Montag, 16. Januar 2017

Die böse, linke Kritik: Ein satirisches Mahnmal


Nach den "schweren" Themen der jüngsten Zeit steht mir heute der Sinn mal wieder nach etwas leichtem Spaß - und was bietet sich da noch devoter an als meine Lieblingsspinner der esoterischen "Jenseits der Realität"-Fraktion? :-)

"Och nö", höre ich die BesucherInnen dieses Blogs schon elendig jaulen, "nicht schon wieder eine dumme Faulfuß-Geschichte, die das Offensichtliche offensichtlich zu machen versucht!" - Aber keine Angst, diesmal geht es nicht um Faulfuß, auch wenn der längst wieder kübelweise Kerosin ins Feuer geschüttet und beispielsweise mit einem gehirntötenden Beitrag ("Mystik: Erbarme dich meiner") aller Welt freiherzig kundgetan hat, dass er ungefähr so progressiv ist wie Erika Steinbach oder Winnetou: "Mein Bluda!".

Nein, heute geht's um feine, letztlich gar nicht so einfache Satire. Der Kollege Volker vom frei-blog versucht seit geraumer Zeit, dem zensierten Jubelperser-Kommentariat der esoterischen Spinner etwas Leben einzuhauchen, indem er immer mal wieder - was für ein widerwärtiges Teufelszeug! - Kritik übt. Kritik!!! Man glaubt es kaum - was erlaube Er sich! Es ist erstaunlich, dass diese Versuche von den highligen Vollidioten überhaupt - zumindest manchmal? - noch freigeschaltet werden, aber dünne Feigenblätter haben eben eine gut dokumentierte Funktion. Das wissen natürlich auch die platten und verfaulten Füße.

Richtig lustig wird's aber erst, wenn man die freigeschalteten Reaktionen darauf liest. Es ist leider unmöglich, hier eine umfassende Dokumentation anzubieten, aber einen kleinen Einblick erhält man schon bei der Lektüre dieses Beitrages (Teile wurden inzwischen wieder gelöscht bzw. modifiziert). Da bekommt das Wort "Sippenhaft" eine ganz neue, esoterische Bedeutung. Es reicht für die bedauernswerte Haussklavin Faulfußes, die sich Bettina nennt und dort fast jedes Posting zwanghaft bejubeln muss, schon aus, dass das teuflische Narrenschiff in des Volkers Blogroll zu finden ist und dass es zudem - welch eine üble Ketzerei! - gelegentlich gegenseitige Kommentare hier wie dort drüben gibt, um den armen, vermutlich grinsenden Blogger in die brennende Hölle zu verbannen und zur "Persona non grata" zu erklären.

Auch dies ist indes nur ein kleiner Ausschnitt, denn die Olle, die im Bett so fürchterlich dröge sein muss, ist kein Einzelfall: Auch andere Gehirngrößen wie die fleischfressende, vegane Eule, der Plattfußindianer oder der selbsternannte Guru Faulfuß höchstselbst lassen es sich nicht nehmen, dem abtrünnigen Kritiker ordentlich auf den großen Zeh zu pinkeln und sich damit als glühende Verfechter des esoterischen Sektierertums zu offenbaren. Wer Spaß und Unterhaltung sucht und auf die überbordende Dummheit von RTL II keine Lust mehr hat, kann sich gerne einmal durch die meist intelligenzfreien Kommentare zu den einzelnen intelligenztötenden Postings der Esos klicken (ja, dieser "platte" Doppelhinweis musste sein, denn das eine bedingt das andere!) und sich selber ein Bild machen.

Volker, der Maler, hat das einzig richtige getan und dem Irrsinn ein grafisches, beredtes Denkmal gesetzt. Ich wünschte um des Teufels Willen, es gäbe mehr von dieser Sorte! :-)

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Tanz der Giftnudel


(Illustration von Volker, 2017)

Samstag, 14. Januar 2017

Musik des Tages: Ein Heldenleben




  1. Der Held
  2. Des Helden Widersacher
  3. Des Helden Gefährtin
  4. Des Helden Walstatt
  5. Des Helden Friedenswerke
  6. Des Helden Weltflucht und Vollendung

(Richard Strauss [1864-1949]: "Ein Heldenleben", Op. 40, sinfonische Dichtung für großes Orchester aus dem Jahr 1898, Frankfurt Radio Symphony Orchestra, Leitung: Andrés Orozco-Estrada, 2015)

Freitag, 13. Januar 2017

Serdar Somuncu: Öffentlich-rechtliches TV als Keimzellen des Faschismus?


Ein Gastbeitrag des Altautonomen

Bis zur Böhmermann-Affäre sollte es noch ein ganzes Jahr dauern, da hat der Kabarettist und aktuelle "Die Partei"-Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, Serdar Somuncu, in einem Interview mit der Journalistin Mely Kiyak das Personal der öffentlich-rechtlichen TV-Sender, speziell des WDR, kollektiv als "Arschlöcher" und die Anstalten als "Keimzellen des Faschismus" bezeichnet:



Für die einen mag dies nur eine Bestätigung des Vorwurfs der "Lügenpresse" sein. Für mich sind die von Somuncu sehr emotional und mit Empörung vorgetragenen Vorwürfe der eigentliche Skandal, zu dem sich der WDR natürlich bisher nicht geäußert hat. Stattdessen hat ihn die WDR-Redakteurin Elke Thommessen (u.a. zuständig für Carolin Kebekus' "PussyTerror TV" und überdies WDR-Personalrätin) mit Unterstützung des Senders wegen Beleidigung verklagt. Sie habe erst im letzten Jahr Kenntnis von dem Video bekommen. Somuncus Humor ist nicht mein Ding, aber wie er sich in dem Video äußert, beeindruckt mich sehr. Er spricht mir aus der Seele. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass er ein paar konkrete Beispiele für die Zensur präsentiert hätte - doch vielleicht kommt das ja noch im Verlauf des nun anstehenden Zivilprozesses.

