Montag, 27. Mai 2013

Die Antiquiertheit der Demokratie


Haben Sie schon diese neusten Wirtschaftsfakten verinnerlicht? Laut Michael Spence, dem Wirtschafts-Nobelpreisträger von 2001, soll ein "wohlwollend autoritäres System" die optimalen Voraussetzungen für langfristiges Wirtschaftswachstum bieten, da Demokratien innerhalb eines "zu kurzen Zeithorizonts" agieren. Solche vordergründig ketzerischen Ideen können inzwischen tatsächlich Ökonomen, die Hohepriester des Kapitalkultes, am ehesten öffentlich artikulieren, ohne breiten Widerspruch zu ernten.

Doch auch der kanadische Philosoph Daniel A. Bell sieht inzwischen in der repräsentativen Demokratie westlicher Prägung nicht mehr den besten "Weg, um ein politisches System zu organisieren". Stattdessen solle eine strikte Auslese der Führungselite nach "intellektuellen Fähigkeiten und moralischen Standards" stattfinden. Innerhalb einer solchen Meritokratie könnte auch eine neue Stimmgewichtung etabliert werden, erläuterte der in Peking lehrende Philosoph: "Denkbar wären mehr Stimmen für Menschen mit besserer Erziehung." Überdies seien Wahlen nur auf lokaler Ebene sinnvoll, wo "falsche Entscheidungen nicht so sehr ins Gewicht" fielen.

(Weiterlesen)

Anmerkung: Ein weiterer Glanzpunkt im journalistischen Schaffen von Tomasz Konicz, den Ihr euch nicht entgehen lassen solltet - auch wenn der Inhalt einmal mehr als Brechmittel und drohendes Schreckensszenario der nahen Zukunft dient: Es macht mich nahezu sprachlos, mit welcher Schamlosigkeit und Vehemenz das faschistische Denken, das in "elitären Kreisen" sicher immer tief verankert war, nun auch wieder laut und unverblümt in die Welt geplärrt wird - nur allzu lächerlich getarnt als pseudowissenschaftlicher "Diskurs".

Solch üble Gedanken erscheinen gerade auch vor dem Hintergrund doppelt grotesk, dass die bestehenden "Demokratien westlicher Prägung" ja längst nur noch bröckelnde Ruinen sind, in welche die Merkel'sche "marktkonforme Demokratie", die gegen die Interessen der Menschen und für die Interessen der Superreichen arbeitet, Einzug gehalten hat. Wieso reicht diesen habgierigen Menschenfeinden das noch nicht? Sie haben ihr absurdes Demokratietheater mit den austauschbaren Marionetten und Blockflöten verschiedener Farbe, ihr Zerstörungswerk ist in vollem und aus ihrer Sicht erfolgreichem Gange - was sollen nun die öffentlichen Bekundungen zur "Führungselite", zur "Auslese", zu einem sprachlich-gedanklichen Irrsinn wie dem "wohlwollend autoritären System" und derlei faschistischer Unrat mehr noch zusätzlich bewirken?

Hat die Bande eine so übergroße Angst vor Revolutionen? Gehen ihre perfiden Pläne zur Ausbeutung und Verelendung der Menschen noch viel weiter als wir uns das vielleicht vorstellen mögen? Einen kleinen Vorgeschmack auf ein solches "wohlwollend autoritäres System" haben zumindest all diejenigen schon einmal bekommen, die direkt oder indirekt mit dem Hartz-Terror zu kämpfen hatten. Wenn mitten im Klassenkampf und einer massiv vorangetriebenen Zwangsverarmung der Menschen die sich selbst als "Elite" begreifende Mini-Gruppe der Superreichen die Demokratie zur "Antiquität" und den Faschismus in pseudowissenschaftlichem Neusprech zum "neuen, modernen Weg" erklären lässt, sollte uns allen angst und bange werden.

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Arm aber ehrlich!


