Montag, 20. Februar 2017

Kriegskonferenz: Aufrüsten für den Frieden


Mein Lieblings-Schlips-Borg aus den öffentlich-rechtlichen Propagandaanstalten, Christian Thiels, hat wieder einmal zugeschlagen und einen obrigkeitshörigen Text zur Kriegskonferenz in München, die er brav mit dem Orwell'schem Neusprechbegriff "Sicherheitskonferenz" belegt, erbrochen.


(Christian Thiels vom SWR, Screenshot von tagesschau.de)

Selbstverständlich darf man diesen Blödsinn nicht lesen, wenn man sich informieren möchte – jedenfalls dann, wenn das Informationsinteresse vornehmlich der gesellschaftlichen oder gar sozialen Sicherheit und damit der Kriegsvermeidung gilt. Hier werden lediglich kapitalistische Strategien erörtert, die nichts mit den betroffenen Menschen, dafür aber umso mehr mit den Profiten der habgierigen "Elite" zu tun haben.

Es versteht sich von selbst, dass ein Schlips-Borg wie Thiels gleich zu Beginn auf die "arische Herkunft" des nächsten US-Präsidenten hinweist, die inhaltlich völlig sinnfrei ist und die Trump zudem auch gar nicht zu "schätzen" weiß, was einer dumpfen Hohlbirne wie Schlips-Christian allerdings so gar nicht einleuchten will. Überhaupt dreht sich dieses Pamphlet in erster Linie um Trump und nur am Rande um die widerwärtige Zusammenkunft von profitgeilen Lobbyisten, Politikern und Pseudowissenschaftlern, die alljährlich in München die Kriegsstrategien des kapitalistischen Blocks "diskutieren". Das Fazit dieses unsäglichen Textes zu einem ebenso unsäglichen Thema überrascht also nicht weiter:

Ohne militärische Stärke kein Frieden / So sieht das auch Wolfgang Ischinger [der "Leiter" der Kriegskonferenz]: "Wenn wir unsere militärische Leistungsfähigkeit massiv verstärken würden (...), dann würden wir nicht nur Respekt in Washington ernten, sondern auch in Moskau und andernorts." Das stärke auch die Position Europas bei der Lösung von Konflikten. Ohne ein leistungsfähiges Militär dürfe man sich nicht wundern, so Ischinger, "wenn wir am Friedensverhandlungstisch dann nicht eingeladen werden. Und so ist die Lage leider im Augenblick."

Da schrillen die Ohren und da dreht sich das heftig blinkende Fragezeichen wild über dem Kopf: "Wir" müssen uns also bis an die Zähne bewaffnen, Bomben schmeißen und Mördertruppen in alle Welt schicken, damit "wir" zum "Friedensverhandlungstisch" eingeladen werden? Bin ich denn der einzige, dem angesichts dieser entwaffnend dämlichen Kindergartenlyrik aus dem frühen 20. Jahrhundert der Schädel zerspringt? Geht es hier nicht in erster Linie um Profite für die Rüstungsindustrie, die "Sicherung" kapitalistischer Ausbeutung und die Vorherrschaft des "freiheitlich-demokratischen" Westens über den Rest der Welt – also, anders gesagt, um den ewig gleichen Imperialismus?

"Nein!", beschwichtigt der seriöse Schlips-Kasper vom SWR den geneigten Propagandakonsumenten, während er noch immer sehr devot die Aktentasche seines Profs aus dem Grundstudium der Betriebswirtschaftslehre trägt. Alles ist gut. Der "Westen" will Frieden, Freiheit, Demokratie – und der Rest der Welt will selbstredend Krieg, Unfreiheit und Diktatur. Deshalb sind die "Sicherheitskonferenz" und die Ausbeutungskriege eine alternativlose Veranstaltung, die einzig dem Wohl der gesamten Menschheit dienen. – An dieser Stelle muss eigentlich selbst dem aalglatten Thiels in seiner übelriechenden Enddarmwohnung der allzu kleine Schädel platzen und ein heilloses, blutiges Fiasko hinterlassen, sofern er kein Roboter ist.

Ich sehe kein Blut. – Er ist ein Roboter ...

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Il faut cultiver notre jardin!


"Man muss sein Gärtlein hegen!" (Voltaire, in: "Candide")

(Zeichnung von Helmut Beyer [1908-1962], in: "Der Simpl", Nr. 7 vom Mai 1947)

Samstag, 18. Februar 2017

Song des Tages: We Don't Need You Anymore!




(Dead Kennedys: "Soup Is Good Food", aus dem Album "Frankenchrist", 1985)

"We're sorry, but you're no longer needed
Or wanted or even cared about here.
Machines can do a better job than you,
This is what you get for asking questions."

The unions agree: "Sacrifices must be made!
Computers never go on strike!
To save the working man
You've got to put him out to pasture!"

"Looks like we'll have to let you go,
Doesn't it feel fulfilling to know
That you – the human being – are now obsolete?
And there's nothing in hell we'll let you do about it!"

Soup is good food (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
You made a good meal (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
Now how does it feel (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
To be shit out our ass and thrown in the cold like a piece of trash?

"We're sorry, you'll just have to leave,
Unemployment runs out after just six weeks.
How does it feel to be a budget cut?
You're snipped, you no longer exist!"

"Your number's been purged from our central computer,
So we can rig the facts and sweep you under the rug.
See our chart? 'Unemployment's going down'!
If that ruins your life, that's your problem!"

Soup is good food (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
You made a good meal (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
Now how does it feel (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
To be shit out our ass and thrown in the cold?

"We're sorry, we hate to interrupt,
But it's against the law to jump off this bridge!
You'll just have to kill yourself somewhere else –
A tourist might see you and we wouldn't want that!"

"I'm just doing my job, you know – so say 'uncle'
And we'll take you to the mental health zoo.
Force feed you mind-melting chemicals,
'Til even the outside world looks great!"

In hi-tech science research labs
It costs too much to bury all the dead –
The mutilated disease-injected
Surplus rats who can't be used anymore!

So they're dumped (with no minister present)
In a spiraling corkscrew dispose-all unit
Ground into sludge and flushed away –
Aw geez ...

Soup is good food (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
You made a good meal (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
Now how does it feel (WE DON'T NEED YOU ANYMORE!)
To be shit out our ass and thrown in the cold like a piece of trash?

"We know how much you'd like to die,
We joke about it on our coffee breaks.
But we're paid to force you to have a nice day
In the wonderful world we made just for you!"

"Poor Rats", we human rodents chuckle –
"At least WE get a dignified cremation."
And yet, at 6:00 o'clock tomorrow morning,
It's time to get up and go to work.

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Anmerkung: Diesem ausgefeilten Statement von Jello Biafra ist nichts hinzuzufügen – es galt 1985 und es gilt heute in noch viel dramatischerem Maße. Ich empfehle, den Text genau zu studieren und die kapitalistische, faschistoide Menschenfeindlichkeit samt der beschworenen Egozentrik, die damals in den USA schon "normal" war, aber auch diesseits des Atlantiks durch interessierte, also korrupte Kreise semireligiös glorifiziert wurde (Thatcher, Kohl, Schröder & Konsorten sind ja nicht "vom Himmel gefallen"), mit der heutigen prekären, präfaschistischen Situation in Europa zu vergleichen: Nach dreißig Jahren "christlich-" und "sozialdemokratischer" Herrschaft unter tatkräftiger Beteiligung der "Liberalen", der "Grünen" und auch der "Linken" haben "wir" nun endlich auch das anglo-amerikanische Niveau jener Zeit erreicht – und in Teilen sogar weit übertroffen.

