Mittwoch, 27. Mai 2015

Zitat des Tages: Amtliche Mitteilung


Die Suppe ist eingebrockt:
wir werden nicht hungern.

Wasser steht uns am Hals:
wir werden nicht dürsten.

Sie spielen mit dem Feuer:
wir werden nicht frieren.

Für uns ist gesorgt.

(Volker von Törne [1934-1980], in: "Amtliche Mitteilung. Gedichte", Berlin 1961)

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Ohne Titel



(Gemälde von Francesco Clemente [*1952] aus dem Jahr 1984, Öl auf Leinwand, Museum of Fine Arts, Boston, USA)

Aktionstage: "G7" und "Bilderberger"


Am 7. und 8. Juni 2015 werden sich im Luxus-Hotel "Schloss Elmau" in den bayrischen Alpen die Staatschefs und tausende Diplomaten der "Gruppe der Sieben" (Deutschland, Frankreich, USA, Vereinigtes Königreich, Kanada, Japan und Italien) beim so genannten "G7-Gipfel" verschanzen. Hier treffen sich einige der größten Verbrecher der Welt, um Kriege, Ausbeutung und Unterdrückung gemeinsam zu koordinieren. Dabei werden sie von tausenden Polizisten und Militärs beschützt – Kostenpunkt: mindestens 130 Millionen Euro! Auch wenn sie in den hintersten Zipfel Deutschlands fiehen – wir werden sie bis dahin verfolgen und ihren Gipfel blockieren! (Quelle)

Ich hoffe, dass am übernächsten Wochenende möglichst viele Menschen den Arsch hochbekommen und den Protest gegen diese bizarre Veranstaltung, die selbstverständlich in einem elitären Luxushotel stattfindet, tatkräftig unterstützen werden.

Nähere Infos zu den geplanten Veranstaltungen, den Örtlichkeiten inkl. Kartenmaterial etc. findet ihr auf der Internetseite stop-g7-elmau.info; einen informativen Text zum Thema könnt ihr hier lesen; und einen entsprechenden Aufruf, der gerne weiter verbreitet werden möchte, gibt es natürlich auch.



Passend dazu startet direkt am nächsten Tag das diesjährige "Bilderberger-Treffen", diesmal in Tirol: "Vom 9-14 Juni kommen führende Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Forschung, Militär, Geheimdiensten und Adel zu einem Treffen in Telfs-Buchen zusammen, bei dem keine Öffentlichkeit erwünscht ist."

Die selbsternannte "Elite" und ihre eifrigen Steigbügelhalter und Stiefelknechte gleich in doppelter Aktion: Wenn das mal nicht ein wunderbarer Anlass ist, dieser Mischpoke ein entschlossenes "Nein" entgegenzuschleudern!

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Weltwirtschaftskonferenz


"Prosit, meine Herren – das Elend existiert nicht, wenn wir es nicht in unser Protokoll aufnehmen!"

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 8 vom 23.05.1927)

Dienstag, 26. Mai 2015

Song des Tages: Far Away




(Blackfield: "Far Away", aus dem Album "Welcome To My DNA", 2011)

Wherever I stay
There's a feeling I'm so far away
I got no home town
I never put roots down

I bet you feel safe
Keeping your life in a cage
While I take my chances
But it always collapses

I really don't know what it needs
To put my smile on
To turn the light on
It always seems I'm falling down
They think I'm crazy
They think I'm crazy

There's a child in me,
Still hiding behind the old tree
But aren't we all hiding
'Til the moment we're dying

And maybe I'm free
But freedom just means that I'm lost
It feels like I'm driving
Without ever arriving

I really don't know what it needs
To put my smile on
To turn the light on
It always seems I'm falling down
They think I'm crazy
They think I'm crazy

Wherever I stay
There's a feeling I'm so far away
I got no home town
I used to run so fast



Anmerkung: Je öfter und intensiver ich mich mit den vielen verschiedenen grotesken Gruppierungen der Irren (Kapitalisten, Nationalisten, Patrioten, Esoterikern, Religioten, Faschisten, willfährigen Sklaven, "Bescheid-Wissern", "Elitären" und all jenen, die sich absurderweise für "elitär" halten etc. pp.) auf diesem verkommenen Höllenplaneten befasse, desto schneller muss ich an dieses kleine, melancholische Liedchen des britisch-israelischen Musikprojektes "Blackfield" denken.

Sie haben doch nichts weiter vorzuweisen als Dummheit, Egoismus, Ignoranz und Hoffnungslosigkeit - davon aber immerhin so viel im reichlich überquellenden Überfluss, dass es gleich für eine multiple Apokalypse reicht.

Ach, gäbe es heute doch dieses sehnsuchtsvolle "far away" noch, in das man sich vor all diesem fürchterlichen Wahnsinn flüchten könnte.

Montag, 25. Mai 2015

(P)Oops - they did it again: Die Esos und die lächerliche Simulation eines autoritären Diskurses


Ich weiß, es langweilt mittlerweile - aber die Sektierer vom Eso-Blog Jenseits der Realität haben schon wieder nachgelegt und einmal mehr ihre völlige thematische Inkompetenz sowie ihren umfassenden Unwillen dokumentiert, an einem ernsthaften Diskurs auch nur scheinbar teilzunehmen. Nachzulesen ist der Sermon, der mich inzwischen tatsächlich nur noch zum Gähnen und Schmunzeln reizt, hier - wer den Kappes lesen will, mag das gerne tun.

Passend zu Pfingsten ist nun der highlige Geist (Udo L.) über mich gekommen und hat mir nach drei Pullen Schnaps und zehn Kilo Heroin zu der folgenden Replik geraten:

Da wird wie gewohnt in allzu peinlicher Empörung aus meinen bisherigen Kritiken, Polemiken und Satiren zitiert, ohne Quellen anzugeben oder gar auf entsprechende Textstellen zu verlinken. Der jeweilige Kontext wird ebenso verschwiegen wie die langjährige Entwicklung dieser Farce, die letztlich dazu geführt hat, dass ich die Auswürfe dieser heuchlerischen Bande nur noch mittels Ironie und Sarkasmus kommentieren kann. Es ist nur eine Randnotiz, dass die esoterischen Herrschaften mir dabei sogar Zitate in den Mund legen, die gar nicht von mir, sondern aus anderen Blogkommentaren stammen. Ob es sich dabei um die gewohnt esoterische Schludrigkeit oder aber um perfide Absicht handelt, vermag ich nicht zu entscheiden.

