Mittwoch, 10. Juni 2015

Die dressierte Bevölkerung: Über "Selbstoptimierung" und pseudo-freiwillige Überwachung


Ein Gastbeitrag von Altautonomer.

Zum ersten Mal hörte ich von den Fitnessarmbändern, auch "Wearables" oder "Lifetracker" genannt, vor ca. einem halben Jahr. Ein Sportmediziner meinte damals, dass diese Dinger in den USA bereits wie frische Semmel ihren Massenabsatz gefunden hätten und dieser Trend in den nächsten Monaten auch nach Deutschland schwappen werde. Diese Information habe ich seinerzeit noch mit einer Handbewegung abgetan, weil ich dachte, das sei sowieso nur etwas für ambitionierte Freizeit- oder Hobbyleistungssportler und Triathleten.

Der Preis von rund 60 Euro ist für diejenigen, die ohne Smartphone heute nicht mehr leben können und mit ihrem Hüftgold nicht mehr leben wollen, durchaus akzeptabel. Das bekannteste Produkt darunter ist die "AppleWatch". Allein im ersten Halbjahr 2014 soll dieser Markt um 684 Prozent gewachsen sein.

Nun lese ich in der letzten Ausgabe des Magazins meiner gesetzlichen Krankenversicherung auf drei Seiten einen Jubelartikel (also schlichte Reklame) über derartige Armbänder. Mit der Teilnahme an einem Gewinnspiel kann man sogar eine "AppleWatch" erwerben. Dazu betätigt sich dort ein prominenter Professor einer renommierten Sporthochschule als wohlfeiles PR-Mietmaul und empfiehlt den Tracker für Anfänger.

Diese kleinen Geräte sind mit einer Menge winziger Chips und Sensoren ausgestattet, die neben der Pulsfrequenz (es gibt inzwischen einige Hersteller, deren Geräte dies auch ohne Brustgurt ermitteln können - der Puls wird direkt am Handgelenk durch optoelektrische Sensoren gemessen) und der Körpertemperatur auch das Schlafverhalten (Summton bei ausreichender Dauer), die täglich zu Fuß zurückgelegte Strecke einschließlich Schrittzähler, den Kalorienverbrauch und den Sauerstoffgehalt des Blutes messen und speichern. Der Nutzer wird bei entsprechender Aktivierung dieser Funktion aufgefordert, täglich einen bestimmten Umfang an körperlichen Aktivitäten zu absolvieren und bei Verspätungen oder Nichterreichen der gesteckten Ziele durch ein akustisches Signal - bis hin zu einem leichten Elektroschock - daran erinnert. Viele dieser Geräte sind mit einer GPS-Funktion ausgestattet, die Geschwindigkeiten und Streckenverläufe aufzeichnet: Sozusagen der Personaltrainer am Handgelenk. Die gesammelten Daten sendet das Gerät via Bluetooth an ein Smartphone und eine spezielle App wertet die Informationen aus. Google hat dafür sogar ein eigenes Betriebssystem entwickelt, das sogenannte "Android Wear".

Dabei liegt es auf der Hand, dass derart sensible Daten die Gier anderer Institutionen und Datenverwerter wecken. Der Romanautor Marc Elsberg hat in seinem 2014 erschienenen Thriller "ZERO" ("Sie wissen, wer du bist, wo du bist und was du als nächstes tun wirst") die Gefahren der freiwilligen Preisgabe von sehr persönlichen Daten zum Zwecke der Selbstoptimierung durch professionelle Vermarktungsunternehmen zum Gegenstand seiner Erzählung gemacht. Es sind nicht nur facebook, Twitter, NSA und BND, die einerseits auf freiwilliger Basis, andererseits heimlich unsere Daten absaugen und verwerten. Es sind auch die User selbst, die entweder ahnungslos, naiv oder egozentrisch und leistungsorientiert auch diesen "trendigen" Unsinn mitmachen. Nur am Rande sei erwähnt, dass die IT-Experten von Kaspersky-Lab davor warnen, dass die Geräte zudem leicht zu hacken seien.