Trotzdem kann Somuncu ja noch froh sein, dass er nicht "Keimzelle des Kommunismus“ gesagt hat, denn dann wäre die kollektive Beleidigung erheblich höher bewertet worden. Schließlich haben die Öffentlich-Rechtlichen kein Problem damit, immer wieder VertreterInnen rechtsradikaler Parteien (AfD) in ihre Talkshows einzuladen, um diesen damit eine Plattform zu bieten, ihre Positionen einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Das läuft dann aber unter "Pressefreiheit, Aufklärung, Toleranz und Meinungsvielfalt". Dabei stellt sich mir die Frage, ob ein Adolf Hitler verhindert worden wäre, wenn man Goebbels ständig als Gast bei Plasberg, Will und Illner gesehen hätte.

Schon der Satiriker Wiglaf Droste schrieb 1993 zum Thema "Mit Nazis reden" folgendes:

Alle Welt sucht das Gespräch mit Rechtsradikalen. Warum? Haben sie einem etwas zu sagen? Ist nicht hinlänglich bekannt, was sie denken, fordern und propagieren? (...) / Muss man an jeder Mülltonne schnuppern? Niemand wählt Nazis oder wird einer, weil er sich über deren Ziele täuscht, – das Gegenteil ist der Fall; Nazis sind Nazis, weil sie welche sein wollen. Eine der unangenehmsten deutschen Eigenschaften, das triefende Mitleid mit sich selbst und den eigenen Landsleuten, aber macht aus solchen Irrläufern der Evolution arme Verführte, ihrem Wesen nach gut, nur eben ein bisschen labil etc., "Menschen" jedenfalls (...), "um die wir kämpfen müssen".

Warum? Das Schicksal von Nazis ist mir komplett gleichgültig; ob sie hungern, frieren, bettnässen, schlecht träumen usw. geht mich nichts an. Was mich an ihnen interessiert, ist nur eins: dass man sie hindert, das zu tun, was sie eben tun, wenn man sie nicht hindert: die bedrohen und nach Möglichkeit umbringen, die nicht in ihre Zigarettenschachtelwelt passen. (...) / Wenn sich dabei herausstellen sollte, dass es sich gegen 50, 60, 70, 80 oder 90 Prozent des deutschen Volkes richtet, dann ist das eben so.

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Letzter Bildbericht des Dritten Reiches



(Zeichnung von Hans Craemer [1891-1975], in: "Der Simpl", Nr. 10 vom August 1946)

Mittwoch, 11. Januar 2017

Epikur fragt - das alte Fusselmonster Charlie antwortet


Im Rahmen eines hier eher belanglosen Kontextes fragte mich der geschätzte Epikur vor ein paar Tagen:

Wie soll eine politische Linke stark werden, ohne dass sie versucht mit den vielen verschiedenen kleinen Gruppen und Grüppchen Kompromisse zu schließen? (Ja, es gibt Grenzen!) Wie sieht Deiner Meinung nach eine linke Gegenbewegung aus? Kann es sie überhaupt geben, wenn alle nur in ihrem stillen Kämmerlein von der großen Revolution träumen und abwarten?

Dazu will ich zunächst einen Kasten Bier konsumieren und sodann frank und frei antworten:

  1. In meinem stillen Kämmerlein findet keine Revolution, sondern allenfalls eine versuchte, meist vergebliche temporäre Eindämmung der übelsten Auswirkungen des kapitalistisch-faschistischen Systemes statt. Das ist zuweilen extrem schwierig.
  2. Es gibt in der Tat Grenzen. Die sind indes klar, deutlich und seit Langem definiert und bedürfen keiner weiteren Diskussion. Oder möchtest Du noch weiter über die Optimierung des Rades sprechen?
  3. Eine "linke Gegenbewegung" kann und wird es in Deutschland niemals geben, solange der brutale, deutsche Stumpfsinn dieses Land beherrscht. Es gibt also keine "linke Gegenbewegung", die dem kapitalistischen Irrsinn ernsthaft gefährlich werden könnte - und ich schreibe das, während ich mir eine geladene Waffe an den Schädel halte und diese Situation so dermaßen beschissen finde, dass mir der Abzug sehr leicht fällt.
  4. Wenn man einmal erkannt hat, dass es während der eigenen Lebenszeit keinen Ausweg aus dieser Katastrophe geben kann, wird man unnachgiebiger und lacht lächerliche Gesellen wie Jens Berger, Albrecht Müller oder den Stiefelknecht Lapuente nur noch aus - eine andere Option bleibt da doch nicht mehr, wenn man nicht böse werden möchte. Ich habe das schon hundertmal geschrieben und wiederhole es gerne noch einmal: Es ist nicht "links", den Kapitalismus "zähmen" zu wollen - nicht nur, weil das sowieso nicht funktionieren kann, sondern weil es jedem auch nur rudimentären linken Gedanken fundamental widerspricht.
  5. Wenn man diesen Erkenntnisgewinn verbuchen kann, bleibt in Deutschland nichts anderes als Resignation oder die "Flucht nach vorne" - Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg können ein finsteres Liedchen davon singen. Ich habe mich jedenfalls für letzteres entschieden, in der frohen und relativ sicheren Hoffnung, dass ich belanglos genug bin, um nicht als Leiche in irgendeinem Kanal zu enden.

