Samstag, 4. Juli 2015

Hartz-Terror: Ein Musterschreiben


Erneut ist einem Menschen, der mir am Herzen liegt, einer dieser widerlichen Bescheide des "Jobcenters" ins Haus geflattert - und weil ich kein windiger "Jurist", sondern lediglich ein Freund, Unterstützer und Satiriker bin, habe ich mal ein Musterschreiben verfasst, das zwar nichts bewirken wird, aber immerhin eine deutliche Position bezieht. Was soll man denn da auch sonst tun?

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Sehr geehrte Damen und Herren,

mit großem Interesse habe ich ihr Schreiben gelesen, in dem Sie mich zur "Senkung der Kosten meiner Unterkunft" auffordern. Es ist in der Tat ein hehres Ansinnen, den Staats- bzw. Landes- bzw. Kommunalhaushalt zu schonen, indem Sie gerade bei denen, die ohnehin im leistungslosen Luxus der Hartz-Segnungen wie die fetten Maden im verwesenden Fleisch sitzen, Einsparungen vornehmen möchten. Dieses Ansinnen zeichnet Sie als einen kompromisslosen, marktkonformen Demokraten Merkel'scher Prägung aus, der es auch mit dem allzu veralteten Grundgesetz glücklicherweise nicht so genau nimmt und der gerne auch mal fünf gerade sein lässt. Gut so - solche Menschen brauchen wir, um unser überbordendes Sozialsystem auf ein verträgliches Maß zu stutzen, so dass es unserer lieben Leistungselite erlaubt ist, auch weiterhin aus ihren ständigen und aufopfernden unternehmerischen Bemühungen die knappen, allzu kargen Gewinne abzweigen zu können, die sie zum schlichten Überleben einfach benötigt.

Sie aber haben die Zeichen der Zeit wirklich verstanden - und um Ihnen Ihren schwierigen Job, in dem Ihnen allzu oft habgierige Gegenwehr aus den Reihen der nutzlosen EsserInnen entgegenschlägt, ein wenig zu erleichtern, erlaube ich mir nachfolgend einige Vorschläge, wie Sie Ihr Ziel noch viel schneller, effizienter und nachhaltiger erreichen können. Ich biete mich da auch gerne als Versuchsobjekt an - schließlich bin ich im Gegensatz zu vielen anderen ein bewusst marktkonformer Demokrat und bin mir meiner lästigen, völlig überflüssigen Existenz durchaus bewusst.

  1. Es wäre extrem hilfreich, wenn Sie die nur schleppend in Gang kommende Gentrifizierung der Städte weiter aktiv unterstützen. Sie tun hier ja bereits sehr viel, könnten aber wesentlich mehr erreichen, wenn Sie konkrete Maßnahmen ergriffen - hier bietet sich das wunderbare Beispiel Warschau an. In dieser schönen, romantischen und lebensfrohen Stadt wurden vor etwa 70 Jahren in einem nur 3,1 km² großen Gebiet etwa 1,3 Millionen Menschen neu angesiedelt, die zuvor ihre Wohnungen ebenfalls aus gewissen Gründen verlassen mussten - dabei war es keine Ausnahme, dass sich etwa 20 bis 30 Menschen eine Zwei-Zimmer-Wohnung geteilt haben. Wozu brauchen unnütze Menschen denn auch mehr Platz? Bitte regen Sie innerhalb Ihrer Behörde doch an, dass diese erprobten und seinerzeit äußerst erfolgreichen Maßnahmen endlich wieder neu aufgelegt werden.

  2. Falls auch diese Maßnahme irgendwann an eine finanziell begründete Grenze stößt, die unsere ehrwürdige Leistungselite zu sehr belastet, bleibt noch immer das ebenfalls erprobte und bis ins Detail dokumentierte Prinzip der Sicherungslager. In solchen komprimierten Wohnanlagen, wie wir sie noch heute in Auschwitz und anderswo begutachten können, hätten all die unnützen Menschen, die lediglich Kosten verursachen, eine bleibende Heimstatt in großzügig konzipierten Unterkünften und könnten zudem ohne großen bürokratischen Aufwand einer Zweit- bzw. Anschlussverwertung (beispielsweise Zwangsarbeit oder Vernichtung) zugeführt werden.

Ich hoffe, dass Sie auch in meinem Falle eine entsprechend innovative Entscheidung treffen werden und freue mich darauf, Ihnen in wenigen Jahren das Eckchen schimmeliges Brot, das Sie zum Überleben panisch in Ihrem Hemd versteckt haben, ganz im Sinne Ihrer Ideologie klauen zu dürfen, sofern meine unwürdige Person dann noch lebt.

Mit freundlichen, äußerst marktkonformen Grüßen

Ein unnützer Mitbürger.

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Freitag, 3. Juli 2015

Realitätsflucht (23): Risen 2 - Dark Waters


Heute möchte ich anlässlich der zur Erhaltung meiner geistigen Gesundheit aktuell extrem notwendigen Realitätsflucht über ein Spiel berichten, das ein sehr schweres Erbe angetreten hat - nämlich "Risen 2: Dark Waters" aus dem Jahr 2012. Dieses Spiel, das wie der Vorgänger "Risen" sowie die "Gothic"-Reihe (Teile 1 bis 3) vom deutschen Entwickler Piranha Bytes stammt, habe ich seinerzeit heiß erwartet - und nach dem Erscheinen dann doch nicht gekauft. Dazu gleich mehr.

Das Spiel, das ich vor gut einem Jahr unerwartet als Geburtstagsgeschenk doch noch erhalten habe, hat mich extrem enttäuscht. Einerseits habe ich meine durch diverse Rezensionen und Videos vorgefasste negative Meinung in weiten Teilen bestätigt bekommen - andererseits haben mich wenige Abschnitte dieses Spiel aber auch schmerzlich daran erinnert, welch wunderbare Spielwelt da verloren gegangen ist.

