Donnerstag, 29. Januar 2015

Song des Tages: The Night




(Saviour Machine: "The Night", aus dem Album "Legend, part I", 1997)

The events about to unfold
Are beyond comprehension.
In this hatred escalating
The fate is the same.

Here we stand defiled to the brink
Of our self-annihilation.
We are vicious animals
In a game with no name.

Behold the place of slaughter,
The earth is a tomb.
The smell of death upon her,
The child has torn the womb.
Let all of us prepare our doom.

Nowhere to run, no place to hide,
We cannot escape the night.

The perilous atomic rage
Shall usher in the age.
The wicked shall be turned to hell,
The wasteland in a cage.
The wasteland in a cage.

Behold the forced abortion,
The murder in the air,
The atmosphere in motion,
The paralyzing fear.

Let all the men of war draw near.
Let All The Men Of War Draw Near.
LET ALL THE MEN OF WAR DRAW NEAR.



Anmerkung: Und so verkündet uns die "christliche" Rockband Saviour Machine aus Kalifornien die frohe Botschaft den Beginn der Apokalypse - mit (laut eigener Aussage) allesamt aus der Bibel stammenden Versen. Ich liebe Bibel-Zitate wie diese. Man könnte hier wilde Textinterpretation starten und ganze Essays damit füllen. Und ich liebe zuweilen - Asche auf mein Haupt - solch pathetisch-nihilistische Musik, die keine Fragezeichen mehr kennt.

Allerdings hat "die Bibel" in diesem Zusammenhang in einem Punkt offenkundig unrecht: Das "Spiel" hat heute selbstverständlich einen Namen, und der lautet schlicht: Kapitalismus. Die Menschheit benötigt keine Götter und erst recht keine Teufel, um sich selbst zum gnadenlosen Ersticken in der bodenlosen Latrine zu versenken und dabei noch laut "Hurra" zu schreien, bis bloß noch immer kleiner werdende Blubberblasen lautlos an der Oberfläche zerplatzen.

Mittwoch, 28. Januar 2015

Night will fall: Ein Blick in die Hölle - und in den Spiegel




Anmerkung: Die unkommentierte und leider leicht gekürzte Rohfassung des dokumentarischen Filmfragmentes von Bernstein und Hitchcock, das in der obigen Doku ausführlich besprochen wird, kann beispielsweise hier angesehen werden: "Memory of the Camps".

Dazu ein ausnahmsweise einmal halbwegs erträglicher Kommentar aus den tagesthemen von Anja Reschke (NDR), den ich hier im Wortlaut dokumentiere, da die Videodatei ohnehin in Kürze wieder "depubliziert" wird:

"Auschwitz, Holocaust - ich kann's nicht mehr hören, es muss doch mal Schluss sein!" - Oh, diese Sätze hört man wieder oft zurzeit. Sie kommen immer dann, wenn das Gedenken wieder in den Vordergrund rückt. Die Mehrheit der Deutschen möchte die Geschichte der Judenverfolgung hinter sich lassen, sagt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. 58 Prozent wollen sogar einen Schlussstrich ziehen.

Ich habe gestern die Dokumentation über Kameraleute der alliierten Truppen gesehen, die gefilmt haben, als die Konzentrationslager befreit wurden, die kamen, als die Schornsteine der Krematorien noch rauchten, die über Berge von Leichen gestiegen sind; Bilder von Skeletten mit ein bisschen Haut darüber, offene Münder, verdrehte Gliedmaßen. Heute sind diese Kameraleute von damals Männer von über 90 Jahren. Als sie erzählt haben, haben sie angefangen zu weinen. Keiner von ihnen kann einen Schlussstrich ziehen, genauso wenig wie die Opfer, die überlebt haben. Es gibt nicht mehr viele von ihnen, aber noch sind sie da - und ihnen schmettern wir entgegen: "Es muss doch mal Schluss sein"? Ausgerechnet wir?

Es gibt keinen Schlussstrich in der Geschichte - in keiner. Klar, lieber erinnern wir uns an Karl den Großen, Bismarck oder die Wiedervereinigung. Aber Auschwitz ist nun mal passiert. Wieso sollten wir ausgerechnet das Kapitel der Judenverfolgung hinter uns lassen? Dieser Teil unserer Geschichte ist in seiner Abartigkeit so einzigartig, dass er gar nicht vergessen werden kann.

Ich bin "dritte Generation". Ich war nicht dabei, und trotzdem habe ich mich geschämt, als ich wieder diese Bilder gesehen habe. Weil es zu meiner Identität als Deutscher gehört, ob ich will oder nicht.

Nach diesem Film konnte ich nicht schlafen, also habe ich umgeschaltet. Und was sehe ich: Pegida-Demonstranten in Dresden, die sich aufregen über die vielen Ausländer in Deutschland. Ganz ehrlich - da ist mir dann wirklich schlecht geworden.

Auch wenn es Reschke im letzten Abschnitt noch schafft, einen kleinen Verweis auf unsere heutige furchtbare Zeit unterzubringen, verbleibt auch ihr Text im Übrigen im Sumpf der Geschichte und vermeidet es peinlichst, irgendwelche Rückschlüsse oder Querverweise auf die heutige menschenfeindliche, ausgrenzende Politik der neoliberalen Bande zu ziehen, die nicht weniger faschistoid ist als es der aufkeimende Nazi-Terror in seinem frühen Stadium war. "Pegida" ist nicht die Ursache, sondern eines von sehr vielen (durchaus pervertierten) Symptomen dieses radikalisierten Kapitalismus - an dem die Massenmedien, und ganz vorne mit dabei auch die "öffentlich-rechtlichen" Sender mit ihren Propagandaschauen, einen wesentlichen Anteil haben.

Es bleibt nur eine Randnotiz, dass natürlich auch hier wie selbstverständlich auf eine "Studie" der Bertelsmann-Stiftung Bezug genommen wird - so als handele es sich bei diesem kapitalistischen Lobbyverein einer Clique von Superreichen tatsächlich um eine seriöse, gar "unabhängige" Institution.

Der faschistische, menschenfeindliche Terror der Schikanierung, Drangsalierung und Ausgrenzung von Menschen, der damals dem systematischen Massenmord vorausging, war eben nicht einzigartig - wir erleben gerade hautnah, wie er schleichend (und unter tatkräftiger Mitwirkung auch der Bertelsmann-Stiftung) erneut begonnen wurde und zunehmend an Fahrt aufnimmt. Die Erinnerung an die beispiellosen Verbrechen der Nazibande wird aber hohl und sinnfrei, wenn sie zur reinen "Historienschau" verkommt und die offensichtlichen Parallelen zu unserer heutigen Zeit gar nicht erst zur Kenntnis nimmt. Anders gesagt: Wenn Faschismus nicht in einem Atemzug mit Kapitalismus genannt wird, ist es gar nicht mehr möglich, den tatsächlichen Ursachen dieses Irrsinns auf die Spur zu kommen. Die oben verlinkte Doku über den "aus gewissen politischen Gründen" letztendlich nicht fertiggestellten Film zum Holocaust bietet im letzten Drittel dazu einige Denkanstöße, die ich bemerkenswert finde. Ebenso bemerkenswert ist es aber, dass Reschke, die sich in ihrem Kommentar ja explizit auf diese Doku bezieht, jene Denkanstöße entweder nicht bemerkt oder aber bewusst verschwiegen hat.

Der Holocaust ist nicht einfach ein "Teil unserer Geschichte" wie Karl der Große oder Bismarck - er ist das flammende, furchtbare Mahnmal der Zerstörung und Menschenfeindlichkeit, auf das der Kapitalismus zwangsweise stets zusteuert, und zwar überall auf der Welt und zu jeder Zeit.

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"Bedaure, ich bin im Verein gegen Bettelei!"

(Lithographie von Honoré Daumier [1808-1879] aus dem Jahr 1844, aus der Serie "Les philantropes du jour")

Dienstag, 27. Januar 2015

Zeitzeugen sprechen über Auschwitz (1): Ankunft und Selektion


Der folgende Text ist ein kurzer Auszug aus der Zeugenaussage des Arztes und Holocaust-Überlebenden Dr. Mauritius Berner, die im Rahmen des sogenannten 1. Frankfurter Auschwitzprozesses am 17.08.1964 dokumentiert wurde. Die komplette Aussage kann - ebenso wie unzählige weitere Zeugenaussagen - auf den Seiten des Fritz-Bauer-Instituts nachgelesen und auch im Original angehört werden.

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Man hatte die [...] Riegel [des Waggons] geöffnet. Wir haben rasch unseren Kindern, unseren Frauen die Mäntelchen noch angezogen. Und mit den Resten unseres Gepäckes – man hat uns doch auch am Wege ein paarmal schon untersucht und immer alles weggenommen, auch das letzte Stück Keks, was wir für die Kinder aufbewahrt haben – sind wir ausgestiegen.

