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Mittwoch, 15. November 2017

Die Habgier der Reichen und die kapitalistische Presse


Was jeder bereits gewusst hat, lässt sich nun aufgrund der "Paradise Papers" ve­ri­fi­zie­ren: Das kapitalistische System ist ein "Elite"-System, das sich einzig um die Belange der Superreichen dreht. Diese Erkenntnis kann nun nur geistig Benachteiligte überraschen – und dennoch bleiben die kapitalistischen Medien ihrer Aufgabe treu und berichten brav, wie die Herrschaft es von ihnen verlangt. Ganz abgesehen davon, dass die Bezeichnung "Paradise Papers" bereits zynisch ohne Ende ist – richtigerweise müssten diese Dokumente "Hell Papers" heißen –, bewies n-tv vor einer Woche, wo der freiheitlich-demokratische Hase in Kapitalistan langzulaufen hat.

Neben durchaus korrekten Anmerkungen verwest dieser Artikel durch einen fetten Abschnitt über – ja, man kann sich das kaum vorstellen, aber es ist leider so – den "bösen Russen" vor sich hin. Ich zitiere aus dieser Gedankenfäule hier nicht, da soll sich einjede/r selbst die Hirnrinde beim Lesen verbrennen. Ich frage mich schon lange nicht mehr, wieso in deutschen Qualitätsmedien eigentlich nicht von deutschen, amerikanischen, französischen, belgischen und sonstigen Oligarchen die Rede ist, sondern stets nur von russischen; oder weshalb ausgerechnet das russische Episödchen aus den "Hell Papers" so zentral und ausladend aufbereitet und sogar mit einer eigenen Abschnittsüberschrift ("Spuren nach Russland") herausgehoben wird. Die Antwort liegt ja für alle sichtbar auf der Hand.

Nach wie vor werde ich wohl bis hinein ins Grab nicht verstehen, wieso jemand, der schon hunderte oder gar tausende von Millionen Euro oder Dollar "besitzt" ("ergaunert hat" wäre der passendere Ausdruck), sich dennoch wie von Sinnen darum bemüht, diese absurde, geradezu groteske Summe nicht nur stetig zu vermehren, sondern auch noch außer Landes zu schaffen, damit der Staat auch ja keine Portokassenbeträge vom Profit (nicht von der eigentlichen Summe!) abzieht. Das ist nicht nur absurd, sondern grob pathologisch: Solche Menschen gehören dringend in fachärztliche Behandlung.

Dasselbe gilt freilich für die begleitenden politischen Marionetten: Es ist kein Zufall, dass derlei Machenschaften in Kapitalistan legal sind und – darauf verwette ich meinen Hintern – auch weiterhin legal bleiben. Nach ein paar mehr oder weniger "anklagenden" Berichten in der Systempresse wird man wieder zum Tagesgeschäft übergehen. An den kriminellen Strukturen wird sich nichts ändern, und auch die "Steueroasen", die eigentlich "Steuerhöllen" heißen müssten, werden wie gehabt weitermachen. Wir kennen das Prinzip bereits aus der "Finanzkrise": Es wurde viel geschrieben und noch mehr lamentiert – verändert hat sich am Casinobetrieb und seinen "gesetzlichen Rahmenbedingungen" aber trotzdem nichts (ich wiederhole: NICHTS). Stattdessen darf beispielsweise die griechische Bevölkerung die Zeche für die Superreichen zahlen. Was bedeuten denn schon Obdachlose, Hungernde, Kranke und Alte ohne Krankenversicherung, zunehmende Suizide oder steigende Kindersterblichkeit für die Herren und Damen des Kapitals? Sie nennen es, sofern sie keine erklärten Faschisten sind, vermutlich "Kolleteralschäden" und trinken ein weiteres Glas Champagner, anstatt über ihre eigene Widerwärtigkeit zu reflektieren. Und die Journaille applaudiert brav, konsumiert Lachsschnittchen am Katzentisch und bietet willfährig Nebenschauplätze an.

Der totale Irrsinn ist zur Normalität geworden.

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Entfettung


"Hier haben Sie eine Mark – und nun verraten Sie mir aber auch, wie Sie es angefangen haben, so schlank zu werden!"

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 21 vom 24.08.1925)

Mittwoch, 5. April 2017

Die Bankmafia und die "Gratiskultur"


Heute darf ich mich wieder einmal herrlich aufregen. Diesmal geht es um eine der bösesten Krebswucherungen, die der Kapitalismus überhaupt hervorgebracht hat: Nämlich um Banken.

Gerade habe ich, wie immer am Monatsanfang, versucht, den üblichen Verdächtigen – also so illustren Konzernen wie einem Telekommunikationsunternehmen, einem Stromgiganten sowie einer Versicherung – einige Penunzen meines kärglichen Existenzminimums zu überweisen. "Meine" Bank begrüßte mich nach dem Einloggen indes mit dem Hinweis, dass ich ab sofort nur noch dann "Transaktionen" (also beispielsweise Überweisungen) vornehmen könne, wenn ich mich zum "SMS-TAN"-Verfahren anmelde. Ansonsten sei der Zugrifff auf mein Konto "stark eingeschränkt".

Ich habe das zuerst für einen misslungenen Aprilscherz gehalten, aber die meinen das wirklich ernst: Ich kann nunmehr – ohne vorherige Ankündigung – über mein Guthaben bei dieser Bank nur noch dann verfügen, wenn ich ein Handy besitze und darüber die "TAN" erhalte, die ich bisher stets einer postalisch übermittelten Liste entnommen habe. Wieso sollte man "Kunden" auch zuvor informieren – sie haben ja sowieso keine tatsächliche Wahl. Und was soll schon schiefgehen, wenn Transaktionsnummern nun nur noch per SMS aufs Handy geschickt werden – da liest, ganz im Gegensatz zur postalischen Version, ja ganz bestimmt niemand mit. Sicherer geht es kaum.

Die schlipstragenden Widerlinge verarschen mich, ohne dabei rot zu werden – und ich bin sicher, dass auch meine unverzüglich in die Wege geleitete Suche nach einer bislang handyfreien Kontoalternative, die ich (noch) auch gefunden habe, über kurz oder lang in demselben Fiasko enden wird. Bis dieses neue Konto eingerichtet und entsprechend gefüllt ist, werden indes einige Wochen vergehen – und die lieben, freundlichen Konzerne, denen ich "Geld schulde", werden wie üblich wenig Spaß an der nicht erfolgten Zahlung haben. Ich freue mich also diebisch auf Mahnungen, Zahlungsbefehle, Strom- und Internetsperren und den Gerichtsvollzieher. Liebe Schlips-Borg, das habt ihr wieder einmal gut gemacht, denn es trifft den Richtigen, nämlich einen ekeligen Querulanten und Handyverweigerer.

Davon abgesehen ist die kapitalistische Propaganda wieder in glockenhellen Ostertönen unterwegs. Im Boulevard-Blatt "Stern" war gerade – ebenso wie in unzähligen weiteren Nebelschleudern der Kuhpresse – zu lesen:

Die Gratiskultur an Deutschlands Geldautomaten neigt sich dem Ende: Einige Banken kassieren von ihren Kunden Gebühren fürs Geldabheben am eigenen Automaten. Wird daraus ein flächendeckender Trend?

Moment ... "Gratiskultur"? Ist es denn nicht so, dass Menschen, zu denen ich mich trotz allem noch immer zählen darf, den Banken ihr Geld (also das auch noch so geringe "Guthaben") leihen? Und diese Menschen verlangen dafür noch nicht einmal Zinsen von den Banken, während die Schlips-Borg ihrerseits ganz gratis mit der Kohle Hungerkatastrophen in Afrika oder Kriege in Asien finanzieren können? Und nun wollen sie noch Gebühren dafür kassieren, wenn man geringe Teile des ihnen geliehenen Geldes einfach wieder zurück haben möchte? Was muss man geraucht haben, um auf solche irrsinnige Gedanken zu kommen? Ich bin sicher, dass man in den Parteizentralen der CDU, SPD, AfD, FDP, Grünen und der Linkspartei darauf erschöpfende Antworten hat, die allerdings niemals das Licht der Öffentlichkeit erblicken werden bzw. dürfen.

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Großbanken


"Die Herren Kleinspekulanten bitte durch den Eingang für Dienstboten!"

(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 39 vom 27.12.1922)

Montag, 9. Januar 2017

Brave New World


Es nützt alles nichts: Die Menschheit kommt nicht darum herum, über die Zukunft des Arbeitsfetisches im Kapitalismus neu nachzudenken. Es ist kein Zufall, dass sich in den letzten 10 Jahren Schlagzeilen wie diese vom vergangenen Donnerstag bei n-tv häufen: "Computer statt Mensch: KI macht Büroangestellte arbeitslos".

Selbstverständlich benötigt man für diese Erkenntnis keine derartig oberflächlichen Texte aus den kapitalistischen Medien - es reicht ja schon aus, einfach mal eigenständig zu überlegen, wieviele Arbeitsstellen in den vergangenen Jahrzehnten unwiderruflich verschwunden sind, weil irgendwelche Roboter oder Computer deren Aufgabe übernommen haben und wieviele es wohl in naher Zukunft zusätzlich sein werden. Dennoch ist diese textliche Häufung symptomatisch, denn allmählich lässt sich das lächerliche Märchen von der Verlagerung der Arbeitsplätze - beispielsweise in den prekären Dienstleistungsbereich - nicht mehr aufrechterhalten, ohne dass viele Menschen die Lüge erkennen, da auch dieser Bereich längst vom Jobabbau betroffen ist.

Und so gab es kürzlich bei Zeit Online (selbstverständlich im Ressort "Kultur" und nicht etwa "Wirtschaft") einen recht langatmigen Bericht des Politik- und Rechtswissenschaftlers Adrian Lobe, den ich nicht kenne, zu diesem Thema zu lesen, der in vielen, meist überflüssigen Worten das Dilemma auf den Punkt bringt, ohne es zu wollen. Eigentlich ist ein journalistischer Text schon von vorn herein zum Klopapierersatz bestimmt, wenn ein ironiefreier Satz mit den Worten beginnt: "Schon der große Ökonom John Maynard Keynes sagte voraus, dass (...)". - Nein, das muss man nicht lesen, die Intention steht ohnehin so felsenfest wie die Vatikanmauer - und trotz aller Schwurbeleien karikiert sich Lobe doch noch selbst, indem er hinzufügt:

Linkssein ist irgendwie wieder schick, das wurde spätestens mit dem Erfolg des Sozialisten Bernie Sanders klar.

Da platzt der zermürbte Schädel mit einem dumpfen, hässlichen Geräusch, als sei eine bauchige, wassergefüllte Karaffe mit Schmackes auf den Betonfußboden gefallen: Linkssein ist also schick und Sanders ist ein Sozialist? In welchem grotesken Ferengi-Paralleluniversum lebt dieser Mensch bloß, wenn er so etwas nicht in der Titanic, sondern in der Zeit zum Besten gibt, während jedermann doch allerorten zusehen kann, wie die komplette kapitalistische Welt gerade wieder im finstersten Faschismus versinkt und sich auf den Untergang einstellt?

Lobe rührt wild im kapitalistischen, stinkenden Brei herum, benennt jedoch keine Ursachen und erst recht keine sinnvollen Lösungen - er tut mithin genau das, was die korrupte Politbande seit Jahrzehnten vormacht, indem sie vorgibt, an irgendwelchen Symptomen herumdoktern zu wollen (ohne es freilich jemals zu tun) und stattdessen dennoch mit Pauken und Trompeten rauschend weiter dem Gegenteil huldigt und in den kapitalistischen, braunen Abgrund hastet.

Einige der im Text zitierten Philosophen, wie beispielsweise Marx, Adorno oder Fourier, schlössen sich der auf den Betonboden fallenden Karaffe gewiss sofort an, wenn sie den Lobe'schen Sermon lesen müssten: Im Jahr 2017 ist die einstige Aufklärung längst auf den Stand eines hundeverschissenen Sandkastens in einer zerbröckelnden Kita zurückgefallen, in die Kinder von ihren ehrgeizigen, kapitalistisch angefixten ElterndarstellerInnen outgesourct werden, während sie selbst an ihren von Robotern und Computern schon bald übernommenen Strohhalmkarrieren basteln.