Zunächst war es die übliche DRM-Pest - im vorliegenden Falle eine zwingend vorgeschriebene Anbindung des Spiels an die "Steam"-Krake, die unter anderem Zwangsupdates, eine lückenlose Überwachung der Spielaktivität sowie eine nicht wieder verkaufbare DVD zur Folge hat -, die meine Lust auf das Spiel gänzlich verscheuchte. Darüber habe ich mich nach dem unerwarteten Geschenk schweren Herzens hinweggesetzt und einmal mehr einen Wegwerf-Steam-Account mit entsprechender Trash-Mailadresse eröffnet - was die Sache aber nicht weniger unschön macht, da interessierte Kreise über die IP und andere Mechanismen in unserem "freiheitlich-demokratischen" Überwachungsstaat ja trotzdem an die gewünschten (also meine) Daten kommen.

Das Spiel hat mit dem Vorgänger "Risen" und erst recht mit der "Gothic"-Reihe nicht mehr viel zu tun - man merkt an sämtlichen Details, dass hier auf Massen- und damit auch Konsolenseuchen-Kompatibilität hin entwickelt wurde. Ecken und Kanten gibt es in diesem Spiel allenfalls noch als lästige Bugs, nicht mehr als "Features". Nach dem Start wird der Spieler in eine quietschbunte, allzu kleine und nahezu nirgends tatsächlich überzeugende Südsee-Welt des frühen 19. Jahrhunderts geworfen, in der sich der aus dem Vorgänger bekannte "namenlose Held" aufmacht, als Pirat die Welt einmal mehr vor dem drohenden Untergang zu retten. Die offene Welt vergangener Piranha-Spiele ist damit Geschichte: Es gibt hier lediglich einige Inseln, die man im Verlauf des Spieles besucht und nacheinander "freischaltet"; diese bestehen aber größtenteils aus schlauchartig angelegten Arealen und haben mit einer frei begehbaren Spielwelt, wie man sie aus der "Gothic"-Reihe kennt, nichts mehr zu tun.

Wie das immer so ist, wenn "die Masse" das Ziel irgendwelcher Unternehmungen bzw. Entwicklungen ist, sucht man auch hier halbwegs fordernde Rätsel oder auch nur Dialogoptionen, welche die intellektuellen Fähigkeiten eines durchschnittlich begabten Primaten überschreiten, vergebens. Entsprechend vorhersehbar und stinklangweilig gestaltet sich auch die Geschichte. Der Titel "Risen" ist eigentlich nicht mehr gerechtfertigt, denn die aufgestiegenen, rätselhaften Ruinen, die im ersten Teil noch zumindest eine ansatzweise storybedingte Relevanz besaßen, verkommen hier zur bloßen Staffage, die man im Verlauf der Geschichte "mitnehmen" - also erkunden - darf, dies aber größtenteils auch bleiben lassen kann.

"Risen 2" ist nicht nur furchtbar langweilig, sondern ebenso furchtbar einfach, wobei ich das Adjektiv hier durchaus im Sinne von "grässlich" verstanden wissen möchte. Es ist, selbst in höheren Schwierigkeitsgraden, praktisch unmöglich, in diesem Spiel zu scheitern (vom Endkampf einmal abgesehen). Darüber hinaus stehen dem geneigten Schummler natürlich auch hier vielfältige Möglichkeiten des "Cheatens" zur Verfügung, falls eine Aufgabe trotz alledem unlösbar erscheinen sollte. Ich verstehe die Entwickler in dieser Hinsicht ja nun so gar nicht: Wenn sie die Möglichkeit des auch für Deppen leicht erlernbaren "Cheatens" schon in ihr Spiel einbauen, wieso machen sie es dann trotzdem so leicht, dass es auch in der regulären Version sogar für schwerfällige Grobmotoriker wie mich völlig problemlos spielbar ist?

In der Branche ist es ja üblich, nach der Veröffentlichung eines Spieles noch weitere, "zusätzliche Inhalte" nachzuliefern, was inzwischen längst zu einem bekannten Geschäftsmodell zur Profitmehrung geworden ist. Meist werden dafür reguläre Inhalte zuvor einfach herausgenommen und dann später als "DLC" erneut verkauft. Piranha Bytes haben dieses Prinzip bei "Risen 2" auch angewandt - und sind dabei böse aufgeflogen: Die "zusätzlichen Inhalte" waren nämlich bereits auf der regulären DVD enthalten und konnten anfangs noch via Cheat-Konsole kostenfrei freigeschaltet werden, was man nach Bekanntwerden aber schnellstens mit einem über "Steam" eingespielten Zwangsupdate unterbunden hat. - So macht man sich gewiss keine Freunde, liebe Abzocker.

Das Spiel besitzt ein paar Momente, die an die zurückliegenden Glanzlichter aus diesem Entwicklerstudio erinnern - insbesondere sind hier einige wenige, gewohnt freche Dialoge hervorzuheben. Die deutsche Vertonung inkl. der aus dem Vorgänger bekannten SprecherInnen ist wie gewohnt professionell und durchaus stimmig. In Gänze aber verkackt das Spiel auf ganzer Linie und kann auf keiner relevanten Ebene an "Risen" oder gar "Gothic" anknüpfen. Der Soundtrack erklingt lieblos, geradezu austauschbar und zuweilen gar nervig hingerotzt; die dünne Geschichte kann nur in seltenen, kurzen Momenten fesseln und ist ansonsten schlicht langweilig; die Grafik bleibt weit hinter dem zurück, was 2012 machbar gewesen wäre; und die karibische Piratenwelt kann ich nur als einen dünnen Abglanz des Potenzials beschreiben, das nach "Risen" erwartet werden konnte. Über die äußerst eingeschränkten Möglichkeiten der Charakterentwicklung samt spezieller Fähigkeiten wie beispielsweise das Schmieden, die Alchemie, die Magie (die hier zum "Voodoo" konvertiert wurde) etc. lasse ich mich besser gar nicht erst aus.

"Risen 2" ist letzlich belanglose Konsolenkacke vom Fließband, die jemandem, der die Vorgängerspiele kennt, nur bitterste Tränen der Wehmut in die Augen treibt.

