Dienstag, 30. September 2014

Brüllnummer des Tages: "Obama’s plan to destroy Christians and Jesus"


Barack Obama stares at the new EBOLA-virus, created to infect the DNA of Christians and to destroy Jesus, so that a New Age of Liberal Darkness can rise in America. / (...) Do no forget, the B.O. in Ebola stands for Barack Obama. (...) / The new Ebola virus is a control mechanism designed to destroy Christianity in America once and for all. / The virus is easily spread and all of the illegals who have just so suddenly been allowed to come into America, you may ask why is this happening? They are all carriers of the virus.

(Weiterlesen, via fefe)

Anmerkung: Diese muss entfallen, da ich mit dem Kopf zu oft auf den Schreibtisch geknallt bin, während ich prustend und nach Luft schnappend diesen Auswurf einer verkeimten, mittelalterlichen Latrine namens "Abe" aus dem "Land of the Free" gelesen habe. Mit letzter Kraft halte ich noch den Screenshot aus dem Fernsehen hoch - als unumstößlichen Beweis, dass diese Meldung international ernst genommen und selbstverständlich Konsequenzen haben wird:



Der Allmächtige stehe uns bei - wir werden alle sterben!

Montag, 29. September 2014

Song des Tages: Watching TV


Gestern habe ich beim ansonsten doch sehr geschätzten Kollegen von den "Fliegenden Brettern" einen atemstockenden Text gelesen, der einmal mehr einen Baustein zu der Erklärung beifügt, wieso unsere perverse Welt eigentlich kontinuierlich und zunehmend so pervers sein kann, ohne dass wütende Massen von Menschen auf den Straßen stehen und die neoliberale Bande samt ihrer widerlichen, menschenfeindlichen Ideologie endlich aus dem Land jagt.

Es ist nicht nötig, weitere Erläuterungen dazu zu liefern - zu diesem speziellen Thema ist schon seit Langem alles Relevante gesagt und die Farce wiederholt sich, bestätigt sich und expandiert seitdem unentwegt. Beispielhaft lasse ich hier meine Namensvettern von der Band Charlie zu Wort kommen, deren Song zum Thema schon vor 36 Jahren (!) eine Binsenweisheit war, auch wenn diese damals noch gar nicht umfänglich in Deutschland angekommen war - heute allerdings haben wir auch in Deutschland das niedrigste amerikanische Level von damals längst so weit unterboten, dass es offenbar auch kritischen Menschen gar nicht mehr auffällt, welchem Müll und welcher dümmlichen Propaganda sie sich aussetzen, wenn sie dieses kapitalgesteuerte Medium nutzen.

Das waren schon viel zu viele redundante Sätze - ich überlasse das Wort, wie gesagt, dem Texter der Band Charlie von vor 36 Jahren, Terry Thomas:



(Charlie: "Watching TV", aus dem Album "Lines" 1978)

Watching TV - the American shows
Watching TV - with those super heroes
Watching TV - and I'm gonna be someone just like them someday

Well, I like TV, 'cause it shows me what the world's all about
And I watch endlessly, every car chase, every fatal shoot-out
Oh yes ...

I wanna be like Starsky & Hutch, and those
Sweet Charlie's Angels say "Look, but don't touch"
I wanna be in Hawaii-Five-O, I say
"No way, McGarret, let's go!"

Watching TV - the American shows
Watching TV - with those super heroes
Watching TV - and I'm gonna be someone just like them someday

And I like cop shows, all that action and the life on the street
And I dig Harry-O and Steve Austin, well, he's never been beat
Oh yes ...

I wanna be like the bionic man
And break down iron doors with one blow of my hand
Run like a cheetah - fight with such flair -
Jump thirty feet in the air ...

Watching TV - the American shows
Watching TV - with those super heroes
Watching TV - and I'm gonna be someone just like them someday

I live each day just waiting for the time
My heroes come to me ... on my TV ...

Watching TV - the American shows
Watching TV - with those super heroes
Watching TV - and I'm gonna be someone just like them someday

Oh, I love Star Trek, Captain James Kirk, he's the Master of Space
And there's Scott's flight deck, beams the crew down to another strange place
Oh yes ...

I wanna travel the aeons of time
Speed through the cosmos at warp factor nine
Beat off the Klingons with phasers on stun
Killing strange people is fun!

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P.S.: Erich Fromm schrieb dazu 1976 - und das lässt sich problemlos aufs TV allgemein übertragen: "Die in der Werbung und der politischen Propaganda angewandten hypnoseähnlichen Methoden stellen eine ernste Gefahr für die geistige und psychische Gesundheit, speziell für das klare und kritische Denkvermögen und die emotionale Unabhängigkeit dar. Ich bezweifle nicht, dass durch gründliche Untersuchungen nachzuweisen wäre, dass der durch Drogenabhängigkeit verursachte Schaden nur einen Bruchteil der Verheerungen ausmacht, die durch unsere Suggestivmethoden angerichtet werden, von unterschwelliger Beeinflussung bis zu solchen semihypnotischen Techniken wie ständige Wiederholung oder die Ausschaltung rationalen Denkens durch Appelle an den Sexualtrieb. Die Bombardierung durch rein suggestive Methoden in der Werbung, vor allem in Fernsehspots, ist volksverdummend. Dieser Untergrabung von Vernunft und Realitätssinn ist der einzelne tagtäglich und überall zu jeder Stunde ausgeliefert: viele Stunden lang vor dem Bildschirm, auf Autofahrten, in den Wahlreden politischer Kandidaten etc. Der eigentümliche Effekt dieser suggestiven Methoden ist ein Zustand der Halbwachheit, ein Verlust des Realitätsgefühls."

(Erich Fromm [1900-1980]: "Haben oder Sein", 1976)

Samstag, 27. September 2014

Zitat des Tages: Beim Schreiben meiner Autobiographie


Wer schläft heut nacht in meinem Kinderzimmer?
Ich bin ein alter Mann.
Wie lang die Zeit, die mir so kurz verrann!
Einst ist für immer.

Doch was war einst? War es auch wirklich wahr?
Gab's jenen Duft?
Greif ich mich etwa selber aus der Luft,
der Luft, die mich gebar?

Derselben Luft, der ich nur um ein Haar
zur Not entrann:
sonst wär ich längst ein toter junger Mann,
der niemals war.