Sehr belustigend finde ich den indirekten "Vorwurf" des faulenden Fußes in einem Kommentar, dass man mit mir ja "nicht mehr" (sic!) diskutieren könne. Der Kakao, den ich beim Lesen dieser Passage gerade schlürfte, hat meinen Monitor umfassend ruiniert, und ich behalte mir entsprechende Schadenersatzforderungen ausdrücklich vor. ;-) Diese gewohnt kreativ-heuchlerische Vorgehensweise der verbohrten Bande, die mich ja schließlich aktiv von jedweder Diskussion - und sei sie auch noch so vergeblich und redundant - durch eine frühzeitige Sperrung komplett ausgeschlossen hat, spricht für sich.

Das betrifft natürlich nicht nur mich allein - ich habe inzwischen eine ganze Reihe von Mails erhalten, in denen mir von anderen Menschen ähnliches berichtet wird, und ich poste hier einfach mal ein Beispiel dazu:

Wie im Titel bereits steht: Eure Aggressivitäten. Ich weis bis heute nicht, warum ich bei rr gesperrt und mein sachlicher, ergänzender Kommentar zur Linken-Trilogie von ihm gelöscht wurde. Insofern kann ich nachvollziehen, [dass], wenn die Gestalter dieser Webseiten, die sich gern rhetorisch unisono als Erfinder der Menschlichkeit darstellen, mit kritischen Kommentatoren wiederholt schnodderig und autoritär bis totalitär (Meinungsfreiheit?) umspringen, sich der/die Angesprochene mit adäquatem Vokabular wehrt. Auch das ist MENSCHLICH nachvollziehbar.

Da hier ja die Sperrung mißliebiger Meinungen zum Volkssport avanciert ist, hättet Ihr ja den Mut haben können, bei Charlie zu kommentieren. Sicher wären Euch sogar die Schulterklopfer unterstützend dorthin gefolgt.

Da ich mir vorgenommen habe, Blogs konsequent zu meiden, die meine Kommentare unterdrücken, ist dies mein letzter.

Dies schrieb der Altautonome bei den Jüngern der esoterischen Humanität am 22. Mai, und es war nicht sein erster vergeblicher Versuch, sich bei den Esos zu äußern. Da kann man nur noch die vierte Schnapspulle köpfen und das opiumgetränkte Popcorn bereitlegen.

Inhaltlich nehme ich auch zu dem jüngsten, oben verlinkten Auswurf dieser Bagage nicht weiter Stellung, da bereits alles Relevante - und das bereits mehrfach - gesagt ist. Dem geneigten Interessierten seien aber insbesondere die dortigen Kommentare von Platta und Faulfuß ("rr") ans Herz gelegt, die eindrucksvoll illustrieren, wie eifrig eine schillernde Nebelkerze nach der anderen geworfen und zelebriert, aber auf die tatsächliche Kritik mit keinem ernsthaften Wort eingegangen wird. Ein weiteres, wunderbar erhellendes Beispiel für diese dort übliche Vorgehensweise der Vernebelung, Ablenkung und nachträglichen Relativierung sind auch die Kommentare des Wecker-Fanboys "Manfred" in diesem älteren Posting hier auf dem Narrenschiff, die exakt demselben Schema folgen und offenbar größtenteils von dort drüben einfach hierher kopiert worden sind - selbstverständlich ohne irgendeinen Bezug auf vorhergehende Äußerungen anderer Kommentatoren oder gar den Inhalt des Postings selbst.

Fazit: Wer aus der reichlichen Kritik an den eigenen Ergüssen zwar umfänglich, dennoch nur bruchstückhaft und tendenziös, teils gar fehlerhaft und konsequent ohne Verlinkung oder zumindest eine korrekte Quellenangabe zitiert - und gleichzeitig eben jene Kritik auf der eigenen Seite ebenso konsequent unterdrückt und zensiert, während Lobhudeleien des eigenen Sermons sowie üble Entgleisungen gegen den "erklärten Feind", also den Kritiker, gleichermaßen sehr gerne gesehen sind und sogar gefördert werden, der hat nicht nur "etwas zu verbergen", sondern macht sich in jeglicher Hinsicht unglaubwürdig und muss als zutiefst suspekt gelten.

Und das erkennen - glücklicherweise - sicherlich nicht nur einschlägige Kritiker, für die das eh nichts weiter als ein alter, übelriechender Hut ist.

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Traum einer Nonne



(Gemälde von Karl Pawlowitsch Brjullow [1799-1852] aus dem Jahr 1831, Wasserfarben auf Papier, The Russian Museum, St. Petersburg, Russland)

Freitag, 22. Mai 2015

Film des Tages: Die Klotzköpfe, oder: Der übergeschnappte Popanz




("Die Klotzköpfe" [Originaltitel: "Blockheads"], Film von John G. Blystone mit Stan Laurel und Oliver Hardy aus dem Jahr 1938)

Anmerkung: Aus gegebenem Anlass (siehe ausführlicher hier und auch hier) schenke ich mir herzlich gerne - zumindest heute - einen längeren Kommentar zu diesem kafkaesken, fortgesetzten Irrsinn und lasse stattdessen lieber die ehrwürdigen Großmeister der subtilen, humoristischen Selbstzerfleischung zu Wort und bewegtem Bild kommen. Ob die betroffenen Damen und Herren es wohl vermögen, sich selbst und auch mich in diesem wunderbaren Kunstwerk (sic!) wiederzufinden? ;-) Meine argen Zweifel sind wohl sehr berechtigt - der "übergeschnappte Popanz", wie Oliver Hardy es im Film so wunderbar treffend formuliert, betrifft bekanntlich stets ausschließlich "die anderen" und niemals das eigene, oftmals allzu erbärmliche Spiegelbild und Selbstverständnis.

