dankbar.

Zuletzt bleibt noch das Thema "Unterhaltung", das ja recht kontrovers gesehen und diskutiert wird: Der eine schaut sich das "Dschungelcamp" an oder liest die BLÖD-"Zeitung" (beispielsweise weil man sich darüber trefflich lustig machen kann), der andere findet das ekelhaft und alles andere als unterhaltend. Da treffen wieder einmal Welten aufeinander, die unvereinbarer kaum sein könnten. Es ist eine Binsenweisheit, dass unterschiedliche Menschen selbstverständlich auch völlig andere Interessen und Vorlieben haben, was die Unterhaltung betrifft - allerdings muss ich doch festhalten, dass es hier, wie immer, Grenzen gibt und auch geben muss. Wenn jemand beispielsweise Boxkämpfe unterhaltend findet, in denen sich die Protagonisten unter dem Gejohle des Publikums die Fressen blutig schlagen (das lief in der ARD), finde ich das ebenso inakzeptabel wie eine spaßorientierte Lektüre der BLÖD-"Zeitung", die ja bekanntermaßen ebenfalls eine mehr als üble Rolle in der Tragödie des zerstörenden Kapitalismus spielt. Ich meine, dass es tatsächlich unerheblich ist, wovon sich ein Mensch gerne unterhalten lässt - solange - und das ist der wichtigste Teil - die Konsequenzen dessen, was er wählt, ebenfalls unerheblich sind. Für die BLÖD-"Zeitung" gilt das nicht, für Boxkämpfe gilt das nicht, für Krawall-TV gilt das nicht - ob es für das "Dschungelcamp" gilt, ist immerhin diskutabel.

Fernsehen jedenfalls, das hat mein "Experiment" gezeigt, ist für mich weder ein Informations-, noch ein Unterhaltungsmedium. Auf breiter Front informiert und unterhält es mich nicht. Die wesentlichsten Aufgaben dieses Mediums im Kapitalismus sind augenscheinlich nicht Information und Unterhaltung, sondern Desinformation (Propaganda), Manipulation und schnöde Ablenkung.

Ich bin sehr froh, dass ich meine Zeit jetzt wieder mit sinnvollen Dingen verbringen kann. Und ich hoffe, dass diesem Beispiel immer mehr Menschen folgen und sich diesem völlig pervertierten Medium weiter entziehen. Oder, wie Kreymeier das in seinem Magazin immer so schön sagt:

"Schalten Sie mal wieder ab!"

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[Das Fernsehen] als Erzieher


"So, nu ham wa mal wieder in Mitleid gemacht! Frage ist: Wo nu essen?"

(Zeichnung von Wilhelm Schulz [1865–1952], in "Simplicissimus", Heft 31 vom 31.10.1926)

Montag, 24. November 2014

Zitat des Tages: Gesang der Rudersklaven bei Sturm


Es leidet, o Herr, deine Erde
An Untergehenden
Keinerlei Mangel! Noch kannst du wenden
Von uns dein Angesicht!
Was taugen wir angekettet der Welt auf dem Grund des Wassers?
Ziehe du ab von uns
Deine sausende Hand, peitsche
Deine christliche See über andere Meere
Und lass uns leben, leben, leben, o Herr
Auf der Galeere!

(Richard Leising [1934-1997], in: "Gebrochen deutsch. Gedichte", Langewiesche-Brandt 1990)



Anmerkung: Zu diesem Meisterwerk der politischen Lyrik in der Tradition Brechts muss ich nicht viele Worte verlieren: Es ist höchste Sprachkunst, wie Leising hier das altbekannte politisch-mediale-gewerkschaftliche Geplärre um den "Erhalt von Arbeitsplätzen" mit einer Religionskritik verbindet, die selbstverständlich gleichzusetzen ist mit einer generellen Kapitalismuskritik. Die furchtbare kapitalistische Ideologie ist längst zur perversen Religion degeneriert - freilich ohne dass dies, weder von den betroffenen "Rudersklaven", noch von den selbsternannten "Eliten" bzw. "Göttern" und deren mannigfaltigen Handlangern, offen anerkannt oder auch nur gedanklich gestreift wird. Aus künstlerischer Sicht ist es ein Meilenstein, eine derartig groteske, geradezu kranke Situation in so wenigen, klar verständlichen Worten komprimieren zu können - aus humanistisch-gesellschaftlich-sozialer Sicht ist es hingegen ein Fanal des Niedergangs, es tun zu müssen.

Dieses Gedicht kommt mir seit Jahren immer wieder in den Sinn, wenn ich irgendwo Streikende mit Plakaten wie "Wir kämpfen für den Erhalt unserer Arbeitsplätze!" sehe - trotz meines Verständnisses für die berechtigte Angst der Betroffenen vor dem sozialen Absturz. Wenn Sklaven für den Erhalt ihrer Sklavenarbeit demonstrieren, ohne das "göttliche" Prinzip des absurden Superreichtums ihrer "Herren" überhaupt in Betracht zu ziehen (geschweige denn, es endlich wieder in Frage zu stellen), ist jede Hoffnung längst obsolet.

Die Brisanz und die Relevanz dieses Gedichtes haben - welch ein Irrsinn - in den vergangenen 24 Jahren stark zugenommen. Der "göttliche Sturm" droht einmal mehr zum umfassenden Menschenfresser zu werden. Und viele schreien auch heute quasi betend wieder: "Friss nicht mich, friss doch lieber das andere Pack, dem es noch schlechter geht als mir!" - Und die einzigen Nutznießer dieser perversen, menschenfeindlichen Zeitschleife, eben jene Betreiber der Galeeren, bleiben heute wie damals weitgehend unbehelligt - heute allerdings noch weitaus mehr als damals:

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Die reichen [Steuerkriminellen]


"Ich habe dir ein paar deutsche Zeitungen mit den neuen Steuergesetzen gekauft. Falls du wieder Heimweh kriegst, Schatz."

(Zeichnung von Otto Ottler [1891-1965], in "Simplicissimus", Heft 19 vom 05.08.1919)

Samstag, 22. November 2014

Song des Tages: Blood On The Rooftops




(Steve Hackett: "Blood On The Rooftops", aus der DVD "Once Above A Time", 2004)

Dark and grey, an English film, the Wednesday play
We always watch the Queen on Christmas Day
Won't you stay?

Though your eyes see shipwrecked sailors you're still dry
The outlook's fine though Wales might have some rain
Saved again.

Let's skip the news, boy (I'll make some tea)
Arabs and Jews, boy (too much for me)
They get me confused, boy (puts me off to sleep)
And the thing I hate, oh Lord!
Is staying up late to watch some debate on some nation's fate.

Hypnotized by Batman, Tarzan, still surprised!
You've won the West in time to be our guest -
Name your prize!

Drop of wine, a glass of beer, dear, what's the time?
The grime on the Tyne is mine all mine all mine ...
Five past nine.