Trump oder irgendein anderer Kasper wird's richten und den amerikanischen Vorspung gewiss wieder herzustellen versuchen – auf dass die kapitalistische Perversion ins nächste logische Katastrophenkapitel wechsele.

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New Yorker Straßenarbeiter II



(Gemälde von Rainer Fetting [*1949] aus dem Jahr 1984, Öl auf Leinwand, unbekannter Verbleib)

Donnerstag, 16. Februar 2017

Zitat des Tages: Das Volk?


"Das Volk", verehrter Freund, wird nie gefragt;
im Westen nicht, und wohl auch kaum im Osten.
"Das Volk", verehrter Freund, steht wie gesagt
nicht zur Debatte, sondern stramm. Und Posten!

"Das Volk" ist allerorten nicht dafür,
war sogar allezeit bestimmt dagegen.
"Das Volk", das waren beispielsweise: Wir.
Und hat man damals uns vielleicht ...? Von wegen!

"Das Volk" will selbstverständlich Frieden. Klar.
Doch leider gibt es auch noch Generäle.
Und Rüstungsfabrikanten. Und, nicht wahr,
auch noch Politiker mit ohne Seele.

"Das Volk", das hätt' es freilich in der Hand,
in Ost und West, im Süden und im Norden,
mit einem Wort gesagt: in jedem Land
(auch ungefragt) zu hindern neues Morden.

"Das Volk" weiß nur noch nicht, wie man das macht.
Denn Pazifismus heißt statt dulden: Handeln!
Und daran hat bisher kein Mensch gedacht:
Die Kriegs- in Friedens-Schulen zu verwandeln.

Und darum, werter Herr, das wär kein Grund.
Doch hoffentlich gibt's bessres, uns zu sichern.
"Das Volk"; du lieber Gott. Der arme Hund ...
"Das Volk" hat er gesagt. – Dass wir nicht kichern!

(Heinz Hartwig, in: "Der Simpl", Nr. 21 vom November 1947)

Anmerkung: Dem satirischen Gedicht ist in der Originalveröffentlichung die folgende Vorbemerkung vorangestellt: "Der ehemalige Chefredakteur des 'Vorwärts', Friedrich Stampfer, erklärte, mit einem neuen Krieg sei nicht zu rechnen, da das Volk keinen Krieg wolle." – Dem ist heute das widerwärtige Gebrabbel der Stahlhelm-Uschi hinzuzufügen, die im Tagespropaganda-Interview kürzlich meinte: "Wir Europäer, wir Deutsche, wir müssen mehr tun für die eigene Sicherheit, wir müssen da mehr investieren. (...) Denn wenn wir sehen, wie viel Aufträge die Bundeswehr heute für unsere Sicherheit leistet – sei es in Afghanistan, im Irak, in Mali, aber auch im Mittelmeer bei der Flüchtlingshilfe [sic!] – dann weiß ich genau, dass wir das nur durchhalten, wenn auch dauerhaft mehr in die Bundeswehr investiert wird."

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Der Mensch und sein Werk



(Radierung von Karl Friedrich Brust [1897-1960], in: "Der Simpl", Nr. 11 vom September 1946)

Mittwoch, 15. Februar 2017

Zurück in die Höhle: Sozialer Wohnungsbau im Kapitalismus


Es ist eine bekannte systemimmanente und gängige Praxis im Kapitalismus, dass selbst Verwerfungen und Perversionen gerne genutzt werden, um Profit zu generieren. Die vollkommen abstruse, von jeglicher Sinnhaftigkeit befreite "Maßnahmen"-Industrie des Hartz-Terrors ist dafür ein gutes Beispiel: Da werden Menschen unter der Androhung des Entzugs der Existenzgrundlage gleich reihenweise in gänzlich sinnlose "Bewerbungs"-, "Fortbildungs"- oder "Beschäftigungs"-Maßnahmen oder gleich in die Zwangsarbeit ("Ein-Euro-Jobs") gezwungen, während die abzockenden "Anbieter" eben dieser Bullshit-"Maßnahmen" aus derselben Steuerkasse fürstlich bezahlt werden.

Dieses perverse, im Kapitalismus sehr logische Prinzip betrifft aber natürlich auch viele andere Bereiche des Lebens. Inzwischen verkauft die Propagandapresse beispielsweise gar die Reduktion des Wohnraumes, der verarmten Menschen zur Verfügung stehen solle, als begrüßenswerte "Innovation" – so als sei es ein massenhaftes "Phänomen" unserer Zeit (welches mit dem kapitalistischen Blödsinnsbegriff "Trend zum Minimalismus" bezeichnet wird), dass viele Menschen lieber in kleinen, grotesken Verschlägen anstatt in einigermaßen großen Wohnungen leben wollten (siehe "tiny houses"). Bei n-tv war kürzlich beispielhaft wieder einmal ein solches Pamphlet zu lesen:

Wohnen auf sechs Quadratmetern / (...) Bezahlbarer Wohnraum in Städten ist begrenzt – deswegen sollen die Dächer für die Idee eines Berliner Architekten-Duos herhalten. Wie Bausteine werden die Mini-Apartments auf vorhandenen Bauten platziert. Ein Raumwunder für alle Großstadt-Nomaden.

Der Artikel liest sich wie eine Reklameanzeige für staatlich verarmte Menschen. Und es wird nicht einmal mehr so getan, als gebe es keine Klassenunterschiede – stattdessen wird dem menschenfeindlichen Irrsinn noch die Krone aufgesetzt: Die "Mini-Wohnungen" sollen für 100 Euro im Monat "an Leute, die sich wohnen sonst oft nicht leisten können", vermietet werden, und: "In einem Gemeinschaftsraum sollen die Mieter zusammenkommen mit wohlhabenderen Bewohnern größerer Wohnungen im gleichen Haus."

Da wird gar nicht mehr gefragt, wieso es im kapitalistischen Paradies immer weniger "bezahlbaren Wohnraum" sowie zunehmend Menschen gibt, die sich das Wohnen "nicht mehr leisten" können – stattdessen werden passgenaue, zellenähnliche Gehege gezimmert und gleichzeitig ist sich die Bagage nicht zu blöde, auch noch das absurde Bild vom klassenübergreifenden "Miteinander" zu erbrechen, obgleich der Kapitalismus dies jedoch per definitionem ausschließt. Auf die Idee, "wohlhabendere" Bürger könnten in diesem perversen, auf den strikten Eigennutz zentrierten Konkurrenzsystem in breiter Masse ein gesteigertes Interesse daran haben, mit Habenichtsen "gemeinschaftliche Wohnräume" zu teilen, können nur zugekokste Reklametrottel oder zynische Menschenfeinde (was irgendwie dasselbe ist) kommen.

Wie lange wird es wohl noch dauern, bis das "bewährte" Nazi-Konzept der Ghettos und Konzentrationslager auch für Verarmte wieder aus der braunen Gruft gebuddelt wird? – Ich frage ja nur.

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Man wird bescheiden


"Ach, mit einer Hängematte ließe es sich schließlich in der Wohnung noch ganz bequem hausen!"

(Zeichnung von K.H. Böcher [1902-19??], in: "Der Simpl", Nr. 7 vom Juli 1946)

Dienstag, 14. Februar 2017

Realitätsflucht (36): BioShock 2


Heute führt mich die – angesichts der aktuellen Ereignisse immer drängender werdende – Realitätsflucht in die inzwischen schon legendäre Unterwasserstadt Rapture. Für spielaffine Menschen dürfte das ein alter Hut sein, für mich war es aber vor einiger Zeit das erste Mal, dass ich mich in die Tauchglocke begeben und diese fantastische Welt besucht habe. Das Spiel "BioShock 2" des amerikanischen Entwicklerstudios 2K Marin aus dem Jahr 2010 hat Maßstäbe gesetzt und gilt nicht ohne Grund als Meilenstein auf dem Gebiet der Computerspiele.