Mit der elektronischen Gesundheitskarte wurden alle Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen zwangsweise zu gläsernen Patienten. Nun steht ein "Trend" auf der Matte, der viele Menschen nach dem alten, unsäglich dummen Motto "Ich habe doch nichts zu verbergen" dazu verleiten soll, freiwillig weitere intime Daten an Fremde weiterzugeben. In den USA haben einige Krankenkassen längst ein "Bonusprogramm" für Mitglieder entworfen, die sich dieser permanenten Überwachung freiwillig unterwerfen.

Die Barmer GEK und die AOK Nord sind mit mobilen Apps auf der Jagd nach den Fitness-Daten ihrer Mitglieder. Die Analyse der Fitness-Tracker spart diesen Konzernen langfristig Geld: Je mehr Versicherte ihre Daten preisgeben, desto präziser wird die Risikoanalyse der Krankenkassen. Auch die Schwenninger Krankenkasse ist an den Gesundheitsdaten ihrer Mitglieder sehr interessiert. Während die AOK Nordost einen "health score" ermittelt und keine Belohnungen anbietet, ist die "FIT2GO"-App der Barmer GEK mit dem eigenen Bonusprogramm verknüpft.

Für Arbeitgeber wäre es sicher interessant, ein Mitarbeiterranking nach Fitness-Status in Kombination mit der Krankenstatistik zu führen - selbstverständlich alles ganz freiheitlich-demokratisch nur auf der Basis der Freiwilligkeit. Niemand wird dazu gezwungen. Aber diejenigen, die sich womöglich weigern mitzumachen, machen sich doch sehr verdächtig ... der Begriff der "Freiwilligkeit" wird hier ganz bewusst ad absurdum geführt.

Die bisherige Krönung in der Produktpalette ist der "SexFit", der Fitnessmesser für den Schniepel:

"SexFit" wird mit einer kostenlosen Smartphone-App synchronisiert und bietet Informationen über den Kalorienverbrauch beim Knattern und die Stöße pro Minute. So wie andere Fitness-Gadgets erlaubt es auch "SexFit", die Daten in den sozialen Medien mit der ganzen Welt zu teilen. Im Extremfall könnte der Chef am nächsten Morgen auf seinem PC-Bildschirm sehen, wer am Vorabend nach der Betriebsfeier mit wem noch geschnackselt - oder es zumindest versucht - hat.

Kommentare:

Charlie hat gesagt…

Für mich, der ich konsequenter Handy- und "Smartphone"-Verweigerer bin, klingt das wie der Bericht von einem fremden Stern. Wer benutzt solche "Fitnessarmbänder" - und wieso? Und welche abstrusen Gedankengänge bringen einen angeblich mündigen Menschen dazu, sich "freiwillig" einer solchen irrsinnigen Totalkontrolle zu unterwerfen?

epikur hat gesagt…

Es ist heute so wie es Aldous Huxley in seinem Vowort zur "Schönen Neuen Welt" vor über 50 Jahren bereits geschrieben hat:

»Ein wirklich leistungsfähiger totalitärer Staat wäre ein Staat, in dem die allmächtige Exekutive politischer Machthaber und ihre Armee von Managern eine Bevölkerung von Zwangsarbeitern beherrscht, die zu gar nichts gezwungen zu werden brauchen, weil sie ihre Sklaverei lieben.«

Die Leute lieben es, Knechte zu sein.

Eike Brünig hat gesagt…

Die Moroni benutzen Sie alle. Man kann das auch gut bei Dave Eggers (the circel) nachlesen, wenn man einen aktuellen Bezug wünscht. Aber wer seinen Peilsender zum teuren Statussymbol erhebt, von dem kann man auch nichts anderes erwarten. Prozyklische Verhaltensweisen helfen bei der Entwicklung nicht weiter. Die Technologie wird übrigens auch in modernen Fahrzeugen eingesetzt und auch schon bei der Haushaltstechnik. Das ist für die Leute sogar ein noch größere Anreiz, das zu erwerben.

