Montag, 30. März 2015

Konzert des Tages: Roger Waters & The Bleeding Hearts Band




(Roger Waters & The Bleeding Hearts Band: "In The Flesh", Konzert in der Rose Garden Arena, Portland, Oregon, USA am 20.07.2000)

Anmerkung: Was Waters mit seinen KollegInnen in diesem 15 Jahre alten zweieinhalbstündigen Konzert abgeliefert hat, beeindruckt mich wirklich sehr. Der Mann hat hier außergewöhnliche Musiker und Sängerinnen engagiert, die allesamt virtuoser und schlicht besser spielen als die gesamte ehemalige Pink-Floyd-Mannschaft einschließlich Waters selbst. Zu Beginn wird ganze anderthalb Stunden lang eine fulminante Auswahl von Stücken aus den Floyd-Alben von 1973 bis 1983 dargeboten, die kein Auge trocken und kein Ohr ungerührt lassen kann - einschließlich eines epischen Syd-Barrett-Memorial-Teils, der fast das gesamte Album "Wish You Were Here" umfasst, nebst einem Schmankerl aus dem Jahr 1968, das im Original vom legandären Mitbegründer der Floyds noch mit eingespielt wurde, sowie einem mit 60er-Jahre Glamour-Anzug bekleideten und Barrett-Perücke tragenden Gitarristen. Abgerundet wird das Spektakel von einigen jüngeren Waters-Songs, vor allem aus dem Album "Amused to Death", gefolgt vom unvermeidlichen Finale aus "The Dark Side Of The Moon", dem Wall-Song "Comfortably Numb" und dem eigens für diese Konzertreihe geschriebenen "Each Small Candle".

Ich habe dem Mann, den ich zuvor in den frühen 90ern einige Male live erlebt habe, einen solchen Auftritt nicht mehr zugetraut und war hellauf begeistert, als ich ein anderes Konzert dieser Tournee kürzlich auf DVD sah. Es wird vermutlich nicht allzu lange bei youtube verfügbar sein - wer es sich dort in einer zumindest erträglichen Bild- und Tonqualität anschauen möchte, sollte sich also sputen. Für mich persönlich war beim Ansehen die Erkenntnis ein wenig erschreckend, dass ich tatsächlich sämtliche Textzeilen nach wie vor auswendig kenne - ich habe meine bisherige Lebenszeit offensichtlich in nicht unerheblichen Maße mit Pink Floyd und Roger Waters verbracht ... ;-)


Samstag, 28. März 2015

Zitat des Tages: Der Soldat


unterm netz von stacheldraht
      hockt verlassen der soldat

sucht sich schläfrig umzudrehen
      denn er ist es müd zu sehen

wie er sich entgegengähnt
      mit dem kamm nach läusen strähnt

schaut er rechts sieht er sich rauchen
      links aus einem trinknapf tauchen

durch ein fenster sieht er sich
      zwanzigfach um einen tisch

und mit schweißverklebten haaren
      wird er in den hof gefahren

er sieht hände die ihn fassen
      und zur erde fallen lassen

hört ins manteltuch gehüllt
      wie er laut vor schmerzen brüllt

überm wald liegt feuerschein
      der soldat schläft langsam ein

(Christa Reinig [1926-2008], in: "Die Steine von Finisterre", Eremiten-Presse 1960)


Freitag, 27. März 2015

Realitätsflucht (18): Fable - The Lost Chapters


Meine heutige Flucht führt mich ins Fantasyreich "Albion", dem Handlungsort des PC-Rollenspiels "Fable - The Lost Chapters" (Lionhead Studios) aus dem Jahr 2005, das auf dem Konsolenspiel "Fable" aus dem Jahr 2004 basiert. Dieses Spiel war das allererste Rollenspiel dieser Art, das ich vor einigen Jahren überhaupt gespielt habe - deswegen hat es eine besondere Bedeutung für mich, da ich mich noch sehr gut an die Begeisterungsstürme, die es seinerzeit bei mir ausgelöst hat, erinnere.

2012 ist eine überarbeitete "Anniversary"-Version erschienen, was ich nun zum Anlass genommen habe, diese erste Spielerfahrung noch einmal zu wiederholen. Ich musste allerdings schnell feststellen, dass man das Spiel in weiten Teilen konsequent "verschlimmbessert" hat: Neben allerlei Bugs, die es zuvor nicht gab, ist hier insbesondere das komplett geänderte Menü zu nennen. Das ursprüngliche Menü war zwar ebenfalls kein großer Wurf, aber es war benutzbar, und darauf kommt es in einem solchen Spiel, in dem man diese Funktion relativ häufig benötigt, an. Die neue Version ist vollkommen unübersichtlich, potthässlich - und vor allem in der Bedienung komplett unbrauchbar, da das Menü sich - anders als in der alten Version - nicht einmal mit der Maus bedienen lässt, sondern exotische Tasten wie "Pos1" oder "Ende" bemüht. Ich habe mich drei quälende Stunden damit herumgeärgert, das Spiel dann entnervt wieder von der Platte entfernt und stattdessen die ursprüngliche Version gestartet. Um diese geht es im Folgenden.

"Fable" ist ein typisches Rollenspiel mit einer recht spannenden, wunderbar erzählten und teils sehr dramatischen Geschichte, über die ich hier nicht mehr verraten möchte. Der Spieler startet als Kind, erlebt die Kindheit und Jugend des späteren Helden quasi als Tutorial, bis er schließlich als junger, unerfahrener Heldenanwärter nach "Albion" aufbricht, um als Schwertkämpfer, Bogen- bzw. Armbrustschütze oder Magier (oder einer Kombination aus allen diesen) mannigfaltige Abenteuer zu bestehen und letztlich - natürlich - einmal mehr das ganze Land vor dem Untergang zu retten.


