Montag, 31. August 2015

"Vergesst uns nicht, erzählt es weiter": Die letzten Zeugen


Als bekennender und überzeugter TV-Boykotteur habe ich aus Gründen, die hier nichts zur Sache tun, die Nacht vom vergangenen Samstag auf den Sonntag dennoch vor einer Flimmerkiste verbringen müssen und bin dabei auf 3sat unfreiwilliger, zufälliger Zuschauer eines Bühnenprojektes des Burgtheaters Wien geworden, von dem ich, obwohl es bereits im Oktober 2013 erstaufgeführt wurde, bislang nichts gehört hatte. Momentan ist diese Aufzeichnung noch in der Mediathek des Senders abrufbar - wer sich das ansehen möchte (und das lege ich wahrlich jedem Menschen nahe), sollte das also tunlichst sehr bald tun, da in Kürze - wie gewohnt - die kapitalistisch motivierte Depublizierung droht.

Das Video findet Ihr zurzeit hier.

Es handelt sich um ein Projekt, in dem sieben recht unterschiedlichen Zeitzeugen aus den finsteren Jahren zwischen 1933 und 1945 eine Bühne geboten wird, um ihre jeweilige persönliche Geschichte des grauenhaften Leids und glücklichen, meist zufälligen Überlebens zu dokumentieren. Dies geschieht - trotz der Anwesenheit von noch sechs dieser Personen, die zur Zeit der Aufführung noch lebten - durch Schauspieler, die jene Berichte ausschnitthaft und abwechselnd - am Redepult stehend und manches Mal um Fassung ringend - vortragen. Unterbrochen werden diese himmelschreienden, teilweise unkommentierbaren Berichte aus der tiefsten Hölle, von denen mir viele trotz meiner jahrelangen Beschäftigung mit diesem Thema bislang unbekannt waren, von Auftritten der hochbetagten Überlebenden, die mit persönlichen Botschaften ans Publikum ihre Motivation zur Teilnahme an diesem Projekt erklären.

Dies waren die härtesten und unerträglichsten 133 Minuten, an die ich mich in meiner jüngeren Vergangenheit erinnern kann. Wer sich das nicht anschaut, verpasst eine zwar tränenvolle, aber auch unermesslich erkenntnisreiche Gelegenheit, die Zeit des Nazi-Terrors zumindest in Ansätzen nachempfinden zu können und die notwendigen Rückschlüsse für unsere heutige Zeit, die auch in diesem Projekt thematisiert werden, zu ziehen. Einer der Überlebenden, Ari Rath aus Wien, sagt am Schluss der Aufzeichnung deutliche, wichtige Worte dazu (Minute 127:46):

Es hat bis 2012 gedauert, bis auch Österreichs Regierung des Bundeskanzlers Faymann den 8. Mai 1945 als "Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus" anerkannt hat. Ich bin mir schon viele Jahre der Tatsache bewusst, dass es bei den Österreichern nicht viel Reue über ihre aktive Teilnahme an den Nazi-Verbrechen gab. Obwohl zwei Drittel der österreichischen Juden noch rechtzeitig fliehen konnten und den Holocaust überlebt haben, war der Anteil der Juden, die nach Österreich zurückkehren durften, nur minimal. Es dauerte noch über 40 Jahre, bis als Folge der Waldheim-Affäre Österreich begonnen hat, sich mit seiner Nazi-Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die Verbrechen, die während der Nazi-Zeit begangen wurden, waren grausam und unmenschlich. Doch eines kann ich bis heute nicht begreifen: Dass man bis zum letzten Ende Juden ermordet hat, obwohl schon alles verloren war. Bei seinem Staatsbesuch in Jerusalem 1993 hat Bundeskanzler Franz Vranitzky im Gedenkbuch der Shoa-Gedenkstätte Yad Vashem den folgenden Satz eingetragen: "Die Gefahr ist noch nicht gebannt - wie müssen wachsam sein." - Dieser Satz stimmt leider noch heute - mehr als je zuvor.

Schaut euch das an. Hört aufmerksam zu, auch wenn es sehr, sehr weh tut. Und glaubt insbesondere keinem Politiker, der salbungsvolle Sätze in Gedenkbücher schreibt oder in Mikrophone absondert, ohne entsprechende und unmissverständliche Taten unverzüglich folgen zu lassen - und das gilt gewiss nicht bloß für Österreich. Wenn gerade ein Überlebender des Nazi-Terrors befindet, dass die Wachsamkeit heute "mehr als je zuvor" geboten sei, spricht das angesichts der grauenhaften, beispiellosen Ereignisse, von denen in diesem außergewöhnlichen Theaterprojekt berichtet wird, mehr als nur Bände.

Faschismus, Rassismus und Menschenfeindlichkit stehen nicht mehr vor unseren Türen, sondern sitzen längst auf unseren Wohnzimmersofas und machen es sich inmitten der verrohten, ausgebeuteten, verarmten und ohnmächtigen Gesellschaft wieder gemütlich. Die nächste, wiederholte Runde des kapitalistischen Ablenkungsterrors mit den immer gleichen, nie benannten Ursachen beginnt spätestens heute.

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Ein Zeitkind


"Lasst mich aus mit Idealismus, Ehrlichkeit und so weiter. Die jetzige Zeit verlangt Politiker."

(Zeichnung von Rudolf Grieß [1863-1949], in "Simplicissimus", Heft 49 vom 04.03.1919)

Freitag, 28. August 2015

Rassismus: Nazi-Parolen in der SPD


In Dunkeldeutschland erreicht der rassistische Populismus Tag für Tag neue Tiefpunkte - dabei es ist völlig egal, welches Massenmedium man zur Information konsultiert, denn der Tenor ist überall derselbe: Deutschland scheint von "Flüchtlingsmassen", die größtenteils "unrechtmäßig" um Asyl bitten, geradezu "überflutet" zu werden. Wie hanebüchen und grotesk falsch diese Darstellung ist, muss ich - hoffentlich - nicht näher beleuchten.