Blood on the rooftops, Venice in the spring
The Streets of San Francisco, a word from Peking
The trouble was started by a young Errol Flynn
Better in my day, oh Lord!
For when we got bored, we'd have a world war, happy but poor ...

So let's skip the news, boy (I'll go and make some tea)
Blood on the rooftops (too much for me)
When old Mother Goose stops and they're out for twenty three
Then the rain at Lords stopped play
Seems Helen of Troy has found a new face again.


Anmerkung: Einige wissen vielleicht, dass der ehemalige Gitarrist von Genesis, Steve Hackett, diesen Song bereits vor Jahrzehnten geschrieben hat und er 1976 auf dem Genesis-Album "Wind & Wuthering" erstmals veröffentlicht wurde. Diese Live-Version von 2004 mit dem Schlagzeuger und Sänger Gary O'Toole sowie dem Saxophonisten Rob Townsend gefällt mir allerdings wesentlich besser als die damalige, von Phil Collins allzu weinerlich und kitschig gesungene Genesis-Variante. Es war sicher kein Zufall, dass Hackett nach diesem Album dem Beispiel Peter Gabriels gefolgt ist und die in immer seichtere Pop-Untiefen abrutschende Band verlassen hat.

Gleichzeitig ist das Stück auch ein wunderbar böser Hinweis auf das leidige Thema des verdummenden Zombie-Fernsehens, dem ich mich momentan mit argen Bauch- und Hirnschmerzen widme, um etwas dazu schreiben zu können. Hacketts Metaphern von Troja und der zugehörigen Helena sind hier nur allzu trefflich gewählt.

Freitag, 21. November 2014

Orwellmania: Die geliebte Presse und die geliebten Hartz-Wohltaten


Der WDR hat einmal mehr investigativen Qualitätsjournalismus betrieben und ein doppelplusgutes Interview mit einem Schlips-Borg vom völlig unabhängigen, hochseriösen "Institut zur Zukunft der Arbeit" zum Thema "10 Jahre Hartz-Terror" geführt. Das Ergebnis kann sich wahrlich sehen lassen, denn der Leser lernt hier so überaus wichtige Dinge wie zum Beispiel:

  1. "Die Bilanz [nach 10 Jahren Hartz-Terror] ist durchaus positiv".
  2. "Positiv ist, dass die Zahl der Langzeitarbeitslosen (...) stark zurückgegangen sind [sic!]. (...) Negativ ist aber, dass die Zahl der Langzeitarbeitslosen konstant auf hohem Niveau geblieben ist." [Ja, echt!]
  3. "Aber die [Förder-]Instrumente müssen weiterentwickelt werden, noch mehr in Richtung Aktivierung der Langzeitarbeitslosen."
  4. "Nahles hat den Plan, 30.000 Langzeitarbeitslosen den Weg in die Betriebe zu ebnen, durch hundertprozentige Lohnkostenzuschüsse. Die Gefahr ist allerdings groß, dass sich zu wenige Unternehmen finden, die Langzeitarbeitslose einstellen – selbst bei massiver Subventionierung. Das zeigen Modellversuche."
  5. "Immerhin ist durch den Niedriglohnsektor zusätzliche Beschäftigung entstanden."
  6. "Das Wichtige ist nur, dass die Menschen nicht dauerhaft in der Grundsicherung verbleiben (...)."

In einer so komprimierten Form findet man die neoliberale Hasspropaganda eher selten - das "Interview" scheint direkt aus Orwells Liebesroman "1984: Während wir schliefen" entnommen zu sein. Der korrupte Lobbyist lügt dumm und dreist ins Mikrofon und der seriöse öffentlich-rechtliche Sender verbreitet den Schmutz unkommentiert, als stünde die superreiche "Elite" mit gezückter Pistole hinter ihm. Was unterscheidet dieses Land samt seinen Medien doch gleich von einem "Unrechtsstaat"?

Eigentlich hatte ich vor, diese schmierigen Aussagen Punkt für Punkt abzuarbeiten und so ihre Lächerlichkeit aufzuzeigen - je länger ich an diesem Text sitze, desto alberner kommt mir diese Absicht aber vor, denn eine Kommentierung ist hier ja völlig unnötig - der Unsinn entlarvt sich von selbst, auch ohne explizite Hinweise. Letztlich fällt mir dazu nur noch ein Dialog aus Star Trek - Voyager ein:

[Auf der Brücke findet wieder einmal eine Diskussion zwischen Tuvok und Paris statt.]
Paris: Argh! Ich gebe es auf!
Chakotay: Nach zwei Minuten schon? Tuvok, wie machen Sie das?
Tuvok: Ich warte, bis er von seiner eigenen Unlogik überwältigt wird.

Es ist bloß fatal, dass es in Deutschland offensichtlich zu wenige Tuvoks gibt, denn ich gehe jede Wette ein, dass es immer noch Massen von verblödeten, narkotisierten, rein eigenwohlorientierten Deppen da draußen gibt, die weder die grelle Unlogik, noch das völlig Absurde in den zitierten Propagandahülsen entdecken (wollen). Allein das wiederholte Bemühen der infantilen Phrase von der "Aktivierung von Langzeitarbeitslosen" ist dermaßen grotesk, dass meine sprachliche Fantasie schlicht versagt, um das zynisch zu kommentieren. Wer in der heutigen Zeit ernsthaft behauptet, Arbeitslose seien überwiegend selber an ihrer Situation schuld und müssten lediglich "aktiviert" werden, um endlich wieder in der Ausbeutungsmaschinerie einen Platz zu finden, ist nichts weiter als ein übler, menschenfeindlicher Faschist. Dasselbe gilt für die inzwischen schon obligatorische Gleichstellung von Langzeitarbeitslosen mit Suchtkranken.

Der korrupte Schlips-Borg vom Lobbyverein des Kapitals kommt in seinem Sermon zu demselben Schluss, wenn er abschließend bemerkt, dass ja nichts schlimmer sei als der "dauerhafte Verbleib" der Betroffenen außerhalb der Ausbeutung.

Die Hauptsache aber bleibt, dass der WDR wieder einmal ein durch Zwangsgebühren finanziertes Glanzstück des investigativen Journalismus abgeliefert hat - und die Herde wird es auch diesmal brav schlucken und weiterhin "Freiheit" und "Demokratie" mähen, während die Schlachtbank bereits in unmittelbarer Sichtweite ihren Betrieb aufgenommen hat.

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Herbstlied, heute neu

Die Technik schreitet munter fort,
Man sucht den Krebserreger,
Doch haben viele kaum das Geld
Für einen Bettvorleger.

Es dröhnt das blaue Himmelszelt
Vom Lärm der Zeppeline,
Die meisten haben kaum das Geld
Für eine Apfelsine.

Die Mode aber ändert sich,
Es blüht die Leichtathletik.
Die meisten Menschen hätten jetzt
Ein warmes Zimmer nötig.