Die Zwischenzeit der Zeit - die große Kluft!
Weiß nicht, ob ich's gerne wüsste,
wie viele, die ich einmal munter küsste,
sind schon in ihrer Gruft.

Nur Jetzt ist wirklich: dieses ist mein Zimmer.
Was einst Zuhause war, ist nicht zuhaus.
Etwas geht ein und aus.
Nichts ist für immer.

(Felix Pollak [1909-1987], in: "Vom Nutzen des Zweifels. Gedichte", Fischer 1989; zuerst: Spoon River Poetry Press [USA] 1988)

Anmerkung: Es ist schon bezeichnend genug, dass es zu diesem großartigen Lyriker, der vor den deutschen Nazihorden aus Österreich fliehen musste, heute nicht einmal einen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag gibt. In seinem Exilland USA gibt es dagegen sogar einen Literaturpreis, der seinen Namen trägt ("Since 1994, the University of Wisconsin Press has annually awarded a poetry prize named after Pollak"), in Deutschland und Österreich ist er allerdings bis heute eine größtenteils vergessene Unperson. Diese "ausgewanderten Juden" sollen offenbar besser vergessen bleiben.

Das Gedicht sollte angesichts der Biographie des Autors ein zweites Mal gelesen werden. - Davon abgesehen ist der Text aber auch zeitlos: Wenn ich ihn beispielsweise auf meine Biographie anwende, könnte er auch aus meiner Feder stammen, und ich bin sicher, dass ich mit dieser Empfindung gewiss nicht allein bin.

Nichts ist für immer. Fürwahr.


Freitag, 26. September 2014

Bildungskino für lau: LEXX - The Dark Zone


Wer kennt heute eigentlich noch LEXX - The Dark Zone aus den späten 1990er Jahren? Nahezu niemand, nehme ich an? - Nun, es handelt sich dabei um eine kanadisch-deutsch-britische Koproduktion aus dem Genre der Science Fiction, die heute (laut Wikipedia) gerne als "Serie" bezeichnet wird, ursprünglich aber lediglich ein Epos war, das aus vier Spielfilmen bestand. Diese vier Filme gehören für mich zum besten, was der Science-Fiction-Film in dieser Zeit überhaupt hervorgebracht hat, und das aus ganz unterschiedlichen, vielfältigen Gründen.


Es handelt sich hier nicht um eine Star-Trek- oder (weitaus schlimmer) Star-Wars-Kopie, sondern um ein ganz eigenständiges Konzept, das es in dieser Form danach im Filmbereich meines Wissens bisher nicht wieder gab. Die Macher dieses Epos haben versucht, ein ganz neues, logisch nachvollziehbares Zukunftsszenario zu erschaffen, das eine völlig andere Technik als die aus sonstigen SF-Filmen bekannte bemüht und dabei trotzdem nicht in die altbekannte "Space-Opera" (analog zur "Soup-Opera" wie beispielsweise Star Wars) abdriftet, sondern den kritischen Bezug zur heutigen Realität stets behält. Dieser Versuch ist mehr als gelungen, wie ich finde.

Die Serie, die nach diesen vier Spielfilmen (mit größtenteils anderen Darstellern, Autoren, Regisseuren und Produzenten) folgte, klammere ich hier ausdrücklich aus, denn die kenne ich nicht gut genug.

Wir werden also konfrontiert mit einem komplett neuen Universum - in dem es zwar auch wieder einen Bösewicht gibt, der diesmal von der Spezies der "Insektoiden" ausgefüllt wird. Da es hier aber nicht schwarz-weiß zugeht, haben natürlich auch andere Spezies ihre Techniken entsprechend entwickelt und benutzen daher Raumschiffe, die beispielsweise an Libellen erinnern. Auch die "LEXX" - das Raumschiff, mit dem sich die HeldInnen der ersten vier Filme auf die Suche nach einer neuen Heimat begeben - ist keine "Enterprise", sondern ein organischen Lebensformen ähnelndes Technikwerk, das einem Insekt nachempfunden ist und entsprechend von Zeit zu Zeit "fressen" (also Energie aufnehmen) muss.

Es ist also nicht immer leicht, im LEXX-Universum "Gut und Böse" auseinanderzuhalten - was im krassen Gegensatz zu sonstigen Kino- und Fernsehproduktionen, aber dafür im Einklang mit unserer eindimensionalen Realität steht.

Ich empfehle jedem, sich diese vier Filme anzusehen - den ersten gibt's momentan (wer weiß, wie lange noch) bei youtube in der deutschen Version, die übrigen habe ich im Netz leider nicht gefunden.


Donnerstag, 25. September 2014

Irrsinn des Tages: "Es geht den Deutschen so gut"


Es geht den Deutschen so gut, dass sie bereits bei einer geringfügigen Veränderung des Status quo Krisengefühle entwickeln und dafür Ventile suchen. Die große Mehrheit erlebt die Gegenwart als eine Zeit großen Wohlstandes und großer Stabilität.

(Kurt Biedenkopf in einem zuckersüßen Gute-Laune-"Interview" der Kuhjournaille "Die Zeit")

Zu diesem weltfremden Auswurf Biedenkopfs, der anlässlich des absurden Wahltheaters in Sachsen bezüglich der "AfD" gefallen ist, muss ich wohl nicht allzu viel schreiben. Natürlich beleidigt der Mann damit unverhohlen Millionen von Menschen in diesem Land, denen es alles andere als "gut" geht; natürlich verharmlost er im weiteren Verlauf des "Interviews" den eklatanten Rechtsruck des gesamten poltischen Spektrums; und ebenso natürlich "erklärt" er wieder einmal, dass NPD- und "AfD"-Wähler größtenteils nur "Protestwähler" seien, die man nicht weiter ernst nehmen müsse - zumal gerade die "AfD" ja auch gar nicht schlimm sei. Die CDU bereitet sich offensichtlich auf einen neuen, willfährigen Koalitionspartnerzwerg vor, der zukünftig die schäbige Rolle der verwesten FDP am äußeren rechten Rand einnehmen soll.

Der ganze Text, den Biedenkopf hier absondert, ist ein Paradebeispiel für propagandistischen, klar erkennbaren Zielen verpflichteten Schwachsinn, und die "Journalisten", die ihn dabei unkritisch und devot begleiten, die diesen Quatsch auch noch in die Zeitung bringen und damit nicht nur die dumme Propaganda, sondern auch ihr eigenes journalistisches Waterloo in die Welt erbrechen, markieren einmal mehr den post-orwellschen Zustand dieses furchtbaren Staates.