Die Ursachen für diese Entwicklung, die der kapitalistische Westen bekanntlich größtenteils selbst zu verantworten hat, spielen weder in der propagandistischen Pseudo-Berichterstattung, noch in den meist extrem dümmlichen Aussagen irgendwelcher PolitikerInnen der neoliberalen Einheitspartei eine wesentliche Rolle. Dafür glänzt momentan ausgerechnet die SPD mal wieder mit einem ganz besonders ekeligen, rassistischen Vorschlag, der an Dummheit und Menschenfeindlichkeit allenfalls noch von der CSU/NPD übertroffen werden kann - und so wundert es nicht weiter, dass natürlich die Union hier Beifall spendet. Beim MDR las ich gestern:

Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein, der auch Chef der Thüringer SPD ist, sieht in der Asylfrage die Kommunen überlastet. In einem offenen Brief forderte er daher, abgelehnte Asylbewerber schneller abzuschieben - und Flüchtlingskinder ohne Asylbescheid nicht in die Schulen [zu] lassen.

Neben dem üblichen populistischen Geschrei nach "schneller Abschiebung" und einer Ausweitung der völlig irrsinnigen "Liste der sicheren Herkunftsländer", auf der sich aktuell unter anderem bereits so überaus "sichere" Länder wie Ungarn, Rumänien, Ghana und der Senegal befinden, fällt hier besonders der sozialdemokratische Unterleibsschlag gegen Kinder auf. Ganz unabhängig von der Frage, wie sinnvoll die hierzulande praktizierte, auf stupider Konkurrenz und Aussiebung basierende Schulbildung überhaupt ist (dazu äußere ich mich vielleicht an anderer Stelle), ist es dem werten Herrn Bausewein offenbar äußerst recht, wenn das undeutsche Pack gar nicht erst die Schulen durchseucht, selbst wenn der amtliche Arschtritt, der diese Menschen barsch wieder des Landes verweist, auf sich warten lassen sollte. - Ich bin hoffentlich nicht der einzige, der bei derlei "Vorschlägen" unwillkürlich und mit furchtbarem Grausen an die finstere Zeit nach 1933 denken muss.

Offensichtlich dauert es nicht mehr allzu lange, bis bundesweit solche Schilder wieder zum normalen Alltag gehören, wobei die Bezeichnung "städt. Bäder" durch mannigfaltige Begriffe wie "Schulen", "Kindergärten", "Parkbänke", "Busse und Bahnen" etc. - frei nach dem historischen Vorbild - zu ergänzen ist:


(Offenbach 1935)

Wer ganz besonders starke Nerven und einen tunlichst leeren Magen hat, sollte sich zusätzlich noch einige der bis dato 105 Kommentare unter dem verlinkten Beitrag des MDR durchlesen. Ich zitiere ein vergleichsweise eher harmloses und dennoch in seiner abgrundtiefen Dummheit und Hässlichkeit bezeichnendes Beispiel von einem gewissen "Dr. Schneider":

Ich finde es sehr vernünftig und mutig, was Herr Bausewein da vorgeschlagen hat. Keine rechte Polemik, sonder durchdachte Überlegungen mit politischer Weitsicht. Endlich mal ein Politiker der die wirklichen Probleme sieht und sich nicht hinter gefühlsduseliger Programmatik versteckt. Mit so jemanden an der Spitze wird die SPD für mich auch wieder wählbar – andere SPD Politiker wie Gabriel und Nahles sind dagegen nur eine Karikatur ihrer Selbst! Sehr gut, Herr Bausewein, da muß nichts relativiert werden und wir Wähler haben das Zeichen eindeutig verstanden; daß jetzt ein gewisser Rückzuck gegenüber den zögerlich und ohne Rückgrat agierenden Koalitionspartnern von B90/Grüne und Linke erfolgen muß – geschenkt!

Die braune Jauchegrube dort ist bis zum Rand gefüllt mit ähnlichen Anmerkungen. Ich kann mir diesen menschenfeindlichen Hass und diese zur Schau gestellte Dummheit nicht mehr erklären. Bemerken diese Deppen denn wirklich nicht, dass sie am Nasenring vorgeführt bzw. instrumentalisiert werden und als nützliche Idioten ausgerechnet den wenigen superreichen Arschlöchern, die für ihre Verarmung verantwortlich sind, dienen? Weshalb sehen diese hirnamputierten Vollidioten nicht, dass Herr Bausewein eher ein "Grauseschwein" ist und stinkdämliche, ablenkende Nazi-Parolen ins Land trötet, die weder etwas mit dem aufgebauschten Flüchtlings-"Problem" und erst recht nichts mit den Sorgen der verarmten, ausgebeuteten Bevölkerung zu tun haben?

Ja, mir graust es wirklich vor diesem Land, seinen propagandistischen Massenmedien, seinen neoliberal-faschistoiden PolitikerInnen und seiner dummdeutschen Bevölkerung, die einmal mehr nichts kapiert.

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Sonntagsausflug der [deutschen] Vogelscheuchen



(Zeichnung von Alfred Kubin [1877-1959], in "Simplicissimus", Heft 21 vom 19.08.1919)

Donnerstag, 27. August 2015

Song des Tages: Besoffen bei Facebook




(Jan Böhmermann: "Besoffen bei Facebook", aus dem "Neo Magazin Royale", August 2015. Den kompletten Beitrag zu diesem Video inklusive erhellender "Vorgeschichte" gibt's hier.)

Bir! Iki! Üç! Dört! ("Eins! Zwei! Drei! Vier!")

Ich bin besoffen bei Facebook! (Ich schreibe alles klein!)
Ich schreib' besoffen bei Facebook!
Bin wie Till Schweiger bei Facebook! (Ich schreibe alles groß!)
Besoffen bei Facebook! (Ausrufezeichen!)

Ich hau' mir 'nen Weißwein rein und schreibe nur, was ich mein'!
Sigmar Gabriel, lad' mich ein!
Ich bin besoffen bei Facebook! (Punkt Punkt Punkt Punkt!)
Till Schweiger bei Facebook!

Till:

"Ihr seid so arm ... !!! Und dumm ... !!!"
"Ich scheiß auf euch!" (Punkt Punkt Punkt Ausrufezeichen!)
"Ich guck auf euch runter, voller Mitleid und Verachtung ... !!!"
(42 Ausrufezeichen!)

"Ich scheiß auf euch und zieh mein Ding durch!!!"
"Jetzt geht pennen, zu mehr langt es eh nicht bei euch ...!!!"
"Sigmar Gabriel ist ein gerader Mann!!! Respekt!!!!"
"Schämt euch!!!"