Sofort, wie wir ausgestiegen sind, ist vor unseren Augen ein fürchterliches Bild: An dem Geleise vis-à-vis stand ein verlassener Zug. Und vor dem Zug, vor den Waggonen, Hunderte und Tausende von Reisegepäcken, aufeinandergestapelt. Ich wusste nicht, wo wir sind. Ich dachte, es ist vielleicht ein ausbombardiertes Stationshaus oder so etwas.

Aber wir hatten keine Zeit nachzudenken. Sofort sind an uns in gestreiften, zebraähnlichen Anzügen Leute [...] herangetreten und haben uns aufgefordert, das Gepäck neben den Waggonen abzulegen. Wir sträubten uns noch dagegen. Es war noch unser letztes Hab und Gut, eigentlich nur mehr ein paar Medikamente und unsere Dokumente in den Reisekoffern, in dem Gepäck. Aber wir wollten es noch nicht [hergeben]. Da riss man uns das aus der Hand, besser gesagt ist ein deutscher Soldat an uns herangetreten und hat auch gesagt: "Das Gepäck muss hier abgegeben werden." Daraufhin haben wir das dort abgegeben, neben den Waggonen aufgestellt.

Und der Strom der Menschen ging vorwärts, und ich sagte [zu] meiner Frau – ich war mit Frau und drei Kindern, drei Töchterchen: "Tut nichts. Hauptsache, dass wir fünf zusammen sind." Und: "Wir werden schon sehen, wie wir weiterkommen." Kaum sagte ich das, tritt schon ein anderer Soldat zwischen uns und sagt: "Männer nach rechts, Frauen nach links!" und hat uns voneinander [getrennt]. Ich habe nicht einmal so viel Zeit gehabt, meine Frau zu umarmen. Sie hat mir nachgeschrien: "Komm, küsse uns!" Vielleicht aus irgendeinem Fraueninstinkt hat sie eher gefühlt, was für eine Gefahr uns droht.

Ich bin durch den Kordon wieder zu ihnen gelaufen, habe meine Frau geküsst und meine drei Kinder. Und schon wieder hat man mich auf die andere Seite geschoben, und wir sind weiter vorangegangen – parallel zwar, aber getrennt. Zwischen den zwei Gleisen, zwischen den zwei Zügen, parallel, aber getrennt. Dann, [...] die Menge hat mich auch weitergestoßen, habe ich sie [aus den] Augen verloren, meine Familie.

[...]

Inzwischen ist Mengele von uns weggegangen, und wir sahen, dass, so wie er steht – unweit von uns, 20, 30 Meter entfernt –, die Menge ihm gegenüber strömt und er mit seiner Hand nach rechts und nach links deutet. Und so gehen einige Menschen nach rechts und einige nach links, Frauen und Kinder zusammen nach links.

Auf einmal sehe ich meine Frau und meine drei Kinder schon von Mengele weiter entfernt gehen. Und es fällt mir ein: Ich werde dem Doktor Capesius eine Bitte vorlegen. Ich bin zu ihm herangetreten, und ich sage ihm: "Herr Hauptmann", ich habe die Distinktionen nicht gekannt, "ich habe zwei Zwillingskinder, die bedürfen einer größeren Schonung. Ich arbeite, was Sie wünschen, nur gestatten Sie mir, mit meiner Familie zusammenzubleiben." Ich wusste ja nicht, warum wir dort waren, wohin sie zu gehen hatten. Fragt er mich: "Zwillingskinder?" "Ja." "Wo sind sie?" Ich zeige: "Dort gehen Sie." "Rufen Sie sie zurück", sagte er mir, worauf ich meine Frau und meine Kinder, die Namen, laut rufe. Und sie kehren um, und ich zeige ihnen, sie sollen zurückkommen.

Sie kommen zurück, und sogar Doktor Capesius nahm die an der Hand, die zwei Kinder, und führt uns bis zum Doktor Mengele. Und an seinem Rücken stehengeblieben sagt er mir: "Na, sagen Sie [es] ihm." Und ich sagte wieder: "Herr Kapitän", ich wusste nicht seine Distinktion, "ich habe zwei Zwillingskinder", wollte weiter sprechen, aber er sagte mir: "Später, jetzt habe ich keine Zeit." Und mit einer abwehrenden Handbewegung hat er mich weggeschickt.

Doktor Capesius sagte: "Also dann müssen Sie zurückgehen in Ihre Reihe. Gehen Sie zurück!" Und meine Frau und meine drei Kinder sind wieder an diesem Weg weitergegangen. Ich begann zu schluchzen, und er sagte mir auf Ungarisch: "Ne sírjon. Weinen Sie nicht. Die gehen nur baden. In einer Stunde werden Sie sich wiedersehen." Da schrie ich noch meiner Frau und meinen Kindern ungarisch nach und bin wieder zu meiner Gruppe zurückgegangen. Nie habe ich sie mehr gesehen.

In dieser Sekunde war ich dem Doktor Capesius sogar in der Seele dankbar. Ich dachte, er wollte mir etwas Gutes tun. [Erst] später habe ich erfahren, was das bedeutet hat, Zwillingskinder dem Doktor Mengele in die Hand zu geben zu seinen Experimenten.

[...]

Ich bin zu meiner Gruppe, zu den Ärzten und Apothekern, zurückgegangen. Wir waren noch ein paar Minuten dort gestanden. Dann hat man uns auch in Fünferreihen aufgestellt, und so einer im gestreiften Anzug – jetzt weiß ich schon, dass das alte Häftlinge waren, damals wusste ich [es] nicht – und ein deutscher Soldat haben uns weitergeführt in eine große Scheune. Dort mussten wir uns nackt ausziehen. Nur die Schuhe durften wir behalten. Dann, auf einem freien Platz, haben uns Friseure empfangen, haben uns die Haare geschnitten und ganz enthaart.

Und dann hat man uns weitergeführt in das Bad, Sauna dort genannt. Dort hat man uns noch einmal ganz rasiert, so dass kein Haar an unseren Körpern blieb. Und durch ein desinfizierendes Mittel [haben wir] barfuß hinübergehen und den Kopf damit auch abwaschen müssen. Und in einem Ankleideraum haben wir dann die gestreiften Anzüge bekommen, einen Rock, ein paar Hosen und ein Hemd. Unterhosen haben wir nicht bekommen.

Und dann hat man uns hinausgeführt ins Freie. Und dort haben wir gewartet – das war in der Früh – bis circa Nachmittag, also wir haben schon kein Zeitempfinden [mehr] gehabt. Lange, lange Zeit haben wir dort gewartet. Wir sind schon fast zusammengebrochen. Und dann ist ein Mann mit der Aufschrift "Block", ich weiß nicht, 20 oder 21, gekommen und hat uns weitergeführt und in einen Block hineingelassen, wo wir dann angeblich Kaffee zum Trinken zu bekommen hätten.

Es war ein [fürchterlicher] Tumult, wie man uns dort hineingelassen hat. Man hat uns inzwischen schon geschlagen. Und weil jeder sich eilte, diesen Kaffee zu bekommen, weil wir doch viereinhalb Tage, den fünften Tag schon, keinen Tropfen Wasser im Mund hatten. Und dann hat man auch wirklich irgendein Fass gebracht, einen schwarzen Kaffee, was man dort verteilt hat. Aber es war ein fürchterlicher Tumult. Die Menschen haben sich gegenseitig geschlagen sogar. Und da haben wir das Leben eines Häftlings begonnen.

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Lager



(Gemälde von Sigmar Polke [1941-2010] aus dem Jahr 1982. Dispersion und gestreute Pigmente auf Dekostoff und Wolldecke, Privatbesitz [sic!])

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Siehe auch: Die Kinder von Izieu - hier der funktionierende Direktlink zum Video. In der Regel benötigt das Video in beiden Links eine Weile, bis es geladen ist und startet - Geduld ist nötig.

Montag, 26. Januar 2015

Des Kuhjournalisten Blowjob: "Wie immer ohne Gummi, Herr Gauck?"


Bei n-tv durfte ich vorgestern das bedingungslose Bekenntnis des "wertekonservativen" (Wikipedia) "Qualitätsjournalisten" Wolfram Weimer zu seinem bedauernswerten Dasein als Callboy des neoliberalen Kaspermarionettenregimes lesen. Unter der hochinvestigativen Überschrift "Joachim Gauck: Der beste Präsident seit Weizsäcker" konnte ich dort ein Glanzstück des kapitalistisch-propagandistischen Hurentums verfolgen, das meines Wissens in dieser Form und bezogen auf diesen erbärmlichen Greis ohne Beispiel ist. Wer sich das selber durchlesen möchte, soll das tun, muss sich aber auch warm anziehen, denn der Grad des beschworenen Pathos' ist mindestens ebenso grotesk wie die arschkriechende Jubelhymne auf den Freiheitspapst des Kapitals selbst.