Piranha Bytes sind diesem - trotz allem offenbar profitträchtigen - Irrweg inzwischen weiter gefolgt und haben mit "Risen 3: Titan Lords" das wenige, das in "Risen 2" noch einigermaßen erträglich war, rigoros ausgemerzt und den schlimmen Rest dafür konsequent ausgebaut. Aber das ist eine andere Geschichte, von der ich vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt berichten werde. Stattdessen hier noch ein offizieller Trailer zu "Risen 2", der dem wirklich schlechten Spiel nicht einmal dann gerecht wird, wenn man alle Bedenken über Bord und sich kritiklos dem Mainstream an den Hals wirft:


Mittwoch, 1. Juli 2015

Musik des Tages: Klavierkonzert Nr. 2 in f-moll




  1. Maestoso
  2. Larghetto
  3. Allegro vivace

(Frédéric Chopin [1810-1849]: Klavierkonzert Nr. 2 in f-moll, Op. 21 aus den Jahren 1829/30; North Netherlands Symphony Orchestra, Klavier: Rosalía Gómez Lasheras, Leitung: Stefan Asbury, 2013)

Anmerkung: Es ist nur eine schäbige Randnotiz, dass dieses "Young Pianists Festival", in dessen Rahmen auch das hier verlinkte, großartige Konzert stattgefunden hat, selbstverständlich als "Competition" konzipiert ist - so als könne man (oder wer auch immer) die "Leistung" der beteiligten MusikerInnen objektiv "bewerten" und in einer "Rangfolge" einordnen, als handele es sich um einen stumpfsinnigen sportlichen Wettbewerb des neoliberalen Irrsinns, in dem Zehntel- oder gar lächerlichste Hundertstelsekunden über Sieg oder Niederlage entscheiden. Der kapitalistische Ungeist der perversen Konkurrenz ist an allen Fronten fest in dieser verkommenen Welt verankert - so absurd er in so manchem "Einzelfall" auch in aller Offensichtlichkeit ist.

Es gehört eine Menge Vakuum im Schädelbereich dazu, ein solches Konzert, das ja geradezu ein Paradebeispiel dafür darstellt, was MusikerInnen ausschließlich gemeinschaftlich erschaffen können, in einen absurden "Wettbewerb" umzudefinieren. Es fehlt nicht mehr viel, bis diese Irren endlich auch die Zeit messen, in der ein Musiker eine bestimmte Passage "fehlerfrei" zu spielen vermag, um ihn zum "Sieger" oder "Verlierer" erklären zu können.

Diese Welt ist nicht meine Welt.

Dienstag, 30. Juni 2015

Zitat des Tages: Es werden Tage kommen


Es werden Tage kommen,
sonnenlose ohne Gelächter.
Brachfelder.
Kein Korn glänzt.

Leichen rollen in den Flüssen,
die Eisenbahnen sind voll toller Fahrgäste,
wer ein Herz hat, weint,
hingebückt über das Jaucheloch.

Kahlkopf und Kohlkopf
wechseln wie Wild.
Der Sieg ist versiegt,
viel Teppiche zerfasert.

Eine Tanne
steht noch - vielleicht.
Das Gehörn einer Gemse
hängt am Abgrund.

(Klabund alias Alfred Hermann Henschke [1890-1928], in: "Die weißen Blätter", Jahrgang 6, 1919; später unter dem Titel "Enzian III" mehrfach wiederveröffentlicht)




Montag, 29. Juni 2015

Das europäische Drama der habgierigen "Elite", oder: "Die Griechen sind schuld!"


Ich hasse es, wenn ich bei solchen widerlichen Themen Recht behalte - trotzdem möchte ich daran erinnern, was ich schon im Februar 2012 [sic!] über das asoziale europäische Drama geschrieben habe, das weite Teile der griechischen Bevölkerung in die pure Existenzangst geführt hat, während den wenigen Kapitaleignern bis einschließlich heute devot und liebevoll der Anus zart gepudert wurde und wird.

Lest das doch bitte.

An dieser abgrundtief perversen Situation hat sich nichts verändert - zwischenzeitlich sind Milliarden des virtuellen Geldes in die unersättlichen Schlünde der Banken geflossen, während die griechische Bevölkerung nach wie vor und zunehmend an den bitteren Krumen der Zwangsverarmung nagen muss. Unsere Propagandamedien berichten darüber nicht und machen stramm weiter Stimmung gegen die "faulen Griechen" und ihre "radikale", in besonders abstrusen Szenarien gar als "kommunistisch" bezeichnete Regierung. Noch irrsinniger und realitätsferner geht es kaum.

Es bleibt festzuhalten, dass es bei all diesen Fragen rund um den griechischen Staatshaushalt um nichts weiter als um lächerliche Kredite [sic!] geht, die bekanntermaßen von den Banken aus dem Nichts geschöpft werden und lediglich die ersehnten Zinszahlungen zum Ziel haben - der ganze absurde Tanz um das griechische "Schulden-Dilemma" ist also nichts weiter als eine kapitalistische Schimäre, die den leistungslosen Kapitalzuwachs einer kleinen Minderheit von sehr wenigen habgierigen Arschlöchern zum Inhalt hat.

Wir dürfen getrost davon ausgehen, dass diese menschenfeindliche Bande ihre Zinszahlungen nicht abschreiben wird - ihre fleißigen Bemühungen, den Menschen in Griechenland auch noch den letzten verbliebenen Rest an Lebensqualität zu stehlen und das Land in nicht minder perverse afrikanische Verhältnisse zu stürzen, halten unvermindert an und werden von unseren braven Propagandamedien - allen voran, mit abstrus laut trötenden Posaunen, die "Öffentlich-Rechtlichen" - willfährig flankiert (ich verlinke das nicht).