Es soll tatsächlich vereinzelte Menschen geben, die noch immer bezweifeln, dass die Zombieapokalypse längst begonnen hat. Denen wünsche ich ein frohes neues und besinnliches Jahr. Alle anderen wissen, was kommt.

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Totenkopflinde



(Zeichnung von Rudolf Schlichter [1890-1955], in: "Der Simpl", Nr. 8 vom Juni 1947)

Dienstag, 15. November 2016

Nein, sie brauchen keinen Führer


Rassismus und Menschenfeindlichkeit sind wieder heimisch in Europa - natürlich gerade auch in Deutschland. Man hat sich längst daran gewöhnt. Es treibt fast niemandem mehr die Fassungslosigkeit ins Gesicht, wenn immer wieder Flüchtlingsunterkünfte brennen und Menschen von braunen Banden angegriffen oder direkt staatlich drangsaliert und terrorisiert werden. Bei n-tv las ich kürzlich:

Straftaten mehr als verdoppelt / Gewalt gegen Ausländer nimmt stark zu / Städte wie Bautzen, Heidenau oder Freital sind aufgrund rechtsextremer Gewalt in die Schlagzeilen geraten - doch sie sind keine Einzelfälle mehr. Politisch motivierte Straftaten nehmen weiter zu. In Ostdeutschland ist der Anstieg besonders deutlich.

Selbstverständlich ist dieser Rassismus nicht über Nacht vom Himmel gefallen. Er war nie verschwunden, weder im Westen, noch im Osten. Dass er sich heute wieder so vehement bemerkbar macht, hat gewiss viele Gründe, von denen die "Wiedervereinigung" nur einer ist. Es lässt sich mannigfaltig belegen, dass die Ausrichtung der europäischen und deutschen Politik seit 1990 rasant nach rechts außen gerückt ist bzw. wurde. Die menschenfeindlichen Ausfälle aus politischen und begleitenden medialen Kreisen seit dieser Zeit reißen nicht ab, sondern nehmen ganz im Gegenteil weiter an Fahrt auf. Ist es da tatsächlich verwunderlich, dass diese böse Saat teilweise auf fruchtbaren Boden fällt?

Die offiziellen, politischen Gründe für die Abwertung, Ausgrenzung und Ablehnung hilfsbedürftiger Menschen sind oftmals rein ökonomischer Natur. So war am selben Tag ebenfalls bei n-tv exemplarisch zu lesen:

Unterbringung und Betreuung / So viel kostet Deutschland ein Flüchtling / Knapp 900.000 Flüchtlinge sind im Jahr 2015 nach Deutschland gekommen - überwiegend aus Syrien. In diesem Jahr werden weniger als 300.000 Menschen erwartet, die hierzulande Schutz suchen. Besonders die Städte ächzen unter den damit verbundenen Kosten.

Natürlich wird auch in diesem Text nicht erwähnt, dass es hier wie immer um eine Schimäre geht, die sich aus Verteilungskämpfen zwischen Bund, Ländern und Kommunen ergibt. Auch der groteske Superreichtum einiger weniger Widerlinge, die sich in ihren überquellenden und stetig expandierenden Geldspeichern verschanzen, wird nicht erwähnt. Und dass allein Deutschland im kommenden Jahr beispielsweise für die militärische "Verteidigung" [sic!] satte 37 Milliarden (plus 1,7 Milliarden) Euro auszugeben gedenkt - also mehr als dreimal soviel wie die geschätzten Kosten für Flüchtlinge -, interessiert in diesem Zusammenhang weder die Politik, noch die Journaille oder die "besorgten Bürger". Die perversen Besitzer der Rüstungskonzerne freut's gewiss.

Diese ökonomisch-verzerrte Sichtweise hat gute Tradition in Deutschland, wie das unten zu sehende Plakat anschaulich illustriert. Auch damals war das bereits eine lächerliche, rassistische Milchmädchenrechnung, die fernab jeder Realität semi-religiös vor sich hin waberte - heute gilt das angesichts der abstrusen, elitären Privatvermögen in Fantastillionenhöhe gleich in potenzierter Form.



(Plakat einer faschistischen Ausstellung des Reichnährstandes über "Rassenhygiene" mit der Aufschrift: "Hier trägst Du mit. Ein Erbkranker kostet bis zur Erreichung des 60. Lebensjahres im Durchschnitt 50.000 [Reichsmark]." In: "Volk und Rasse", Illustrierte Monatszeitschrift für deutsches Volkstum [sic!], hg. v. Heinrich Himmler und Richard Walther Darré, Nr. 10, 1936)

Auf diesem verkommenen Planeten wäre längst - und das gilt wahrlich nicht erst seit Neuestem - ein von materiellen Sorgen freies Leben für alle Menschen möglich. Selbst in der kapitalistisch verseuchten Welt von heute wäre das machbar, ohne dass die selbsternannte "Elite" auf ihren dekadenten, lächerlichen, vollkommen absurden Luxus verzichten müsste: Sie könnten doch ihre Villen, ihre Automobile, ihre Jachten, ihre Flugzeuge oder Helikopter behalten - dafür benötigt man keine Milliarden. Trotzdem sind wir heute genauso weit von diesem Ziel entfernt wie vor 100 Jahren - und Politik, Medien und viele BürgerInnen gehen wieder einmal statt dem elitären Pack viel lieber den Schwächeren und Schwächsten, die sich kaum wehren können, an die Gurgel.

Ich ziehe mir die Bettdecke über den Kopf, bevor ich angesichts dieser grotesken Farce noch selber zum Menschenfeind werde.

Donnerstag, 13. Oktober 2016

Das rechte Auge stark entzündet: Des "Spiegelfechters" triefende Nase


Der Spiegelfechter erklärt das Protestpotenzial des rassistischen Konsenses in der Mitte der Gesellschaft

Ein Gastbeitrag des Altautonomen

Die Ex-Grüne Antje Hermenau geht zum AfD-Stammtisch, AfD-Parteispitzen sind fast wöchentlich auf öffentlich-rechtlichen TV-Kanälen in einer Talkshow mit Gesellschaftsfähigkeitsbonus zu Gast, und als Krönung veröffentlichte die Zeit jüngst ein "Streitgespräch zwischen Sahra Wagenknecht und Frauke Petry".

Nachdem danach auch Lapuente vom Blog "Ad sinistram" als Gastautor beim Spiegelfechter mit überwältigender Zustimmung des Kommentariats sein Plädoyer dafür ablieferte, dass man mit Repräsentanten und Mitgliedern der AfD diskutieren müsse, um sie auf den linken Pfad zu begleiten, legte Jörg Wellbrock vor zwei Tagen nach und erklärte den rassistischen Pöbel in Dresden zu einem Phänomen des "berechtigten", weil sozialen Protestes, da dieser an die "richtigen Adressaten" gerichtet worden sei. Sein Kommentar mündet in dem Resümee:

Aber als Merkel & Co da waren, da traf es mal die Richtigen. Die nämlich, die sich jetzt moralisch aufspielen, aber maßgeblichen Anteil daran haben, dass es in vielen Ecken im Osten so trist ist, wie es ist.

Wellbrock fragt erstens nicht, warum der Protest gerade jetzt in Zeiten des Flüchtlingsthemas akut wird. Er weiß offensichtlich auch nicht, dass es dieselben Erscheinungen und Erklärungen von Hobbysoziologen bereits Anfang der 90er Jahre nach Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen gab. Der Kommentar unterstellt zweitens, dass es dem Pöbel primär um die soziale Ungleichheit in Ostdeutschland ginge, nicht um die Verteidigung bürgerlicher Privilegien und Vorteile gegenüber Einwanderern, und seien jene auch noch so arm und die Privilegien der Rassisten noch so marginal. Rassismus ist demnach ein Naturrecht der Deutschen, das auf die Tagesordnung gehört, wenn es ihnen dreckig geht.

Statt seiner geschichtsrevisionistischen Behauptung, die Ostdeutschen hätten den Fall der Mauer selbst hinbekommen, hätte er auch schreiben können: "Die Ostdeutschen wollen doch nur Bananen, Fitness-Studios und Videokaschemmen." Er geht außerdem weder auf die soziale Struktur, noch auf die Verteilung der Einkommensverhältnisse der Pöbler ein.

Daher noch einmal zu Protokoll: Harmlos mag es klingen, wenn gerufen wird: "Wir sind das Volk!" - Damit ist aber eine unvermeidliche Abgrenzung zum "Nichtvolk" verbunden. Gemeint sind damit unter anderem alle Flüchtlinge mit unterschiedlichstem Aufenthaltsstatus und willkürlicher Herkunft. Daran schließt sich die kollektive Behauptung an, dass die Politik in dieser Frage nebst ihren sozialen Auswirkungen (Wohnungen, Arbeitsplätze, Bildung, deutsche Sprache etc.) versagt habe. Das erinnert fatal an das allzu bekannte "Volk ohne Raum" mit der Pespektive auf den "Untergang des Abendlandes": Freies Fluten durch offene Grenzen. Diese anständigen Deutschen schaffen es gerade noch, der offensichtlichen Versuchung, das Problem gewaltsam "hinwegzufegen", zu widerstehen, weil ihnen von "oben" (noch) niemand die Legitimation dazu erteilt hat. Daher rührt das stillschweigende Verständnis in diesen Kreisen, wenn mal wieder eine Flüchtlingsunterkunft brennt.

Der völkische Konsens besteht jedoch nicht im Kampf um bessere materielle Lebensbedingungen gegen die herrschenden Eliten, sondern in der Akzeptanz veschiedener Umgehensweisen mit verschiedenen Menschengruppen, insbesondere Flüchtlingen. Diese reicht von der nicht ausreichend verschärften Asylpolitik bis hin zum Verständnis für das "kleine Pogrom mit Brandschaden".

Mit der (z.B. von Oskar Lafontaine) etwas differenzierter wieder aufgewärmten Parole "Die nehmen uns die Arbeitsplätze und Wohnungen weg" wird ein vermeintliches Privileg weißer Deutscher verteidigt, das automatisch mit dem Besitz eines deutschen Passes verbunden ist. Das ist aber falsch. Die mit der deutschen Staatsbürgerschaft verbundenen Vorteile eines Lebens in einem der reichsten Länder der Welt sind vielmehr weltmarktpolitisch, das heißt also grundlegend, festgelegt und nicht durch ein bis zwei Millionen Flüchtlinge in Gefahr zu bringen. Die kapitalistische Ausbeutung der Länder, aus denen die Flüchtlinge seit 20 Jahren kommen, ist seit 1945 größer als in der Kolonialzeit. Nichtdeutsche müssen zudem oft überteuerte und schlechtere Wohnungen akzeptieren und bekommen einen Arbeitsplatz erst dann, wenn es dafür keine deutsche Arbeitskraft gibt.

Wellbrock möge einmal darüber nachdenken, ob nicht Krauss-Maffei, Krupp, Siemens, Daimler, BMW, Bayer, RWE, Deutsche Bank, VW, ARD, ZDF und so weiter die richtigen Adressaten wären.

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Säuberung des deutschen Bodens


"Raus mit diesen faulen roten Rüben, die verpesten mir den ganzen Acker!"

(Zeichnung von Olaf Gulbransson [1873-1958], in "Simplicissimus", Heft 2 vom 09.04.1933. - Zu diesem Zeitpunkt hatte die NSDAP die Redaktion des Blattes selbstverständlich bereits übernommen.)

