Mittwoch, 23. April 2014

Das Geschwurbel der Systemgläubigen: Dreist oder dumm?


Die meisten Menschen wollen Europa, aber sie wollen es anders. Sie wollen ein Europa, das Arbeitslosigkeit bekämpft und ihnen die Angst vor Billigkonkurrenz nimmt.

Wie eine andere, eine bürgernahe EU aussehen könnte, das müsste das Thema des Europa-Wahlkampfs sein. Europa muss Heimat werden für die Menschen. Europa darf nicht nur Wirtschaftsgemeinschaft sein, nicht nur Nutzgemeinschaft für die Industrie, sondern muss Schutzgemeinschaft werden für die Bürger. Das geht nicht mit Geschwurbel, das geht nur mit handfester sozialer Politik.

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Anmerkung: Mit diesen zischenden (fast hätte ich geschrieben: stinkenden) Nebelkerzen beginnt der scheinkritische Artikel von Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung - und stellt damit ein Paradebeispiel für die von Prantl und so vielen anderen seiner KollegInnen seit so vielen Jahren herausgearbeite Kunst des Verschleierns und der Scheinkritik dar. Auch Prantl ist kein Systemkritiker - er findet den Kapitalismus an sich super und plädiert wie das Gros der deutschen Medien, die sich irgendwie "links" verstehen, lediglich dafür, diesem Monstrum ein paar Kettchen anzulegen, um die schlimmsten Auswüchse zu verhindern bzw. lediglich abzumildern. Dass wir dieser hochalbernen Strategie seit 1945 unentwegt und wiederholt beim unweigerlichen Scheitern zusehen mussten, ficht wahre Gläubige aber nicht an - die Glaubenssätze werden einfach immer wiederholt, auch wenn die Realität sie längst ins Reich von Absurdistan verbannt haben sollte.

Dazu bedarf es gelegentlich - wenn die ewig gleiche Botschaft nicht ganz so platt und dummdreist-verlogen daherkommen soll wie wir das beispielsweise von der neoliberalen Einheitspartei, der Springer-"Presse" oder irgendwelchen Schlips-Borg der "Elite"-Vertretungen aus der Wirtschaft kennen - eines ausgiebigen und wohlfeilen Geschwurbels. Genau das unterstellt Prantl zunächst den "Gegnern" seiner Meinung, bietet es dann aber in höchster Vollendung selbst dar - wer den Artikel nachlesen möchte, sei ausdrücklich gewarnt. Wie immer in solchen hanebüchenen Texten lässt der Autor auch hier die Ursachen - nämlich Kapitalismus, "Elite"-Denken und die groteske Anhäufung von Superreichtum in sehr wenigen Händen bei gleichzeitiger Ausbeutung und Verarmung aller anderen - völlig außer acht und erklärt statt dessen einige Wirkungen dieses völlig verrückten Wahnsinns zu "Ursachen" und andere wiederum zu deren "Wirkungen". Auf diese Weise lässt sich trefflich wild herumschwurbeln und wahnsinnig "kritisch" schreiben - ohne dass die eigentlichen Ursachen überhaupt genannt (geschweige denn: kritisiert) werden müssen.

Solange ein solcher Stumpfsinn zum "Elite"-Journalismus, der sich noch dazu "links" definiert, in Deutschland zählt, solange kann und wird sich nichts Grundlegendes verändern können. Prantl gibt hier beispielhaft für so viele andere (nicht nur Journalisten) den peinlichen Erklärbär einer zweidimensionalen Welt, der in seinem schlichten Denken die dritte Dimension völlig ausgeblendet hat und so mit dafür sorgt, dass die Menschen, die seinen Stuss lesen, ebenfalls in zweidimensionales Denken geführt werden (sollen).

Um nur ein Beispiel von vielen herauszugreifen: Deutschland ist ein Land, in dem Behörden den BürgerInnen generell feindlich gesinnt sind - egal, ob es sich nun um Geheimdienste, Polizei, Finanzbehörden, "Jobcenter", Sozialämter oder was auch immer handelt (Beispiel "Jobcenter" - pdf-Datei). Und Prantl schwafelt bei dieser furchtbaren Ausgangslage von einer "bürgernahen EU", wenn selbst im kleinsten, regionalen Rahmen schon klar ersichtlich wird, das von politisch-staatlicher Seite im Kapitalismus genau das eben nicht gewünscht ist und seit so vielen Jahren das Gegenteil praktiziert und massiv ausgebaut wird. Im Kapitalismus sind BürgerInnen systemisch "Melkkühe" und zu bekämpfende Feinde des kaptitalhörigen Staates, und genau so agiert die neoliberale Bande auch seit Jahrzehnten. In einer solchen Zeit von "Bürgernähe" und "sozialer Politik" zu sprechen, in der ganz offensichtlich von den selbsternannten "Eliten" flächendeckend auf Überwachung, Kontrolle, Disziplinierung, Schikane und Sanktionierung der BürgerInnen gesetzt wird, ist an Dreistigkeit - oder Dummheit - kaum zu überbieten.

Auch dieser Artikel der Süddeutschen ist nichts als Propaganda und gewollte Verdummung der Menschen, wie sie beispielsweise Orwell nicht treffender hätte protokollieren können.

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Moderner Geschäftsgeist


"Hilfe! Hilfe!" - "Wieviel Rettungslohn können Sie zahlen?"

(Zeichnung von Rudolf Grieß [1863-1949], in "Simplicissimus", Heft 21 vom 19.08.1919)

Donnerstag, 17. April 2014

Song des Tages: Moonchild




(King Crimson: "Moonchild", aus dem Album "In the Court of the Crimson King", 1969)

Call her moonchild,
Dancing in the shallows of a river.
Lonely moonchild,
Dreaming in the shadows of the willow.

Talking to the trees of the cobweb strange,
Sleeping on the steps of a fountain.
Waving silver wands to the night-bird's song,
Waiting for the sun on the mountain.

She's a moonchild,
Gathering the flowers in a garden.
Lovely moonchild,
Drifting in the echoes of the hours.

Sailing on the wind in a milk-white gown,
Dropping circle stones on a sun dial.
Playing "Hide and Seek" with the ghosts of dawn,
Waiting for a smile from a sunchild.

Anmerkung: Dieses kleine, bemerkenswerte Liedchen der Musiker um Robert Fripp (das hier arg verkürzt wiedergegeben wird, denn der Großteil des über zwölfminütigen Songs besteht aus instrumentalen, experimentell-atonalen Passagen), ist schon allein aufgrund des herausragenden Textes aus der Feder des Lyrikers Peter Sinfield, der in den Anfangsjahren der wegweisenden Band deren "Hauslyriker" war, erwähnenswert. Ich jedenfalls gerate beim Lesen und Hören immer wieder in einen tranceartigen Zustand, der mich das Übel der Jetztzeit vergessen lässt. Ob das nun ein wünschenswerter Effekt oder eher ein böser Fehler ist, sei einmal dahingestellt - Menschen sind nunmal keine Maschinen. Und solange ich danach immer wieder den Weg zurück in die finstere Realität finde - anders als die bedauernswerte Figur auf dem Cover, die wohl unsere Gesellschaft darstellt -, seien solche Ausflüge doch mehr als gestattet.