Dennoch geht es mir hier ganz besonders um die Dreistigkeit Biedenkopfs, Merkels widerliche Lüge ("Deutschland geht es gut") zur weiteren Etablierung in der "öffentlichen" (also manipulierten) Wahrnehmung einmal mehr zu reproduzieren und ihr sogar noch ein perverses Krönchen auszusetzen, indem er aus "Deutschland" frank und frei "die Deutschen" macht. Wenn das Merkelmonster von "Deutschland" spricht, ist zumindest für aufgeklärte Zeitgenossen sofort klar, dass damit lediglich große Unternehmen und insbesondere Konzerne sowie deren oft anonymen Eigner gemeint sind - Biedenkopf erweitert die Lüge durch seine Wortwahl aber noch und benennt ausdrücklich die BürgerInnen dieses verkommenen Staates.

Ich persönlich kann mich allmorgendlich gar nicht entscheiden, ob ich zuerst drei Stunden Jubeltänze zu Ehren der korrupten Bande und des Kapitalismus' auf dem örtlichen Marktplatz aufführen soll, weil es mir so verdammt "gut" in diesem Staat geht, oder ob ich nicht doch besser dafür Sorge trage, dass ich abends noch ein Dach über dem Kopf, etwas zu essen und womöglich sogar eine Krankenversicherung habe. Nichts davon ist mehr selbstverständlich in diesem Land. Genau das sind der "Wohlstand" und die "Stabilität" für etwa 12,2 Millionen Menschen in Deutschland, wenn man nur die - natürlich gefälschten geschönten - Zahlen des "3. Armutsberichtes" zugrunde legt. Die tatsächliche Zahl dürfte weit darüber liegen.

Wie soll und kann man einer solchen massiven Propaganda, die über die orwellsche Dystopie ("Die Schokoladenration wurde [von vormals 30 Gramm] auf 20 Gramm erhöht.") hinausgeht, überhaupt noch begegnen? Ich bin da inzwischen völlig ratlos. Abwarten und auf das Ende der kapitalistischen Katastrophe warten - das kann doch nicht die Lösung sein ... wir wissen doch, was dann womöglich (oder gar unweigerlich?) folgt!

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[Die neoliberalen Erfolge]


"Der Patient scheint gar nicht zu merken, dass unsere Wunderkur gelungen ist. Das Fieber steigt immer weiter!"

(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 18 vom 31.07.1932)

Dienstag, 23. September 2014

Song des Tages: Machine Messiah




(Yes: "Machine Messiah", aus dem Album "Drama", 1980; hier eine Live-Version von 2009)

Run down a street where the glass shows that summer has gone
Age, in the doorways resenting the pace of the dawn
All of them standing in line, all of them waiting for time
From time, the great healer, the Machine Messiah is born

Cables that carry the life to the cities we build
Threads that link diamonds of life to the satanic mills

Aah, to see in every way that we feel it every day
And know that maybe we'll change, offered the chance
To finally unlearn our lessons and alter our stance

Friends make their way into systems of chance
(Friends make their way of escape into systems of chance)
Escape to freedom, I need to be there
Waiting and watching, the tables are turning
I'm waiting and watching, I need to be there

I care to see them walk away
And to be there when they say
They will return

Machine, Machine Messiah
The mindless search for a higher
Controller, take me to the fire
And hold me, show me the strength
Of your singular eye

History dictating symptoms of ruling romance
Claws at the shores of the water upon which we dance

All of us standing in line, all of us waiting for time
To feel it all the way and to be there when they say
They know that maybe we'll change, offered the chance
To finally unlearn our lessons and alter our stance

Machine, Machine Messiah
Take me into the fire
Hold me, Machine Messiah
And show me the strength
Of your singular eye.



Anmerkung: Ich gehöre in Sachen Musik ja zu den Perfektionisten - nicht nur, was die eigene Musik betrifft. Deshalb verlinke ich hier im Blog meist lieber die Studioversion eines Songs, sofern diese im hanebüchenen Dickicht des Urheberrechtdschungels im Internet verfügbar ist, denn diese ist sowohl soundtechnisch, als auch handwerklich (bezogen auf die musikalischen Fähigkeiten der jeweiligen MusikerInnen) meist um Klassen besser als jede Live-Version. Im Studio kann man eben viel tricksen und die meisten Schwächen ausbügeln - und auch schwierig zu spielende oder zu singende Passagen können so oft wiederholt und manipuliert werden, bis sie eben passen. Live ist das nicht ganz so leicht möglich, auch wenn da inzwischen ebenfalls längst vieles "nachbearbeitet" wird, bevor es zur Veröffentlichung kommt.

Hier haben wir aber einen der seltenen Fälle, in denen das gänzlich anders ist: Die inzwischen wirklich alten Männer von Yes stellen in diesem Video aus dem Jahr 2009 - mit nur ein wenig jugendlicher Unterstützung - klar, dass sie heute einen inzwischen 34 Jahre alten Song - der ganz nebenbei wie eine eingeseifte Gurke perfekt in den schäbigen Enddarm unserer heutigen Zeit passt - ebenso brillant und episch-aufwühlend auf der Bühne darbieten können wie damals im Studio. Wer diese Version mit dem Original von 1980 direkt vergleichen möchte, kann dies beispielsweise hier tun.

Zum Song selber will ich gar nicht viel schreiben. Er spricht nachdrücklich für sich selbst. Wenn es je so etwas wie eine musikalische Form der "dystopischen Science Fiction", gerne auch mit der so beliebten Anbindung eines religiösen Wahns, gegeben hat, dann findet sie sich hier - und wir müssen ebenso wie in der Literatur entsetzt feststellen, dass die Science Fiction von damals unserer heutigen Realität verdammt nahekommt. Dazu passt auch hervorragend die musikalische Form, denn es handelt sich hier nicht um "Pop-Musik", sondern um eine konsequente Weiterentwicklung der Tonkunst unserer musikalischen Ahnen aus der Zeit der Spätromantik und frühen Moderne mit neuen Mitteln.