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Anmerkung von Charlie: Es zeugt von einem erheblichen Mangel an Realitätsbewusstsein, wenn Wellbrock allen Ernstes die austauschbaren Politmarionetten als die "richtigen" Ziele im Kampf gegen den kapitalistischen Terror benennt. Vermutlich glaubt er auch - wie eine demenzgeplagte Oma in der entlegensten katholischen Dorfkirche - daran, dass nur die "richtigen" [sic!] Parteien "an die Macht" gewählt werden müssten, um endlich das Paradies auf Erden - oder zumindest in der kleinen Enklave Deutschland, der Rest ist offenbar ja ohnehin egal - zu schaffen. So viel grenzdebile Naivität habe ich bisher nur bei Berger, Lapuente, Sasse, Müller et al. festgestellt.

Wellbrocks und Lapuentes schleimig-widerliches "Antanzen" an die rassistischen Dumpf-Pegidioten in Dresden und anderswo kommentiere ich hier lieber nicht, um nicht allzu ausfällig werden zu müssen. Mir fehlt jegliches Verständnis für einen solchen nationalistischen Bockmist, der direkt aus der Weimarer Endzeit zu stammen scheint.

Montag, 3. Oktober 2016

Der Pastor und der Nazi: Freiheit über alles


Eigentlich hatte ich geplant, anlässlich des heutigen Tages der Annexion der DDR exemplarisch einen kleinen Text zu schreiben, der sich mit den jüngsten Aktivitäten des Bundespräsipredigers Gauck befasst, der sich bekannter und gelogener Maßen nach wie vor als DDR-"Widerstandskämpfer" feiern lässt. Nun ist mir Thorsten aber schon zuvorgekommen und hat alles Notwendige dazu geschrieben. Ein Auszug:

Der Gipfel der Perversion wurde aber jetzt in Barby Jar erreicht, wo der Bundes-Selbstdarsteller an der Seite des Swoboda-Nazis Andrej Parubij den Opfern des Massakers an ukrainischen Juden vor 75 Jahren gedachte. / Was für eine üble Realsatire: Ein Nazi, ein Angehöriger jener Partei, die sich in der Tradition der Bandera-Bande sieht, die damals mit jenen Schlächtern, die für dieses Massaker verantwortlich war, kollaborierte bzw. tatkräftig dabei half (viele SS-Angehörige dort waren Ukrainer), und [welche] diese Leute als "Helden" verehrt, ist bei so einer Gedenk-Veranstaltung dabei! Welche Verhöhnung der Opfer! Und ein deutscher Bundespräsident stellt sich noch daneben und lässt sich mit dem fotografieren.

So ist das eben in diesem korrupten System: Wer im Kapitalinteresse handelt, gehört automatisch zu den "Guten" - ganz egal, ob es sich um Nazis (Swoboda), Terroristen ("gemäßigte Rebellen") oder auch eine feudalistische Gewaltherrschaft (Saudi Arabien) handelt. Der Pastor ist zur Stelle, schwingt wahlweise scheinheilige Betroffenheits- oder dämliche Freiheitsreden und wird wohlwollend und kritiklos von der Systempresse begleitet.

Zum 3. Oktober bleibt nun noch die mantraartig beschworene "Freiheit", die tatsächlich nichts weiter als ein weiterer Begriff des neoliberalen Neusprechs ist: Auch in der ehemaligen, rechtswidrig von der BRD annektierten DDR gab es keine so überbordende und stetig zunehmende staatliche Überwachung wie das heute der Fall ist, und die vielgerühmte "Reisefreiheit" gibt es selbstverständlich nur gegen Bezahlung: Wer sich das Reisen nicht leisten kann - und das sind immer größere Anteile der zwangsverarmten, ausgebeuteten Bevölkerung - muss weiterhin brav zuhause bleiben.

Die kapitalistische "Freiheit" endet freilich unverzüglich, falls ein Mensch obdachlos wird: Die "Freiheit", sein Lager unter der Brücke, im Wald oder sonstwo aufzuschlagen, existiert in diesem System selbstredend nicht. Wer das tut bzw. tun muss, wird sofort polizeilich oder "ordnungsamtlich" verfolgt und kriminalisiert, sobald er entdeckt bzw. denunziert wird. Es darf schließlich nicht sein, dass jemand einfach so existiert, ohne dafür zu bezahlen.

Wenn heute wieder überall die lächerlichen schwarz-rot-uringelben Fahnen geschwenkt werden, sollte man das zum Anlass nehmen, eindringlich darüber nachzudenken, welche wahrlich historische, in absehbarer Zeit nicht mehr wiederkehrende Chance in der ehemaligen DDR und im gesamten Osteuropa vertan wurde.

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Die Stille nach dem Schuss



(Spielfilm von Volker Schlöndorff aus dem Jahr 2000. - Mit aktiviertem VPN lässt sich das Video auch hier abspielen.)

Montag, 1. August 2016

Hartz-Terror: Was der Mensch braucht, oder: Tausche Wählerstimme gegen Warenkorb


Ein Gastbeitrag des Altautonomen

Unter dem Deckmäntelchen der "Entbürokratisierung" und der "Verfahrensvereinfachung" hat sich Arbeits- und Armutsverwaltungsministerin Andrea Nahles (SPD) neue Grausamkeiten einfallen lassen, die in Form einer "Hartz-IV-Novelle" am Montag, den 01.08.2016 - also heute - in Kraft treten. "Rechtsvereinfachung" nennt es die große Koalition, wenn z.B. alleinerziehenden Müttern, die auf Sozialleistungen angewiesen sind, der Lebensunterhalt für ihre Kinder gekürzt wird, weil diese sich für ein paar Tage beim umgangsberechtigten Vater aufhalten.

Aus dem umfangreichen Katalog der perversen Ideen möchte ich drei herausragende aufgreifen:

  1. Gegenwärtig werden Hartz-IV-Empfänger mit mindestens 35 Rentenversicherungsjahren aufgefordert, vorzeitig im Alter von 63 Jahren in Rente zu gehen, obwohl sie dabei Renteneinbußen von bis zu 14,4 Prozent hinnehmen müssen und damit in aller Regel weit unter dem "Existenzminimum" landen. Kommen die Betroffenen der behördlichen Aufforderung nicht zeitnah nach, können die entsprechenden Anträge ersatzweise vom "Jobcenter" gestellt werden. Nötige Unterlagen würden die Betroffenen aber oft nicht vorlegen, heißt es in der Begründung des neuen Vorstoßes. Deshalb dürfen die "Jobcenter" in solchen Fällen künftig Hartz-IV-Leistungen teilweise oder vollständig versagen, bis die Betroffenen ihren "Mitwirkungspflichten" nachkommen.
  2. Der Zeitraum für die Verpflichtung zu "Ein-Euro-Jobs" wird von zwei auf drei Jahre erhöht. Die Hartz-Rebellin Inge Hannemann lässt grüßen.
  3. Einem Vermieter oder Nachbarn, der dem "Jobcenter" auf Anfrage eine falsche oder keine Auskunft über den Bezieher gibt, droht nunmehr eine Strafe von bis zu 5.000 Euro. Damit wird Deutschland - wieder einmal - zum Vorzeigeland des staatlich organisierten Denunziantentums.

Leider kann ich es mir nicht verkneifen, in diesem Zusammenhang an die PR-Debatte in der linksliberalen Bloggerfraktion zu erinnern, als nach dem Scheitern der ersten Petitionen zur Abschaffung der grundgesetzwidrigen Sanktionen mit großer Euphorie unter dem Titel "Was der Mensch braucht" eine aktualisierte "empirische Analyse zu Höhe einer sozialen Mindestsicherung" (Ermittlung des Regelsatzes) von Lutz Hausstein vorgestellt und verbreitet wurde. Die Nachdenkseiten, der Spiegelfechter und das Blog "ad sinistram" sprangen seinerzeit über das Stöckchen und kriegten sich vor Begeisterung kaum noch ein. Lapuente beispielhaft dazu:

"Wer länger im Bezug von Hartz IV steckt, [dem] merkt man es gemeinhin an. Die abgerissenen Gestalten, die in schaurigen Buden hocken und ab und an mal auf die Gassen kommen ..." oder "Wer verstehen will, warum viele Leistungsberechtigte in zerschlissenen Jeans und in ausgewaschenen Hemden zum Penny schlurfen und wieso ihre Wohnungen »in die Jahre gekommen« und abgewohnt wirken, der muss nur mal einen Blick auf die Zusammensetzung des Regelsatzes werfen."

Mit dieser "Studie" wurde ein hoher zeitlicher, finanzieller und energetischer Aufwand betrieben und kleinste Schritte in Gestalt minireformistischer Vorschläge der interessierten Leserschaft angeboten. Der politische Effekt war selbstverständlich gleich null, denn es gab weder eine Massenbewegung zum Thema aus dem Kreis der Betroffenen, noch interessierte das irgendeinen aus der politischen Klasse. (Oder vielleicht doch einen?)

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits den Verdacht, dass derartige Vorgehensweisen auch nach hinten losgehen können, und zwar so, wie wir es jetzt erleben. Denn es kümmert die Politik einen Dreck, was Verschlimmbesserer an Ideen entwickeln. Anstatt die Energie etc. in eine Kampagne wie "Hartz IV muss weg" (Eckstein des Programms der Partei Die Linke) zu investieren, begeistert man sich für ein theoretisches Projekt ohne praktische Konsequenzen. Für diejenigen, denen immer wieder vorgeworfen wird, zu spalten und die "einzigen Bewahrer des radikalen Linksseins" zu sein, weil ihr Fell noch nicht so dick ist, dass sie ohne Rückgrat laufen können, dürfte sich die SPD nunmehr endgültig als möglicher Koalitionspartner der Linkspartei verabschiedet haben. Der Rest ist offenkundig lernunwillig bzw. lernunfähig und wird weiter auf das Warenkörbchen warten wie auf den Weihnachtsmann.

Es ist der mit derartigen Diskursen verbundene, mehr oder weniger subtile Vorwurf der Spaltung, der mir immer wieder sauer aufstößt, wenn diese Form einer Protestkultur (ein "Warenkorb", den der Mensch "wirklich braucht") als "wahrer linker Fortschritt" und "Step-by-step"-Weg in eine sozialistische Gesellschaft beschrieben wird, während die Forderung "Weg mit Hartz IV!" als utopisch, radikal und nicht mehrheitsfähig denunziert wird.

Mit einer Partei Koalitionen schließen zu wollen, die strukturell, programmatisch, tagespolitisch und personell eine derartige Menschenverachtung, Demütigung und Schikanierung von unterprivilegierten Menschen betreibt und inzwischen sogar nur mittelbar Betroffene oder gänzlich Unbeteiligte mit willkürlicher Strafandrohung verfolgt (und das seit über zehn Jahren in verschärfendem Maße!), wäre nicht nur Verrat an den Wählern. Koalitionsverträge mit diesen Leuten wären im Grunde nichts anderes als einvernehmliche Vereinbarungen über die "alternativlosen" Opfer des Neoliberalismus (die von den Grünen scheinheilig auch gerne "zu schluckende Kröten" genannt werden).


Freitag, 1. Juli 2016

Armut, Kapitalismus und die obligatorische Press(e)wurst


Die Systempresse wird nicht müde, ihrem Auftrag nachzukommen. Während aktuell aus allen Rohren wieder einmal die sensationell gesunkenen Arbeitslosenzahlen gepriesen werden (ich verlinke den Schmonzes nicht, der lächerliche Tenor ist sowieso allenthalben derselbe und wiederholt sich in regelmäßigen Abständen immer wieder), kann man immer mal wieder auch alarmistische Berichte über die bedrohlich zunehmende Armut im Lande lesen, wie das jüngst mal wieder bei Zeit Online der Fall war:

Aus Mietern werden arme Rentner / Während die Vermögen der Reichen wachsen, können viele Deutsche kaum genug Geld fürs Alter zurücklegen. Diese Grafiken zeigen, warum.