Die Komik der Zerstörung streift sowohl den surrealistischen (...) wie den verbalen Humor. / Diesen herrlichen Film müsste man Einstellung für Einstellung beschreiben, um seine gesamten Reichtümer ausreichend bewundern zu können.

(Raymond Borde / Charles Perrin, zitiert nach: Rainer Dick: "Laurel und Hardy. Die größten Komiker aller Zeiten", Heyne 1995)

Mittwoch, 20. Mai 2015

Zitat des Tages: Nur so zur Abwechslung


Ein Dreher fällt um vor seiner Maschine.
Sein Chef erfrischt sich mit Neskaffee.
Der Landrat wechselt die Konkubine.
Der Innenminister, sein Staatssekretär
für Bundesfragen und für Verkehr
laden sie beide zum Fünfuhrtee.

Ein Güterzug mit Kohl und Kartoffeln
wechselt das Bahngleis bei rotem Signal.
Die Kuhmagd vertauscht zur selben Zeit
die Schuhe mit Holzpantoffeln, das Kleid
mit der Schürze und schlurft in den Stall.

Gegen den Feld- und den Luftzug geschützt
umstülpen Gelehrte die Kausalität
und spalten im stillen Atome.
Humanere Chemiker mixen Arome
für Schnäpse als neue profanere Spezialität.

Kinder heulen. Die Mütter wechseln die Hosen
und waschen und kosen die kleinen Popos.
Sirenen heulen. Die Väter in allen
Büros und Fabriken wechseln die Schicht.
Sirenen heulen und Bomben fallen.
So wechseln die Zeiten ihr Gesicht.

(Wolfgang Bächler [1925-2007], in: "Die Erde bebt noch. Frühe Gedichte 1942-1957", Fischer 1988; geschrieben etwa 1957)



Anmerkung: Nach einem kleinen, unerfreulichen Exkurs in die erkenntnisresistente Welt eines geradezu archetypischen Vertreters des vermeintlichen "Inselwissens" (nachzulesen hier) habe ich einmal mehr eine Ahnung davon erhalten, weshalb sich die bösen Zeiten in der menschlichen Geschichte immer aufs Neue wiederholen - "nur so zur Abwechslung". Hätte ich es nicht wieder einmal direkt miterlebt, hätte ich glatt vergessen können, dass es auch im 21. Jahrhundert noch immer die alten Betonköpfe gibt, die allen Ernstes der felsenfesten, an Irrsinn grenzenden Auffassung sind, eindeutig und "belegbar" entscheiden zu können, was gute, was weniger gute und was gar keine Kunst sei.

"Noch immer" ist indes eine vermutlich widersinnige Wortwahl, denn die Fraktion der "Ich weiß Bescheid"-Gestalten scheint ja nicht ab- sondern eher zuzunehmen - und das betrifft keineswegs nur die Frage nach dem Wesen der Kunst. Diese ist letztlich nur ein Symptom einer viel tiefer liegenden, fatalen Verirrung des menschlichen Geistes, die letzten Endes auch in die Unterscheidung zwischen "wertvollen", "weniger wertvollen" und "wertlosen" Menschen, mithin direkt in den Faschismus führen muss.

"So wechseln die Zeiten ihr Gesicht" - nämlich gar nicht, da in alter, böser Tradition allenfalls die Schminke und die Kostüme getauscht werden. Neben der stumpfen persönlichen Macht- und Habgier sowie der scheinbar unüberwindbaren archaischen Magiegläubigkeit ("Religion") können wir hier die dritte verdorbene Säule ausmachen, die ebenfalls unweigerlich dafür sorgt, dass die Menschheit sich gewiss nicht weiterentwickeln kann, um das dumpfe Zeitalter der Primaten endlich verlassen zu können.

Und so sitze ich hier in meiner "vollgeschissenen Hose", verbreite weiter fröhlich "politische Bubi-Parolen des Lampenputzerrevoluzzers" und beobachte - eher angeekelt als fasziniert - den immer gleichen apokalyptischen Tanz der menschlichen Affenhorde, der mit doppelter und dreifacher Ansage unweigerlich nur in den Abgrund zielt. Der ist zwar sehr blutig, nach berufener Auffassung aber "künstlerisch wertvoll". Immerhin.

Dienstag, 19. Mai 2015

Musik des Tages: Also sprach Zarathustra




  1. Einleitung, oder Sonnenaufgang
  2. Von den Hinterweltlern
  3. Von der großen Sehnsucht
  4. Von den Freuden- und Leidenschaften
  5. Das Grablied
  6. Von der Wissenschaft
  7. Der Genesende
  8. Das Tanzlied
  9. Nachtwandlerlied

(Richard Strauss [1864-1949]: "Also sprach Zarathustra", op. 30, sinfonische Tondichtung für großes Orchester und Orgel, frei nach Friedrich Nietzsche, aus den Jahren 1895/96. Gustav Mahler Jugendorchester, Leitung: Jonathan Nott, 2009)

Anmerkung: Den meisten Menschen sind die ersten Takte dieser Komposition sicherlich bekannt, da sie vielfach für anderweitige Zwecke instrumentalisiert worden sind - sie finden sich beispielsweise in der Eröffnungssequenz des Kubrick-Filmes "2001 - Odyssee im Weltraum" oder auch am Beginn des Songs "River Deep, Mountain High" in der Interpretation von Deep Purple (beides aus dem Jahr 1968), um nur zwei Beispiele von so vielen zu nennen. Darüber hinaus dürfte dieses beeindruckende Werk einer breiteren Öffentlichkeit aber weitgehend unbekannt sein, was ich als bedauerlich und wenig nachvollziehbar empfinde.

Zusätzlich ist dieses Musikstück ein willkommener Anlass für mich, einmal mehr mein Lieblingszitat aus Nietzsches "Zarathustra", nämlich den Schlusssatz, zu rezitieren, der mir schon so oft verlässlich als Stütze und letzter Halt gedient hat:

"Also sprach Zarathustra und verließ seine Höhle, glühend und stark, wie eine Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt."