Die Menschen grübeln vor sich hin,
Es ist bedeutend kälter,
Und außerdem, es kürzt der Staat
Die Löhne und Gehälter.

Die Menschen gehn zum Arbeitsamt.
Sie möchten gerne heizen,
Und pfeifen auf den Herbst mitsamt
Den schönen Farbenreizen.

(Theodor Riegler [18??-1942], in "Simplicissimus", Heft 28 vom 12.10.1931)

Mittwoch, 19. November 2014

Das neoliberale Märchen vom "Wohlstand durch Bildung"


Es ist eine der Lieblingsphrasen der neoliberalen Räuberbande und wird in kurzen Abständen von der versammelten Riege der Politmarionetten und Propagandahuren der Medien in die zerbröckelnde Welt posaunt: Das hochnotpeinliche Märchen vom "Wohlstand durch Bildung". Bildung, so werden sie nicht müde dem staunenden Publikum zu erklären, sei der "Schlüssel" und das einzig wirksame Instrument gegen die unaufhaltsam grassierende Armut. Wie absurd dieses Märchen ist, dürfte ein Großteil der Mitlesenden aus eigener Erfahrung oder anhand einiger Beispiele aus dem eigenen Umfeld bereits erkannt haben, aber die Bande trommelt dennoch munter weiter und vollzieht den mystischen Voodoo-Tanz um die "heilige Bildung" in immer groteskeren Ausformungen, während sie tatsächlich eifrig daran arbeitet, die Bildungsmöglichkeiten in diesem Land nachhaltig zu zerstören.

Zu diesem Thema habe ich kürzlich beim Freitag einen äußerst anschaulichen Text gelesen, den ich heute ausdrücklich empfehlen will, auch wenn er etwas länger ist und etwas mehr Zeit als üblich zum Lesen beansprucht:

"Drum prüfe, wer sich ewig bildet" / Bildungsaufstieg - Arbeits- und Obdachlosigkeit trotz Hochschulabschluss: Für Akademiker wie mich entlarvt sich der propagierte "Fahrstuhleffekt der Bildung" als leere Worthülse.

Die Lektüre lohnt sich sehr. Der junge Autor nimmt das kapitalistische Bildungsmärchen anhand eigener Erfahrungen unter die Lupe und demontiert es in Bezug auf junge Menschen in diesem furchtbaren System nachhaltig. Ich beneide wahrlich niemanden, der in der heutigen Zeit die Universität erfolgreich verlässt und danach gezwungen ist, sich ins kapitalistische Haifischbecken der profitmaximierenden Arbeitskraftverwertung zu werfen.

Allerdings betrifft dieses Problem nicht nur junge Menschen - es gehören zunehmend auch ältere und alte Personen mit guter oder auch sehr guter Bildung zu den "Aussortierten" und "Prekären", völlig unabhängig davon, wie lange sie zuvor als brave Arbeitssklaven den Profit der "Elite" erwirtschaftet haben. Im Rahmen meiner Mitarbeit in einem Bürgerverein, der Hartz-Terror-Opfer unterstützt, sind mir unzählige solcher Menschen begegnet, die aus einem "sicheren" bürgerlichen Leben urplötzlich in die existenzielle Not der staatlich verordneten Zwangsverarmung, Zwangsarbeit und behördlichen Willkür gerutscht sind und daran regelmäßig zerbrechen.

Anders als junge Menschen hat beispielsweise ein Fünfzigjähriger, der zuvor als Ingenieur, angestellter Lehrer oder Verwaltungsangestellter in diesem System tätig war, keinerlei Chance mehr, einen neuen, gleichwertigen Arbeitsplatz zu finden - die Perspektiven dieser Menschen beschränken sich regelmäßig darauf, sich in der staatlich verordneten Armut und dem damit einhergehenden behördlichen Terror der "Jobcenter" dauerhaft einrichten zu müssen. Was im Text, bezogen auf junge Menschen, beschrieben wird, gilt erst recht für Ältere: Es kommt in der Regel schlicht nicht vor, dass einem Fünfzigjährigen vom "Jobcenter" ein seiner Ausbildung und Erfahrung angemessener Arbeitsplatz "vermittelt" wird - die "Arbeit" der "Jobcenter" beschränkt sich (gewollt) auf Schikane, Drangsalierung, Überwachung und das statistische Verstecken der Betroffenen, indem sie fortlaufend zu lächerlichen "Maßnahmen" und "Fortbildungen" gezwungen werden. Erst vor ein paar Monaten habe ich einen ehemals in einem großen Betrieb als Systemadministrator tätigen Menschen kennen gelernt, der vom "Jobcenter" dazu genötigt werden sollte, an einem "Grundkurs Office-Anwendungen" (Dauer: drei Monate) teilzunehmen. Es war, wie immer in solchen Fällen, eine Anrufung des Sozialgerichtes notwendig, um diesen Irrsinn zu stoppen. Ein anderes Beispiel ist der ehemalige Leiter der Werbeabteilung einer großen Firma, der nach dem Konkurs des Betriebes schließlich ebenfalls beim "Jobcenter" landete, sich auf dessen Geheiß bei einer kleinen Werbeagentur als (unbezahlter) Praktikant bewerben sollte, dies wortgewaltig verweigerte und daraufhin totalsanktioniert wurde. Auch diesen Irrsinn musste ein Sozialgericht beenden. Das sind keine Einzel-, sondern Regelfälle.

Eine gute Bildung ist in diesem kranken System weder für junge, noch für ältere Menschen ein Garant für Wohlstand oder materielle Sicherheit - und die Zahl derer, die aufgrund ihrer Bildung auch heute noch einen halbwegs guten Platz im perversen Ausbeutersystem ergattern können, nimmt genauso ab wie die Qualität der Bildungsmöglichkeiten. Die Zahl der grotesken Fälle wächst dafür stetig - und all das ist kein Zufall und auch kein "Versehen", sondern eines der nicht öffentlich erklärten Ziele des neoliberalen Hartz-Terrors.

Im Kapitalismus war, ist und bleibt einzig die Ausprägung der rücksichtslosen, eigenwohlorientierten, kriminellen Energie das Maß der Dinge, das vielleicht zum perversen Wohlstand auf Kosten aller anderen führt. Bildung hat damit nichts zu tun.

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Folgen der Teuerung


"Ich kann mir keine Zeitung mehr leisten. Ich lese jeden Tag ein Kapitel aus dem Buche Hiob ... da habe ich dasselbe."

(Zeichnung von Wilhelm Schulz [1865–1952], in "Simplicissimus", Heft 5 vom 27.04.1921)

Montag, 17. November 2014

Zitat des Tages: Auf dem Boden des Grundgesetzes


1
Mein Vater ist vor Leningrad erfroren.
Als er im Schneesturm lag, hats ihn entsetzt.
Ich schütz vorm Ostwind meine Ohren.
Ich bin es nicht, der hier zum Aufruhr hetzt.

