Donnerstag, 6. November 2014

Kapitalismus: Willkommen in Kafkanistan!


Vor einigen Wochen konnte man beispielsweise beim WDR die folgende Kurzmeldung lesen:

Reiche Kartoffelernte führt zu fallenden Preisen

Die Landwirte in NRW haben bei der Kartoffelernte in diesem Jahr einen rekordnahen Ertrag eingefahren. Pro Hektar wurden knapp 51 Tonnen erzielt. Das ist das zweithöchste Flächenergebnis seit Beginn der Erfassung, wie das Statistische Landesamt am Donnerstag (23.10.2014) in Düsseldorf mitteilte.

Grund für die überdurchschnittliche Ernte in diesem Jahr sei die feuchte Witterung. Die Rekordernte könnte allerdings zu einem Überbedarf führen. Die Niedrigpreise würden keinen ausreichenden Absatz gewährleisten.

Über diese wenigen Zeilen dürfen/sollten wir nun alle - nachdem wir den offensichtlichsten Fehler im Minitext, der aus einem "Überangebot" (wohl tatsächlich versehentlich?) einen "Überbedarf" gemacht hat, korrigiert haben - ausgiebig sinnieren. Was ist also konkret geschehen?

In NRW wurde eine "rekordnahe" Ernte von Kartoffeln eingefahren, was ja eigentlich eine sehr gute Nachricht ist. Denn selbst wenn das zu einem Überangebot führen sollte, was bislang allerdings reine Spekulation ist, könnte man diese überzähligen, relativ lange haltbaren Lebensmittel ja wunderbar dafür einsetzen, hungernden Menschen zu helfen. Auf eine solche, eigentlich naheliegende Idee kommt in diesem perversen Wirtschaftssystem aber niemand, denn es geht - wie immer - einzig um Profit, und nicht um Menschen: "Fallende Preise" aufgrund eines Überangebots sind nach neoliberaler Lesart eine Art Pest, die es um jeden Preis zu verhindern gilt.

Die beteiligten Landwirte werden also dazu animiert, künftig dafür zu sorgen, entweder (sofern sie gemeinschaftlich arbeiteten) wieder weniger Kartoffeln zu ernten, oder aber (da sie eben miteinander "konkurrieren" müssen) den Ertrag noch weiter zu steigern, um allein durch die pure Warenmasse die "fallenden Preise" wieder ausgleichen und somit weiterhin "wirtschaftlich" agieren zu können. Durch die zweite Variante entsteht erneut ein noch weitaus größeres Überangebot, was wiederum denselben kapitalistischen Irrsinn zur Folge hat, weshalb im weiteren Verlauf immer mehr Landwirte die Segel streichen müssen und schlussendlich nur noch ein Monopolbetrieb übrig bleibt, sofern das ganze "Geschäft" nicht gleich in noch ausbeuterische Billiglohnländer "ausgesourct" wird. Welche ökologischen und qualitativen Folgen dieser perverse Prozess hat, kann sich jeder selbst ausmalen.

Der ganze Irrsinn des kapitalistischen Systems wird an diesem kleinen Beispiel offensichtlich, zumal es sich hier ja nicht um ein beliebiges "Produkt", sondern um ein Grundnahrungsmittel handelt. Anhand dieses kleinen, orwellschen WDR-Textes über die Kartoffelernte in NRW kann man sehr vieles über den Kapitalismus lernen - insbesondere illustriert er aber sehr schrill den völligen Irrsinn, dass die heutige, weitgehend kapitalistisch organisierte Nahrungsmittelproduktion problemlos bereits das doppelte der heutigen Weltbevölkerung ernähren könnte, und dennoch die Hölle auf Erden für Millionen von Menschen immer weiter anschwellen lässt: "Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. 57.000 Menschen sterben pro Tag an Hunger. Eine Milliarde Menschen sind permanent schwerst unterernährt." (Jean Ziegler)

