Dienstag, 2. September 2014

Song des Tages: Snake Oil




(Saga: "Snake Oil", aus dem Album "Generation 13", 1995)

We hope you're feeling better
We know you've been under the weather
We can put you back together
But nothing will last forever

We hope you're feeling better
You're a little bit under the weather
If we put you back together
Would you want to live forever?

We hope you're feeling better
We know you've been under the weather
We can put you back together
But nothing will last forever

We hope you're feeling better
You're a little bit under the weather
If we put you back together
Would you want to live forever?

Anmerkung: "Generation 13" ist eines der besten mir bekannten Konzeptalben der progressiven Rockmusik der vergangenen 20 Jahre - es ist daher auch bezeichnend, dass fast niemand es kennt. In diesem kleinen Ausschnitt aus diesem grandiosen Mammutwerk wird der allzu dämliche, weichgewaschene und zynische Versuch der elitären Obrigkeit einer dystopischen Orwell-Welt in Musik gegossen, den "fehlgeleiteten", weil selber denkenden und daher auf oppositionelle Wege geratenen Protagonisten zurück in die dumpfe Schlichtheit der dystopischen Einheits- bzw. Sklavengesellschaft zu führen. Das gewählte musikalische Zirkus-Thema an dieser Stelle ist ein flammender Kommentar für den nur noch absurd zu benennenden Zustand der in dieser Rockoper beschriebenen, furchtbaren Welt - die wenig zufällig unserer heutigen verkommenen Realität verdächtig nahe kommt.

Ich kann jedem nur empfehlen, sich das komplette Werk anzuhören - und das nicht nur einmal, sondern immer wieder. Diese Musik hat zum Glück nichts mehr zu tun mit den Saga-Songs aus den 80ern, mit denen die Band einstmals kommerzielle Erfolge feierte. So beginnt das Epos ... doch wie es endet, findet Ihr besser selber heraus.


Montag, 1. September 2014

Journalismussimulation: Wenn der Mainstream einen Hauch Realität erschnüffelt


In seinem Blog bei "standart.at" hat der österreichische Journalist Robert Misik vor kurzem einen kleinen Text veröffentlicht, den er mit der folgenden Überschrift versehen hat:

"Wenn die Welt am Abgrund torkelt / Wohin man blickt: Kollaps- und Zusammenbruchserscheinungen"

In der frohen Hoffnung, endlich einmal Klartext von einem zumindest halbwegs "etablierten" Mainstream-Journalisten, der gelegentlich sogar schon vergleichsweise an Vernunft grenzende Artikel veröffentlicht hat, lesen zu dürfen, in dem nun auch Ross und Reiter beim Namen genannt und vielleicht sogar der eine oder andere Hintergrund beleuchtet werden könnte, öffnete ich den Text - und blickte völlig entgeistert auf drei einsame, kleine Textabsätze nebst einem Schlusssatz. Nein, Klartext ist hier natürlich nicht zu erwarten, Hintergrundinformation erst recht nicht.

Es scheint für heutige Mainstream-Journalisten schon einer ausgewachsenen Novemberrevolution biblischen Ausmaßes gleichzukommen, wenn überhaupt einmal der zarte Versuch gewagt wird, leicht zweifelnde Fragen diffus in den Raum zu stellen, die eine mögliche Verbindung von "Finanzkrise", "Wirtschaftkrise" und drastisch zunehmenden Kriegen weltweit zum Inhalt haben - nur um sie gleich danach durch einen albernen, das vorher ultraleicht Angedeutete sofort wieder ins Absurde ziehenden Schlussatz zu relativieren. Diese drei Absätzchen illustrieren ganz vorzüglich die totale Bankrotterklärung des westlichen, "freiheitlich-demokratischen" Journalismus' und entblößen ihn unfreiwillig als wesentlichen Bestandteil der kapitalistischen Dauerpropaganda.

Es ist fast unnötig zu erwähnen, dass weitere wesentliche Bestandteile der momentanen, auf Untergang gestimmten Endphase des kapitalistischen Zyklus' - wie etwa die massiv anwachsende Armut bis hin zum furchtbaren Elend auch inmitten der Zentren der kapitalistischen Geld- und Prunk-Burgen, die gleichzeitige Anhäufung von absurdesten Super-Vermögen in den Händen einiger weniger offensichtlich geistesgestörter Individuen oder auch das zum absurden, gar grotesken Theater aufgeblähte Wahl- und Medienspektakel des pseudodemokratischen Buhlens gleichgeschalteter neoliberaler Blockparteien um "Wählerstimmen" - in diesem Textlein gar nicht erst vorkommen. Die Worte "Kapitalismus", "Neoliberalismus", "Korruption" oder meinetwegen auch irgendwelche Synonyme dieser Begriffe kommen dort gar nicht erst vor - die bösen Katastrophen brechen auch in Misiks kleiner rosafarbenen Kindergartenwelt offenbar wie von Geister- oder Gotteshand geführt quasi schicksalhaft über die armen Menschen herein, die dem teuflischen Unheil scheinbar hilflos ausgeliefert sind.

Eigentlich würde und müsste ich solchen Blödsinn schon seit vielen Jahren gar nicht mehr lesen und ihn erst recht nicht mehr bewerten - wenn es da nicht das kleine fatale Detail gäbe, dass trotz aller offenkundiger Absurditäten noch immer eine große Anzahl von Menschen dieser strunzdummen Propaganda regelmäßig auf dem Leim geht und sie - man fasst das nicht - gar für mehr oder weniger "unabhängige" Informationen hält.

Was treibt beispielsweise einen Herrn Misik dazu, aus dem reichhaltigen Fundus der gegenwärtigen Untergangssymptome nur einige wenige herauszugreifen, sie aneinanderzureihen und nicht einmal um sieben Ecken die Frage nach den tatsächlichen Ursachen dafür zu stellen, die ja wahrlich nicht schwer zu ermitteln sind? Misik ist gewiss kein dummer Mensch - was also treibt jemanden wie ihn an? Ist es denn wirklich so profan, dass einjeder nur an seine eigene "berufliche Existenz", das eigene Bankkonto, die eigene "Stellung" in diesem völlig verkommenen, pervertierten System denkt?

Wenn das zuträfe, hätten die perversen Eigennutzmehrer der neoliberalen Bande das Spiel einmal mehr gewonnen - und anachronistische Relikte wie ich stürben demnächst aus. Ich bin geneigt, den Konjunktiv an dieser Stelle als einen letzten Rest meines humanistischen Wunschdenkens anzusehen.


"Die Freiheit der Presse."

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 40 vom 31.12.1918)

Freitag, 29. August 2014

Vorsicht: Satire!