2
Ich bin in diese Zeit verschlagen,
noch nicht verkauft, doch schon geschätzt.
Ich tue, was die Herrn mir sagen.
Ich bin es nicht, der hier zum Aufruhr hetzt.

3
Man sagt mir: Leben oder leben lassen!
Wenn man den Fuß auf meinen Nacken setzt,
geb ich mir Müh, mich anzupassen.
Ich bin es nicht, der hier zum Aufruhr hetzt.

4
Ich habe Kalk geschleppt und Kies gefahren,
ich habe Stein auf Stein gesetzt.
Ich hab kein Haus: ich konnt mir keins ersparen.
Ich bin es nicht, der hier zum Aufruhr hetzt.

5
Am Abend füllt uns meine Frau den Teller:
zuerst den Kindern und sich selbst zuletzt.
Ich les die Zeitung und ich esse schneller.
Ich bin es nicht, der hier zum Aufruhr hetzt.

6
Durch meine Träume rasselt nachts der Schinderkarren.
Den Henker seh ich, der sein Fallbeil wetzt.
Die Krähen hör ich an den Himmeln schnarren.
Ich bin es nicht, der hier zum Aufruhr hetzt.

7
Ich frag mich oft, warum ich hier noch bleibe.
Noch ist kein Preis auf meinen Kopf gesetzt.
Noch halt ich mir die Polizei vom Leibe.
Ich bin es nicht, der hier zum Aufruhr hetzt.

(Volker von Törne [1934-1980], in: "Im Lande Vogelfrei. Gesammelte Gedichte", Wagenbach 1981)





Anmerkung: Ein treffendere Beschreibung der narkotisierten Bevölkerungsmehrheit dieses verkommenen Landes ist mir zumindest aus dem Bereich der Lyrik nicht bekannt. Glücklicherweise irren sich die Wikipedia-AutorInnen auch in diesem Fall, wenn sie schlicht behaupten, Törnes lyrisches Werk sei "weitgehend in Vergessenheit geraten" - ganz im Gegenteil erfährt es seit einigen Jahren eine regelrechte Renaissance. Die findet allerdings - wie inzwischen in nahezu sämtlichen kulturellen und künstlerischen Bereichen - tatsächlich weitgehend unter Ausschluss der dumm gehaltenen Öffentlichkeit statt.

Samstag, 15. November 2014

Wecker braucht Geld


Manchmal ist es doch recht erhellend, wenn man die Webseiten, die man als Scharlatane und Verbreiter von Dummheiten erkannt zu haben glaubt, dennoch sporadisch besucht. So habe ich nun feststellen dürfen, dass Konstantin Weckers Eso-Schleuder "Hinter den Schlagzeilen" inzwischen um Geldspenden bettelt und dafür gar abenteuerliche Begründungen liefert.

Da wird das Eso-Blog unverhohlen mit den Nachdenkseiten (die ebenfalls kritisch zu betrachten sind - aber das ist ein anderes Thema) auf eine Stufe gestellt, was allein bezüglich der Reichweite schon einem ausgewachsenen Größenwahn gleichkommt. Nur wenige Zeilen später wird auch der Ossietzky ins schwankende Boot geholt, der bei "Hinter den Schlagzeilen" allerdings so gut wie nie vorkommt und dessen sozialistische Ausrichtung dem Eso-Wahn eigentlich diametral widerspricht. Ich habe keine sinnvolle Erklärung für die Entscheidung der dortigen Verantwortlichen für diese ominöse Kooperation, die über schnöde Geldsorgen hinausginge.

Was aber tut "Hinter den Schlagzeilen" eigentlich, das eine finanzielle Unterstützung überhaupt erfordert? Im Wesentlichen besteht die Arbeit dieses Blogs darin, andere Texte und Artikel aus dem Internet zu verlinken - so beispielsweise aus der Jungen Welt, von Telepolis, aus dem Neuen Deutschland oder auch - immer wieder gerne - aus irgendwelchen obskuren Eso-Verlagen, mit denen teilweise gar eine "Kooperation" besteht ("Nein! - Doch! - Oh!"). Darüber hinaus erscheint alle paar Wochen auch mal ein "eigener" Text - wobei es sich dabei meist ebenfalls um Zweit- oder Drittverwertungen handelt, da viele jener Texte zuvor bereits anderswo erschienen sind. Übrig bleiben die Facebook-Texte Weckers sowie einige wenige Beiträge von Roland Rottenfußer und seltenst auch mal Holdger Platta, wobei auch hier nicht nachprüfbar ist, ob es sich dabei tatsächlich stets um originäre Beiträge handelt.

Ich frage mich nun, woraus diese Geldgier resultiert? Was kostet denn da nun so viel, dass es ein Konstantin Wecker nicht mit Leichtigkeit bezahlen könnte? Ist es die Domain, die es ohne Webspace bereits für 0,19 Euro pro Monat gibt? Oder hat Wecker ein hochmodernes Serverzentrum in der Südsee oder auf dem Mond errichtet, das er durch einen privaten Sicherheitsdienst bewachen lassen muss, der natürlich viel Geld kostet?

Denselben redaktionellen Aufwand, den "Hinter den Schlagzeilen" abliefert, bewältigen hunderte von Blogs allein in Deutschland tagtäglich ohne jede finanzielle Unterstützung - und nicht wenige davon bieten rein quantitativ wesentlich mehr Inhalte - die Qualität möchte ich hier lieber gar nicht erst thematisieren. Wenn ich es angesichts der Masse an Beiträgen beispielsweise bei den Nachdenkseiten noch verstehen kann, dass um finanzielle Unterstützung gebeten wird, gerate ich bezüglich Weckers Eso-Blog in arge intellektuelle Bedrängnis. Diese potenziert sich noch, wenn ich in Bezug auf diese religiotische Schleuder Begriffe wie "Gegenöffentlichkeit" oder gar - man fasst es nicht - "kritischen Journalismus" lesen muss.

Wofür um alles in der Welt verlangen diese Figuren Geld? Und was treibt sie dazu, das kapitalistische Geschäftsmodell noch dazu eins-zu-eins zu kopieren, indem sie den "zahlenden Kunden" wie üblich irgendwelche Premium-Vorteile versprechen - quasi als Belohnung für ihre Zahlungen? Und solche Leute sollen irgendwem - natürlich gegen Geld - erklären, wie furchtbar und zerstörerisch der Kapitalismus ist?

Da kann man seine Kinder auch gleich zur Tagespflege ins Löwengehege im Zoo geben.

[Auch diesen Text habe ich als Kommentar bei "Hinter den Schlagzeilen" hinterlassen, freigegeben wurde er aber - wen wundert's - nicht.]

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Im Irrenhaus


"Ihr Gatte hat eine schwere Psychose. Er leidet an der Wahnidee, dass es kein Vorherwissen der Zukunft und keinen Verkehr mit den Geistern Verstorbener gibt."