Ich bin besoffen bei Facebook! (Armes Deutschland!)
Schreib' besoffen bei Facebook!
Bin Dieter Nuhr bei Facebook! (Is' ja wieder typisch!)
Ich bin wie Joko bei Facebook!

Riecht man meine Fahne schon? Ich scheiße auf Interpunktion!
Das hier ist pure Emotion!
Ich bin besoffen bei Facebook! (Meinungsfreiheit! Meinungsfreiheit!)
Drei Promille bei Facebook!

Joko:

"ein multimillionen unternehmen kopiert den drink meines freundes"
"und ich frage mich! ist das fair?!"
"macht sie bitte fertig! danke!!!"
"SHARE IT!!!" - "SHARE IT!!!" - "SHARE IT!!!"

Dieter:

"Schaum vor dem Mund zeugt nicht von geistiger Tiefe"
(Findet auch die FAZ!)
"weil hier ganz vielen die Birne durchbrennt"
"Digitales Mittelalter!"

Ich bin besoffen bei Facebook! (Shitstorm im Anzug!)
Besoffen bei Facebook! Prominent und
besoffen bei Facebook! (Fuck you, Gemeinschaftsstandard!)
Besoffen bei Facebook!

Mit Pinot Grigio im Kopp
habe ich immer recht und ihr seid nur der Mob!

Ich bin besoffen bei Facebook! (Ich schreibe, was ich will!)
Besoffen bei Facebook! (Meine Feststelltaste klemmt!)
Besoffen bei Facebook! (Jan Leyk gefällt das.)
Besoffen bei Facebook!

Besoffen bei Facebook! (Ihr seid alles Hater!)
Besoffen bei Facebook! (Und ich bin authentisch!)
Besoffen bei Facebook! (Didinanana!)
Besoffen bei Facebook!

Mittwoch, 26. August 2015

Realitätsflucht (24): Edna bricht aus


Heute führt mich meine Realitätsflucht schnurstracks ins Irrenhaus. Es geht um das "Point & Click"-Adventure "Edna bricht aus", das vom Entwickler Daedalic im Jahr 2008 herausgebracht wurde.

Zum Inhalt des Spiels sei nur soviel verraten: Man steuert die Figur der jungen Edna, die zu Beginn mit einem - in Computerspielen so oft üblichen - "gelöschten Gedächtnis" in einer engen, natürlich verschlossenen Gummizelle erwacht, und muss fortan dafür sorgen, dass die Ärmste der abstrusen Geschichte, die sie dorthin gebracht hat, auf die Spur kommt, um das schreckliche Gefängnis wieder verlassen und den/die wirklich Schuldigen finden zu können.

Unterstützt wird Edna dabei von ihrem zynischen Stoffhasen Harvey, der selbstverständlich ein Eigenleben führt, mit Edna ausführlich kommuniziert und sie sogar gelegentlich auf eine mentale Zeitreise in die Vergangenheit schickt, wo das Mädchen bestimmte Schlüsselerlebnisse "nacherleben" kann, um dem finsteren Geheimnis ihrer Vergangenheit auf die Spur zu kommen. Viel mehr will ich hier nicht verraten.

Diese kurze Beschreibung mag an ein infantiles Spiel für GrundschülerInnen erinnern. Es hat aus guten Gründen aber lediglich die Einstufung "FSK 12" erhalten - die ich allerdings ebenfalls für völlig unsinnig halte, da Kinder die vielen ironischen, sarkastischen und teilweise äußerst schwarzhumorigen Botschaften und Szenarien, die es hier in schierer Hülle und Fülle gibt, schlichtweg noch nicht verstehen können. Es handelt sich also in erster Linie um ein Spiel für "Erwachsene". Dies lässt auch der Titel schon vermuten, denn es ist keineswegs ein Zufall, dass der Name "Edna" genauso klingt wie der berüchtigte, italienische Vulkan. An diesem kleinen Beispiel wird schon deutlich, dass die Handlung dieses Spiels auf vielen versetzten Ebenen wirkt und entsprechend mehrdeutig zu verstehen ist - und das wird insbesondere an den vielen, vielen bissigen und absurden Dialogen deutlich, die - wie es sich für eine gute Geschichte ziemt - den eigentlichen Kern des Ganzen ausmachen.

Eingerahmt wird diese Geschichte von einigen teils knackigen, oft sehr witzigen Rätseln, die man auf dem Weg durch das Labyrinth der Anstalt und danach zu lösen hat. Man trifft auf wunderliche, groteske, witzige und auch tragische Charaktere, hat eine Menge Aufgaben zu erledigen und findet sich beim Spielen immer wieder vor Lachen prustend unter dem Tisch wieder - auch wenn das Gelächter gelegentlich böse im Halse stecken bleibt.

Grafisch ist das Spiel recht anspruchslos - es beruht aber immerhin auf handgezeichneten Vorlagen, die dann digitalisiert und animiert wurden. Besonders zu empfehlen ist der Kommentar des Urhebers und Hauptentwicklers Jan Müller-Michaelis (verantwortlich für Handlung, Dialoge und Grafik), der in den heute vertriebenen Versionen des Spiels zu jedem Raum, den Edna betritt, abgerufen werden kann. So erfährt man witzige Details und absurde Anekdoten zur Entstehungsgeschichte des Spiels.

Ich habe es auf einem Win7/64-System völlig problemlos und ohne Abstürze gespielt.

Das kafkaeske Werk hat 2011 mit "Harveys neue Augen" einen äußerst würdigen, nicht minder schwarzhumorigen Nachfolger erhalten, über den ich sicher später noch etwas schreiben werde. Zum Abschluss sollen aber Edna und Harvey zu Wort kommen - wobei diese wenigen Dialogschnipsel keinesfalls die epische Breite und Tiefe, die dieser Aspekt in dem wundervollen Spiel innehat, dokumentieren:

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Edna: "Brauchst du einen Helm, Harvey?"
Harvey: "Nein, danke. Wenn man nur Watte im Kopf hat, verliert man sein Gefahrenbewusstsein."
Edna: "Ja. Dieselben Tabletten habe ich auch bekommen."

(Nach "Benutze Ketchup mit Poloschläger"):
Edna: "Das Blut meiner Feinde klebt an diesem Poloschläger!"
Harvey: "Hmm. Das Blut deiner Feinde schmeckt nach künstlichen Geschmacksverstärkern."
Edna: "Psst."