Gelegentlich liebe ich es, das "Alphamännchen" zu spielen und lustige Begebenheiten aufzusammeln. Ich stehe zu dieser Unsitte und weiß, dass sie ein schlechtes Licht auf mich wirft, das ich kaum jemals wieder loswerden kann. Die folgende Dreieinigkeit muss ich aber trotzdem erbrechen, da der dusselige Schalk, der mir im Nacken sitzt, mir den selbigen ansonsten bräche - ich bitte alle feinsinnigen und anderweitig sensiblen LeserInnen nachdrücklich um tiefgehende Nachsicht.

1. Charlie schrieb am 28.07.14: "Ganz am Rande: Glaubst Du tatsächlich, dass es es sich bei dem urplötzlich aufgetauchten Blog 'ninatabai.com' um das Blog einer ausnehmend jungen Dame mit dem abgeklärten Weitblick eines alten Haudegens handelt, die ganz zufällig in den letzten Tagen wohl platzierte Kommentare in diversen linken Blogs hinterlassen, sich aber auf weitergehende Diskussionen nirgends eingelassen hat? / Nenne mich paranoid, aber hier stinkt etwas ganz gewaltig."

2. Burkhard schrieb am 25.08.14: "Ich bin im übrigen der Meinung, dass ninatabai.com ein Fake-Account ist und eine 'Nina Tabai' nicht existiert, sondern ein Mann ist."

3. Flatter von und zu Feynsinn schrieb am 25.08.14, etwas später: "Ich habe diese Vermutung auch bereits geäußert (...)."

Also, ich find's lustig - auch wenn ich vermutlich der einzige bin, dem das so geht. :-) Da kann ich nur noch einmal den Flattrigen zitieren und diesen peinlichen Post damit abschließen und im Netznirwana versenken: "So what"!?!

Donnerstag, 28. August 2014

Eigenzitat des Tages: Ohne Titel [Der Regen]


Das folgende Gedicht habe ich im Alter von etwa 20 Jahren verfasst, als ich allmählich und erst in groben Ansätzen erkannt habe, in welche irrsinnigen, völlig abwegigen Regionen mich meine damalige christlich motivierte Sozialisation führen würde, wenn ich nicht endlich mein Gehirn einschaltete. Ich habe dann versucht, besagtes Gehirn zu bemühen, und herausgekommen ist dieser Text:

der regen, er tröpfelt vom herzgrauen himmel
und rinnt so bedächtig in unseren geist.
der fall jener sonne in todgrünem schimmel -
ach, dass er die kuppel hier bloß nicht zerreißt!

und tränen, sie fließen - beständiges bohren -
stetig und kraftvoll die berge hinan,
erreichen die gipfel mit goldenen toren -
und brechen sie auf: wo ist der tyrann?

du schöpfer, du pfuscher, du gott aller wunden,
erscheine, verräter, die wangen sind nass!
das herz ist zerstört, verfault, schon verschwunden,
der brocken der brust verspürt nur noch hass!

so irre ich schreiend im himmel herum,
allein und gebrochen, ich fühle nichts mehr.
doch vor der unfassbarkeit werde ich stumm:
im himmel nur tränen, ein regnendes meer -
sonst ist er leer.


Dieses Gedicht hat mir sehr geholfen, meinen Weg durch all die religiösen Nebelkerzen, die immer wieder - unabhängig von der jeweiligen Zeit und der jeweiligen Religion - gezündet werden, zu finden. Die Pfarrerstochter, mit der ich damals liiert war und die um Gottes Willen nicht "Merkel" hieß, meinte damals dazu nur trocken: "Dieser Realismus ist widerlich und ekelhaft, aber wohl leider wahr." Dennoch hat sie weiter Theologie studiert und das Studium auch erfolgreich abgeschlossen.

Das sagt wohl mehr über den Menschen und seine irrwitzige Bindung an irgendwelche himmelschreiende Religionen aus als es jeder geschriebene Text jemals könnte.

Evolution, wo zur Hölle bist Du?

---

Bestrafte Ketzerei


"Die glaubten nicht an Darwin."

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 28 vom 12.10.1925)

Song des Tages: All Alone




(Saturnus: "All Alone", aus dem Album "Veronika Decides To Die", 2006)

I'm standing here
Watching the clouds float by
Wondering why the pain never deserted me
The sadness, sorrow, bewilderness that never left

I'm flying away ... I'm flying away ...

Holding hands with myself
Sharing life with myself
Reaping the loneliness I've sown
In these fields I've always grown

Digging the blackness from my mind
I will die all alone ...


Dienstag, 26. August 2014

Zementierung eines Klischees: Die zunehmende Verachtung der Armut durch das "Bildungsbürgertum"


Wisst Ihr alle genau, was "das Prekariat" ist - insbesondere in scharfer, genau definierter Abgrenzung zum "Bildungsbürgertum"? Wer diese Frage bejaht, braucht gar nicht weiterzulesen - alle anderen aber sollten sich diesen haarsträubenden Artikel aus der Süddeutschen zu Gemüte führen: "Bildungsbürgertum versus Prekariat". Eine Lehrerin aus der Nähe von Augsburg namens Heidemarie Brosche "ärgert" sich dort über die Verachtung der Armen durch die "Gebildeten" - und klärt uns erst einmal auf:

Aber dann wird mir wieder bewusst: Die Welt der Menschen mit wenig Bildung ist komplett anders als die der Bildungsbürger. Viele der Geschmähten haben einen anderen Verhaltenskodex. Sie treten kaugummischmatzend zur Sprechstunde an, telefonieren während der Schultheater-Aufführung, stellen im Kontakt mit dem Lehrer naiv zu viel Nähe her oder treten ihm vor lauter Unsicherheit gleich bei der ersten Begegnung mit anmaßendem Kraftgebaren entgegen. Sie vernachlässigen ihren Körper, ernähren sich falsch, bewegen sich zu wenig oder betreiben einen absurd anmutenden Körperkult mit Sonnenstudio-Exzessen, der Züchtung von Muskelbergen oder Nail-Design-Events. Ihre Kinder erziehen sie zwischen grenzenlosem Gewähren-Lassen und Vernachlässigung.

Das muss man erst einmal sacken lassen. Eine so umfassende Verunglimpfung und Diffamierung von Millionen von Menschen, eine derartige Anhäufung von dumpfesten Verallgemeinerungen und RTL2-Klischees kann ich mir noch nicht einmal im Fischeinwickelblatt aus dem Hause Springer vorstellen. Die bildungsbürgerliche Heidemarie zieht hier alle Register des Dumpfbackentums und der stumpfsinnigen Verachtung - und das ausgerechnet unter der Prämisse, diese Verachtung anprangern zu wollen. Ein solcher Irrsinn ist mir in unseren Kuhmedien schon lange nicht mehr in solcher widerwärtiger Deutlichkeit ins Gesicht gesprungen.