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 6 vom 10.05.1926)

Musik des Tages: Syn-Awakening




(Software: "Syn-Awakening", aus dem Album "Syn-Code. Symphony for Computer and DNA-Molecules", 1987)



Anmerkung: Dieses umwerfende Konzeptalbum des ehemaligen Musikerduos Peter Mergener und Michael Weisser, das auch 27 Jahre nach der Publikation noch immer äußerst futuristisch wirkt und eine nach wie vor bahnbrechende Klangqualität aufweist (die sich freilich aufgrund der minderwertigen youtube-Soundqualität des Videos hier nicht erahnen lässt), basiert auf Weissers Science-Fiction-Roman "Syn-Code-7" (Suhrkamp 1982).

Wer gerne einmal psychedelische Drogen ausprobieren möchte, sich aber (völlig zu Recht) vor den physischen und psychischen Konsequenzen fürchtet, dem sei dieses Album ans Herz gelegt: Man lösche das Licht, setze den Kopfhörer auf und gehe auf eine Reise ins eigene Gehirn, die sich gewaschen hat. Das funktioniert freilich auch, wenn man den Roman zuvor nicht gelesen hat - allerdings verändert sich die Wahrnehmung der tiefen musikalischen Botschaft dadurch. Ich habe das Album zuerst kennen und lieben gelernt und den Roman erst viel später gelesen - danach habe ich die Musik neu und "mit anderen Ohren" verstanden.

Selbstredend ist auch dies eine Form der Realitätsflucht. Was aber bleibt einem "wachen Geist" inmitten des alltäglichen Irrsinns zur Regeneration sonst übrig?

Freitag, 14. November 2014

Absurdistan live: "Sittenwidrige Löhne"


Kürzlich las ich im Lawblog die folgende knappe Meldung:

Ein Stundenlohn von 1,53 bzw. 1,64 Euro ist doch sittenwidrig. Mit dieser Entscheidung kippt das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg ein früheres Urteil des Arbeitsgerichts Cottbus. Dort hatte ein Rechtsanwalt noch Erfolg, der seinen Bürohilfen lediglich die mageren Stundensätze zahlte. / Wegen des geringen Lohnes hatte das Jobcenter das Gehalt der Arbeitskräfte aufgestockt und verlangte nun Geld von dem Arbeitgeber, einem Rechtsanwalt. Das Arbeitsgericht Cottbus hielt den Lohn noch für vertretbar, das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg nicht mehr. Deshalb muss der Rechtsanwalt nun dem Jobcenter Ersatz leisten – und künftig angemessene Löhne zahlen.

Ganz ehrlich: Ich wusste beim Lesen nicht, ob ich hysterisch lachen, irre schreien oder doch eher zu einem kräftigen Seil greifen sollte, um mich endlich aufzuhängen. Eigentlich ist das eine Meldung, wie sie üblicher Weise beim Postillon oder in der Titanic zu finden ist - das Lawblog allerdings ist über derlei satirische Ansprüche leider erhaben, so dass ich davon ausgehen muss, es hier mit einer ernsthaften Nachricht zu tun zu haben.

Die ist allerdings so grotesk, dass ich befürchte, mich lächerlich zu machen, wenn ich sie tatsächlich ernst nehme. Aber sei's drum. Wenn in einem Land, das laut dem stetig wiederholten Propagandageschrei auf allen Kanälen zu den reichsten Ländern dieses Planeten zählt und das zudem unablässig immer reicher wird, ein Arbeitsgericht entscheidet, dass Stundenlöhne in Höhe von 1,53 bzw. 1,64 Euro nicht sittenwidrig seien und es erst der nächsten Instanz bedarf, um diese Entscheidung zu revidieren, dann hat der Irrsinn in seiner vollen Pracht längst gewonnen. Diesen Richter, der das seinerzeit entschieden hat, nähme ich mir herzlich gerne einmal zur Brust und könnte ihm auf diese Weise so einiges beibringen, das unter dem Schlagwort "sittenwidrig" einzuordnen wäre.

Allerdings ist mit der Revision dieses Urteils ja ebenfalls nichts gewonnen, denn ich gehe nicht davon aus, dass das genannte Landesarbeitsgericht hier belastbare Grenzen für die Sittenwidrigkeit von Löhnen formuliert hat. Die Spanne zwischen 1,53 Euro und dem ebenso lächerlichen schwarz-roten Möchtegern-Mindestlohn von 8,50 Euro ist verdammt groß - da verbleibt genügend Spielraum für kreative, habgierige Menschenschinder und Sklavenausbeuter, um den Begriff des "angemessenen Lohnes" auch weiterhin ad absurdum zu führen.

Derweil häuft die winzig kleine "Elite" weiterhin, Tag für Tag, Millionen und Abermillionen in ihren Geldspeichern an. Was gäbe ich für eine tatsächlich gerechte Justiz, die endlich diese absurde Hortung und Konzentration von irrsinnigem Reichtum als sittenwidrig verurteilte! Darauf kann ich in diesem System allerdings warten bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag - und noch weit darüber hinaus.

Ich harre nun bloß noch des Tages, an dem irgendein Gericht in diesem verkommenen, fauligen Land die geplante Zwangsarbeit der "Null-Euro-Jobs" für sittenkompatibel und grundgesetzkonform erklärt. Lange kann's wohl nicht mehr dauern.

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Die Zukunft Europas


"Wenn niemand mehr etwas anzuziehen hat, ist das dann das Paradies?"

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 21 vom 18.08.1920)

Mittwoch, 12. November 2014

Geschäftsidee: Armut, Leid, Not


Es ist ja nun ein alter Hut, dass in einem rein profitorientierten, irrwitzigen System wie dem Kapitalismus auch die absurdesten, skurrilsten, immer wieder auch lächerlichsten Geschäftsideen gerne auf äußerst fruchtbare Böden fallen. Darüber - wie beispielsweise über das "goldgeprägte Toilettenpapier" - kann man sich lustig machen und die beteiligten "Marktteilnehmer", die so etwas aushecken und tatsächlich auch kaufen, wahlweise als arme Irre, dekadente Arschlöcher oder gehirngewaschene Konsumzombies bezeichnen.

Das eigentliche Problem indes reicht weitaus tiefer, denn längst ist der Kapitalismus dazu übergegangen, die Armut, das Leid und die Not vieler Menschen tatsächlich und unverhohlen als profitbringende Einnahmequelle zu benutzen. Die Beispiele dafür sind so zahlreich, dass es mir schwerfällt, hier überhaupt eine möglichst repräsentative Auswahl zu nennen. Da ist beispielsweise die "Fortbildungsindustrie", die im fauligen Fahr- oder eher Brackwasser des Hartz-Terrors entstanden ist und die keine Fortbildung für die Zwangseingewiesenen, dafür aber satte Profite für die Betreiber generiert. Da gibt es die sogenannten "Mikrokredite" für bettelarme Menschen in Indien und anderen Regionen dieses gebeutelten Planeten, welche die Banken zwar nur unerheblich reicher machen, die Betroffenen dafür aber in eine meist lebenslange Abhängigkeit führen und nicht selten in den verzweifelten Suizid treiben.

