Dienstag, 15. November 2016

Nein, sie brauchen keinen Führer


Rassismus und Menschenfeindlichkeit sind wieder heimisch in Europa - natürlich gerade auch in Deutschland. Man hat sich längst daran gewöhnt. Es treibt fast niemandem mehr die Fassungslosigkeit ins Gesicht, wenn immer wieder Flüchtlingsunterkünfte brennen und Menschen von braunen Banden angegriffen oder direkt staatlich drangsaliert und terrorisiert werden. Bei n-tv las ich kürzlich:

Straftaten mehr als verdoppelt / Gewalt gegen Ausländer nimmt stark zu / Städte wie Bautzen, Heidenau oder Freital sind aufgrund rechtsextremer Gewalt in die Schlagzeilen geraten - doch sie sind keine Einzelfälle mehr. Politisch motivierte Straftaten nehmen weiter zu. In Ostdeutschland ist der Anstieg besonders deutlich.

Selbstverständlich ist dieser Rassismus nicht über Nacht vom Himmel gefallen. Er war nie verschwunden, weder im Westen, noch im Osten. Dass er sich heute wieder so vehement bemerkbar macht, hat gewiss viele Gründe, von denen die "Wiedervereinigung" nur einer ist. Es lässt sich mannigfaltig belegen, dass die Ausrichtung der europäischen und deutschen Politik seit 1990 rasant nach rechts außen gerückt ist bzw. wurde. Die menschenfeindlichen Ausfälle aus politischen und begleitenden medialen Kreisen seit dieser Zeit reißen nicht ab, sondern nehmen ganz im Gegenteil weiter an Fahrt auf. Ist es da tatsächlich verwunderlich, dass diese böse Saat teilweise auf fruchtbaren Boden fällt?

Die offiziellen, politischen Gründe für die Abwertung, Ausgrenzung und Ablehnung hilfsbedürftiger Menschen sind oftmals rein ökonomischer Natur. So war am selben Tag ebenfalls bei n-tv exemplarisch zu lesen:

Unterbringung und Betreuung / So viel kostet Deutschland ein Flüchtling / Knapp 900.000 Flüchtlinge sind im Jahr 2015 nach Deutschland gekommen - überwiegend aus Syrien. In diesem Jahr werden weniger als 300.000 Menschen erwartet, die hierzulande Schutz suchen. Besonders die Städte ächzen unter den damit verbundenen Kosten.

Natürlich wird auch in diesem Text nicht erwähnt, dass es hier wie immer um eine Schimäre geht, die sich aus Verteilungskämpfen zwischen Bund, Ländern und Kommunen ergibt. Auch der groteske Superreichtum einiger weniger Widerlinge, die sich in ihren überquellenden und stetig expandierenden Geldspeichern verschanzen, wird nicht erwähnt. Und dass allein Deutschland im kommenden Jahr beispielsweise für die militärische "Verteidigung" [sic!] satte 37 Milliarden (plus 1,7 Milliarden) Euro auszugeben gedenkt - also mehr als dreimal soviel wie die geschätzten Kosten für Flüchtlinge -, interessiert in diesem Zusammenhang weder die Politik, noch die Journaille oder die "besorgten Bürger". Die perversen Besitzer der Rüstungskonzerne freut's gewiss.

Diese ökonomisch-verzerrte Sichtweise hat gute Tradition in Deutschland, wie das unten zu sehende Plakat anschaulich illustriert. Auch damals war das bereits eine lächerliche, rassistische Milchmädchenrechnung, die fernab jeder Realität semi-religiös vor sich hin waberte - heute gilt das angesichts der abstrusen, elitären Privatvermögen in Fantastillionenhöhe gleich in potenzierter Form.



(Plakat einer faschistischen Ausstellung des Reichnährstandes über "Rassenhygiene" mit der Aufschrift: "Hier trägst Du mit. Ein Erbkranker kostet bis zur Erreichung des 60. Lebensjahres im Durchschnitt 50.000 [Reichsmark]." In: "Volk und Rasse", Illustrierte Monatszeitschrift für deutsches Volkstum [sic!], hg. v. Heinrich Himmler und Richard Walther Darré, Nr. 10, 1936)