Der Titel könnte indes irreführender kaum sein, denn selbstverständlich ergehen sich derlei Berichte regelmäßig in aufgehübschter Symptombeschreibung, blenden aber die offensichtlichen, nämlich systemischen Ursachen konsequent aus. Die Frage nach dem "Warum" wird hier gerade nicht geklärt, ganz im Gegenteil - es wird nach Kräften verschleiert und von den eigentlichen Ursachen abgelenkt. Zudem arbeitet auch dieser Text samt seinen "erklärenden" Grafiken mit massiv geschönten Zahlen, die keine Auskunft über die tatsächliche Armut im Lande geben. Wenn dort beispielsweise von einem "mittleren Einkommen" von 3.000 Euro (brutto) ausgegangen wird, das "Mieter" betreffe, geht das nicht nur knapp an der Realität vorbei, sondern hat mit dieser schlichtweg nichts zu tun. Die Millionen der vom staatlichen Terror bis aufs letzte Hemd Verarmten in diesem verkommenen Land schleckten sich alle zehn Finger nach einem so fürstlichen Einkommen und dächten dabei noch nicht einmal sekundenweise an eine groteske "private Altersvorsorge", die ohnehin vornehmlich den längst aus allen Nähten platzenden Konzernen Profite einbringt.

Mieter ist nicht gleich Mieter, und Eigentümer sind keineswegs allesamt furchtbar reich. Solch schlichte Erkenntnisse finden indes nicht statt in den Redaktionen des Irrsinns.

In diesen kapitalistischen Medien werden wir niemals lesen, dass die Verarmung immer größerer Teile der Bevölkerung einerseits systemimmanent und andererseits von den korrupten politischen Parteien gewollt ist - die "Agenda 2010" war ja kein Versehen, sondern ist bis heute das erklärte und von eben jenen Medien wohlwollend begleitete Erfolgsmodell dieser schmierigen Bande. Natürlich werden Superreiche in diesem System immer reicher - das ist das Konzept des Kapitalismus. Und selbstverständlich werden dadurch alle anderen Menschen - nämlich die überwältigende Mehrheit - immer ärmer, und die Ärmsten und Schwächsten trifft es stets zuerst. Wie sollte ein derartig perverses Konzept denn auch anders funktionieren?

Das Wort "funktionieren" ist in diesem Zusammenhang allerdings ebenfalls irreführend, denn dieses System funktioniert ja gerade nicht - jedenfalls nicht auf Dauer. Die Geschichte der Menschheit legt ein beredtes Beispiel dafür ab. Es wird mir ewig ein Rätsel bleiben, wieso es heute immer noch - und nicht wenige - Menschen gibt, die tatsächlich der Meinung sind, man müsse lediglich hier und da an gewissen Stellschrauben drehen und das System "regulieren", dann wäre alles im Lot. Exakt in dieses absurde Horn trötet auch die Autorin des verlinkten Zeit-Artikels. Das mutet an wie ein albtraumhaftes Szenario, in dem die Menschheit in einer finsteren Welt voller Vampire gefangen ist, und die "bürgerliche" Presse empfiehlt zur Gegenwehr, den "fehlgeleiteten" Blutsaugern einfach zu verbieten, zuviel Blut zu trinken. Sie dürfen freilich weitermachen - aber eben nicht mehr ganz so exzessiv. Dass nebenher die Politik sowieso das Gegenteil umsetzt und sich selber im völligen Blutrausch befindet, versteht sich in dieser kafkaesken Welt fast schon von selbst.

Die zunehmende Armut im Land und global ist systemgemacht, gewollt und geplant. Der Tag, an dem diese schlichte Erkenntnis endlich flächendeckend begriffen wird, wird der Tag sein, ab dem sich endlich etwas zum Positiven verändern könnte. Leider ist er heute ferner als je zuvor und die dumpfe Masse stochert lieber wieder im braunen, stinkenden Sumpf.

Die Press(e)wurst der kapitalistischen Propaganda ist hieran einmal mehr gewiss nicht unschuldig.
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Gewöhnliches an Sonntagen um zwei Uhr



(Farbradierung von Robert Dighton [1752-1814] aus dem Jahr 1787, Verbleib unbekannt)

Montag, 2. Mai 2016

Kapitalistan: Schutzbedürftige Konzerne und kriminelle Whistleblower


Erinnert sich noch jemand an die "LuxLeaks", die Ende 2014 die Steuerflucht- und Steuervermeidungsstrategien zahlreicher Konzerne offenlegten? Dieser "Polit-Skandal", wie er bis heute von der hirnschmelzenden Systempresse genannt wird, hatte selbstverständlich keinerlei Konsequenzen im korrupten Lande Kapitalistan - jedenfalls nicht für die Konzerne. Dafür wurden jetzt die Whistleblower, die diese Informationen an die Öffentlichkeit gebracht haben, angeklagt:

Sie deckten die fragwürdigen Steuerdeals hunderter Konzerne in Luxemburg auf. Dafür müssen nun die Skandalenthüller vor Gericht - und nicht etwa die Firmenbosse: Zwei Ex-Buchprüfern und einem Reporter drohen bis zu zehn Jahre Haft.

Die hiesige Systempresse ist sich nicht zu blöde, weiter zu berichten, dass die EU sich "zwei Jahre nach dem Skandal nicht nur den Kampf gegen Steuerflucht auf die Fahnen geschrieben" habe - was grober Bullshit ist, da in dieser Hinsicht selbstverständlich nichts geschehen ist und auch weiterhin nichts geschehen wird, da können diese Schlips-Borg so viele Fahnen beschriften wie sie wollen -, um trotzdem zu dem lapidaren, unkommentierten, kafkaesken Schluss zu kommen:

Das EU-Parlament beschloss vor rund zwei Wochen eine neue Richtlinie, die Geschäftsgeheimnisse wie die brisanten Steuerbescheide bei Deltours Arbeitgeber PwC in Zukunft besser schützen soll.

Orwell hätte das nicht besser erledigen können. Der angebliche Skandal, der ein rein medial aufgeblähter Scheinskandal war, ist selbstverständlich im Sande verlaufen, ebenso wie es auch mit allen anderen Enthüllungen (Snowden, "Panama Papers" etc.) geschehen ist bzw. derzeit geschieht. Die Whistleblower hingegen müssen weiterhin mit dem strengen "Arm des Gesetzes" rechnen - wobei hier nicht nur im Fall Snowden von einer willkürlichen, gänzlich unrechtsstaatlichen Justizverfolgung auszugehen ist, die direkt aus der Welt der dystopischen Science Fiction adaptiert erscheint. Dabei verschleiert die Systempresse den Sachverhalt gleich doppelt und dreifach, denn auch die plakativ erwähnten "Firmenbosse", die in der Regel straffrei ausgehen, sind ja nichts weiter als Vasallen und kleine Schergen der eigentlichen Nutznießer, die in der gesamten Berichterstattung - so absurd diese ohnehin ist - nirgends auch nur erwähnt werden: Superreiche sind sakrosankt in Kapitalistan - und die neoliberalen Hassprediger aus der Politik und den Medien tun alles dafür, damit das auch so bleibt.

Könnte die Bande eigentlich noch deutlicher illustrieren, dass sie keineswegs die Aufklärer, sondern die Geheimnisse der korrupten Konzerne und damit den dauerhaften, völlig absurden Profit der selbsternannten "Elite" zu schützen gewillt ist?

Enthüllungen, die den pervertierten Bereicherungswahn der Superreichen offenbaren, sind im gegenwärtigen Endstadium des kapitalistischen Krebsgeschwüres völlig wirkungslos - die Sau wird einige Tage oder auch Wochen durchs Dorf getrieben und dann geht man brav wieder zum korrupten Alltag über, allerdings nicht ohne die "Geheimnisverräter" vor irgendwelche Gerichte zu zerren und ihnen "rechtsstaatlich" den Garaus zu machen. So funktioniert die "freiheitlich-demokratische Grundordnung" der kapitalistischen Welt.

Gänzlich absurd wird dieses Szenario, wenn man sich einmal mehr vor Augen führt, dass die asozialen, von ihren politischen Marionetten natürlich gewollt ermöglichten Steuertricks der Konzerne lediglich den kleinen Ausschlag in der großen Kurve der ohnehin stattfindenden Ausplünderung und Ausbeutung der gesamten Welt darstellen, die medial überhaupt nicht thematisiert wird - sie sind letzten Endes nichts weiter als die Spitzen eines vollständig verschwiegenen Tsunamis, der auch ohne sie für die größtmögliche Zerstörung sorgen wird.

Vor Gericht gezerrte Aufklärer und eine mit allen Mitteln zu schützende "Elite", die weiter in ihren Geldspeichern baden, ihre Privilegien genießen und die Macht ausüben will, während die überwältigende Mehrheit der Menschen auf diesem Planeten nicht zählt - woran erinnert mich das bloß?

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Wüste Landschaft



(Gemälde von Enzo Cucchi [*1949] aus dem Jahr 1983, Öl auf Leinwand, Privatbesitz [sic!], "Sammlung Angela Westwater", New York, USA)

Samstag, 30. April 2016

Song des Tages: Streets of London




(Ralph McTell: "Streets of London", Single, 1973)

Have you seen the old man in the closed down market,
Kicking up the papers with his worn out shoes?
In his eyes you see no pride, hand held loosely at his side,
Yesterday's paper telling yesterday's news.

So how can you tell me you're lonely
And say for you that the sun don't shine?
Let me take you by the hand and lead you through the streets of London,
I'll show you something to make you change your mind.

Have you seen the old girl who walks the streets of London,
Dirt in her hair and her clothes in rags?
She's no time for talking, she just keeps right on walking,
Carrying her home in two carrier bags.

So how can you tell me, you're lonely ...

In the all night café at quarter past eleven
Same old man sitting there on his own.
Looking at the world over the rim of his teacup,
Each tea lasts an hour and he wanders home alone.

So how can you tell me, you're lonely ...

Have you seen the old man outside the seamen's mission,
memory fading with the medal ribbons that he wears?
In our winter city the rain cries a little pity
for one more forgotten hero and a world that doesn't care.

So how can you tell me, you're lonely ...

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Anmerkung: Dieser Song gehört zu den meistgecoverten Liedern der frühen siebziger Jahre (Blackmore's Night, Sinead O'Connor, Sex Pistols u.v.a.). Die thematisch zugrundeliegende gesellschaftliche Perversion hat sich in den über 40 Jahren seit der Erstveröffentlichung indes nicht etwa verbessert, sondern kontinuierlich verschärft - heute gehören bittere Armut, Vereinsamung und Obdachlosigkeit wie selbstverständlich zu unserer tollen, reichen, kapitalistischen Glitzerwelt. Gerade in Bezug auf Obdachlose ist man - sowohl staatlicherseits, als auch im individuellen Umfeld - längst dazu übergegangen, nicht mehr das Problem der totalen Verarmung, sondern stattdessen die in die Obdachlosigkeit gedrängten Menschen zu bekämpfen. In diversen Metropolen der kapitalistischen Hölle trifft man seit geraumer Zeit "Maßnahmen", um die "störenden Elemente" aus dem Straßenbild zu entfernen:

In London wurde die Nische neben einem Hauseingang mit dicken Metallspitzen versehen. Das sollte Obdachlose davon abhalten, Schutz zu suchen. (...) Aus allen Ecken der Welt tauchen nun Fotos auf. Hier gestachelte Hydranten und Blumentöpfe in New York, da spitze Steine unter Brücken in Kapstadt. (...) Deswegen wird auch in Deutschland Geld in Maßnahmen statt in Hilfe investiert. Es werden Zäune unter Brücken errichtet und Bänke mit Kanten, Lehnen und Rundungen versehen. Es wird das Ordnungsamt gerufen, wenn ein Obdachloser sein Geschäft in einem Park verrichtet. Bahnhöfe werden mit klassischer Musik in Endlosschleife beschallt und Einfahrten nachts mit Wasser besprenkelt.

Gibt es tatsächlich vereinzelt Menschen, die in einer solchen widerwärtigen Höllenwelt leben möchten - oder besitzt dieses furchtbare System längst eine Eigendynamik, die es dem Bewohner des schmucken Reihenhauses, dem Kommunalpolitiker oder dem hirnlos durch Fußgängerzonen schleichenden Konsumzombie gar nicht mehr ermöglicht, anders als zutiefst menschenfeindlich und pervers auf solche Probleme zu reagieren? - So weit ist die Degeneration des kapitalistisch deformierten Menschen hoffentlich noch nicht fortgeschritten - sonderlich weit entfernt ist sie aber wohl auch nicht mehr.