Ein besonderes Highlight aus dieser besonderen Latrine des Kapitalismus habe ich kürzlich beim WDR gefunden, wo ich das Folgende lesen durfte:

Hilfsprojekt für Stadtstreicher: Studenten bauen Obdachlosen-Rucksack / Wer beim Thema Design nur an teure Täschchen oder edle Möbel denkt, liegt falsch. Drei Design-Studenten der Hochschule Niederrhein in Krefeld haben jetzt etwas ganz anderes entwickelt: Einen Rucksack für Obdachlose. Mittlerweile hat eine Krefelder Schneiderin einen Prototyp zusammengenäht.

Das "Hilfsprojekt" entpuppt sich beim weiteren Lesen allerdings wenig überraschend als eine kapitalistische "Geschäftsidee", die vom "sozialen" Jung-Entwickler so kolportiert wird: "Wer dann einen Rucksack kauft, finanziert mit dem Kauf einen zweiten und der wird dann an einen Obdachlosen weitergegeben". - In der Tat, eine so tolle Idee muss man als Jungkapitalist erst einmal haben: Ich entwickle einen Hightech-Rucksack für Camper und Survival-Junkies und verkaufe das als "Hilfsprojekt für Obdachlose". Und der WDR verbreitet das - wie immer - unkritisch und bietet dem habgierigen Irrsinn eine willfährige Plattform.

Ganz abgesehen davon, dass es vollkommen absurd ist, von eventuellen Käufern dieses ominösen Rucksacks ernsthaft zu erwarten, aus reiner Herzensgüte den doppelten Preis zu bezahlen, ist auch alles andere an dieser Meldung samt der vorgestellten "Idee" irrsinnig. Es wird (sofern dieser Vorschlag tatsächlich ernst gemeint sein sollte) einmal mehr nur an (noch dazu eher zweitrangigen) Symptomen geflickschustert. Das tatsächliche Problem der zunehmenden Obdachlosigkeit im "immer reicher werdenden Deutschland" wird extrem verharmlost, unter anderem illustriert durch die Benutzung des Wortes "Stadtstreicher". Von dort ist es sprachlich und gedanklich nicht mehr weit zu den "Landstreichern" der Vergangenheit und damit zu den "Zigeunern".

Es muss nach kapitalistischer "Logik" nicht mehr dafür gesorgt werden, dass den Menschen, die in diesem System ganz unten angelangt sind, geholfen wird, damit sie wieder halbwegs menschenwürdig leben können - angesichts des nahenden Winters ist laut WDR ein "trockener" (und nicht etwa auch ein warmer) Schlafplatz das Maß aller Dinge - auch wenn das ein aufgespannter Design-Stofffetzen mit hübschen roten Reißverschlüssen ist, der ja eigentlich zum Rucksack bzw. Schlafsack gehört, so dass zum Schlafen darunter offenbar nur noch eines der beiden erwähnten Stoffteile übrig bleibt.

Wie immer in solchen kapitalistischen Kindermärchen vom "next big thing" geht es auch hier nicht um Obdachlose oder deren Wohlergehen, und erst recht nicht um die Frage, wieso es mitten im kapitalistischen Paradies des stetig steigenden Reichtums immer mehr Menschen gibt, die auf der Straße leben müssen. Es geht einzig um den Profit der Aushecker - und dafür ist jede auch noch so zynische Ummantelung gerade so gut wie das Plus auf dem persönlichen Konto.

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Die Segnungen unseres geliebten Kapitalismus



(Aufnahme von Canon EOS 450D, in: "Unsere furchtbare Realität", Beispiel USA [New York] vom 06.08.2008)

Dienstag, 11. November 2014

Zitat des Tages: Kulisse


Regen -
Regen rauscht auf den Rummel.
Das Glücksrad verliert seine Farbe,
der Würfelbecher wird klebrig;
in der Schießbude schlafen die Schüsse.
Wills keiner mehr wagen?
Will keiner mehr würfeln?
Will keiner mehr drehn?
Regen -
Regen rauscht auf den Rummel.

(Wolfdietrich Schnurre [1920-1989], in: "Kassiber und neue Gedichte", List 1979)


Anmerkung: Dieses Gedicht sollte als Kommentar zum heuchlerischen, ins Bizarre und Schrille driftenden "Mauerfall"-, "Einheits"- und "Freiheits"-Geseiere der vergangenen Tage völlig ausreichen, das die Propagandamedien und Politmarionetten so wohlfeil inszeniert haben. Zu diesem Kasperletheater möchte ich mich aus hygienischen Gründen ansonsten nicht weiter äußern.

Freitag, 7. November 2014

Song des Tages: Bye Bye Beautiful




(Nightwish: "Bye Bye Beautiful", aus dem Album "Dark Passion Play", 2007)

Finally the hills are without eyes
They are tired of painting
A dead man's face red with their own blood

They used to love
Having so much to lose
Blink your eyes just once and see everything in ruins

Did you ever hear what I told you
Did you ever read what I wrote you
Did you ever listen to what we played
Did you ever let in what the world said
Did we get this far just to feel your hate
Did we play to become only pawns in the game
How blind can you be, don't you see
You chose the long road but we'll be waiting

Bye bye beautiful ...

Jacob's ghost for the girl in white
Blindfold for the blind
Dead siblings walking the dying earth

Noose around a choking heart
Eternity torn apart
Slow toll now the funeral bells

I need to die to feel alive

Did you ever hear what I told you
Did you ever read what I wrote you
Did you ever listen to what we played
Did you ever let in what the world said
Did we get this far just to feel your hate
Did we play to become only pawns in the game
How blind can you be, don't you see
You chose the long road but we'll be waiting

Bye bye beautiful ...

It's not the tree that forsakes the flower
But the flower that forsakes the tree
Someday I'll learn to love these scars
Still fresh from the red-hot blade of your words

How blind can you be, don't you see
How blind can you be, don't you see
How blind can you be, don't you see ...
that the gambler lost all he does not have ...

Did you ever hear what I told you
Did you ever read what I wrote you
Did you ever listen to what we played
Did you ever let in what the world said
Did we get this far just to feel your hate
Did we play to become only pawns in the game
How blind can you be, don't you see
You chose the long road but we'll be waiting

Bye bye beautiful ...
Bye bye.


Donnerstag, 6. November 2014

Kapitalismus: Willkommen in Kafkanistan!


Vor einigen Wochen konnte man beispielsweise beim WDR die folgende Kurzmeldung lesen:

Reiche Kartoffelernte führt zu fallenden Preisen

Die Landwirte in NRW haben bei der Kartoffelernte in diesem Jahr einen rekordnahen Ertrag eingefahren. Pro Hektar wurden knapp 51 Tonnen erzielt. Das ist das zweithöchste Flächenergebnis seit Beginn der Erfassung, wie das Statistische Landesamt am Donnerstag (23.10.2014) in Düsseldorf mitteilte.