Das fängt schon im Fundament an: Wie selbstverständlich wird hier der Begriff "Prekariat" bemüht - natürlich ohne zu hinterfragen, wie es denn wohl sein kann, dass es in einem der reichsten Länder der Welt überhaupt so etwas wie Armut - und dann auch gleich millionenfach - geben kann. Das interessiert die Heidemarie offensichtlich nicht und ändern will sie es wohl ebenfalls nicht. Auch treffen wir hier wieder auf die altbekannte Propagandamär der neoliberalen Bande, die seit Jahrzehnten gebetsmühlenartig auf allen Kanälen wiederholt wird, bis auch die letzte hirntote Lehrerin es begriffen hat: "Bildung (= gesittet auftretende Menschen, die wohlhabend, reinlich und ernährungsbewusst sind) versus Prekariat (= asozial agierende Menschen, die arm, dreckig und fett sind)". Allein die Umkehrung der Logikfolge in diesem "gegensätzlichen Begriffspaar" ist schon entlarvend genug: Auf der einen Seite sei es die Bildung, die den Wohlstand und die "guten Sitten" zur Folge habe, auf der anderen sei es wie selbstständlich die Armut, aus der die Unbildung und das "asoziale Verhalten" resultierten. Anders ist die hirnschmelzende Überschrift "Bildungsbürgertum versus Prekariat" kaum logisch zu verstehen.

Daran ist nun bekanntermaßen alles falsch - es gibt selbstverständlich gebildete Menschen, die arm sind, und es gibt ungebildete Menschen, die reich oder sogar sehr reich sind. Genauso gibt es asoziales Verhalten in den Kreisen der Reichen und Superreichen ebenso wie in allen anderen Gesellschaftsschichten - wobei sich die Waagschale des asozialen Verhaltens nach meiner Wahrnehmung doch deutlich zur Seite der Reichen neigt.

Wenn ich ein solches Pamphlet lese, wird mir wieder einmal klar: Die Welt solcher Menschen wie Heidemarie, die sich für gebildet, wohlhabend und wohlgesittet halten, ist eine komplett entrückte, die mit der Realität nichts zu tun hat. Wer das im Text bemühte "haarsträubende Verhalten" sucht, wird genau hier fündig. Ich befürchte, dass diese Lehrerin es nicht einmal bemerkt (und den Vorwurf auch strikt von sich wiese), dass sie mit diesem Artikel exakt das tut, was sie vorgeblich zu kritisieren versucht: Sie zementiert dumpfeste Klischees, zündet reihenweise Nebelkerzen und Propagandabomben und gießt im Vorbeigehen gleich kübelweise Schmutz über die aus den unterschiedlichsten Gründen vom Kapitalismus ausgesonderten, abgehängten und zwangsverarmten Menschen, dass es nur so rauscht.

Heidemarie hat offenbar in der Schule nicht aufgepasst und erklärt die individuellen Erlebnisse aus ihrem kleinen, subjektiven Mikrokosmos, die sie "Erfahrung" nennt, kurzerhand zum allgemeingültigen Fakt. Damit disqualifiziert sie sich unmittelbar selbst und fällt aus der Gruppe des "Bildungsbürgertums" schon per definitionem heraus. Ich schlage vor, für solche Leute einen neuen Begriff einzuführen, nämlich das schlechtbürgerliche Dumpfbackentum oder auch "die Vogelscheuchen". Es ist traurig und (bildungs-)bezeichnend, dass man darunter auf Anhieb gleich halb Deutschland oder mehr einordnen müsste. Und das ist selbstverständlich kein Zufall.

---

Sonntagsausflug der Vogelscheuchen



(Zeichnung von Alfred Kubin [1877-1959], in "Simplicissimus", Heft 21 vom 19.08.1919)

Samstag, 23. August 2014

Film des Tages: Harodim




Anmerkung: Dieser Spielfilm (2012) mit Travis Fimmel, Michael Desante und dem Altmeister Peter Fonda ist natürlich Fiktion, so wie alle Spielfilme - auch wenn sie historische Begebenheiten zum Thema haben - stets Fiktion und keine Dokumentationen sind. Eine kurze Inhaltsangabe von Blickpunkt:Film dazu (obwohl die gleich in mehreren Details falsch ist - aber das soll und kann jeder Zuschauer beim Ansehen selbst bemerken):

Lange Jahre hat der ehemalige Elitesoldat Lazarus privat und geheim nach jenem hochrangigen Al-Quaida-Führer gefahndet, der nun gefesselt in einem versteckten Bunker unter einem Wiener Bahnhof in seiner Gewalt ist. Für Lazarus ist die Zeit gekommen, Rache zu nehmen an dem Mann, der an den Anschlägen am 11. September beteiligt war und den Tod seines Vaters verschuldet hatte. Doch der überaus rechtschaffene Gefangene packt aus - und erzählt dem ungläubig Staunenden seine Version über Afghanistan, Al-Quaida, die CIA und ihre schmutzigen Machenschaften.

In diesem brillant inszenierten und von den drei Darstellern eindrücklich gespielten Kammerspiel werden viele der gängigen Verschwörungstheorien zu den Ereignissen am 11. September 2001 aufgegriffen, so dass der Film sich schon allein deshalb wohltuend von der üblichen Hollywood-Kost zu diesem Thema unterscheidet. Drehbuchautor und Regisseur Paul Finelli hat diesen Film allerdings in Österreich gedreht, weil er nach eigenen Angaben in Hollywood keine Financiers für den Streifen finden konnte.

Ich empfehle das Ansehen nachdrücklich - nicht etwa, weil ich jeder einzelnen Aussage zum 11. September, die hier getroffen wird, zustimme (zumal zum Ende hin der verschwörungstheoretische Teil ins fast Absurde driftet), sondern weil der Film - anders als viele Dokumentationen oder Pseudo-Dokumentationen - tatsächlich zum eigenen Denken (als Kontrast zum bloßen Rezipieren konträrer Meinungen) anregt und den Zuschauer eindringlich daran erinnert, wie wichtig in unserer Welt das kritische Nachdenken und nicht zuletzt auch der Zweifel sind. Ich will nicht zuviel vorwegnehmen, aber der lange Monolog, den Peter Fonda am Schluss des Films in seiner Rolle als Solomon Fell hält und der exemplarisch die brutale, faschistische Weltsicht eines Teils der globalen Finanz-"Elite", also der Superreichen, zum Inhalt hat, gehört zum Besten, was dieser Schauspieler in seinem langen Leben abgeliefert hat.

Einzig der entnervende, völlig deplatzierte und allzu dümmliche Abspann, der die gesamte bis dahin aufgebaute Atmosphäre des Films mit einem Schlag rückhaltlos zerstört, schmälert den Genuss doch arg. Man kann ein Shakespeare-Drama natürlich auch mit einem dummen Modern-Talking-Trällerliedchen enden lassen - aber was der Regisseur sich dabei wohl gedacht haben mag, bleibt - zumindest mir - ein Geheimnis.