Im ersten "Bosskampf" tritt man gegen den Oberräuber "Zwillingskling" an.

Im Grunde handelt es sich um eine offene Welt - allerdings werden gewisse Areale erst später im Spiel freigeschaltet, wenn man bestimmte Aufgaben erfüllt und eine gewisse Stärke erreicht hat. Einen besonderen Schwerpunkt legt das Spiel auf die Atmosphäre: Dazu tragen fantasievoll und detailreich gestaltete, ziemlich unterschiedliche Areale ebenso bei wie der Tages- und Nachtrhythmus, der Wetterwechsel und die besonders zu lobende Musik, die tatsächlich im positiven Sinne Ohrwurmcharakter besitzt und ein unverwechselbares "Fable"-Gefühl produziert.

Das Spiel hat neben den üblichen Haupt- und Nebenquests, die es zu erledigen gilt, eine Menge Details zu bieten, die von verschiedenen Mini-Games bei Abzockern, die man in jeder größeren Stadt findet (u.a. Blackjack, Memory, Münzenschießen etc.), über einen Angel-Wettbewerb bis hin zu wunderbar prolligen Faustkämpfen reichen. Überall sind mehr oder weniger versteckte Truhen, vergrabene Schätze oder im Wasser verborgene Kostbarkeiten zu finden, wodurch der Anreiz, die Welt akribisch zu durchsuchen, gestärkt wird. Oft lohnt sich das, denn so lassen sich nicht nur wertvolle Gegenstände, die man verkaufen kann, finden, sondern auch Heiltränke, besondere Waffen oder Rüstungsteile sowie die im Spiel besonders wichtigen Silberschlüssel. Diese benötigt man, um besondere Truhen zu öffnen, in denen sich immer legendäre Gegenstände befinden. Fast schon sagenhaft sind die sprechenden sogenannten "Dämonentüren", von denen man in "Albion" eine ganze Reihe findet: Diese stellen dem Spieler jeweils eine bestimmte, manchmal auch verschlüsselte Aufgabe, die es zu erledigen gilt, bevor die Tür sich öffnet und ihre stets wertvollen oder nützlichen Schätze preisgibt.

Man kann sich frei entscheiden, ob man einen "guten" Helden oder einen "bösen" Tyrannen spielen möchte. Diese Entscheidung beinhaltet teilweise unterschiedliche Nebenquests und hat neben der Reaktion der Bevölkerung auf den Protagonisten (Jubel bzw. Angst und Flucht) insbesondere eine optische Konsequenz: Der Held erhält im weiteren Spielverlauf tatsächlich einen wunderbar kitschigen Heiligenschein, während dem Schurken allmählich diabolische Hörner aus der Stirn wachsen. Genauso ironisch wie dieses Detail sind weite Passagen des Spiels, das neben der ernsten, dramatischen Hauptgeschichte auch eine Menge Humor zu bieten hat.

Der Spieler kann Handel treiben, Häuser und Läden erwerben, sich verlieben, heiraten, Kinder bekommen, andere Leute bestehlen, ganze Städte ausrauben, wahllos morden und vieles mehr - alle diese Handlungen haben aber Konsequenzen, die man vorher bedenken sollte. Viel mehr will ich dazu gar nicht verraten.

Die deutsche Sprachausgabe ist äußerst gelungen und professionell umgesetzt. Das Spiel (wohlgemerkt: nicht die "Anniversary"-Version) ist frei von Bugs und läuft unter Win7/64 perfekt stabil (das Programm ist in beiden Spielverläufen kein einziges Mal abgestürzt). Der einzige wirkliche Kritikpunkt, der mir einfällt, ist die mangelhafte Speichermöglichkeit: Es gibt keine Schnellspeicherfunktion, und auch über das Menü lässt sich lediglich der "Helden-Spielstand" abspeichern, was zur Folge hat, dass man eine mit einer Bildschirmmitteilung begonnene Quest erst beenden muss, bevor man speichern und das Spiel beenden kann - ansonsten fängt man bei der nächsten Spielsession wieder am Beginn der besagten Quest an.

Es mag sein, dass ich "Fable" durch eine leicht rosa gefärbte Brille betrachte, da es ja mein "erstes Mal" in Sachen Rollenspiele gewesen ist - ich habe aber tatsächlich ansonsten nichts an diesem Spiel auszusetzen und betrachte es als eines der ganz Großen dieses Genres, das mir beim zweiten Mal genauso viel Spaß gemacht hat wie zuvor.


Donnerstag, 26. März 2015

Song des Tages: Stay With Me




(Asrai: "Stay With Me", aus dem Album "Pearls In Dirt", 2007)

Where will I stand
When there's nothing left to say?
Please stay ...
What will you choose
When there's nothing left to lose?
Time stands still ...

Hide behind the walls
Where a house is not a home
I can't break through ...
Stay with me
Time is all we have
Stay with me ...

Stay with me
When there's nothing left to hold
Please, stay ...

How can I breathe
When the sky has turned to grey?
It fades away ...
And I don't understand:
Does it always feel so cold?
Come, breathe with me ...

Does the nightmare find your head
Staring at the face?
The face behind ...
And I can't explain
When the sky has turned to grey
Breathe with me ... be with me ...

Breathe with me
When there's nothing left to lose
Please, stay ...