(Nach "Benutze Stinkdrink mit Schloss"):
Edna: "Verflucht! In 'Monkey Island' hat das doch geklappt! Na toll. Dafür stinkt es hier jetzt bestialisch."

(Nach "Rede mit Waschbecken"):
Edna: "Vorhin saß ich noch in einer Zelle und redete mit der Wand, doch nach stundenlanger Kombinationsarbeit stehe ich endlich auf der Herrentoilette und rede mit einem Waschbecken." *seufz*
Waschbecken: "Du denkst, DU hast Probleme? Mann, ich BIN das Waschbecken!"

(Nach "Benutze Kleiderbügel Nr. 3 mit Schaufel"):
Stimme: "Herzlichen Glückwunsch. Sie haben die unwahrscheinlichste Kombination gefunden. Sie hätten einen Preis verdient. Leider machen wir nur Adventure-Spiele und keine Ego-Shooter. Dabei weiß doch jeder, dass man mit Adventures kein Geld machen kann. Darum können wir uns leider auch keine Preise leisten. Sorry."
Edna: "Hast du etwas gehört, Harvey?"
Harvey: "Wenn du mich nicht fragst, kann ich dich auch nicht belügen. Also sprechen wir nicht mehr davon, okay?"

(Anarchistische Kernaussage an jeder passenden und unpassenden Stelle im Spiel):
Harvey: "RANDALE!!!"


Dienstag, 25. August 2015

Zitat des Tages: Lied von den apokalyptischen Reitern


Es war in der Zeit der Depression:
Ihr Karren kam nicht mehr weiter.
Sie hatten Angst vor der Revolution,
die apokalyptischen Reiter.

Sie wechseln die Knochen. Sie wechseln die Haut.
Sie bleiben doch immer die alten.
Sie heulten sich heiser. Sie brüllten laut:
Erbarmen! Ihr müsst uns behalten!


Sie haben das Abendland ausverkauft
samt Gott und seinen Engeln.
Sie haben sich einen Gaul gekauft.
Sie sagten: Mit kleineren Mängeln.

Sie wechseln die Knochen. Sie wechseln die Haut.
Sie bleiben doch immer die alten.
Sie haben dem Gaul ins Maul geschaut.
Sie sagten: Den wolln wir behalten.


Sie machten einen mächtigen Krieg.
Ihr Schinder war keine Niete.
Und gab es am Ende auch keinen Sieg:
Es gab doch ganz schöne Profite.

Sie wechseln die Knochen. Sie wechseln die Haut.
Sie bleiben doch immer die alten.
Ihr habt ihnen wieder ein Haus gebaut,
in dem sie euch niederhalten.


(Volker von Törne [1934-1980], in: Born / Delius / von Törne: "Rezepte für Friedenszeiten. Gedichte", Aufbau 1973)



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Anmerkung: Was soll ich zu einem Gedicht, das in wenigen Versen den Kern der Misere der narkotisierten Menschheit offenbart, anmerken? Es hat sich nichts geändert - die Welt befindet sich auch im Jahr 2015 in genau demselben kapitalistischen Katastrophenzustand, der für die überwältigende Mehrheit der Menschen wie gewohnt nur bitterstes Unheil bedeutet, während "sie" - also "die apokalyptischen Reiter" aka die superreiche "Elite" - ungeachtet aller Katastrophen stets ihren absurden Reichtum, ihre Macht und ihre Privilegien erhalten und ausgebaut hat.

Heute benötigt diese furchtbare Bande nicht einmal mehr einen Hitler-"Gaul" - inzwischen erledigen die "freien Demokratien" bzw. deren "gewählte VolksvertreterInnen" ihren perversen Job willfährig gegen entsprechende Bezahlung, während die begleitende mediale Propaganda wie von Sinnen von "westlichen, freiheitlich-demokratischen Werten" schwadroniert. Das ist angesichts des aktuellen Zustands dieser verkommenen Welt voller Krieg, Rassismus, Armut, Ausbeutung, Zerstörung, Gewalt und Vergiftung so dermaßen absurd, dass mir beim Nachdenken darüber der Schädel zu zerplatzen droht.

Derweil trinken die Superreichen in ihren Villen weiterhin Champagner, schlemmen fürstlich und amüsieren sich köstlich darüber, dass sie heute keinen irren Diktator mehr brauchen, der ihnen den verkrusteten Anus leckt, die Bevölkerung knechtet, profitfeindliche Elemente eliminiert und erwünschte Kriege anzettelt. Die neoliberale Einheitspartei (NED) aus CDU/CSU/SPD/FDP/AFD/NPD/Grünen sorgt gewissenhaft und verlässlich dafür.

Der Irrsinn könnte ausgeprägter gar nicht sein.

Donnerstag, 20. August 2015

Musik des Tages: Klavierkonzert Nr. 2




  1. Moderato
  2. Adagio sostenuto
  3. Allegro scherzando

(Sergei Wassiljewitsch Rachmaninow [1873-1943]: "Klavierkonzert Nr. 2 in c-moll", Op. 18 aus den Jahren 1900/01; Nordwestdeutsche Philharmonie, Klavier: Anna Fedorova, Leitung: Martin Panteleev, 2013)

Anmerkung: Wenn ich diese entwaffnend grandiose Musik höre, verfalle ich immer wieder in den Wahn, dass die Evolution möglicherweise doch nicht so falsch lag, als sie den Menschen auf seine irrwitzige Reise ins höhere Primatendasein geschickt hat. Allerdings währt dieser Irrglaube stets nur für kurze Zeit - ein Blick in die Nachbarschaft oder die aktuellen Nachrichten reicht schon aus, um wieder auf den Jauchegrubenboden der stinkenden menschlichen Realität zurückzukehren.

Und dennoch liebe ich diese geistig-spinnerten Ausflüge in die abgeschiedene, sterile Welt der "Might-have-beens" der menschlichen Entwicklung ... einfach weil sie eindrücklich illustrieren, was Kapitalismus und stumpfe Habgier letzlich alles zerstören. Was im Elfenbeinturm der Musik inzwischen völlig selbstverständlich ist - ein deutsches Orchester (in dem freilich nicht bloß Deutsche spielen) und eine ukrainische Pianistin führen das Werk eines russischen Komponisten im niederländischen Amsterdam unter der Leitung eines bulgarischen Dirigenten auf -, bleibt der Lebensrealität im finsteren Lande Kapitalistan weiterhin und dauerhaft völlig fremd. Wie sollte das auch anders sein, wenn die offizielle Parole weiterhin mantraartig "Jeder gegen jeden (mit Ausnahme der Superreichen)!" lautet?