Montag, 18. Mai 2015

Staatlich verordnete Verdummung: Der nächste Schritt


Mit Hochdruck arbeitet die neoliberale Bande bekanntlich daran, die verbliebenen Reste des ohnehin äußerst dürftigen Bildungssystemes in Deutschland weiter zu zerstören, um künftig noch schneller an möglichst dummgehaltene, systemkonforme und unkritische "Arbeitsmarkt"-Sklaven zu kommen als dies ohnehin schon der Fall ist. Gestern hat sich zum Teilbereich der Hochschulen wieder einmal der Gärtner vom Deck der Titanic zu Wort gemeldet und im vorläufigen Zwischenergebnis zur Zerstörungsorgie nunmehr die neue deutsche "Kinderuni" ausgemacht:

"Though this be madness, yet there is method in 't." (Shakespeare, 1603) / Dass wir da ideell längst sind und aus der autonomen Hochschule für (potenziell) autonome Jungerwachsene das geworden ist, was Industrie und Stifterverbände wollen, nämlich das genaue Gegenteil, beweist uns dann die Zeit, die für ihren Studienführer neuerdings folgende Reklame macht: "Gemeinsam das passende Studium finden. Unterstützen Sie Ihr Kind bei der Wahl des richtigen Studiums." Und Papa, dessen (und sei's freundlicher) Fuchtel zu entkommen immer ein schöner Hauptgrund fürs Studium war, sitzt aufmerksam neben seinem 16jährigen, damit der bloß nicht auf die Idee komme, den eigenen Entschluss zu fassen, für den er nach G8 und allem ja auch zu jung ist. Studium als Angelegenheit von (außerakademischen) Autoritäten, als eines, bei dem die, die sich bilden sollen, im Grunde nichts mehr zu melden / zu wollen / zu entscheiden haben: wenn das, bei allem Gegacker vom "freiesten Deutschland aller Zeiten", nicht ganz und gar autoritär ist, dann weiß ich auch nicht. / Heute nennt man's freilich marktkonform.

Dieser Text sei jedem ans Herz gelegt - er lohnt sich sehr. Der Bildungsabbau betrifft allerdings nicht bloß die Hochschulen. Ein illustres Beispiel dafür ist das so genannte Turbo-Abitur, über das ich mich schon mehrfach - zuletzt im November 2014 - ausgelassen habe. Damals ging es darum, dass die radikale, völlig irrsinnige Verstümmelung der gymnasialen Oberstufe um satte 33 Prozent (von einstmals drei auf nur noch zwei Jahre) selbstredend massive negative Effekte auf eine Vielzahl von SchülerInnen hatte. Die korrupte Bande hatte daraufhin wegen der lauter werdenden Proteste gegen diesen offenkundigen Affenzirkus der puren Idiotie ihre "völlig unabhängigen" Super-Spezial-Experten losgeschickt, um nach "Lösungen" zu suchen.

Die Super-Spezial-Experten haben damals - oh welch Wunder! - das erwünschte Ergebnis geliefert: "'Weniger Bildung!' ist hier die Losung, und es sollte angesichts der Bologna-Zerstörungen des Hochschulwesens niemanden überraschen, dass diese Katastrophenstrategie nun konsequent nach und nach auch auf die Schulen angewendet wird", schrieb ich damals dazu. Heute habe ich nun einen kleinen, gut versteckten und natürlich sehr wohlwollend-manipulativen Hinweis darauf gefunden, dass die Bande diese Untergangsstrategie in NRW tatsächlich konsequent durchgezogen und die weitere Beschneidung der Curricula nunmehr - in trauter rot-grün-neoliberaler Eintracht (freilich wohlwollend-begeistert begleitet von den schwarzen Schergen der CDU) - beschlossen hat:

Schüler in NRW können aufatmen. Der Schulausschuss im Landtag hat dafür gestimmt, G8-Schüler deutlich zu entlasten. Die neuen Regeln zum Turbo-Abi treten zum nächsten Schuljahr in Kraft. Die Einzelheiten. In NRW stöhnen viele unter dem Druck durch das Turbo-Abi. Viel Lernstress - wenig freie Zeit. Durch die Entlastungen wird es ein bisschen entspannter, das Abi in acht statt in neun Jahren zu machen.

"Aufatmen" können hier jedoch nur die "elitären" Arschlöcher in ihren Prunkvillen - allen anderen sollte der zitternde Angstschweiß auf der Stirne stehen, allen voran der bildungshungrigen Jugend. - Ich hätte fast geschrieben: "Mission accomplished!" - aber selbstverständlich ist auch dies lediglich ein Etappenziel auf dem kapitalistischen Weg zur totalen Verblödung der Menschen, der noch lange nicht sein von "elitärer" Seite ersehntes Ziel erreicht hat. Nach dumpfer kapitalistisch-faschistoider Unlogik ist selbst eine blökende Schafherde noch immer zu gefährlich, zu intelligent, zu unberechenbar für die hohe Herrschaft. Sie werden keine Ruhe geben, solange es die heiß ersehnten Massen der versklavten, stumpfsinnigen Roboterzombies aus der dystopischen SF-Literatur noch nicht ganzheitlich gibt.