Beim ersten Lesen bin ich noch der fixen Idee aufgesessen, dass es sich hier möglicherweise um einen satirischen Beitrag handeln könnte, denn der geschätzte Herr Weimers (nicht zu verwechseln mit Mutter Beimer, die ist nämlich schon verstorben) hat laut Wikipedia 2012 schon einmal entsprechenden Schalk gezeigt und das Sonderheft einer mir unbekannten Satirezeitschrift herausgegeben. Doch diesen schönen, erleichternden Gedanken musste ich im weiteren Verlauf des Textes schnell wieder aufgeben: Ein Mensch wie unser Callboy Weimers schreibt nichts Satirisches über die "zweite deutsche Diktatur" und die "Leiden des jungen (und alten) Gauck" in den furchtbaren Gulags der noch furchtbareren Kommunisten - völlig unabhängig davon, was der alte Gauck als Offizier der faschistischen Kriegsmarine auch angerichtet haben mag. Davon erfährt der geneigte Leser des Hurenaktes ohnehin nichts. Es gibt strikte Tabus, selbst für Callboys.

Nun hat der feynsinnige Kollege flatter sich ja kürzlich darüber ausgelassen, dass es nach seiner Meinung sinnlos sei, sich über einzelne - und seien es auch ganz besonders widerwärtige - Gestalten aus diesem Rotlichtmilieu zu echauffieren. Er nennt diese Käuflichen schlicht "Trolle" und meint, Ignoranz sei der sinnvollste Weg, damit umzugehen. Ich sehe das indes anders - denn jene "Trolle" bewirken ja weitaus mehr als die Idioten, die wir aus unserer kleinen Blogger-Bubble kennen und die oftmals noch nicht einmal Huren, sondern tatsächlich schlicht merkbefreite, lernresistente und nachplappernde Dummköpfe sind, die man in der Tat nicht ernst zu nehmen braucht. Bezahlte und gezielt lancierte Propaganda in Massenmedien besitzt allerdings eine völlig andere Quanti- und vor allem Qualität, die furchtbare Folgen haben kann und die man unter gar keinen Umständen einfach ignorieren oder totschweigen darf.

Man muss diesen Pamphleten mit Informationen begegnen - auch wenn ich mir durchaus bewusst bin, dass ein kleines oder auch größeres Blog im Internet eigentlich nicht der richtige Ort für diese Form der Opposition ist. Allein: Heute fehlen die Alternativen! Angesichts einer längst eingenordeten kapitalistischen Presselandschaft gibt es heute keine oppositionellen Massenmedien mit einer auch nur halbwegs relevanten Reichweite mehr - in dieser finsteren Zeit bleibt uns nichts anderes als das Internet. Und es ist wohl auch eher einem dummen Zufall bzw. Versehen zu verdanken, dass es dieses heute noch halbwegs "freie" Internet gibt - die verkommene Bande arbeitet bekanntlich eifrig daran, auch dieses letzte Instrument der unbedeutenden Gegenwehr endlich wieder unschädlich zu machen. Anonymität war gestern - heute wissen sie bereits, wer da schreibt, und morgen verbieten bzw. zensieren sie es und verfolgen die UrheberInnen.

Solange wir es noch (ungestraft) können, sollten wir die schäbigen Huren des Kapitals also benennen und mit dem Finger auf sie zeigen - immer und immer wieder, denn die Propagandafront wird gewiss auch in Zukunft nicht müde, ihre schleimigen Auswürfe unentwegt und ohne Pause weiter in die verseuchte Welt zu schleudern. Der Nutzen dieser kläglichen Gegenwehr ist marginal, die Aussicht auf Erfolg nicht vorhanden - aber Schweigen und Ignoranz wären nun die schlechtesten aller denkbaren Alternativen, selbst angesichts schlafender, dumpfer oder irregeleiteter BürgerInnen der stupiden NSDAP- Pegida-Fraktion.

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Die Blutsauger


"Alles geht vorzüglich. Sogar die Parteiunterschiede verschwinden mehr und mehr."

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 49 vom 02.03.1925)

Samstag, 24. Januar 2015

Zitat des Tages: Das ganz einfache Leben


Sie werden lachen, wenn ich Ihnen jetzt offen gestehe, dass ich Ihnen eigentlich gar nicht viel zu erzählen habe. Aber hören Sie einmal die Marktfrauen auf den Gassen, sie haben auch nicht viel zu erzählen und erzählen doch. Und trotzdem haben sie viel zu erzählen, denn alle erzählen von dem einen Großen, um das es sich überhaupt lohnt zu leben, sie erzählen vom einfachen Leben.

Und mehr können auch die nicht erzählen, die drei oder gar fünf Sprachen vollkommen beherrschen. Sie können zwar von der einen Sprache in die andere verdolmetschen, aber vielleicht können sie weniger erzählen, weil sie weniger erleben als die Marktfrauen, die mitten im Leben stehen, auch wenn sie sitzen, und nun die Herren Philosophen. Sie ordnen den Extrakt aus den Erzählungen der Marktfrauen nach einem Schema, daher falsch. Lassen Sie sich daher nie etwas von einem Philosophen erzählen. Wie der Arzt Diagnosen stellt, so irrt der Philosoph in seiner Logik, denn Irren ist philosophisch. Und so können sich alle Philosophen trösten, denn es irren alle Menschen aller Stände, aller Berufe.

Und nun werden Sie vielleicht lachen, wenn ich Ihnen sage, dass auch ich Ihnen nichts zu erzählen habe. Ich erzähle aber doch in der Hoffnung, dass Sie es verstehen werden, zwischen meinen Zeilen zu lesen.

(Kurt Schwitters [1887-1948], in: "Das literarische Werk", Band 2, DuMont 1974-81)

Anmerkung: Auch wenn es mir unter den Nägeln brennt und ich angesichts dieses zeitlosen Textes wie irrsinnig auf die kleine Clique der superreichen Menschenfeinde, die korrupte Polit-Bande, die Mainstreamjournaille, die Pegida-Deppen, die religiösen Steinzeitler jeder Couleur und so viele andere deuten und dabei wild gestikulieren möchte, unterlasse ich das und gebe mich der schnöden, vermutlich auch heute vergeblichen Hoffnung des Autors hin, der er im letzten Satz Ausdruck verliehen hat.

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Bergfriedhof



(Gemälde von Kurt Schwitters [1887-1948] aus dem Jahr 1919. Öl auf Leinwand, Solomon R. Guggenheim Museum, New York)

Freitag, 23. Januar 2015

Realitätsflucht (12): Faust


Auch diesmal habe ich ganz tief in den verstaubten Katakomben der Computerspiele gebuddelt und das Kleinod "Faust - Die sieben Spiele der Seele" des französischen Entwicklerstudios Cryo aus dem Jahr 1999 entdeckt. Dieses Spiel habe ich vor ungefähr zehn Jahren als Geburtstagsgeschenk für einen spielebegeisterten Menschen gekauft, bevor ich noch rechtzeitig in Erfahrung bringen konnte, dass er gerade dieses Spiel schon kannte - und so lag es also zehn Jahre lang ungeöffnet und unbeachtet im Keller, bis ich es kürzlich beim Ausmisten wiederfand und kurzerhand beschloss, es einfach mal auszuprobieren.



Zunächst schlug der Installationsversuch allerdings fehl - eine kurze Internetrecherche reichte aber aus um zu lernen, dass nicht das Spiel, sondern lediglich der Installer mit Windows 7 (64) nicht kompatibel ist. Und der lässt sich leicht umgehen, wie ich hier nachlesen konnte. Für die deutschsprachige Version des Spieles muss man das natürlich entsprechend anpassen - am Schluss des Postings hinterlasse ich eine entsprechende Anleitung. Jedenfalls ließ sich das Spiel danach völlig problemlos starten und spielen - lediglich das manuelle Speichern des Spielstandes funktionierte (wohl aufgrund des fehlenden Installationsordners) nicht, was aber nicht weiter störte, da das Spiel völlig stabil lief und regelmäßig Autosaves anlegt.

Es handelt sich um ein recht extravagantes Adventure, das in einem verwaisten amerikanischen Vergnügungspark namens "Dreamland" spielt, der in den 1920er Jahren eröffnet und aufgrund mysteriöser Vorfälle in den 1960er Jahren wieder geschlossen wurde. Man spielt die Figur des Marcellus Faust, der ohne Erinnerung in der heutigen Zeit in diesem verlassenen Park erwacht und nicht weiß, was er dort verloren hat - eine Ausgangslage, die seitdem in unzähligen Variationen von ebenso vielen anderen Spielen aus verschiedensten Genres kopiert wurde. Gleich zu Beginn trifft man zum ersten Mal auf seinen Kontrahenten, der selbstverständlich Mephisto heißt und den Spieler wortreich kommentierend durch die insgesamt sieben Episoden geleitet, in denen man das Schicksal verschiedener Personen, die in jenem Park eine maßgebliche Rolle gespielt haben, kennenlernt.