Grund für die überdurchschnittliche Ernte in diesem Jahr sei die feuchte Witterung. Die Rekordernte könnte allerdings zu einem Überbedarf führen. Die Niedrigpreise würden keinen ausreichenden Absatz gewährleisten.

Über diese wenigen Zeilen dürfen/sollten wir nun alle - nachdem wir den offensichtlichsten Fehler im Minitext, der aus einem "Überangebot" (wohl tatsächlich versehentlich?) einen "Überbedarf" gemacht hat, korrigiert haben - ausgiebig sinnieren. Was ist also konkret geschehen?

In NRW wurde eine "rekordnahe" Ernte von Kartoffeln eingefahren, was ja eigentlich eine sehr gute Nachricht ist. Denn selbst wenn das zu einem Überangebot führen sollte, was bislang allerdings reine Spekulation ist, könnte man diese überzähligen, relativ lange haltbaren Lebensmittel ja wunderbar dafür einsetzen, hungernden Menschen zu helfen. Auf eine solche, eigentlich naheliegende Idee kommt in diesem perversen Wirtschaftssystem aber niemand, denn es geht - wie immer - einzig um Profit, und nicht um Menschen: "Fallende Preise" aufgrund eines Überangebots sind nach neoliberaler Lesart eine Art Pest, die es um jeden Preis zu verhindern gilt.

Die beteiligten Landwirte werden also dazu animiert, künftig dafür zu sorgen, entweder (sofern sie gemeinschaftlich arbeiteten) wieder weniger Kartoffeln zu ernten, oder aber (da sie eben miteinander "konkurrieren" müssen) den Ertrag noch weiter zu steigern, um allein durch die pure Warenmasse die "fallenden Preise" wieder ausgleichen und somit weiterhin "wirtschaftlich" agieren zu können. Durch die zweite Variante entsteht erneut ein noch weitaus größeres Überangebot, was wiederum denselben kapitalistischen Irrsinn zur Folge hat, weshalb im weiteren Verlauf immer mehr Landwirte die Segel streichen müssen und schlussendlich nur noch ein Monopolbetrieb übrig bleibt, sofern das ganze "Geschäft" nicht gleich in noch ausbeuterische Billiglohnländer "ausgesourct" wird. Welche ökologischen und qualitativen Folgen dieser perverse Prozess hat, kann sich jeder selbst ausmalen.

Der ganze Irrsinn des kapitalistischen Systems wird an diesem kleinen Beispiel offensichtlich, zumal es sich hier ja nicht um ein beliebiges "Produkt", sondern um ein Grundnahrungsmittel handelt. Anhand dieses kleinen, orwellschen WDR-Textes über die Kartoffelernte in NRW kann man sehr vieles über den Kapitalismus lernen - insbesondere illustriert er aber sehr schrill den völligen Irrsinn, dass die heutige, weitgehend kapitalistisch organisierte Nahrungsmittelproduktion problemlos bereits das doppelte der heutigen Weltbevölkerung ernähren könnte, und dennoch die Hölle auf Erden für Millionen von Menschen immer weiter anschwellen lässt: "Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. 57.000 Menschen sterben pro Tag an Hunger. Eine Milliarde Menschen sind permanent schwerst unterernährt." (Jean Ziegler)

Das alles ist nun nichts Neues - schon vor 30 Jahren war beispielsweise der "Butterberg" ein beliebtes Thema im SoWi-Unterricht an den Schulen. Damals ging es um die Überproduktion von Milchprodukten, die seinerzeit schlicht vernichtet (und ebenfalls nicht an Hungernde ausgegeben) wurden, während durch staatliche "Subventionen" die Produzenten in die Lage versetzt wurden, mit ihrer Überproduktion trotz alledem fortzufahren. Es wurde und wird also permanent ein groteskes, stetig steigendes Überangebot von qualitativ immer schlechter werdenden Lebensmitteln produziert, während zeitgleich immer mehr Menschen hungern und sterben und die überproduzierte "Ware" vernichtet wird.

Ein solches System ist so absurd, so menschenfeindlich, so irrsinnig und kafkaesk, dass mir dazu allen Ernstes nichts anderes mehr einfällt als der zynische Ruf aus der Überschrift: Willkommen in Kafkanistan! Das ist Kapitalismus.

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"Ihr braucht keine Eier mehr zu legen, man kauft sie jetzt billiger."

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 22 vom 25.08.1924)

Mittwoch, 5. November 2014

Staatlich verordnete Verdummung: Ein fortschreitender, neoliberaler Prozess


Die neoliberale Zerstörungsorgie nimmt immer groteskere Formen an. Vor einiger Zeit hat die Bande bekanntlich die Anzahl der Schuljahre, die ein junger Mensch bis zum Abitur absolvieren muss, von neun auf acht Jahre verkürzt - die Folgen waren absehbar und sind logischer Weise auch eingetreten: Immer mehr SchülerInnen leiden unter einem erheblichen Leistungsdruck, der nicht zuletzt auch durch den vermehrt stattfindenden Nachmittagsunterricht und einen damit einhergehenden Verlust von notwendiger Freizeit sowohl psychische, als auch physische Negativauswirkungen zeigt. Den absurden "Boom" des "privaten Nachhilfemarktes", der - zumindest für diejenigen, die sich so etwas (noch) leisten können - parallel dazu zu beoachten war und ist, will ich hier nur am Rande erwähnen.

Jedenfalls gibt es seit geraumer Zeit eine steigende Gegenwehr von Seiten einiger Eltern, Schüler- und LehrerInnen gegen diese absurde Maßnahme, die erklärtermaßen einzig und allein dem Zweck dienen sollte, junge, "gut ausgebildete" Menschen noch früher der profitgierigen Ausbeutungsmaschinerie des "Arbeitsmarktes" zum Fraß vorzuwerfen.

Dieser zunehmenden Kritik hat sich Anfang des Jahres exemplarisch in NRW die dortige "Schulministerin" Sylvia Löhrmann (Olivgrüne) angenommen und ein "Expertengremium" einberufen, das sich mit diesem Thema beschäftigen sollte. Die Ergebnisse dieser Spezialexperten liegen nun vor - und wenig überraschend lauten sie verkürzt: "Die armen Kinder sind wirklich (gelegentlich) ein wenig zu sehr im Stress, weshalb wir nun nicht etwa die Schulzeit wieder um ein Jahr verlängern, sondern ... (*Trommelwirbel*) ... wir kürzen einfach den Lehrplan." (*Traraa!*)

Beim WDR klingt das so:

Eine Rückkehr zu G9 soll es nicht geben. Statt einer "Rolle rückwärts" seien "schnelle Verbesserungen für die Schüler" das Ziel, sagte Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne), die den Runden Tisch im Frühjahr 2014 eingesetzt hatte. / Im einzelnen sollen Hausaufgaben laut Löhrmann stärker in den Unterricht integriert werden. In einem Zehn-Punkte-Plan wurde außerdem festgehalten, dass weniger Unterricht am Nachmittag stattfinden soll. Es gibt ferner einen Prüfauftrag, mit dem Löhrmann auf Wunsch der Schüler untersuchen lassen will, ob weniger Klassenarbeiten möglich sind.