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(Restaurierte Fassung des Films "Metropolis" von Fritz Lang aus den Jahren 1925/27)

Samstag, 16. Mai 2015

"Deutschland geht es gut": Ein Realitätsabgleich


Unsere geliebte Bundesregierung - die momentan, was manch einer gerne vergisst bzw. verdrängt, von CDU und SPD in trauter neoliberaler Eintracht gestellt wird - wird nicht müde, den dummgehaltenen, willenlos dahinvegetierenden Untertanen immer wieder in ewiger Wiederholung den propagandistischen, infantilen Sermon vorzutragen, dass "es Deutschland gut" gehe. Da ist es zwischendurch recht hilfreich, ebenfalls immer wieder ein wenig genauer hinzuschauen. Der WDR hat aktuell ein schönes Beispiel dafür im Programm, wie oberflächliche, systemkonforme Symptomberichterstattung bei gleichzeitiger rigoroser Ausklammerung der Ursachenforschung und konsequenter Auslagerung der Schuldfrage (und damit auch der Lösung) aussieht:

Zuwanderer, Flüchtlinge, aber auch immer mehr Deutsche: 10.000 Menschen in Duisburg haben keine Krankenversicherung. Darunter viele Kinder. (...) / Die Probleme im Gesundheitssystem sind bei der Stadt bekannt. Der Leiter des Gesundheitsamtes, Dr. Dieter Weber, will nichts beschönigen. Er hat sich auch schon selbst bei Pater Oliver [sic!] ein Bild gemacht. Und auch er findet die Zustände in Duisburg skandalös und denkt über eine Clearing-Stelle [sic!!] nach, die in solchen Fällen helfen kann. Aber das alleine werde nicht reichen: Ein europäischer Hilfsfonds [sic!!!] müsste her, sagt er, damit die Probleme gelöst werden.

Ihr müsst Euch den Quatsch beim WDR nicht durchlesen - das kleine Zitat dürfte ausreichen, um den Informationswert dieses lächerlichen Textes beurteilen zu können. Allein der "BLÖD"-Titel "Gesundheitsskandal" illustriert das Niveau schon vortrefflich.

Die Probleme sind der Stadt / dem Land / dem Bund selbstverständlich bekannt (wie sollte es auch anders sein!), die Ursachen aber werden konsequent verschwiegen - in der Politik ebenso wie in den Systemmedien. Der Staat, der ja laut Grundgesetz ein Sozialstaat sein sollte, versagt auch hier auf ganzer Linie - und das nicht etwa zufällig, sondern von langer Hand geplant und gewollt. Das wird beim WDR natürlich nicht thematisiert - dafür muss wieder einmal ein "privates Hilfsprojekt" herhalten, das die ureigentlichen Aufgaben des Sozialstaates inzwischen übernimmt. Auch diesmal ist es ausgerechnet wieder ein kirchliches Projekt - dabei dürfte sich heuer doch hoffentlich sogar bis in die von der Realität offenbar abgeschotteten WDR-Büros herumgesprochen haben, dass die christlichen Kirchen sowie deren "Projekte" in Deutschland längst nicht nur aus Kirchensteuern - also durch die Beiträge der Kirchenmitglieder - finanziert werden, sondern eben großteils auch aus dem - *Trommelwirbel* - Staatshaushalt. Wir sehen glitzernde Nebelkerzen, wohin wir auch schauen.

Dahinter steckt die perfide, jetzt hoffentlich hinlänglich bekannte neoliberale Strategie: "Private" oder kirchliche Leistungen sind nicht einklagbar, sondern können erbracht, genauso aber auch willkürlich von jetzt auf gleich entzogen werden, ohne dass ein Betroffener dagegen irgendeine Handhabe besäße. Die perversen "Tafeln" waren hier wohl die Blaupause für weitere geplante Aushöhlungen des Sozialstaates.

Den Vogel schießen der WDR, unser selbstloser "Pater Oliver" und der geschätzte Herr Dr. Weber vom "Gesundheitsamt" aber ab, indem sie in (laut WDR) friedlicher Dreifaltigkeit angesichts dieses "Skandals" - *erneuter Trommelwirbel* - nach einem "europäischen Hilfsfonds" brüllen: In einem der reichsten Länder der Welt, dessen schon arg neoliberal gestutztes und keineswegs zur Nachahmung empfohlenes Mehr-Klassen-Gesundheitssystem trotzdem noch immer von hunderten von Krankenkassen, deren Konten nach wie vor überquellen und absurde Profite sowohl für die "Managerebene" dieser Kassen, als auch für die Eigner sowie die Pharma- und "Gesundheits"-Industrie bereithält, bevölkert wird, ist das der nicht mehr zu überbietende Gipfel der Perversion. Hier ruft kein Ertrinkender, kein Insasse eines Rettungsbootes, noch nicht einmal der Kapitän eines herbeieilenden Schiffes um Hilfe, sondern ein stumpfer Bürokrat in seinem sicheren Furzsessel fernab jeden Meeres.

Wir brauchen in dieser Hinsicht keine kirchlichen, staatlich bezahlten "Pater" und auch keinen "europäischen Hilfsfonds" oder sonstige vergleichbare Albernheiten - wir brauchen eine einzige, für alle Menschen in diesem Land zuständige Krankenkasse, die ihnen kompetent und zuverlässig hilft, wenn Hilfe notwendig ist. Alles andere ist kapitalistischer Irrsinn, der nicht den Menschen, sondern einzig den profitgierigen Vollidioten der sogenannten Elite nützt.

Also - und das überrascht hoffentlich niemanden - wird von unserer geliebten Bundesregierung selbstredend "alles andere" getan - dafür haben sie sich schließlich bezahlen lassen. Zuwanderer, Flüchtlinge oder arme Deutsche und deren Wohlergehen interessieren diese Bande nicht. Rechnen wir kurz hoch: Wenn es allein in Duisburg, einer Ruhrgebietsstadt mit knapp 500.000 "regulären" EinwohnerInnen, mindestens 10.000 Menschen ohne Krankenversicherung gibt - wieviele mögen es wohl bundesweit sein? Na, wer kann rechnen, ohne dass ihm übel wird?

Ich schaffe das nicht, ohne grüne Galle speien zu müssen.

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Entfettung


"Hier haben Sie eine Mark - und nun verraten Sie mir aber auch, wie Sie es angefangen haben, so schlank zu werden!"

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 21 vom 24.08.1925)

Donnerstag, 14. Mai 2015

Song des Tages: Und wir tanzten




(ASP: "Und wir tanzten (Ungeschickte Liebesbriefe)", aus dem Album "Hast du mich vermisst? (Der schwarze Schmetterling I)", 2000)

Und wir tanzten im Schnee vergangenes Jahr.
Der Mond funkelte sanft in deinem Haar.
Und es tut auch kaum mehr weh,
wenn ich alles vor mir seh,
als ob's letzte Nacht gewesen, sternenklar.