Ich bin es so müde, gegen den kapitalistischen Irrsinn anzuschreiben.

Mittwoch, 19. August 2015

Film des Tages: Moon




("Moon", Spielfilm von Duncan Jones aus dem Jahr 2009)

Anmerkung: Diesen Film, der momentan in der deutschen Fassung (wenn auch, wie gewohnt, leider in schlechter Qualität) auf youtube verfügbar ist, möchte ich nicht nur allen Cineasten sehr ans Herz legen. Wer ihn noch nicht kennt, sollte sich die 80 Minuten Zeit nehmen und das Werk aufmerksam anschauen - und zwar ohne zuvor den oben verlinkten Wikipedia-Text zum Film oder andere Inhaltsangaben voller Spoiler gelesen zu haben.

Ein Film, der in der nahen Zukunft spielt, der Themen wie "Energie", "Rohstoffausbeutung" und "Klontechnik" näher beleuchtet und mit einem wie gewohnt lächerlichen Werbevideo eines fiktiven kapitalistischen Energiekonzerns namens "Lunar Industries" beginnt, in dem die paradiesische "heile Welt für alle" nicht mehr nur beschworen, sondern als bereits "erreichtes Ziel" dargestellt wird, verdient in der Tat eine Menge Aufmerksamkeit.

Falls jemand diesen Film für nicht weiter zu beachtende Science Fiction halten sollte, ergebe ich mich umgehend, spende mein Gehirn als Futtermittel für die geheimen Zombiefabriken in der "Area 51" und lasse meinen Restkörper von der nächsten verfügbaren US-Drohne freudig in die Luft sprengen. - "Wake me" steht in dicken Buchstaben auf dem T-Shirt, das der Protagonist zu Beginn des Filmes trägt. Ob eine solch subtile Botschaft wohl ankommt?


Dienstag, 18. August 2015

Zitat des Tages: Erde


Warum stürzte mich gerade dieses Staubkorn
in Mitleid, Zorn und Tränen?
Sollen uns weiter die Götter verhöhnen?

Dass uns die Geier fraßen,
Abgrund nahm -
das Herz des Herrn schläft lahm,
er liebt die Welt nicht mehr,
die Erde liegt erfroren.

Wenn ich Gott, den reichen Bettler, treffe,
werde ich für ihn erröten.
Ihn töten, töten, töten!

(Albert Ehrenstein [1886-1950], in: "Der Mensch schreit. Gedichte", Kurt Wolff 1916)



Anmerkung: Auch nach weiteren 100 Jahren hat sich diese Binsenweisheit noch immer nicht herumgesprochen und der religiöse Wahn in all seinen Schattierungen und teils nebulös-verbrämten Varianten ("Spiritualität" bzw. "Esoterik") feiert nach wie vor stumpfsinnige Triumphe. Die Steinzeit, in der es wohl lediglich rudimentäre religiöse Wahnvorstellungen gab, war der heutigen Welt offensichtlich weit voraus.

Aber wir wissen ja: "Gott" liebt uns alle. Deswegen leben wir in einem Paradies für alle. Und allen Menschen darin geht es prächtig. Und wem es doch nicht so prächtig geht, der ist ein Ungläubiger, den "Gott" zwar auch liebt, aber trotzdem lieber verrecken oder ermorden lässt. Denn wer sich nicht unterordnet, ist gar kein Mensch und darf mit göttlichem Segen geschlachtet werden.

Auf diesem einfachen, faschistischen Prinzip fußen das Christentum und der Islam ebenso wie die heilige Religion des Marktes (Kapitalismus), die weltweit weitaus mehr Opfer gefordert hat und weiterhin fordert als alle anderen hohlköpfigen Religionen zusammengenommen. Die Bekloppten sterben einfach nicht aus - und bemerken auch im Jahr 2015 nicht, dass ihnen der Blödsinn größtenteils von äußerst interessierten Kreisen schlicht als Ablenkung und zur Schaffung von Ersatzzielen für die allzu berechtigte Empörung vor die dumme Nase gesetzt wird.

Ich bleibe bei meinem Unglaubensbekenntnis.

Montag, 17. August 2015

Rassismus: Virtuelle "Glatzenpflege" beim Spiegelfechter


Beim "Spiegelfechter" ging es kürzlich zum Thema "Flüchtlinge" hoch her. Rassisten feierten Triumphe, die sprachschwache "Moderation" des Blogs schwieg größtenteils dazu und am Ende bleibt wohl nur die schnöde Vermutung, dass es hier einmal mehr um die billige Reklame für des Bergers neues Buch über das entwaffnend bedrohliche Thema Untergang der Menschheit aufgrund kapitalistischer, habgieriger Umtriebe einer kleinen Minderheit Fußball ging. Für ein solches "spätrömisch-dekadentes" Thema (G. Westerwelle) bieten sich Rassisten als potenzielle Käufer des philosophischen Meisterwerkes aus Bergers Feder geradezu an.

Ein Gastbeitrag von Altautonomer.

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Zunächst einige unveränderte Zitate aus dem Kommentarbereich des "Spiegelfechters":

Rassismus gab es in Deutschland nur zwischen 1933 und 1945.
98 % aller Einwanderer sind Wirtschaftsflüchtlinge.
Ich sehe Deutsche Rentner die arm sind in Mülltonnen nach Flaschen suchen die nach 45 Jahre Arbeit Mini Renten bekommen Deutsche Hartz IV Empfänger die seziert werden ob Sie nicht doch eine Goldene Uhr besitzen die drangsaliert und schikaniert werden für 1€ Arbeiten sollen jede Arbeit annehmen. Und dann kommen Menschen nach Deutschland die hier nie gearbeitet haben und stellen Forderungen wer kann kontrollieren ob Sie bedürftig sind. Ob Sie nicht Häuser Geld Gold im Ausland haben.