Eigentlich dürfte dieses Werk mich gar nicht interessieren, da es sich um ein Ballerspiel handelt – und mit Ballerspielen habe ich gemeinhin nichts am Hut. Das einzige weitere Spiel dieses Genres, das ich tatsächlich mit Genuss gespielt habe, war bislang "Black Mesa", also die überarbeitete "Mod"-Fassung von "Half Life", die kostenlos für jedermann verfügbar ist. Allerdings bietet "BioShock 2" ein gewisses Rollenspiel-Ambiente, das es in solchen Titeln vormals nicht gab; zudem ist das Thema außerordentlich aktuell und gesellschaftskritisch, so dass ich mich dazu entschlossen habe, es einfach mal auszuprobieren.

Zur Handlung will ich nicht viele Worte verlieren – dazu ist ohnehin schon viel geschrieben worden. Sie lässt sich herunterbrechen auf das groteske Szenario, dass einige Verrückte Ende der 50er Jahre die Idee hatten, ein "kapitalistisches Paradies" auf dem Meeresgrund zu errichten – und zwar mit allen logischen Konsequenzen, zu denen "genügend Geld" natürlich ebenso gehören wie eine massiv gesteigerte "Effizienz" der einzelnen Menschen durch genetische Veränderungen und entsprechende Drogen. Es verwundert also nicht weiter, dass in Rapture wirklich alles Geld kostet, die Wände mit Reklameplakaten vollgekleistert und auch verbale Werbebotschaften allgegenwärtig sind. Selbstverständlich endete dieses Experiment in der Katastrophe und Rapture versank im Chaos. Zehn Jahre nach der Gründung der Stadt ist sie nahezu menschenleer und nur noch von durch Drogen und Gentechnik völlig entstellten, gewalttätigen Kreaturen bevölkert, die im Spiel "Splicer" heißen und ständig auf der Suche nach dem nächsten Drogenschub (im Spiel "ADAM" genannt) sind.



Zu diesem Zeitpunkt startet das Spiel und man betritt in der Ego-Perspektive schweren Schrittes die finstere und dennoch faszinierende Unterwasserwelt von Rapture. Und was soll ich sagen: Das Werk hat mich von Beginn an gefesselt und bis zum Schluss nicht mehr losgelassen. Es gibt so vieles zu entdecken, zu tun und zu vermeiden (!), dass ich gar nicht in die Verlegenheit kam, mich zu fragen, ob es mir Spaß macht. Es gibt eine Unzahl von verschiedenen Waffen und eine noch größere Anzahl verschiedenster Munition, um die verschiedenen Gegnertypen erfolgreich auszuschalten – und gleichzeitig stehen ebenso viele höchst unterschiedliche "Sonderfertigkeiten" zur Verfügung, die der Spieler im Laufe der Handlung erwirbt (vom klassischen "Feuerball" bis zur Manipulation von Maschinen ist alles dabei), so dass zu keinem Zeitpunkt Langeweile aufkommt. Verbunden ist das Gemetzel mit einer rollenspielartig konzipierten, alles andere als flachen Geschichte, die sich stetig weiter enthüllt. Das gilt zumindest dann, wenn man sich in der grandios entworfenen Spielwelt aufmerksam umsieht und neben allerlei mehr oder weniger nützlichem Zeug (Munition, Waffen, Nahrung, Verbandskästen etc. sowie natürlich Geld, Geld, Geld ...) auch die überall verstreuten Tonbänder entdeckt, auf denen diese Geschichte fragmentarisch und aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird.

Es ist nicht notwendig, den ersten Teil dieses Spieles zu kennen, um es genießen zu können. Auch diese Geschichte wird in "BioShock 2" nacherzählt, wenn man – wie gesagt – aufmerksam sucht.

Die Umsetzung ist den Entwicklern grandios gelungen. Die Grafik ist für das Jahr 2010 durchaus passabel, die Texte sowie die professionelle deutsche Synchronisation sind fantastisch, die Musik ist passend und eindringlich (und stellenweise gar nervenaufreibend). Auf meinem Win7/64-System gab es im gesamten Spielverlauf zwei unvermittelte Programmabstürze (was aber dank der Schnellspeicherfunktion, die man tunlichst sehr oft benutzen sollte, nicht weiter schlimm war). In diversen Spielberichten wird behauptet, das Werk sei in zehn bis zwölf Stunden zu bewältigen – diese Angabe kann ich nicht bestätigen, denn ich habe locker zehnmal so viel Zeit gebraucht. Das liegt vermutlich an meiner Spielweise, denn ich lasse keinen Winkel unentdeckt und stehe angesichts des großartigen Szenarios auch schonmal minutenlang vor einem Fenster oder an einem anderen Aussichtspunkt, um die faszinierende, wenn auch morbide Atmosphäre zu genießen.



Es gibt zwei Add-Ons zu diesem Spiel, von denen ich allerdings nur eines gespielt habe, nämlich "Minerva's Den". Dazu ist nicht viel zu sagen – man nimmt dort eine andere Rolle ein und erkundet ein neues Gebiet in Rapture – ansonsten tut man aber exakt dasselbe wie im Hauptspiel. Und das ist sehr gut so.

Ich habe das Spiel von der ersten bis zur letzten Minute genossen – selten zuvor war ich so traurig, als der Abspann einsetzte. Und mit hämischer, Faulfuß'scher Freude habe ich all die Bösewichte verbrannt, mit Blei vollgepumpt, mit Harpunenspeeren an die Wand genagelt, elektrischer Hochspannung ausgesetzt oder ihnen ein Explosivgeschoss in den Schädel geschickt. Als Pazifist macht dieses Spiel gleich doppelt so viel Spaß. :-) Ich bin sicher, dass mein erster Besuch in Rapture ganz sicher nicht mein letzter gewesen ist.


Musik des Tages: Awaken




(Yes: "Awaken", live auf dem Montreux Festival 2003; original aus dem Album "Going for the One", 1977)

High vibration, go on to the sun
Oh, let my heart dreaming past a mortal as me
Where can I be?

Wish the sun to stand still
Reaching out to touch our all being
Past all mortal as we, here we can be

Suns | High | Streams | Through
Awaken gentle mass touch

Strong | Dreams | Reign | Here
Awaken gentle mass touch

Star | Song | Age | Less
Awaken gentle mass touching

Workings of man, set to ply out historical life
Reregaining the flower of the fruit of his tree
All awakening, all restoring you

Workings of man, crying out from the fire set aflame
By his blindness to see that the warmth of his being
Is promised for his seeing, his reaching so clearly

Workings of man, driven far from the path
Rereleased in inhibitions so that
All is left for you

Master of images, songs cast a light on you
Hark through dark ties that tunnel us out of sane existence
In challenge as direct as eyes see young stars assemble

Master of light, all pure chance
As exists cross divided in all encircling mode
Oh closely guided plan, awaken in our heart

Master of soul, set to touch
All impenetrable youth, ask away
That thought be contact with all that's clear
Be honest with yourself
There's no doubt
No doubt

Master of time, setting sail
Over all our lands, and as we look
Forever closer, shall we now bid
Farewell ... farewell ...

High vibration, go on to the sun
Oh let my heart dreaming past a mortal as me
Where can I be?