Der Film ist hier in deutscher Synchronfassung zu sehen - Ihr solltet ihn Euch wirklich anschauen, und das möglichst bald, denn wer weiß schon, wie lange er bei youtube noch verfügbar ist. Es ist eher unwahrscheinlich, dass unser Propaganda-TV ihn in näherer Zukunft ausstrahlen wird.

Anmerkung: Falls jemand Probleme mit dem Abspielen des Videos haben sollte, bitte einfach auf das "youtube"-Logo, das sich unten rechts im Videofenster findet, klicken, dann kann man es direkt bei youtube anschauen:

Ich wusste nicht, dass dies noch nicht allgemein bekannt ist, sorry.




Donnerstag, 21. August 2014

"Es wird ernst": Das neue Kriegszeitalter der neoliberalen Bande der Habgierigen


Die deutsche Kriegslobby konzentriert sich bekannter Maßen in Bayern - daher ist es auch kein Wunder, dass in der Propagandashow "Tagesthemen" vom 20.08.14 (ab Minute 4:10) ausgerechnet der widerliche Schlips-Borg Siegmund Gottlieb von "Bayrischen Rundfunk" - gern euphemistisch als "Journalist" bezeichnet - in einem Kommentar den Aufbruch Großdeutschlands ins neue Kriegszeitalter bekannt gegeben hat. Ich dokumentiere den Wortlaut seines Pamphlets an dieser Stelle, damit er erhalten bleiben möge:

Endlich - der Tabubruch war fällig! Der jahrzehntelang gültige Grundsatz deutscher Sicherheits- und Außenpolitik ist das Papier nicht mehr wert, auf dem er geschrieben steht. "Keine Waffen in Spannungsgebiete", hieß es bis heute - das ist vorbei. Unser politisches Spitzenpersonal in Berlin hat sich nach langem Zögern für einen Sinneswandel entschieden. Nach Tagen unentschieden-unerträglicher Wortakrobatik hat die Regierung eine historische Entscheidung getroffen, die riskant ist, aber ohne Alternative.

Deutschland wird also Waffen an die Kurden liefern, weil diese zur Stunde den letzten Schutzwall gegen den Durchmarsch islamischer Terroreinheiten bieten, die in blutrünstiger Barbarei hemmungslos gegen Andersgläubige wüten.

Angesichts dieser extrem dramatischen Lage haben die Kanzlerin und der Außenminister endlich das "Prinzip Verantwortung" anstelle einer "Ohne uns"-Prinzipientreue gestellt, die sich angesichts dieses Völkermords ja zynisch als unmenschlich erwiesen hat.

Die Regierung hat sich mit dem heutigen Schritt zu einer neuen, noch ungewohnten Haltung durchgerungen. Deutschland ist dabei, seinem starken Gewicht in Europa entsprechend zu reagieren. Dieser Tag gibt unseren Verbündeten das Signal, dass wir bereit sind, auch militärisches Engagement und seine Risiken fair mit ihnen zu teilen.

Lange Zeit und immer wieder historisch begründet, haben wir ein fragwürdiges Recht auf "Wegsehen" für uns in Anspruch genommen. Das war bequem.

Ab jetzt wird es ernst.

An diesem Text ist alles falsch, was falsch sein kann. Waffenlieferungen in Kriegsgebiete bleiben nach gültigem Recht rechtswidrig, auch wenn Merkel und Gabriel das nun missachten. Zur Verantwortung ziehen wird diese Gestalten dennoch niemand in unserem tollen "Rechtsstaat". Für einen umfassenden "Völkermord" im Nordirak gibt es keinerlei Beweise - als "Beweis" muss in diesem Fall ein zweifelhaftes Video ausreichen, das den angeblichen Mord an einem US-Amerikaner zeigt. Doch selbst wenn dieses Video authentisch sein sollte, bewiese es doch lediglich die Niedertracht einer kleinen Gruppe von mordlustigen Verbrechern, aber keineswegs einen "Völkermord".

Währenddessen werden anderswo ganz offiziell und ohne Zweifel in staatlichem Auftrag die Frau und das Kind eines "Verdächtigen" ermordet, ohne dass es irgendeinen vergleichbaren Aufschrei dazu gäbe, und das ist nur ein einziges Beispiel von so vielen weltweit. Ein "Eingreifen" der "demokratischen Helden des Westens" - nach der perversen Unlogik der Kriegstreiber - wird natürlich absurd, wenn der Mord aus den eigenen Reihen erfolgt ist.

Es müsste inzwischen doch auch dem letzten Dorfdeppen klar geworden sein, dass es hier nicht um das Wohlergehen der bedrohten Menschen im Irak geht - wenn das zuträfe, wäre es die naheliegendste (und einzig legale) Möglichkeit, die UN mit einem entsprechenden Auftrag zu betreuen und die bedrohten Menschen auf diese Weise zu schützen - was ausdrücklich auch bedeutete, keinen aktiven Krieg gegen die Bedroher zu führen. Das war ursprünglich der Sinn und Zweck der UN-"Blauhelme". Gleichzeitig müsste es eine Welle der humanitären Hilfe und eine umfassende Bereitschaft geben, Flüchtlinge aus diesem Gebiet aufzunehmen. Darum geht es den Kriegstreibern in Deutschland und den USA aber nicht - die Menschen und deren Wohlergehen sind denen völlig schnurz.

Gerade die deutschen Schlips-Borg - das wird an dem Gottlieb-Pamphlet aus Bayern nur allzu deutlich - wittern hier die Chance, an den imperialistischen Kriegen der USA teilhaben zu können und davon zu profitieren. Die Religion der Habgier (--> Kapitalismus) tritt ein in eine neue Phase - und ich befürchte, es könnte die finale Phase sein.

Der einzige Ausspruch, dem ich aus dem widerlichen Kommentar des noch widerlichen Gottlieb zustimmen muss, ist dieser, wenn auch aus gänzlich anderen Gründen:

Es wird ernst.

In der Tat. Die Decke der Zivilisation ist allzu dünn, und es bedarf nur weniger Aktionen, um sie zu entfernen. Die Bande arbeitet eifrig daran.

---

Das alte Spiel


Der Boden muss immer mal wieder gedüngt werden, damit der Weizen der internationalen Rüstungsindustrie blüht!