Zitat des Tages: Wettlauf


Was wollen wir tun, solange wir noch da sind,
wollen wir solange einen Hasen füttern,
wollen wir einen Orkan beschwichtigen,
wollen wir uns zum Überfluss
einen Prospekt des Jenseits kommen lassen?

Kommt, wir wollen uns die Zeit vertreiben,
Blüten stampfen, Raben schlachten,
kommt, wir wollen einen Wettlauf machen!
Wer als erster jenseits seines Namens
hinter Meer und Nebelküsten steht,
soll zum Ansporn unsrer Eile rufen:

Seht, wie die Elefanten vom Gebirge stürzen!
Seht, wie die Engel Taschentücher schwenken
zum Zeichen, dass die Paradiese leer sind!
Seht doch, wie der Neumond fliegen lernt.

(Christoph Meckel [* 1935], in "Nebelhörner. Gedichte", 1959)

Anmerkung: Meckels Gedichte üben schon seit vielen Jahren auf mich eine ungeheure Faszination aus - sie sind fast immer politisch, ohne dass dies immer auf den ersten Blick erkennbar ist. In den Texten aus diesem sehr frühen Band, den Meckel im zarten Alter von 24 Jahren veröffentlicht und die er folglich noch früher geschrieben hat, ist das freilich noch anders: Hier bricht sich das Politische mit Wucht seine Bahn und springt dem Leser direkt ins Gesicht; man spürt förmlich den Zorn des Autors sowie seine bleierne Ohnmacht angesichts der Lächerlichkeit und des Irrsinns unserer wettbewerbsbezogenen Welt und der religiösen, sich in wirren, realitätsfernen, gar jenseitigen Sphären verlierenden Ablenkungen, die nur noch in der zynisch-absurden Überspitzung ihren sprachlichen Ausdruck findet. Das ist die Art von Lyrik, die auch unsere heutige widerliche Zeit, die dem Jahr 1959 an Widerwärtigkeit, Menschenverachtung und Lebensfeindlichkeit ja um kosmische Längen voraus ist, so dringend nötig hätte, die ich aber nirgends entdecken kann.

Ein anderes Gedicht ("Hymne") aus demselben Band lässt der Autor so enden:

"Ich lebe in einem Land, das verliebt ist in den Tod,
ein Tränenkrug ist sein Wappen und Souvenir,
ein Blutegel sein Maskott, seine Fahnen Vogelscheuchen,
der tausendste Enkel meiner Hoffnung kam um.
Der letzte Schild meiner Zuversicht ist zerborsten."

Dem kann und will ich nichts weiter hinzufügen.

Dienstag, 15. April 2014

Privat vs. Staat = Asozial vs. Sozial


(...) In [München-] Haidhausen, einem teuren, schwungvoll durchgentrifizierten Stadtviertel, ist nämlich gebaut worden, allerdings nicht für Klempner, Krankenschwestern und andere Stützen der Gesellschaft, sondern für Geländewagenfahrer, deren Funktionsbekleidung nicht von Jack Wolfskin, sondern Moncler stammt, mehrgeschossige, blassgelbe, sanft altbauzitierende Wohnstätten für den solventen Kunden, der für einen Platz in der Kita nebenan, in der man unter sich ist, ohne weiteres 600 Euro im Monat ausgeben kann. (...)

Die Verächter kontrollierter, gedeckelter Mietpreise (in der FAZ und anderswo) sagen, derlei sei ein unzulässiger Eingriff in die freie Preisgestaltung als Kern der freien Marktwirtschaft, denn nichts indiziere Knappheiten so akkurat wie der Preis: Was knapp sei, sei teuer, und was teuer sei, lohne sich, also sei die Knappheit bald behoben, und zu solch akkurater Selbststeuerung sei eine Planwirtschaft nun einmal per se nicht in der Lage. Was am warmen Redaktionsschreibtisch völlig einleuchtend klingt, funktioniert aber nur so lange, wie es nicht mehrerlei Sorten Knappheit gibt, nämlich lukrative und nicht so lukrative, und unter der Voraussetzung, Wohnraum sei in einer Stadt wie München im Grundsatz knapp, hat ein Investor die Wahl: Er baut Wohnungen für Leute mit Geld oder für Leute ohne Geld, und man muss nicht BWL studiert haben, um die Entscheidung zu verstehen, die er in München-Haidhausen, der Hamburger Hafencity oder auf dem Areal, das durch Stuttgart 21 oberirdisch frei werden wird, getroffen hat.

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Anmerkung: Der Titanic-Gärtner macht hier am Beispiel der Stadt München deutlich, wie Kapitalismus funktioniert, wenn er, wie das rot-schwarz-gelb-grüne Regime in Berlin das seit Jahrzehnten handhabt, auf alle Bereiche einschließlich der existentiellen Daseinsfürsorge wie Krankenversicherung, Kranken- und Altenpflege, die Energie- oder Wasserversorgung oder eben auch das schlichte Wohnen ausgedehnt wird.

Im privatwirtschaftlichen Sektor ist Kapitalismus schon klar und deutlich als destruktives Element erkennbar - in diesen existenziellen Bereichen aber wird sofort und unmittelbar das Faschistische, Sektiererische und Asoziale dieses Systems sichtbar, das kein Mensch auf diesem Planeten - sofern er nicht zur selbsternannten "Elite" gehört und dies in faschistischer Manier genießt - gutheißen kann. Die "Privatisierung" - die ja nichts anderes ist als eine Übertragung der jeweiligen Rechte, (minimierten) Pflichten und (maximierten) Gewinne auf superreiche Einzelpersonen anstelle des Staates - sorgt für durchgentrifizierte Großstädte, in denen Zwangsverarmte nur noch in bestimmten Ghettos bezahlbaren Wohnraum finden, für Mehrklassenmedizin, für klassenorientierte Seniorenheime, in denen wenige Alte fürstlich und die Mehrheit mehr als karg lebt, für "Exzellenzuniversitäten und -schulen", an denen wenige Vermögende ihren Nachwuchs für das Leben im überquellenden Luxus vorbereiten lassen können, und so vieles Idiotische mehr.

Trotzdem singen alle Marionetten, von Merkel bis Gabriel und weit darüber hinaus, weiter das heilige Hohelied von der "Privatisierung" - und arbeiten unentwegt daran, auch noch die letzten verbliebenen staatlichen Strukturen an Superreiche zu verschenken, die damit zukünftig noch mehr Schindluder treiben können, um den persönlichen Profit in noch absurdere Sphären zu steigern.