Das alles ist nun nichts Neues - schon vor 30 Jahren war beispielsweise der "Butterberg" ein beliebtes Thema im SoWi-Unterricht an den Schulen. Damals ging es um die Überproduktion von Milchprodukten, die seinerzeit schlicht vernichtet (und ebenfalls nicht an Hungernde ausgegeben) wurden, während durch staatliche "Subventionen" die Produzenten in die Lage versetzt wurden, mit ihrer Überproduktion trotz alledem fortzufahren. Es wurde und wird also permanent ein groteskes, stetig steigendes Überangebot von qualitativ immer schlechter werdenden Lebensmitteln produziert, während zeitgleich immer mehr Menschen hungern und sterben und die überproduzierte "Ware" vernichtet wird.

Ein solches System ist so absurd, so menschenfeindlich, so irrsinnig und kafkaesk, dass mir dazu allen Ernstes nichts anderes mehr einfällt als der zynische Ruf aus der Überschrift: Willkommen in Kafkanistan! Das ist Kapitalismus.

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"Ihr braucht keine Eier mehr zu legen, man kauft sie jetzt billiger."

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 22 vom 25.08.1924)

Kommentare:

Marian hat gesagt…

Nun predige auch ich oft:
Spenden zielen oft darauf ab, die Binnenwirtschaft im Empfängerland weiter unten zu halten um diesen Staat so in einer Abhängigkeit zu halten.
Lebensmittel in arme Regionen verschenken, wird den dortigen Bauern und dem Entwickeln einer Eigenversorgung nicht helfen.
Gute Einsatzgebiete für Lebensmittel, bei der oben aufgeführte Argumente keine Rolle spielen sind m.E. Flüchtlingslager. Das wäre dochmal ein Beitrag, statt Waffen, denn durch Entlohnung durch EU und UNO werden heimische Bauern genauso gefördert wie den Flüchtlingen geholfen wird. Mal abgesehen von der Menschlichkeit^^
Die Frage aller Fragen: Wie auf so etwas Einfluss nehmen?

Charlie hat gesagt…

@ Marian: Das sehe ich etwas anders. Zum Einen ist der Hunger inzwischen nicht mehr nur auf so genannte Entwicklungsländer beschränkt, sondern tritt in steigendem Maße auch mitten im kapitalistischen Westen auf - ein Blick beispielsweise nach Griechenland reicht da schon aus.

Wie man mit Lebensmittelspenden im am weitesten "fortgeschrittenen" Kapitalismus umgeht, kann man beispielhaft an diesem Kurzbericht erkennen:

"USA: 90-Jähriger wegen Obdachlosenspeisung verhaftet / In Fort Lauderdale (Florida) wurde ein 90-jähriger Veteran verhaftet, weil er es gewagt hatte, bei einer Obdachlosenspeisung zu helfen. Ihm drohen zwei Monate Haft. / Grund: Die Stadt hatte vor Kurzem ein Gesetz erlassen, dass die Verteilung von Essen an Obdachlose in der Innenstadt verbietet. 30 weitere US-Städte planen ähnliche Gesetze."

Hintergrund ist auch hier die groteske neoliberale Behauptung, durch solche kostenlose Lebensmittel werde die "einheimische Industrie", in diesem Fall also die Supermarktketten, "geschädigt". Dass dies völliger menschenverachtender Blödsinn ist, wenn die betroffenen Menschen schlichtweg kein oder nicht genug Geld haben, um sich ausreichend mit Lebensmitteln zu versorgen, liegt auf der Hand.

Zum Anderen gibt es in Regionen, in denen akuter, oft flächendeckender Hunger wütet, offensichtlich keine Binnenlandwirtschaft, die alle Menschen adäquat mit Nahrung versorgen kann - oder aber die Menschen dort sind ebenfalls schlicht zu arm, um die Nahrung kaufen zu können. In allen genannten Fällen ist es zynisch, einmal mehr mit einem neoliberalen Kampfbegriff wie dem "Entwickeln einer Eigenversorgung" zu argumentieren.