(Zeichnung von Eduard Thöny [1866-1950], in "Simplicissimus", Heft 47 vom 21.02.1932)

Song des Tages: Hello (Dreaming of the Past)




(Blackfield: "Hello", aus dem Album "Blackfield", 2004)

Through a different kind of silence
I'm waiting, I'm wasting
Into the road of sadness
I'm walking without you

Hello, hello, hello, hello -
Is it gonna last?
Why don't you come and take me with you?
And so I know you had to go
I'm dreaming of the past
An echo of the years we passed through

Asleep in your arms I'm drifting
I'm falling in sorrow
Dead to the world you left me
In footsteps I follow


Dienstag, 19. August 2014

Gesprächsfetzen: In vino veritas


Mein Freund Jan (betrunken) und ich (betrunken) waren gegen drei Uhr nachts auf dem Heimweg von irgendeiner Party, begleitet von einem unbekannten Typen (betrunken), den wir unterwegs irgendwo aufgegabelt hatten. In der linken Hand jeweils eine Ein-Liter-Dose "Faxe"-Bier, das wir an der letzten Nachttanke auf dem langen Weg noch erworben hatten, in der rechten eine glimmende Kippe, so schwankten wir die finstere Straße durch die Vorstadt entlang in Richtung Schlafplatz. Dabei entspann sich der folgende Dialog:

Jan: Samma, würd'st du auch mit loszieh'n, wenn die jetzt widda mit dem Ballern anfangen - so richtich, mein' ich, nicht nur'n bisschen?
Charlie: Bissu bekloppt, du weiß' doch wie ich über den Scheiß denke!
Jan: Ja, abba mal angenommen, die schmeißen widda Bomben, und das nich' nur irgendwo in Hinterfotzien, sondern hier?
Charlie: Dann geh' ich kotzen! Ich kotz' doch sowieso den ganzen Tach über diese Arschlöcher ...
Jan: Toll, dann kotzen wir zusammen!
Unbekannter Typ: Hassu ma' 'ne Kippe? Ich glaub' ich muss ...

Und dann kotzte er, und zwar laut und nachhaltig, direkt in den natürlich von einem hohem Gitter abgesperrten Zugang zu einer Prunkvilla, an der wir gerade vorbeiwankten. Ein besserer Kommentar wäre mir weder in betrunkenem, noch in irgendeinem anderen Zustand eingefallen. Danke, unbekannter Typ!

Zitat des Tages: Die Küchenuhr


Sie sahen ihn schon von weitem auf sich zukommen, denn er fiel auf. Er hatte ein ganz altes Gesicht, aber wie er ging, daran sah man, dass er erst zwanzig war. Er setzte sich mit seinem alten Gesicht zu ihnen auf die Bank. Und dann zeigte er ihnen, was er in der Hand trug.

Das war unsere Küchenuhr, sagte er und sah sie alle der Reihe nach an, die auf der Bank in der Sonne saßen. Ja, ich habe sie noch gefunden. Sie ist übrig geblieben. Er hielt eine runde tellerweiße Küchenuhr vor sich hin und tupfte mit dem Finger die blau gemalten Zahlen ab.

Sie hat weiter keinen Wert, meinte er entschuldigend, das weiß ich auch. Und sie ist auch nicht besonders schön. Sie ist nur wie ein Teller, so mit weißem Lack. Aber die blauen Zahlen sehen doch ganz hübsch aus, finde ich. Die Zeiger sind natürlich nur aus Blech. Und nun geht sie auch nicht mehr. Nein. Innerlich ist sie kaputt, das steht fest. Aber sie sieht noch aus wie immer. Auch wenn sie jetzt nicht mehr geht.

Er machte mit der Fingerspitze einen vorsichtigen Kreis auf dem Rand der Telleruhr entlang. Und er sagte leise: Und sie ist übrig geblieben.

Die auf der Bank in der Sonne saßen, sahen ihn nicht an. Einer sah auf seine Schuhe und die Frau sah in ihren Kinderwagen. Dann sagte jemand:
Sie haben wohl alles verloren?
Ja, ja, sagte er freudig, denken Sie, aber auch alles! Nur sie hier, sie ist übrig. Und er hob die Uhr wieder hoch, als ob die anderen sie noch nicht kannten.
Aber sie geht doch nicht mehr, sagte die Frau.
Nein, nein, das nicht. Kaputt ist sie, das weiß ich wohl. Aber sonst ist sie doch noch ganz wie immer: weiß und blau. Und wieder zeigte er ihnen seine Uhr. Und was das Schönste ist, fuhr er aufgeregt fort, das habe ich Ihnen ja noch überhaupt nicht erzählt. Das Schönste kommt nämlich noch: Denken Sie mal, sie ist um halb drei stehen geblieben. Ausgerechnet um halb drei, denken Sie mal.

Dann wurde Ihr Haus sicher um halb drei getroffen, sagte der Mann und schob wichtig die Unterlippe vor. Das habe ich schon oft gehört. Wenn die Bombe runtergeht, bleiben die Uhren stehen. Das kommt von dem Druck.
Er sah seine Uhr an und schüttelte den Kopf. Nein, lieber Herr, nein, da irren Sie sich. Das hat mit den Bomben nichts zu tun. Sie müssen nicht immer von den Bomben reden. Nein. Um halb drei war etwas ganz anderes, das wissen Sie nur nicht. Das ist nämlich der Witz, dass sie gerade um halb drei stehen geblieben ist. Und nicht um viertel nach vier oder um sieben. Um halb drei kam ich nämlich immer nach Hause. Nachts, meine ich. Fast immer um halb drei. Das ist ja gerade der Witz.

Er sah die anderen an, aber sie hatten ihre Augen von ihm weggenommen. Er fand sie nicht. Da nickte er seiner Uhr zu: Dann hatte ich natürlich Hunger, nicht wahr? Und ich ging immer gleich in die Küche. Da war es dann fast immer halb drei. Und dann, dann kam nämlich meine Mutter. Ich konnte noch so leise die Tür aufmachen, sie hat mich immer gehört. Und wenn ich in der dunklen Küche etwas zu essen suchte, ging plötzlich das Licht an. Dann stand sie da in ihrer Wolljacke und mit einem roten Schal um. Und barfuß. Und dabei ist unsere Küche gekachelt. Und sie machte ihre Augen ganz klein, weil ihr das Licht so hell war. Denn sie hatte ja schon geschlafen. Es war ja Nacht. So spät wieder, sagte sie dann. Mehr sagte sie nie. Nur: So spät wieder. Und dann machte sie mir das Abendbrot warm und sah zu, wie ich aß. Dabei scheuerte sie immer die Füße aneinander, weil die Kacheln so kalt waren. Schuhe zog sie nachts nie an. Und sie saß so lange bei mir, bis ich satt war. Und dann hörte ich sie noch die Teller wegsetzen, wenn ich in meinem Zimmer schon das Licht ausgemacht hatte. Jede Nacht war es so. Und meistens immer um halb drei. Das war ganz selbstverständlich, fand ich, dass sie mir nachts um halb drei in der Küche das Essen machte. Ich fand das ganz selbstverständlich. Sie tat das ja immer. Und sie hat nie mehr gesagt als: So spät wieder. Aber das sagte sie jedes Mal. Und ich dachte, das könnte nie aufhören. Es war mir so selbstverständlich. Das alles war doch immer so gewesen.