Ich wundere mich zunehmend über Menschen wie Dich, denn Du scheinst ja in gewisser Hinsicht ähnliche Schlussfolgerungen zu ziehen, glaubst aber dennoch wie von Sinnen, wenn man Deinen Ausführungen folgt, immer noch daran, dass diese kapitalistische Farce auf irgendeinem mystischen, nebulösen, womöglich parlamentarischen Wege ins "rechte Lot" zu bringen sei. Oder verstehe ich Dich falsch? Wie um des Teufels Willen soll ein System, das auf ständiger Profitmaximierung der "Elite" basiert, heute auch nur einem kleinen Teil der Menschheit von Nutzen sein? Von "allen Menschen" rede ich lieber gar nicht erst, um Dir die Antwort nicht von vorn herein zu verunmöglichen. - Ich muss die Frage also an Dich zurückgeben:

Wie soll sich eine politische Linke in dieser kapitalistischen Endzeit aufstellen? Mehr Mindestlohn für Sklavenarbeit? Weg mit dem Hartz-Terror, auf dass Prekarisierte endlich auch ohne Sanktionen arm sein und hungern dürfen? Mehr Tafeln und Unterkünfte für manche, aber gewiss nicht alle Obdachlose? Mehr Rechte für Frauen in Konzernvorständen, damit sie noch "bessere Männer" sein können und ihren Geschlechtsgenossinnen noch fulminanter in den Rücken fallen können? Mehr Toleranz gegenüber esoterischen Schwachmaten, die ihr Geschick irgendwelchen "höheren Wesen" anvertrauen wollen? Sind das wirklich die erschöpfenden Antworten der heutigen Linken?

Da verkonsumiere ich doch lieber den Kasten Bier und springe danach beherzt und völlig zufrieden von der nächsten Brücke.

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Frei nach wem?


(Aus: "Der Simpl", Nr. 1 vom Januar 1947)

Zitat des Tages: Das Lied meines Lebens


Sieh in mein verwandertes Gesicht ...
Tiefer beugen sich die Sterne.
Sieh in mein verwandertes Gesicht.

Alle meine Blumenwege
Führen auf dunkle Gewässer,
Geschwister, die sich tödlich stritten.

Greise sind die Sterne geworden ...
Sieh in mein verwandertes Gesicht.

(Else Lasker-Schüler [1869-1945]: "Das Lied meines Lebens", in: "Gesammelte Gedichte", Verlag der Weißen Bücher, 1917; Erstveröffentlichung 1907)


(Illustration des Einbandes der Erstausgabe der "Gesammelten Gedichte", gezeichnet von der Autorin)





Montag, 9. Januar 2017

Brave New World


Es nützt alles nichts: Die Menschheit kommt nicht darum herum, über die Zukunft des Arbeitsfetisches im Kapitalismus neu nachzudenken. Es ist kein Zufall, dass sich in den letzten 10 Jahren Schlagzeilen wie diese vom vergangenen Donnerstag bei n-tv häufen: "Computer statt Mensch: KI macht Büroangestellte arbeitslos".

Selbstverständlich benötigt man für diese Erkenntnis keine derartig oberflächlichen Texte aus den kapitalistischen Medien - es reicht ja schon aus, einfach mal eigenständig zu überlegen, wieviele Arbeitsstellen in den vergangenen Jahrzehnten unwiderruflich verschwunden sind, weil irgendwelche Roboter oder Computer deren Aufgabe übernommen haben und wieviele es wohl in naher Zukunft zusätzlich sein werden. Dennoch ist diese textliche Häufung symptomatisch, denn allmählich lässt sich das lächerliche Märchen von der Verlagerung der Arbeitsplätze - beispielsweise in den prekären Dienstleistungsbereich - nicht mehr aufrechterhalten, ohne dass viele Menschen die Lüge erkennen, da auch dieser Bereich längst vom Jobabbau betroffen ist.

Und so gab es kürzlich bei Zeit Online (selbstverständlich im Ressort "Kultur" und nicht etwa "Wirtschaft") einen recht langatmigen Bericht des Politik- und Rechtswissenschaftlers Adrian Lobe, den ich nicht kenne, zu diesem Thema zu lesen, der in vielen, meist überflüssigen Worten das Dilemma auf den Punkt bringt, ohne es zu wollen. Eigentlich ist ein journalistischer Text schon von vorn herein zum Klopapierersatz bestimmt, wenn ein ironiefreier Satz mit den Worten beginnt: "Schon der große Ökonom John Maynard Keynes sagte voraus, dass (...)". - Nein, das muss man nicht lesen, die Intention steht ohnehin so felsenfest wie die Vatikanmauer - und trotz aller Schwurbeleien karikiert sich Lobe doch noch selbst, indem er hinzufügt:

Linkssein ist irgendwie wieder schick, das wurde spätestens mit dem Erfolg des Sozialisten Bernie Sanders klar.

Da platzt der zermürbte Schädel mit einem dumpfen, hässlichen Geräusch, als sei eine bauchige, wassergefüllte Karaffe mit Schmackes auf den Betonfußboden gefallen: Linkssein ist also schick und Sanders ist ein Sozialist? In welchem grotesken Ferengi-Paralleluniversum lebt dieser Mensch bloß, wenn er so etwas nicht in der Titanic, sondern in der Zeit zum Besten gibt, während jedermann doch allerorten zusehen kann, wie die komplette kapitalistische Welt gerade wieder im finstersten Faschismus versinkt und sich auf den Untergang einstellt?

Lobe rührt wild im kapitalistischen, stinkenden Brei herum, benennt jedoch keine Ursachen und erst recht keine sinnvollen Lösungen - er tut mithin genau das, was die korrupte Politbande seit Jahrzehnten vormacht, indem sie vorgibt, an irgendwelchen Symptomen herumdoktern zu wollen (ohne es freilich jemals zu tun) und stattdessen dennoch mit Pauken und Trompeten rauschend weiter dem Gegenteil huldigt und in den kapitalistischen, braunen Abgrund hastet.

Einige der im Text zitierten Philosophen, wie beispielsweise Marx, Adorno oder Fourier, schlössen sich der auf den Betonboden fallenden Karaffe gewiss sofort an, wenn sie den Lobe'schen Sermon lesen müssten: Im Jahr 2017 ist die einstige Aufklärung längst auf den Stand eines hundeverschissenen Sandkastens in einer zerbröckelnden Kita zurückgefallen, in die Kinder von ihren ehrgeizigen, kapitalistisch angefixten ElterndarstellerInnen outgesourct werden, während sie selbst an ihren von Robotern und Computern schon bald übernommenen Strohhalmkarrieren basteln.

Es soll tatsächlich vereinzelte Menschen geben, die noch immer bezweifeln, dass die Zombieapokalypse längst begonnen hat. Denen wünsche ich ein frohes neues und besinnliches Jahr. Alle anderen wissen, was kommt.