Deine Haut und Stolz bleibt mir schon lang nicht mehr.
Ich gäbe alles für ein Zaubermittel her.
Eins, das dich mich lieben macht
Länger als nur eine Nacht,
Doch meine Arme und die Nächte bleiben leer.

Nur dieses eine Mal noch schenk mir Kraft für einen neuen Tag.
Ich stehe nackt und hilflos vor dem Morgen, nie war ich so stark.
Nur einen Tag noch Kraft und ich reiß alle Mauern um mich ein:
Nur wer sich öffnet für den Schmerz lässt auch die Liebe mit hinein.

Und wir tanzten im Schnee vergangenes Jahr.
Der Mond funkelte sanft in deinem Haar.
Und es tut auch kaum mehr weh,
Wenn ich alles vor mir seh,
Als ob's gestern war und nicht vergangenes Jahr.

Will ich es greifen, ist es schon nicht mehr da.
Niemand war mir jemals ferner und so nah.
Nicht mal Stille sagt, wie tief -
Wie ein ungeschickter Brief -
Was zerbrach, als ich in deine Augen sah.

Auch dieser Brief bleibt ungeschickt von mir.
Das schönste Lied schrieb ich nicht auf Papier.
Ich schrieb es in dein Gesicht,
mit den Fingern - siehst du nicht,
was mein Mund dir hinterließ?
Schau auf deine Haut und lies,
Such, wo meine Zunge war,
Such mein Lied in deinem Haar!
Willst du mein Gefühl verstehn,
Musst du dich in dir ansehn -
Schließ die Augen und du siehst: Ich bin in dir.

Ich breite meine Arme aus, empfange dich, komm an mein Herz,
Ich heile dich, lass einfach los und gib mir deinen ganzen Schmerz.
Renn einfach weg, lauf vor mir fort, lebe dein Leben ohne mich -
Wo immer du auch hingehst, wartet meine Liebe schon auf dich.

Und wir tanzten im Schnee vergangenes Jahr.
Der Mond funkelte sanft in deinem Haar.
Und es tut auch kaum mehr weh,
Wenn ich alles vor mir seh,
Als ob's gestern war und nicht vergangenes Jahr.

Und wir tanzten im Schnee vergangenes Jahr.
Der Mond schien so sanft in deinem Haar.
Wenn du mich nicht siehst, bin ich
Einfach nicht mehr wesentlich -
Löse mich auf wie Schnee vom vergangenen Jahr.


Mittwoch, 13. Mai 2015

Zitat des Tages: Bei der Verbrennung meiner Bücher, oder: Der Charakter der Deutschen


Mein erstes Buch, der Gedichtband "Herz auf Taille", erschien Ende 1927. Und im Jahre 1933 [am 10. Mai] wurden meine Bücher in Berlin, auf dem großen Platz neben der Staatsoper, von einem gewissen Herrn Goebbels mit düster feierlichem Pomp verbrannt. Vierundzwanzig deutsche Schriftsteller, die symbolisch für immer ausgetilgt werden sollten, rief er triumphierend bei Namen. Ich war der einzige der vierundzwanzig, der persönlich erschienen war, um dieser theatralischen Frechheit beizuwohnen.

Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt. Der Kopf einer zerschlagenen Büste Magnus Hirschfelds stak auf einer langen Stange, die, hoch über der stummen Menschenmenge, hin und her schwankte. Es war widerlich.

Plötzlich rief eine schrille Frauenstimme: "Dort steht ja Kästner!" Eine junge Kabarettistin, die sich mit einem Kollegen durch die Menge zwängte, hatte mich stehen sehen und ihrer Verblüffung übertrieben laut Ausdruck verliehen. Mir wurde unbehaglich zumute. Doch es geschah nichts. (Obwohl in diesen Tagen gerade sehr viel zu "geschehen" pflegte.) Die Bücher flogen weiter ins Feuer. Die Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners ertönten weiterhin. Und die Gesichter der braunen Studentengarde blickten, den Sturmriemen unterm Kinn, unverändert geradeaus, hinüber zu dem Flammenstoß und zu dem psalmodierenden, gestikulierenden Teufelchen.

In dem folgenden Jahrdutzend sah ich Bücher von mir nur die wenigen Male, die ich im Ausland war. In Kopenhagen, in Zürich, in London. – Es ist ein merkwürdiges Gefühl, ein verbotener Schriftsteller zu sein und seine Bücher nie mehr in den Regalen und Schaufenstern der Buchläden zu sehen. In keiner Stadt des Vaterlands. Nicht einmal in der Heimatstadt. Nicht einmal zu Weihnachten, wenn die Deutschen durch die verschneiten Straßen eilen, um Geschenke zu besorgen. Zwölf Weihnachten lang! Man ist ein lebender Leichnam.

Es hat zwölf lange Jahre gedauert, bis das Dritte Reich am Ende war. Zwölf kurze Jahre haben genügt, Deutschland zugrunde zu richten. Und man war kein Prophet, wenn man, in satirischen Strophen, diese und ähnliche Ereignisse voraussagte. Dass keine Irrtümer vorkommen konnten, lag am Gegenstand: am Charakter der Deutschen. Den Gegenstand seiner Kritik muss der Satiriker natürlich kennen. Ich kenne ihn.

(Erich Kästner [1899-1974], in: "Kästner für Erwachsene", vier Bände, Atrium 1966; ursprünglich aus dem Vorwort zu seinem ersten nach 1933 auch wieder in Deutschland erschienenen Gedichtband "Bei Durchsicht meiner Bücher", Atrium 1946)




(Dokumentation: "Der Tag, an dem die Bücher brannten" von Henning Burk, 2003 - Leider fehlen die letzten Minuten in dieser Version.)

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Denkmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung


(Das Denkmal befindet sich am Berliner Bebelplatz (Opernplatz), stellt einen unterirdischen Raum mit leeren Bücherregalen dar und wurde geschaffen von Micha Ullman, 1994/95.)