Einen Atemzug lang war es still auf der Bank. Dann sagte er leise: Und jetzt? Er sah die anderen an. Aber er fand sie nicht. Da sagte er der Uhr leise ins weißblaue runde Gesicht: Jetzt, jetzt weiß ich, dass es das Paradies war. Das richtige Paradies. Auf der Bank war es ganz still. Dann fragte die Frau: Und Ihre Familie?
Er lächelte sie verlegen an: Ach, Sie meinen meine Eltern? Ja, die sind auch mit weg. Alles ist weg. Alles, stellen Sie sich vor. Alles weg.

Er lächelte verlegen von einem zum anderen. Aber sie sahen ihn nicht an. Da hob er wieder die Uhr hoch und lachte. Er lachte: Nur sie hier. Sie ist übrig. Und das Schönste ist ja, dass sie ausgerechnet um halb drei stehen geblieben ist. Ausgerechnet um halb drei.

Dann sagte er nichts mehr. Aber er hatte ein ganz altes Gesicht. Und der Mann, der neben ihm saß, sah auf seine Schuhe. Aber er sah seine Schuhe nicht. Er dachte immerzu an das Wort Paradies ...

(Wolfgang Borchert [1921-1947]: "Die Küchenuhr", aus dem Erzählband "An diesem Dienstag", Rowohlt 1947)

Montag, 18. August 2014

Kunst in Laienaugen: Versuch einer Bildinterpretation von George Grosz' "Der Überlebende"


Im vorletzten Posting habe ich ein Gemälde eines meiner Lieblingsmaler zur Illustration benutzt - nämlich das Ölgemälde "Der Überlebende" von George Grosz, das (je nach Quellenangabe) 1944 oder 1945 entstanden ist. Nach einigen irritierenden Rückmeldungen habe ich nun den Eindruck, das dieses Bild nicht von allen so verstanden wird, wie ich es auffasse - und möchte deshalb meine Gedanken dazu noch einmal gesondert mitteilen. Es handelt sich dabei um meine ganz persönliche, laienhafte Wahrnehmung - denn ich bin kein "Experte" in Sachen Malerei.



Zur Zeit der Entstehung dieses Bildes stand der Zweite Weltkrieg kurz vor seinem absehbaren Ende und der von den Nazis verfolgte deutsche Künstler Grosz befand sich längst im Exil in den USA.

Wir sehen hier im Hintergrund eine brennende, zerstörte, offensichtlich deformierte Welt, während im Vordergrund ein Schlammloch das Bild beherrscht. Die dominierende Hintergrundfarbe ist schwarz. In diesem Schlammloch sehen wir einen Menschen, der durch den Morast kriecht: Er hat schlohweiße Haare, obwohl es sich offensichtlich nicht um einen Greis handelt; er hat einen Gesichtsausdruck und einen Blick, den man bestenfalls als "irre" oder "psychopathisch" bezeichnen kann; er hat ein verrostetes oder blutverschmiertes, riesiges Messer zwischen den Zähnen; er klammert sich mit den Händen an eine offensichtliche Waffe, die vielleicht ein Flammenwerfer sein könnte - genau erkenne ich das nicht. Wer mag sich vorstellen, was dieser Mensch mitansehen und selbst tun musste, bis er in diese Lage kam?

Er trägt keine erkennbare Uniform, die irgendeiner der damaligen Kriegsparteien zuzuordnen wäre - es könnte sich also um einen deutschen, einen englischen, einen amerikanischen, einen russischen oder sonsteinen Soldaten handeln, ebenso könnte es aber auch ein Zivilist oder ein Flüchtling sein, der gar keiner Armee angehört(e). Das ist wichtig für das Verständnis dieses Bildes.

Wir haben nicht die geringste Ahnung, um was für einen Menschen es sich hier handelt: War er vor dem Krieg vielleicht ein Tischler, ein Lehrer, ein Kaufmann, ein Dieb, ein Vergewaltiger, vielleicht sogar ein Faschist? Das bleibt völlig offen und ist auch ohne Relevanz, denn hier sehen wir lediglich das, was ein Krieg aus einem Menschen zwangsläufig macht - ganz unabhängig davon, was er vorher gewesen sein und welche Ziele er verfolgt haben mag. Wer ein solches Grauen, wie es Kriege immer für die Beteiligten - seien es nun Soldaten oder Zivilisten - darstellen, durchleben muss, ist danach niemals derselbe Mensch, der er vorher gewesen ist. Grosz zeigt uns das hier exemplarisch und in einer, wie ich finde, äußerst nachdrücklichen und aufrüttelnden Form.

Möchte dieser irrsinnigen, äußerst bedauernswerten und kranken Gestalt, die da durch den Schlamm kriecht, jemand vielleicht seine Kinder zum Schutz anvertrauen? Nein? Wie um alles in der Welt kann ein halbwegs gesunder, nicht vom Krieg gezeichneter Mensch auf den grotesken Gedanken kommen, solche Menschen, die durch die Hölle gegangen sind bzw. dazu getrieben wurden bzw. gehen mussten, könnten hernach für "Freiheit", "Demokratie" oder gar - ich wage das kaum zu schreiben - "Humanismus" einstehen können? Ich habe fast den Eindruck, dass inzwischen viele Menschen in unserem vollkommen degenerierten "Kulturkreis" den infantilen, völlig absurden Kindergarten-Blödsinn aus Hollywood für bahre Münze nehmen, in dem ein fieser Bösewicht sich durch Menschenmassen schlachtet oder schlachten will und von einem wackeren Helden, der sich seinerseits durch "böse" Menschenmassen schlachtet, aufgehalten wird - und am Ende sind alle glücklich, das "Gute" hat gesiegt und alle - bis auf die "Bösen", denn die sind dann ja geköpft, gemordet, verbrannt, gevierteilt, gehäutet ... - sind glücklich.

George Grosz zeigt uns hier das Gegenteil, nämlich die böse und bis heute geleugnete Realität: Das da im Schlamm, dieses kriechende, irrsinnge Etwas mit dem Messer zwischen den Zähnen, das bleibt am Ende - neben Leichenbergen, verbrannter Erde, Hass und dem überbordenden Potenzial auf folgende Kriege in einer immerwährenden Endlosschleife - übrig, und zwar auf allen Seiten: Zerstörte, deformierte "Überlebende", die oftmals zu keinem "normalen" Leben mehr fähig sind.

Notiz am Rande: Grosz' Gemälde befindet sich seit vielen, vielen Jahren in "Privatbesitz", ist also der Öffentlichkeit nicht zugänglich, sondern vermodert in irgendeinem Keller eines natürlich anonymen Superreichen. Solche entartete Kunst soll der Pöbel schließlich nicht zu Gesicht bekommen, sonst käme er womöglich auf Gedanken und könnte lernen ...