Wish the sun to stand still
Reaching out to touch our all being
Past all mortal as we, here we can be

Like the time I ran away
Turned around and you were standing close to me


Montag, 13. Februar 2017

Obdachlosigkeit im kapitalistischen Paradies: Medienpropaganda


Es ist inzwischen kein Geheimnis mehr, dass in Deutschland die Obdachlosigkeit massiv zugenommen hat und dass diese unheilvolle Tendenz ungebremst andauert. Gelegentlich wird sogar in der Propagandapresse – auf Seite 17 in der Rubrik "Panorama" – darüber berichtet; dies allerdings oft in einer Weise, die mit dem Begriff "perfide" nur unzulänglich bezeichnet ist. Kürzlich war bei n-tv wieder einmal ein solches Beispiel zu finden. Unter der reißerischen Überschrift "Berlin wird Hauptstadt der Obdachlosen" war dort in ebenjener Boulevard-Rubrik zu lesen:

Die Zahl der Menschen ohne Wohnung erreicht in der Millionenmetropole Rekorde. Das Problem ist inzwischen überall sichtbar. Dahinter stecken dramatisch steigende Mieten, Wohnungsmangel und Einwanderung.

Der Text ist es nicht wert gelesen zu werden; zum Verständnis dieses Kommentars ist die Lektüre aber dennoch sinnvoll. Dort finden sich nämlich sämtliche Propagandamerkmale, die in Kapitalistan zu beachten sind, wenn ein so unschönes Thema, das am dünnen Glitzerlack der kapitalistischen Wohlfühl- und "Uns geht es so gut wie nie"-PR kratzen könnte, unbedingt medial behandelt werden muss. Ich zähle einige auf (und erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit):

  1. Es gibt keine belastbaren Zahlen zur Anzahl der Obdachlosen, sondern lediglich ominöse Schätzungen. Diese fallen entsprechend moderat aus.
  2. Obdachlose seien unsäglich faul – sie liegen "Tag und Nacht" einfach tatenlos herum, anstatt ihr "Glück zu schmieden".
  3. Der Staat sowie "private Stellen" kümmerten sich bereits – das Problem sei also gar nicht so schlimm.
  4. Obdachlose seien selbst schuld, wenn ihnen nicht geholfen wird – im Zweifel sind "viele" gleich "psychisch krank".
  5. Insbesondere "Osteuropäer" und "Flüchtlinge" seien schuld an der Misere – Deutsche tauchen in diesem perversen Argumentationsstrang gar nicht auf. In diesem Zusammenhang werden auch logische Brüche unverblümt zur Schau gestellt, wie etwa: "Sie kamen fast alle in die Bundesrepublik mit der Hoffnung auf Arbeit, mussten aber feststellen, nicht im Schlaraffenland gelandet zu sein. Wenn sie nie in Deutschland gearbeitet haben, besitzen sie keinerlei Ansprüche auf soziale Unterstützung (...). Etliche wollen dennoch nicht nach Hause, da das umfassende Hilfsangebot in der Bundeshauptstadt weit besser ist als in ihren Heimatländern." – Das Hilfsangebot ist so umfassend und gut, dass sie eben nun obdachlos sind.
  6. Das "Schlaraffenland" gilt in der medialen Lügenerzählung merkwürdigerweise dennoch weiterhin – allerdings nur für Deutsche. Für "Ausländer" ist es trotz der "umfassenden Hilfsangebote" ein Märchen.
  7. Schuld seien auch die "massiv gestiegenen Mieten" – wobei geflissentlich vermieden wird, die Ursachen dafür zu benennen. Auch die sinkenden, bestenfalls stagnierenden Löhne in Deutschland finden hier keine Erwähnung, ebenso wie die politisch inszenierten Gründe (u.a. "Agenda 2010") dafür. Mieten steigen eben, Löhne nicht – das ist in Kapitalistan ein Naturgesetz, das nicht in Frage gestellt werden darf.
  8. Es gebe einen "Wohnungsmangel". Unerwähnt bleiben dabei regelmäßig die Themen der Gentrifizierung und des (unterlassenen bzw. gar abgewickelten) sozialen Wohnungsbaus. Der "Wohnungsmangel" ist demnach vom Himmel gefallen oder bestenfalls "dem Markt" geschuldet – man kann also nichts dagegen tun. Leerstehende Häuser und Wohnungen, die es in Deutschland zuhauf gibt, finden hier ebenfalls keine sinnvolle Erwähnung. Wieso sollte man Obdachlosen auch in "unattraktiven" Städten eine Wohnung anbieten, wenn sie in Berlin, Köln oder Frankfurt doch im U-Bahn-Schacht hausen können?
  9. Ein wesentlicher Punkt wird regelmäßig nicht einmal am Rande erwähnt: Nämlich der unsägliche Hartz-Terror, durch den deutschlandweit Millionen von Menschen tagtäglich, ohne Unterbrechung, von Obdachlosigkeit bedroht sind – und niemand weiß, wieviele inzwischen tatsächlich ihr Dach über dem Kopf verloren haben, weil fleißige Menschenfeinde in den "Jobcentern" ihre sadistischen Vorlieben ausleben, indem sie "Sanktionen" verhängen und Menschen das "Existenzminimum" verweigern. Dazu gehören junge Menschen und Kinder ebenso wie Ältere, Kranke, Behinderte und Rentner. – Steinmeier findet das toll.

Diese Propaganda, die sich aus einem fiesen Mix aus Menschenfeindlichkeit, Rassismus, Unterschlagung und bizarrer Zurechtbiegung von Fakten zusammensetzt, beherrscht die Berichterstattung zu diesem Thema. Denn wir wissen ja: Es ging "uns" nie so gut wie heute – und wem es vielleicht doch nicht so gut geht, der ist eben selber schuld.

Es ist ein Skandal sondergleichen, dass es in diesem Land überhaupt einen einzigen Menschen gibt, der unfreiwillig obdachlos ist. Und der kapitalistische Staat forciert das, anstatt es rigoros zu unterbinden.

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Diesen kleinen Text widme ich der sehr netten, obdachlosen Person, mit der ich kürzlich vor den Pforten des Billig-Supermarktes, in dem ich meinen kärglichen Lebensmitteleinkauf tätigen wollte, ein längeres Gespräch führte. Es tut mir heute noch leid, dass ich nicht mehr als ein paar Zigaretten, ein paar Euro und meine Flaschenpfandbons abgegeben habe. Ich hätte mehr geben können – war aber viel zu ängstlich, weil erst Monatsanfang war.

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Garantierte Grundrechte


"Jeder hat Anspruch auf eine angemessene Wohnung!"

(Zeichnung von Otto Nückel [1888-1955], in: "Der Simpl", Nr. 10 vom Juni 1947)

Samstag, 11. Februar 2017

Die präsidiale Wahl: Ein Zeugnis für Joachim Gauck


Ein Gastbeitrag von Stefan Rose

Jetzt, da am Sonntag ein neuer Frühstücksdirektor in einem Akt gelebter Demokratie alternativlos auf den Schild gehoben wird, ist es vielleicht eine gute Gelegenheit, dem scheidenden Präsi noch schnell ein Arbeitszeugnis auszustellen. Es ist hierzu nicht ganz unwichtig, sich klarzumachen, dass ein Bundespräsident zwar formell die Funktion hat, das Land nach innen und nach außen zu repräsentieren, ansonsten aber vor allem gewählt wird, damit alles beim Alten bleibt und die Geschäfte ungestört weiter laufen können. Will heißen, sich um Himmels Willen nicht mit denen anzulegen, die wirklich etwas zu sagen haben und erst recht nicht die herrschenden (Besitz-) Verhältnisse infrage zu stellen. Allzuviel an Kontroverse im Sinne konträrer Gesellschaftsentwürfe ist hierzulande eh nicht allzu beliebt.