Montag, 11. Mai 2015

Esoterik und Faschismus: Alte Männer verklären die Geschichte


Die inzwischen offenbar senilen Eso-Jünger Konstantin Wecker und Holdger Platta haben anlässlich des historischen Befreiungstages am 8. Mai einen Text ins Internet gestellt, während in China gerade ein Sack Reis umfiel. Hier könnte dieser Blogeintrag enden - allerdings enthält jener Text eine Passage, die man sich genüsslich auf der Zunge zergehen lassen sollte, bevor man sich wild die Haare rauft und den beiden dementen Greisen die Pest an den Hals oder eine kompetente Betreuung durch einen Pflegedienst wünscht:

Es ist von ungeheuer großer Bedeutung, dass dieses Nazi-Regime nicht von einer Bevölkerungsmehrheit an die Macht gewählt worden ist, sondern an die Macht intrigiert wurde, und zwar von sogenannten "Eliten" des ostelbischen Adels, der Schwerindustrie an Rhein und Ruhr, und von dienstwilligen Finanzleuten und ultrakonservativen Politikern um den Reichspräsidenten Hindenburg herum.

Peng. Das sitzt. Wie kommen die beiden Clowns wohl auf die Idee, dass ein wiederholter Wahlsieg der Faschisten nicht auf den erklärten Willen einer Bevölkerungsmehrheit zurückzuführen sei? Eine "einfache" Mehrheit ist in wecker-plattaschem Sinne offenbar gar keine "echte" Mehrheit - da muss schon eine "absolute" Mehrheit als Bezug herhalten. Wie grotesk eine solche Sichtweise ist, muss ich hoffentlich niemandem erklären.

Selbstverständlich ist es wichtig zu betonen, dass eine Figur wie Hitler nur möglich war, weil interessierte, "elitäre" Kreise in Faschismus und Krieg die "bessere" Alternative sahen, ihre Pfründe weiterhin zu sichern und zu mehren - weshalb dieser Fakt aber von den beiden Hampelmännern mit der haltlosen Behauptung verknüpft wird, die NSDAP sei nicht von einer Bevölkerungsmehrheit gewählt worden, erschließt sich wohl nur einem strammen, bornierten Geschichtsrevisionisten. Diese haarsträubende Behauptung der Herren Wecker und Platta ist genauso hanebüchen und falsch wie die allseits beliebte Formulierung von der "Machtergreifung".

Kritik an dieser Erklärung ist bei den sektiererischen Brüdern natürlich nicht erwünscht: Platta begibt sich in seiner Replik auf den einzigen veröffentlichten (sic!) kritischen Kommentar gar direkt auf die Ebene der persönlichen Diffamierung und rät dem Kommentator zynisch, doch besser "nach drüben zu gehen", wenn es ihm hier nicht gefalle. Das passt ins eindimensionale Kinderbild dieser kruden Gestalten - ebenso wie die offenbar wissentlich und bewusst benutzte Missinterpretation des jahrhundertealten Topos' des "Narrenschiffes".

Hitler ist nicht "vom Himmel gefallen" wie eine göttliche Seuche, er wurde aber auch nicht von einer "Elite" aus dem Hut gezaubert und der verdutzten Bevölkerung alternativlos vor die Nase gesetzt. Die faschistische Ideologie, die Hitler damals repräsentierte, war in der gesamten Bevölkerung längst weit verbreitet - und damals wie heute war das ein Ergebnis der zuvor erfolgten Propaganda durch die Medien. Auch in diesem Punkt irren die beiden Verwirrten also, denn heute ist die Situation in gewisser Hinsicht durchaus vergleichbar mit damals: Die rechtsradikale Propaganda ist schon lange wieder in den Medien und damit auch in vielen Köpfen sowie natürlich in der Politik angekommen.

Auch der heutigen Bevölkerung - und das betrifft gewiss nicht nur Deutschland - ist es zuzutrauen, wieder einmal den eigenen Schlächter mit Begeisterung mehrheitlich zu wählen und dies nicht einmal dann zu bemerken, wenn das Blutmeer schon bis zur Hüfte reicht. Dazu benötigt man heute nicht einmal einen "neuen Hitler" - den Job erledigen CDU, SPD, FDP und Grüne auch ganz ohne GröFaZ vorzüglich.

Wenn es noch eines Beleges bedurfte, dass die schmierige Eso-Clique um den platten Wecker, den verschlafenen Platta und den verfaulten Fuß nicht nur redundantes, sondern auch gefährliches Zeug absondert, ist er hiermit erbracht.

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Wotan


"Das würde alles ganz anders blühen, wenn wir keine Juden in Deutschland hätten."

(Zeichnung von Wilhelm Schulz [1865-1952], in "Simplicissimus", Heft 9 vom 30.05.1927)

Musik des Tages: Sinfonie Nr. 5 in cis-moll




  1. Trauermarsch. In gemessenem Schritt. Streng. Wie ein Kondukt
  2. Stürmisch bewegt. Mit größter Vehemenz
  3. Scherzo. Kräftig, nicht zu schnell
  4. Adagietto. Sehr langsam
  5. Rondo-Finale. Allegro - Allegro giocoso

(Gustav Mahler [1860-1911]: "Sinfonie Nr. 5 in cis-moll" aus den Jahren 1901 bis 1904. World Orchestra for Peace, Leitung: Waleri Gergijew, 2010)

Anmerkung: Gustav Mahler war sich bewusst, dass er mit dieser Komposition im Begriff war, die bis dahin seit Jahrhunderten gültigen Begrenzungen des tonalen Raumes endgültig zu verlassen - eine Entwicklung, die ihn in massive Selbstzweifel und Ängste gestürzt hat, wie sie sich beispielsweise in einem Brief an seine Frau Alma wiederfinden, den er nach der Generalprobe zur Uraufführung in Köln 1904 schrieb:

Es ist alles passabel gegangen. Aber das Publikum - o Himmel - was soll es zu diesem Chaos, zu diesen Urweltsklängen, zu diesem sausenden, brüllenden, tosenden Meer für ein Gesicht machen? Was hat eine Schafherde zu einem "Brudersphären-Weltgesang" anderes zu sagen, als blöken!? O, könnt' ich meine Symphonien fünfzig Jahre nach meinem Tode uraufführen! Jetzt gehe ich an den Rhein, - der einzige Kölner, der nach der Premiere ruhig weiter seinen Weg nehmen wird, ohne mich für ein Monstrum zu erklären!