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Totenkopflinde



(Zeichnung von Rudolf Schlichter [1890-1955], in: "Der Simpl", Nr. 8 vom Juni 1947)

Samstag, 7. Januar 2017

Song des Tages: Love You Forever




(Blue Rose: "Love You Forever", aus dem Album "Blue Rose", 1983)

Can we make our life a dream
Together, forever
Imagine what the world could be
Close together, whenever

I'm so glad we talked today
Together, whatever
It's not fair to hold you
Back again, whenever

We may grow apart to stay
Close together, forever
Is it just my way to say
I love you, forever

Can we make our life a dream
Together, forever
Imagine what the world could be
Close together, whenever


Freitag, 6. Januar 2017

Die Leistungselite und ihr journalistischer Darminhalt


"Leistung muss sich wieder lohnen" - mit diesem peinlichen Slogan hat vor geraumer Zeit die kapitalistische Lobbyorganisation "FDP" in einem längst vergessenen Wahlkampf um die Gunst der hirntoten Wählerschaft geworben. Was es mit diesem Orwell'schen Unsinnsbegriff genau auf sich hat, wurde jüngst vom früheren Vorstandschef des "Volkswagen"-Konzerns, Martin Winterkorn, verdeutlicht: Trotz seines längst angehäuften Vermögens - allein im Jahr 2011 strich er für seine überaus wichtige, schwmierige Arbeit knapp 17,5 Millionen Euro ein - lässt er sich nun den Ruhestand von den Arbeitern Sklaven des Konzerns zusätzlich süß vergolden. Bei n-tv las ich:

Das sogenannte Ruhegehalt für Winterkorn - festgesetzt als Anteil von 70 Prozent an der letzten Grundvergütung - beläuft sich auf rund 1,2 Millionen Euro oder umgerechnet knapp 3.100 Euro pro Tag.

Es gibt doch nichts schöneres als ein hochrangiges Mitglied der kapitalistischen Mafia zu sein! Selbst Betrug, Lügen und umfassendes Versagen garantieren in solchen semifeudalen Sphären einen wahrlich königlichen Geldsegen, der mit dem Adjektiv "absurd" nur unzureichend beschrieben ist. In solchen Kreisen gilt selbstverständlich nicht das sogenannte Leistungsprinzip, das für die Sklavenbande ehernes Gesetz zu sein hat, sondern die schlichte Formel: "Hier bin ich, hier setze ich meinen fetten Arsch hin, also werde ich mit Gold überschüttet".

Es gibt ja viele, sehr viele Beispiele für den kafkaesken Irrsinn des Kapitalismus, aber dieses ist ein besonders deutliches, das selbst dem dumpfesten Pegidioten oder Sozialdemokraten noch einen Restfunken an Erkenntnis schenken mag. Die Systempresse indes kann das so natürlich nicht stehen lassen - und so war nur kurze Zeit später ebenfalls bei n-tv ein relativierender Kommentar zu lesen, der in meinem - freilich recht gebeutelten - Gehirn ein wild blinkendes "TILT!"-Schild zur Folge hatte: Man solle "über die Rolle von Top-Managern und deren Vergütung in Relation zu ihrer Verantwortung" nachdenken, meint der Kommentator mit wild qualmendem Kopf. Und weiter:

Der Mensch lebt von seinen Egoismen. Klar ist auch, dass unser heutiges Leben in weiten Teilen der Welt aus Angebot und Nachfrage besteht. (...) / Ein Recht auf Enteignung gibt es aber in Deutschland nicht.

Ein derartig stupider, geradezu faschistoider Schwachsinn, der sich nicht zu blöde ist, sogar die komplette Entwicklung der Menschheit als Resultat des kapitalistischen Prinzips zu deuten, wird hierzulande als Qualitätsjournalismus gepriesen. Da wird das widerliche kapitalistische Prinzip des stumpfsinnigen Egoismus' und der gnadenlosen Konkurrenz als quasi gottgegeben und noch dazu fortschrittlich [sic!] angepriesen, als gebe es die real existierende Hölle für die überwältigende Mehrheit der Menschen auf diesem verkommenen Planeten nicht. Und gegen die wenigen profitierenden Millionäre könne man gar nichts unternehmen, so wird dem verblüfften Leser schroff mitgeteilt - da müsse man sich schon an "Recht und Gesetz" halten, auch wenn der betreffende Millionär sich exakt darum einen feuchten Kehricht schert.

Ich weiß wirklich nicht, was ich widerlicher finde: Habgierige Arschlöcher wie Winterkorn oder die salbungsvolle Propagandapresse, die diese hämorrhoidengespickten Arschlöcher gewissenhaft und kontinuierlich mit Gleitcreme einschmiert, auf dass des Redakteurs Haupt huldvoll im verklebten Anus des Fürsten der Finsternis "Leistungselite" verschwinde.

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Die Armen



(Lithographie von Pablo Picasso [1881-1973], in: "Der Simpl", Nr. 11 vom Juli 1947)

Donnerstag, 5. Januar 2017

Zitat des Tages: Gewissheit


Einmal werden wir die Städte, die Häfen und Meere haben
und alles Land für uns und die Menschen!
Mögen sich unsere Feinde an halben Triumphen laben.
Stärker als sie ist unser Sehnen und Wünschen.

Freund, über die unendlichen Ozeane hin
grüßen wir uns wie von Kind auf bekannt!
Längst ist vergessen der einstige Sinn
von einer Grenze und einem gewesenen Vaterland.

Jeder wird lächeln über das Märchen: Jude und Christ
und wird nur noch ein Mitmensch sein!
Lang ist begraben die schmähliche List,
dass sich jeder nur selber der Nächste ist.

Einmal, ja, einmal wird die Welt unsere Heimat sein,
und Dummheit und Knechtschaft wird's nicht mehr geben.
Einmal werden nur unsere Opfer noch ewige Beispiele sein
für unser stolzes, gereinigtes Leben!