Auf diesem verkommenen Planeten wäre längst - und das gilt wahrlich nicht erst seit Neuestem - ein von materiellen Sorgen freies Leben für alle Menschen möglich. Selbst in der kapitalistisch verseuchten Welt von heute wäre das machbar, ohne dass die selbsternannte "Elite" auf ihren dekadenten, lächerlichen, vollkommen absurden Luxus verzichten müsste: Sie könnten doch ihre Villen, ihre Automobile, ihre Jachten, ihre Flugzeuge oder Helikopter behalten - dafür benötigt man keine Milliarden. Trotzdem sind wir heute genauso weit von diesem Ziel entfernt wie vor 100 Jahren - und Politik, Medien und viele BürgerInnen gehen wieder einmal statt dem elitären Pack viel lieber den Schwächeren und Schwächsten, die sich kaum wehren können, an die Gurgel.

Ich ziehe mir die Bettdecke über den Kopf, bevor ich angesichts dieser grotesken Farce noch selber zum Menschenfeind werde.

Kommentare:

Ve Rena hat gesagt…

Ja,leider ist es oft so,dass lieber die "Schwächsten" angegriffen werden,dabei wäre im Prinzip überhaupt kein Angriff,auch nicht gegen die Superreichen,nötig.Man muss einfach nur aufhören,auf die zu hören.Tun das möglichst viele,kann unsere tolle Elite einpacken.
Guckst Du "The Walking Dead"?
Da wird uns durch den neuen "Superschurken" gerade auch gut vor Augen gehalten,wie dumm wir Menschen eigentlich sind (obwohl uns das auch in der wirklichen Welt ständig Menschen vorhalten).
Jedenfalls gehts da auch um einen einzigen Menschen,der ganz viele andere Menschen gebrochen hat und sie dazu gebracht hat,ihm zu dienen und seine perversen Spielchen mitzumachen,bei denen es ihm eben auch um Macht,Kontrolle und Ausbeutung seiner Umgebung geht.
Das wäre ganz einfach,den Typen einfach unschädlich zu machen,indem einfach keiner mehr auf den hört.Der allein könnte gegen die ganzen anderen nichts ausrichten,wenn sie sich auflehnen und auch ohne sie ist der total aufgeschmissen.
Aber anstatt ihn außer Gefecht zu setzen,was ja wie gesagt,ganz einfach wäre,folgen sie dem Typen lieber und lassen sich von diesem Psycho das Leben zur Hölle machen (ähnlich wie bei Hitler,wobei es heute auch nicht großartig anders ist,nur dass es heute nicht nur ein einzelner Mensch ist,der in der Welt das Sagen hat).

Charlie hat gesagt…

@ Ve Rena: "The Walking Dead" halte ich für die beste und ausgefeilteste zeitgenössische Parabel auf den Kapitalismus, die ich kenne - momentan ist der Sonntag mein "heiligster" Tag, weil ich mir dann jeweils zwei neue Folgen der sechsten Staffel im Netz anschauen kann (wenn auch leider reklameverseucht). :-)

Ich nehme an, dass Du mit Deinem Kommentar auf den "Governor" anspielst, dessen Figur den Prototypen des kapitalistischen Ungeistes darstellt, oder? Wie im Film ist es aber leider auch in der Realität: Wenn man beschließt, dem Despoten nicht mehr zu folgen, benötigt man eine deutliche Mehrheit - ansonsten ist man schlicht das, was man heute euphemistisch "Terrorist" nennt. Und solange es diese (revolutionäre) Mehrheit nicht gibt, ist eine tatsächliche, gewaltfreie Opposition gegen die herrschende "Elite" so gut wie unmöglich.

Die Serie veranschaulicht nebenbei auch vorzüglich, was der Kapitalismus aus Menschen macht: Die erzwungene Vereinzelung und der gnadenlose Konkurrenzkampf führen in diesem Szenario völlig selbstverständlich dazu, dass "fremde" Menschen von den Protagonisten als eine wesentlich größere Bedrohung wahrgenommen werden als die herumstapfenden, tödlichen Zombies. Anstatt solidarisch zu handeln und gemeinsam ein kleines "Paradies" innerhalb der Hölle aufzubauen, verhält sich der Großteil der Menschen egoistisch und sektiererisch, so dass letztendlich die Hölle für alle bestehen bleibt. Derartig deformierte (also kranke) Menschen wird man schwerlich davon überzeugen können, dass ihr Egoismus nicht nur anderen, sondern auch ihnen selbst massiv schadet.