Über die Story möchte ich mich hier nicht weiter auslassen. Grafisch gehörte das Spiel wohl zum Besten, was 1999 möglich war - heute wirkt das natürlich veraltet (was insbesondere für die Videosequenzen gilt), ist aber noch immer durchaus ansehnlich. Die Atmosphäre dieses verlassenen Vergnügungsparks wird ganz wunderbar eingefangen - und die zur jeweiligen Zeit passende Musik (größtenteils aus den 30er bis 50er Jahren) untermalt das grandios. Während man beispielsweise das Schicksal des großen Malers Frank, der so gerne ein "Casanova" sein wollte und sein Maltalent dafür an Mephisto verhökerte, untersucht, hört man unentwegt die Originalversion des grandiosen (in Deutschland via youtube aufgrund des Copyright-Bullshits nicht verfügbaren) Songs "Nature Boy" von Marvin Gaye (1931), der Jüngeren vielleicht durch den Film "Moulin Rouge" wieder ein Begriff sein könnte: "The greatest thing you'll ever learn is just to love and be loved in return".

Die Atmosphäre ist das Bestechendste, was dieses Spiel zu bieten hat - gleichbedeutend mit den großartigen, oft sarkastisch-zynischen Texten, die vor lauter literarischen Zitaten - nicht nur aus Goethes "Faust" - geradezu strotzen. Da bin ich auch gleich beim größten Kritikpunkt angelangt, denn die deutsche Synchronisation dieses Spieles ist so unterirdisch schlecht, dass sie kaum erträglich ist. Ich kann jedem, der ebenso wie ich gerne in Grüften wühlt und nach verlorenen Edelsteinen sucht, nur empfehlen, das Spiel auf Englisch zu spielen. Ich habe es nicht ausprobiert, aber eigentlich müsste es möglich sein, die Sprachausgabe auf Englisch zu stellen, während die (optional einstellbaren) Untertitel auf Deutsch angezeigt werden.

Die für ein Adventure üblichen Rätsel sind größtenteils auch für Anfänger gut lösbar - es gibt aber auch in diesem Spiel einige Stellen, an denen mehrfaches "Um-die-Ecke-Denken" gefragt ist. Wer sich gelegentlich vergeblich den Kopf zerbricht, kann aber auch hier auf eine der vielen verfügbaren Komplettlösungen im Netz zurückgreifen. In jedem Falle aber muss man sich an jedem Ort verdammt genau umschauen und ein und dieselben Objekte auch aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, damit man nichts übersieht. Wichtig ist auch, dass die Rätsel komplexer und die Hinweise rarer werden, wenn man einen höheren Schwierigkeitsgrad wählt.

Ich habe viele Stunden meiner Lebenszeit in "Dreamland" verbracht - und ich bereue keine einzige davon. Mephisto hat mich hier gelehrt (auch wenn ich das schon vorher wusste):

Und so zeigt die Habgier nur eines mit Gewissheit: Alles hat seinen Preis.




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Installationsanleitung für Win 7 (englische Version des Spiels)

  1. Erstelle einen Spieleordner auf der Festplatte, beispielsweise C:\Games\Faust\.
  2. Kopiere das komplette Verzeichnis data von der CD1 in diesen Ordner.
  3. Kopiere die folgenden Dateien von der CD1 ebenfalls in diesen Ordner: ames.ini, aObj.ini, arxin3.fon, faust.exe, fl.ini, mmxImage.dll.
  4. Kopiere die Datei sa.at3 aus dem CD1-Verzeichnis data\eng\ in den zuvor erstellten Spieleordner (siehe 1).
  5. Öffne die Datei fl.ini von der Festplatte (beispielsweise mit "Notepad") und ändere die Zeile CDPATH: CDROM zu CDPATH: E:\, wobei der Buchstabe "E" Dein lokales CD-Laufwerk bezeichnen muss. Sollte das also "D" oder "F" heißen, musst Du das entsprechend anpassen. Nach dem Ändern das Speichern nicht vergessen.

Installationsanleitung für Win 7 (deutsche Version des Spiels)

  1. Erstelle einen Spieleordner auf der Festplatte, beispielsweise C:\Games\Faust\.
  2. Kopiere das komplette Verzeichnis data von der CD1 in diesen Ordner.
  3. Kopiere die folgenden Dateien von der CD1 ebenfalls in diesen Ordner: ames.ini, aObj.ini, arxin3.fon, faust.exe, fl.ini, mmxImage.dll.
  4. Kopiere die Datei sy.at3 aus dem CD1-Verzeichnis data\ger\ in den zuvor erstellten Spieleordner (siehe 1).
  5. Öffne die Datei fl.ini von der Festplatte (beispielsweise mit "Notepad") und ändere die Zeile CDPATH: CDROM zu CDPATH: E:\, wobei der Buchstabe "E" Dein lokales CD-Laufwerk bezeichnen muss, sowie die Zeile LANGUAGE: ENG zu LANGUAGE: GER. Nach dem Ändern das Speichern nicht vergessen.

Und das war's - mit der Datei faust.exe aus dem Spieleverzeichnis auf Deiner Festplatte kannst Du das Spiel nun problemlos starten.

Donnerstag, 22. Januar 2015

Die Rückkehr des Judensterns (2): Die Verschärfung


Ich habe mich darüber vor drei Monaten schon einmal ausgelassen - jetzt macht die neoliberale Bande aber Nägel mit Köpfen und führt die "markierten Ersatzausweise" für "Verdächtige" verbindlich ein. Um ganz sicherzugehen, sind diesmal nicht nur die Reisepässe, sondern auch die Personalausweise betroffen, wie der WDR lakonisch berichtet:

Die Behörden können bei Terror-Verdächtigen künftig auch den Personalausweis einziehen. Um Ausreisen zu verhindern. Das hat am Mittwoch (...) das Bundeskabinett beschlossen. NRW-Innenminister Jäger [SPD] ist froh über die Befugnisse. / (...) Die Entscheidung darüber, wem der Ausweis abgenommen werden soll, treffen die Sicherheitsbehörden der Länder - also Polizei, LKA und Verfassungsschutz.

Mir fehlen dazu fast die Worte - zumal die schwammige "Erklärung" im WDR-Text keinerlei Auskunft darüber gibt, wer denn nun wirklich darüber befinden darf, welchem Bürger der Ausweis entzogen wird und wer einen "Ersatzausweis" erhalten soll - und welche Kontrollen, Regelungen und Kompetenzen da tatsächlich festgelegt werden. Das muss das Volk nicht wissen - es reicht nach qualitätsjournalistischer Überzeugung offenbar aus, wenn bekannt ist, dass solche Dinge von der Polizei, dem LKA und dem "Verfassungsschutz" irgendwie geregelt werden.

Innenminister de Maizière (CDU) hielt in seiner Pressekonferenz den "neuen Ersatzausweis" für diese "Verdächtigen" denn auch stolz in die Kameras: Da kann man tatsächlich nirgends Markierungen entdecken, da prangt kein Stern oder Halbmond, da ist kein dicker Stempel mit dem Schriftzug "ISLAMIST" zu sehen - also können wir uns alle doch beruhigt zurücklehnen. Es fällt sicher niemandem auf, wenn bei einer Kontrolle kein Personalausweis oder Reisepass, sondern eben dieses hübsche, "neutrale" Dokument vorgezeigt wird.

Für wie doof halten diese furchtbaren Gesellen die Menschen eigentlich? Wenn man statt eines dicken Stempels mit der Aufschrift "JUDE" einfach einen vollkommen anderen "Ausweis" ausgibt, der den Inhaber für jeden Außenstehenden auf den ersten Blick als "Verdächtigen" erkennbar macht, ist das nicht weniger verwerflich als die faschistische Markierung des regulären Ausweises - sondern noch eine ganze Stufe übler. n-tv erklärt das ganz pragmatisch so (das Zitat stammt wirklich nicht aus dem "Stürmer"):

Viele Details sind schon bekannt, zum Beispiel, dass Betroffene die Verwaltungsgebühr von 10 Euro selbst zahlen müssen [sic!]. Auch Musterdrucke gibt es schon. Die neuen Ausweise sollen zweifach gefaltet werden und etwa so groß wie ein Fahrzeugschein sein. Dass er dem Personalausweis nicht ähnlich sieht, ist Absicht: So besteht nicht die Gefahr, dass ein Grenzbeamter die Ausweise verwechselt. Auf einer Seite steht der Vermerk "Berechtigt nicht zum Verlassen Deutschlands".

Es geht hier - wohlgemerkt - nicht etwa um verurteilte Verbrecher (wobei auch da ein solches Vorgehen bereits grundgesetzwidrig, verachtenswert und abgrundtief faschistisch wäre), sondern um "Verdächtige", die von niemandem angeklagt und von keinem Gericht verurteilt wurden. Wo leben wir eigentlich? Was zur Hölle passiert in diesem Land? Wie kann es sein, dass diese verkommene Bande solche widerlichen Terrorgesetze wieder einführen kann, während die Mainstreamjournaille teilnahmslos und unkritisch darüber berichtet, als ginge es um den Taubenzuchtverein Dortmund-Brakel - und niemanden in der Bevölkerung scheint das ernsthaft zu interessieren? - Schaut Euch doch diese Doku an!