Samstag, 16. August 2014

Song des Tages: Frieden, oder: Das Ende der Barbarei




(Reinhard Mey: "Frieden", aus dem Album "Immer weiter", 1994)

Dein Bild in den Spätnachrichten,
Wimmernder, sterbender Soldat.
Eine Zahl in den Kriegsberichten,
Ein Rädchen im Kriegsapparat,
Für einen Schachzug zerschossen
Und für ein Planquadrat im Sand,
Für einen Wahn hast du dein Blut vergossen
Und immer für irgendein gottverdammtes Vaterland!

Wann ist Frieden, endlich Frieden?
Wann ist Frieden, endlich Frieden und all das Elend vorbei?
Wann ist Frieden, endlich Frieden?
Wann ist Frieden, endlich Frieden - und das Ende der Barbarei!

Vielleicht sechs oder sieben Jahre,
Von Granatsplittern verletzt:
Im Flur ein Kind auf einer Bahre,
Ein leises Weinen nur zuletzt.
So sieht es aus, das Bild des Sieges,
Und alle wissen es nur zu gut!
Und den Preis zahl'n die Kinder des Krieges
Von Belfast bis Soweto, von Sarajevo bis Beirut.

Wann ist Frieden, endlich Frieden?
Wann ist Frieden, endlich Frieden und all das Elend vorbei?
Wann ist Frieden, endlich Frieden?
Wann ist Frieden, endlich Frieden - und das Ende der Barbarei!

Ruhmsüchtiger Kriegsminister,
Ehrgeiz'ger, greiser General
Und all eure Mordgeschwister,
Ihr Handlanger im Arsenal:
Habt ihr niemals diese Visionen?
Und ihr da im Rüstungskonzern:
Sie sterben durch eure Kanonen,
Und es klebt Blut an euren saubren Händen,
Ihr sogenannten ehrenwerten Herrn!

Wann ist Frieden, endlich Frieden?
Wann ist Frieden, endlich Frieden und all das Elend vorbei?
Wann ist Frieden, endlich Frieden?
Wann ist Frieden, endlich Frieden - und das Ende der Barbarei!

Wenn die Kriegsherrn in Nadelstreifen,
Die wahren Schuldigen, geächtet sind,
Wenn Soldaten endlich begreifen,
Dass sie potenzielle Tote sind,
Wenn von Politikerversprechen
Sich nur dieses eine erfüllt von all'n,
Wird eine bessere Zeit anbrechen, denn:
"Wer noch einmal eine Waffe in die Hand nimmt,
dem soll die Hand abfall'n!"
*

Wann ist Frieden, endlich Frieden?
Wann ist Frieden, endlich Frieden und all das Elend vorbei?
Wann ist Frieden, endlich Frieden?
Wann ist Frieden, endlich Frieden - und das Ende der Barbarei!

---
*: Zitat ausgerechnet von Franz Josef Strauß (CSU), aus dem Wahlkampf zum 1. Bundestag 1949 - übrigens demselben Wahlkampf, in dem die CDU beispielsweise solche Wahlplakate benutzte, während zwei Jahre zuvor das Parteiprogramm noch solche Passagen enthielt.

Freitag, 15. August 2014

Wenn Entenhausen gewalttätig wird, Teil 2: Kiezneurotische Entgleisungen


Ich habe mich vor einigen Wochen schon einmal darüber ausgelassen, was ich davon halte, wenn Menschen sich - aus welchen Gründen auch immer - für Gewalt und Krieg aussprechen (zum ersten Teil geht es hier) - und jetzt hat ausgerechnet der Kiezneurotiker, dessen Beiträge ich ansonsten oft recht amüsant finde und gelegentlich auch sehr schätze, nachgelegt:

Was schreibt man [zu dem Thema brutale Gewalt von Seiten des IS im Irak und Syrien] als Blogger? Nicht viel offenbar. Es herrscht weitgehende Sprachlosigkeit angesichts der unverbrämten Gewalt, die nichts anderes als Gewalt sein will und das auch ganz offen sagt. Was schreibt man da, wenn man wie jeder vernünftige Mensch den Kriegsdienst verweigert hat? Wie wär's mit dem da: Hier hilft kein Appeasement, hier marschiert die Gewalt und sie hackt Köpfe ab. Man muss sie bekämpfen. Mit Gewalt.

Mir stockte schon mehrmals zuvor beim Lesen des Textes der Atem, aber hier habe ich nur noch rot gesehen und mich gefragt, ob dieser Mensch, der zuweilen echte Perlen ins Netz stellt, nun doch zuviele Drogen eingeworfen hat und den Rest seines Verstandes irgendwo im Propagandanebel zwischen NSA, CIA und Al Quaida verloren hat. Auf die grandiose Idee, Gewalt mit Gewalt bekämpfen zu wollen, kommt jeder Jungliberale, CDU-Hansel oder Stammtischclaqueur auf diesem Planeten innerhalb von Nanosekunden - wie eben alle Hirnverbrannten überall auf der Welt seit Jahrtausenden, immer und immer wieder - und die wahnsinnig beeindruckenden Ergebnisse dieses veritablen Denkprozesses auf BLÖD-Niveau durchleidet die Menschheit ebenfalls seit Jahrtausenden, immer und immer wieder. Es ist nicht einmal annähernd abzuschätzen, wieviel Leid und Elend diese prä-steinzeitliche Strategie angerichtet und wieviele unzählige Menschenleben sie gekostet hat - und weiterhin kosten wird, wenn sie weiterhin fortgesetzt wird.

Das mal vorab. Die Argumentationslinie, die der Kiezneurotiker bemüht, um zu diesem wahnsinnig innovativen Schluss zu kommen, ist indes so dermaßen naiv, propagandistisch und absurd, dass es mir zunächst die Sprache verschlagen hat und ich gar nichts dazu schreiben wollte bzw. konnte. Da bemüht er doch ernsthaft barbarische Videos von barbarischen Taten, und schon - Potzblitz! - ist da ein Rechtfertigungsgrund, der - noch dazu alternativlos!! - nach ebensolcher Gewalt gegen die fiesen Mörder und Schlächter und alle ihre Unterstützer schreit, die dann allerdings "berechtigt" sei. Ich halte den Kiezneurotiker nicht für naiv, weshalb ich seit Stunden völlig ahnungslos herumrätsele, wie er denn wohl zu dieser, um es nett zu formulieren, schlichten, extrem fatalen und noch dazu äußerst grotesken "Logikkette" gelangt ist.