Darauf antwortete Jens Berger exemplarisch:

Wer aus wirklich armen Ländern nach Europa flieht, gehört selbstverständlich in diesen Ländern nicht zur breiten Unterschicht!"
Was wir bräuchten, wäre ein ausgewogenes Einwanderungsgesetz.
Das "echte" Asyl für politisch Verfolgte ist eh eine ganz andere Sache – das würde wohl niemand, der noch bei Verstand ist, kritisieren.

Das alles sind keine Kommentare von Pegida-Webseiten, BLÖD-Leser-Stammtischheinis, PI- oder irgendwelchen NPD-Fan-Blogs. Sie stammen vom Premium-Blog der Aufklärer, Systempressekorrektoren, Gegenöffentlichkeitsherstellern und kritischen Linken des "Spiegelfechters". Hier wurde Rassisten auf einer sich selbst als links resp. linksliberal eingeordneten Plattform unter dem verfassungskonformen Mäntelchen der Gewährung des Rechts auf freie Meinungsäußerung das Diskussionsfeld überlassen. Kritiker fühlten sich durch die rassistenfreundliche Moderation und die dumpfen, als Argumente geadelten Polemiken der Rassisten dermaßen in die Enge getrieben, dass sie sich zum Teil entweder freiwillig verabschiedeten oder eine Sperre provozieren mussten.

Stichwortgeber ist unter anderem der Blogherr, der sich als "Verfassungspatriot" auf die geltenden Normen des Asylrechts beruft, das 1993 seinem eigentlichen Kern beraubt wurde (sog. Asylkompromiss). Dabei geht es im Asylrecht nicht nur um "politisch Verfolgte", sondern beispielsweise auch um sexuelle Asylgründe, wie z.B. Homosexualität oder Vergewaltigung im Heimatland. Dass nur wenig Asylanträge positiv beurteilt werden, liegt nun nicht an den Asylsuchenden, sondern an der verfassungswidrigen, völkischen Rechtsprechung der obersten Gerichte. Und selbst bei abgelehnten Asylanträgen gibt es noch verschiedene Abschiebehindernisse, die zu einem legalen Aufenthalt mit Duldung in diesem Land führen. Berger irrt bzw. vernebelt, wenn er behauptet, das "echte" Asylrecht werde von niemandem kritisiert.

Ich habe schon an anderer Stelle versucht darzulegen, warum sogenannte "Wirtschaftsflüchtlinge" auch politisch Verfolgte im Sinne des Art. 4 GG sind.

Zum ersten Berger-Zitat oben ist zu sagen, dass dies in Einzelfällen zutreffen mag. Warum die "afrikanische Mittelschicht" (Definition?) ihren Nachwuchs mit einem iPhone 6 ausstattet und ihn dennoch sehenden Auges dem drohenden Tod durch Ertrinken im Mittelmeer aussetzt, weiß Berger allerdings nicht zu beantworten.

Besonders skandalös ist aber der - ich bin geneigt zu sagen: schon fast traditionelle - Umgang des "Spiegelfechters" mit Kommentatoren, die sich die Mühe machen, eigene Gedanken oder das Ergebnis sorgfältiger Recherche in die Diskussion einzubringen. Das sorgt beim rassistischen Pöbel natürlich für reichlich Zündstoff und Unmut. Nun könnte doch angenommen werden, dass in einem "linksliberalen" Blog die ernsthaft an einer inhaltlichen Diskussion Interessierten geschützt und die Pöbler von rechts ermahnt bzw. gesperrt werden. Leider ist das Gegenteil der Fall. Das hat aber nichts mehr mit Liberalität, Authentizität, Dokumentationspflicht, Toleranz oder etwa Garantie der "Meinungsfreiheit" zu tun. Es ist vielmehr das logische Ergebnis, wenn sich Typen wie die beiden "Redakteure" vom "Spiegelfechter" anmaßen, Journalisten zu imitieren, nur weil sie früher mal ein Poesiealbum besessen haben. Es drängt sich hier die Vermutung auf, dass die Sucht nach Aufmerksamkeit und kommerziellem Erfolg um jeden Preis einen derartigen Umgang mit rechtsradikalen "Gästen" steuert.

Die Vorstellung des neuen "Knaller-Buches" von Berger generierte seit dem 11.8.2015 nur 14 Kommentare, während das Thema "Flüchtlinge" über 320 Rückmeldungen zu verbuchen hat. Da liegt in der Tat die Vermutung nahe, dass es den Betreibern der Webseite in erster Linie um Krawalldiskussionen mit rechten Trollen und Arschlöchern ging, weil damit eine hohe Kommentarquote erzielt werden kann und gerade die Hohlbirnen angesprochen werden, die zu den potenziellen Käufern des Berger'schen Fußball-Mists zählen.

Deshalb gilt mein besonderer Dank der Kommentatorin "Marie" und dem feynsinn-Stammkommentator "R@iner", die in dieser allzu mühseligen und letzten Endes sinnfreien Debatte viel zu lange ausgehalten haben.

Freitag, 14. August 2015

Musik des Tages: Orcus Humanum Est / Leiden




(Klaus Schulze & Lisa Gerrard: "Orcus Humanum Est / Leiden", aus dem Live-Album "Big In Europe, Vol. 2", 2014; aufgenommen 2009 in Amsterdam)



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Anmerkung: Punkt.

Donnerstag, 13. August 2015

Zitat des Tages: Keiner blickt dir hinter das Gesicht


Niemand weiß, wie arm du bist ...
Deine Nachbarn haben selbst zu klagen.
Und sie haben keine Zeit zu fragen,
wie denn dir zumute ist.
Außerdem, - würdst du es ihnen sagen?

Lächelnd legst du Leid und Last,
um sie nicht zu sehen, auf den Rücken.
Doch sie drücken, und du musst dich bücken,
bis du ausgelächelt hast.
Und das Beste wären ein Paar Krücken.

Manchmal schaut dich einer an,
bis du glaubst, dass er dich trösten werde.
Doch dann senkt er seinen Kopf zur Erde,
weil er dich nicht trösten kann.
Und läuft weiter mit der großen Herde.

Sei trotzdem kein Pessimist,
sondern lächle, wenn man mit dir spricht.
Keiner blickt dir hinter das Gesicht.
Keiner weiß, wie arm du bist ...
(Und zum Glück weißt du es selber nicht.)