(Oskar Maria Graf [1894-1967], in: "Der Simpl", Nr. 5 vom Juni 1946)

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Anmerkung: Tja, so klingt das, wenn ein Sozialist, der von den Nazis verfolgt und vertrieben wurde und den Terror überlebt hat, im Jahre 1946 in einer westdeutschen satirischen Zeitschrift seine Gewissheit zur fernen Zukunft kundtut. Damals hat man darüber milde gelächelt (und vielleicht insgeheim doch sehnsüchtig gehofft) - heute wird man nur noch müde verspottet und lächerlich gemacht oder gleich ignoriert, wenn man solchen ketzerischen Gedanken nachhängt.

I love to entertain you.


Mittwoch, 4. Januar 2017

Zur "radikalen Kritik am kapitalistischen System"


Ein Gastkommentar des kritischen Beobachters

Die radikale Kritik am kapitalistischen System ist notwendig. Denn es ist ein falsches System, welches eigenlogisch in die Barbarei und Destruktion führt. / Das ist eine Erkenntnis, die bereits vor über einem Jahrhundert ausgesprochen wurde und nach wie vor wahr ist und Gültigkeit besitzt. Immer wieder muss diese Erkenntnis ausgesprochen werden, damit die Menschen nicht das Bewusstsein über den Zustand des Ganzen verlieren.

Zugleich wird diese Wahrheit über die Realität der Gesellschaft kollektiv verdrängt, weil sie Angst und Ohnmacht hervorruft. / Der psychoanalytisch Gebildete versteht, dass sich daraus eine kollektive Neurose entwickelt hat, deren Symptomatik Realitätsverleugnung, Wunschdenken, Projektionen usf. enthält. / Die Ängste bleiben, aber sie werden durch Rationalisierungen und wirklichkeitsferne Realitätskonstruktionen aus dem Bewusstsein verdrängt.

Genau dies kennzeichnet die heutigen Linken. Die sozialdemokratischen Linken glauben gegen jegliche historische Erfahrung, man könne den Kapitalismus "zähmen" und streben parlamentarische Mehrheiten an. Andere verschieben die Realkonflikte auf "Nebenkriegsschauplätze", wie z.B. auf Genderfragen, Homoehe etc. / Andere konstruieren sich Phantome ("Neo-Faschisten"), die sie durch idiotische Antifa-Aktionen bekämpfen, so als stünde eine Machtübernahme durch die "nationalen Rechten" vor der Tür. Dabei verleugnen sie, dass das System schon längst ein Faschismus in pseudo-demokratischer und pseudo-liberaler Verkleidung worden ist. Der Rechtsstaat ist eine Ruine wie auch die freiheitlich-demokratische Grundordnung.

Neurotiker kann man nicht argumentativ überzeugen. Denn es macht das Wesen der Neurose aus, dass ein falsches Bewusstsein konstruiert wurde und wird, welches sich gegen die Realität immunisiert hat. / Bereits Horkheimer wies darauf hin: Der Kapitalismus tendiert aus ureigenstem Prinzip zur Verbrecherherrschaft. Und diese ist heute Realität.

Die heutigen Linken sind ängstliche Menschen und haben mit den revolutionären Linken aus der Vergangenheit nichts mehr gemein. Denn diese waren starke Persönlichkeiten, mutige Kämpfer und große Denker.

Auch wenn ihre gesellschaftliche Wirksamkeit begrenzt ist, so ist es wichtig, dass die [heutigen] radikalen Kritiker des kapitalistischen Systems nicht verstummen. Denn mit ihren Beiträgen im Internet zeigen sie anderen Menschen, die zur gleichen Erkenntnis gekommen sind, dass sie nicht allein sind und helfen ihnen, nicht den Verstand zu verlieren und in resignativer Depression zu verkümmern. / Insofern besitzen die linken Schrebergärten und Schwatzbuden im Internet eine psychosoziale Funktion.

Sachlich fundierte, radikale Kritik am kapitalistischen System findet sich in unserer heutigen Gesellschaft eher "oben" als "unten". Das war auch früher nicht anders. / Marx, Engels, Luxemburg, Lenin, Trotzki, Reich, Adorno, Horkheimer, Fromm, Marcuse etc. waren Angehörige einer gebildeten Elite. / Eine systemtransformative Opposition wird sich quer zu den gegenwärtigen Klassen und Schichten entwickeln. Darauf hat übrigens auch Robert Kurz hingewiesen.

Die Verschärfung der gesellschaftlichen Widersprüche und die offenkundig de-zivilisierenden und autodestruktiven Tendenzen werden zwangläufig dazu führen, dass Teile des Establishments – und zwar die intelligentesten und kompetentesten aus dem Bereich der Funktionseliten – immer mehr in Opposition zum System geraten. Das war auch in der APO-Zeit so. Die meisten werden es heimlich tun, aber es werden mehr werden, die den Mut, das Rückgrat, das Wissen und Können sowie – last not least – die gesicherte Position und das Vermögen besitzen, öffentlich Systemkritik zu äußern. Wolfgang Streeck ist ein Beispiel dafür.

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Anmerkung von Charlie: Vielen Dank an den Urheber dieser trefflichen Analyse und Zusammenfassung! Ich stimme dem Text weitestgehend zu - einzig in der Schlussfolgerung kann ich der beschriebenen Hoffnung auf eine "systemtransformative Opposition" von "oben" nicht folgen, so gerne ich das auch täte. Dies beruht allerdings auf keinerlei wissenschaftlichen oder sonstwie belegbaren Erkenntnissen, sondern stellt lediglich mein ganz subjektives Fazit eines kapitalistischen Katastrophenjahrhunderts dar, das so viel Zerstörung, Elend, Leid, Not und Tod gebracht hat wie keines zuvor in der (relativ kurzen) Menschheitsgeschichte.