"Keen Mann, keen Zaster, keene Bleibe - nu kann ick mir meine sojenannte Tugend uffs Brot schmier'n, wo ick nich habe."

(Zeichnung von Marcel Frischmann [1900-1952], in "Simplicissimus", Heft 46 vom 14.02.1927)

Kommentare:

jakebaby hat gesagt…

"Es macht mich nahezu sprachlos, mit welcher Schamlosigkeit und Vehemenz das faschistische Denken, das in "elitären Kreisen" sicher immer tief verankert war, nun auch wieder laut und unverblümt in die Welt geplärrt wird - nur allzu lächerlich getarnt als pseudowissenschaftlicher "Diskurs"."

Das sollte dich nicht sprachlos machen. Du siehst es doch staendig & stetig kommen!


"Solch üble Gedanken erscheinen gerade auch vor dem Hintergrund doppelt grotesk, dass die bestehenden "Demokratien westlicher Prägung" ja längst nur noch bröckelnde Ruinen sind, in welche die Merkel'sche "marktkonforme Demokratie", die gegen die Interessen der Menschen und für die Interessen der Superreichen arbeitet, Einzug gehalten hat. Wieso reicht diesen habgierigen Menschenfeinden das noch nicht?"

Die einfachste Antwort darauf waere: "Because"
.. oder auch "Schlimmer geht Immer" .. "Was geht geht" ...
Faschismus zeichnet sich wohl kaum durch Genuegsamkeit aus.
Die Vorbereitung ist immer die provozierte Gleiche: zunehmende Entrechtung/Kontrolle/Ueberwachung/etc., Verarmung/a'soziale Unruhe, Aufhetzung gegen diverse Minoritaeten/inter/nationaler Fremdenhass, ausweitende geostrategische/wirtschafts Kriege, Religionen mit im Mix, ... etc. blabla ....
Soviele gezielt individuelle Angstzustaende, dass kaum mehr einer vor lauter Bauemen diesen braunen Wald sieht.


"Gehen ihre perfiden Pläne zur Ausbeutung und Verelendung der Menschen noch viel weiter als wir uns das vielleicht vorstellen mögen?"
Noch so eine Frage die du dir sparen koenntest, da du die Antwort eh kennst!

"..., sollte uns allen angst und bange werden."
Ja, zunehmend!!

Nur eines Dutzender Beispiele, was denn wohl heute Wichtig ist: http://www.zeit.de/politik/ausland/2013-05/frankreich-demo-homo-ehe?commentstart=17#comments

http://www.focus.de/finanzen/news/unternehmen/paris-wien-berlin-muenchen-tausende-protestieren-gegen-monsanto-und-gentechnik_aid_999033.html

Paris zeitgleich: 100tausende gegen Rechte fuer Homosexuelle vs Ein paar 100 gegen Monsanto

Die Maschiene laueft einwandfrei!
"Volle Fahrt voraus - und Kurs aufs Riff!"

Gruss
Jake

Misanthrop hat gesagt…

Ich finde den Grundgedanken, der dahinter steht, gar nicht mal so schlecht. Halte ihn aber für weltfremd.

Es macht doch durchaus Sinn, Leute mit Fachverstand für verschiedene Fachbereiche einzusetzen. Nicht anders läuft es ja (idealisierter Weise) in der Wirtschaft. Man setzt ja keinen Klempner in die Steuerungszentrale des Atomkraftwerkes.
Die Frage ist halt, wie ernst man es mit den moralischen Voraussetzungen des Kandidaten hält. Und wer festlegt, was überhaupt moralisch ist.
Nehmen wir aber an, es gäbe einen gesellschaftlichen Konsens über die Moral, wie lange würde es dauern, bis diese von Machtinteressen und Egoismus korrumpiert wäre?
Schätzungsweise nicht allzu lange.