(Erich Kästner [1899-1974]: "Keiner blickt dir hinter das Gesicht (Fassung für Beherzte)", in: "Doktor Erich Kästners lyrische Hausapotheke", Atrium 1936)


Anmerkung: Dieses kleine Büchlein, das eine Auswahl von Kästners Gedichten enthält, wurde erstmals im furchtbaren Jahr 1936 in der Schweiz veröffentlicht, während der Autor sich weiterhin in Dunkeldeutschland aufhielt und sich mit den zunehmenden Schikanen und Verfolgungen der Nazibande herumzuschlagen hatte. Es verwundert nicht weiter, dass dieses Gedicht heute wieder brandaktuell ist und den Zustand der zerfallenden bzw. von interessierter Seite einmal mehr bewusst zur Zerstörung freigegebenen Gesellschaft heute ebenso trefflich beschreibt wie damals.

Eine besondere "Berühmtheit" erlangte das Büchlein durch Marcel Reich-Ranicki, der 1999 in seiner Autobiographie darüber berichtet. Die FAZ dazu: "Für den jungen Marcel Reich war die 1936 in Zürich erschienene Sammlung von Gedichten Kästners, auf die er bei einem Bekannten im Warschauer Getto stieß, ein glücklicher, gänzlich unerwarteter Fund. In seiner Autobiographie 'Mein Leben' hat Reich-Ranicki festgehalten, was der damals Zwanzigjährige nach der Lektüre der ersten Seiten empfand: 'Ich wollte dieses Buch unbedingt haben.' Aber es war im Getto nicht zu bekommen. Reich-Ranickis Wunsch ging dennoch in Erfüllung: Teofila Langnas, die junge Tochter eines Nachbarn, der sich aus Verzweiflung im Getto das Leben genommen hatte, schrieb 56 der insgesamt 119 Gedichte mit der Hand ab, versah die Seiten mit eigenen Zeichnungen und heftete sie sorgfältig zusammen." - Dieses Zeitdokument hat die finsteren Zeiten überdauert und wurde im Jahr 2000 erstmals publiziert.


Dienstag, 11. August 2015

Schöne neue Welt: Wohnzellen


Ihr habt sicher schon von den Mini-Wohnungen in Japan gehört. Gerade in Großstädten gilt dort auch für die so genannte Mittelschicht: "Wer in Tokio lebt, muss sich oft mit weniger als zehn Quadratmetern begnügen. Nur wer reich ist, hat's besser." Der Grund dafür ist relativ einleuchtend: Japan ist klein und extrem überbevölkert - da muss man in der Großstadt eben "zusammenrücken", wenn man das perverse Prinzip des ewigen Wachstums (eben auch der Bevölkerung) sowie die gottgegebenen Privilegien der wenigen Reichen nicht in Frage stellen will bzw. darf.

Merkwürdigerweise finden sich ähnliche Entwicklungen aber auch in Ländern, die trotz hoher Bevölkerungszahlen nun gewiss nicht unter einem Platzproblem leiden, wie das beispielsweise in China der Fall ist: "Zwei Quadratmeter Wohnraum braucht der Mensch / Um die Wohnungsprobleme in Peking zu verbessern, hat ein chinesischer Ingenieur Wohnkapseln nach japanischem Vorbild entwickelt". Eine tolle Innovation ist das: Während große Landstriche veröden, stopft man die Menschen halt in "Ballungsräumen" eng zusammen, damit sie sich noch profitabler ausbeuten (und austauschen) lassen. Diese alte kapitalistische "Logik" erfährt heute ganz neue, immer absurdere Auswüchse. Ein besonders widerliches Beispiel bleiben weiterhin die "Käfigmenschen" in Hongkong, über die ich vor fast drei Jahren schon einmal geschrieben habe.

Seitdem hat sich selbstverständlich weder in Japan, noch in China oder anderen Regionen etwas zum Guten verändert - der Kapitalismus kennt schließlich nur eine Richtung, und die führt stets weiter nach unten. Stattdessen erreichen diese Auswüchse immer offensichtlicher auch den "reichen, freien Westen": Nach dem Hartz-Terror der Zwangsverarmung mit seinen massenhaft erzwungenen Umzügen von Betroffenen in "angemessene" (sprich: kleinere, billigere, oftmals gettoisierte) Wohnungen liegt nun der nächste ekelige Anschlag auf dem Tisch. Bei n-tv las ich kürzlich:

Zur Bekämpfung der Wohnungsnot sollen in Ballungsräumen mehrere Tausend sogenannter Mikrowohnungen entstehen. Dazu werde die Bundesregierung 120 Millionen Euro in die Entwicklung solcher Kleinstunterkünfte investieren, sagte Bundesbauministerin Barbara Hendricks der "Bild". Die Unterkünfte seien vor allem für Studenten und Auszubildende gedacht.

Dort ist von sagenhaften 14 Quadratmetern Wohnraum pro "Wohnzelle" die Rede - damit liegt die SPD[!]-Ministerin immerhin knapp über dem japanischen Vorbild. Es ist offensichtlich, dass es hier selbstverständlich nicht vornehmlich um Wohnraum für Studierende und Azubis geht - dafür könnten schließlich, wie das in vergangenen Zeiten der Fall war, entsprechend viele Wohnheime gebaut bzw. eingerichtet werden, die auch nur diesen Gruppen vorbehalten sind. Die tatsächliche Absicht dieses "Wohnzellen"-Konzeptes dürfte angesichts der genannten Beispiele doch recht offensichtlich sein. Der "angemessene" Wohnraum für Kranke, Alte, Behinderte, Arbeitslose, Flüchtlinge, Ausgebeutete etc. dürfte zukünftig noch weitaus bescheidener ausfallen als heute schon.

Selbstverständlich darf in einem solchen propagandistischen Bericht auch der zuständige Lobbyverband der Wohnungsmafia nicht fehlen, der mutmaßlich (also wie gewohnt) nicht ganz unbeteiligt an diesem Vorhaben sein dürfte:

Nach den Vorstellungen des Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) soll es von Bund und Ländern finanziert werden [und] drei Milliarden Euro umfassen. / (...) Die Baukosten in Deutschland seien inzwischen so hoch, dass ohne öffentliche Förderung gebaute Mietwohnungen sich für den Bauherrn erst ab einem Quadratmeterpreis von elf bis zwölf Euro rechneten.