Dieser Einschätzung des Komponisten, die seinerzeit zunächst erwartbar der furchtbaren, biederen deutschen Realität entsprach, will ich 110 Jahre später nur eine einzige Empfehlung hinzufügen: Man lösche die Lichter, drehe die Musikanlage bis zum gerade noch vertretbaren Anschlag auf und tauche ein in diese fantastische - damals geradezu anarchistische - Klangwelt. Es versteht sich von selbst, dass die barbarische Nazi-Bande Mahlers Musik - nicht allein wegen der jüdischen Herkunft des Komponisten - ab 1933 als "undeutsch" klassifizierte und sie verbot.

Ich habe - ebenso wie Mahler - lange geglaubt bzw. gehofft, dass eine Spezies, die imstande ist, solch grandiose Werke hervorzubringen, auch irgendwann den Weg in eine gute Zukunft finden wird. Heute habe ich diese Hoffnung längst verloren. Die blökende Schafherde ist auch 110 Jahre und viele unsägliche Katastrophen später noch genauso dämlich wie sie es seinerzeit gewesen ist - und dasselbe trifft auf die Verkommenheit, kriminelle Energie und pure Lernresistenz der damals wie heute bis zum an Schwachsinn grenzenden Egoismus degenerierten Finanz- und Macht-"Eliten" dieses gruseligen Planeten zu.

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Der Volkswirt



"Über eine Milliarde Mark wird täglich fürs Essen hinausgeworfen. Wie nützlich könnte man dieses Geld verwenden!"

(Lithografie von Paul Schondorff [1880-?], in "Simplicissimus", Heft 3 vom 20.04.1925)

Freitag, 8. Mai 2015

Zitat des Tages: Ein Tag wie ein anderer Tag


Die Bäume wachsen wo sie gepflanzt wurden
die Wälder singen und wandern in die Bibliotheken
die Bibliotheken schweigen
wie die Fotos von Massakern schweigen
und ich schreie auf im Schlaf
wie du Entfernter im Wachen schreist

Jeder weiß genau dass er in Bewegung bleiben muss
stehenbleiben bedeutet den Tod
auf der anderen Seite von 1984 ist die Ruhe
sie ist voll von schöner Unruhe
die wir wegen der Krümmung dieser Jahre
noch nicht sehen

(Nicolas Born [1937-1979], in: "Gedichte", Wallstein 2004)



Donnerstag, 7. Mai 2015

Rassismus: Die Polizei, dein Feind und Schläger


Der WDR berichtet aktuell über einen erneuten Fall willkürlicher Polizeigewalt gegen einen Bürger, der sich, wenn man zwischen den Zeilen zu lesen vermag, wie ein böses Dokument aus der vergangenen Hölle des "Dritten Reiches" liest:

Medienberichten zufolge ist in dem Video zu sehen, wie Hüseyin E. aus seinem Auto aussteigt und sich dagegen lehnt. Er zeige seine Papiere und beteilige sich dann an einem Alkoholtest - alles offenbar vollkommen passiv. Dann, so die Beschreibung weiter, drehe der Polizist dem Mann urplötzlich einen Arm auf den Rücken, schlage mit der Faust auf ihn ein und trete mit dem Knie in Richtung seiner Genitalien.

Es versteht sich von selbst, dass der WDR mit keinem Wort darauf eingeht, dass es sich auch bei diesem Opfer polizeilicher Gewalt wiederum um einen Menschen mit "Migrationshintergrund" handelt - der geneigte Leser muss angesichts des Namens ("Hüseyin E.") eigene Schlüsse ziehen. Ein möglicher rechtsradikaler Hintergrund dieser amtlichen Gewalttat wird nicht thematisiert, stattdessen wird sehr eifrig darauf hingewiesen, dass nun alles seinen "rechtsstaatlichen" Weg gehe und der beschuldigte Schläger in Uniform "derzeit nicht im Streifendienst eingesetzt" werde. Toll. Dazu sollte man diesen Artikel und die folgende Ergänzung aufmerksam lesen.

Wir dürfen sicher sein, dass wir auch von diesem Fall aus den Untiefen der braundeutschen Sumpfprovinz nichts mehr hören bzw. lesen werden - und ganz besonders gilt das natürlich für die "weiteren Beamten", die dem Vorfall beigewohnt und vor Gericht - wie üblich - dreist gelogen und ihren Schlägerkollegen gedeckt haben. Ich fresse jedenfalls nicht nur einen, sondern gleich zehn Besen, wenn ausgerechnet im verschlafenen Provinznest Herford der braune Saustall in den Polizeirevieren endlich einmal - wenn auch nur exemplarisch - ausgemistet würde.

Hier noch einige Beispiele aus Bayern, wo seinerzeit bekanntlich die "Hauptstadt der Bewegung" (A. Hitler) verortet wurde:



Es stellt sich nun die Frage, wieso einige Beamte sich manchmal wie faschistische Schlägertrupps verhalten. Werden sie dazu explizit angehalten oder tun sie das aus eigener Motivation heraus, weil die Befugnisse, mit denen sie ausgestattet sind, allzu verlockend sind? Und welche Rolle spielt die Ausbildung dieser Polizisten, die man angesichts der mit diesem Beruf einhergehenden Machtfülle eigentlich nur prekär - oder auch schlicht lächerlich - nennen kann? Ich möchte diese Frage ums Verrecken nicht beantworten - das kann jeder mitlesende Mensch selber tun.

Dieser verkommene Staat hat das Ende des Märchens von der Weimarer Republik "freiheitlich-demokratischen Grundordnung" einmal mehr beinahe erreicht - es fehlt wahrlich nicht mehr viel.


(Neonazi-Aufkleber in einem Fahrzeug der bayerischen Polizei in Fürth, 2014: "Good night, left side")