Die Frage aller Fragen bleibt also weiterhin: Wie ist es zu bewerkstelligen, dass die Mehrheit der Menschen der selbsternannten "Elite" nicht mehr folgt und stattdessen solidarisch handelt und denkt? An dieser Frage wird sich die Menschheit nach meiner persönlichen Meinung die Zähne ausbeißen.

Liebe Grüße!

Frau Lehmann hat gesagt…

Ja, wahrscheinlich braucht es eine "revolutionäre Mehrheit". Aber wie organisieren? Es wäre wahrlich einfacher, wenn wir es mit einem König, Kaiser, Despoten ... zu tun hätten. Den könnte man davonjagen. Was aber wäre gewonnen, würde man beispielsweise eine Frau Merkel "absetzen", was ja viele auch herausschreien? Rein gar nichts. Sie würde einfach ersetzt. Und nichts würde sich ändern. Denn es ist ja das gesamte System, welches faul ist, aber als alternativlos dargestellt wird. Solange eine Mehrheit der Menschen tatsächlich daran glaubt, dass es zum kapitalistischen System keine Alternative gibt, wird sich nichts ändern. Und dass der Kapitalismus alternativlos ist, wird uns doch tagtäglich eingeimpft. All unser "Wohlstand", unsere "Demokratie" gingen doch flöten. "Wollt ihr etwa eine Diktatur? Etwa den Gulag?", tönt es uns entgegen.
Jeder, der in diesem Land arbeitet, unterstützt den Laden irgendwie. Wer noch über etwas gesunden Menschenverstand und Empathie verfügt, redet sich ein, er könne an seinem Platz ein bisschen was verändern, indem er sich engagiert, andere unterstützt, menschlich handelt. Aber so ziemlich alles, was noch sozial genannt werden kann, wird doch vom System "integriert" und unter dem Deckmäntelchen von Demokratie und Menschenwürde wirtschaftlich verwertet.
Eigentlich müsten alle anständigen Menschen sofort ihre Arbeit niederlegen.
Aber das wird genauso wenig passieren wie eine 100%ige Wahlverweigerung.
Experimente und Studien haben gezeigt, dass (in unserem westlichen Kulturkreis)nur etwa ein Drittel der Menschen, denen von einer Autorität angewiesen wird, anderen Menschen Schaden zuzufügen, sich dieser Anweisung widersetzt, obwohl ihnen kein Nachteil aus ihrem Handeln entsteht. Was etwas optimistischer stimmt: Die meisten "Täter" leiden unter ihren Taten, was physische und psychische Indikatoren zeigen, wie erhöhter Blutdruck und Angstträume. (Vgl. Milgram-Experiment und das auch verfilmte Experiment, in dem eine Menschengruppe willkürlich eingeteilt wurde in Häftlinge und Wärter).
Wenn heute zunehmend beispielsweise humanitäre und pazifistische Einstellungen als irrational und angesichts des angeblich "Bösen" in dieser Welt, das bekämpft werden muss, als hinderlich diskreditiert werden, macht mir das wenig Hoffnung.

@Charlie
Was glaubst du, was passierte, würdest du das von dir vorgestellte Plakat aus der NS-Zeit "aktualisieren" und als "minderwertige Menschen" die von den Sozialleistungen des Staates Abhängigen, Raucher o.ä. einsetzt und das veröffentlichen würdest?
Ich denke, die vorherrschende Doppelmoral könnte nicht gravierender entlarvt werden, würde man auf die Reaktionen warten.

Charlie hat gesagt…

@ Frau Lehmann: Ach, gäbe es doch bloß mehr Menschen wie Dich, die ihren Kopf nicht nur zum Herumtragen einer Frisur benutzen.

Ich gehe davon aus, dass Du nicht wirklich wissen möchtest, wie ein modernisiertes Plakat aus der faschistischen Zeit bei der hiesigen Bevölkerung heute wohl ankäme - das Ergebnis hast Du selber ja längst realisiert. Allerdings bezweifle ich, dass eine nennenswerte Anzahl von MitbürgerInnen hier tatsächlich eine Doppelmoral oder irgendeine andere Form der kognitiven Dissonanz erkennen würde. Viel zu tief sitzt der kapitalistische, faschistische Stachel, der von "Kosten" und "Nutzen" schwadroniert.

Die "revolutionäre Mehrheit" war nie ferner als heute.

Liebe Grüße!