Ich halte diesen irrsinnigen faschistischen Vormarsch nicht mehr lange aus. - Heinrich Mann schrieb in seinen "Memoiren" 1946 rückblickend auf das Jahr 1933:

Als ich am 21. Februar abreiste, hätte Gepäck mich nur verraten. Keine unanständige Eile, den Zug nach Frankfurt zu besteigen - es ist nur Frankfurt, meine Fahrkarte reicht nicht weiter. Wer hat etwas dagegen? Ich sollte unter den Ersten sein, denen der Pass entzogen wird. So sieht, will es scheinen, der Rubikon aus. Hinter dem verhängnisvollen Fluss, den ich wähle, liegt das Exil.

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Einsamkeit



(Gemälde von Marc Chagall [1887-1985] aus dem Jahr 1933: "Einsamkeit". Öl auf Leinwand, Tel-Aviv Museum of Art)

Mittwoch, 21. Januar 2015

Musik des Tages: Sky Overture




(Uli Jon Roth: "Sky Overture", aus dem Album "Transcendental Sky Guitar I & II: The Phoenix / The Dragon", 2000)

Anmerkung: Frei nach Hemingway beobachten wir hier den alten Mann und die Gitarre: Uli Jon Roth, von 1973 bis 1978 musikalisch maßgebliches Mitglied der damals teilweise sogar noch progressiven Scorpions, danach mit verschiedenen Bands stets abseits des Mainstreams unterwegs, ist heute einer der letzten "Guitar Heroes" der Rockmusik, der noch immer regelmäßig auf den schmutzigen Bühnen jenseits des billigen Glamours präsent ist. Und noch immer ist es ein hedonistischer Genuss, dem Mann bei der Zelebrierung seiner Musik zuzusehen und sie nachzuempfinden.

Zwischendurch hat der Mann einige Sinfonien für großes Orchester und Rockband geschrieben, von denen ich im Netz aber leider keine gefunden habe. Es gibt beispielsweise einen WDR-Rocklife-Mitschnitt der Uraufführung der ersten Sinfonie "Europa Ex Favilla" mit dem Brüsseler Sinfonieorchester aus dem Jahr 1993, den ich im Regal stehen habe - online ist er aber nicht zu finden.

Eine deutliche Zäsur und ein Wandel im Werk des Musikers sind zu bemerken, nachdem 1996 seine langjährige Lebensgefährtin Monika Dannemann verstorben war. Zunächst schrieb Roth ein (online ebenfalls nicht auffindbares) Requiem für sie, um sich danach aber wieder verstärkt der Rockmusik zuzuwenden. Bei Hemingway lesen wir:

"Er saß weinend im Boot, als die Fischer ihn bargen, halb von Sinnen über seinen Verlust. Und die Haie umkreisten noch immer das Boot."

Roth führt uns also deutlich vor Augen, wie wir mit jenen Haien umzugehen haben: Fuck you, basterds, this is Rock'n'Roll!

Oder so ähnlich.


Dienstag, 20. Januar 2015

Das Merkel-Plagiat Hannelore und das "Ehrenamt": Schöne neue McKinsey-Welt


In ihrer Neujahrsansprache, die man sich schon aus hygienischen Gründen besser nicht komplett anhören sollte, hat die Ministerpräsidentin von NRW, Hannelore Kraft (SPD), wie bei solchen Anlässen üblich eine Menge gequirlten Blödsinn mit viel künstlichem Zuckerguss aus dem Baukasten des neoliberalen Propaganda-Blablas vom Stapel gelassen und sich damit brav in die Riege der salbungsvoll Salbadernden (Gauck, Merkel & Co.) eingereiht. Ich musste mir das Kraft'sche Geschwafel anlässlich eines Besuches bei der buckeligen Verwandtschaft dennoch in Gänze reinziehen, was außer akuten Übelkeitsanfällen zum Glück aber keine weiteren Folgen hatte. Dennoch ist mir eine Passage ganz besonders unangenehm aufgefallen, nämlich diese:

"Wir können stolz darauf sein, dass sich bei uns rund fünf Millionen [Menschen] ehrenamtlich engagieren", sagte Kraft weiter. "Am liebsten würde ich jedem Einzelnen direkt in die Augen schauen und persönlich danken."

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Das zerknitterte Merkel-Plagiat aus Düsseldorf begrüßt es ausdrücklich, dass allein in NRW fünf Millionen Menschen kostenlos soziale Arbeit erledigen, die eigentlich in den ureigensten Aufgabenbereich des Staates fällt und auch entsprechend bezahlt und durch gut ausgebildete Fachkräfte besorgt werden müsste. Wenn es in einem Land eine so erhebliche Masse an "ehrenamtlich" Tätigen gibt, ist das ein untrügliches Indiz dafür, dass der Staat seinen sozialen und kulturellen Pflichten in großem Umfang nicht nachkommt. Es ist eine asoziale Frechheit, dass Kraft sich dafür nicht nur öffentlich nicht entschuldigt und Besserung gelobt, sondern diesen Missstand im Gegenteil ausdrücklich begrüßt und auch noch sichtlich zu zementieren versucht.

Ich möchte nicht missverstanden werden: Ich bin selber "ehrenamtlich" aktiv und weiß, dass es verdammt viele Menschen in diesem Land gibt, die eine überaus wichtige und oft genug aufzehrende Arbeit leisten, die gar nicht hoch genug gewürdigt werden kann. Das ändert aber nichts daran, dass ein Großteil dieser "Ehrenämter" aus der puren Not geboren wurde, eben weil es in verschiedensten sozialen und kulturellen Bereichen keine staatlichen Hilfen bzw. Anlaufstellen (mehr) gibt oder der Staat sogar längst zum Kontrahenten pervertiert ist, der die BürgerInnen nicht mehr stützt bzw. unterstützt, sondern regelrecht bekämpft.

Wir können wahrlich nicht "stolz" darauf sein, dass es in diesem reichen Land einer derartigen Masse von unentgeltlich tätigen Menschen bedarf, die das tun, was eigentlich die Aufgabe des Staates ist - wir (und damit ist in erster Linie die korrupte Polit-Bande gemeint) sollten uns vielmehr heftigst dafür schämen und alles daransetzen, diese "Ehrenämter" endlich überflüssig zu machen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang natürlich auch, wer sich denn ganz besonders für das "Ehrenamt" stark macht - und es verwundert nicht weiter, dass hier insbesondere die global tätige "Unternehmensberatung" McKinsey, die unter anderem an der Konzeption der "Tafeln" beteiligt war, unangenehm auffällt. Ihre "Initiative startsocial" bewirbt diese Bande so:

startsocial fördert ehrenamtliches Engagement und lebt von ehrenamtlichem Engagement: In den bisherigen Wettbewerbsrunden haben sich rund 2.600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus über 300 Unternehmen und sozialen Organisationen in weit mehr als 120.000 Arbeitsstunden in Gremien, als Coaches oder als Juroren für startsocial eingesetzt. / Die Initiative steht unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel. Als Hauptsponsoren unterstützen Allianz SE, Deutsche Bank AG, Atos, ProSiebenSat.1 Media AG und McKinsey & Company den Wettbewerb.

Hier ist die Elite der raffgierigen Asozialen unter sich - und die SPD wäre nicht "unsere" SPD, wenn sie nicht laut, schief und aufdringlich ins selbe ekelhafte Horn trötete. Wie gern würde ich all diesen schmierigen Gesellen direkt in die Augen schauen, bevor ich ihnen mit tiefempfundenem, ehrenamtlichem Engagement voller Überzeugung in die vollgefressenen Hintern träte.

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Lokalpolitiker



(Gemälde von George Caleb Bingham [1811-1879] aus dem Jahr 1849: "Country Politician", Öl auf Leinwand, Fine Art Museum of San Francisco. Es ist auf dem Scan nicht so gut zu erkennen: Rechts neben dem "Lokalpolitiker" sitzt ein "Geschäftsmann", der in der Hand einen Sack mit Geld hält, während im Zylinder auf dem Boden ein Bündel Banknoten zu sehen ist.)

Samstag, 17. Januar 2015

Realitätsflucht (11): Gabriel Knight 3


Heute gibt's einen wirklich tiefen Griff in die Mottenkiste der Computerspiele: Ich habe vor einiger Zeit das Adventure "Gabriel Knight 3: Blut der Heiligen, Blut der Verdammten" gespielt, das vom altehrwürdigen Entwicklerstudio Sierra im Jahre 1999 herausgebracht wurde. Es handelt sich um ein klassisches "Point & Click"-Spiel, das wahlweise allein mit der Maus oder unter Zuhilfenahme der Tastatur gespielt werden kann. Meines Wissens war es eines der ersten Spiele dieser Art, das komplett in einer mehr oder weniger frei begehbaren 3-D-Welt angesiedelt ist.