Der Begriff "privat" in diesem Zusammenhang verschleiert mehr, als er offenbart - denn mit diesem Begriff sind natürlich nie die BürgerInnen eines Landes gemeint, sondern stets nur die wenigen Superreichen, die von irgendwelchen "Privatisierungen" profitieren sollen. Letzten Endes geht es dabei schlichtweg nur um Konzerne - es ist ja kein Zufall, dass beispielsweise nach der "Privatisierung" so vieler Kliniken in Deutschland inzwischen alle "privaten" Kliniken Konzernen gehören - zwei Konzerne sind es heute, wenn ich richtig informiert bin. Und Konzerne gehören sehr wenigen Superreichen.

Im Bereich der Wohnungen ist das freilich nicht anders - es gehört eigentlich gar kein besonderer Intellekt dazu zu bemerken, dass das neoliberale Märchen von der "Privatisierung" nicht stimmen kann, wenn man sich vor Augen führt, dass dabei stets der Profit Dritter im Vordergrund steht, der alles andere dominiert - wie sollte also beispielsweise ein Krankenhaus "effizienter" funktionieren, wenn nicht mehr das Wohl der Menschen, die es besuchen müssen, sondern der Profit eines unsichtbaren Dritten der Maßstab aller Dinge ist? Im ersteren Fall kann das Krankenhaus ohne Verlust, aber auch ohne Gewinn wunderbar funktionieren - im zweiteren Fall wäre das Ausbleiben von Gewinnen ein Grund für den Konkurs und dramatisch-hysterische mediale Reaktionen.

Wir befinden uns in einem wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, medialen und sozialen Irrenhaus, in dem die verrücktesten Schlips-Borg von allen das alleinige Sagen haben. Und der Rest der Irren wählt diese Bekloppten wie von Sinnen immer wieder an die Macht.

Und derweil lassen es sich die Superreichen - wie immer - gut gehen und genießen ihr Luxusleben an den schönsten Orten dieses Planeten - während "privatisierte" Kliniken, Wohnungen, Energiekonzerne etc. über Nacht und natürlich ohne ihr Zutun stetig weitere Reichtümer in ihre Geldspeicher spülen. Früher gab es Könige und den Adel - heute gibt es Superreiche. Der Unterschied liegt einzig im sprachlichen Bereich. Wir befinden uns nach wie vor im tiefsten und finstersten, sumpfigen Mittelalter der Zivilisation.

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Die große Umwälzung


"Weißt, Ferdl, jetzt is's doch viel schöner als früher. Heut' is' wurscht, ob ich einen Vater hab' oder net, und ob Du ein Baron bist oder net. Jetzt gibt's bloß noch ein' Unterschied: Ob einer Geld hat oder net."

(Zeichnung von Otto Ottler [1891-1965], in "Simplicissimus", Heft 20 vom 12.08.1919)

Samstag, 12. April 2014

Song des Tages: Vigil in a Wilderness of Mirrors



(Fish: "Vigil in a Wilderness of Mirrors", aus dem gleichnamigen Album, 1990)

Listen to me, just hear me out
If I could have your attention
Just quieten down for a voice in the crowd
I get so confused and I don't understand
I know you feel the same way, you've always wanted to say
But you don't get the chance - just a voice in the crowd

I don't know the score anymore, it's not clear anymore
I can't tell right from wrong anymore, I just don't understand

I was sitting here thinking of exchanging a new world for old
Like changing the channels on TV or the dirt that we stand in to gold

When I was young, my father told me "Just bad guys die!"
At the time just a little white lie ...
It was one of the first but it hurt me the most
And the truth stung like tears in my eyes
That even the good guys must die
There's no reasons, no crimes and I never knew why
Even now it still makes me cry

If there's somebody up there, could they throw me down a line
Just a little helping hand, just a little understanding
Just some answers to the questions that surround me now!
If there's somebody up there, could they throw me down a line
Just a little guiding light to tell wrong from right
Just some answers to the questions that I'm asking you!

I keep a vigil in a wilderness of mirrors
Where nothing here is ever what it seems
You stand so close but you never understand it
For all that we see is not all that it seems, am I blind?

And you sit there and talk "Revolution!"
But can you tell me just who's in command?
When you tell me the forces we're fighting
Then I'll join you and gladly make plans.
But for now just our t-shirts cry freedom
And our voices are gagged by our greed
Our minds are harnessed by knowledge
By the hill and the will to succeed.

And if that's not what you believe
Would you just let me know
I'm not standing alone
That I'm not just a voice in the crowd.

If there's somebody up there, could they throw me down a line
Just a little helping hand, just a little understanding
Just some answers to the questions that I'm asking you!
If there's somebody up there, just throw me down a line
Just a little guiding light to tell wrong from right
Just some answers to the questions that I'm asking you!

I'll keep a vigil in a wilderness of mirrors
Where nothing is exactly how it seems
You're reaching out, you're so close you can touch it
But it all disappears when it's always so near

But one day we will find that we stand in the light
Until then I'll keep a vigil in a wilderness of mirrors
Nothing here is ever what it seems
I'm scared to shout, in case I draw attention from the powers
That preside over our minds and our lives
When they find what I want is the deadliest weapon, that is truth.

Day by day it's getting louder.
And day by day it's getting stronger.
But when I can't scream no more and I need reassurance -:
I listen to the crowd.

("And the boy stood and stared at the hill,
And the hill stared back.")



Freitag, 11. April 2014

Der Eselshut, oder: Weshalb die Esos über die Narrenschiffsreling geworfen werden (müssen) ... ;-)


Über die Verrückten der Eso-Seite Hinter den Schlagzeilen habe ich mich ja schon öfter aufgeregt - jetzt kann ich Mitlesende hier aber beruhigen: Ich habe den Absprung geschafft, den Link gelöscht und werde mich künftig nicht mehr mit den dortigen Gurus sowie deren Vasallen und MitläuferInnen auseinandersetzen. Wer das nachlesen möchte, kann hier nachschauen - mein Resümee dazu lautet wie folgt:

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Ach Holdger [der aus irgendwelchen, mir unbekannten Gründen stellvertretend für Wecker geantwortet hat], gib Dir keine Mühe - wenn die Masken gefallen sind, wirkt jedes andauernde Bauchpinseln an der Wampe des Herrn Wecker (Vorsicht: Satire) gleich doppelt peinlich.

Wenn Du oder irgendein anderer Bauchpinseler an einer inhaltlichen und sinnvollen Auseinandersetzung zu diesem extrem wichtigen Thema interessiert wärst, hättest Du eine komplett andere Replik schreiben müssen - so aber wird einmal mehr allzu offensichtlich, dass wieder einmal Du - und nicht Deine "Gegner", wie Du so oft behauptest - eine Diskussion im Keim erstickst und statt dessen auf die persönliche Ebene der schnöden Denunziation abgleitest.