Blödsinn ist natürlich das Geraune, Gauck habe die durch den vorzeitigen Rücktritt Köhlers und die springerseits betrommelte Tapsigkeit Wulffs angeblich nahezu irreparabel beschädigte, ominöse 'Würde des Amtes'™ wiederhergestellt. Gauck hat gar nichts wiederhergestellt, sondern im Gegenteil aufgerissene Gräben weiter verbreitert. Zudem hat Das Amt™ auch zuvor schon etliche Peinsäcke überlebt. Jasager (Heuss), Dorfdimpfel (Lübke), Troubadixe (Scheel), notorische Wandersmänner (Carstens), ehemalige Chemiemanager und Wehrmachtsoffiziere, die nie von etwas gewusst haben (v. Weizsäcker), Altnazi-Protegés (Herzog), Frömmler (Rau) und andere Ausfälle. Dass Das Amt™ bzw. dessen Würde™ all das überstanden hat, kann nur eines bedeuten: Es ist längst nicht so wichtig wie's gern hingestellt wird.

Bundespräsidenten geben seit einiger Zeit bei Amtsantritt gern vor, 'unbequem' sein zu wollen. Auch Joachim Gauck bildete da keine Ausnahme. Und die Journaille sekundierte brav. Denn einen auf unbequem zu machen, so hat sich's gezeigt, das kommt an beim Volke. Spätestens seit der alles andere als rebellische Richard von Weizsäcker seiner zähneknirschenden konservativen Peergroup seinerzeit einschenkte, der 8. Mai 1945 sei mitnichten ein Tag der Niederlage gewesen, sondern vielmehr einer der Befreiung. Dass er damit lediglich das aussprach, was damals jenseits furzkonservativer und revisionistischer Kreise eh längst Konsens war - geschenkt. Einen vergleichbaren Ausrutscher eines Amtsträgers hat es seither meines Wissens nicht mehr gegeben. Hotte Köhler, der ewige Sparkassenonkel, ist vielleicht gerade noch rechtzeitig zurückgetreten.

Was unbequem zu sein für einen Bundespräsidenten konkret bedeutet, dafür hat von Weizsäckers kürzlich verstorbener Amtsvorgänger Roman Herzog den bis heute gültigen Standard gesetzt: Ein unbequemer Präsident interpretiert unbequem zu sein dergestalt, vor allem für diejenigen im Lande unbequem zu sein, die sich am wenigsten wehren können. Ihnen streng ins Stammbuch zu predigen, nun sei aber mal Schluss mit Faulenzen, üppigen Löhnen und sozialer Hängematte. Sie auf harte Zeiten und eng geschnallte Gürtel einzustimmen. Gauck lag völlig auf dieser Linie, als er den Deutschen mahlenden Unterkiefers den Zuchtmeister machte und ihnen was von Genusssucht reintat, von mangelnder Bereitschaft fürs Vaterland zu leiden und zu sterben. Auch sonst reüssierte der "eitle Zonenpfaffe" (Deniz Yücel, 2012) schon als Frischgewählter beträchtlich:

So mag der künftige Bundespräsident keine Stadtviertel mit "allzu vielen Zugewanderten und allzu wenigen Altdeutschen", will das "normale Gefühl" des Stolzes aufs deutsche Vaterland "nicht den Bekloppten" überlassen, missbilligt es, "wenn das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird", besteht darauf, dass der Kommunismus "mit ausdrücklichem Bezug auf die DDR als ebenso totalitär eingestuft werden muss wie der Nationalsozialismus", trägt es den SED-Kommunisten nach, das "Unrecht" der Vertreibung "zementiert" zu haben, indem "sie die Oder-Neiße-Grenze als neue deutsch-polnische Staatsgrenze anerkannten", und fragt – nicht ohne die Antwort zu kennen –, "ob Solidarität und Fürsorglichkeit nicht auch dazu beitragen, uns erschlaffen zu lassen." (Yücel a.a.O.)

Legt man das eingangs umrissene Anforderungsprofil zugrunde, dann kann man nicht anders als Joachim Gauck sehr gute Arbeit zu bescheinigen. Brav gemacht. Und Frank-Walter Steinmeiers Vergangenheit als einer der maßgeblichen Mitarchitekten der Agenda 2010 lässt diesbezüglich für die Zukunft einiges erhoffen.

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Dieser Text erschien unter dem Titel "Zeugnis für J.G." zuerst im Blog "Fliegende Bretter" und wird hier mit freundlicher Genehmigung des Verfassers wiedergegeben.

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(Leicht modifizierter Screenshot, wdr.de vom 10.02.17)

Bundeswehr: Exzesse bei der Ausbildung zum Mörder


Es kommt wahrlich nicht selten vor, dass ich beim Lesen der hiesigen Journaille über Textpassagen oder gleich ganze Artikel stolpere, die unweigerlich die entsetzte Frage in mir aufkeimen lassen, ob manche JournalistInnen eigentlich noch alle Latten am Zaun haben. Vor einigen Tagen ist dies wieder geschehen, als ich mich – wie immer auf das schlimmste gefasst – der täglichen Nachrichtenlektüre hingab und bei fr-online lesen musste (alternative Quelle):

Erniedrigung und Sex-Rituale bei Elite-Truppe / In einer Kaserne in Pfullendorf kommt es zu einer Häufung "ernstzunehmender Vorfälle". Laut Medienberichten soll es sich um erniedrigende Rituale, sexuelle Übergriffe und andere Straftaten handeln.

Ei der daus!, dachte ich so bei mir, als ich das las: Da werden junge Menschen zu Mördern – zu "Elite"-Tätern gar – "ausgebildet", und dennoch wundert es irgendwen, dass dies bei manchen Menschen soziopathische oder anderweitig schädigende charakterlich-emotionale Folgen hat? Was denkt der gemeine Schreibtischtäter (gemeint sind natürlich auch Frauen) sich denn, wenn jungen Menschen militärischer Drill, Uniformzwang, Gehorsam gegenüber "Vorgesetzten" und strikte Konformität eingebläut wird, während sie gleichzeitig das – möglichst effiziente – Morden "lernen" müssen? Sitzen solche JournalistInnen da an ihren Tastaturen und wundern sich allen Ernstes darüber, dass das Militär meist keine Humanisten, dafür aber manchmal arg deformierte Persönlichkeiten hervorbringt?

Und wie sollen bzw. können junge Menschen darauf reagieren, wenn ihnen gesagt wird, sie könnten am Ende der "Ausbildung" gar einer "Elite"-Truppe angehören, wenn sie denn alle Prüfungen und Anforderungen überstehen? Ist es nicht logisch, dass eine solche widerliche Haltung bei manchen Menschen den Drang erzeugt oder verstärkt, andere zu erniedrigen oder zu quälen, um sich selbst zu erhöhen? Solch einfache Fragen, die jeder gut ausgebildete Psychologe sicher relativ leicht beantworten könnte, kommen der Schreiberzunft gar nicht mehr in den Sinn und werden demnach nicht gestellt. Zu tief sitzt wohl der infantile Propagandaglaube, dass "unser" Militär ganz anders sei als beispielsweise die "böse" russische, syrische oder IS-Armee.

Überdies ist die Wortwahl in diesem Kontext wieder einmal äußerst bezeichnend: Es seien "ernstzunehmende Vorfälle", zitiert die FR das CDU-Kriegsministerium, um später im Text den Kriegsbeauftragten der Bundesregierung, Hans-Peter Bartels (SPD) zu Wort kommen zu lassen: "Alle [Truppen] gehören zur Bundeswehr, und für alle ist ein menschenwürdiger Umgang oberstes Gebot."