Mittwoch, 25. März 2015

Maut = Überwachung: Die schönen Pläne der neoliberalen Bande


Vor 15 Monaten konnte man auf den Internetseiten der SPD noch die folgende Ankündigung bestaunen:

Die CSU will allen Bürgern kräftig in die Tasche greifen. Zum Start ins neue Jahr preschen die Christsozialen mit Vollgas vor, um ihr Lieblingsprojekt Pkw-Maut durchzusetzen. Die SPD lehnt den Vorstoß von CSU-Chef Horst Seehofer ab und fordert: Kein Abkassieren aller Autofahrer – besonders der vielen Pendler mit geringem Einkommen.

Heute klingt dieses Bekenntnis allerdings so:

Der Weg für das umstrittene Pkw-Maut-Gesetz ist frei. Experten [sic!] von Union und SPD einigten sich in der Nacht auf Änderungen an dem Vorhaben, sodass das Gesetz am Freitag vom Bundestag beschlossen werden kann. Die SPD setzte dabei zudem durch, dass der Bundestag per Entschließungsantrag auch die Ausdehnung der Lkw-Maut auf alle Bundesstraßen vorantreiben soll.

Soviel zur Glaubwürdigkeit der SPD und ihrem Front-Opportunisten und Schröderianer Sigmar Gabriel. Was bei der Berichterstattung über diese Farce aber wie gewohnt unter den Tisch fällt, ist die mit diesem Gesetz untrennbar verbundene Ausweitung der Überwachung, die nun dank SPD nicht mehr nur auf Autobahnen beschränkt bleiben, sondern auf alle Bundesstraßen ausgedehnt werden soll. Wenn die unsägliche Infrastruktur, die schon heute auf den Autobahnen dafür sorgt, dass keine Fahrt unentdeckt bleibt, künftig auch alle Bundesstraßen zieren sollte, sind wir dem von interessierter Seite herbeigesehnten "gläsernen Bürger" einen weiteren Schritt näher. In Kooperation mit den geplanten GPS-Systemen, die zukünftig in allen Pkw (angeblich zur "schnellen Hilfe bei Unfällen") verpflichtend installiert werden sollen, wird der Staat und werden natürlich auch die mit der Umsetzung beauftragten privaten Unternehmen exakt dokumentieren können, zu welcher Zeit sich ein Pkw an welchem Ort befunden hat.

So schöne Aussichten auf die "fürsorgliche Belagerung" durch die Obrigkeit hatten die BürgerInnen dieses Landes wahrlich schon recht lange nicht mehr.

Es ist nur eine Randnotiz, dass das unsägliche Maut-System in Kürze natürlich auch auf Bundesstraßen für Pkw gelten wird, wenn die entsprechende Infrastruktur einmal installiert ist. Da es heute schon absehbar ist, dass die nun beschlossene Gesetzesvariante, die "Deutsche" angeblich nichts kosten soll, mit "EU-Recht" unvereinbar ist, kann sich einjede/r selbst ausmalen, wie das Endergebnis aussehen wird: Diejenigen, die sich ein Kfz noch leisten können, werden künftig also ordentlich blechen müssen, um die eigene Totalüberwachung zu finanzieren. Ein typisches asoziales, bürgerfeindliches SPCDU-Projekt, das nach viel medialem Tamtam im Vorfeld nun beiläufig, schnell und im Schatten des Flugzeugabsturzes über die politische Schaubühne ins neoliberale, großkoalitionäre Körbchen getrieben wurde.

Der Weg zum humanimplementierten GPS-Chip als Voraussetzung für die deutsche Staatsbürgerschaft ist offensichtlich nicht mehr allzu weit - vermutlich werden "Ausländer", die immigrieren möchten, zuerst damit behelligt, bevor ...

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Unterwegs


"Emil, die Politik ist zum ---" — "--- Wem sagste das, Otto?!"

(Zeichnung von Henry [Henri] Bing [1888-1965], in "Simplicissimus", Heft 42 vom 12.01.1925)

Dienstag, 24. März 2015

Zitat des Tages: Auf der Straße


Wenn ich auf die Straße hinaustrete,
sehe ich keinen Verkehr zwischen den Leuten,
keine Gruppen, die sich über die Zeitung unterhalten,
es liegt kein Gespräch in der Luft.
Ich sehe Leute, die so aussehen, als lebten sie
unter der Erde und als wären sie das letzte Mal
bei irgendeinem dritten oder vierten
Kindergeburtstag froh gewesen. Sie bewegen sich,
als wären sie von einem System elektrischer Drähte
umgeben, das ihnen Schläge austeilt, falls sie
einmal einen Arm ausstrecken oder mit dem Fuß
hin und her schlenkern.
Sie gehen aneinander vorbei und beobachten sich,
als wäre jeder der Feind des anderen.
Das ganze Leben hier macht den Eindruck,
als würde irgendwo ein großer Krieg geführt
und alle würden auf ein Zeichen warten,
dass die Gefahr vorüber ist und man sich
wieder bewegen kann.

(Friedrich Christian Delius [*1943], in: Born / Delius / von Törne: "Rezepte für Friedenszeiten. Gedichte", Aufbau 1973)


Montag, 23. März 2015

Manipulierte Realität: Ich bestimme, was du getan hast


Das haben hoffentlich alle mitbekommen: Die gesamte Kommunikation aller BürgerInnen via Handy bzw. "Smartphone" unterliegt seit Jahren dem unkontrollierten und schrankenlosen Zugriff der Geheimdienste. Damit sind nicht "nur" sogenannte Meta-Daten gemeint, deren Abschnorchelung schon schlimm genug wäre, sondern tatsächlich die gesamte Kommunikation inklusive der jeweiligen Inhalte.