Der Vergleich mit der damaligen Katastrophe von Versailles liegt nicht nur auf der Hand, sondern ist äußerst evident. Wenn Syriza in Griechenland aufgrund dieser perversen Strategie der geldgierigen "Elite" scheitert, sind den faschistischen Schergen in ganz Europa alle Türen und Tore geöffnet und die braune Flut wird kaum mehr aufzuhalten zu sein. Die widerlichen Arschlöcher wissen das und haben nicht versehentlich versucht, in den letzten Jahren eine möglichst lückenlose Totalüberwachung der Bevölkerung aufzubauen - stets in der irrigen Annahme, die Nazi-Bande diesmal "beherrschen" zu können.

Bewerten muss ich dieses perverse Ansinnen nicht. Letztlich helfen KZs der "Elite" ja bekanntermaßen sehr erfolgreich bei der Vermehrung ihrer Reichtümer. Ob es nun Juden, Zigeuner, Griechen oder Hartz-Terror-Opfer sind, die ihn erwirtschaften, ist den "Herrschaften" völlig egal.

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Oktoberidylle



(Zeichnung von Mstislaw Dobuschinski [1875-1957], in: "Zhupel", Nr. 1, 1905)

Samstag, 27. Juni 2015

Song des Tages: Loser ≅ Weed




(The Residents: "Loser ≅ Weed", aus dem Album "The Third Reich 'n' Roll", 1976; Bonustrack 2 auf der 1988 veröffentlichten CD-Version; Erstveröffentlichung auf der B-Seite der Single "(I Can't Get No) Satisfaction", 1976)

Freeing, freeing, freeing fortune
Loves the, loves the, the loser with
His gift, his gift, his gift of greed

Consume, consume empty and
Yun rings, yun rings and feeling like
And feel, and feel, and feeling like a weed

Lacking certain social graces like the names
Of those foreign faces - what more could he do?
He polished up the daily spread and put his mother
Back in bed, and then he, then he went home, too.

Freitag, 26. Juni 2015

Die Mumie (1), der Zombie (2) und das schleimige Quallenmonster (3)




Anmerkung: Ich weiß dazu nichts zu sagen - solche surrealen Erlebnisse übersteigen die Kapazität meines Gehirnes um mehrere Längen im Lichtjahr-Bereich. Wäre ich hier in einem netten Computerspiel, müsste ich jetzt unverzüglich meine riesige Zweihandaxt zücken und wild schnetzelnd ... aber lassen wir das. Das ist schließlich die Realität und wirklich kein Spiel - auch wenn man das einfach nicht glauben mag und sich ständig kneift bis es blutet, damit man endlich aus dem kafkaesken Albtraum erwache.

Die Invasion der Untoten und Monster der Finsternis hat längst begonnen. Lasst alle Hoffnung fahren. Das Ende ist nahe.

Donnerstag, 25. Juni 2015

Zitat des Tages: Spät


Der Mittag ist so karg erhellt.
Ein schwarzer See sinkt in sein Grab.
Dies ist das letzte Licht der Welt,
das bleichste Glimmen, das es gab.

Aus Sümpfen schwankt Gestrüpp und Baum,
die Birken-Nerven ästeln weh.
Die Zeit erblasst, es krankt der Raum.
Tot steht das Schilf im toten See.

Die Luft strömt grau ins Mündungs-All.
Der Rabe schreit. Der Wald schläft ein.
Mich trennt ein rascher Tränenfall
vom Ende und der Flammenpein.

(Ferdinand Hardekopf [1876-1954], in: "Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts. Von den Wegbereitern bis zum Dada", hg. von Gottfried Benn, erstmals Limes 1955; Erstdruck in: "Die Aktion", Jahrgang 6, 1916)


Mittwoch, 24. Juni 2015

Bullshit-Bingo "Staatsschulden": Die unentwegte Propaganda


Es ist ein alter Hut, dass die wundersame, leistungslose Geldvermehrung der "Elite" im kapitalistischen System vornehmlich auf Schulden beruht, und ganz besonders gilt das natürlich für "Staatsschulden", die ohnehin niemals "zurückgezahlt" werden können und sollen. Es ist schon grotesk genug, dass ein Bürger, der bei einer privaten Bank einen Kredit aufnimmt, Geld "geliehen" bekommt, das es zuvor gar nicht gab - und mit der "Tilgung" des Kredits jene Bank um genau diesen Betrag reicher macht, selbstverständlich zuzüglich der anfallenden Zinsen. Dieses völlig hanebüchene Prinzip des "Fiat Money" ist inzwischen hinreichend beschrieben worden, wenngleich die große Mehrheit der Menschen noch immer keine Kenntnis davon besitzt.

Der revolutionären Umtrieben völlig unverdächtige Schlips-Borg Raimund Brichta hat schon 2008 in seiner n-tv-Kolumne der "Telebörse" darüber berichtet, wie Geld in diesem System entsteht bzw. willkürlich aus dem Nichts geschaffen wird.

Noch skurriler geht es in diesem Bereich aber zu, wenn es um Staatsschulden geht. Ich klammere die Frage einmal aus, weshalb die kapitalistischen Staaten des "freien Westens" den eigentlich hoheitlichen Akt der Geldschöpfung überhaupt in die Hände irgendwelcher privater Banken gelegt haben, um mich vor den schlimmsten verschwörungstheoretischen Angriffen, die in der Kritik des Geldsystems stets sofort teuflischen Antisemitismus zu entdecken glauben, zu schützen. Es ist jedenfalls ein nicht widerlegbarer Fakt, dass Schulden, die ein Staat bei privaten Banken aufnimmt, niemals zurückgezahlt werden sollen - die Banken sind "lediglich" an den fälligen Zinszahlungen interessiert, da dieses irrsinnige, exponentiell ausgerichtete System ansonsten innerhalb von nur wenigen Jahren zwangsläufig kollabieren müsste. Kein kapitalistisch organisierter Staat dieser Welt hat jemals auch nur einen einzigen Cent der aufgenommenen "Schulden" getilgt - Zinszahlungen haben sie aber allesamt in Billionenhöhe geleistet und werden bzw. müssen das - natürlich unaufhörlich steigend - weiterhin tun.