"Weniger Bildung!" ist hier die Losung, und es sollte angesichts der Bologna-Zerstörungen des Hochschulwesens niemanden überraschen, dass diese Katastrophenstrategie nun konsequent nach und nach auch auf die Schulen angewendet wird. Für die Brut der Superreichen (und solche, die sich dafür halten) gibt's ja schließlich längst Privatschulen und "Elite"-Universitäten - die muss sich mit diesem verblödenden Schwachsinn nach amerikanischem Vorbild gar nicht erst herumschlagen. Dass es die neoliberale Einheitspartei ist, die hier die "Rolle rückwärts" - und zwar sehr weit rückwärts - vollzieht, indem sie die Bildungsmöglichkeiten weiter ausdünnt und verkleinert, anstatt sie auszubauen und zu verbessern, kommt weder den stramm auf Propagandakurs ausgerichten WDR-"Journalisten", noch den Spezialexperten in den vernebelten Sinn - dafür aber zumindest einigen KommentatorInnen unter dem verlinkten Text. Immerhin.

Sowohl in vermeintlich kritischen Kommentaren, als auch in fast allen Mainstreampressetexten zum Thema wird aber konsequent die Frage vermieden, weshalb die Verkürzung der Schulzeit denn überhaupt erstrebenswert und sinnvoll sein soll. Die genannte Begründung der neoliberalen Bande ist ja angesichts der furchtbaren Lage auf dem "Arbeitsmarkt", der immensen Arbeitslosigkeit und der vielfach dokumentierten prekären Situation auch von Uni-AbsolventInnen so unglaublich absurd, dass einer solchen Argumentation eigentlich nur noch mit höhnischem Gelächter oder gleich einem Kessel Erbrochenem begegnet werden kann. (Einen sehr informativen Text dazu habe ich erst gestern gelesen - dazu werde ich später wohl auch noch etwas schreiben.)

Das Gefasel von der "Bildungsrepublik" ist nichts weiter als hohle PR - wie alles, was die korrupte Bande von sich gibt. Sie betreibt vielmehr eine staatlich verordnete Verdummung, die junge Menschen flächendeckend davon abhalten soll, zu kritischen, selbst denkenden Individuen zu reifen bzw. die ihnen das Denken wieder austreiben soll, falls es durch das Elternhaus und/oder andere Faktoren bereits kapitalgefährdende Ausmaße angenommen haben sollte.

Eine Anekdote zum Schluss: Vor einigen Wochen sagte ein Bekannter, ein Gymnasiallehrer, zu mir: "Wenn ich nochmal die Wahl hätte - ich würde diesen Beruf nicht mehr auswählen. Es ist katastrophal, was da an der Schule passiert. Es macht nicht nur keinen Spaß mehr, es ist regelrecht gefährlich, nicht nur für die Schüler, sondern für die ganze Gesellschaft." - Später am Abend meinte derselbe Mensch: "Ja, natürlich wähl' ich die Grünen, wen denn sonst? Die sind doch die einzigen, die noch was für die Bildung, für Soziales, für Gerechtigkeit tun! Hier geht doch sonst alles den Bach runter!"

Danach habe ich mich sinnlos besoffen und eine ganze Armee von Gehirnzellen unwiderruflich ermordet.

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Die abgebauten Junglehrer


"Sie müssen Ihre Existenz dem Staatswohl opfern, meine Herren! Analphabeten lassen sich leichter regieren, und die Notverordnungen werden sowieso durch den Rundfunk bekannt gemacht."

(Zeichnung von Wilhelm Schulz [1865–1952], in "Simplicissimus", Heft 29 vom 19.10.1931)

Montag, 3. November 2014

Zitat des Tages: Flugzeit


Laub fällt, und sichtbar werden
leere Vogelnester im Geäst.
Es regnet, regnet weiter
bis zum Schnee -
Kommt noch ein Tag, auf Nebelhörnern
kühl November blasend,
stehn wir in Wolle eingewickelt
bis zum Kinn und prüfen unser Dach.
Die offnen Stellen füllen wir mit Sorge.
Zeit wär's zu fliegen.

(Rainer Brambach [1917-1983], in: "Zeit wär's. Gedichte und Prosa aus dem Nachlass", Loeper 1985)



Anmerkung: Der verlinkte Wikipedia-Text zum Autor ist wieder einmal ein schlechter Witz, über den sich jegliche ernsthafte Diskussion von selbst verbietet: Haben wir es hier "selbstverständlich" bloß mit reiner "Naturlyrik" zu tun, ebenso wie beispielsweise Brechts "Dreigroschenoper" lediglich einen Krimi darstellt oder Tucholsky ein "Comedian" war? Manchmal fasse ich es nicht, welch stupide Auswürfe bei Wikipedia über einen längeren Zeitraum tatsächlich erhalten bleiben.

Für mich ist dieses Gedicht eine knappe, überaus schmerzliche und treffende Beschreibung unserer heutigen sterbenden Zeit. Der Band aus dem Nachlass des Autors, dem ich es entnommen habe, enthält leider keine Angaben darüber, wann Brambach es geschrieben hat - ich vermute aber, dass es aus der finstersten Zeit der deutschen Geschichte stammt oder zumindest als Rückschau auf dieses Horrorjahrzehnt gemeint war. Mit einer Sache allerdings hat dieses Gedicht wahrlich nichts, aber auch gar nichts zu tun, nämlich mit der "Naturerfahrung des Gärtners". Auf einen solchen Schmarrn - der sich bezogen auf Brambachs Lyrik übrigens bis heute immer noch durch gewisse populär-"literaturwissenschaftliche" Kreise zieht - muss man erst einmal kommen.

Dabei war ich erst gestern Zeuge, wie mehrere Schwärme lärmender Wildgänse den Himmel über mir in Richtung Süden passierten - es war einmal mehr ein fantastisches, überwältigendes Schauspiel, das mich in der Tat an dieses Gedicht erinnert hat. Wer lesen kann, wird dennoch unverzüglich verstehen, weshalb Anlass und Aussage nur in den allerseltensten Fällen etwas miteinander zu tun haben.

Meine Koffer sind jedenfalls gepackt - auch wenn ich nach wie vor nicht weiß, wohin die Reise im Fall der übelsten Fälle heute wohl gehen sollte. Dabei ist der Fall der übelsten Fälle ja bloß noch einen Steinwurf entfernt und die Sorge füllt die klaffenden und stetig erweiternden Löcher im Dach schon längst nicht mehr, sofern sie es je getan hat.

Zeit wär's. Aber ich zaudere.