Was ist nun Deiner Meinung nach so falsch daran, die heutigen Gewerkschaften - und unter denen insbesondere diejenigen, die die Interessen stark privilegierter Besserverdiener in Rahmen dieses perversen Systems vertreten - als Teil des Problems zu benennen? Wieso sollte irgendein Niedrigstlohnsklave oder Hartz-Terror-Opfer so etwas wie "Solidarität" mit jemandem empfinden, der vielleicht statt 4.000 Euro monatlich, wie bislang, zukünftig 4.500 Euro erhält? Geht's eigentlich noch? In welcher absurden, spinnerten Parallelwelt leben Menschen, die so etwas in der gegenwärtigen Lage allen Ernstes zum Thema machen und dabei nicht automatisch den Eselshut aufsetzen und sich freiwillig in die Ecke stellen?

Jemandem, der, wie Herr Wecker, ein wahrscheinlich sorgenfreies Leben in der Toscana führen kann, mag das vielleicht nicht unmittelbar einleuchten, aber mir persönlich ist es scheißegal, ob Piloten ein paar hundert Euro mehr im Monat verdienen und sich so vielleicht endlich den Pool in ihren üppigen Garten bauen können - solange die vollkommene Perversion der Ausbeutung und totalen Zwangsverarmung der Menschen bei gleichzeitiger Extremmästung der wenigen Superreichen nicht endlich gestoppt ist.

Der Text ist eine schallende Ohrfeige mitten ins Gesicht aller Zwangsverarmten in diesem extrem reichen System - und es ist mehr als erschreckend, dass einige aus dieser Gruppe dazu auch noch munter applaudieren und ihn sogar "verteidigen".

Mir reicht das jetzt - mit "Hinter den Schlagzeilen" habe ich nun abgeschlossen, den Link entferne ich aus meinem Blog und ich werde mich hier auch nicht mehr äußern. Wenn Diskussionen nicht gewollt sind, kann ich schließlich auch wesentlich stressfreier und zielführender mit der Wand neben meinem Schreibtisch kommunizieren. ;-)

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Preisend mit viel schönen Reden ...


"Zu teuer, sagen Sie, ist das Bild?? Wo doch der Künstler voriges Jahr verhungert ist!!"

(Zeichnung von Marcel Frischmann [1900-1952], in "Simplicissimus", Heft 12 vom 18.06.1928)

Donnerstag, 10. April 2014

Musik des Tages: Sinfonie in d-moll




(César Franck [1822-1890]: "Sinfonie in d-moll"; New York Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Kurt Masur)

Anmerkung: Über diese großartige Musik möchte ich gar nicht viele Worte verlieren - es handelt sich um die (leider) einzige Sinfonie, die der überaus produktive Komponist Franck geschrieben und die ihm zu Lebzeiten nur Anfeindungen und böse Kritik eingebracht hat, heute aber längst zu den ausgewählten Perlen der sinfonischen Weltmusik zählt. Wie so oft wurde auch hier die Genialität des Künstlers erst posthum erkannt - was damals wie heute ganz schnöde kommerzielle Gründe hat und hatte: Die musikalischen "Stars" jener fernen Zeit, die auch damals schon einen "Hit" nach dem anderen generierten und ein ziemlich sorgenfreies Leben führen konnten, sind heute größtenteils nicht einmal mehr namentlich bekannt und ihre belanglosen "Werke" sind längst im Nirwana verschwunden.

So sorgt der Kapitalismus dafür, dass einzig durch Zufall vielleicht doch das eine oder andere große Kunstwerk die Wirren der Geschichte überdauert, und man mag sich gar nicht ausmalen, was da im Laufe der Jahrhunderte alles verloren gegangen ist und weiterhin kontinuierlich verloren geht, weil es zur Entstehungszeit schlicht nicht unmittelbar kommerziell verwertbar war. Kapitalismus verhindert und vernichtet Kunst - nachhaltig und vehement.

Ich persönlich löse mich auf in dieser fantastischen Musik, auch wenn sie nach dem wilden Ritt durch die Dramaturgie das Hauptthema letzlich doch in die Dur-Auflösung führt - was ich als persönliche Hoffnung des Komponisten interpretiere. Die Gänsehaut, die sich beim Anhören - zumal in einem Live-Konzert - unweigerlich einstellt, hat nichts mit Geld, Profit oder Konkurrenz zu tun. Die Hanswürste in der Politik verstehen das heute wie damals nicht - und der tonangebenden "Elite" ist es heute wie damals egal.


Mittwoch, 9. April 2014

Zitat des Tages: Aufschub


Noch ein Tag! schreien die Hähne
Mit ihren Posaunen aus Bronze
Die zerlumpte Nacht verjagend.

Noch ein Tag! sagen die Blumen
Und glätten für des Mittags Besuch
Ihre roten Dolden

Noch ein Tag! verrät deine Aorta
Meinem horchenden Ohr
Das Orakel auf dem Grund deiner Brust

Noch ein Tag! - Aber der Abend naht
Wer wetzt die Sense
Und lässt die Rosen bluten auf dem Tisch?

Unter der Lawine des Mondes
Durch dein von Strahlen umkröntes Haupt
Seh ich schon deinen Totenschädel.

(Claire Goll [1891-1977], in: "Versteinerte Tränen. Gedichte", 1952)

Anmerkung: Und so retten wir uns scheinbar von Tag zu Tag - stets mit dem Wissen um die deutlich drohende Endlichkeit unserer gezielt und gewollt zugrunde gehenden Welt, die wir aber genauso konsequent von Tag zu Tag verleugnen. Der Aufschub wird nicht allzu lange andauern, fürchte ich.

Dienstag, 8. April 2014

Der Terror des Kapitalismus'


Der Kiezneurotiker hat mal wieder einen wunderbaren und wichtigen Text geschrieben, der die gruseligen Dinge auf den Punkt bringt und der eigentlich in der Zeit oder den feuilletonistischen Ruinen der FAZ hätte erscheinen müssen. Lest das bitte: "Die Schere im Kopf", und zieht Eure Konsequenzen daraus: Auch, wenn ich ebenfalls keine Ahnung habe, ob das laienhafte Verschleiern der eigenen Identität mittels vieler verschiedener Mailadressen und Pseudonyme überhaupt irgendeine sinnvolle Aussicht auf Erfolg hat. Mehr bleibt uns aber heute gar nicht mehr.

Wenn auch diese Maßnahmen nicht mehr ausreichen, um uns vor der Totalüberwachung - vielleicht auch nur rudimentär - zu schützen, dann wäre das Horrorszenario der staatlichen Komplettüberwachung aller BürgerInnen längst Realität. Der gute Kiezneurotiker verirrt sich zwar gelegentlich auf Nebenschauplätze - denn beispielsweise die persönlichen Gefahren durch die Nennung des Klarnamens eines widerwärtigen kapitalistischen Eigennutzmehrers haben nichts mit der Überwachung der Menschen durch staatlich-geheime Terrororganisationen zu tun - aber dennoch ist das Fazit gewiss nicht von der Hand zu weisen: Es mag sicherlich bereits Menschen geben, welche die "Schere im Kopf" parat haben und manche Meinungen nicht mehr kund tun, die sie ohne diese Überwachung ohne zu zögern geschrieben hätten.