Abgesehen davon, selbst in unserer aktuellen Demokratie, ist die Mehrzahl der Menschen doch nicht einmal annähernd bereit, sich mit den Prinzipien der Demokratie auseinander zu setzen.

Der polemischste Redner wird doch vom Otto-Normalbürger häufig glaubwürdiger erachtet, als der, der die stichhaltigen Argumente bringt. Selbst wenn die Interessen der gewählten Partei, den eigenen letztlich sogar entgegenlaufen. Dazu müsste man ja bereits tiefer in die Materie eindringen, als sich das Wahlkampfuell in der ARD und die Wahlprogonosen der BILD eignen.
Und wer hat darauf im täglichen Arbeitskampf noch Lust?

jakebaby hat gesagt…

"Und wer hat darauf im täglichen Arbeitskampf noch Lust?"

Das ist ein immer wieder schwer unterschaetzter Aspekt. Auch alles andere wurde zum Kampf umfunktioniert bishin zum Ueberleben. Kampf gegen Alles & Jeden aus Angst vor Allem & Jedem.

Wie gesagt, "Die Maschine laueft einwandfrei!"

Gruss
Jake

Anabelle hat gesagt…

@Misanthrop

Ich halte den Grundgedanken für ebenso schlecht wie weltfremd, wobei du letzteres ja schon in Ansätzen erklärst. Wie um alles in der Welt kann man denn ein solches Elitedenken als halbwegs aufgeklärter geschichtsbewusster Mensch auch nur im Ansatz für gut befinden??? Damit verfestigt man doch die Klassengesellschaft nur dauerhaft, anstatt sie abzuschaffen.

An einem solchen Elitedenken ist nichts aber auch gar nichts gut, es ist nichts weiter als Faschismus, da gebe ich dem Charlie völlig Recht!! KEIN Mensch ist besser oder "höherwertiger" als ein anderer!!! Wenn man einmal anfängt mit so einem gefährlichen Stumpfsinn ist man ganz schnell wieder bei Auschwitz, wo nicht zuletzt auch Ärzte, Professoren, Wissenschaftler uva. gut gebildete, hochintelligente Menschen von dumpfen Trotteln zu "Untermenschen" deklariert und gefoltert und ermordet wurden.

Die Abschaffung dieses ekelhaften Elitedenkens ist das was die Menschheit braucht! Also das genaue Gegenteil.

Dein Kommentar zeigt mir dass Bildung in Deutschland offensichtlich immer öfter Verdummung bedeutet. Ich häng meinen Job (ich bin Lehrerin) bald an den Nagel, wenn das in dem Ausmaß weitergeht.

pantoufle hat gesagt…

Moin Charlie (Part 1)
Es liegt mir wirkliche fern, die selbsternannten Propheten des Neoliberalismus zu verteidigen. Allein: Ich habe ein wirkliches Problem damit, wenn Spiegel und Telepolis gemeinsam in das Horn der heeren und alternativlosen Demokratieliebe tuten.
Man macht es sich aber zu einfach, Daniel A. Bell pauschal als demokratiefeindlichen Demagogen abzutun. (Nur am Rande: Ob er seine Meinung auf einem von George Soros gesponsorten Kongress äußert, ist dabei vollkommen gleichgültig – man sollte nicht das Medium mit der Botschaft verwechseln. )
Bells Aussagen sind in gewisser Hinsicht nur konsequent. Aus welchen Gründen erwartet man eigentlich, daß der in China lebende Bell ein Hohelied auf die westlichen Demokratien singen sollte? Tomasz Konicz schreibt auf Telepolis:
»Wenn nun die kriselnde und amoklaufende "Wirtschaft" zu einem unveränderbaren Naturphänomen halluziniert wird, dann sind die postdemokratischen Thesen und Bemerkungen von Bell und Spencer tatsächlich nur folgerichtig«
Der Punkt ist »unveränderbares Naturphänomen«. Das »Naturphänomen« deckt sich mit den Erkenntnissen des Marxismus, das Adjektiv »unveränderbar« ist wenigstens einer Diskussion würdig: man könnte es auch als »äußerst zähe« nennen. Die Kritiker von Bells Thesen (und ich beziehe mich hier ausdrücklich nur auf Bell) müssen sich die Frage gefallen lassen, von welchem gesellschaftlichen Standpunkt sie eigentlich argumentieren. Von dem eines Demokraten in einer lebendigen Demokratie? Das würde ein gebildeter Asiate, Afrikaner oder Südamerikaner sicherlich nicht erkennen. Und selbst, wenn der Kritiker sich mit Fug und Recht als Demokrat bezeichnen Könnte: Wie sieht die Wahrnehmung aus der Distanz aus? Deutschland? Der Waffenexporteur und Sargnagel der europäischen Idee? Angesichts der Wirklichkeit sind die Argumente der westlichen Demokraten aus der Distanz äußerst fadenscheinig. Demokratie als Exportartikel hat im Moment einen denkbar niedrigen Marktwert.