Nicht das Morden, nicht die verfassungswidrigen Kriege, an denen die Bundeswehr inzwischen kräftig beteiligt ist, sind im Rahmen dieser Propaganda "ernstzunehmende Vorfälle", sondern die in elitären (Ausbildungs-)Strukturen durchaus erwartbaren charakterlichen Deformierungen einiger Menschen. Und den "menschenwürdigen Umgang" dürfen auch aktuell unzählige Menschen in verschiedenen Teilen der Welt am eigenen Leib erfahren. Auch das ist aber keinen medialen Skandal wert – schließlich mordet "unser" Militär ja im Namen der Freiheit und Demokratie und metzelt einzig "die Bösen".

Mich jedenfalls wundert es nicht im Geringsten, dass es auch in der furchtbaren Ausbildung zum Mörder gelegentlich (oder auch häufiger) zu ekeligen Exzessen kommt. Wer Menschen in eine widerliche Schlammgrube stößt, wirkt ein wenig unglaubwürdig, wenn er sich darüber beschwert, dass sie schmutzig und manchmal eben auch widerlich werden.

Die Bundeswehr gehört rückstandslos abgeschafft – dieses Land benötigt wahrlich kein Militär.

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Sie können es nicht lassen


"Im nächsten Krieg lasse ich meine Armee auf dieser Linie aufmarschieren. Wir wollen doch einmal sehen, ob wir's beim dritten Mal nicht schaffen!"

(Zeichnung von Jörg Wisbeck [1913-2002], in: "Der Simpl", Nr. 8 vom Juli 1946)

Donnerstag, 9. Februar 2017

Musik des Tages: Klavierkonzert Nr. 1 in b-moll




  1. Allegro non troppo e molto maestoso - Allegro con spirito
  2. Andantino semplice - Allegro vivace assai
  3. Allegro con fuoco

(Pjotr Iljitsch Tschaikowski [1840-1893]: "Konzert für Piano und Orchester Nr. 1" in b-moll, Op. 23 aus dem Jahr 1874; Klavier: Lang Lang, Orchestre de Paris, Leitung: Paavo Järvi; 2015)


Mittwoch, 8. Februar 2017

Fake News: Es geht "uns" so gut wie nie zuvor


Oder: Die Lügen der anderen

Ich weiß, es ist ermüdend, immer wieder denselben Sermon lesen zu müssen. Ich habe gefühlt schon fünfzigmal auf den propagandistischen Unsinn, den die hiesigen Medien in fast schon trotziger Kontinuität fast jeden Monat in die Welt koten, hingewiesen (ich verzichte hier auf entsprechende massenhafte Verlinkungen - wer das trotzdem noch einmal lesen möchte, muss halt ein wenig suchen) - trotzdem muss ich das auch weiterhin tun, denn wenn die Propaganda nicht verstummt, darf es die Opposition erst recht nicht tun.

Bei Zeit Online war vor einigen Tagen also wieder einmal zu lesen:

Kauflaune der Deutschen wird immer besser / Das Konsumklima in Deutschland hat sich laut Marktforschern zum vierten Mal in Folge verbessert. Auch in die Zukunft blicken die Bürger demnach optimistisch.

Den Quatsch muss man nicht lesen, denn das erklärte Ziel steht ohnehin fest: Es gibt keine Armut in Deutschland und das Wohlbefinden der Menschen ist sowieso einzig daran gebunden, wieviel sie konsumieren - also kaufen - können. Hier ist wirklich alles absurd: die Annahme, die Untersuchung und das Ergebnis gleichermaßen. Eine so dreiste, offensichtliche Propaganda kennen Westdeutsche vor allem aus den ehemals im Westen verächtlich kommentierten Verlautbarungen aus der damaligen DDR.

Diese Propagandameldungen unterscheiden sich tatsächlich in nichts von den gelogenen "Übererfüllungsquoten" der ehemaligen DDR-Propaganda. Sie sind dafür um Längen widerlicher und menschenfeindlicher, denn in Kapitalistan werden Menschen gnadenlos in die Obdachlosigkeit geschickt, wenn sie sich nicht wehren können oder unter besonders ekeligen Eichmännern in den Behördenstuben zu leiden haben. Ist es wirklich verwunderlich, dass so viele Menschen inzwischen in den Armen der noch viel menschenfeindlicheren AfD landen, die zwar ebenfalls keine Antworten auf die drängenden Fragen bietet, dafür aber einfache, dumme Scheinlösungen? Zufällig geschieht das gewiss nicht.

Es ist nur eine Randnotiz - aber auf der Internetseite von Zeit Online war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Propagandatextes unmittelbar darunter dies zu sehen:



Was soll man zu diesem Kindergarten noch sagen. Es sind eben stets die anderen, die lügen, gelle.

Dienstag, 7. Februar 2017

Zitat des Tages: Dämmerstunde


Ein müder Lichtstrahl küsst eine Ruine,
In feuchten Kellern wird es langsam Nacht.
Ein blasser Mond verzieht höhnisch die Miene -
Das ist die Fratze dieser Zeit, - die lacht.

Aus kahlen Trümmern kriecht ein fahles Dämmern,
Der Abendwind umsäuselt einen Baum.
Von irgendwo erklingt noch müdes Hämmern,
Vier Menschen drängen sich in einem Raum.

Verfaultes Leben schleimt auf allen Gassen,
Die Abfallgruben stinken widerlich.
Und während in den Luxusvillen Bonzen prassen,
Gehn Huren müde auf den Abendstrich.

Vor einer Haustür steht ein fetter Mann,
In einer nahen Gosse spielen Kinder.
In einer Kirche betet's dann und wann:
Herrgott! Wir sind doch alle arme Sünder!

Und irgendwo lieben sich frohe Menschen,
Und irgendwo lauert der kalte Mord.
In einem kleinen, reichen Ländchen
Schmieden die Dichter noch das Rettungswort.

Der letzte Lichtstrahl küsst eine Ruine,
In feuchten Kellern ist stockdunkle Nacht.
Zu eines bleichen Abendhimmels Miene -
Die graue Elendsfratze höhnisch lacht.

(Heinz Schneekloth [*1924], in: "Der Simpl", Nr. 19 vom Oktober 1947)

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Dämmerstunde an der Küste



(Gemälde von Kurt Klamann [1907-1984] aus dem Jahr 1946, Öl auf Holz, Privatbesitz)

Montag, 6. Februar 2017

Im Namen des Terrors: Lasset euch überwachen!


Die Überwachungspläne der korrupten Bande schreiten munter voran. Vor einigen Tagen geisterte die wenig beachtete Meldung durch die deutschen Gazetten, dass nun die Staatsgrenzen verschärft ins Visier des Großen Bruders genommen werden (alternative Quelle):

Berlin plant eine Verschärfung der Grenzkontrollen. Mit mobilen Kennzeichenlesegeräten sollen künftig alle [sic!] Fahrzeuge, die die Grenze passieren, erfasst und mit den Fahndungsdateien abgeglichen werden. Das lässt sich der Bund einiges kosten.

Die Propagandaberichte versichern natürlich - fast schon hastig - zugleich, dass diese Überwachungen "nur anlassbezogen" und "nicht flächendeckend" geplant seien, auch wenn der sonstige Text der Meldungen dem klar widerspricht. Es kommt zudem offensichtlich niemand auf den naheliegenden Gedanken, dass eine solche perverse Überwachungsstruktur jederzeit unverzüglich umgestellt werden kann auf eine anlasslose Totalüberwachung ohne irgendeine Löschung der Daten. Auch wird hier nicht deutlich, was genau mit "Fahndungsdateien" gemeint ist - oder gibt es schon die große "Big Data"-Zusammenführung verschiedenster polizeilicher, geheimdienstlicher, militärischer in- und ausländischer "Fahndungslisten", ohne dass ich das mitbekommen habe? Gehören die geplanten Mordopfer der US-Regierung ebenso dazu wie "unliebsame Zeugen" des "Verfassungsschutzes"? Man erfährt stets so wenig.