Ich jedenfalls werde den Arschlöchern und ihrem perversen Überwachungswahn ("singular eye") auch weiterhin mein entschiedenes "Nein!" entgegenwerfen und mich davor hüten, gewonnene Erkenntnisse über Bord zu werfen ("unlearn our lessons"), um mich wieder wie ein dummes Schaf dem kapitalistischen Wahn auszuliefern ("alter our stance"). Und zu den Freunden, die sich mit dem perversen System arrangiert haben, um den eigenen Frieden und natürlich den eigenen kleinen Miniwohlstand auf Kosten der anderen zu finden ("escape into systems of chance"), sage ich besser nichts. Grandiose Musikstücke wie dieses helfen mir dabei nicht zu knapp.

Sonntag, 21. September 2014

Zitat des Tages: Rückkehr


Diese straße ist es gewesen -
Ein fremder wies mir die nummern.
Ich sagte: ich kann nicht mehr lesen
Ich will schlummern.

Doch die tür war schwarz und im gang ein hallen
Die schwelle war voller moos und grind.
Die nachbarin rief: er ist gefallen -
Dann schlug sie ihr kind.

Ich schwieg. Draußen fuhren
Heftig die bahnen vorbei
Hinter den türen lärmten uhren.
Mein herz ward blei.

(Heinrich Wolfgang Horn alias Wolfgang Cordan [1909-1966], in: "Ernte am Mittag", 1951)


Anmerkung: Meine schnelle Rückkehr aus dem nur wenige Tage dauernden Krankenhausexil, das sich zum Glück als weitaus weniger dramatisch herausgestellt hat, dürfte einigen Wirrköpfen, die hier offenbar immer wieder mitlesen, obwohl sie gänzlich andere - bzw. teilweise gar keine - Denkstrukturen besitzen, sehr missfallen. So what. So sind sie eben, die dumpfen Eigennutzmehrer, die in ihrem irrsinnigen Wahn gar nicht bemerken, dass sie durch ihr (Nicht-)Handeln und (Nicht-)Denken nicht nur anderen Menschen, sondern letztlich natürlich auch sich selbst massiv Schaden zufügen. Da ist es nur folgerichtig, wenn ich heute einem Kommunisten wie Wolfgang Cordan, der noch dazu womöglich homosexuell gewesen ist, zum Ausgleich eine Plattform biete.

Ich mag mir gar nicht ausmalen, wieviele Menschen auf diesem verkommenen, vom Kapitalismus zerfressenen Planeten (beispielsweise aus Nigeria, Libyen, Gaza, Afghanistan, Syrien, dem Irak ...) wohl heutzutage ganz ähnliche Empfindungen haben müssen, wenn sie jemals wieder aus ihrem erzwungenen Exil zurück in die Region kommen, die sie einst "Zuhause" nannten, und womöglich auf der Suche nach Freunden und Familienangehörigen sind. Und wenn ich in diesem Zusammenhang über das "Asylrecht" in Deutschland und dessen jüngste Verschärfung nachdenke, kommt mir nur noch die kalte Kotze hoch und ich kann eigentlich gleich wieder meine noch gepackte Tasche in die Hand nehmen und zurück ins Krankenhaus gehen.

Leider wird der Irrsinn unserer völlig degenerierten Welt dort aber ebensowenig geheilt wie dessen furchtbaren Auswirkungen.

Samstag, 20. September 2014

Stilblüten des Irrsinns im Untergangstaumel: Der "Aktienmarktsozialismus"


Schon vor einigen Wochen habe ich bei n-tv einen Artikel mit dem Titel "Zu viel Reichtum kostet Wachstum: Die Kritik am Kapitalismus nimmt zu" gelesen, der mich in hysterieähnliche Zustände versetzt hat. Die Autorin, eine gewisse Diana Dittmer, gibt dort - grob vereinfacht - vor, über die "vorhandenen Alternativen" zum zerstörerischen Kapitalismus zu berichten, liefert aber letztlich nur einen Text, der nahezu ausschließlich auf den Aussagen und natürlich "Lösungen" des "Professors der Volkswirtschaftslehre" an der FU Berlin, Giacomo Corneo, und dessen Buch "Bessere Welt - Hat der Kapitalismus ausgedient?" basiert.

Ich habe dieses Buch nicht gelesen und muss das angesichts dieses Artikels auch niemals tun, denn was Frau Dittmer hier daraus zitiert, reicht mir persönlich, um es als Teil des absurden Bullshitbingos im zerfallenden kapitalistischen Systemwahn zu identifizieren.

Aber der Reihe nach: Nach einer halbwegs korrekten Beschreibung der katastrophalen lokalen Ausgangslage des kapitalistischen Systems, wie sie in gewissen, sich kritisch gebenden Medien in der westlichen Demokratiesimulation üblich ist und die wie immer die globalen Auswirkungen, die noch weitaus katastrophaler sind, konsequent außen vor lässt, kommt die Dame gleich zum Wesentlichen, nämlich zur Werbung für Corneos Buch. Sie schreibt:

"In seinem Buch 'Bessere Welt - Hat der Kapitalismus ausgedient?' klopft [Corneo] alternative Wirtschaftssysteme systematisch auf ihre Brauchbarkeit ab. Er prüft Platons Wächterstaat, Thomas Morus' 'Utopia' oder Pjotr Kropotkins anarchistischen Kommunismus, er untersucht Systeme mit und ohne Privateigentum. Er nimmt eine ganze Reihe Ansätze unter die Lupe - auch reformistische. Aber die Ausbeute bleibt ernüchternd. Dem einen fehlt es an Transparenz und Demokratie, das andere ist nicht bezahlbar."

Das war es dann auch schon, was an "Alternativen zum Kapitalismus" in diesem Text vorkommt - irgendwelche Hintergründe, Belege oder gar weiterführende Informationen gibt es für geneigte LeserInnen natürlich nicht. Der Herr Professor hat das alles akribisch untersucht und ist zu dem wissenschaftlich unwiderlegbaren Schluss gekommen: Das ist alles stinkender Mist, den man der Leserschaft gar nicht zumuten darf - und damit sind die "Alternativen" propagandistisch sauber abgearbeitet. Dafür wird nun in aller Ausführlichkeit auf Corneos Thesen eingegangen, die teilweise so abstrus sind, dass reine, unkommentierte Zitate schon ausreichen, um einen denkfähigen Menschen an den Rand des Nervenzusammenbruchs zu bringen. Ein Beispiel:

"Als Alternative kommt für den Professor der Volkswirtschaftslehre - wenig überraschend - nur ein System mit Privateigentum und Märkten infrage. Märkte sichern Wachstum."