Der ansonsten allzu oft Mainstream-Propaganda verbreitende Computer-"Experte" des WDR, Jörg Schieb, schreibt dazu in seinem WDR-internen Blog:

NSA und GCHQ haben sich die Schlüssel von SIM- und Chip-Karten unter den Nagel gerissen. Vor einigen Jahren schon. Wer anlässlich der jüngsten Enthüllungen des Online-Portals The Intercept nur mit den Achseln zuckt, dem ist entweder alles egal - oder er hat die Konsequenzen nicht verstanden. Denn wer den Schlüssel einer SIM- oder Chip-Karte hat, der kann mit der Karte machen, was er will. Er kann nicht nur Daten auslesen - er kann auch Daten schreiben, die Karte manipulieren. Die Geheimdienste können damit Gott spielen. Sie kriegen alles mit - und können nicht erwischt werden.

Das lassen wir uns doch mal auf der Zunge zergehen: Während die korrupte Bande - übrigens auch via WDR - nach wie vor abwiegelt, verharmlost und sogar immer wieder dreist behauptet, es gebe keine Belege für die allumfassende Totalüberwachung der ganzen Welt durch die "five eyes", sind Menschen, die des Lesens mächtig sind und diese Kompetenz nicht allein an BLÖD, FAZ, Spiegel & Co. ausgelagert haben, dank Edward Snowden glücklicherweise etwas schlauer.

Spinnen wir den bösen Gedanken doch einfach mal weiter: Wenn jene Geheimdienste, die sich ohnehin außerhalb jeder Jurisprudenz wähnen, in die Lage versetzt werden, Daten nicht nur hemmungslos, uneingeschränkt und illegal abzuhören und aufzuzeichnen, sondern dazu auch noch die Möglichkeit haben, sie nach Belieben - und in jedem Fall sanktionslos, weil nicht beweisbar! - zu manipulieren, was werden sie dann wohl tun? Die naheliegende Antwort kann sich einjede/r selbst geben.

Allmächtige, außerhalb aller Gesetze stehende Geheimdienste können eigentlich für jeden klar denkenden Menschen nur eine faschistoide Horrorvorstellung aus einer dystopischen Endzeit sein - für das Kommentariat des Schieb-Blogs gilt das allerdings nicht in Gänze. Dort entblößen gleich mehrere Kommentatoren ihre Dämlichkeit dermaßen brachial, so dass ich davon ausgehen muss, dass es es sich dabei eigentlich nur um Sockenpuppen der interessierten, profitierenden Seite handeln kann - anders ist die außerordentliche Diskrepanz zwischen totalem Irrsinn und zumindest sprachlich vorhandem Intellekt nicht rational erklärbar. Ein Beispiel reicht zur Illustration aus:

Machen wir uns doch nichts vor. Ein Geheimdienst der sich an all die Gesetze und Vorlagen halten würde, wäre im Ergebnis eine Lachnummer. Viele Erkenntnisse kommen nun einmal nur durch "illegale" Praktiken zur Auswertung. Sicherlich nicht schön, aber wenn es denn auch funktionell sein soll, geht es anders nun einmal nicht.

Das schreibt ein "Ulli Zauner" [sic!], den es mit dieser irrwitzigen Meinung - und da bin ich mir fast sicher - so nicht gibt, schlicht gar nicht geben kann. Die Bande kämpft mit allen Mitteln - gefälschte Kommentare sind auf diesem Gebiet doch eine eher geringfügige Lappalie.

Der Blog-Beitrag stammt vom 20. Februar - was ist also seitdem von Seiten unserer geliebten Bundesregierung geschehen, um diesen furchtbaren Missstand, der ohne ein rigoroses, sofortiges Eingreifen zweifellos in einem katastrophalen, faschistischen Fiasko enden muss, zu beheben? Die leidvolle Antwort kann sich wiederum einjede/r selbst geben. - Genau: Nix.

Ein Leben im Albtraum eines Perversen wäre ein fröhliches Zuckerschlecken gegen unsere böse, verkommene Realität.


Samstag, 21. März 2015

Musik des Tages: Sinfonie Nr. 1 in As-Dur




  1. Andante nobilmente e semplice – Allegro
  2. Allegro molto
  3. Adagio
  4. Lento – Allegro

(Edward Elgar [1857-1934]: "Sinfonie Nr. 1 in As-Dur", Op. 55 aus den Jahren 1907/08. BBC Symphony Orchestra, Leitung: Martyn Brabbins, 2012)

Freitag, 20. März 2015

Die Kriegserklärung


Manchmal glaubt man es immer noch nicht, was die Propagandapresse dem gemeinen Rezipienten so alles zumutet - ich jedenfalls habe nur noch mit den Ohren geschlackert und konsterniert nach Luft geschnappt, als ich diesen Sermon der tagesschau gelesen habe:

Innenminister de Maizière plant den Aufbau einer neuen Anti-Terror-Einheit, die die Lücke zwischen GSG9 und Bereitschaftspolizei schließen soll. Nach Informationen des rbb soll die Einheit auch im normalen Polizeidienst eingesetzt werden.

Lest Euch das selbst durch - der Irrsinn ist durch keinen Kommentar zu überbieten. Der "islamistische Terrorismus", der unser aller Leben bekanntermaßen jeden Tag aufs Neue bis aufs Blut bedroht, muss wieder einmal herhalten für eine weitere Aufrüstung der staatlichen Gewalt gegen die Bevölkerung. Neu ist in diesem Entwurf die Aussicht, dass die zu schaffenden paramilitärischen Einheiten nicht mehr nur in "komplexen Gefahrensituationen", also dem angeblichen Ursprungsszenario, zum Einsatz kommen sollen, sondern auch im "normalen Polizeidienst". Aha.