Mich gruselt es jedenfalls bis ins Knochenmark, wenn ich so etwas lese, und ich verstehe einmal mehr nicht, dass die narkotisierte Bevölkerung weiterhin lammfromm und still bleibt, anstatt den schauerlichen Figuren ihre Überwachungskameras und Fahndungsdateien an den Kopf zu werfen und sie geteert und gefedert aus den Städten zu jagen. Der Begriff der "Freiheit" war ja schon immer eine hohle Phrase in sehr engen Grenzen in der "freiheitlich-demokratischen", also kapitalistisch-unfreien Welt - inzwischen verkommt er mehr und mehr zu einem müden Schatten seiner eigenen Karikatur.

Und das alles im Namen des Terrors. - Ganz sicher wird man auf diese Weise zuhauf "Anschläge" verhindern und "Gefährder" fassen können, die gewiss stündlich mit auf den eigenen Namen zugelassenen oder angemieteten Autos die Grenzen passieren, um kleinen Kindern die Köpfe abzuschneiden, bevor sie ihren Ausweis am Tatort hinterlegen und sich dann entweder selbst in die Luft sprengen oder von den "Sicherheitskräften" erschießen lassen. - Glaubt diesen Quatsch allen Ernstes irgendwer?

Ich sehe auch eine Menge wirklich böser Gefährder in dieser völlig verkommenen, schmutzigen Welt - allerdings hocken die fast allesamt in den Geldspeichern, Villen, Banken, Lobby- und Wirtschaftspalästen, Parlamenten und Medienhäusern dieses korrupten Gebildes, das sich irrsinnigerweise noch immer "Staat" nennt - dort sind selbstverständlich aber keine Überwachungen geplant. Es gibt indes einen Begriff dafür, der weitaus passender ist: "Mafia".

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Stützen der Gesellschaft



(Gemälde von George Grosz [1893-1959] aus dem Jahr 1926, Öl auf Leinwand, Nationalgalerie Berlin)

Anmerkung: Besonders hinweisen möchte ich hier auf die Darstellung des "Journalisten" (unten links), dem Grosz einfach mal einen Nachttopf auf den Schädel gesetzt hat. - Das Bild ist indes in vielerlei Hinsicht heute ebenso aktuell wie damals. Anders als damals erkennt das heute aber kaum jemand mehr, fürchte ich.

Samstag, 4. Februar 2017

Integrations- und Arbeitsparadies Deutschland


Ein Bericht aus französischer Sicht von Tina B.

Heimatliche Gefühle

Ich habe Deutschland zwei Jahre nach der Wiedervereinigung – meine Tochter war noch nicht geboren – verlassen. Über viele Jahre und mit viel bürokratischem Aufwand (Aufenthaltsrecht, Arbeitsgenehmigungen etc.) habe ich mir eine selbstständige Existenz in Frankreich aufgebaut. Meine Tochter ist hier aufgewachsen, hat die Schule bis zum Gymnasium durchlaufen und kannte Deutschland nur aus den Besuchen von Freunden und Verwandten. Diese hat sie in schöner Erinnerung behalten und nach dem Abitur war es ein großer Wunsch von ihr, in Deutschland zu studieren.

Da ich meine Tochter nicht unbegleitet lassen wollte, habe ich meine selbstständige Arbeit ruhen lassen, um meiner Tochter den Einstieg in das Land ihrer Eltern zu erleichtern. Ich hatte mich bereits auf Stellen beworben und eine Zusage für eine Beschäftigung als Integrationslehrerin  in der Tasche, so dass  wir finanziell eigentlich nichts zu befürchten hatten. Allerdings hatte ich trotz zwölfjähriger Erfahrung in der Erwachsenenbildung nur eine eingeschränkte Zulassung vom Bundesamt für Flüchtlinge (BAMF) erhalten. Das bedeutete, dass ich für 700 Euro Kurskosten eine 70stündige Weiterbildung hätte ableisten müssen, die natürlich weiter entfernt angeboten wird, während ich alle Aufwendungen dafür (Hotel, Anfahrt etc.) selber hätte tragen müssen – es sei denn, ich hätte mich verpflichtet, für ein ganzes Jahr Integrationskurse zu geben – dafür hätte es dann Zuschüsse gegeben.

Andere müssen für 1.400 Euro eine verlängerte Weiterbildung absolvieren – da war ich schon etwas besser gestellt.

Also trotz allem: Koffer gepackt und zurück mit guten Gefühlen nach Deutschland, wo uns Freunde zunächst einmal Gastrecht gewährt haben. Was wir dann erlebt haben, hat sich allerdings eher als Albtraum herausgestellt denn als Perspektive.

Die erste große Überraschung war nicht unbedingt mein Arbeitsvertrag als Scheinselbstständige – ohne finanzielle Absicherung im Falle von Krankheit, Urlaub, von Feiertagen oder bei Ferien sowie die aus eigener Tasche zu bezahlende Sozial- und Krankenversicherung – sondern der immense Arbeitsumfang, den ich täglich abzuliefern hatte, um auf ein Einkommen zu kommen, das uns erlauben würde, nicht nur zu überleben, sondern davon auch halbwegs gut zu leben. Was die Arbeitsstunden betraf, so wurden diese weitgehend eingehalten, nur in der Vergütung gab es erhebliche Unterschiede. Das bedeutete für mich Arbeitstage, die um 8:00 Uhr begannen und häufig erst um 20:00 Uhr endeten.

Während die Integrationskurse einigermaßen korrekt bezahlt wurden, war eine 35-Stunden-Woche dennoch nicht ausreichend, um davon seinen Lebensunterhalt zu sichern, denn andere Kurse – wie beispielsweise Einzelunterricht für Firmen, B2-Kurse etc. – wurden mit lediglich 16 Euro vergütet. Die notwendige Unterrichtsvorbereitung ist in den 35 Stunden nicht enthalten und wird auch nicht anderweitig bezahlt. Trotzdem erhielt ich permanent Angebote für viele verschiedene Kurse, kurzfristig angesetzt, die ich von einem auf den anderen Tag und auch an unterschiedlichen Veranstaltungsorten wahrnehmen sollte.

Nachdem der erste Schock überwunden war, haben wir uns auf die Wohnungssuche begeben, denn wir konnten ja nicht ewig bei unseren Freunden bleiben. Also hieß es: jeden Tag die Zeitungsanzeigen anschauen und im Internet suchen!

Die Wohnungssuche

Der Besuch beim Immobilienmakler hinterließ folgende Bilanz: Horrende Mietpreise für drittklassige Unterkünfte; Nichtraucher erwünscht; ohne Kinder; mit gesichertem Einkommen; wenn möglich Wochenendheimfahrer – und natürlich ohne Haustier. Schufa-Auskunft inklusive. Beim Makler sollten wir eine schöne Bewerbungsmappe vorlegen – aber der Hund ...: "Können Sie den nicht woanders lassen???"

Nur nicht den Mut verlieren! Ich stoße auf eine Anzeige bei Ebay: "Zwischenmieter gesucht, Zweizimmerwohnung – Hund kein Hindernis!" – Sofort reagiert, und siehe da, wir dürfen die Wohnung besichtigen.

Bereits beim Betreten des Treppenhauses umgibt mich ein mulmiges Gefühl – es mieft und stinkt. Die Wohnung ist möbliert, aber die Einrichtung ist selbst für den Flohmarkt nicht mehr geeignet. Trotzdem haben wir keine andere Wahl: Der Mietpreis ist horrend und die Vermieterin, die mich fatal an ein "Nazi-Girl" erinnert, äußerst unsympathisch. Am nächsten Tag unterschreibe ich den Mietvertrag – drei Monate Kündigungsfrist.