Montag, 18. April 2016

Hirnfäule im Endstadium: Reichtumsbericht aus dem Paradies


Die kapitalistische Verdummungspropaganda wird trotz des offensichtlichen Irrsinns unbeirrt fortgeführt. Nach dem wiederholten Bullshit zum "stets wachsenden Glück" im Lande Kapitalistan folgt heute die 7.446ste Folge des zombieesken Mantras zum ebenso kontinuierlich steigenden "Reichtum der Deutschen". Bei n-tv und unzähligen weiteren Systemmedien war vor einigen Tagen wieder einmal zu lesen:

Auch ohne Immobilienbesitz / Deutsche werden immer reicher - Dank des robusten Arbeitsmarktes und steigender Reallöhne können viele Menschen hierzulande mehr auf die hohe Kante legen. Die Haushalte verfügen über ein so großes Geldvermögen wie noch nie. Aktien zahlen sich aus - doch viele Menschen horten lieber Bargeld.

Ich weiß gar nicht, was ich dazu noch weiter schreiben soll - der Irrsinn wird tatsächlich unentwegt wiederholt. Hier einige wenige Beispiele aus den vergangenen Jahren dazu (wobei die Auflistung alles andere als vollständig ist):

2011: "Deutschland: So reich wie noch nie" - 2013: "Die Börse als Quelle des Wohlstands" - 2015: "Deutsche sind so reich wie nie".

Eigentlich ist zu diesem Thema längst alles gesagt - aber die Dauerpropaganda macht trotzdem einfach weiter und erzählt das lächerliche Märchen vom steigenden Reichtum unablässig fort, während die überwaltigende Mehrheit der Menschen in diesem Land immer ärmer wird und zunehmend in großer Zahl am Existenzminimum und, dank vorsorglich installierter Sanktionspraxis, darunter lebt - Tendenz weiter unaufhaltsam steigend. Dies ist politisch gewollt und geplant und kein "Versehen". Dass es überhaupt noch irgendwelche Menschen in diesem Land gibt, die der absurden Berichterstattung über den "zunehmenden Reichtum" ohne stirnklatschendes Abwinken zuhören, grenzt an Hirnfäule im Endstadium.

Die kapitalistische Bande hat es tatsächlich geschafft, ein abgründig perverses Mehrklassensystem zu etablieren, das nicht nur aus drei "Klassen" besteht, wie die Bande immer wieder propagiert, sondern aus einer mehrheitlich anonymen superreichen "Elite", die sowohl in der Berichterstattung, als auch in der Pseudodiskussion stets außen vor bleibt auf der einen, und den drei bekannten "Schichten" auf der anderen Seite, von denen die Ober- und Mittelschichten sich irriger- oder besser irrsinnigerweise ebenfalls zur "Elite" zählen (und das auch tun sollen). Anders ist es aus meiner Sicht nicht zu erklären, dass Menschen, die ständig weniger oder bestenfalls einen stagnierenden Wohlstand genießen dürfen, das Märchen vom ständig steigenden Reichtum brav akzeptieren und dabei lediglich Schwächere (die "Unterschicht", Arbeitslose, Flüchtlinge, Rentner, Kranke etc.) als Hemmnisse ausmachen - und nicht etwa die grotesk überquellenden Geldspeicher der Superreichen.

So dumm wie die Propaganda sind offensichtlich auch die Menschen, die diesen Schwachsinn stumpf und kritiklos konsumieren. Ich persönlich weiß jedenfalls gar nicht, was ich zuerst auf die "hohe Kante legen" und "horten" soll: Meine Sammlung von Cent-Münzen, die ich in den vergangenen Jahren aus meiner Geldbörse entfernt habe (das dürften inzwischen bestimmt schon mindestens 10 oder gar 15 Euro sein!), oder doch lieber die Tütensuppen und Billigkonserven aus meinem Vorratsschrank, die mich in knappen Zeiten immer wieder mal über das Monatsende retten? Für konstruktive Vorschläge von versierten, schlipsgewürgten Anlegern bin ich sehr offen.

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Die Enthaltsamen


"Wieviel Kartoffeln die Leute brauchen! Wir essen zu Mittag nicht mehr als zwei, drei Kartoffeln ---"

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 29 vom 13.10.1924)

Montag, 14. März 2016

Wahltheater: Die Wiederkehr der Gleichen


Zum Wahltheater am vergangenen Sonntag gibt es nicht allzu viel zu sagen: Der Zirkus geht unvermindert weiter. Die neoliberale Einheitspartei - zu der die Arschgesichter der AfD selbstverständlich genauso gehören wie SPD, Grüne, CDU und FDP - schwadroniert was das Zeug hält und etabliert konsequent ein absurdes Paralleluniversum, das mit der Realität soviel zu tun hat wie eine blubbernde Kotzlache mit Stückchen mit den Gedichten Joseph von Eichendorffs.

Ich musste am Sonntagabend gleich zwei Quasselrunden im Trash-TV (ARD und ZDF) zumindest zeitweise mitverfolgen, weil eine unmittelbare Flucht nicht möglich war, und was ich da aus den fauligen Mündern der VertreterInnen von CDU, SPD und Grünen serviert bekam, unterschied sich im Grad der Absurdität und maximalen Realitätsferne in nichts [!] von der verbalen Diarrhö der Frau von Kotz Storch oder der Frau Koty Petry. Während die letzteren wie gewohnt im braunen Klärgrubenschlamm von "Überfremdung" und einer drohenden "Islamisierung" fabulierten, ergingen sich die VertreterInnen der übrigen Blockpartei in hochalbernen Pseudoanalysen, in denen oft von (materiell) "abgehängten" Menschen die Rede war - so als seien nicht gerade diese grotesken Figuren höchstselbst verantwortlich dafür, dass es Millionen von Menschen in diesem untergehenden Staatsgebilde gibt, die durch Niedrigstlöhne, Hartz- und Renten-Terror, mutwillig und bewusst zerstörte Sozialsysteme und gewollt herbeigeführte Zwangsverarmung an den Rand der Existenz - und oft genug auch darüber hinaus - gedrängt wurden und weiterhin werden.

Ich wähnte mich im Publikumsraum eines äußert absurden Theaters, als ich diese Schein-Wortgefechte verfolgte. An keiner einzigen Stelle wurde auch nur in einem Nebensatz auf die tatsächlichen Ursachen dieser sich anbahnenden Katastrophe hingewiesen - weder die vom "Westen" forcierten Kriege, noch der Kapitalismus und die daraus resultierende Verarmung breiter Bevölkerungsschichten, noch die widerwärtige Rolle der neoliberalen Einheitspartei samt der offensichtlichen Korruption in dieser Jauchegrube des Unterganges, die den Aufstieg der Rechtsradikalen wieder einmal ermöglicht und beflügelt, wurde erwähnt. Das lächerliche Scheingefecht wurde, selbstverständlich munter unterstützt von der bigotten Schar der Qualitätsjournalisten, unbeirrt durchgezogen: die Orwellisierung unserer politischen und medialen Welt ist inzwischen offenbar voll umfänglich abgeschlossen und der Wiederholung der finsteren Geschichte steht nichts mehr im Wege.

Die einen (SPD, CDU, Grüne, FDP) zerschneiden dem Bürger zugunsten der Superreichen die Kehle; die anderen (AfD, NPD und Konsorten) behaupten, in Wahrheit habe der Jude Ausländer das getan - und auf diesem infantilen Niveau "streiten" sie und tun so, als verfolgten sie unterschiedliche Ziele - exakt wie vor 80 Jahren. Wenn es nicht so unfassbar böse, offensichtlich und gefährlich wäre, müsste man diese Figuren einschließlich der begleitenden Hofpresse einfach nur schallend auslachen ... so aber sollten uns allen die Knie schlottern, denn was sich da anbahnt, ist ganz gewiss nicht lustig.

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Die Wiederkehr der Gleichen


"Das neue Ministerium?! Die Physiognomien kommen mir alle so bekannt vor."

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 14 vom 02.07.1928)

Montag, 2. November 2015

Stundenlohn: 625 Euro plus Mehrwertsteuer


Im Wust der ständigen Berichte über die "Flüchtlingskrise", die tagesaktuellen Katastrophenmeldungen aus aller Welt und sonstigen mehr oder minder relevanten Nachrichten ist ein kleines Detail fast untergegangen, das als fast schon "klassisches" Beispiel für politische Korruption gelten darf. Es geht um die Rolle des Radikal-Kapitalisten Friedrich Merz (CDU) im Zusammenhang mit dem Bankenskandal um die WestLB. Beim WDR findet sich ein kleiner Artikel dazu, in dem es unter anderem heißt:

Merz war persönlich als Bevollmächtigter für den Verkauf der WestLB eingesetzt worden. Im Juni 2010, kurz nach der Landtagswahl und dem Regierungswechsel in NRW, sei sein Vertrag unterschrieben worden. Damals noch vom scheidenden CDU-Finanzminister Helmut Linssen. (...) Bekannt ist, dass Merz ein Honorar von rund 5.000 Euro pro Acht-Stunden-Tag ausgehandelt hat. Nach WDR-Informationen kommen zu diesem Tagessatz noch die Mehrwertsteuer und eine Überstundenvergütung hinzu. (...) Insgesamt sind nach WDR-Informationen in der rund einjährigen Tätigkeit gut 1,1 Millionen Euro an Merz und seine Kanzlei geflossen. (...) Dass er letztlich keinen Erfolg beim Verkauf der Landesbank hatte, sei nicht seine Schuld, beteuert er.

Trotz dieser Fakten entblödet sich der Autor nicht, Merz völlig ironiefrei mit Attributen wie "aufgeräumt", "voller Elan" und sogar "eloquent" zu bedenken beschleimen. Mehr Speichelleckerei ist angesichts der ungeheuerlichen Vorgänge kaum möglich. Dem CDU-Mann Merz, der noch niemals zuvor eine "Bank verkauft" hat, wurde also von seinen Parteifreunden kurz vor Übergabe der Amtsgeschäfte ein solcher absurder "Auftrag" zugeschustert - zu Konditionen, die mit dem Adjektiv "irrsinnig" nur unzureichend beschrieben sind: 1,1 Millionen Euro für ein Jahr "Arbeit" - wohlgemerkt unabhängig vom Erfolg. Ich kann mir lebhaft vorstellen, dass der Herr Rechtsanwalt Merz in diesem einen Jahr tatsächlich nichts anderes getan hat und jeden verdammten Werktag für mindestens acht Stunden eifrig darum bemüht war, einen Käufer für eine vor der Pleite stehende Bank mit Milliardenschulden zu finden. Und gleichzeitig ist er sicher der wahre Kaiser von China.

Da soll noch jemand behaupten, durch die Bankenkrise sei "Geld vernichtet" worden - auch der WDR-Autor spricht in diesem Zusammenhang, wie in den Massenmedien üblich, irreführend von einem "Milliardengrab". Die Kohle hat, wie immer in solchen Fällen, lediglich die Besitzer gewechselt - und ein kleiner Teil dieser Milliarden ist im Säckel des Friedrich Merz gelandet. Korruption gehört in Deutschland längst zum Alltagsgeschäft - und zwar nicht nur in der Politik, auch wenn sie dort bisweilen noch semi-öffentlich stattfindet bzw. etwas schneller auffliegen kann. Ernsthafte Konsequenzen hat das in den allermeisten Fällen jedoch nicht.

Auch beim WDR wird übrigens die Frage gar nicht gestellt, wer auf die absurde Idee gekommen ist, eine hoch verschuldete staatliche Bank verkaufen - also "privatisieren" - zu wollen. Dass dies schon bei "gesunden" Betrieben stets nur zum massiven Nachteil aller mit Ausnahme der "Investoren" ausgeht, ist inzwischen doch eine Binsenweisheit - auch wenn diese bei den Handlangern des Kapitals in der Politik selbstredend nie ankommt.