Es versteht sich von selbst, dass ein so altes Spiel in Sachen Grafik auch entsprechend veraltet wirkt und in keiner Weise mit aktuelleren Spielen vergleichbar ist. Trotzdem habe ich es mit zunehmender Faszination gespielt, denn die Atmosphäre, die in diesem Spiel aufgebaut wird, wirkt durchaus auch mit manchmal matschigen Texturen und kantigen Charakteren - ich habe mich sehr schnell an diesen alten Standard gewöhnt und empfand ihn im Spiel nicht als störend. Gleichzeitig besitzt dieses Spiel bezüglich der Steuerung einige Vorzüge, von denen heutige Veröffentlichungen meilenweit entfernt sind: Mir ist beispielsweise kein neueres Adventure bekannt, in dem sich die Kamera völlig frei steuern und positionieren lässt, so dass man - unabhängig von der Position des Protagonisten - jederzeit in nahezu jeden Winkel des aktuellen Schauplatzes schauen und ihn untersuchen kann. Es ist kein großes Rätsel, wieso diese Funktion nicht beibehalten wurde und längst zum üblichen Standard geworden ist: Ich nehme an, dass ökonomische Gründe dafür verantwortlich sind - man muss auf Seiten der Entwickler eben einiges mehr leisten, wenn Schauplätze nicht nur aus bestimmten, vorher definierten Blickwinkeln einsehbar sein sollen, wie das heute in solchen Spielen üblich ist.

"Gabriel Knight 3" ist im Grunde eine klassische Detektivgeschichte, in der man einigen ziemlich rätselhaften Begebenheiten auf die Spur kommen muss. Den Anfang der Geschichte erzählt ein Comic, der dem Spiel beiliegt - den sollte man vor dem Spielstart unbedingt lesen, da ansonsten nicht klar wird, wieso sich Gabriel und seine "Assistentin" Grace (die vom Spieler im weiteren Verlauf abwechselnd gesteuert werden) überhaupt in Frankreich aufhalten und was sie dort suchen.



Neben der Detektivgeschichte geht es aber auch um eine Schatzsuche und die Verquickung mit dem Plot der vorangegangenen beiden Spieleteile, die man aber nicht unbedingt kennen muss, um das Spiel zu verstehen. Es gibt sehr viele (durchweg professionell vertonte) Dialoge, die sich oftmals um religiös-esoterischen Mumpitz drehen und diesen oft genug satirisch kommentieren - der "Heilige Gral" hat eine ebenso zentrale Bedeutung in diesem Spiel wie der "Vampirismus". Die Geschichte ist abstrus, aber richtig spannend und mit vielen historischen und - das darf man beim Spielen nicht vergessen - auch pseudo-historischen Fakten untermauert. Im der englischen Fassung wird der Protagonist Gabriel gar von Tim Curry gesprochen, und John de Lancie ("Q" aus "Star Trek") gibt den anfangs galanten, im weiteren Verlauf aber natürlich immer garstiger werdenden Obervampir.

Neben der Geschichte liegt der Schwerpunkt dieses Spieles aber - und das dürfte niemanden verwundern, der ältere Adventures kennt - auf den Rätseln. Die haben es wahrlich in sich und sind teilweise so knackig, dass ich zu meiner Schande gestehen muss, dass ich an mehreren Stellen ohne die Tipps aus einer Komplettlösung hätte aufgeben müssen. Eine Hilfe im Spiel gibt es nicht - wenn man nicht weiterkommt, hat man eben Pech gehabt: Damals waren Spieleentwickler noch so wunderbar gnadenlos. Es gab mehrere Stellen im Spiel, an denen ich mir wahrlich den Kopf zerbrochen (bildlich: denselbigen auf der Tischplatte zerschlagen) habe, ohne dass mir die - manchmal erstaunlich naheliegende - Lösung eingefallen wäre. Glücklicherweise hatte ich für alle Fälle die besagte Komplettlösung parat, die sich mühelos im Netz finden lässt. Besonders wichtig wurde die vor allem bei der Analyse des Falls, die am virtuellen Laptop im Spiel stattfindet - ich habe zuvor nie schwierigere Passagen in Computerspielen erlebt.

Ein Beispiel: Man steht vor einem Schachbrett und erfährt, dass des Rätsels Lösung irgendetwas mit dem Springer und den Schwertern auf den Feldern zu tun hat:



Lösen kann man dieses Rätsel nur, indem man sich beherzt an geeigneter Stelle von unten, wo sich die Spielfigur befindet, auf das Schachbrett begibt und einen Parkour beginnt, der brav den Schachregeln des Springers folgt. Dabei muss jedes mit einem Schwert bezeichnete Feld genau einmal besucht werden, ohne die mit einem Totenkopf bezeichneten Felder einmal oder alle anderen Felder mehr als einmal zu benutzen. An dieser Stelle war es mir - als ich erst einmal begriffen hatte, was ich tun sollte - ein dringliches Anliegen, ohne Schummeln weiterzukommen. Das hat wirklich lange gedauert und viele Tode meines Helden erfordert.

Das Highlight des Spiels - das Finale, zu dem dieses Schachrätsel gehört - soll jeder, der sich an ein so altes Spiel wagt, selber erfahren. Es lohnt sich wohlgemerkt sehr.

Auch der Humor hat seinen Platz im Spiel - wenn man beispielsweise Grace steuert und sie mit einem NPC reden lassen möchte, mit dem sie aktuell auf Kriegsfuß steht, reagiert sie darauf mit dem schönen Spruch: "Eher stecke ich meine Zunge in eine Steckdose." - Dieses Spiel ist ein großer Retro-Spaß, der heutigen Spielen trotz aller grafischen Mankos in mancherlei Hinsicht weit voraus ist - und ich bin heilfroh, dass ich die noch original-verschweißte Packung mit den drei CDs und dem Comic vor dem Müll, dem sie vom Vorbesitzer übergeben worden waren, gerettet habe.

Das Spiel ließ sich trotz des Alters problemlos auf einem Win7/64-System installieren und spielen - im gesamten Verlauf gab es keinen einzigen Absturz. Und auch die wunderbare Musik von David Henry und Robert Holmes darf durchaus erwähnt werden. - So etwas gehört nicht in den Müll. Mir haben die vielen Stunden, die ich in diesem Spiel und mit dieser Geschichte verbracht habe, einen Heidenspaß gemacht.




Freitag, 16. Januar 2015

Zitat des Tages: Unterwegs nach Utopia II


Auf der Flucht
vor dem Beton
geht es zu
wie im Märchen: Wo du
auch ankommst
er erwartet dich
grau und gründlich

Auf der Flucht findest du
vielleicht
einen grünen Fleck
am Ende
und stürzest selig
in die Halme
aus gefärbtem Glas.

(Günter Kunert [*1929], in: "Unterwegs nach Utopia. Gedichte", Hanser 1977)


Anmerkung: Ersetzen wir das Wort "Beton" durch einen fast beliebigen Begriff aus dem reichhaltigen Repertoire der verabscheuungswürdigen Begebenheiten bzw. Perversionen unserer verkommenen Zeit - und der Text bleibt dennoch stimmig und beschreibt in brutaler, stoischer Kühle die Vergeblichkeit jedes Fluchtversuches. Vor diesem furchtbaren System kann man nicht (mehr) fliehen - es bleibt doch nur die Wahl zwischen Resignation/Anpassung und Zorn/Gegenwehr. Ich schwanke zwischen diesen beiden Alternativen ständig hin und her.

Ich weiß nicht, ob Kunert das Wort "Utopia" hier etymologisch bewusst benutzt hat - eigentlich bedeutet "Utopie" in der wörtlichen Übersetzung ja "kein Ort" bzw. "Nirgendwo", beschreibt also einen unerreichbaren Ort bzw. Zustand, während die Ableitung "Utopia" von Thomas Morus schon 1516 für seinen Entwurf eines republikanischen, idealen Staates benutzt wurde. Wie auch immer man diese Wortwahl Kunerts nun verstehen mag: Er war sich offensichtlich 1977 schon sicher, dass das erklärte Reiseziel ein wahrlich gruseliger Ort ist, an dem sich ein halbwegs gesunder Mensch unter gar keinen Umständen wiederfinden möchte. Um so erschreckender ist die Erkenntnis, dass eben jenes Ziel auch 38 Jahre später noch immer dasselbe und teilweise längst erreicht ist.

Das neoliberale, faschistoide "Utopia" steht sozusagen vor der Haustür und kratzt unablässig mit scharfen Messern und gierigen Krallen an unseren Fenstern und Türen. Ich sehe nirgends auch nur den Ansatz eines ernsthaften, erfolgversprechenden Versuches, dem Monster den Eintritt zu verwehren. Unser "Utopia" droht einmal mehr zum beispiellosen Schlachthaus zu werden.