Ich fühle mich, als hätte ich mein (Todes-)Urteil unterschrieben. Mittlerweile hatte ich fast täglich acht Stunden zu unterrichten – morgens fünf Stunden und nachmittags von siebzehn bis zwanzig Uhr. Die Teilnehmer der Kurse waren glücklich, denn bei anderen Lehrern ging es ihnen immer zu schnell – der Lehrplan musste ja eingehalten werden. Ob die Leute etwas verstehen oder nicht, ist schließlich egal ...

Was man in Deutschland unter Integration versteht

Wie gründe ich meine eigene Existenz, wie fülle ich Formulare für Ämter aus, wie trenne ich meinen Müll, was ist Heimat, was ist das Oktoberfest und was gibt es über andere deutsche Bräuche zu lernen – all das ist aus Behördensicht ungemein wichtig für die Integration von Ausländern in Deutschland. Es verlangt schon einiges pädagogisches Talent und Geschick, damit nicht sehr schnell eine allgemeine Ermüdung eintritt.

Die Teilnehmer der Kurse sind oftmals noch hoffnungsfroh und voller Dankbarkeit der Frau Merkel gegenüber, die sie "vor ihrem Elend gerettet" hat, aber auch schon häufig resigniert. Manche von ihnen leben in Lagern, andere bereits in eigenen Wohnungen.

Beim Arbeits- oder Sozialamt sind sie dann alle gleich und werden nur noch als Kundennummer geführt. Für die so genannten Bildungsträger gibt's nur dann Geld, wenn die Anwesenheit der Teilnehmer gesichert, also dokumentiert ist. Deshalb wird mit pedantischer Sorgfalt die Anwesenheit kontrolliert und es werden Entschuldigungen bei Abwesenheit verlangt (Krankmeldungen etc.).

Teilweise müssen die Kosten für diese Integrationskurse von den Teilnehmern selbst aufgebracht werden, denn was unter Integration allgemein verstanden wird, das beschränkt sich weitgehend auf Flüchtlinge. Integriert werden müssen in Deutschland aber nicht nur Flüchtlinge, sondern z.B. auch eine italienische Krankenschwester, die zunächst mal 600 Euro für die Anerkennung ihrer Krankenschwesterausbildung in Italien hinlegen muss, und zusätzlich, obwohl sie zwar sehr gut deutsch spricht, aber darüber noch keine offizielle Bescheinigung vorweisen kann, einen Kurs belegen muss, der sie noch einmal schlappe 1.500 Euro kostet, während sie vom Arbeitsamt in der Zwischenzeit nur als Praktikantin eingestuft wird.

Was für eine gute Lernatmosphäre nötig wäre, wird konsequent vernachlässigt und einzig der ökonomischen Devise geopfert: Es gilt, mit möglichst geringem Aufwand einen möglichst hohen Ertrag zu erzielen: Zwei Damen- und zwei Herrentoiletten für 60 Schüler samt Lehrpersonal und Angestellte; die Unterrichtsräume so eng bemessen, die Tische so eng gestellt, dass ich mir bei den Ausflügen zu den hinteren Tischen stets blaue Flecken geholt habe.

Die Wohnung

Zunächst waren wir sehr glücklich, unsere "eigenen" vier Wände zu haben – doch dann mussten wir sehr schnell feststellen, dass bei minus 10° C Außentemperatur nachts weder die Heizung im Badezimmer, noch die in der Küche funktionierte – im Wohnzimmer machte die Heizung einen Höllenlärm und wurde nur mäßig warm. Die Waschmaschine lief lediglich auf zwei Programmen und musste manuell weitergestellt werden.

Der Wäscheständer war schief und bereits mit Isolierband "repariert worden". Nach einer Woche musste ich in der Küche feststellen, dass sich an der gesamten Wand, die nach außen geht, ein widerlicher grün-schwarzer Schimmel bildete. Als wir das der Vermieterin mitteilten, machte sie uns dafür verantwortlich. Dann die böse Überraschung – mitten in der Nacht ein furchtbarer Lärm: der Küchenschrank war zur Hälfte zusammengebrochen. Ab dem Moment hatten wir richtig Panik, etwas anzufassen.

Krankheit

Ich weiß nicht, ob ich es dem Schimmel zu verdanken hatte oder einfach der Tatsache, dass ich ziemlich überarbeitet war – jedenfalls wurde ich ziemlich heftig krank. Fieber, Kopfschmerzen, Halsschmerzen, vereiterte Mandeln. Um keinen Verdienstausfall zu haben, bin ich weiterhin zur Arbeit gegangen mit dem Resultat, dass ich über mehrere Tage fast keine Stimme mehr hatte. Piepsiger Anruf beim Arbeitgeber, dass ich nicht unterrichten kann – mit der Antwort, ob ich das nicht früher hätte sagen können, ich wüsste doch, wie schwer Ersatz zu finden ist. Da kein Ersatz gefunden wurde, fielen die Kurse dann aus – selbstverständlich aber nicht die Integrationskurse, mit denen Geld zu verdienen ist.

Die Flucht

Da ich eigentlich nur Geld übrig hatte, um einigermaßen gut essen zu können – unser einziger Luxus –, beschloss ich, dem Ganzen ein Ende zu setzen. Zum Glück konnte ich vorzeitig die wunderbare Wohnung kündigen. Die Wohnungsübergabe ist mir noch immer in traumatischer Erinnerung. Die Vermieterin kam, durchschritt die 58-qm-Wohnung mehrere Male, so dass man die Erschütterung ihrer Schritte geradezu bis in Mark und Bein verspürte. Bei minus 5° C riss sie alle Fenster auf – wir saßen wie zwei Schwerverbrecher auf dem verdreckten Sofa und nun wurden alle Schränke geöffnet, der Lattenrost des Bettes inspiziert, unter das Bett geschaut, die Waschmaschine in Gang gesetzt – nichts entging ihren Argusaugen. Am Wohnzimmerfenster entdeckte sie etwas Schimmel und an den Fenstern Feuchtigkeit – merkwürdig, dass sie alle "Stellen" bereits kannte.

Alle Mängel an Inventar und Wohnung lastete sie uns an und weigerte sich deshalb, die geleistete Kaution zurückzahlen. Das Ganze eskalierte und wir wussten keinen anderen Ausweg, als unseren Freund anzurufen, damit er uns hilft. Dieser drohte ihr dann mit einer Anzeige, da er den Eindruck hatte, sie wolle sich an uns bereichern.

Nach langem Hin und Her bekamen wir endlich unsere Kaution – bis auf 20 Euro, die sie unbedingt behalten wollte für die "Reparatur" des Küchenschrankes. Es folgte noch eine Nacht bei unseren Freunden und am nächsten Tag ging es endlich zurück nach Frankreich.

Meine Tochter hat nun doch Abstand von der Idee genommen, in Deutschland studieren zu wollen, wobei ich in diesen Bericht nichts von den Erfahrungen meiner Tochter habe einfließen lassen.

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Dieser Text wurde dem "Narrenschiff" freundlicherweise von Troptard zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!

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Symphonie in Müll



(Zeichnung von Otto Nückel [1888-1955], in: "Der Simpl", Nr. 8 vom Juni 1947)

Freitag, 3. Februar 2017

Musik des Tages: Starless Starlight




(David Cross & Robert Fripp: "Starless Starlight", 2015)

  1. Starless Starlight Loops
  2. In The Shadow
  3. Shine And Fall
  4. Starless Theme
  5. One By One, The Stars Were Going Out
  6. Fear Of Starlight
  7. Starlight Trio
  8. Sure Of The Dark