Mehrere Dinge sollten auch dem Kiezneurotiker bekannt sein - dazu gehören unter anderem:

1. Kriege produzieren immer Mörder und machen angesichts der erlebten, für unsereins "Wohlbehütete" auch nach schlimmsten Videobildern unvorstellbarer (!) Gräuel aus manchen einstmals vielleicht ganz "normalen", möglicherweise sogar netten Menschen brutale Monster, die auch vor den abwegigsten Grausamkeiten nicht mehr zurückschrecken - sogar dann, wenn sie zuhause weiterhin den braven, liebevollen Papa oder Ehemann spielen. Auf Frauen trifft das im Übrigen auch zu. Beispiele dazu aus der Vergangenheit und auch jüngeren Gegenwart gibt es ja nun zuhauf.

2. Ekelerregende, brutale Morde und Misshandlungen von Menschen gibt und gab es - auf allen beteiligten Seiten - in jedem Krieg. Es dürfte (müsste!) auch dem Kiezneurotiker nicht entgangen sein, dass es bei Liveleak und anderswo im Netz ebensolche, fast identische Videos von Enthauptungen, Verstümmelungen und Ermordungen von Menschen aus allen (!!) momentanen und teilweise auch vergangenen Kriegen (beispielsweise aus Nigeria) gibt. Das ist die Realität des Krieges - da werden stets grausamste Dinge getan, das war bisher immer so und wird wahrscheinlich auch immer so bleiben, bis diese krankhafte Spezies ausstirbt oder sich wider Erwarten doch noch ihres Intellektes besinnt.

3. In einem Krieg gibt es keine Unterscheidung zwischen "Guten" und "Bösen" - wer zur Waffe greift und andere Menschen verletzt oder tötet, ist per definitionem ein Verbrecher. Gerade in Kriegen gilt das ganz besonders, denn da ist es (selbst wenn man es ernsthaft wollte) größtenteils völlig unmöglich, "zivile Opfer" - also die Verletzung oder den Tod völlig Unbeteiligter - auszuschließen.

4. Gewalttätige Übergriffe der jeweiligen regionalen und temporären "Sieger" auf die gegnerischen Soldaten und die unbeteiligte Zivilbevölkerung der jeweiligen Region gehören ebenfalls zum ständigen, immer wiederkehrenden grausamen Repertoire aller Kriege. Neu ist daran allenfalls, dass diese Morde und Folterungen seit einigen Jahren gefilmt und ins Internet gestellt werden. Auch deshalb ist es unverständlich, wie ein denkender Mensch überhaupt auf den Gedanken kommen kann, ein Krieg bzw. ein "militärisches Eingreifen" könne irgendetwas auch nur ganz entfernt Sinnvolles darstellen.

5. Es scheint dem Kiezneurotiker zu genügen, einige - wahrlich schlimme, bösartige - Videos angesehen zu haben um zu dem Schluss zu gelangen, dass offenbar alle tausend, zehntausend, hunderttausend (?) im Irak kämpfende IS-Soldaten sowie alle ihre Anhänger oder Unterstützer brutale Bestien wie diese 5, 10 oder 20 dort zu Sehenden sind. Das halte ich nicht nur angesichts der bestehenden Informationsnotlage zu diesem Thema für hanebüchen und so dermaßen blöd, dass mir die Worte dazu fehlen.

Damit bin ich bei meinem Hauptkritikpunkt diesen Text betreffend angekommen, und der hat mit der Schuldfrage zu tun: Der Kiezneurotiker macht sich gar nicht die Mühe, diese Frage überhaupt zu stellen - für ihn scheint vollkommen klar zu sein: Hier mordet eine brutale Bande, die ständig "Allah!" schreit, während sie ihre wehrlosen Opfer massakriert, und deshalb muss man die Bande ermorden, damit das aufhört. Das ist für eine Kindergartenauseinandersetzung auf Sandkastenniveau vielleicht gerade noch erträglich (obwohl es auch dort schon sowas von falsch ist), hier aber gerät es zur bösen und allzu bitteren Farce. - Nein!!! Hier ist wieder einmal nicht Gewalt eine sinnvolle Antwort (das ist sie nie!), sondern die Auseinandersetzung mit der Frage, wie es denn überhaupt dazu kommen konnte, dass hier wieder einmal eine Religion instrumentalisiert werden kann, um einen perversen Krieg gegen ebenfalls instrumentalisierte Scheingegner, die eigentlich im selben Boot sitzen, zu führen - während die wirklich Schuldigen für die ganze Misere doch gar nicht vor Ort sind, sich klammheimlich ins superreiche Fäustchen lachen und allenfalls noch ein paar "Helfertruppen" in das Gebiet entsenden, das dieselben Truppen zuvor ebenfalls kriegerisch heimgesucht und zerstört haben. Es ist immer und immer wieder dasselbe stupide und trotzdem wie von Geisterhand immer wieder neu funktionierende Spiel, das wir schon seit so vielen, vielen Jahrhunderten kennen.

Ebenfalls ist es ja nun seit Längerem kein Geheimnis mehr, dass der religiöse Fanatismus den Islam betreffend ganz gezielt aufgebaut und gefördert worden ist - und wenn jetzt Zeter und Mordio geschrien wird, wenn die erwartbaren faulen Früchte auf den immer noch bettelarmen Boden im Nahen Osten fallen, ist das - gelinde gesagt - heuchlerisch.

Die brutalen Mörder und Schlächter im Irak - und das gilt gleichermaßen für alle Seiten und für alle Kriege weltweit - muss man nicht "wegmachen" (um die entgleiste, aus dem neokonservativen Baukasten entlehnte Sprache des Kiezneurotikers zu bemühen), die muss man vielmehr verfolgen, inhaftieren (und dabei selbstverständlich human behandeln - es ist schon bezeichnend, dass ich mich dazu veranlasst sehe, das extra zu schreiben) und vor ein unabhängiges Gericht stellen - ganz genauso, wie man das eben in einem Rechtsstaat oder dem merkwürdigen Gebilde, das sich dafür hält, so mit Mördern macht.

Kiezneurotiker, ich bin wahrlich entsetzt - einen so platten und propagandistisch-dümmlichen Text hätte ich Dir ehrlich nicht zugetraut!

---

Der Überlebende



(George Grosz [1893-1959], Öl auf Leinwand, 1944)

Mittwoch, 13. August 2014

Song des Tages: Martha's Harbour




(All About Eve: "Martha's Harbour", aus dem Album "All About Eve", 1988)

I sit by the harbour
The sea calls to me
I hide in the water
But l need to breathe

You are an ocean wave, my love
Crashing at the bow
I am a galley slave, my love
If only I could find out the way to sail you
Maybe I'll just stow away

I've been run aground
So sad for a sailor
I felt safe and sound
But needed the danger

You are an ocean wave, my love
Crashing at the bow
I am a galley slave, my love
If only I could find out the way to sail you
Maybe I'll just stow away

Stow away.