Ja, das ist in der Tat sehr einleuchtend: Wenn ein System, das auf "Privateigentum", "Märkten" und (ganz wichtig) "Wachstum" basiert, immer wieder kollabiert und man die Systemimmanenz dieser Prozesse und deren furchtbaren Auswirkungen endlich, endlich erkannt hat, dann kommt als Alternative natürlich nur genau dies in Frage. Es fällt hier auf, dass der bei der neoliberalen Bande so beliebte Ausdruck "alternativlos" in diesem Falle strikt unterbleibt - man geht jetzt offenbar wieder einmal zum Gegenangriff über und formuliert einfach Pseudoalternativen, die aber nichts anderes als eine leicht umformulierte Kopie des ursprünglichen Irrsinns sind.

Doch das Bullshitbingo geht munter weiter. Dittmer schreibt:

"Wegweiser auf seiner Suche nach einer 'besseren Welt' ist ausgerechnet der von vielen als kapitalistischer Auswuchs angesehene Aktienmarkt. Für Corneo aber liefert er das notwendige Anreizsystem, damit managergeleitete Großunternehmen in einem öffentlichen System effizient handeln. Der Aktienmarkt sorgt für Konkurrenz - diese belebt bekanntlich das Geschäft."

Hier finden wir den Rest des neoliberalen Trallalas in einem kurzen Absatz konzentriert - da gibt es "Anreize", "managergeleitete Großunternehmen" (also Konzerne), die Götter der "Effizienz", des "Aktienmarkts" und der "Konkurrenz" - und natürlich, als über alledem ruhenden göttlichen, unumstößlichen und einzig denkbaren Buddha, das "Geschäft" (also den Profit einer winzigen "Elite"). Jeder einzelne dieser Punkte ist dringend fragwürdig und gehört eigentlich in einen umfassenden, kritischen Diskurs - gerade dann, wenn es um "Alternativen zum Kapitalismus" gehen soll. Hier aber wird natürlich nicht nach Alternativen gefragt, sondern schlicht in semireligiöser Weise das "göttliche Gesetz" des Kapitalismus' verkündet.

Sodann kommen wir zum Orgasmus dieses wunderbaren Textes, wenn wir endlich lesen dürfen:

"Das Modell, das Corneo deshalb vorschlägt, ist ein 'Aktienmarktsozialismus'. Bei diesem Modell soll sich der Staat bei den größten Unternehmen beteiligen. Um die nötigen Anreize zu schaffen, damit effizient gewirtschaftet wird, sollen die Unternehmen börsennotiert sein. Ziel ist es, dass sie so produktiver sind."

Treffer - versenkt. Wir fragen nach alledem schon gar nicht mehr danach, wer denn da an der Börse handelt, woher die Unsummen stammen, die dort täglich den "Besitzer" wechseln, wer die übrigen "Eigner" sind, aus welchen Motivationen diese wenigen Leute das tun und inwiefern ein durch und durch korrupter kapitalistischer Staat wie beispielsweise Deutschland sich da grundlegend anders verhalten sollte als die sonstigen Eigennutzmehrer (also die Weisungsberechtigten dieses Staates), die sich dort tummeln. Für die Wortschöpfung "Aktienmarktsozialismus" gebührt dem ehrenwerten Professor Corneo aber mindestens die Orwell-Plakette in Gold mit schwarz-rot-weißem Lorbeerkranz - im Bedarfsfalle kann man später ja ein kleines oder auch größeres Hakenkreuz noch hinzufügen.

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Die Geschichte vom Wirtschaftsbeirat


"Das Rezept 'Lohnsenkung - Preissenkung' hat versagt, wir erwarten von dem Wirtschaftsbeirat neue Vorschläge!"
- - - - - - -
"Endlich ist es uns gelungen, eine neue Lösung zu finden: Nicht 'Lohnsenkung - Preissenkung', sondern Herabsetzung der Löhne und Preise!"

(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 37 vom 14.12.1931)

Dienstag, 16. September 2014

Song des Tages: Smokers Outside The Hospital Doors




(Editors: "Smokers Outside The Hospital Doors", aus dem Album "An End Has A Start", 2007, akustische Version. - Weshalb der Sänger im Video eine Deppenmütze trägt, die seine Ohren verdeckt, und er dennoch einen Kopfhörer auf dem Schädel hat, kann wohl nur die heutige Mainstream-Jugend oder - noch viel besser - die beteiligte Brut der Werbewirtschaft erklären.)

Pull the blindfold down
So your eyes can't see
Now run as fast as you can
Through this field of trees

Say goodbye to everyone
You have ever known
You are not gonna see them
Ever again

I can't shake this feeling I've got
My dirty hands, have I been in the wars?
The saddest thing that I'd ever seen
Were smokers outside the hospital doors

Someone turn me around
Can I start this again?

How can we wear our smiles
With our mouths wide shut
'Cause you stopped us from singing

I can't shake this feeling I've got
My dirty hands, have I been in the wars?
The saddest thing that I'd ever seen
Were smokers outside the hospital doors

Someone turn me around
Can I start this again?
Now someone turn us around
Can we start this again?

We've all been changed from what we were
Our broken hearts left smashed off the floor
I can't believe you if I can't hear you



Anmerkung: Das ist völlig offtopic - aber ich reihe mich nun gezwungener Maßen ein in das Grüppchen der "Smokers outside the hospital doors" (und das leider nicht nur im übertragenen Sinn wie im Song) und melde mich für einige Tage ab. Falls ich das Krankenhaus wieder halbwegs gesund verlasse, lesen wir uns schon bald hier wieder - ich gehe einfach ganz optimistisch davon aus, dass dies schon in kurzer Zeit der Fall sein wird.

Wild wucherndes Unkraut, das den neoliberalen Terror stört, ist hartnäckig! ;-)

Samstag, 13. September 2014

Gysi, die Linke, die Demokratiesimulation und der Kapitalismus




Anmerkung: Das ist eine nette, unterhaltsame Rede, keine Frage - sie macht aber auch deutlich, dass die Linkspartei längst mitten im Kapitalismus angekommen ist und heute schlicht eben die Positionen vertritt, für die in vergangenen Jahrzehnten einmal die SPD und teilweise die Grünen zuständig waren. Der scharfe Rechtsruck des gesamten Parteienspektrums wird hier überdeutlich.