Für mich persönlich gilt das nur bedingt, denn ich bin mir völlig bewusst, dass ich zwar den "Falschen" - also den Nutznießern dieses perversen Systems - stetig ans Bein pinkle und das auch richtig gut und wichtig finde, allerdings stelle ich für diese Leute nichts weiter als eine lächerliche Schmeißfliege dar, die - sofern sie überhaupt wahrgenommen wird - mit einer einzigen Handbewegung wieder verschwände, wenn sie der Aufmerksamkeit denn wert wäre.

Für Leute wie Fefe, die im Text explizit genannt werden, gilt das natürlich nicht: Der gute Mann sollte sich tatsächlich warm anziehen und auf alles gefasst machen - wenn sein Einfluss den einer lästigen Fliege vielleicht einmal übertreffen sollte, wird die Bande keine Sekunde zögern und ihm "Kinderpornographie" oder irgendeinen anderen Schmutz auf die Festplatte kopieren oder ihn auf andere Weise mundtot machen. Illusionen bezüglich dieses furchtbaren Systems sind hier völlig fehl am Platze.

Die Frage ist nun, wie wir mit dieser bedrohlichen Situation umgehen: Halten wir das Maul oder schreien wir den schändlichen Propagandisten auch weiterhin ein lautes "Nein!" ins Gesicht? Meine Entscheidung ist da ganz klar und eindeutig, aber wie sieht das wohl beim Rest der Bevölkerung aus - zumal in den Teilen, die längst erkannt haben, welches perfide Spiel hier gespielt wird? Wirkt die Drohung der Totalüberwachung, haben Menschen wie Fefe Angst vor einem gezielten Terrorschlag des Kapitals? Ich kann mir das nicht vorstellen - was aber vielleicht auch nur daran liegt, dass in meine Wohnung bislang noch keine bewaffnete Einheit des "Verfassungsschutzes" eingedrungen ist und mich in Haft genommen oder mit dem Vorwurf der "Kinderpornographie" belastet hat. Ehrlich gesagt: Ich rechne damit, dass das irgendwann geschieht.

Ich habe schon an anderer Stelle darauf Bezug genommen: Lesenswert ist dazu der jüngste Text des Titanic-Gärtners, der abschließend bemerkt: "Dass es so kam und dass es so bleibe, dafür sorgte und sorgt der Boulevard, der längst nicht mehr nur [BLÖD] heißt. Sondern, man hat's geahnt, auch Süddeutsche Zeitung." Da geht's zwar um Krieg und dessen propagandistische Begleitung, aber die Ursachen und Wege sind exakt dieselben.

Es ist wahrlich an der Zeit, einmal mehr laut und vehement "Nein!" zu sagen. Wenn wir kleinen Leuchten im Internet das nicht tun, tut es niemand sonst, der wahrgenommen wird. - Und dennoch sagt die unten wiedergegebene Karikatur mehr zu diesem Thema aus, als alle meine Worte es jemals könnten.

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Gottvertrauen


"Halb sechs - sie muss kommen, die Weltrevolution!"

(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 15 vom 08.07.1919)

Samstag, 5. April 2014

Song des Tages: The Hourglass




(Savatage: "The Hourglass", aus dem Album "The Wake of Magellan", 1997)

Standing alone by the edge of a river
He's traded his life for a glass full of tears
The bargain was quick for one's life is less dearer
When the sand's running out and the ending is near

The ending is near
The ending is ...

The man climbed aboard and set sail for the ocean
He put on the mast all the canvas she'd take
Then laid himself down on the deck 'neath the tiller
The ship was his coffin, this moment his wake

Runaway reasons, runaway seasons
Time is a treason that I give back to you now

The wind touched the sail and the ship moved the ocean
The wind from the storm set the course she would take
From a journey to nowhere towards a soul on the ocean
From the wake of Magellan to Magellan's wake

Runaway reasons, runaway seasons
Everything in it, hours and minutes ...
You take tomorrow, because it means nothing to me ...

In the dark he heard a whisper, asking him to understand
In the desert look for water, on the ocean look for land

And there in the waves was a man in his grave
That he saw in the night 'tween the flashes of light ... and he ...

Could not be there, and all he had prayed
Or had given away, he now found to be wrong
In the grip of the storm and he could not be there

Could you keep our lives together, safely back onto the shore
Could you grant this last illusion, only this and nothing more
Could you keep our lives together, safely back onto the shore
Could you grant this last illusion, only this and nothing more.

And all at once the heavens bled their fire
The anchor broke the chains they flew away
And suddenly the waves were reaching higher
And in the dark I thought I heard them say:

Could you keep our lives together
Safely back onto the shore
Could you grant this last illusion
Only this and nothing more

(But what the sailor did not know
And would never learn
Was on that beach now far away
The young child had returned

And finding the broken hourglass
He reset it upright
Then placed sand from the beach inside
And placed the lid on tight

Then examining his handiwork
He left it in the sand
And then he quickly ran back home
Thinking God would understand

Everything I ever had for one more tomorrow
Everything I ever had for just one more night
And if this is not to be I pray could I borrow
Just another final hour onto my life

Did you ever really want to
Did you ever really want to
Lord, tell me how it will be
Lord, tell me how it will be ...)


Standing once more by a boat on a river
He pushes it off while he stays on the land
And seeing the hourglass now so much clearer
Which someone had refilled by hand ...

And somewhere that boat's now adrift on the ocean ...
The mast at full sail but there's no-one on board
The hourglass no longer sits by the ocean
Only his footprints all alone on the shore.

And soon they're no more.
No more.



Anmerkung: Ich sag' dazu nichts ... großartige, feinfühlige und epische Rockmusik spricht für sich selbst.

Freitag, 4. April 2014

Unsere schöne nordkoreanische Bananenrepublik Deutschland


"Der Wahrheit und Gerechtigkeit zu dienen" – dazu hat sich Wilfried Kraft, Direktor des Amtsgerichts Hannoversch Münden (Kreis Göttingen), vor rund 40 Jahren verpflichtet. Der promovierte Jurist hat diese Verpflichtung stets sehr ernst genommen. Kraft ist dafür bekannt, dass er nicht nur Juristendeutsch, sondern auch Klartext redet. Jetzt aber hat es ihm die Sprache verschlagen. Der Richter hat erfahren, dass der Rechtsstaat, dem er dient, jahrelang einen Rechtsextremisten bezahlt hat, der seine Familie in Angst und Schrecken versetzt hatte. "Das macht mich fassungslos", sagt er.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Es ist zwar bemerkenswert, dass inzwischen sogar ein Amtsrichter öffentlich bemerkt, dass das immer wieder gern erzählte Märchen vom "Rechtsstaat Deutschland" inzwischen so offensichtliche und groteske Stilblüten treibt, die auch von der Propaganda nicht mehr gänzlich unter den Teppich gekehrt werden können - ändern wird aber auch dieser Fall daran nichts. Das alberne Demokratiemäntelchen, das man dieser neuen Gestapo immer wieder umhängt, taugt nicht einmal zur scheinbaren Legitimation dieser demokratie- und menschenfeindlichen Farce, und dennoch wird die Propaganda auch weiterhin unbeirrt weiter verbreitet und stetig wiederholt - damit bloß niemand auf den Gedanken kommt, an diesem Märchen könnte eventuell etwas nicht stimmen.