Darüber hinaus wird hier die von der korrupten Bande ohnehin nicht mehr angewandte Trennung von Polizei und Geheimdiensten weiter aufgeweicht und ad absurdum geführt - und auch das ist der tagesschau nicht eine einzige kritische Bemerkung wert. Das "Bundesamt für Verfassungsschutz", das "Bundeskriminalamt" und die "Bundespolizei" tauchen hier als blumige Einheit auf, die in trauter, verfassungswidriger Einigkeit für das Wohl das Kapitals zu sorgen haben.

Der faschistoide Terror dieser Gesellen (zum willkürlichen Reisepass- und Personalausweisentzug habe ich ja schon etwas geschrieben) geht nun noch einen Schritt weiter und das Orwell'sche Strafrecht der "bösen" Gesinnung - auch wenn sie bloß (von wem auch immer) "vermutet" wird - steht vor der Tür:

Allein die Absicht, in ein Terrorcamp ausreisen zu wollen, soll künftig strafbar sein.

Treffer, versenkt. Ich weiß mir nicht zu helfen - aber noch deutlicher und unmissverständlicher könnte diese korrupte Brut ihren Weg in den Faschismus doch gar nicht formulieren. Eine militärisch aufgerüstete, mit Geheimdiensten vernetzte Polizei auf der einen Seite, ein völlig perverses Gesinnungsstrafrecht, das auf irgendwelchen willkürlichen, nicht näher kommunizierten Mutmaßungen beruht, auf der anderen Seite - und mittendrin stehen nun wir, die Menschen, die das alles direkt betrifft. Ich kann das nicht anders deuten als eine barsche Kriegserklärung.

Ich hätte im Leben niemals vermutet, dass ich barbarische Zustände wie diese tatsächlich noch während meiner Lebenszeit wiederholt sehen muss.

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Der letzte Demokrat


"Der liebste Platz, den ich auf Erden hab', das ist die Rasenbank am Elterngrab."

(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 27 vom 05.10.1931)

Donnerstag, 19. März 2015

Zitat des Tages: Nachts in der Stille erwachen


Nachts in der Stille erwachen,
Die Einsamkeit tritt heran.
Wie mag ich leben und lachen?
Finsternis blickt mich an.

Ist noch ein Geruch von Kerze
Und Mutters Flaumigkeit nah?
Wie Rauch verhängt mich die Schwärze
Und nur die Schwermut ist da.

(Albin Zollinger [1895-1941], in: "Sternfrühe. Neue Gedichte", Morgarten 1936)


Anmerkung: Marktkonforme Psychologen des 21. Jahrhunderts und entsprechende Schreibtischtäter in den begleitenden politischen und medialen Gremien werden das nicht gerne hören, sondern in Bausch und Bogen verdammen: Manchmal sind Depressionen eben keine Krankheit, sondern einfach ein gesunder, natürlicher Reflex eines Menschen auf die ihn umgebende, allzu kranke Welt. Fast das gesamte lyrische Werk Albin Zollingers ist ein Paradebeispiel für diese Binsenweisheit, die man heute nicht mehr äußern darf, ohne sich öffentlich lächerlich zu machen. Ich mache mich gerne lächerlich. Eigentlich gibt es nur wenige Möglichkeiten, wie ein gesunder, wacher Geist auf unsere heutige furchtbare Welt reagieren kann - neben Zorn und Rebellion, der panischen Flucht in Fantasiewelten oder dem puren Wahnsinn bleibt da eigentlich nur noch die Depression oder Resignation.

Oder habe ich etwas vergessen?

Mittwoch, 18. März 2015

Musik des Tages: Amused To Death, oder: 1984




(Roger Waters: "The Ballad of Bill Hubbard / Amused to Death" [gekürzte Version], aus dem Album "Amused to Death", 1992)

Alf Razzell war ein Soldat im Ersten Weltkrieg, der in einem TV-Report von seiner Vergangenheit erzählte. Zu seinen Aufgaben gehörte es, auf dem Schlachtfeld und in den Schützengräben die Soldbücher der Gefallenen einzusammeln; eine Tätigkeit, die ihn ständig mit entsetzlichsten Wunden, Verstümmelungen, Leichen und Leichenteilen konfrontierte. Hier berichtet er von dem vergeblichen Versuch, den tödlich verwundeten Soldaten Bill Hubbard aus einem Schützengraben zu retten.

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[switch TV channel]

Alf Razzell: Two things that have haunted me most are the days when I had to collect the paybooks; and when I left Bill Hubbard in no-man's-land. / I was picked up and taken into their trench. And I'd no sooner taken two or three steps down the trench when I heard a call, "Hello Razz, I'm glad to see you. This is my second night here," and he said "I'm feeling bad," and it was Bill Hubbard, one of the men we'd trained in England, one of the original battalion. I had a look at his wound, rolled him over; I could see it was probably a fatal wound. You could imagine what pain he was in, he was dripping with sweat; and after I'd gone about three shellholes, traversed that, had it been ... had there been a path or a road I could have done better. He pummelled me, "Put me down, put me down, I'd rather die, I'd rather die, put me down." I was hoping he would faint. He said "I can't go any further, let me die." I said "If I leave you here Bill you won't be found, let's have another go." He said "All right then." And the same thing happened; he couldn't stand it any more, and I had to leave him there, in no-man's-land."