Die heutige Linke kann ebensowenig wie die SPD der 70er Jahre einen Weg aus diesem Horrorsystem heraus ebnen - wohin ein solcher Versuch vor 40 Jahren geführt hat, dürfen wir ja alle heute am eigenen Leib erleben.

Die alberne Demokratiesimulation im Bundestag ist auch anhand dieses Videos gut zu erkennen - die Marionetten, die Gysi anspricht, sind während der Rede größtenteils damit beschäftigt, sich mit ihrem Handy oder dem Sitznachbar zu beschäftigen, anstatt zuzuhören. Das ist keine Demokratie, das ist absurdes Theater auf Kindergartenniveau.

Merkel und der Rest der korrupten Bande sitzt dort während jener "Debatte zum Haushalt" (die keine ist, da ja nicht debattiert wird) doch nur deshalb, weil das zumindest gelegentlich noch nötig ist, um das himmelschreiende Zerrbild einer völlig absurden Scheindemokratie medial weiter aufrecht erhalten zu können. Niemanden dort interessiert es, was die jeweiligen RednerInnen zum Besten geben, irgendwelche Auswirkungen hat das erst recht nicht. Der Begriff "Quasselbude" aus der Weimarer Zeit als Synonym für dieses böse Schauspiel scheint mir ziemlich treffend zu sein.

Nicht zuletzt können wir ja alle nachprüfen, was die Linkspartei tut, wenn sie tatsächlich in "Regierungsverantwortung" kommt - beispielsweise in Berlin, aber nicht nur dort, war das Ergebnis - oh, welch eine Überraschung! - stets eine stramme Fortführung des kapitalistischen Untergangskurses der neoliberalen Einheitspartei (NED) der Schwarz-Rot-Gelb-Grünen.

Wir brauchen keine weitere Blockpartei - auch wenn die Linke in der Opposition in diesem untergehenden System eine gute und wichtige Funktion erfüllt. Letztlich ist sie aber nichts anderes als eine zeitgemäße Neuauflage der ehemaligen SPD - und damit sowohl ein Teil des Systems, als auch ein Teil des Problems.

Im Rahmen dieses pseudodemokratischen Systems der Herrschaft der Superreichen ist keine Abhilfe mehr möglich - daran ändert auch ein gut sprechender Millionär [sic!] wie Gysi nichts. Von den übrigen Gestalten in diesem Horrorkabinett wie beispielsweise Merkel, Kauder, Gabriel, von der Leyen und all den anderen zwielichtigen Figuren und Huren des Großkapitals will ich gar nicht erst sprechen.

Ich verstehe sehr gut, dass manch einer in einer so erbärmlichen Zeit in der Endphase des Kapitalismus wie heute eine solche Rede und solche (eigentlich völlig selbstverständlichen) Forderungen gut findet. Dennoch bleibt es dabei: Eine Symptombekämpfung - ganz egal, wie ausgeprägt sie auch sein mag - hilft letzten Endes nicht im Geringsten weiter. Wenn die Ursachen nicht angegangen werden, wird der Kapitalismus immer wieder dieselben katastrophalen Auswirkungen haben und regelmäßig erneut im finstersten Faschismus und Untergang münden.

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Nachtrag 15.09.: Ursprünglich war dieser Text ein Kommentar beim Doctor - wer das nicht ohnehin mitbekommen hat, sollte dort nachlesen. Das lohnt sich sowieso meistens.

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Der Wähler


"Und wiederum sind die Würdigsten berufen, den Bürger darüber aufzuklären, was ihm frommt."

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 50 vom 12.03.1928)

Mittwoch, 10. September 2014

Musik des Tages: Ballade in g-moll




(Frédéric Chopin [1810-1849]: "Ballade Nr. 1", Opus 23, komponiert zwischen 1831 und 1835)

Anmerkung: Diese Filmszene stammt aus Roman Polanskis Meisterwerk "Der Pianist" (2002). Kurz zum Hintergrund (zitiert und teilweise korrigiert aus Wikipedia): "Der Film beginnt mit Originalaufnahmen des Warschauer Straßenlebens aus dem Jahre 1939. Władysław Szpilman ist ein herausragender und in Warschau hochangesehener polnisch-jüdischer Pianist. Es ist der 3. September 1939: Szpilmans Studioarbeit wird durch die Bombardierung Warschaus durch die deutsche Luftwaffe unterbrochen. Szpilmans verängstigte Familie, bestehend aus dem Vater, der Mutter, der Schwester Halina und dem Bruder Henryk hören am Telefon, dass Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg erklärt hat und sie hofft, dass sich alles bald zum Guten ändern wird. Als 1939 die deutschen Truppen in Warschau einmarschieren, wird das Leben besonders für die Juden unerträglich. Die deutsche Besatzungsmacht entwickelt immer neue Schikanen vor allem für die Juden. Auf der Straße sind sie der Willkür der Besatzungssoldaten ausgesetzt. Nach einer Weile müssen die Szpilmans ins Warschauer Ghetto übersiedeln. Dort geht es [wie für alle internierten BewohnerInnen dort] für die Familie bald ums nackte Überleben. Während einige Ghettobewohner sich mit Schwarzarbeit oder der Arbeit im jüdischen Ordnungsdienst über Wasser halten, sind die Szpilmans wegen ihrer Naivität und ihres Stolzes vom Verhungern bedroht. Sie werden Zeugen vom Elend des Ghettolebens, von Demütigungen der Bewohner und willkürlichen Morden durch die deutschen Soldaten. Władysław Szpilmans gute Beziehungen zu einem einflussreichen jüdischen Polizisten rettet seinem Bruder einmal das Leben. Eines Tages werden die Bewohner des Ghettos auf dem "Umschlagplatz" versammelt. Von dort aus erfolgt der Abtransport in das Vernichtungslager Treblinka. Dort werden seine Eltern und Geschwister ermordet. Dank der spontanen Hilfe eines Mitglieds des jüdischen Ordnungsdienstes entgeht er dem Abtransport, gehört nun aber zu den Zwangsarbeitern, die unter strenger Bewachung in Betrieben außerhalb des Ghettos arbeiten müssen. Dies nutzt er aus, um Pistolen für Mitglieder der jüdischen Widerstandsbewegung in das Ghetto zu schmuggeln. Später gelingt ihm die Flucht aus dem Ghetto.