Welcher Geldgeber verzichtet aber auf die Rückzahlung des "geliehenen Geldes" und gibt sich mit den Zinszahlungen zufrieden? - Das ist eine rhetorische - oder vielleicht eher satirische - Frage.

Von diesen Zusammenhängen erfahren die BürgerInnen dieses Landes in der Regel nichts. Dafür wird in regelmäßigen Abständen das Bullshit-Bingo medial gestartet: Die "schwarze Null" namens Schäuble ist da nur ein lächerlicher Protagonist unter vielen. Gestern las ich beispielsweise beim WDR den folgenden Bockmist:

Die Schuldenbremse im Jahr 2020 wird NRW wohl einhalten. Jedenfalls dann, wenn alles so kommt, wie Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD) es plant. Ein Jahr früher als bislang vorgesehen, nämlich schon 2019, will der Minister ganz ohne neue Kredite auskommen. (...) / Für das kommende Jahr allerdings sieht der Landes-Etat noch Kredite in Höhe von 1,48 Milliarden Euro vor.

Rufen wir uns in Erinnerung: Die "Elite" wäre "not amused", wenn irgendeine Kommune, ein Bundesland oder Staat tatsächlich zukünftig keine "Schulden" mehr machte - entsprechend sind all diese Ankündigungen und scheinheiligen Pläne auch zu werten. Die Brut der Superreichen verdient trefflich an "Staatsschulden" - es ist also davon auszugehen, dass die korrupte Bande der politischen Vasallen immer wieder gerne ein Medienfeuerwerk nach dem anderen zünden wird, um das "Ende der Schulden" einzuläuten, dieses aber stets in die mehr oder minder ferne Zukunft verlegt und stattdessen aktuell wieder fett in die Vollen haut und weitere Milliarden von den privaten Banken aus dem Nichts schöpfen lässt, für die dann wiederum auf ewige Zeiten Zinszahlungen fällig werden. Man muss sich den verlinkten Quatsch beim WDR nur einmal durchlesen, um unentwegt mit der blanken Stirn auf den Tisch schlagen zu wollen, bis sie blutig ist. Allein eine Formulierung wie "schon 2019" ist ein ehrenwerter Kandidat für den Thron des ultimativen Bullshits - aber die "Opposition" im Landtag setzt diesem an Wahnwitz grenzenden Irrsinn locker noch die Krone auf.

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Wunschtraum


"Der einzige Diktator, der uns wirklich helfen könnte."

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 20 vom 11.08.1930)

Dienstag, 23. Juni 2015

Musik des Tages: Cellokonzert in h-moll




  1. Allegro
  2. Adagio, ma non troppo
  3. Finale: Allegro moderato

(Antonín Dvořák [1841-1904]: "Konzert für Violoncello und Orchester in h-moll", Op. 104 aus den Jahren 1894/95; Danish National Symphony Orchestra, Cello: Daniel Müller-Schott, Leitung: Dmitri Kitajenko, 2014)

Anmerkung: Angesichts dieser Musik versagen alle Worte. Ich kann die Nächte nicht mehr zählen, die ich mit geschlossenen Augen unterm Kopfhörer verbracht habe, während die wundersamen Töne von links und rechts durch mein Gehirn flossen und mich von der einen auf die andere fantastische geistige Reise geschickt haben.

Wenn man nicht verdammt gut aufpasst, kann das womöglich zu einer Reise ohne Wiederkehr werden.

Montag, 22. Juni 2015

Zitat des Tages: Der Gefangene, oder: Sich fügen heißt lügen!




Ich hab's mein Lebtag nicht gelernt,
mich fremdem Zwang zu fügen.
Jetzt haben sie mich einkasernt,
von Heim und Weib und Werk entfernt.
Doch ob sie mich erschlügen:
   Sich fügen heißt lügen!

Ich soll? Ich muss? - Doch will ich nicht
nach jener Herrn Vergnügen.
Ich tu nicht, was ein Fronvogt spricht.
Rebellen kennen bessre Pflicht
als sich ins Joch zu fügen.
   Sich fügen heißt lügen!

Der Staat, der mir die Freiheit nahm,
der folgt, mich zu betrügen,
mir in den Kerker ohne Scham.
Ich soll dem Paragraphenkram
mich noch in Fesseln fügen.
   Sich fügen heißt lügen!

Stellt doch den Frevler an die Wand!
So kann's euch wohl genügen.
Denn eher dorre meine Hand,
eh ich in Sklavenunverstand
der Geißel mich sollt fügen.
   Sich fügen heißt lügen!

Doch bricht die Kette einst entzwei,
darf ich in vollen Zügen
die Sonne atmen - Tyrannei!
dann ruf ich's in das Volk: Sei frei!
Verlern es, dich zu fügen!
   Sich fügen heißt lügen!

(Erich Mühsam [1878-1934], in: "Brennende Erde. Verse eines Kämpfers", Kurt Wolff 1920)





(Slime: "Sich fügen heißt lügen", aus dem gleichnamigen Album, 2012)


Freitag, 19. Juni 2015

Realitätsflucht (22): Gothic II - Die Nacht des Raben


Nachdem ich die PC-Rollenspiele "Risen", "Arcania" und "Gothic 3" ja bereits besprochen habe, will ich heute einen weiteren Schritt zurück in der Historie des "Gothic"-Universums wagen - vor kurzem habe ich nun endlich auch einmal "Gothic II", das ich schon jahrelang auf DVD zuhause herumliegen hatte, ausprobiert. Dieser Versuch ist nicht zuletzt einem Blogleser zu verdanken, der mich immer wieder sanft, aber bestimmt in diese Richtung "geschubst" hat - vielen Dank an Martin an dieser Stelle.

Das Spiel, das wie alle anderen Teile mit Ausnahme von "Arcania" aus dem Hause Piranha Bytes stammt, wurde Ende 2002 (erst-)veröffentlicht und gehört heute somit längst zu den "Dinosauriern" dieses Genres. Dank diverser Patches merkt man ihm dieses Alter aber nicht an - die Grafik kann sich freilich nicht mit aktuellen Spielen messen, liegt in der inzwischen verfügbaren Version aber deutlich über dem Durchschnitt und lässt sich problemlos mit wesentlich jüngeren Spielen wie beispielsweise "Fable", "Divinity II" oder "The Witcher 2" vergleichen.