[switch TV channel to entertainment bullshit]

Doctor Doctor, what is wrong with me
This supermarket life is getting long
What is the heart life of a colour TV
What is the shelf life of a teenage queen
Ooh, western woman - ooh western girl

News hound sniffs the air when Jessica Hahn goes down
He latches on to that symbol of detachment
Attracted by the peeling away of feeling
The celebrity of the abused shell the belle

No tears to cry, no feelings left -
This species has amused itself to death.

[switch TV channel]

Alf Razzell: Years later, I saw Bill Hubbard's name on the memorial to the missing at Arras. And I ... when I saw his name I was absolutely transfixed; it was as though he was now a human being instead of some sort of nightmarish memory of how I had to leave him, all those years ago. And I felt relieved, and ever since then I've felt happier about it, because always before, whenever I thought of him, I said to myself, "Was there something else that I could have done?" And that always sort of worried me. And having seen him, and his name in the register - as you know in the memorials there's a little safe, there's a register in there with every name - and seeing his name and his name on the memorial; it sort of lightened my ... heart, if you like.

Woman: When was it that you saw his name on the memorial?

Alf Razzell: Ah, when I was eighty-seven, that would be the year ... nineteen ... eighty-four, nineteen eighty-four.

[switch TV off]


Dienstag, 17. März 2015

Unsere schöne Glitzerwelt: Die "Jobcenter", die Armut und die Unterhaltung


Warum lässt sich ein Mensch wie Günter Wallraff vom Gossen-Sender RTL für oberflächlichen Krawall und pseudokritische Berichterstattung einspannen?

Diesmal hat es das "Team Wallraff" für die gleichnamige RTL-"Doku" in die Niederungen der "Jobcenter" verschlagen. Wer sich mit diesem Thema auskennt, womöglich selber direkt oder indirekt davon betroffen ist und seine Informationen in der Regel aus dem kritischen Teil des Internet bezieht, konnte angesichts dieses Machwerkes aber nicht einmal müde lächeln. Da wurden gar sensationelle Ergebnisse "enthüllt": Es verschwinden "manchmal" Dokumente oder ganze Akten! SachbearbeiterInnen der "Jobcenter" werden oft nur befristet angestellt! Es herrscht künstlich erzeugter Personalmangel! Die Arbeitslosenstatistik wird auch durch sinnfreie "Maßnahmen", für die Millionen von Steuergeldern verschleudert werden, bewusst und gewollt massiv gefälscht! Sanktionen werden "manchmal" rein willkürlich ausgesprochen! Es gibt absurde "Vermittlungsquoten" in den Ämtern! Etc. - Nein, wer hätte denn das alles auch erahnen können?!?

Ich gebe zu, dass ich mir diesen Mist - ganz entgegen meiner sonstigen strikten TV-Abstinenz - angetan habe, und meine schlimmsten Ahnungen wurden leider nicht enttäuscht: Die Sendung war noch schlechter als ich das im Vorfeld befürchtet habe. Alles, aber wirklich alles, was in dieser "Enthüllungsstory" aufgedeckt wurde, war vorher schon seit Langem hinlänglich bekannt. Es war ein müder, billiger, lauwarmer Aufguss, der in schöner RTL-Manier äußerst dramatisch und reißerisch in den Pausen zwischen den noch dämlicheren Reklameblöcken präsentiert wurde. Dabei blieb tiefere Kritik einigen wenigen vernuschelten Nebensätzen vorbehalten, während das "Interview" mit dem "Vorstand Arbeitsmarkt" der Bundesagentur für Arbeit, Heinrich Alt, gar zur grotesken Farce und reinen neoliberalen Propagandaveranstaltung geriet, wie sie peinlicher kaum hätte ausfallen können.

Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Hartz-Terror - wie beispielsweise den grundgesetzwidrigen Sanktionen, der massenhaften Zwangsverarmung, Entmündigung und Schikanierung von Millionen von Menschen, der existenziellen Not und sozialen sowie kulturellen Verelendung, in die sie gewollt getrieben werden, oder der ebenfalls grundgesetzwidrigen Zwangsarbeit - fand nicht statt. Es wurden weder Fragen gestellt, die nach den ideologischen Hintergründen dieses perversen Systems - inmitten des explodierenden Reichtums der Superreichen - forschten, noch solche, die überhaupt den Sinn und Zweck einer solchen faschistoiden Behörde in unserer heutigen Zeit zum Inhalt hatten. Auch das systemimmanente Symptom der allgegenwärtigen Korruption wurde mit keinem Wort erwähnt. Alle "aufgedeckten" Skandale wurden stattdessen, wie üblich, als - wenn auch öfter vorkommende - "Einzelfälle" dargestellt, die aber nicht das Geringste mit dem System an sich zu tun hätten.

Als Fazit der Sendung lässt sich formulieren: Man müsste nach dieser verzerrten Darstellung lediglich die Behörden und deren MitarbeiterInnen ein wenig "reformieren" bzw. "auf Kurs bringen" - und schon wäre das Hartz-System in bester Ordnung und das Paradies in greifbarer Nähe. Wie zynisch, geradezu menschenverachtend das ist, muss ich niemandem erklären, der mit dieser bürokratischen Perversion schon einmal Kontakt hatte oder immer noch haben muss.

Wieso tut Wallraff das? Braucht er dringend Geld? Ist er senil und merkt nicht mehr, wessen böses Lied er da anstimmt? Oder habe ich ihn einfach falsch eingeschätzt und in einer Ecke verortet, in der er sich nie aufgehalten hat? - Unsere Kuhmedien gehen mit dieser Sendung jedenfalls genau so um, wie sie es verdient hat: Bei n-tv beispielsweise ist der - ebenso oberflächlich-dümmliche - Bericht darüber exakt in dem Ressort erschienen, in das er gehört - nämlich in der Sparte "Unterhaltung".