Drei Milliarden Euro. Aus der Staatskasse. Als "Förderung" für private Bauunternehmen. Weil sich das sonst "nicht rechnet". Für "Wohnzellen". --- Sie verarschen uns mit direkter, lauter Ansage; sie schreien uns die Verarschung, Verarmung und Niedertracht sogar mitten ins Gesicht, und kaum jemand merkt's.

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Wie werde ich im Jahr 2000 leben?



(Zeichnung des damals 12jährigen Vincenzo Busacca; Beitrag zur gleichnamigen Ausschreibung der Neuen Zürcher Zeitung und dort als erster Preis veröffentlicht am 19. Juli 1979)

Freitag, 7. August 2015

Song des Tages: One Summer's Day




(Joe Hisaishi [*1950]: "One Summer's Day", aus dem Soundtrack zu dem Film "Spirited Away", 2002; Klavier: Joe Hisaishi, Gesang: Ayaka Hirahara)

Anmerkung: Ich verlinke dieses feine, kleine Musikstück aus dem fernen Japan nicht nur aus offensichtlichen Gründen. Der Film, aus dem es stammt, ist nämlich mein persönlicher Lieblingsfilm aus dem Bereich des Anime-Genres. Er wurde geschaffen von Hayao Miyazaki, dessen Werke ich fast alle heiß und innig liebe, und trägt in Deutschland den wenig fantasievollen, dem grandiosen Werk nicht angemessenen Titel "Chihiros Reise ins Zauberland".

Ich möchte an dieser Stelle keine Filmkritik verfassen. Dennoch ist es mir ein Bedürfnis zu betonen, dass "Spirited Away" aus meiner Sicht ein vollkommenes Meisterwerk ist, das ich auch nach dem dreißigsten Anschauen immer noch ebenso verehrungswürdig finde. Es handelt sich tatsächlich noch um einen handgezeichneten Film und nicht um computergenerierte Animationen; die Bildsprache ist dennoch gewaltig und die Geschichte kann man mit der Formulierung, sie sei ein "Jahrhundertfeuerwerk der explodierenden Fantasie", nur unzureichend beschreiben. Wer das Stück noch nicht gesehen hat, sollte das tunlichst nachholen. Das Werk ist kein "Kinderfilm", auch wenn es meines Wissens in Deutschland die Einstufung "FSK 12" erhalten hat - ich jedenfalls würde es einem zwölfjährigen Kind gewiss nicht zumuten, zumal die vielen tieferen Aussagen und Verweise, die an allen Ecken und Enden zu finden sind, von den meisten Kindern ohnehin noch nicht verstanden werden können. Exemplarisch sei dazu auf die deutsche Synchronisation hingewiesen: Der Part der "bösen Hexe" Yubaba (die hier nichts mit den üblichen, meist reaktionär-konservativen Disney- oder Märchen-Klischees gemein hat) wird von Nina Hagen gesprochen - und zwar in einem derartig gruselig-rauen Bass [!], der selbst einem alten Haudegen wie mir tief unter die Haut geht.

Ich erinnere mich noch gut an mein "erstes Mal" - es passiert mir verdammt selten, dass mich die Geschichte und vor allem die Atmosphäre eines Films noch tagelang verfolgt und berührt. Die Sozial- und Gesellschaftskritik, die dieser Film fast beiläufig transportiert, wirkt nachhaltig.

Donnerstag, 6. August 2015

Zitat des Tages: Hiroshima


Der den Tod auf Hiroshima warf
Ging ins Kloster, läutete dort die Glocken.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Sprang vom Stuhl in die Schlinge, erwürgte sich.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Fiel in Wahnsinn, wehrte Gespenster ab,
Hunderttausend, die ihn angehen nächtlich
Auferstanden aus Staub für ihn.

Nichts von alledem ist wahr.
Erst vor kurzem sah ich ihn
Im Garten seines Hauses vor der Stadt.
Die Hecken waren noch jung und die Rosenbüsche zierlich.
Das wächst nicht so schnell, dass sich einer verbergen könnte
Im Wald des Vergessens. Gut zu sehen war
Das nackte Vorstadthaus, die junge Frau
Die neben ihm stand im Blumenkleid
Das kleine Mädchen an ihrer Hand
Der Knabe der auf seinem Rücken saß
Und über seinem Kopf die Peitsche schwang.
Sehr gut erkennbar war er selbst
Vierbeinig auf dem Grasplatz, das Gesicht
Verzerrt vor Lachen, weil der Photograph
Hinter der Hecke stand, das Auge der Welt.

(Marie Luise Kaschnitz [1901-1974], in: "Gesammelte Werke, Bd. 5: Gedichte", Suhrkamp 1985; geschrieben und erstveröffentlicht 1951)

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Anmerkung: Heute vor 70 Jahren - am 6. August 1945 - wurde auf Geheiß des damaligen Präsidenten der USA, Harry Truman, die erste Atombombe, die kriegerischen Zwecken diente, über der japanischen Stadt Hiroshima gezündet. Drei Tage später folgte die zweite, noch verheerendere Bombe, welche die Stadt Nagasaki in Schutt und Asche legte. Dieses beispiellose Kriegsverbrechen kostete mehreren hunderttausend Menschen - größtenteils natürlich Zivilisten - das Leben. Neben den unmittelbar Getöteten starben ebenso viele an den Folgen der Verbrennungen und radioaktiven Verstrahlung. Bei n-tv gibt es eine Fotoreihe, die einen kleinen, aber keineswegs umfassenden Einblick in das Ausmaß der Zerstörungen bietet.

Paul Tibbets war der Name des Piloten, der im Cockpit des Flugzeuges saß, das die erste Bombe nach Hiroshima transportierte. Er hat seine Tat - zumindest öffentlich - bis zu seinem Tode 2007 nie bereut. Dasselbe gilt freilich für die Verantwortlichen der damaligen US-Regierung.

Heute sind unsere amerikanischen Freunde längst wieder bereit. Kürzlich las ich einen Bericht über das "Center for Strategic and International Studies" (CSIS), in dem es unter anderem heißt:

Der CSIS-Bericht argumentiert, hochentwickelte taktische Atomwaffen würden es Washington ermöglichen, kleinere Atomkriege anzudrohen und zu führen, ohne sich von der Gefahr eines nuklearen Holocausts abschrecken zu lassen.

Und diese Kriminellen meinen das ernst.


(Stadtzentrum von Hiroshima, August 1945)