Zur Story will ich hier nicht viel schreiben - man spielt den gewohnt namenlosen "Helden", der sich in einer mittelalterlich anmutenden Fantasywelt aufmacht, das einfallende Böse (in diesem Fall sind es die Schergen des "bösen Gottes Beliar") zu besiegen - oder aber mit ihm gemeinsame Sache zu machen, denn natürlich hat der Spieler die freie Wahl, welcher Partei er sich anschließen möchte. Es versteht sich von selbst, dass für mich natürlich nur der "strahlende Held" in Betracht kam, der Sklaven befreit und Monstern, Schurken, Orks, fiesen Magiern und anderen finsteren Gesellen konsequent aufs Maul haut. ;-)

Jedenfalls habe ich das versucht. Und da wäre ich auch schon beim ersten großen Kritikpunkt an diesem Spiel, denn es ist - selbst auf der leichtesten Stufe - viel zu schwierig. Gerade in den ersten zehn bis zwanzig Spielstunden ist es fast unmöglich, die vielen Gegner, auf die man unweigerlich trifft, auch wirklich zu besiegen (und auch später ändert sich das nur sehr schleppend). Das Spielkonzept sieht hier offenbar vor, dass man sich vorsichtig herantasten soll, welche Gegner man auf der jeweils aktuellen Stufe schon in Angriff nehmen kann und um welche man besser einen großen Bogen macht. Dieses Konzept finde ich zwar gut, es ist aber leider sehr schlecht umgesetzt, da es ständig passiert, dass man, wenn endlich mal ein besiegbarer Gegner gefunden ist, während des trotzdem längeren Kampfes plötzlich in den Bereich eines unbesiegbaren Monsters gerät, das den Helden dann mit ein oder zwei Hieben spöttisch grunzend ins Jenseits befördert. Man muss also auch beim Kämpfen äußerst vorsichtig sein und sollte die Gegend zuvor gründlich ausgespäht haben, um sicherzugehen, dass nicht hinter dem nächsten Felsen oder Baum etwas Fieses lauert. Hier erahnt man schon, wie wichtig die Fähigkeit des Schleichens in diesem Spiel ist.

Neumodischen Krimskrams wie beispielsweise eine sich selbst regenerierende Lebensenergie und dergleichen mehr gibt es in "Gothic 2" ohnehin nicht - man muss also stets ausreichend Nahrungsmittel oder Heiltränke im Gepäck haben, sonst braucht man gar nicht erst loszuziehen. Glücklicherweise war ich das schon aus "Gothic 3" und "Risen" gewohnt, so dass mich zumindest dies nicht weiter überrascht hat.

Das Inventar ist eine bodenlose Zumutung, die unübersichtlicher kaum sein könnte. Heute selbstverständliche Dinge wie beispielsweise einen Vergleich mit den aktuell ausgerüsteten Waffen und anderen Gegenständen gibt es nicht, während man bei einem Händler einkaufen möchte - man muss das alles entweder im Kopf haben, sich vorher aufschreiben oder den Handelsvorgang immer wieder unterbrechen und umständlich im Inventar nachsehen. Gerade an solchen Dingen merkt man dem Spiel sein Alter an - es gehört eben zu den "ersten seiner Art".

"Gothic 2" ist sperrig ohne Ende. Es streckt dem Spieler immer wieder frech die Zunge heraus und dreht ihm eine lange Nase. Die Steuerung ist sehr gewöhnungsbedürftig, die Hilfen sind rar oder schlicht nicht vorhanden, und ohne den einen oder anderen Tipp aus diversen Internetforen hätte ich so manche Quest wohl nicht abschließen können. Wie oft bin ich entnervt durch die große, im späteren Verlauf völlig offene Welt geirrt, weil ich einen bestimmten NPC suchte und mir nicht mehr so ganz sicher war, wo der blöde Geselle sich denn nun genau aufhält (zumal viele NPCs ihren Aufenthaltsort im Verlauf des Spieles auch ändern).

Viele dieser Kritikpunkte haben nun merkwürdigerweise dazu geführt, dass ich "Gothic 2" heiß lieben gelernt habe. Es ist gerade diese Sperrigkeit, die es so wohltuend von vielen aktuelleren Spielen abhebt. Trotz all der benannten Mängel habe ich es voller Inbrunst gespielt und war, wenn ich einmal begonnen hatte, stundenlang nicht mehr ansprechbar, sondern vollkommen in der virtuellen Welt gefangen - ein Umstand, den ich ansonsten nur von manchen Büchern, Theaterstücken und gelegentlich auch Filmen kenne. Ein typischer Dialog dazu: "Charlie, wo warst du denn am Sonntagabend? Ich hab' dreimal versucht, dich anzurufen!" - "Äh ... ich war doch allein zuhause?!?"

Der übliche Sermon darf nicht fehlen: Die Musik zum Spiel ist passend, die vielen, teils äußerst amüsanten Dialoge sind professionell vertont und gewohnt rauh - in der "Gothic"-Welt ist es ja selbstverständlich, dass ständig maßlos gesoffen, geraucht, gekifft, verbal gepoltert und wild drauf los geprügelt wird. Die Geschichte und die vielen, vielen Nebenquests fesseln für Tage und Wochen. Ich habe das Spiel in der sogenannten "Gold-Version", also inklusive des Addons "Die Nacht des Raben" (das wie so oft eigentlich kein "Addon", sondern ein regulärer, aus Geldgier zuvor herausgerissener Inhalt ist), gespielt und den umfangreichen Patch des Bloglesers Martin dafür benutzt (ob es den auch als Download im Netz gibt, weiß ich leider nicht - vielleicht schreibt er noch etwas dazu). Auf meinem Win7/64-System gab's dabei keinerlei Probleme - im gesamten Spielverlauf hatte ich bloß einen einzigen Absturz zu verzeichnen.