(Screenshot: n-tv. "Let's amuse ourselves to death.")

Samstag, 14. März 2015

Credo ergo sum: Mystik, Glaube und Gewissheiten


Pünktlich zum Freitag dem 13. hat unser geschätzter Häuptling Verfaulter Fuß auf seiner Eso-Schleuder Jenseits der Realität einen Text zum weltbewegenden Thema "Mystik" eingestellt, der bereits vor 20 Jahren in jedem mediävistischen (also wissenschaftlichen) Seminar zum Thema allenfalls als satirisches Pausenfutter für die Lachmuskeln gedient hätte. Das stört unseren Häuptling aber nicht und er zieht munter vom Leder, dass sich die Balken ächzend biegen und die gepeinigten Hirnwindungen geräuschvoll glätten.

Wer sich das durchlesen möchte, mag das gerne tun - ich habe jedenfalls gleich mehrere Anläufe gebraucht, um überhaupt bis zum Ende durchzuhalten. Die physischen und psychischen Schmerzen dieser Tortur wurden jedoch satt belohnt - denn im Kommentarbereich wartete gleich das nächste Highlight: Dort hat nämlich ein "Erweckter" seinen dampfenden, dicken Haufen hinterlassen, der von seinem "Gotteserlebnis" berichtet und zu dem wunderbar passenden Schluss kommt:

Dann handelt es sich nicht mehr um den "zweifelnden Glauben" nach dem Motto "Glauben heißt nicht wissen"[,] sondern dann kann man sagen[:] Glaube = Gewi[ss]heit. Dieser Glaube ist das schönste Geschenk, das Gott uns machen kann.

Ich glaube [sic!], dass selbst Martin Sonneborn - oder meinetwegen auch Satanas persönlich - das nicht treffender auf den Punkt hätte bringen können. Die geglaubte Gewissheit ist die zierende Krone auf dem schwankenden Haupt des tanzenden, klappernden Skeletts des esoterischen Irrsinns.

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Und am Montag lesen Sie von Roland Faulfuß und unterstützenden Psychopathen an dieser Stelle: “Die Fackel wegwerfen, wenn das Feuer entfacht ist” – Esoterik als ganzheitlicher Gehirnersatz, oder: Unsere Scheiterhaufen Maßnahmen gegen Ungläubige und KetzerInnen.


Freitag, 13. März 2015

Realitätsflucht (17): Nehrim - Am Rande des Schicksals


In der heutigen Folge meiner Realitätsflucht berichte ich von einem ausgewachsenen Epos. Das Spiel Nehrim - Am Rande des Schicksals ist nämlich eines, das sich gewaschen hat. Eigentlich ist es gar kein eigenständiges Spiel, sondern eine sogenannte "Mod" (Modifikation), die auf dem Titel Oblivion aus der Elder-Scrolls-Reihe basiert. Allerdings haben wir es hier mit einem Sonderfall, nämlich einer "total conversion" zu tun, was wiederum bedeutet, dass Nehrim mit Oblivion nichts weiter gemein hat als die zugrunde liegende Grafik-Engine. Sämtliche Inhalte - sowohl die Geschichte als auch der Ort der Handlung, die Umgebungen und Charaktere - wurden neu geschaffen.

Die Urheber dieses Spieles sind etwa 80 Personen, die es in ihrer Freizeit und bar jeden kommerziellen Interesses in einem Zeitraum von mehreren Jahren geschaffen haben. Das Spiel ist kostenlos - Voraussetzung ist lediglich eine installierte Version des Original-Spieles The Elder Scrolls IV: Oblivion. Die Umsetzung ist durchweg professionell: Über die Grafik, die aus dem Ursprungsspiel bekannt ist, muss ich keine Worte verlieren; die deutschen Dialoge sind vorzüglich und ebenfalls professionell vertont; die Musik steht dem Original in nichts nach und wird sogar durch einen beigesteuerten Song der Mittelalterrockband Schandmaul erweitert. Keiner der beteiligten Sprecher und Musiker ist für diese Tätigkeit finanziell entlohnt worden.

Es folgen eine Menge Spoiler - wer das Spiel also selber noch ausprobieren möchte, sollte es sich beispielsweise hier herunterladen und nicht mehr weiterlesen.

Mit Nehrim wird der Welt der Elder-Scrolls-Reihe schlicht ein weiterer Kontinent hinzugefügt, der sich nahtlos in die bereits erzählte Geschichte der Fantasywelt "Tandriel" einfügt. Es herrscht Krieg im Land: Im Mittelreich regiert der abtrünnige Ordensmagier Baranteol, der die Magie generell verbieten (und für sich selbst vorbehalten) möchte, im Norden, der von seinen Truppen angegriffen wird, ist sein Einfluss schon deutlich spürbar, und im Süden befindet sich eine zunächst abgeschottete Enklave der puren und zerstörerischen Magie, die sich natürlich ebenfalls in verkommenen, falschen Händen befindet. In dieser Situation betritt der Spieler am Beginn des Spiels das Mittelreich und muss sich wie gewohnt auf den Weg machen, das von Krieg, Hab- und Machtgier zerrüttete Land zu retten.