pantoufle hat gesagt…

(Part2)
Da darf man sich nicht wundern, wenn aus Ländern wie China andere Überlegungen kommen. Es ist eben auch ein Teil der westlichen Arroganz, in dem Augenblick laut aufzuheulen, wenn sich die Ideen nicht mit denen eines abendländischen Demokratieverständnis decken – das hierzulande auch nur noch eine dünne Decke über einer neoliberalen Wirklichkeit ist. Demokratie hat keinen Wert, wenn man sie nur postuliert: Sie taugt nur dann als Vorbild, wenn sie gelebt wird. Das stellt Konicz ja auch selber in seinem Text fest.
»Dieses offensichtlich unlogische Herangehen, bei dem eine Wirtschaftskrise ohne Transformation der Wirtschaftsstruktur überwunden werden soll, resultiert aus der ideologischen Naturalisierung des Kapitalismus. Das Kapital und die "freien Märkte" stehen selbst in der gegenwärtigen Systemkrise niemals zur Diskussion oder Disposition, weil sie in der herrschenden Ideologie den Charakter von natürlichen Gesetzmäßigkeiten annehmen, die aus unabänderlichen Wesenseigenschafen des Menschen oder der Natur entspringen«
Argumente, die dieser Unabänderbarkeit widersprechen, liefert Konicz nicht. Er ereifert sich lediglich darüber, daß sie jemand feststellt. Und um es ganz klar festzustellen: Bell spricht gar nicht über die Rolle des Kapitalismus in der westlichen Welt: Sein Anliegen ist das politische Herrschaftssystem in China unter Berücksichtigung des Konfuzianismus. Seine Erkenntnisse darüber hält er ausdrücklich nicht für exportierbar, schon gar nicht als Modell für Afrika oder auch nur andere asiatische Länder. Was Bell aus naheliegenden Gründen aber auch nicht macht, ist das permanente Anprangern der Menschenrechtssituation in China. Er zeigt Wege der Verbesserung auf, basierend auf dem Status Quo der chinesischen Gesellschaft. Eine Kritik daran nach dem Strickmuster »oh Gott – stell dir das nur in Deutschland vor« ist mehr als schwachbrüstig. Wenn er sich gegen sogenannte »freie Wahlen« ausspricht, so ist das unter diesem Gesichtspunkt zu verstehen – seine Kritik an der Wirklichkeit des westlichen Parlamentarismus, der Parteikarrieren engstirniger Bonzen, bei denen nicht Qualität, sondern Sitzfleisch eine maßgebliche Rolle spielen, ist mindestens amüsant. Vom tiefen Wahrheitsgehalt einmal ganz zu schweigen.
Von dem neoliberalen Anliegen dieser Veranstaltung, auf die sich der Artikel Konicz bezieht, einmal abgesehen: Ich halte es für verhängnisvoll, permanent aus der Perspektive eines offensichtlich gescheiterten Weltbildes gegen die Überlegungen aus anderen Teilen der Welt zu wettern. Es wird nicht zugehört. Auch eine üble Tradition des Abendlandes.