Mein Fazit: "Gothic 2" ist für Anfänger ungeeignet, für alle anderen aber sei eine heiße Empfehlung und deutliche Suchtwarnung ausgesprochen, denn dieses Spiel lässt trotz seines Alters die versammelte Riege der massentauglichen, neumodischen Konsolenkacke schlicht "uralt" aussehen. Das Werk kostet heute nur noch ein paar Cent - wer es nicht spielt, verpasst etwas wirklich Großartiges.



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Dialogschnipsel

Raoul: "Glaub' ja nicht, dass Du so einfach bei den Söldnern aufgenommen wirst, das ist nur was für ganze Kerle. Du siehst eher aus als wärst Du zur Feldarbeit berufen."
Held: "Ich glaub', ich hau' Dir mal ein bisschen aufs Maul!"

* * *

Held: "Wer bist du?"
Wache: "Geht dich nichts an, ich bin der Chef hier, klar?"
Held: "Der Chef? Von was? Von den Kisten?"

* * *

Ulf: "Ich wollte schon immer Magier werden."
Held: "Ach nee, komm!"
Ulf: "Es muss sein, hast du noch einen Wunsch, bevor dein letztes Stündlein geschlagen hat?"
Held: "Hast du was zu rauchen?"

* * *

Held (steht direkt vor der Kirche, wo auch Parlan herumlungert): "Wo finde ich ... die Kirche?"
Parlan: "Grundgütiger! Hat Innos dich mit Blindheit geschlagen? Ja, wo ist denn die Kirche bloß ...?"

Mittwoch, 17. Juni 2015

Angst vorm Kapitalismus


Der Rechtsanwalt und Blogger Thomas Stadler hat vor einer Woche einen Text über die "Angstgesellschaft" veröffentlicht, der eindrucksvoll illustriert, wie das konsequent einseitige Betrachten nur einer Medaillenseite zu geradezu abstrusen Ergebnissen führt. Stadler schreibt:

Wir leben in einer Angstgesellschaft. Obwohl die Menschen noch nie in der Geschichte derart sicher und in relativem Wohlstand leben konnten, wie in unserem Land und der gesamten sog. westlichen Welt, haben sie, wie selten zuvor, Angst vor allen möglichen Dingen.

Hier analysiert Stadler den irrsinnigen Zustand der "westlichen Gesellschaften" einigermaßen genau und weist später im Text sogar auf die klar ersichtlichen Ursachen, nämlich ständig wiederholte politisch-mediale Lügen und Propaganda, hin. An dieser Stelle unterbricht der Autor seine Analyse allerdings abrupt - er stellt die sich nun aufdrängenden Fragen nach den Gründen für diese staatlich-medialen Lügen und Propaganda nicht und versäumt es daher, auch an diesem Beispiel die uralte Strategie des gesteuerten Kanalisierens von allzu berechtigtem Widerspruch zu erkennen.

Es gibt in der Tat mehr als genug Gründe für die Bevölkerung des ach-so-sicheren Westens, pure Angst zu empfinden - einige davon nennt Stadler sogar, ohne sie jedoch als solche zu erkennen bzw. zu benennen. Existenzangst ist in den "sicheren und wohlhabenden" Gesellschaften des kapitalistischen Westens längst wieder eine feste Größe, die nicht versehentlich, sondern systembedingt und gewollt in zunehmendem Maße verwurzelt wird. Es ist daher nur logisch, dass die neoliberale Bande der Stiefellecker und Steigbügelhalter des Kapitals einmal mehr - und das auch diesmal äußerst erfolgreich - versucht, diese Ängste zu instrumentalisieren und umzuleiten. Nur wenige Beispiele dazu:

  1. Die berechtigte Angst vor Verarmung und sozialem Absturz → Erfolgreich umgeleitet vom grotesken Superreichtum einiger Weniger auf "die Griechen", Arbeitslose, Flüchtlinge, Kranke etc.
  2. Die berechtigte Angst vor der totalen staatlichen Überwachung → Erfolgreich umgeleitet auf eine diffuse, durch unzählige haltlose Beispiele genährte Angst vor Terrorismus und Kriminalität, insbesondere der "Kinderschändung".
  3. Die berechtigte Angst vor einem eskalierenden Krieg → Erfolgreich umgeleitet auf den "bösen Russen", diverse "lokale" Kriegseinsätze, die dabei munter durch den Westen selbst "befeuert", initiiert und exekutiert werden (Ukraine, Mali, naher Osten etc.) und dabei nicht selten das schamlose Lügenetikett eines "humanitären Hilfseinsatzes" oder ähnlichen Schwachsinn verpasst bekommen.
  4. Die berechtigte Angst vor minderwertigen und teils giftigen Lebensmitteln aus industrieller Produktion → Erfolgreich umgeleitet auf angebliche "Einzelfälle" bei gleichzeitiger Ausklammerung der systemischen Immanenz durch Profit- und Wachstumszwang; parallel dazu die Installation eines angeblich besseren "Bio-Marktes", der wiederum den noch Besserverdienenden vorbehalten bleibt. Der Irrsinn kennt keine Grenzen in diesem System.

Diese Liste ließe sich noch lange fortführen - Beispiele für diese immer gleiche Strategie gibt es in unserer grotesken Welt der Herrschaft des Kapitals wahrlich mehr als genug. Die vielen Ängste, die ihren Ursprung stets im furchtbaren kapitalistischen System haben, werden heute ebenso wie vor 80 Jahren von den wirklichen Zielen und Verantwortlichen in absonderliche Bahnen abgelenkt, die für die selbsternannte "Elite" nicht nur ungefährlich, sondern nicht selten sogar äußerst gewinnbringend sind - und das perverse System nebenbei dauerhaft zementieren.