Die Verkommenheit dieses Landes, dieses Systems, seiner Medien und selbsternannten "Eliten" nimmt immer groteskere Formen an.


"Wie fleißig du warst, mein guter Junge! Kaum zwei Monate Abgeordneter und schon ein Automobil!"

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 49 vom 02.03.1925)

Samstag, 12. September 2015

SPD: Konsequent asozial


Die SPD übertrifft sich in jüngster Zeit immer wieder selbst, wenn es um möglichst asoziale, offen populistische und stets menschenverachtende Forderungen geht - ich habe mich schon mehrfach darüber ausgelassen. Leider reißt diese Serie nicht ab, sondern gewinnt weiter an Fahrt. Erst vorgestern las ich mal wieder beim WDR:

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) will Langzeitarbeitslose als Flüchtingshelfer einsetzen. Auf WDR2 erklärte sie am Donnerstag (10.09.2015), der Bund solle die Programme für öffentlich geförderte Beschäftigung massiv ausweiten. Kraft, die auch SPD-Bundesvize ist, sagte weiter, es sei für die gesellschaftliche Akzeptanz nicht gut, wenn der Eindruck entstünde, dass viel für Flüchtlinge, aber wenig für diejenigen getan werde, die es auf dem Arbeitsmarkt schwer hätten. Man müsse im Einzelfall prüfen, wer qualifiziert für die Betreuung sei und infrage käme.

Schon angesichts dieser Kurzmeldung, die es auf den Seiten des Senders auch in ausführlicher, pseudo-kritischer Form gibt, ahnt man, dass es hier wieder einmal darum geht, qualifizierte, gut entlohnte und eigentlich dringend notwendige Arbeitsplätze durch Zwangsarbeit zum Null- oder Billigtarif zu ersetzen. Jeder, der sich mit dem Terror des Hartz-Systems ausführlicher befasst hat, weiß schließlich, was es bedeutet, wenn diese Behörde die "Qualifikation" eines ihr auf Gedeih und Verderb ausgelieferten Menschen "prüfen" soll. Ich möchte lieber nie erfahren, zu welchen staatlichen Zwangsexzessen es käme, wenn dieser sozialdemokratische, menschenfeindliche Vorschlag tatsächlich umgesetzt werden sollte.

Ich traue diesen rotlackierten Gesellen der neoliberalen Einheitspartei (NED) inzwischen ja fast alles zu; allerdings muss ich auch konstatieren, dass die ständige menschenfeindliche Propaganda längst tiefe Wurzeln geschlagen hat und entsprechend üble Früchte trägt. Im oben verlinkten Langbeitrag zum Thema wird dazu (freilich ohne kritischen Bezug) beispielhaft zitiert:

Der Ökonomie-Professor Ulrich von Suntum von der Uni Münster hält Krafts Vorstoß für eine "bizarre Idee". Langzeitarbeitslose sollen Flüchtlinge betreuen? "Was werden die ihnen wohl beibringen?"

Über das Menschenbild dieses ehrenwerten Herrn Professors, der Langzeitarbeitslose offenbar generell für Minderbemittelte, Betrüger, Schmarotzer oder noch Schlimmeres hält, möchte ich nichts weiter wissen, da ich mich für Fäkalien nicht interessiere. Es ist bezeichnend, dass dieser Mensch, passend wie die neoliberale Faust aufs Auge, selbstverständlich ein Ökonom - also ein verwirrter Esoteriker - ist. Diese Haltung ist symptomatisch für den neoliberalen Wahn, dem auch die SPD gänzlich erlegen ist und dem sie nach wie vor "alternativlos" und willfährig huldigt wie jeder andere radikale Fundamentalist seiner jeweiligen Religion. Das hirnzersetzende Mantra in diesem Fall lautet: "Wer (langzeit-)arbeitslos ist, ist selbst daran schuld und muss staatlich 'aktiviert' werden, um wieder in den ausbeuterischen Sklavendienst zurückzukehren." Dieser infantile, in jeder Hinsicht völlig groteske Unsinn hat sich inzwischen rostbeulengleich festgesetzt und zerfrisst die Gehirne - und zwar nicht nur die korrupter PolitikerInnen, sondern auch die weiter Teile der Bevölkerung. - Schon Orwell wusste nur zu genau, wie das geht.

Selbstverständlich hat das ganze Brimborium überhaupt nichts mit Flüchtlingen oder gar deren Wohlergehen zu tun - dafür benötigte man schließlich viele gut ausgebildete Sozialarbeiter und anderweitig psychologisch, pädagogisch und sozialwissenschaftlich gut geschultes Personal. In der Tat dürfte es in diesem verkommenen Land mehr als genug hochqualifizierte (teils auch momentan arbeitslose) Menschen geben, die sich auf entsprechende Stellenausschreibung freudig und mit lieblicher Kusshand bewerben würden - genau das wollen SPD (und gewiss auch die übrigen Blockparteien der NED) aber vermeiden und werfen daher den "Vorschlag" des absurden Umweges über den behördlichen Zwang des Hartz-Terrors in die mediale, politische Löwenarena.

Diesen Parteien, diesem politischen und wirtschaftlichen, konsequent asozialen und durch und durch korrupten System ist schon lange nicht mehr zu helfen.

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Pfälzer Auslese
[gilt jedoch bundesweit]


"Einer der Herren Minister ist noch nicht vorbestraft. Ich hoffe, Sie sind trotzdem zuverlässig."

(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 35 vom 26.11.1923)

Freitag, 17. Juli 2015

Der kapitalistische Irrsinn, Alarmstufe Rot: "Asien wird zu teuer"


Sie machen einfach immer weiter. Die uferlose Habgier treibt die kapitalistische Bande rund um den Globus, um auch noch die letzten Cents aus der gepeinigten Menschheit herauszupressen. Bei n-tv war gestern unter dem nur noch zynisch zu nennenden Titel "Asien wird zu teuer: Textilindustrie sucht 'Made in Africa' zu lesen:

Vietnam, China, Bangladesh: In der Nähstube der Welt steigen Lebensstandards und Löhne. Gut für die Menschen vor Ort, schlecht für den Verbraucher im Westen, der es zumeist einfach billig haben will. Nun sucht die Industrie neue Märkte - und ist fündig geworden.

Ich empfehle ausdrücklich, diesen Artikel, der von irgendeinem perversen Schlipsborg mit dem Kürzel "bdk/DJ" verfasst worden ist, nicht zu lesen, da er akute Anfälle von Brechreiz, wilden Schlägen gegen den Kopf und unkontrollierten Schreiattacken zur Folge haben kann. So viel Irrsinn in so wenigen Worten zu transportieren - das muss man auch erst einmal schaffen.

Im Grunde ist jede einzelne sachbezogene Aussage in diesem Text grotesker, kapitalistischer Propagandamüll, der mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Ich müsste stundenlang schreiben, wenn ich das alles auflisten wollte - dazu fehlen mir aber die Zeit und die Lust, so dass ich mich auf einige Beispiele beschränke.

  1. Die Lebensstandards steigen in Vietnam, Kambodscha oder Bangladesch nicht. Wenn jemand statt vormals 20 Reiskörnern am Tag nun sagenhafte 30 zur Verfügung hat, ist eine solche Formulierung in ihrer Absurdität kaum noch zu steigern. Die bettelarmen Menschen in Asien bleiben - man hört das in kapitalistischen Kreisen nicht so gerne - auch in der Versklavung bettelarm. Und wenn die Heuschrecken dann weiterwandern und sich anderswo neue, billige Sklaven suchen, wird dieses Argument sogar textimmanent zur haareraufenden Kafkaeske, denn dann bleiben unterm Strich noch null Reiskörner.

  2. Nicht der "Verbraucher" im goldenen Paradies des Westens, der es "einfach billig haben will", ist an dieser himmelschreienden Misere, die euphemistisch konsequent "Geschäft" genannt wird, schuld. Auch in unseren Breiten gibt es Millionen von Menschen, die inzwischen so zwangsverarmt wurden, dass sie überhaupt keine Wahl mehr haben - es muss das jeweils Billigste gekauft werden, wenn überhaupt etwas gekauft werden soll. Und auch für die meisten anderen gilt im widerlichen Rattenrennen dasselbe perverse Prinzip. Es ist an Heuchlerei gar nicht zu überbieten, dies als "Argument" dafür anzuführen, dass "die Industrie" nach billigeren Sklaven sucht. - Die wirkliche Absicht ist natürlich, wie immer, die reine Profitgier der EignerInnen.

  3. Im Text wird tatsächlich die gehirnzersetzende Behauptung aufgestellt, dass "mehrere tödliche Unfälle" in Textilsklavenfabriken in Bangladesch "die Industrie" dazu zwängen, sich "nach Alternativen umzuschauen". Damit ist nun nicht die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der Sicherheit in diesen maroden Folterstätten gemeint, sondern die Suche nach Ausweichmöglichkeiten - und da bietet sich für diese Arschlöcher gerade Afrika an, denn: "Afrika ist der letzte weiße Fleck im globalen Bekleidungsgeschäft, der letzte fast noch unangetastete Kontinent mit billigen und zahlreichen Arbeitskräften. Im äthiopischen Textilsektor zum Beispiel gibt es keinen Mindestlohn." - Das ist doch eine Information, die uns alle glücklich macht - dann sollen demnächst die Menschen in Asien eben wieder verhungern, während einige Menschen in Afrika sagenhafte fünf Reiskörner pro Tag erhalten, wenn sie sich versklaven lassen. Tödliche Unfälle wird es dann gewiss auch geben, aber dann kann "die Industrie" ja wieder weiterziehen - vielleicht nach Grönland oder auch zum Mars.

  4. Die folgende, zutiefst menschenverachtende Passage aus dem Artikel hat mich fast sprachlos gemacht: "Äthiopien ist dabei das am meisten versprechende Land für die sich entwickelnde Textilproduktion in Afrika, sagen Fabrikbesitzer und Markenunternehmen. 'Äthiopien scheint hinsichtlich der Regierung, der Arbeitskräfte und des Stroms der beste Standort zu sein', sagt M. Raghuraman, der Chef für Unternehmensmarketing bei Brandix Lanka. Der größte Textilexporteur Sri Lankas ist am Potenzial Afrikas interessiert. / Außerhalb von Addis Abeba hat die Regierung vor kurzem für 250 Millionen Dollar den Industriepark Bole Lemmi errichtet. Er steht ausschließlich ausländischen Investoren der Textilindustrie offen. Riesige Hangars stehen auf dem Land, wo zuvor Gerste, Erbsen und Zwerghirse angebaut wurden." - Äthiopien ist eines der ärmsten Länder dieses Planeten, in dem kontinuierlich Menschen an Hunger und behandelbaren Krankheiten sterben - da ist es sicher eine wirklich gute Idee, dass die Regierung nun 250 Millionen Dollar aus der Staatskasse dafür benutzt, Infrastruktur und Arbeitslager auf ehemaligen Ackerflächen für "die Industrie" zu bauen, in denen neue Sklaven ausgebeutet und ausgepresst werden können, während in Asien die "Lebensstandards" logischer Weise wieder sinken.

Es ist nicht auszuhalten. Und solche Leute, die derartig widerwärtigen Ideologien anhängen, bestimmen das Geschick dieser Welt. Ist es denn da wirklich ein Wunder, dass immer wieder nur eine große, stinkende Jauchegrube herauskommt? - Es ist nicht auszuhalten.

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Selbstportrait in der Hölle



(Gemälde von Edvard Munch [1863-1944] aus dem Jahr 1903, Öl auf Leinwand, Munch-Museum, Oslo, Norwegen)

Dienstag, 17. März 2015

Unsere schöne Glitzerwelt: Die "Jobcenter", die Armut und die Unterhaltung


Warum lässt sich ein Mensch wie Günter Wallraff vom Gossen-Sender RTL für oberflächlichen Krawall und pseudokritische Berichterstattung einspannen?