Szpilman kann den Beginn des Aufstandes im Ghetto am 19. April 1943 von einem Versteck aus beobachten. Um nicht gefasst zu werden, muss er das Versteck wechseln. Er leidet Hunger und erkrankt, wird aber von einem polnischen Arzt behandelt. Während eines Gefechts zwischen Deutschen und Polen während des Warschauer Aufstandes wird sein Versteck beschossen. Er flieht erneut, irrt durch die völlig zerstörte Stadt und versteckt sich in einem Haus. Dort hört er die Klänge von Beethovens Mondscheinsonate. Nachts entdeckt ihn ein deutscher Offizier; es ist Wilm Hosenfeld.

Hosenfeld [fordert Szpilman auf, der ihm auf die damals übliche scharfe Nachfrage flehentlich erklärt, er sei "bloß ein Pianist"], ihm auf dem [in der Ruine herumstehenden] Flügel etwas vorzuspielen. Szpilman spielt [daraufhin die] Ballade Nr. 1 von Chopin (diese wurde nach dem gescheiterten polnischen Novemberaufstand gegen die russische Besatzung komponiert als Ausdruck [des] Freiheitsstrebens) und Hosenfeld hört bewegt zu. Von da an, bis zum Rückzug der Deutschen Ende 1944, versorgt Hosenfeld Szpilman in seinem Versteck mit Lebensmitteln. [Kurz vor seiner Flucht vor der Roten Armee] schenkt Hosenfeld dem Pianisten noch seinen Offiziersmantel, der [diesem] beim Einmarsch der Roten Armee in Warschau fast noch zum Verhängnis wird [da die russischen Soldaten Szpilman wegen dieses Mantels zunächst für einen deutschen Offizier halten]."

Ich habe bislang keine bewegendere Interpretation dieses grandiosen Musikstückes gehört.


Zitat des Tages: Die Erde bebt noch


Die Erde bebt noch von den Stiefeltritten.
Die Wiesen grünen wieder Jahr für Jahr.
Die Qualen bleiben, die wir einst erlitten,
ins Antlitz, in das Wesen eingeschnitten.
In unsren Träumen lebt noch oft, was war.

Das Blut versickerte, das wir vergossen.
Die Narben brennen noch und sind noch rot.
Die Tränen trockneten, die um uns flossen.
In Lust und Fluch und Lächeln eingeschlossen
begleitet uns, vertraut für immer, nun der Tod.

Die Städte bröckeln noch in grauen Nächten.
Der Wind weht Asche in den Blütenstaub
und das Geröchel der Erstickten aus den Schächten.
Doch auf den Märkten stehn die Selbstgerechten
und schreien, schreien ihre Ohren taub.

Die Sonne leuchtet wieder wie in Kindertagen.
Die Schatten fallen tief in uns hinein.
Sie überdunkeln unser helles Fragen.
Und auf den Hügeln, wo die Kreuze ragen,
wächst säfteschwer ein herber neuer Wein.

(Wolfgang Bächler [1925-2007], in: "Die Erde bebt noch. Frühe Gedichte 1942-1957", Fischer 1988; zuerst in: "Die Erde bebt noch", 1947)


Anmerkung: Von Bächler ist die wunderbare Selbstbeschreibung überliefert: "Ich bin ein Sozialist ohne Parteibuch, ein Deutscher ohne Deutschland, ein Lyriker ohne viel Publikum ... kurzum ein unbrauchbarer, unsolider, unordentlicher Mensch, der keine Termine einhalten und keine Examina durchhalten kann und Redakteure, Verleger und Frauen durch seine Unpünktlichkeit zur Verzweiflung bringt." Ich wüsste nicht, wie man sich mit so wenigen Worten noch besser und sympathischer vom hochglänzenden Lügenterror der neoliberalen Bande und ihrem faschistoiden Menschenbild abgrenzen könnte.

Dienstag, 9. September 2014

Neoliberaler Horror an den Hochschulen: Die "Karrierefabrik" der Zombies


(...) Fast jede deutsche Universität hat inzwischen etwas, das sich Career Service nennt. Oder Career Center. Oder Career Development Center. Oder Professional Center. Das sind Einrichtungen mit Räumen auf dem Campus und eigenen Portalen auf den Uni-Homepages. Das "Career Service Netzwerk Deutschland" vernetzt die Career-Einrichtungen miteinander, und wenn man das alles hört, kriegt man als normaler Mensch ja eigentlich schon Kopfschmerzen, als hätte man zehn Spam-Mails hintereinander gelesen, aber es geht gerade erst los.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Kopfschmerzen waren noch das geringste Problem, mit dem ich nach dem Lesen dieses erfreulich sarkastischen FAZ-Artikels zu kämpfen hatte - ich schwankte eher in einem diffusen Zustand, der sich wild hin und her springend zwischen hysterischem Gelächter und tiefster Resignation bewegte. Was hat diese Bande bloß aus den Universitäten gemacht? Es ist noch keine 20 Jahre her, da war ich selbst ein Teil dieser Studentenwelt, die auch damals schon - wenn auch in gänzlich anderer Hinsicht - eine Art "Paralleluniversum" war. Aber was sich da heute abspielt, spottet jeder Beschreibung: Von der Einführung der Schmalspur-Studiengänge ("Bachelor") nach amerikanischem Negativ-Vorbild, über "Leistungspunkte" und die stetige Verschulung der entkernten Studiengänge bis hin zu diesen hirnschmelzenden "Career Centern" mit ihrem BWL-infizierten, vernebelnden Neusprech sind die heutigen Hochschulen in weiten Teilen inzwischen zu einem flammenden Fanal des Zerstörungswerkes der neoliberalen Ideologie verkommen.

Im Text wird gelegentlich sarkastisch an den eigenen Verstand erinnert, den sogar fast jeder Studierende besitze - allerdings sind für die Förderung eben dieses Verstandes nun nicht mehr die Universitäten zuständig: Dort sollen künftig lediglich marktkonforme, kritiklose Fachidioten herangezüchtet werden, die das perverse, asoziale Spiel des "Wettbewerbs" - also das "Ausstechen" und "Heruntermachen" aller "MitbewerberInnen" stets nur zum eigenen Vorteil - vorzüglich beherrschen und dabei selbstverständlich mit allen Tricks, Betrügereien und Täuschungen arbeiten, die für den Kapitalismus so evident sind. Und dass jene Betrügereien nun auch noch ganz offiziell in entsprechenden "Seminaren" von den Studierenden "erlernt" werden sollen, ist eine dermaßen hanebüchene, offen zur Schau gestellte Perversion, dass es mir dazu glatt die Sprache verschlägt.