Die "Angstgesellschaft", wie Thomas Stadler sie skizziert, ist nichts weiter als ein großer Popanz, der den windigen, bröckelnden Kulissen eines abgehalfterten Theaters gleicht, in dem korrupte kapitalistische Mafiabanden die grandiosen Segnungen ihrer faschistoiden Ideologie unters narkotisierte Volk bringen wollen. Wenn diese Kulissen einstürzen - was sie zwangsweise immer wieder tun -, werden dahinter die hässlichen Fratzen der habgierigen, superreichen Asozialen und ihr willfähriger, korrupter Hofstaat sichtbar, die in ihrer brutalen Menschenfeindlichkeit ihren widerlichen Ahnen in nichts nachstehen.

Ich jedenfalls habe große Angst vor diesem faschistoiden Phönix.

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Die nichts zu verlieren haben



(Gemälde von Pawel Nikolajewitsch Filonow [1883-1941] aus dem Jahr 1912, Öl auf Papier, The Russian Museum, St. Petersburg)

Song des Tages: Summer Night City




(Therion: "Summer Night City", aus dem Album "Secret of the Runes", 2001)

Anmerkung: Diese Cover-Version eines ABBA-Songs aus dem Jahr 1978 illustriert wunderbar die weltfremde Abgehobenheit der selbsternannten "Elite", die immerfort ihre apokalyptischen Luxusfeste auf dem Vulkan und den maßlosen, längst ins Perverse geglittenen Überfluss feiert, ohne die finstere globale Realität der Menschheit, auf deren Kosten sie ihre schäbigen "Elite"-Leben führt, überhaupt wahrzunehmen. Das Video zu diesem Cover-Song verdeutlicht diese Perversion und weist zudem - keineswegs subtil - darauf hin, dass dieser menschenfeindliche Irrsinn kein Zeichen ausschließlich unserer Zeit ist: Die groteske, sich stets wiederholende Zeitschleife des Wahnsinns wird hier ironisch persifliert und in ihrer ganzen nackten, oberflächlichen Absurdität gezeigt.

Waiting for the sunrise
Soul dancing in the dark
Summer night city
Walking in the moonlight
Love-making in a park
Summer night city

In the sun I feel like sleeping
I can't take it for too long
My impatience slowly creeping
Up my spine and growing strong
I know what's waiting there for me
Tonight I'm loose and fancy-free

When the night comes with the action
I just know it's time to go
Can't resist the strange attraction
From that giant dynamo
Lots to take and lots to give
Time to breathe and time to live

Waiting for the sunrise
Soul dancing in the dark
Summer night city
Walking in the moonlight
Love-making in a park
Summer night city

It's elusive, call it glitter
Somehow something turns me on
Some folks only see the litter
We don't miss them when they're gone
I love the feeling in the air
My kind of people everywhere

When the night comes with the action
I just know it's time to go
Can't resist the strange attraction
From that giant dynamo
And tomorrow when it's dawning
And the first birds start to sing
In the pale light of the morning
Nothing's worth remembering
It's a dream, it's out of reach
Scattered driftwood on the beach

I know what's waiting there for me
Tonight I'm loose and fancy-free
I love the feeling in the air
My kind of people everywhere


Montag, 15. Juni 2015

Film des Tages: 14-18: Europa in Schutt und Asche




(Dokumentation von Jean-François Delassus aus dem Jahr 2008, Originaltitel: "14-18: Le bruit et la fureur")

Anmerkung Dieser bedrückende und dennoch äußerst eindrückliche Film beschreibt den Beginn und Verlauf des Ersten Weltkrieges aus der Sicht eines französischen Menschen, der 1914 im zarten Alter von 24 Jahren schnell zum "Soldaten" mutierte bzw. gemacht wurde. Er beginnt mit der folgenden gesprochenen Eingangssequenz: "Ich denke noch immer an sie, an diese von Granaten zerpflügten Schlachtfelder. Der Krieg lebt in meiner Seele weiter, als ein grausamer, bilderspeiender Vulkan, mit seinem Gestank, seinem Lärm. Und heute erkenne ich, wie aus dieser beispiellosen Tragödie all die Katastrophen des 20. Jahrhunderts erwachsen konnten - als Kinder dieses Krieges." - wobei ich nicht sicher bin, ob das hier falsch verwendete Wort "Tragödie" auf einen - bewussten oder unbewussten - Übersetzungsfehler in der deutschen Fassung, auf Schludrigkeit oder auf eine gewollte Falschaussage zurückzuführen ist. Der Film jedenfalls verdeutlicht eindrucksvoll, dass es sich bei diesem bodenlosen Abstieg ins Barbarentum keineswegs um eine "Tragödie" im Sinne der eigentlichen Wortbedeutung gehandelt hat, die ja per definitionem unter Anderem eine "schuldlose" und "unabwendbare" Entwicklung hin zur Katastrophe bedeutete. Das genaue Gegenteil ist der Fall.

Der Film ist trotz einiger solcher Mängel sehr sehenswert und vermittelt einen recht anschaulichen, zuweilen äußerst verstörenden Eindruck in die Zeit zwischen 1914 und 1918, die wohl nicht zufällig unserer heutigen furchtbaren Welt in vielerlei Hinsicht sehr ähnelt:

1914 - Wo man auch hinsieht, ist Fortschritt. Wir sind alle geradezu verrückt nach Automobilen. (...) Das neue Jahrhundert fängt vielversprechend an. Wir ahnen nicht, welche Grausamkeiten uns erwarten. Wie beginnt man, wenn man von der nackten Gewalt erzählen will, der wir ausgesetzt waren, von dem stinkenden Brei menschlicher Überreste? Die Bilder verfolgen mich noch immer.

Freilich unterlässt es auch dieser Film, nach den tatsächlichen, systemischen Ursachen zu forschen oder auch nur zart zu fragen - ansonsten hätte er vermutlich gar nicht erst produziert und im "freiheitlichen" TV des "Westens" (freilich im Nachtprogramm oder in mehrheitlich unbekannten Nischenkanälen) ausgestrahlt werden können. Ein durch und durch pazifistisches Ausrufezeichen mit deutlichem Bezug zu Jetztzeit bleibt er aber allemal.