Donnerstag, 15. Januar 2015

Uschi, die "Lügenpresse" und der kapitalistische Schleim


Es gibt Geschichten, die glaubt man selbst dann nicht, wenn sie von der "Lügenpresse" nicht erzählt werden - und es gibt Geschichten, die so absonderlich sind, dass man sie glauben muss, gerade weil sie von eben jenen Hofberichterstattern verbreitet werden. Die folgende Anekdote ist eine solche Geschichte. n-tv klärte vor einigen Tagen auf:

Von der Leyen wollte nicht zum Arbeitsamt / Nach ihrer Rückkehr aus den USA [fiel] der heutigen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen die Wiedereingliederung in Deutschland nicht leicht. Sie [war] sich unsicher über ihren weiteren Karriereweg. Nur eines [wusste] sie: Bloß nicht zum Arbeitsamt.

Wer sich das durchlesen möchte, sei vor möglicher Weise unmittelbar auftretenden Gehirntumoren gewarnt. Kriegsluder und Millionärserbin Uschi war also irgendwann in ihrer Jugend mal im "Land of the Free" und wusste nach ihrer Rückkehr in die deutsche Heimat nicht so genau, was sie mit all ihrer elitären Zeit denn nun anfangen bzw. wie sie diese möglichst profitbringend investieren sollte - und der werte Herr Papa Albrecht, der historisch Bewanderten als eine der übelsten korrupten CDU-Schleimfiguren der vergangenen Jahrzehnte in böser Erinnerung ist, schlug der lieben Tochter damals laut n-tv vor, das Arbeitsamt zu konsultieren, um diesbezüglich Klarheit zu erlangen.

Das ist ungefähr so glaubwürdig wie die Meldung, Helmut Kohl sei inzwischen in die DKP eingetreten. Entlarvend ist an dieser "Geschichte" aber nicht ihre Unglaubwürdigkeit, sondern vielmehr die Vehemenz, mit der hier wie von Sinnen auf die neoliberale Ideologie hingearbeitet wird: Aufrichtigen Deutschen wie dem Albrecht-Nachwuchs käme es selbstredend nie in den Sinn, sich staatlicher Hilfe zu bedienen. Das nimmt man doch selbst in die Hand und beweist so - gerne auch im Nachhinein durch erfundene oder beschönigende Berichte "belegt" -, dass der ganze Rotz des Sozialstaates sowieso überflüssig ist, wenn man denn genug "Eigeninitiative" zeigt. Selbstverständlich verschweigt n-tv geflissentlich, dass ein solcher Verzicht auf staatliche Hilfe ein ganz kleinwenig leichter ist, wenn ein familiäres Millionenvermögen im Hintergrund dem eigenen Handeln etwas an Dramatik nimmt - aber das ist ja nur eine Randnotiz, die keiner Erwähnung wert ist.

Uschi wäre aber keine echte Albrecht, wenn sie es nicht "empörend" fände, dass sogar eine elitäre Figur, als die sie sich selbst offenbar begreift, zum Arbeitsamt gehen soll. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt dieser Behauptung zeigt diese verbreitete Reaktion doch deutlich, was die ehemalige Ministerin für Arbeit und Soziales [sic!] von einer Institution, die ursprünglich einmal dazu gedacht war, Arbeitslosen zu helfen, inzwischen aber mutwillig und bewusst ins Gegenteil pervertiert wurde, hält. Gleichzeitig zeigt diese Reaktion unzweifelhaft, dass auch dieser Figur natürlich klar ist, dass Menschen beim Arbeitsamt - bzw. heute drastisch verschärft beim "Jobcenter" - keine Hilfe zu erwarten haben, sondern allenfalls Schikane und Drangsalierung.

Ich bin kein böswilliger Mensch und wünsche in der Regel auch niemandem etwas Böses - aber hier mache ich eine ausdrückliche Ausnahme: Diese widerliche Kreatur möge den menschenfeindlichen Hartz-Terror doch bitte ohne Millionärhintergrund am eigenen Leib erfahren und dann noch einmal so etwas wie "Das mache ich jetzt alleine" schwafeln, ohne vor lauter Scham im Boden oder gleich in der Obdachlosigkeit zu versinken. Das wird indes, wie immer, ein frommer Wunsch bleiben, ich weiß. Uschi hat ausgesorgt - und das schon lange vor ihrem ersten "politischen Amt". All die Bezüge, die sie jetzt noch zusätzlich kassiert, sind schöne Dreingaben, die sie zwar gar nicht benötigt, aber dennoch gerne nimmt. Was kümmert's solche Gestalten, dass andere verhungern, während sie Reichtümer scheffeln? Das ist eben Kapitalismus.

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Das Fazit


"Das Zeitunglesen hat nur Wert, wenn man alles durchdenkt. Und wenn man alles durchdenkt, sieht man, dass das Zeitunglesen keinen Wert hat."

(Zeichnung von Ladislaus Kmoch [1897-1971], in "Simplicissimus", Heft 12 vom 21.06.1922)

Mittwoch, 14. Januar 2015

Musik des Tages: Sinfonie Nr. 1, e-moll




(Jean Sibelius [1865-1957]: "Sinfonie Nr. 1, e-moll", Op. 39, komponiert 1898; Orchestre de Paris, Leitung: Paavo Järvi)

  1. Andante, ma non troppo - Allegro energico
  2. Andante (ma non troppo lento)
  3. Scherzo. Allegro
  4. Finale: Andante - Allegro molto - Andante assai

Anmerkung: Ich brauche das jetzt, um den ganzen Bullshit der vergangenen Tage für wenigstens 40 Minuten vergessen und der grandiosen Tonkunst Sibelius' in die finnischen Einöden folgen zu können. Immer wenn ich dieses Werk anhöre, werde ich subtil daran erinnert, dass auch nach den größten Aufregungen und dramatischen Wendungen nicht zwingend ein dröhnender, böser Paukenschlag als Abschluss ertönen muss.

Wenn viele Menschen mehr Zeit damit verbrächten, sich solcher Musik tatsächlich hinzugeben, sähe diese furchtbare Welt wohl komplett anders aus. - "Und wovon träumst du nachts?" ... Ja ja, ich weiß.

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M.d.R.
[Mitglieder des Reichstages]


"Gehn wir ins Kino - heut' werden im Plenum sowieso nur Kulturfragen erledigt!"

(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 14 vom 06.07.1925)

Montag, 12. Januar 2015

Ich ertrage es nicht mehr. Oder: Ungeheuer


Ich ertrage es nicht mehr. Die Propagandamedien haben jeden Rest von Hemmung verloren und lassen ihrem Dünnschiss ungeniert freien Lauf - wo man auch liest oder anderweitig "Nachrichten" sucht, findet man doch nur in Dauerschleife die nicht enden wollenden, mit jeder Stunde pathetischer werdenden Pamphlete über den "Terrorangriff" der Armee Saurons in Paris und die gewollten Reaktionen der Schafherde darauf, als gäbe es kein Morgen. Freilich reagiert die Herde hier weniger auf die tatsächlichen Ereignisse, dafür umso emotionaler und extremer auf die völlig groteske Berichterstattung darüber - die Diarrhö greift exponentiell um sich.

Ich ertrage es nicht mehr, dass hier ein zweifellos zu verurteilendes Attentat zu einem "historischen Ereignis" stilisiert bzw. verzerrt wird, das es in keiner Weise ist - ganz egal, wie man die wenigen bislang verfügbaren Fakten auch drehen und wenden mag. Dies war kein "Angriff", nicht auf die "Pressefreiheit" und erst recht nicht auf die "Freiheit und Demokratie", sondern ein Attentat, wie es überall auf der Welt aus unterschiedlichen Gründen leider immer wieder geschieht. Was diese Journaille daraus macht, ist nichts weiter als eine lächerliche Farce, die offensichtlich ganz anderen Zwecken dienen soll.

Ich ertrage es nicht mehr, dass sich hier Millionen von Deppen - bei Weitem nicht nur in Frankreich - scheinbar willenlos instrumentalisieren lassen, brav ihre "Solidarität" mit den Mordopfern bekunden und noch braver die braune, verdorbene Sauce schlucken, die diese Morde in den besagten "Angriff" umdeutet. Der "Feind" ist klar definiert und ins Visier genommen - der abstruse "War on Terror" ist endlich auch in den vernebelten Hirnen der europäischen Herde angekommen und somit legitimiert.

Ich ertrage es nicht mehr, grenzdebile Videos wie dieses von der Tagesschau anzusehen, das vor lauter heraustriefendem Pathos und die BLÖD-"Zeitung" mühelos unterbietender Dummheit den PC-Monitor und die angeschlossenen Boxen zu zerstören droht. Sind diese Leute allesamt über Nacht irre geworden, hat man ihnen destruktive Drogen verabreicht oder ist die De-Evolution der "Krone der Schöpfung" bereits viel weiter fortgeschritten als befürchtet? Es überraschte mich nicht, dass hier ständig die Nationalflagge geschwenkt und die Nationalhymne gesungen wird - für unsere Kuhmedien ist das alles aber dennoch ein untrügliches Zeichen für "Weltoffenheit und Toleranz". Schwarz ist weiß und unten ist oben. Und durch die Menge der irren und irrenden Schafe wälzte sich gleich darauf eine ineinander verschränkte Horde von korrupten Politmarionetten:


(Screenshot Tagesthemen: Die Zombie-Walze)

Als ich diese Bilder sah und mir klar wurde, dass die Bekloppten dort auf der Straße tatsächlich gemeinsam mit diesen schmierigen Figuren "demonstrieren", die ihnen ansonsten offen ins Gesicht spucken oder gleich die Prügelpolizei oder schlimmeres auf den Hals hetzen, wurde ich ganz still und klein und ließ alle Resthoffnung fahren.