Charlie hat gesagt…

@ epikur: Huxley war vor einigen Jahrzehnten noch Schullektüre im Englischunterricht. Ob das wohl heute noch immer der Fall ist? Eher nicht, fürchte ich.

Ich glaube (oder hoffe) allerdings, dass viele Menschen ihr Dasein als Knechte so gar nicht mehr liebten, wenn ihnen endlich einmal ein Licht aufginge.

Liebe Grüße!

Charlie hat gesagt…

@ Eike: Vor einiger Zeit habe ich hier schon einmal über die furchtbaren Pläne bezüglich des GPS-Tracking-Systems in Autos sowie die flächendeckende Maut-Überwachung berichtet. Ich bin sicher, dass die Bande seitdem munter weiter an diesen Plänen gestrickt hat und dieses wunderbare Überwachungsinstrument in absehbarer Zeit zur "verpflichtenden" Grundausstattung jedes Neuwagens gehören wird. Der verdummten Bevölkerung verkaufen sie das mit dem infantilen Argument, "schnellere Hilfe bei Unfällen" leisten zu wollen.

2009 gab es noch vereinzelt warnende Stimmen in der Presse.

Eike Brünig hat gesagt…

Vielen Dank, Charlie! Den Artikel hatte ich wohl schon wieder vergessen. :( Aber klar, die Technik wir natürlich nur zum Wohle der Bevölkerung eingesetzt. ;)

Anonym hat gesagt…

Passiver Widerstand, ein paar Gedanken dazu.
Die Grundnahrungsmittel in der Umgebung kaufen, achtet auf “Faire Trade”, wie zum Beispiel bei der Teekampagne, in Berlin.
Kauft keine neuen Autos mehr, denn die alten sind meist viel billiger.
Das ist mein Spezialgebiet, ihr könnt mir glauben, dass die neuen Autos
allesamt eine Hightech-Wegwerf-Ware darstellen.
Glaubt nicht an den Quatsch von Abgasnormen, niedrigeren Co2 Ausstoß.
Das ist wie mit der Feinstaubplakette und vielen Anderem auch, eine absolute Verarschung.
Breitbandbildschirme, Handys, PC´s auch mal ein paar Jahre länger benutzen, viele technische Geräte braucht sowieso kein Mensch.
Erteilt dem Konsum eine klare Absage, kauft keine “Apple” Produkte mehr
und kauft nicht bei Amazon, keine Markenklamotten, tankt
kein E10 und spendet nicht an den WWF!!!(Der Pakt mit dem Panda anschauen).
Reden, Diskutieren, Stellung beziehen….informiert euch….Und sucht nicht mehr mit “GOOGLE” sondern z.B. mit “IXQUICK” und stellt euer Betriebssystem endlich auf “LINUX” um.
Kein Facebook, kein Twitter, denn es ist der Pakt mit dem Teufel.
Organisiert euch in Foren die nicht eure Daten Sammeln!
Keine Aktien und Börsenspekulationen, nehmt nicht vorschnell Kredite auf, am besten ihr verzichtet ganz darauf.
Vergesst nicht, dass unser gesamtes System auf Kredite und unbegrenztes Wachstum aufgebaut ist.
Treibt wieder Tauschhandel wenn irgend möglich.
Das gleiche gilt für die Kreditkartenbenutzung und auch keine Smartphones, benutzt wieder Bargeld, das ist nicht zurück zu verfolgen.

Schaut mal nach, ob ihr wirklich all Eure Versicherungen überhaupt braucht, die ihr Euch in all den Jahren angeschafft habt.
Wenn die Menschen nur noch das kaufen würden, was sie wirklich
benötigen, wird sich dieses System ganz schnell als ad acta bestätigen.

Fazit: (Nach Robert Kurz) Die einzige Handlungsalternative sei „eine Kultur der
Verweigerung“. Dies bedeute, „jede Mitverantwortung für ‚Marktwirtschaft
und Demokratie‘ zu verweigern, nur noch ‚Dienst nach Vorschrift‘ zu
machen und den kapitalistischen Betrieb zu sabotieren, wo immer das
möglich ist“.
Ach, und holt euer Geld von der Bank, falls ihr noch Welches habt…