Ich halte es leider für wahrscheinlicher, dass am Ende dieses Zerstörungsprozesses ein dystopisches Staatengebilde stehen wird, das letztlich wieder in totaler Vernichtung endet bzw. enden muss - und wie diese angesichts der heute verfügbaren Waffentechnik im Vergleich zum Zweiten Weltkrieg aussehen wird, lässt sich leicht ausmalen. Doch das ist, wie gesagt, nur meine persönliche Einschätzung - es gibt viele weitere theoretische Entwicklungsmöglichkeiten, von denen allerdings aus meiner Sicht viele negativ und nur wenige positiv zu bewerten sind.

Gerade deshalb ist nach meiner Meinung eine radikale Kritik gerade in Bezug auf reformistische, pseudolinke Kreise auch in Kleinbloggersdorf so notwendig, auch wenn sie nur von wenigen zur Kenntnis genommen wird. Der Kiezschreiber hat in seinem jüngsten Beitrag aus einem Text von Trotzki aus dem Jahr 1932 zitiert: "Es gibt kein tragischeres und gleichzeitig abstoßenderes historisches Schauspiel als die bösartige Fäulnis des Reformismus inmitten der Trümmer all seiner Errungenschaften und Hoffnungen." - Treffender kann man das kaum formulieren, wie ich finde. Karl Kraus meinte 1915 in seinen "Aphorismen" gewohnt lapidar: "Der Parlamentarismus ist die Kasernierung der politischen Prostitution."

Herzlichen Dank für diesen Beitrag, wer auch immer sich hinter diesem Pseudonym verbergen mag.

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Gottvertrauen


"Halb sechs - sie muss kommen, die Weltrevolution!"

(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 15 vom 08.07.1919)

Sonntag, 1. Januar 2017

Die gespaltene Linke: Eine Soap-Opera


Seit geraumer Zeit ist das altbekannte Spiel aus der Zeit der Weimarer Republik wieder hochaktuell: Die Linke spaltet sich selbst und beraubt sich somit ohne jede Not der notwendigen Möglichkeit zur Gegenwehr angesichts der rapide wachsenden menschenfeindlichen Front von rechts. Das ist nichts Neues, bedarf aber um des Verständnisses Willen einer etwas differenzierten Einordnung.

Wie damals stammen die empörten Rufe größtenteils aus systemkonformen Kreisen - also von braven ParteisoldatInnen der Linkspartei und angrenzenden sozialdemokratischen Bereichen, die auch nach hundert Jahren immer noch glauben, dass ein Herumschrauben an irgendwelchen "sozialen" Stellschrauben des kapitalistischen Systems so etwas wie eine "Kehrtwende" einläuten könne. Diese Stimmen sind keine Minderheit - selbst in Kleinbloggersdorf gibt es reichlich VertreterInnen dieser kühnen These. Es verwundert nicht, dass darunter geistige Minderleister wie Lapuente, der im vergangenen Jahr allen Ernstes "Berufsverbote für Linksextreme" gefordert hat, oder der Dummerich, der sogar klar verständlich formuliert hat, dass er kein Linker sei (für alle, die es bis dahin noch nicht gemerkt haben - also niemanden), zu finden sind. Derartige intellektuelle Exzesse der Dummheit hat es schon immer gegeben und sie werden wohl nie aussterben.

Das Problem ist allerdings - heute wie damals - umfassender, denn auch kluge Menschen beteiligen sich inzwischen an diesem hirnzerfressenden Unsinn. Da fällt mir beispielsweise das Pantoffelchen von der "Schrottpresse" ein, der sich auch gern an diesem Totentanz beteiligt. Wer "zu links" ist - wer also das kapitalistische System gänzlich ablehnt und dazu die Kakophonie der realpolitischen, kapitalismusfreundlichen Handlungen der Linkspartei kritisiert - ist auch für diesen Herrn eine böse Unperson, die ignoriert gehört. Und all diese Figuren beklagen bitterlich die "Spaltung der Linken" - und bemerken wieder einmal nicht, dass sie höchstselbst die Spaltung betreiben, die sie wie gewohnt anderen vorwerfen.

Nun hat leider auch der von mir hochgeschätzte Flatter in diese übelriechende Kerbe gehauen und einen Text herausgehauen, der vermutlich zu den schlechtesten gehört, die er je verbrochen hat. Wer hier mitliest, hat das vermutlich ohnehin bereits gelesen, aber ich verlinke es dennoch. Was hat den Mann bloß geritten, als er das geschrieben hat? Wollte er provozieren? Oder ist er tatsächlich der Meinung, dass irgendwelche sektiererische Grüppchen, die sich um sprachliche Genderkorrektheit bemühen und sich damit regelmäßig überaus lächerlich machen, einen wie auch immer gearteten linken Diskurs mitbestimmen? Ich habe das mehrfach gelesen, komme dem Geheimnis aber nicht auf die Spur.

Zur Weimarer Zeit mag es noch gute Gründe gegeben haben, der damaligen KPD zu misstrauen, da sie, wie wir heute wissen, sehr wohl unter dem Einfluss Stalins stand und daher eine eher fragwürdige Alternative zum kapitalistischen Terror gewesen ist. Aber heute? Was hindert Menschen daran, diesem widerlichen System endlich den so dringend notwendigen Stinkefinger zu zeigen und einer befreiten Menschheit den Weg in eine gute Zukunft zu ebnen? Die Linkspartei will das jedenfalls ebensowenig wie die Gendergrüppchen - und das weiß jeder, der es wissen möchte.

Ich verstehe diese Linke nicht - bin mir aber ziemlich sicher, dass auch dieser Kommentar von gewissen Figuren wieder als Beispiel dafür benutzt wird, dass "Linksextreme" wie ich es sind, die aktuell böse Spaltung betreiben. Nichts Neues in Kapitalistan 2017.

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Die neue sozialistische Partei


"Bebels Stimme aus dem Jenseits: 'Ich kenne keine Sozialisten mehr, ich kenne nur noch Spalt-Parteien!'"