Ich ertrage es nicht mehr, dass manche (viele) Menschen so doof sind, dass sie stinkenden Dünnschiss für süßen Kakao halten und ihn genüsslich schlürfen. Ich ertrage diese Medien nicht mehr, die einen solchen offensichtlichen (!!!) Propagandazirkus der untersten Schiene völlig hemmungslos bis ins Lächerlich-Groteske ausdehnen, während NSU-Morde, Zwangsverarmung ganzer Staaten und Bevölkerungsteile zugunsten der Minderheit der Superreichen, die globalen Mord- und Folteraktionen der US-Terrormiliz, die illegale Totalüberwachung aller Menschen, die ertrinkenden Flüchtlinge vor den Toren Europas, die Milliarden von in bitterster Armut und Not lebenden und sterbenden Menschen etc. pp. allenfalls ein laues Fürzchen im Blätterwald zur Folge haben.

Ich ertrage die korrupten Politmarionetten der neoliberalen Bande nicht mehr, die diese Neuinszenierung des "Nürnberger Parteitages" jetzt (oh welch Wunder!) nutzen, um ihre widerlichen, menschenfeindlichen Ziele zu verfolgen: Da wird nach "Vorratsdatenspeicherung", nach "Verantwortung", nach "Polizeibefugnissen", nach "Überwachung", nach "kompromisslosen Antworten" geschrien, während die gerade noch salbaderten Phrasen von "Freiheit und Demokratie" oder gar "Gleichheit und Brüderlichkeit" noch warm sind, aber längst begonnen haben, stinkend zu verwesen.

Ich ertrage es nicht mehr. Diese Solidarität - die gar keine ist, sondern eine furchtbare, synthetische Perversion aus den Giftschränken der "Elite" - können sich die Millionen in den fetten, korrupten Merkelhintern schieben, auf dass er noch fetter werde und noch mehr Dünnschiss ausscheide. Dies ist die erneute Marschrichtung, wieder einmal. Und ich steh' am Rand, schaue dem perversen Treiben fassungslos zu - und ertrage es nicht mehr.

Und nun?

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(Francisco José de Goya [1746-1828]: "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer", Radierung, 1796)

Samstag, 10. Januar 2015

Realitätscheck (10): The Moment of Silence


Für meinen heutigen Spieletipp habe ich mal wieder ein älteres Spiel ausgesucht, nämlich das Adventure "The Moment of Silence", das vom heute nicht mehr existierenden deutschen Entwicklerstudio "House of Tales" 2004 herausgebracht wurde. Diesmal handelt es sich, wie der Blogtitel schon nahelegt, nicht um eine Realitätsflucht, sondern um ein Spielszenario, das ziemlich detailgetreu unsere heutige finstere Zeit und die daraus resultierende nahe Zukunft abbildet. Dazu gleich mehr.

Die Spielewelt ist trotz des Alters durchaus ansehnlich, was die Grafik betrifft - auch wenn sie selbstverständlich mit neueren Titeln nicht mithalten kann. Der Soundtrack sowie die deutsche Dialogvertonung sind professionell umgesetzt (der Protagonist wird beispielsweise von Manfred Lehmann, der deutschen Synchronstimme von Bruce Willis und Gérard Depardieu, gesprochen) und die Steuerung ist, wie bei Adventurespielen meist üblich, einfach. Der Schwerpunkt des Spieles liegt natürlich auf der erzählten Geschichte, und die hat es tatsächlich in sich.

Es ist unmöglich, Spoiler zu vermeiden, wenn ich etwas über eben jene Geschichte schreiben möchte - daher sollten an dieser Stelle all diejenigen aufhören zu lesen, die das Spiel selber noch ausprobieren möchten. Ich bemühe mich dennoch, nicht allzuviel auszuplaudern, das den Spielspaß mindern könnte.

Die Handlung beginnt im Jahr 2044. Man spielt den Charakter von Peter Wright, der als "Kommunikationsdesigner" in einer der führenden PR-Agenturen New Yorks arbeitet, die unter anderem die aktuelle Gesetzeskampagne der Regierung für "mehr Sicherheit durch mehr Überwachung" betreut. Nach und nach erfährt man, dass Peter soeben Frau und Kind verloren hat, die - so jedenfalls wird es behauptet - durch einen Terroranschlag der "Ludditen" ums Leben gekommen seien. Gleich zu Beginn wird Peter zudem Zeuge, wie ein Sondereinsatzkommando der Polizei in voller Kampfmontur die Nachbarwohnung seines Hauses stürmt (ganz ähnlich wie im Film "Brazil"), den dort wohnhaften Journalisten und Familienvater abführt und dessen Frau und Sohn völlig verängstigt und ratlos zurücklässt.

Dies ist die Ausgangslage der Geschichte, die in einer durch und durch kommerzialisierten Gruselwelt spielt, in der längst wenige Konzerne samt aufdringlicher, allgegenwärtiger, dümmlicher Werbung für die kontinuierlich übler werdenden Müllprodukte den Alltag der Menschen beherrschen, in der Bargeld abgeschafft ist und man nur noch mit dem Smartphone (im Spiel noch "Messenger" genannt) bezahlen kann (sofern man über entsprechende "Credits" verfügt, natürlich), in der Obdachlosigkeit, Armut und die Verelendung ganzer Stadtteile völlig normal sind, während eine dumpfe, eher kleine "Mittelschicht" sich an die noch verbliebenen, halbwegs gut bezahlten Jobs klammert, aber neben der Arbeit außer ständigem Konsum und Entertainment keinerlei weitergehenden Interessen mehr hegt.

Peter macht sich nun auf, nach dem Verbleib des verhafteten Journalisten und Nachbarn zu forschen - und stößt im Verlauf seiner Recherchen auf immer abstrusere und furchteinflößendere Hinweise. Selbstverständlich bleiben ihm auch die Konfrontationen mit dumpfen "Hoftheoretikern" (flatter), die von Überwachung, Geheimgefängnissen, Foltern etc. nichts wissen wollen, nicht erspart; ebenso trifft er auch auf die berühmten Verschwörungstheoretiker, die im Spiel exemplarisch von einer Gruppe von Hackern und Aktivisten dargestellt werden, die sämtliche Ungereimtheiten genauso dumpf auf eine Alieninvasion zurückführen.

Mehr möchte ich hier zur Geschichte nicht erzählen - ich habe beim Spielen jedenfalls mehr als einmal arg schlucken und innehalten müssen, weil das gerade im Spiel Erlebte genau dem entsprach, was aus unserer heutigen Welt nur allzu bekannt ist. Einzig das Ende und damit die Auflösung der ganzen Geschichte ist im Spiel tatsächlich ein - nicht unübliches - Science-Fiction-Szenario, das zwar stimmig ist, der heutigen Realität, die in Sachen Dystopie schon viel weiter ist, aber längst nicht mehr gerecht wird. Möglicherweise hat die Entscheidung für diese "konservative" Auflösung aber auch mit dem Paradoxon zu tun, dass das Spiel ja in genau dem System, das es massiv kritisiert, produziert und vermarktet wurde. Ich versteige mich zu der Behauptung, dass Geschichtenerzähler im heutigen Kapitalismus nicht mehr so frei über ihre Werke entscheiden können (wie beispielsweise Orwell es noch konnte), wenn sie darauf angewiesen sind, Geld zu verdienen - oder dass sie dies in blindem Vorausgehorsam bereits entsprechend marktkonform handhaben.

Das Spiel lohnt sich dennoch sehr (herzlichen Dank an M. an dieser Stelle) und bietet neben Spaß, Erschrecken und Frust auch den einen oder anderen wenig erfreulichen Erkenntnisgewinn.

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Nachtrag: Ich habe vergessen darauf hinzuweisen, dass im Spiel gar keine Autosave-Spielstände angelegt werden, was mir nicht bewusst war. Daher ist es besonders wichtig, zwischendurch immer wieder manuell abzuspeichern. Bei mir (Win7/64) lief das Spiel wunderbar stabil, so dass ich in dieser Hinsicht irgendwann etwas nachlässig wurde - und als es dann schließlich doch einmal unvermittelt abstürzte, waren satte drei Stunden Spielzeit flöten, die ich nur mit einem glücklicher Weise passenden Spielstand aus dem Internet wiederherstellen konnte.