Gruß
das Pantoufle

dani hat gesagt…

@ anabelle

da kommt mir platon und "sein staat" in den sinn. elitegedanken pur.

und bitte weiterhin lehrerin bleiben! die kinder brauchen dringend solche menschen mit herz, hirn und verstand!!!

herzlichst
dani

Charlie hat gesagt…

@ pantoufle: Vielen Dank für Deine ausführliche Wortmeldung, die ich aber leider inhaltlich überhaupt nicht nachvollziehen kann.

Ich versuche mich kurz zu fassen: Hast Du tatsächlich denselben Text gelesen wie ich? An welcher Stelle behauptet Konicz, das "westliche Demokratiemodell" sei vorbildlich oder in irgendeiner Form erstrebenswert? Sein Text besteht doch zum größten Teil aus einer radikalen Demontage eben dieses Systems, wie es radikaler kaum sein könnte. Die Kritik an Bell, Spencer & Co. stellt doch nur den Aufhänger dar, anhand dessen er detailliert klarstellt, dass das, was wir hier in Deutschland und im großen Rest der "westlichen Welt" haben, längst eine kapitalistische Diktatur und keine "freiheitliche Demokratie" mehr ist. Damit stellt er sich diametral gegen die Propagandisten vom "Spiegel", die das selbstverständlich nicht so sehen (dürfen). Gerade zum "Spiegel" äußert der Autor sich auch unmissverständlich:

Wir dürfen auf die "pfiffige" Transformation dieser pseudodemokratischen Futtertroglogik gespannt sein, wenn auch die Bundesrepublik in den Krisenstrudel gerissen wird und die "Korrelation" zwischen Wohlstand und Freiheit nicht mehr gegeben ist. Wird dann der Online-Ableger des einstmaligen "Sturmgeschützes der Demokratie" dazu übergehen, deren ohnehin kümmerliche Überreste zusammenzuschießen?

Das sind letzten Endes aber alles keine Neuigkeiten für mich - und auch für Konicz nicht, was Du eigentlich wissen könntest, wenn Du seinen Blog verfolgst. Dass er in diesem ohnehin schon ausführlichen Text nicht auch noch alle möglichen Alternativen zu dem vorherrschenden Katastrophenkurs untergebracht hat, versteht sich angesichts des Themas eigentlich von selbst.

Ich jedenfalls habe den Fokus auf die braunen "Elite"-Fantasien jener "Wissenschaftler" gelegt, weil ich die eben in dieser ohnehin stinkenden, verdorbenen Gemengenlage ganz besonders widerwärtig und gefährlich finde - und ich kann in Deiner Argumentation auch nichts finden, das diese dystopischen Alptraumvisionen dieser Herren irgendwie "verständlicher" oder erträglicher machte.

Selbstverständlich ist unser System eine Jauchegrube. Das, was da "angedacht" wird, ist dann aber eine gleich doppelt so schreckliche Jauchegrube, die die bestehenden Jauche-Verhältnisse nicht verbessern, sondern zementieren will.

Ich kann mir diese Kritik - wenn ich ehrlich bin - nicht erklären. Siehst Du denn den hässlichen Faschismus in diesem elendigen "Elite"-Geschwätz nicht?

Liebe Grüße!

Charlie hat gesagt…

@ Misanthrop: Anabelle hat eigentlich schon alles gesagt, aber ich würde dennoch gerne wissen, welchen Grundgedanken Du in diesem Zusammenhang für gut befindest - es wäre freundlich, wenn Du das noch einmal kurz zusammenfassen könntest.

Vielen Dank und liebe Grüße!