Diesmal hat es das "Team Wallraff" für die gleichnamige RTL-"Doku" in die Niederungen der "Jobcenter" verschlagen. Wer sich mit diesem Thema auskennt, womöglich selber direkt oder indirekt davon betroffen ist und seine Informationen in der Regel aus dem kritischen Teil des Internet bezieht, konnte angesichts dieses Machwerkes aber nicht einmal müde lächeln. Da wurden gar sensationelle Ergebnisse "enthüllt": Es verschwinden "manchmal" Dokumente oder ganze Akten! SachbearbeiterInnen der "Jobcenter" werden oft nur befristet angestellt! Es herrscht künstlich erzeugter Personalmangel! Die Arbeitslosenstatistik wird auch durch sinnfreie "Maßnahmen", für die Millionen von Steuergeldern verschleudert werden, bewusst und gewollt massiv gefälscht! Sanktionen werden "manchmal" rein willkürlich ausgesprochen! Es gibt absurde "Vermittlungsquoten" in den Ämtern! Etc. - Nein, wer hätte denn das alles auch erahnen können?!?

Ich gebe zu, dass ich mir diesen Mist - ganz entgegen meiner sonstigen strikten TV-Abstinenz - angetan habe, und meine schlimmsten Ahnungen wurden leider nicht enttäuscht: Die Sendung war noch schlechter als ich das im Vorfeld befürchtet habe. Alles, aber wirklich alles, was in dieser "Enthüllungsstory" aufgedeckt wurde, war vorher schon seit Langem hinlänglich bekannt. Es war ein müder, billiger, lauwarmer Aufguss, der in schöner RTL-Manier äußerst dramatisch und reißerisch in den Pausen zwischen den noch dämlicheren Reklameblöcken präsentiert wurde. Dabei blieb tiefere Kritik einigen wenigen vernuschelten Nebensätzen vorbehalten, während das "Interview" mit dem "Vorstand Arbeitsmarkt" der Bundesagentur für Arbeit, Heinrich Alt, gar zur grotesken Farce und reinen neoliberalen Propagandaveranstaltung geriet, wie sie peinlicher kaum hätte ausfallen können.

Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Hartz-Terror - wie beispielsweise den grundgesetzwidrigen Sanktionen, der massenhaften Zwangsverarmung, Entmündigung und Schikanierung von Millionen von Menschen, der existenziellen Not und sozialen sowie kulturellen Verelendung, in die sie gewollt getrieben werden, oder der ebenfalls grundgesetzwidrigen Zwangsarbeit - fand nicht statt. Es wurden weder Fragen gestellt, die nach den ideologischen Hintergründen dieses perversen Systems - inmitten des explodierenden Reichtums der Superreichen - forschten, noch solche, die überhaupt den Sinn und Zweck einer solchen faschistoiden Behörde in unserer heutigen Zeit zum Inhalt hatten. Auch das systemimmanente Symptom der allgegenwärtigen Korruption wurde mit keinem Wort erwähnt. Alle "aufgedeckten" Skandale wurden stattdessen, wie üblich, als - wenn auch öfter vorkommende - "Einzelfälle" dargestellt, die aber nicht das Geringste mit dem System an sich zu tun hätten.

Als Fazit der Sendung lässt sich formulieren: Man müsste nach dieser verzerrten Darstellung lediglich die Behörden und deren MitarbeiterInnen ein wenig "reformieren" bzw. "auf Kurs bringen" - und schon wäre das Hartz-System in bester Ordnung und das Paradies in greifbarer Nähe. Wie zynisch, geradezu menschenverachtend das ist, muss ich niemandem erklären, der mit dieser bürokratischen Perversion schon einmal Kontakt hatte oder immer noch haben muss.

Wieso tut Wallraff das? Braucht er dringend Geld? Ist er senil und merkt nicht mehr, wessen böses Lied er da anstimmt? Oder habe ich ihn einfach falsch eingeschätzt und in einer Ecke verortet, in der er sich nie aufgehalten hat? - Unsere Kuhmedien gehen mit dieser Sendung jedenfalls genau so um, wie sie es verdient hat: Bei n-tv beispielsweise ist der - ebenso oberflächlich-dümmliche - Bericht darüber exakt in dem Ressort erschienen, in das er gehört - nämlich in der Sparte "Unterhaltung".


(Screenshot: n-tv. "Let's amuse ourselves to death.")

Mittwoch, 28. Januar 2015

Night will fall: Ein Blick in die Hölle - und in den Spiegel




Anmerkung: Die unkommentierte und leider leicht gekürzte Rohfassung des dokumentarischen Filmfragmentes von Bernstein und Hitchcock, das in der obigen Doku ausführlich besprochen wird, kann beispielsweise hier angesehen werden: "Memory of the Camps".

Dazu ein ausnahmsweise einmal halbwegs erträglicher Kommentar aus den tagesthemen von Anja Reschke (NDR), den ich hier im Wortlaut dokumentiere, da die Videodatei ohnehin in Kürze wieder "depubliziert" wird:

"Auschwitz, Holocaust - ich kann's nicht mehr hören, es muss doch mal Schluss sein!" - Oh, diese Sätze hört man wieder oft zurzeit. Sie kommen immer dann, wenn das Gedenken wieder in den Vordergrund rückt. Die Mehrheit der Deutschen möchte die Geschichte der Judenverfolgung hinter sich lassen, sagt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. 58 Prozent wollen sogar einen Schlussstrich ziehen.

Ich habe gestern die Dokumentation über Kameraleute der alliierten Truppen gesehen, die gefilmt haben, als die Konzentrationslager befreit wurden, die kamen, als die Schornsteine der Krematorien noch rauchten, die über Berge von Leichen gestiegen sind; Bilder von Skeletten mit ein bisschen Haut darüber, offene Münder, verdrehte Gliedmaßen. Heute sind diese Kameraleute von damals Männer von über 90 Jahren. Als sie erzählt haben, haben sie angefangen zu weinen. Keiner von ihnen kann einen Schlussstrich ziehen, genauso wenig wie die Opfer, die überlebt haben. Es gibt nicht mehr viele von ihnen, aber noch sind sie da - und ihnen schmettern wir entgegen: "Es muss doch mal Schluss sein"? Ausgerechnet wir?

Es gibt keinen Schlussstrich in der Geschichte - in keiner. Klar, lieber erinnern wir uns an Karl den Großen, Bismarck oder die Wiedervereinigung. Aber Auschwitz ist nun mal passiert. Wieso sollten wir ausgerechnet das Kapitel der Judenverfolgung hinter uns lassen? Dieser Teil unserer Geschichte ist in seiner Abartigkeit so einzigartig, dass er gar nicht vergessen werden kann.

Ich bin "dritte Generation". Ich war nicht dabei, und trotzdem habe ich mich geschämt, als ich wieder diese Bilder gesehen habe. Weil es zu meiner Identität als Deutscher gehört, ob ich will oder nicht.

Nach diesem Film konnte ich nicht schlafen, also habe ich umgeschaltet. Und was sehe ich: Pegida-Demonstranten in Dresden, die sich aufregen über die vielen Ausländer in Deutschland. Ganz ehrlich - da ist mir dann wirklich schlecht geworden.

Auch wenn es Reschke im letzten Abschnitt noch schafft, einen kleinen Verweis auf unsere heutige furchtbare Zeit unterzubringen, verbleibt auch ihr Text im Übrigen im Sumpf der Geschichte und vermeidet es peinlichst, irgendwelche Rückschlüsse oder Querverweise auf die heutige menschenfeindliche, ausgrenzende Politik der neoliberalen Bande zu ziehen, die nicht weniger faschistoid ist als es der aufkeimende Nazi-Terror in seinem frühen Stadium war. "Pegida" ist nicht die Ursache, sondern eines von sehr vielen (durchaus pervertierten) Symptomen dieses radikalisierten Kapitalismus - an dem die Massenmedien, und ganz vorne mit dabei auch die "öffentlich-rechtlichen" Sender mit ihren Propagandaschauen, einen wesentlichen Anteil haben.

Es bleibt nur eine Randnotiz, dass natürlich auch hier wie selbstverständlich auf eine "Studie" der Bertelsmann-Stiftung Bezug genommen wird - so als handele es sich bei diesem kapitalistischen Lobbyverein einer Clique von Superreichen tatsächlich um eine seriöse, gar "unabhängige" Institution.

Der faschistische, menschenfeindliche Terror der Schikanierung, Drangsalierung und Ausgrenzung von Menschen, der damals dem systematischen Massenmord vorausging, war eben nicht einzigartig - wir erleben gerade hautnah, wie er schleichend (und unter tatkräftiger Mitwirkung auch der Bertelsmann-Stiftung) erneut begonnen wurde und zunehmend an Fahrt aufnimmt. Die Erinnerung an die beispiellosen Verbrechen der Nazibande wird aber hohl und sinnfrei, wenn sie zur reinen "Historienschau" verkommt und die offensichtlichen Parallelen zu unserer heutigen Zeit gar nicht erst zur Kenntnis nimmt. Anders gesagt: Wenn Faschismus nicht in einem Atemzug mit Kapitalismus genannt wird, ist es gar nicht mehr möglich, den tatsächlichen Ursachen dieses Irrsinns auf die Spur zu kommen. Die oben verlinkte Doku über den "aus gewissen politischen Gründen" letztendlich nicht fertiggestellten Film zum Holocaust bietet im letzten Drittel dazu einige Denkanstöße, die ich bemerkenswert finde. Ebenso bemerkenswert ist es aber, dass Reschke, die sich in ihrem Kommentar ja explizit auf diese Doku bezieht, jene Denkanstöße entweder nicht bemerkt oder aber bewusst verschwiegen hat.

Der Holocaust ist nicht einfach ein "Teil unserer Geschichte" wie Karl der Große oder Bismarck - er ist das flammende, furchtbare Mahnmal der Zerstörung und Menschenfeindlichkeit, auf das der Kapitalismus zwangsweise stets zusteuert, und zwar überall auf der Welt und zu jeder Zeit.

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"Bedaure, ich bin im Verein gegen Bettelei!"

(Lithographie von Honoré Daumier [1808-1879] aus dem Jahr 1844, aus der Serie "Les philantropes du jour")

Dienstag, 6. Januar 2015

Märchenstunde in der Endlosschleife: "Den Deutschen" geht's so doppelplusgut wie nie


Wir kennen das Geseiere ja seit Jahren, aber es reißt einfach nicht ab: In steter Wiederholung versorgt uns die Propagandapresse mit Meldungen wie dieser, über die ich kurz vor Weihnachten auf n-tv gestolpert bin:

Ein Mix aus steigenden Löhnen und niedriger Inflation lässt die Kaufkraft der Deutschen so deutlich steigen wie seit über drei Jahren nicht mehr.

Wer sich diesen, von einem plakativen Foto einer Horde von Konsumzombies beim Gottesdienst im kapitalistischen Markttempel trefflich illustrierten, Sermon selber durchlesen will, darf das gerne tun - sollte dabei aber stets im Hinterkopf behalten, dass einerseits das dafür verwendete, vom "Statistischen Bundesamt" bereits im Voraus "interpretierte" und der "freien Presse" zur Verfügung gestellte Zahlenmaterial mit gutem Gewissen angezweifelt werden muss, und dass sich andererseits der reine Informationswert dieser Aussagen - selbst bei hypothetisch korrekten Zahlen - auf genau dem folgenden Niveau bewegt: "Wenn von zehn Sahneschnitten, die einer Gruppe von zehn Personen zur Verfügung stehen, alle zehn Sahneschnitten im Magen einer einzigen Person genussvoll verschwinden, während die übrigen neun nichts abbekommen, haben durchschnittlich alle zehn Personen eine Sahneschnitte verzehrt." - Auf den blanken Irrsinn, eine Größe wie die "Kaufkraft" als etwas generell und unzweifelhaft Gutes für alle Menschen auf den verdorbenen Altar zu stellen und dies auch noch als einzigen Indikator für das Wohlbefinden zu benennen, kann ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen.