Es reicht eigentlich aus, sich dazu einmal die Statistik der deutschen Gefängnisse anzusehen: 2008 war im Berliner Tagesspiegel beispielsweise zu lesen: "So sitzt derzeit fast jeder dritte Gefangene in der Justizvollzugsanstalt Plötzensee nur deshalb ein, weil er immer wieder öffentliche Verkehrsmittel ohne Fahrschein benutzte und auch die daraufhin von Gerichten verhängten Geldstrafen nicht bezahlen konnte oder wollte." Wir leben allen Ernstes in einem Land, in dem verarmte Menschen konsequent kriminalisiert und in den Knast gesteckt werden, weil sie Rechnungen nicht mehr bezahlen können und es tollkühn wagen, die öffentliche Infrastruktur trotzdem in Anspruch zu nehmen, weil sie - oftmals staatlich verordnet - irgendwie von A nach B kommen müssen. Es ist nicht verwunderlich, dass sich darüber kein Amtsrichter öffentlich aufregt - denn davon ist ja keiner von denen persönlich betroffen.

Weshalb es kritische Pressemeldungen zu Themen, die Amtsrichter nicht persönlich betreffen, so selten gibt, müssen wir sowohl die Nachrichtenagenturen, als auch die RichterInnen fragen. Die - selbstverständlich nie erfolgende - Antwort können wir indes schon vorformulieren, denn sie liegt auf der Hand: Schließlich leben wir in einer menschenfeindlichen Bananenrepublik, in der die Interessen einiger weniger der absolute Maßstab sind, während alles andere sich diesem perversen Diktat unterzuordnen hat.

Die furchtbaren Kriminellen, die beispielsweise die JVA Plötzensee bevölkern, sind ein beredtes Beispiel dafür. Was die Geheimdienste derweil treiben, ist erstens ... *pssst* ... geheim ... und zweitens ... "uninteressant". Hauptsache, die Ausbeutung der Massen und die Bestrafung der Armen geht weiter. Nach kapitalistischer "Logik" sind Arme schließlich Schuld daran, dass Reiche nur ein bisschen und nicht maßlos reicher werden. Das nennt man dann "Krise".

Und morgen hören wir dann wieder das Märchen vom Sozialstaat Deutschland, während Millionen von Menschen in diesem verkommenen Staat in bitterer Armut vor sich hin vegetieren und eine kleine Minderheit täglich im Geldspeicher in die Goldmilliarden springt. Noch dümmer oder perverser könnte diese "Elite" gar nicht agieren.



(Zeichnung von Uwe Becker (*1954), Titelbild des Magazins "iTALien", Heft 305 aus Dezember 2011)

Dienstag, 1. April 2014

Realitätsflucht (2): Banished


Nach meinen ersten Exkursionen in die Welt der Computerspiele, über die ich schon berichtet habe, hat es mich nun in die Welt von "Banished" verschlagen - einem einzigartigen Aufbau- und Strategiespiel, das in jahrelanger Arbeit von einem einzigen Programmierer, der von seinem Job in einem größeren Konzern der Spieleindustrie die Schnauze voll hatte und ihn hingeschmissen hat, entwickelt wurde.

In diesem Spiel geht es darum, eine kleine Anzahl von Individuen, die aus unbekannten Gründen irgendwo in einer mittelalterlichen Wildnis ein neues Leben aufbauen müssen, so zu steuern, dass eine überlebensfähige Gemeinschaft entsteht. Der Spieler muss also dafür sorgen, dass genügend Lebensmittel vorhanden sind und dass Wohnraum für alle geschaffen wird - und im weiteren Verlauf des Spieles kommen immer mehr Aufgaben hinzu, die mit zunehmender Bevölkerungszahl des neuen Dorfes immer komplexer werden. Man kann Felder oder Plantagen anlegen und Landwirtschaft betreiben, man kann Fischer an den Seen und Flüssen positionieren, man kann Jäger auf die Pirsch oder Sammler auf die Suche nach Pilzen, Beeren, Wurzeln und Früchten schicken.

Zu Beginn habe ich mich mit frischem Mut und einem lockeren "Mensch, was macht dieses Spiel doch Spaß!" auf den Lippen in die Aufgabe gestürzt und ein zunächst sehr lebendiges kleines Dorf erschaffen, in dem alles scheinbar wunderbar funktionierte - es dauerte aber gerade mal fünf Spieljahre, um aus dem florierenden Mikrokosmos eine elende Hölle zu machen, die dafür sorgte, dass zunächst einmal zwei Drittel der Einwohner meines Dorfes verhungerten oder erfroren und ich es nur mit großer Mühe geschafft habe, mit dem kärglichen Rest weitermachen zu können und so einen Neustart gerade eben noch verhindern konnte.

Dieses Spiel verzeiht keinen Fehler - wenn man sein Dorf zu schnell und zu unüberlegt wachsen lässt, wird man allzu schnell mit einem überbelegten Friedhof (sofern man es denn zuvor geschafft hat, einen zu bauen) und einem weitgehend entvölkerten Dorf konfrontiert.

Beim zweiten Anlauf (aus den Resten der Asche) war ich dann viel vorsichtiger und habe es nun immerhin bis zu einer funktionierenden Dorfgemeinschaft von über 100 Personen geschafft - was aber ein hartes Stück Arbeit war, denn stets drohen irgendwelche Engpässe: Wenn man beispielsweise das Nahrungsproblem endlich im Griff hat, wird man von einer Feuerholz-, Werkzeug- oder Kleidungsknappheit erneut herausgefordert. Und die Herausforderungen wachsen in demselben Maße wie die Anzahl der Bewohner des frei benennbaren Dorfes. Dabei stellt man natürlich schnell fest, dass die verfügbaren Ressourcen (im Spiel sind das insbesondere Holz, Stein, Kohle und Eisen) begrenzt sind und man für eine nachhaltige Lösung sorgen muss, wenn man nicht eine ausgeplünderte, zerstörte Einöde schaffen und damit das Ende des Dorfes besiegeln will. Das aber birgt wieder neue Herausforderungen, denn die durchaus vorhandenen nachhaltigen Lösungen (beispielsweise Förster, die nur so viel Holz schlagen, wie sie gleichzeitig auch wieder anbauen können) bringen natürlich weniger Ertrag als die radikale Abholzung ganzer Wälder. Gleichzeitig hat das auch Auswirkungen auf andere Bereiche, denn in abgeholzten Regionen gibt es auch nichts mehr, das man zur Ernährung jagen oder sammeln könnte.