(Zeichnung von Olaf Gulbransson [1873-1958], in "Simplicissimus", Heft 30 vom 26.10.1931)

Samstag, 31. Dezember 2016

Abschlusskonzert des Jahres: Katatonia - Last Fair Day Gone Night




  1. Dispossession
  2. Chrome
  3. We Must Bury You
  4. Teargas
  5. I Transpire
  6. Tonight's Music
  7. Clean Today
  8. The Future Of Speech
  9. Passing Bird
  10. Sweet Nurse
  11. Don't Tell A Soul
  12. Brave
  13. Nephilim
  14. My Twin
  15. I Break
  16. Right Into The Bliss
  17. The Promise Of Deceit
  18. Wait Outside
  19. The Longest Year
  20. July
  21. New Night
  22. Dissolving Bonds
  23. Forsaker



(Katatonia: "Last Fair Day Gone Night", live in London 2014)

Anmerkung: Mir fällt keine passendere Untergangsmusik für dieses grausige Jahr ein, die noch trauriger und hoffnungsloser sein könnte. Wenn unsere untergehende Zeit einen Namen verlangt, dann lautet er (doppelt unterstrichen) Katatonia.

Ich bedanke mich bei allen Lesern und Leserinnen dieses kleinen Blogs für Kommentare, Mails, persönlichen Zuspruch und andere Menschlichkeiten, die heute nur noch selten vorkommen. Den Weg in den Abgrund wird das freilich nicht aufhalten - immerhin können wir aber stolz grinsend behaupten, es vorher gewusst zu haben, wenn der Vorhang fällt.


Freitag, 30. Dezember 2016

Zitat des Tages: Interview mit mir selbst


Ich bin vor nicht zu langer Zeit geboren
In einer kleinen, klatschbeflissenen Stadt,
Die eine Kirche, zwei bis drei Doktoren
Und eine große Irrenanstalt hat.

Mein meistgesprochenes Wort als Kind war "nein".
Ich war kein einwandfreies Mutterglück.
Und denke ich an jene Zeit zurück:
Ich möchte nicht mein Kind gewesen sein.

Im letzten Weltkrieg kam ich in die achte
Gemeindeschule zu Herrn Rektor May.
- Ich war schon zwölf, als ich noch immer dachte,
Dass, wenn die Kriege aus sind, Frieden sei.

Zwei Oberlehrer fanden mich begabt,
Weshalb sie mich - zwecks Bildung - bald entfernten;
Doch was wir auf der hohen Schule lernten,
Ein Wort wie "Abbau" haben wir nicht gehabt.

Beim Abgang sprach der Lehrer von den Nöten
Der Jugend und vom ethischen Niveau -
Es hieß, wir sollten jetzt ins Leben treten.
Ich aber leider trat nur ins Büro.

Acht Stunden bin ich dienstlich angestellt
Und tue eine schlechtbezahlte Pflicht.
Am Abend schreib ich manchmal ein Gedicht.
(Mein Vater meint, das habe noch gefehlt.)

Bei schönem Wetter reise ich ein Stück
Per Bleistift auf der bunten Länderkarte.
- An stillen Regentagen aber warte
Ich manchmal auf das sogenannte Glück ...

(Mascha Kaléko [1907-1975], in: "Das lyrische Stenogrammheft. Kleines Lesebuch für Große", Rowohlt 1956; Erstausgabe in zwei Bänden: 1933 / 1935)




Donnerstag, 29. Dezember 2016

Weihnachtliche Mitmenschlichkeit (3): Terror in Chicago


Während die Propagandamedien hierzulande immer noch in breiter Ausführlichkeit über den bösen, islamistischen Terroranschlag in Berlin berichten und dabei das "Terror-Bingo" (Fefe) bis zur letzten Gesichtspalme ausreizen, geht im Rest der Welt das Leben einfach weiter. Auch in den USA sind zur highligen Weihnachtszeit wieder einmal eine Menge Menschen ermordet worden - in Chicago waren es mindestens zwölf:

Chicago erlebt blutige Weihnachten / Alles andere als friedlich vergehen die Weihnachtstage in Chicago. Während es die Menschen zu ihren Familien zieht, machen sich zahlreiche Bandenmitglieder auf, um alte Rechnungen zu begleichen. Bei mehreren Schießereien sterben 12 Menschen.

Das ist - laut Propagandapresse - nun aber kein Terror, sondern "normale" Kriminalität, weshalb es auch keine nennenswerte Berichterstattung oder gar Sondersendungen im Verblödungs-TV dazu gab. Man muss in Kapitalistan nämlich deutlich unterscheiden zwischen systemimmanentem Handeln (Mord aus Habgier) und fremdgesteuerten Anschlägen (Mord aus anderen, also noch niederträchtigeren Gründen). Der erstgenannte Punkt ist "normal" im Kapitalismus - schließlich geht es hier ja um Eigennutzmehrung um jeden Preis, im Zweifel bzw. in der Regel auch auf illegalem Wege. Wenn dabei Menschen sterben, ist das schlimm und wird geahndet (sofern "Kriminelle", also nicht zur "Elite" zählende Menschen dafür verantwortlich sind) - oder aber als "Kollateralschaden" abgelegt und nicht weiter verfolgt (wenn Großkonzerne oder ihre politischen Stiefellecker betroffen sind).

Die zweite Variante wird umso schärfer bis ins Absurde und darüber hinaus aufgeblasen - da rennen Journalisten und Politiker wie aufgeschreckte, panische Hühner durcheinander und gackern wild, was das Zeug hält - ohne Rücksicht darauf, wie lächerlich sie sich verhalten. Das macht aber nichts, denn die meisten BürgerInnen scheinen dies ebenfalls nicht zu bemerken - sonst wären diese politischen Hühnerzombies ja längst abgewählt. Sie gackern viel lieber mit im dissonanten Chor der Hirnverweigerer: "Oh, der böse Muselmann bedroht unsere Freiheit - legt uns doch bitte endlich allesamt in Ketten, damit der Terror keine Chance mehr hat!" - So jedenfalls posaunt es die Hühnerpresse gackernd ins vollkommen irre gewordene Land.