Ein solcher Quatsch wird allen Ernstes und in immer wiederkehrender, nicht endender Wiederholung als "Nachricht", gar als "Information" in die verarmende, zerfallende Welt gekotet. - Noch weiter geht die - ebenfalls zu n-tv gehörende - Telebörse, die einen Schlips-Borg und Superspezialexperten namens Dr. [guttenb. schav.] Zschaber aus diesem Kaffeesatz den folgenden Voodoo-Zauber beschwören lässt:

Vor allem den Verfall der Ölpreise sehe ich für den Welthandel als außergewöhnlichen Impuls für das kommende Jahr 2015. Viele ölimportierende Länder können bereits schon jetzt beachtliche Gewinne verbuchen. Dazu gehören nahezu alle Industrieländer wie Japan, Korea, die USA oder Europa. Aber auch unter den Schwellenländern gibt es Gewinner - etwa die großen Länder Asiens, China, Indien und Indonesien. Dies wird potenzielle Wachstumskräfte im globalen Kontext hervorrufen (...).

Bei solchen strunzdämlichen Aussagen, die nicht einmal unteres Kindergartenniveau à la heute-journal oder Tagesthemen erreichen, fragt sich der geneigte Leser hoffentlich unwillkürlich, woher denn diese prognostizierten "beachtlichen Gewinne" wohl stammen mögen - der Herr Doktor sollte ja schließlich wissen, dass in diesem absurden System die Profite des einen zwangsläufig die Schulden bzw. Verluste eines anderen sein müssen. Ob vielleicht endlich doch neue Absatzmärkte auf dem Mars entdeckt wurden, von denen wir noch nichts wissen? Oder müssen am Ende doch nur wieder die Lohnsklaven, Rentner, Kinder, Kranken, Arbeitslosen, Armen - denen es ja laut Vorbericht flächendeckend so unglaublich gut geht - die ohnehin prallen Kassen der Superreichen weiter füllen? Dass dies im großen Stil jedenfalls nicht die führenden ölexportierenden Länder bzw. deren "Eliten" übernehmen werden, muss wohl nicht explizit erwähnt werden. - Ich bin mir nicht sicher, ob der Herr Dr. Superspezialexperte die naheliegende Antwort tatsächlich kennt - ich maße mir nicht an zu entscheiden, ob er ein korruptes oder doch nur ein dummes raffgieriges Arschloch ist.

Im Grunde wird die Antwort im Telebörse-Pamphlet aber bereits gegeben, denn die letzte Subunterschrift lautet selbstverständlich: "Was bedeutet das für den Anleger?" Damit ist einmal mehr schwarz auf weiß festgehalten, für wen dieses ganze lächerliche Brimborium veranstaltet wird und weshalb 99 Prozent der Bevölkerung das gar nicht erst durchschauen sollen.

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Marsnähe
[Export zum Mars]


"Petroleum? Kohlen?? Waffen???"

(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 22 vom 25.08.1924)

Dienstag, 30. Dezember 2014

Europas Aufbruch in den Totalitarismus: Es geht voran!


Mit der Demokratie, den Menschen- und Bürgerrechten oder gar veralteten, sozialromatischen Träumen wie dem Datenschutz oder dem "mündigen Bürger" hat unser modernes, marktkonformes Europa des vollendeten Kapitalismus nicht mehr viel am Hut - das wissen bzw. bemerken wir alle. Umso erfrischender ist es, immer wieder miterleben zu dürfen, wie die neoliberale Bande überall allmählich jede auch noch so dämliche Maske fallen lässt und immer offensichtlicher Kurs auf den ersehnten Totalitarismus nimmt. Dazu nur zwei Beispiele aus den letzten Wochen:

Die ungarische Regierungspartei Fidesz will erneut einen heftig umstrittenen Vorschlag umsetzen: Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren sollen jährlich einen Drogentest absolvieren müssen. (...) Der Kommunikationsdirektor der Fidesz, Mate Kocsis, hatte vergangene Woche gesagt, ein jährlicher Drogentest solle auch Journalisten und Politikern vorgeschrieben werden.

So meldete es die Tagesschau vor drei Wochen und vergaß auch nicht den von den Initiatoren bzw. den beteiligten PR-Huren wohlfeil platzierten Hinweis, dass dies schließlich zum "Wohl der Kinder" zu geschehen habe. Denn das ist ja das ureigenste Ziel der kapitalistischen Raffgier - auch wenn das manch eine/r zwischendurch immer wieder vergisst.

Ja, Zwangsdrogentests (die bei unseren "amerikanischen Freunden" in den USA längst zu den üblichen Mitteln zur Disziplinierung auf dem "freien Arbeitsmarkt" und bei BezieherInnen von Sozialleistungen gehören), sind in der Tat ein adäquates Mittel in dieser untergehenden Zeit, um Kosten bei den Schwächsten zu sparen - insbesondere vor dem Hintergrund, dass es in diesem Schweinesystem selbstverständlich der herrschenden "Elite" obliegt zu definieren, was denn nun genau zu jenen teuflischen Drogen gehört und was nicht (und wer zu "testen" sei und wer nicht). - Ich persönlich fände einen vorgeschriebenen Intelligenz- oder, besser noch, Korruptionstest für Politiker und Journalisten ja weitaus sinnvoller, aber auf mich hört ohnehin niemand.

Deutschland wäre aber nicht Deutschland, wenn dieses verkommene Land den devoten, widerwärtigen Vorstoß aus Ungarn nicht noch locker toppen könnte - wir erinnern uns an die faschistoiden Pläne zur "Markierung von Ausweisen" und müssen nun bei n-tv lesen:

Pass-Entzug auf Verdacht ist rechtens / Ein 28-Jähriger ist dem Verfassungsschutz als Mitglied der islamistischen Szene bekannt. Als er seine Ausreise nach Syrien plant, ziehen die Behörden seinen Reisepass ein. Ein wirkungsvolles Instrument, dessen Rechtmäßigkeit die Justiz nun bestätigt.

Wir lernen: Deutschland ist wieder einmal stramm weiter als Ungarn oder die USA - hier reicht bereits der von einer zwielichtigen, offensichtlich verfassungsfeindlichen Behörde formulierte Verdacht [sic!] aus, um einem Menschen den Reisepass abzunehmen, und unsere freiheitlich-demokratische Klassenjustiz segnet das in gewohnter Winkeladvokatenmanier pfaffengleich ab. Gleichzeitig wird politisch und medial massiv Islamophobie geschürt - und im selben Atemzug sogleich wieder pseudo-kritisch verurteilt, wenn sie (wer konnte denn das auch erahnen!) auf fruchtbaren Boden fällt und strunzdämliche "Pegida"-Verirrungen zur Folge hat. - In Deutschland sind Hopfen und Malz in jeder Hinsicht endgültig verloren.

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Weltgeschichtliche Betrachtung
[oder: Schöne Träume aus der Vergangenheit]


"Glauben Sie mir, Fräuleinchen, der Tag, an dem der selige Zar den Schnaps verboten hat, der Tag war der Geburtstag des Bolschewismus."

(Zeichnung von Alphons Woelfle [1884-1951], in "Simplicissimus", Heft 44 vom 28.01.1919)

Montag, 8. Dezember 2014

Ramelow: Im Kapitalismus nichts Neues


Der Gärtner hat im vergangenen Jahr in seiner Kolumne bei Titanic-Online ja so manches Kleinod hervorgebracht, das ich gelegentlich auch kommentiert habe. Gestern allerdings hat er sich einmal mehr übertroffen und über den schon im Vorfeld medial in den groteskesten Farben ausgemalten "Skandal" eines drohenden "ersten linken Ministerpräsidenten in Deutschland" - Bodo Ramelow in Thüringen - in wenigen Absätzen alles Nötige gesagt. Wenn ich das dürfte, gäbe ich den komplettem Text hier wieder, so aber muss ich mich den kapitalistischen Rahmenbedingungen unterwerfen und mich mit einem deutlichen Verweis auf die Originalquelle mit einigen wenigen Auszügen begnügen. Ein Kernsatz lautet:

Es ist bei allem, was man weiß und schon erlebt hat, doch wieder erschütternd zu erleben, dass öffentlich-rechtliche Journalisten noch zu dumm sind zu sehen, dass ein Ministerpräsident von der Linkspartei wirklich alles anzeigt, nur eben keine Renaissance des Sozialismus in Deutschland, viel eher schon, im Gegenteil, dessen Mausetod.

Es ist in der Tat immer wieder schmerzhaft, wenn - sowohl in den Propagandamedien, als auch in diversen Blogs - die Linke (zumal deren thüringische Variante) mit dem Begriff "Sozialismus" belegt wird. Sozialistisch ist an dieser im dreckigsten Kapitalismus angekommenen Landespartei soviel wie an der "Kom(munist)ischen Partei Chinas" (KPCh) oder den "Arschgesichtern für Deutschnationale" (AfD). Ich halte die deutschen Kuhjournalisten allerdings nicht für so dumm, dass sie tatsächlich nicht wissen, was für einen gegorenen Quark sie da verbreiten. Der Punkt, an dem man diesen wenigen fürstlich bezahlten GroßverdienerInnen des öffentlich-repressiven Propagandafernsehens, auf die Gärtner sich bezieht, noch Dummheit unterstellen konnte, liegt doch schon lange hinter uns. Hier ist längst die Eskalationsstufe der klaren Korruption erreicht: Sie wissen, was sie tun, und sie tun es - natürlich - für Geld.

Dasselbe gilt freilich für all die jetzt an die Geldtöpfe vorrückenden Figuren, die sich da im Gefolge der Linken in Thüringen tummeln und die damit dem langjährigen Beispiel der korrupten "Altparteien" nachfolgen: Da wird um Posten geschachtert, da gilt es, "Budgets" zu ergattern und möglichst üppig die eigenen Taschen zu füllen und dabei natürlich auch an die Zukunft den eigenen Machterhalt zu denken. Die kommenden Zeiten sind gewiss nicht rosig, da sind sich alle einig, auch wenn die zwingende Frage nach dem "Warum" inzwischen auch bei der Linkspartei in Thüringen keine Rolle mehr spielt und der Kapitalismus samt perversem Superreichtum die gottgegebene, nicht veränderbare Norm des Glaubensinhaltes darstellt. Und, Hand aufs Herz: Wer von uns handelte im Rahmen dieses perversen Systems tatsächlich anders, wenn er oder sie in die Nähe der endlich einmal dauerhaft existenzsichernden Geldquellen käme? Na? Wieviele schreien da wohl: "Ich! Hier!"? - Ich könnte das nicht, dazu ist meine existenzielle Not bereits zu groß. Ich bin längst wieder käuflich, zur billigen Nutte mutiert und zu allem bereit, auch wenn es niemanden mehr gibt, der mich - und sei's auch nur für einen Appel und ein Ei - kaufen möchte.

Deshalb kann der Gärtner in der heutigen Zeit, in der eine möglichst dauerhafte Existenzsicherung der Menschen von den neoliberalen Vasallen nahezu vollständig entsorgt bzw. bereits ins völlig pervertierte Gegenteil verkehrt wurde, auch zu keinem anderen Resümee kommen:

Entkernt, entseelt, bis auf den Grund verdummt. Gäbe es denn eine Saat des Sozialimus, sie fiele auf Beton.

Ich hätte diese bittere Erkenntnis noch ergänzt, nämlich etwa so: "Und auf dem Beton kriechen die bereits verarmten Menschen in ihrem verzweifelten Existenzkampf herum und können die - so es sie denn gäbe - verdorrende, vergebliche Saat gar nicht mehr bemerken, während ihre Anzahl proportional zum Inhalt der Geldspeicher der kleinen Clique der Superreichen stetig steigt."

Das ist Terror. Und niemand bekämpft ihn. Bodo Ramelow ist so ziemlich der Letzte, von dem ich hier irgendetwas Sinnvolles erwarte oder erhoffe. Die kapitalistische Katastrophe nimmt unbeirrt ihren bekannten Lauf.

Lest den Gärtner. Dringend.

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Die Neugewählten


"Das war ein harter Kampf, Herr Kollege ... aber jetzt haben wir ja ein paar Jahre Zeit zum Ausschlafen."

(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 11 vom 09.06.1920)