Man muss bedacht und klug vorgehen, wenn man in diesem Spiel erfolgreich sein und eine zumindest temporär überlebensfähige Stadt erschaffen möchte, und man lernt zudem eine Menge darüber, weshalb unser heutiges System so krank und absurd ist und wieso es zwingend im Fiasko enden muss. Ich kann dieses Spiel jedem empfehlen - aber ganz besonders sollten es all diejenigen einmal ausprobieren, die dem unendlichen Wachstumswahn anhängen und dabei gar nicht mehr bemerken, dass ihr total verrücktes Konzept sich nicht erst im Großen, sondern bereits im ganz Kleinen als völlig grotesk und irrsinnig entblößt.

Das Spiel gibt es ohne Kopierschutzbullshit bei GOG für 20 Dollar - was ich angesichts der Entstehungsgeschichte für mehr als angemessen halte. Ich befürchte, dass ich in und mit "Charliehausen", wie mein Dorf in diesem Spiel heißt, noch viele, viele Stunden verbringen werde.

Ein Tipp noch zum Schluss: Schaltet den "Katastrophen"-Modus aus, denn das Spiel ist schon in der leichtesten Stufe so schwer, dass jede Katastrophe - wie beispielsweise Feuersbrünste, Stürme oder auch die im Mittelalter gerne wütende Pest - das ohnehin schwierige Gestalten einer neuen Welt fast unmöglich macht.


Freitag, 28. März 2014

Industrieller Schmutz und pure Ausbeutung: Die Milliardengewinne der Nahrungsmittelkrämer


Ein Umsatz von mehr als 50 Milliarden Euro, dazu noch ein Gewinn jenseits der Milliarden-Marke: Rewe kann mit dem abgelaufenen Jahr zufrieden sein. (...) Vor allem das Lebensmittelgeschäft mit den Rewe-, Penny- und Billa-Märkten trieb den Erlös.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Hier lernen wir einmal mehr beispielhaft, wieso ein Konzern industriellen Billigdreck als (noch dazu angeblich "hochwertige") Nahrung verkauft und seine Angestellten ebenso schamlos ausbeutet wie die Produzenten des Billigdrecks bzw. deren Angestellten. Auf den Seiten des WDR, der am selben Tag eine fast gleichlautende Jubelmeldung zum erneut erfolgreichen Beutezug des Rewe-Konzerns veröffentlicht hat, lesen wir an anderer Stelle und ebenfalls am selben Tag:

"Die 'Generation Praktikum' lässt so einiges mit sich machen. Doch was einer 19-Jährigen aus Bochum passiert ist, sprengt den Rahmen. Mehr als acht Monate arbeitete sie als Praktikantin in einem Rewe-Supermarkt - ohne Lohn. Sittenwidrig, urteilte jetzt das Arbeitsgericht."

Kritik am kaptalistischen System wird hier aber selbstverständlich nicht geübt, statt dessen wird der Skandal einmal mehr irgendwelchen untergeordneten Vasallen in die Schuhe geschoben, indem einfach der Konzern zitiert wird: "Rewe selbst weist alle Verantwortung von sich. Der betroffene Markt werde unter der Marke Rewe von einem selbstständigen Kaufmann geführt, der in Personalangelegenheiten unabhängig sei (...)." Dann ist selbstverständlich alles in Ordnung und auch die "kritischen Journalisten" des WDR müssen nicht mehr nachhaken, wie denn diese völlig absurden Milliardengewinne nun tatsächlich immer wieder zustande kommen und wer letztlich den bitteren Preis dafür bezahlt. Die Schlussfolgerungen liegen hier ja auch allzu offensichtlich auf der Hand - wenn wir industriellen Dreck als Nahrungsersatz und schamlose Ausbeutung auch im Nahrungsmittelbereich nicht mehr wollen, müssen wir diese perverse Bereicherung privater Konzerne schlichtweg unterbinden.

Gerade im Lebensmittelbereich wird die Wichtigkeit dieses Themas auch sofort offensichtlich, denn hier ist es nicht bloß "ärgerlich" oder "lästig", wenn uns minderwertiger Mist angedreht wird. Auch hier scheffeln einige wenige Personen kontinuierlich unermessliche Reichtümer, die sie im Leben niemals ausgeben könnten, während die große Mehrheit dafür mit Billigdreck als Nahrung abgespeist wird und die vielen Angestellten und Produzenten durch Billigstlöhne ausgebeutet werden. Eine Wahl haben die Menschen in diesem System ohnehin nicht - es ist vollkommen egal, welchen Supermarkt sie besuchen, denn die perversen Strukturen sind überall dieselben. Unabhängige, regionale Anbieter gibt es in diesem Bereich so gut wie gar nicht mehr.

Und so geht alles seinen logischen, kapitalistischen Gang direkt ins Aus: Die Qualität der Nahrungsmittel wird immer unterirdischer, die Packungsgrößen werden immer kleiner, die Ausbeutung nimmt stetig ebenso zu wie die klingelnden Kassen der Eigner sowie die schrille Werbung für den Dreck - und in nicht allzu ferner Zukunft entdecken wir dann wieder völlig überrascht:

"Soylent Green ist Menschenfleisch!"

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Du sollst sparen! - Kaufe das Billigste!



(Zeichnungen von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 21 vom 24.08.1931)

Mittwoch, 26. März 2014

Song des Tages: Golden Dawn




(The Legendary Pink Dots: "Golden Dawn", aus dem Album "Asylum", 1985)

I'll be your slave,
maybe you'll be my priestess.
I'd live in a cave
and we'd meet where all eyes are turned away.
Where we can lay, where we can play ...
and forget the storm.
Will you weep when I slip away ... at Golden Dawn?

I drew a star,
and you drew a circle.
We hid in the car,
we crossed our fingers, we hurtled down the street.
The fog was creeping slow,
the deathbird peeping through the window.
We drove on ... on and on 'til Golden Dawn.

I read the news
and you heard the sirens.
We packed, then we flew
to an island which no-one else could find.
Where we could hide and watch the tide
slide in at twilight.
We made love ... on and on 'til Golden Dawn.

Anmerkung: Abgesehen von dem nostalgischen Flashback, den dieser Song bei mir auslöst und der mich in eine denkwürdige Nacht in einem miefigen niederländischen Kellerclub zurückversetzt, wo die Legendary Pink Dots einen über vier Stunden dauernden, wahrhaft psychedelischen Mammutauftritt hingelegt haben, ist er natürlich ein wunderbar zynischer Kommentar zum Eso-Sumpf, der in der Regel dazu führt, dass die dort Gefangenen in absurde Parallelwelten abtauchen, die fiesen, ganz realen Probleme dieser Welt einfach ausblenden oder schönfärben und sich letztlich nur noch mit sich selbst beschäftigen - während "storm", "fog" und "deathbird" natürlich weiter wie von Sinnen und unbehelligt wüten.