Gelernt habe ich beim Lesen dieses Textes auch etwas, nämlich beispielsweise, dass man heute so etwas wie "International Business Administration" studieren kann. Ich bin mir fast sicher, dass ich allerspätestens an dieser Stelle den alten Humboldt vernommen habe, wie er sehr geräuschvoll im Grab rotierte und nach der Enterprise schrie, damit er endlich, endlich abgeholt werde.

Eines ist sicher: Von der nächsten Generation der Akademiker ist in Sachen Empathie, sozialer Kompetenz und Humanismus - auch wenn das fast zu irrsinnig ist, um es sich überhaupt vorstellen zu können - tatsächlich noch weniger zu erwarten als von der heutigen. Die neoliberale Bande macht Nägel mit stählernen Köpfen - und damit ernst. Die Zementierung der konsequenten Unbildung und Konformität ist in vollem Gange - die nächsten Zombiehorden stehen in den Startlöchern.

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Modernisiertes Hochschulwesen


"Angesichts der Zunahme des Werkstudententums sieht sich die Professorenschaft genötigt, ihre Vorlesungen jeweils an der Arbeitsstelle ihrer Hörer abzuhalten."

(Zeichnung von Alfred Pichel [1896-1977], in "Simplicissimus", Heft 31 vom 02.11.1931)

Donnerstag, 4. September 2014

Ein lauer Furz im Spätsommer: Goodbye, "Ad Sinistram"


Ich habe lange gezögert - aber heute ist es soweit und ich schmeiße Lapuentes Blog "Ad Sinistram" aus der Blogroll. Das ist wahrlich kein bedeutender Vorgang, sondern nur ein lauer, nicht einmal sonderlich übelriechender Mini-Furz im fortdauernden dissonanten Geschrei und Geblinke des Internets - daher sollten auch nur diejenigen weiterlesen, die sich mit "Ad Sinistram" auch schon intensiver auseinandergesetzt haben und ihre wie auch immer gelagerte Meinung dazu haben. Für alle anderen folgt hier nur redundanter, langweiliger Mist.

Schon vor längerer Zeit habe ich aufgehört, das Blog regelmäßig zu lesen - zu oft hatte ich zuvor dort Inhalte vorgefunden, die mich entweder nicht interessierten oder die ich als viel zu oberflächlich aufbereitet wahrgenommen habe. Besonders gestört hat mich von Anfang an die offenkundig gewollt verschwurbelte Sprache des Autors, die allerdings, wie ich schnell bemerken musste, keine tiefergehenden, intellektuellen Ursachen hatte, sondern offensichtlich stets Selbstzweck war. Wenn aber schlichte Inhalte sprachlich völlig unnötig verklausuliert werden und dies auch noch in einer Weise stattfindet, welche die sprachlichen Grenzen des Autors allzu offenkundig werden lässt, stellt sich unmittelbar die Frage, was dem Autor hier wichtiger ist: Der Inhalt oder die Form?

Später habe ich mehrmals versucht, kritische Anmerkungen in den Kommentaren dort zu hinterlassen - allerdings ist keine einzige davon freigeschaltet worden. Kritik - und sei sie auch noch so sachlich - ist dort offenbar unerwünscht. Selbstverständlich steht es jedem Blogbetreiber frei, das so zu handhaben, zumal sich Lapuente dort ja nie selber einbringt, er also an Diskussionen oder einem kritischen Austausch mit den LeserInnen seiner Ergüsse wohl nicht interessiert ist - ich persönlich finde das allerdings wenig sinnvoll und als Leser eher abschreckend.

Soviel zur Vorgeschichte. Nun hat der Mann aber ein Posting veröffentlicht, das für mich der noch fehlende Tropfen gewesen ist, der das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen gebracht hat. In diesem Text beklagt auch Lapuente den "neuen Snobismus" der "Elite", also die inzwischen wohlbekannte, widerliche "Verrohung der Mittelschicht", über die schon viel - darunter auch viel Gutes - geschrieben worden ist. Allerdings bezieht sich Lapuente hier ausgerechnet auf den widerwärtigen Artikel der Heidemarie Brosche aus der Süddeutschen, über den ich mich kürzlich schon ausgelassen habe. Er allerdings bewertet diesen Artikel offensichtlich nicht kritisch, sondern benutzt ihn gar zur Untermauerung seiner Kritik am bösen, strunzdämlichen Klischee vom "faulen, dummen, arbeitsscheuen Hartz-Gesindel". Hat der Mann diesen Text tatsächlich gelesen und ihn - auch zwischen den Zeilen - verstanden? Zumindest letzteres muss ich stark bezweifeln.

Lapuente gehört zu den "Salon-Linken" vom Schlage der Nachdenkseiten, die grundsätzlich überhaupt kein Problem mit dem Kapitalismus haben und ihn "nur" in seiner "neoliberalen Extremform" ablehnen - ohne zu erkennen, dass eben diese "Extremform" letztlich nur die vollkommen logische, unausweichliche und stets wiederkehrende Endform dieses furchtbaren Systems ist, das ja nicht zufällig heute erneut wieder in der präfaschistischen, menschenverachtenden Gosse angekommen ist, wo die kapitalistische Welt vor 100 Jahren schon einmal gewesen ist. Die furchtbaren Folgen der damaligen Katastrophe sind bekannt - offensichtlich aber von vielen noch immer nicht begriffen.

Werter Roberto, es ist an der Zeit, das pseudo-intellektuelle Gehabe endlich abzulegen und sich stattdessen mit der tatsächlichen Bildung des Intellektes zu befassen - lieber spät als nie.

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[Zurück zum "guten Kapitalismus"]


"Ja, ja - unsere Zukunft liegt in der Vergangenheit!"

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 40 vom 31.12.1918)

Mittwoch, 3. September 2014

Zitat des Tages: Landschaft der Seele


Kein Himmel. Nur Gewölk ringsum
Schwarzblau und wetterschwer.
Gefahr und Angst. Sag: Angst - wovor?
Gefahr: Und sprich - woher?
Rissig der Weg. Das ganze Feld
Ein golden-goldner Brand.
Mein Herz, die Hungerkrähe, fährt
Kreischend über das Land.

(Albrecht Goes [1908-2000], in: "Lichtschatten du. Gedichte aus fünfzig Jahren", Fischer 1978)