Donnerstag, 17. November 2016

Zitat des Tages: Trübsinn


Weltunglück geistert durch den Nachmittag.
Baracken fliehn durch Gärtchen braun und wüst.
Lichtschnuppen gaukeln um verbrannten Mist,
Zwei Schläfer schwanken heimwärts, grau und vag.

Auf der verdorrten Wiese läuft ein Kind
Und spielt mit seinen Augen schwarz und glatt.
Das Gold tropft von den Büschen trüb und matt.
Ein alter Mann dreht traurig sich im Wind.

Am Abend wieder über meinem Haupt
Saturn lenkt stumm ein elendes Geschick.
Ein Baum, ein Hund tritt hinter sich zurück
Und schwarz schwankt Gottes Himmel und entlaubt.

Ein Fischlein gleitet schnell hinab den Bach;
Und leise rührt des toten Freundes Hand
Und glättet liebend Stirne und Gewand.
Ein Licht ruft Schatten in den Zimmern wach.

(Georg Trakl [1887-1914]: "Trübsinn", in: "Gedichte", Kurt Wolff 1913)





Anmerkung: Lutz Görner zitiert in seinem verlinkten Beitrag auch aus dem Tagebuch Trakls: "Ich sehne den Tag herbei, an dem die Seele in diesem armseligen, von Schwermut verpesteten Körper nicht mehr wird wohnen wollen - und können; an dem diese Spottgestalt aus Kot und Fäulnis verlassen wird, die ein nur allzu getreues Spiegelbild eines gottlosen, verfluchten Jahrhunderts ist. Es ist ein namenloses Unglück, wenn einem die Welt entzwei bricht." - Dazu ist nichts weiter zu sagen.

Kommentare:

Frau Lehmann hat gesagt…

Ja, die jungen Expressionisten erkannten, dass die Zeit bleischwer auf ihnen lastete. Aber unter der verkommen schönen Oberfläche brodelte es. Nicht umsonst bezeichnet man diese Zeit auch als "Tanz auf dem Vulkan". Um Erneuerung ging es ihnen, um ein menschlicheres Antlitz der Welt.
Ich finde auch, dass es heute Parallelen zur Zeit vor dem 1. Weltkrieg gibt.
Nur dass heute junge Menschen (v.a.in diesem Land) kaum mehr fähig sind, zu reflektieren, was mit ihnen und der Welt geschieht, solange sie den Eindruck haben, ihre egoistischen Bedürfnisse befriedigen zu können.

Charlie hat gesagt…

@ Frau Lehmann: Der Erneuerungswunsch der jungen Expressionisten währte allerdings nur eine sehr kurze Zeit - von wegweisenden Texten wie "Der politische Dichter" von Walter Hasenclever oder seinen ebenso bahnbrechenden Dramen "Der Sohn" und "Antigone" war es nur ein sehr kurzer Weg, der aufgrund des Ersten Weltkrieges in allgemeiner Untergangslyrik endete und letztlich zur Auflösung des literarischen Expressionismus' führte. Insofern sehe ich die Parallelen, die Du ansprichst, ebenfalls.

Auch teile ich Deine Sichtweise, dass heutige gebildete junge Menschen sich deutlich von gebildeten jungen Menschen aus der Zeit vor 100 Jahren unterscheiden - und es ist ja kein Zufall, dass dieser offenkundige Bildungsnotstand herrscht. Das war auch zu meiner Schulzeit schon so: Wer sich in den 80ern des 20. Jahrhunderts nicht aus eigenem Antrieb befleißigt fühlte, ein gewisses Maß an humanistischer Bildung zu erlangen, konnte auch ohne solche Nebensächlichkeiten problemlos sein Abitur machen und sich hernach in die Maschinenbau- oder BWL-Karriere stürzen. Deswegen gibt es heute ja all diese Gruselfiguren in der Politik, in der Wirtschaft, in den Medien und selbstverständlich auch in der Bevölkerung.

Else Lasker-Schüler schrieb 1917 das Gedicht "Das Lied meines Lebens":

Sieh in mein verwandertes Gesicht ...
Tiefer beugen sich die Sterne.
Sieh in mein verwandertes Gesicht.

Alle meine Blumenwege
Führen auf dunkle Gewässer,
Geschwister, die sich tödlich stritten.

Greise sind die Sterne geworden ...
Sieh in mein verwandertes Gesicht.


Ich denke, noch deutlicher könnte man das Scheitern des expressionistischen Aufbruchgedankens angesichts der damaligen Realität kaum formulieren. Heute fehlt indes bereits der Aufbruchsgedanke, so dass in dieser Hinsicht auch nichts scheitern kann.

Liebe Grüße!