Dienstag, 25. März 2014

Wenn "hochsensible" Esos die Hosen herunterlassen: Ein Realitätsabgleich


Im Eso-Blog "Hinter den Schlagzeilen" war neulich wieder einmal einer dieser hanebüchenen Texte aus dem "spirtuellen" Bereich der Magier, Geister und Götter verlinkt, in dem die Autorin - eine sich selbst ernsthaft so nennende "Hochsensible" - versteckte Werbung für ihren lukrativen Geschäftsbereich machte, was aber erst ein Kommentator anmerken musste. Der Blogbetreuer, der sich und seine MitstreiterInnen gerne hochtrabend als "Redaktion" bezeichnet, hatte das entweder zuvor nicht bemerkt oder aber bewusst verschwiegen. So weit, so normal für derlei Gefilde. Weshalb ich mich dennoch zu einer kleinen Anmerkung veranlasst sehe, ist die Entgegnung des Blogbetreuers Roland auf einen anderen Kommentar, die in beispielhafter Weise und leider allzu entlarvend illustriert, wie solche Menschen ticken.

Wer den ursprünglichen Text lesen will, muss dem Link bei "Hinter den Schlagzeilen" folgen - alles weitere, insbesondere die in Rede stehende Replik von Roland (alias "rr"), ist hier zu finden. Hier der direkte Link zur besagten Replik.

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Nach anfänglichem Blabla und üblichem Geschwurbel erreichen wir nach immerhin zwei Absätzen die erste belastbare Aussage des Textes, die da lautet: "Ich bitte doch darum, nicht gar so schnell eingeschnappt zu sein und der Redaktion zu glauben, dass sie gute Absichten hat." - Eigentlich muss ich das gar nicht kommentieren, denn wem fielen angesichts eines solchen Satzes nicht die legendären Worte Erich Mielkes ein, die er 1989 in der Volkskammer der DDR zum Besten gegeben hat und die damals mit lautem Gelächter quittiert wurden: "Ich liebe – ich liebe doch alle – alle Menschen!" - Zu allererst fällt dem lieben Roland also ein, an den "Glauben an die guten Absichten" zu appellieren - und er meint mit dem "Guten" nicht nur sich selbst, sondern gleich die ganze "Redaktion". Religiöse Verbrämung und Überhöhung treffen hier auf so viel Ignoranz und Arroganz, dass es im Grunde absurd ist, jemanden, der so etwas als eine Antwort auf Kritik schreibt, weiterhin ernst zu nehmen. Roland hätte diese beiden Absätze komplett weglassen und statt dessen "Wir sind die Guten!" schreiben können - vielleicht noch versehen mit der Anmerkung, dass angesichts dieser unumstößlichen Tatsache jedwede Kritik von vorn herein substanzlos ist.

Dann geht es aber munter weiter und Roland lässt sich über Armut in Deutschland aus. Ich war beim Lesen gespannt, was dem lichtdurchfluteten Autor wohl zu diesem wichtigen und brennenden Thema in Bezug auf die Millionen zwangsverarmten Hartz-Terror- und Hungerlohn-Opfer in diesem verkommenen Land einfallen würde und habe mit allem möglichen gerechnet - gefunden habe ich dann allerdings einzig dies: "kein Geld für Blumen für die Liebste". Da rutschte meine Kinnlade entsetzt aufs Brustbein - der Mann spricht richtiger Weise vom staatlich "erzwungenen Weglassen des Nötigen" und nennt dazu allen Ernstes einzig die "Blumen für die Liebste" als Beispiel. In welcher fernen Parallelwelt lebt ein Mensch, der so etwas schreibt? Vermutlich würde er hungernden Menschen in Afrika auch zunächst einen Kamm oder ein sauberes T-Shirt schenken, damit die schlimmste Not erst einmal gelindert sei.

Dann wird Roland endlich einmal deutlicher und bemerkt: "Freilich, ÜBERWIEGEND ist dieser Artikel sicher für diejenigen hilfreich, die nicht außergewöhnlich arm sind." Diese Formulierung ist immer noch irreführend und dumm, denn der hier behandelte Eso-Bereich betrifft natürlich ausschließlich Menschen, die in einem vergleichsweise abgesicherten Überfluss leben dürfen - also die (allmählich aussterbende) gehobene "Mittelschicht" dieses Landes. Wer sich inmitten eines so überquellend reichen Landes ständig mit so "lächerlichen" Sorgen wie der Sicherung der Nahrung, der Wohnung oder der Stromversorgung herumschlagen muss, wird es sicherlich äußerst anregend finden, nun auch von esoterischer Seite den Verzicht als seligmachende Heilslehre gepredigt zu bekommen. So einfühlsam ("hochsensibel") sind Esoteriker schließlich.

In einem weiteren Kommentar outet Roland sich nach alledem allen Ernstes selbst als "Hochsensibler" und resümiert: "Hochsensible leiden vor allem im Umfeld eines 'tiefsensiblen' Kulturideals. Dieses Eigenschaftsbündel besitzt in jedem Fall auch viele Vorzüge, es ist typisch für Künstler und – nun ja – die spirituelle Szene, weshalb es hier vielleicht manche provoziert." Wir lernen also: Esos sind wie Künstler - eben "hochsensibel" und am Elend der Welt leidend, und gleichsam die menschgewordene Empathie, die das Gute verkörpert, während alle anderen Menschen offenbar "robuste" Minderwesen sind, die nichts von alledem verstehen, sondern die zarten, lichtdurchfluteten Künstlerseelen unablässig malträtieren.

So urteilt Roland an anderer Stelle über meine Wenigkeit: "Ich merke, Charlie, dass (...) die Ausstrahlung Deiner Beiträge aber stets etwas Düsteres, Aggressives, Rechthaberisches, für andere Ehrverletzendes an sich haben. Warum eigentlich? Es ist ja o.k. wenn jemand weniger spirituelle Neigungen hat wie ich oder Fleischesser bleiben will und dies auch im Forum kund tut. Warum aber hört man von Dir nie etwas Herzliches, Freundliches, warum zeigst Du nie, was Du gut findest, was Du liebst? Es muss doch auch Artikel und Aussagen, vielleicht Lieder geben, du Dir gefallen?"

Antworten möchte ich auf derlei Schmonzes nicht - offenbar hat der Mann dieses Blog nie besucht. Über das Düstere und dessen logische Berechtigung in diesem System könnte ich mich an dieser Stelle zwar einmal mehr auslassen, aber das wäre doch nur eine Wiederholung des bereits Gesagten. Und dieses kleine Bonmot zum Schluss muss sein - allein schon, um die Überschrift zu rechtfertigen: Wenn "hochsensible" Esos die Hosen herunterlassen, sieht man auch nichts anderes als ein schnödes Arschloch. ;-)

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Die ersten Kätzchen


"In der Nacht vom 24. auf den 25. März 2014 besetzte eine kriegerische Schar von Esoterik-Jüngern die Redaktion des Narrenschiffes, wobei der Inhalt mehrerer Portokassen und eine Anzahl beweglicher Gegenstände dem politischen Kampf zum Opfer fielen. Um der esoterischen Auffassung von Pressefreiheit Rechnung zu tragen, bringen wir die vorliegende, wie wir hoffen, unanstößige Nummer heraus. So stellt man sich auf den Boden der Tatsachen."

(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 51 vom 18.03.1919)