Gleich am Anfang zeigt das Spiel überdeutlich, was es von Oblivion und anderen vergleichbaren Titeln unterscheidet: Nach einem hübschen Intro landet der Spieler in einem finsteren, wirklich großen Höhlenlabyrinth, darf sich durch vorerst leichte Monster schnetzeln und landet schließlich direkt beim ersten mit herkömmlichen Mitteln unbesiegbaren Gegner, den er geschickt austricksen muss, um weiterzukommen. Ich habe diesen Spielstart gefeiert - auch wenn ich bereits zu diesem frühen Zeitpunkt mehrmals gescheitert bin und einen neuen Versuch starten musste, weil ich einfach noch nicht wusste, was das Spiel von mir will.

Das zieht sich im weiteren Verlauf durch die gesamte Geschichte. Der Start nach dem Höhlenlabyrinth ist leider etwas schleppend - man muss sich ohne Quests auf den Weg machen, all die Ruinen, Dörfer, Grüfte und Höhlen in der Umgebung zu entdecken, um die nötige Erfahrung und Stärke zu erlangen, die zur Verfolgung der Hauptquest notwendig sind. Hier findet man auch viele nützliche Gegenstände wie beispielsweise besondere Waffen, Rüstungen oder magische Elemente. Gerade in Bezug auf Waffen und Rüstungen ist Nehrim vorbildlich - ich habe es bislang jedenfalls nicht geschafft, durch eigene Handwerkskunst eine bessere Waffe herzustellen als die, die ich gefunden bzw. besiegten Gegnern abgenommen habe. So soll es sein.

Im weiteren Verlauf wird die Geschichte immer dramatischer - der Spieler muss den seit 1.000 Jahren gefangenen Erretter des Mittelreiches befreien, den fiesen Magierschurken Baranteol in seiner Festung in der Hauptstadt Erothin besiegen und im Südreich gar eine ganze Revolution anzetteln, um endlich den eigentlichen Gegnern - den "Göttern" bzw. "Lichtgeborenen" - entgegenzutreten. Diese schöne Religionskritik bringt der alte Zausel Callisto, dem der Spieler im Rahmen der Hauptquest zeitweise folgen muss, wunderbar auf den Punkt, wenn er bemerkt:

Religion gilt dem gemeinen Mann als wahr, dem Weisen als falsch und dem Herrscher als nützlich - besonders dem, der mit Gewalt regiert.


Ich kenne inzwischen eine ganze Reihe von Computerspielen - aber bei keinem zuvor habe ich mich dabei ertappt, wie ich immer und immer wieder den Satz "Das ist jetzt aber nicht euer Ernst!" völlig entsetzt und dabei lachend oder bibbernd vor mich hin gebrabbelt habe. Die Überraschungen, die in Nehrim auf den Spieler warten, haben es wahrlich in sich - abgefahrene Ideen und Örtlichkeiten haben dort ebenso ihren festen Platz wie furchtbare "Jump-and-run"-Passagen, die mich manchmal zunächst an den Rand der Verzweiflung getrieben haben. Die versammelte Spieleindustrie kann getrost einpacken angesichts dieses Meilensteins.

Nehrim ist ein grandioses Rollenspiel, das Oblivion in Bezug auf die Story, die Fantasie, die Örtlichkeiten, die Waffen und Rüstungen und so viele weitere Details um Längen übertrifft - und gleichzeitig ist es ein entwaffnendes Beispiel dafür, was Menschen, die keinerlei Profitinteresse hegen, zu leisten imstande sind - einfach weil sie Bock darauf haben und es gerne tun.


Donnerstag, 12. März 2015

Zitat des Tages: Der alte Brunnen


Lösch aus dein Licht und schlaf! Das immer wache
Geplätscher nur vom alten Brunnen tönt.
Wer aber Gast war unter meinem Dache,
Hat sich stets bald an diesen Ton gewöhnt.

Zwar kann es einmal sein, wenn du schon mitten
Im Traume bist, dass Unruh geht ums Haus,
Der Kies beim Brunnen knirscht von harten Tritten,
Das helle Plätschern setzt auf einmal aus,

Und du erwachst, - dann musst du nicht erschrecken!
Die Sterne stehn vollzählig überm Land,
Und nur ein Wandrer trat ans Marmorbecken,
Der schöpft vom Brunnen mit der hohlen Hand.

Er geht gleich weiter, und es rauscht wie immer.
O freue dich, du bleibst nicht einsam hier.
Viel' Wandrer gehen fern im Sternenschimmer,
Und mancher noch ist auf dem Weg zu dir.

(Hans Carossa [1878-1956], in: "Stern über der Lichtung", Seifert 1946; geschrieben und vermutlich erstveröffentlicht 1910)


Anmerkung: So klingt rückwärtsgewandte Lyrik am Vorabend der Katastrophe - noch beschwichtigend und dennoch die dunkle Ahnung des drohenden Unheils bereits in sich tragend. So gerne ich mich als Leser der wunderbaren Botschaft dieses Gedichtes auch hingeben mag, so realitätsfern und haltlos ist sie, heute wie damals. Vier Jahre nach der Entstehung des Textes knallten die Kanonen und die Zeit des großen Mordens in Europa begann. Ob Carossa, der im Ersten Weltkrieg als Lazarettarzt tätig war und dort gewiss das pure Entsetzen gelernt hat, in jener blutigen Zeit ebenfalls romantische Hymnen rezitiert hat, ist nicht überliefert.

Dennoch liebe ich dieses Gedicht schon seit so vielen Jahren - mit dem Wissen, dass es lediglich eine weitere Form der Realitätsflucht für meinen gehetzten Geist bietet. Der gelegentliche Urlaub vom realen Horror unserer zerbröckelnden Zeit ist überlebenswichtig für mich.