Derweil legen die nüchternen, exemplarischen Zahlen aus Chicago eine ganz andere Realität nahe:

Die drittgrößte Stadt der USA hat in diesem Jahr eine beispiellose Gewalteskalation erlebt. Seit Jahresbeginn sind nach Zählung von Lokalmedien mehr als 750 Menschen in Chicago erschossen worden. Dies sind mehr als die Opferzahlen der beiden größten US-Städte Los Angeles und New York zusammengerechnet.

Beim Barte des Propheten, wie kann das denn nur sein im Paradies des "American Exceptionalism", fragt sich verwundert der denkende Mensch. Die Antwort ist indes so einfach wie weitestgehend unbekannt bzw. verdrängt: Das ist Kapitalismus. Das ist Habgier. Das ist Machtgier. Deshalb werden 750 ermordete Menschen nicht als Terroropfer gezählt und nicht weiter beachtet, während zwölf ermordete Menschen die Propagandapresse und korrupte Politbande eines ganzen Landes zum rotglühenden Schäumen bringen.

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Goliath



(Gemälde von Hans Hofmann [1880-1966] aus dem Jahr 1960, Öl auf Leinwand, Berkeley Art Museum, Los Angeles, USA)

Mittwoch, 28. Dezember 2016

Realitätsflucht (35): The Stanley Parable


Der heutige Bericht über meine jüngste Realitätsflucht stellt mich vor einige Probleme, da ich über ein Spiel schreiben möchte, ohne es zu beschreiben - denn bereits eine schnöde Inhaltsangabe wäre schon ein unverzeihlicher Spoiler, der jenen LeserInnen, die das Spiel noch nicht kennen, es aber gerne ausprobieren möchten, sehr sauer aufstieße. Es handelt sich um das Indie-Adventure "The Stanley Parable" (2013) vom amerikanischen Entwickler Galactic Cafe, das auf eine "Mod" zur "Source Engine" von Valve aus dem Jahr 2011 zurückgeht.



"The Stanley Parable" ist eigentlich gar kein Computerspiel im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr eine interaktive, philosophische, sehr surreale Reise in die Untiefen der kapitalistischen Arbeits- bzw. Sklavenwelt und das damit verbundene Surrogat eines Lebens. Zu Beginn klärt der allgegenwärtige Erzähler den Spieler auf, dass er sogleich die Geschichte Stanleys, eines Angestellten einer nicht näher benannten Firma, erleben wird, indem er in dessen Rolle schlüpft. Schon dies ist aber nur die halbe Wahrheit, wie sich relativ schnell herausstellt.

Es ist nahezu unmöglich, dieses Werk spoilerfrei zu beschreiben, weshalb ich hier darauf verzichte und stattdessen den Trailer, der auch nur den groben Rahmen des Inhalts illustriert, sprechen lasse:



Das Spiel hat zwar einen Anfang, aber kein wirkliches Ende - inzwischen sind, wenn ich mich nicht irre, 18 mögliche Ausgänge bekannt - letztlich landet man aber sowieso immer wieder am Startpunkt, um eventuelle weitere Facetten neu zu entdecken. Immer wieder verändert sich durch den so erzwungenen Neustart die Umgebung, durch die Stanley irrt - wer also meint, diese oder jene Region sei bereits erkundet und könne damit vernachlässigt werden, verpasst den größten Teil des Spieles und damit auch die intellektuelle Herausforderung.

Es gibt hier keine Kämpfe oder typischen Rätsel - das Spiel eignet sich somit auch für Menschen, die sich mit diesem Medium noch nie auseinandergesetzt haben: Zur Steuerung muss man lediglich die Maus bewegen und zur Vorwärtsbewegung der Spielfigur die "W"-Taste drücken. Weitere Fähigkeiten sind nicht vonnöten.

Die Grafik ist auch heute noch durchaus ansehnlich; die Musik ist minimalistisch und durchaus passend; die Sprachausgabe beschränkt sich auf den fast ständig präsenten Erzähler, der den Spieler gekonnt und professionell durch die Geschichte führt - oder ihn davon abzuhalten versucht, je nach Sichtweise. Die Texte werden in gut verständlichem Englisch vorgetragen - optional kann man aber deutsche Untertitel einblenden lassen, wovon ich jedoch abrate. Auf meinem Win7/64-System läuft das Spiel problemlos und ohne jeden Absturz. Leider ist es an den Steam-Kraken gebunden, was sich aber mit ein wenig Geschick auch umgehen ließe. Das ist allerdings illegal und daher ausdrücklich nicht empfohlen.

Ganz besonders sei dieses Meisterwerk allen Menschen ans Herz gelegt, die sich im alltäglichen Irrsinn ihres Büroalltages in einem solchen "Borgwürfel" (Kiezneurotiker-Sprech für "Firma") befinden und die dennoch gelegentlich ein kritisches Bewusstsein bezüglich ihres Tuns pflegen. Die vielen kleinen Details im Spiel werden das Herz jedes Borgwürfelinsassen höher schlagen lassen - von hirnfreien Powerpoint-Präsentationen in dusseligen Meetings über nicht minder bescheuerte Flipcharts und firmeninterne Bekanntmachungen, die darüber aufklären, wie man es vermeiden kann gefeuert zu werden oder wie man dem Boss am besten Zucker in den widerwärtigen, verklebten Arsch bläst, ist bis zu den obligatorischen Kaffeetassen ("I hate Mondays" oder "I like work, I just hate my boss") alles dabei.

Dieser mehr oder weniger subtile Humor ist allerdings ebenfalls nur eine Facette dieses illustren, außergewöhnlichen Spieles; und er wird in manchen Szenarien auch gerne ins Absurde überhöht, wenn der arme Stanley beispielsweise aufgrund einer "falschen" Entscheidung samt der kompletten Firma mithilfe von Nuklearwaffen in die Luft gesprengt wird. Der überaus ernste und existenzielle Hintergrund der Geschichte, die am PC schon - je nach Spielweise - nach drei, vier oder fünf Stunden vorbei ist, hat mich noch sehr lange beschäftigt und tut das auch weiterhin. - Das ist großartige, wegweisende Computerkunst, die den Vergleich mit Kafka keineswegs scheuen muss.