Natürlich sind - sowohl im Westen, als auch im bettelarmen großen Rest der Welt - langfristige, nachhaltige Lösungen vonnöten. Das hat aber erst einmal nichts mit der heutigen grotesken Überproduktion im Kapitalismus und dem Umgang mit all diesen "überschüssigen" Lebensmitteln zu tun.

Und da bin ich dann auch bei Deiner Frage aller Fragen ... und Du ahnst es sicher schon: Ich habe leider keine einfache Antwort darauf.

Liebe Grüße!

jakebaby hat gesagt…

"Hintergrund ist auch hier die groteske neoliberale Behauptung, durch solche kostenlose Lebensmittel werde die "einheimische Industrie", in diesem Fall also die Supermarktketten, "geschädigt"." ... ist natuerlich, auf solch minderer Ebene, voelliger Quatsch!

Du kannst doch in einer solch exquisiten, inter/national-touristischen highsociety Downtown keinen 90jaehrigen Arsch Hungrige fuettern lassen!! Wie beschissen sieht denn das aus??
Nur mal die FIFA laesst, zB. zu ihren Worldcups, ganze Staedte von Gesindel rauemen, um Millionen von Hooligans angenehm fuehlen zu lassen.
Ein, meines Erachtens, unnuetzer Aufwand, da sich ein Grossteil der Touristen/Hooligans sicherlich auch an dieser Art Diversitaet laben wuerden/tun.

Auf dieser Ebene geht es nicht mal mehr um Profit, da Dieser anhand Armut/Hunger eh ausgeschlossen, sondern nur noch ums Stadt/etc. Bild/kleinste kollaterale Schadensbegrenzung.

Soweit bist du noch nicht.
Vor ein paar Jahren argumentierten wir/kontrovers ueber den Sinn von privat/menschlichen/nonProfit Institutions, anhand meines Beispiels der rund 8000 Familien in meinem County, welche ausserhalb der Government-Foodstamps, reinprivatspenderischvoluntaer verpflegt werden. ....

Solltest du diesen Link/Beitrag auf NS finden/oder auch nicht, gebe ich gerne weitere subjektive Tiefblicke, in was Du, so sueffisant/oberflaechlich nur Kapitalismus/Neoliberalismus nennst.

"Eat Shit and Purchase" sagte ein anderer Spock und in Bezug auf die bisherige Menscheitsgeschichte liegt er wohl wesentlich realer. "... und Du ahnst es sicher schon: (auch)Ich habe leider keine ((einfache)) Antwort darauf."

..

jakebaby hat gesagt…

Zuzueglich, inklusive dieses Beitrags/Kommentare http://narrenschiffsbruecke.blogspot.com/2014/11/staatlich-verordnete-verdummung-ein.html?showComment=1415182395432#c3810685215912776529
binde ich diesen Beitrag http://tammox2.blogspot.com/2014/11/ungesund.html ein.

U.A. geht es da um das „gesunde Volksempfinden“, welches sich, unabhaengig von 'Bildung, immer und immer wieder fuer Uebelstes indoktrinieren laesst, selbst wenn man es noch so ausgiebig besser wissen MUSS/TUT.
Natuerlich beruecksichtige ich den brachialen Einfluss/Monopol aus Wirtschaft/Industrie/Politik/Religion/Medien-Propaganda ... aber auch genau das weis doch u.A. selbst die duemmste Haemorrhoide, durch die staendige Scheisse, welche ihr die Baeckchen roetet. Mensch offensichtlich nicht!

Auch wenns gerade noch so Uebel war, geht das allumfassende Jauchesaufen&speien nahezu nahtlos weiter und Mensch praktiziert weiterhin heute jeglichste Grauslichkeit, welche er gestern noch zutiefst verabscheute.

'Bildung macht diesbezueglich keinen wesentlichen Unterschied und ein positiv gesunder, 'moralisch'ethischer Menschen'lol'verstand steht ebenso, expandierenderweise-nicht zur Verfuegung.

Resultat: Volle Fahrt voraus - und Kurs aufs Riff! ....