Charlie hat gesagt…

@ Jake: Die Proteste gegen die "Homo-Ehe" in Frankreich machen erst recht sprachlos - allerdings stimmt es einmal mehr nicht, was uns die Medien verkaufen wollen, denn die Proteste gegen den Monsanto-Wahnsinn sind weitaus umfangreicher, auch wenn die Propaganda das totschweigt:

"2 Million People in 52 Countries March Against Monsanto" (via damax)

Die Maschine läuft also nicht ganz so einwandfrei, wie die Propaganda uns das glauben machen will. Ändern wird das aber natürlich nichts, da sind wir uns wohl einig. Diese kapitalistische Seuche hat den Planeten fest und zumindest im Westen unangreifbar im Griff.

Liebe Grüße!

pantoufle hat gesagt…

@Charlie (Part1)
Moin erst mal. Der selbe Text war es wohl – gelesen habe ich ihn allerdings wohl unter anderen Prämissen.
Erst einmal: Die Gleichstellung von Konicz und Spiegel ist natürlich Blödsinn von mir gewesen – Oberflächlichkeit, wenn Du so willst. Das Konicz keine umfassenden Alternativen anbietet: Ja, verständlich, aber gerade was Bell betrifft, so hätte man darauf näher eingehen können – gleich in welche Richtung.
Was mir beim Schreiben die ganze Zeit im Hinterkopf herumschwirrte, war die allgemeine Diskussion über D. Bell, die ja schon etwas länger andauert als der Text, um den es geht. Dabei geht es eben nicht nur um Bell, sondern die Ablehnung der herrschenden Eliten, andere Denksysteme als die eigenen grundsätzlich zu verdammen – besonders niedlich, wenn dabei noch das Wort »Demokratie« fällt. Was mich konkret an Konicz Text gestört hatte, war »Neben dem berühmten Spence ist auch Bell kein Außenseiter, sondern tief im publizistischen Mainstream verwurzelt. Seine postdemokratischen Thesen, die er bei der Financial Times, dem Guardian oder der Huffington Post verbreiten kann, hätten ihm den Status eines "Popstars" verliehen, so Spiegel Online.[...] Deswegen sind nun "Vordenker" wie Daniel A. Bell so populär, die diese kapitalistische Pseudodemokratie gegen eine autoritäre Krisenversion kapitalistischer Herrschaft austauschen möchten, die in Gestalt der frühneuzeitlichen Despotien schon bei der bluttriefenden Geburt des Kapitalismus Pate stand. « Dieser Meinung kann ich mich nicht vorbehaltlos anschließen. Die Verurteilung ist mir zu pauschal; von daher meine Kritik an Konicz.
Wir sind uns völlig darüber einig, daß sich in jedem Gedanken an eine »Elite« ein zutiefst faschistoider Hintergrund verbergen kann. Eine Elite übrigens, ohne die es keine Revolution unter Lenin gegeben hätte, keine Befreiung Cubas, keine französische Revolution – es wird (hoffentlich) immer eine Avantgarde geben neben der Garde. Daß es auch ein Mussolini sein kann ist ein Risiko, ohne das es keinen Fortschritt geben kann. Der Mensch hat die Wahl – nimmt man sie ihm, ist daß das Ende des Menschseins. (wieder ein Aufhänger für Missverständnisse, aber man kann das Böse nicht abschaffen, weil es dann kein »Gut« mehr gäbe)

pantoufle hat gesagt…

Part2 (ich mag den Text jetzt nicht kürzen)
Was nun die reaktionären Meinungen und Äußerungen dieser »Herren Wissenschaftler« betrifft: Sie sind mir ehrlich gesagt recht gleichgültig. Die herrschenden Klassen haben sich immer schröcklich gelahrte Schoßhunde gehalten, die primitive Machtverhältnisse argumentenreich untermauerten. Ich wollte den D. Bell etwas aus der Schußlinie ziehen – er gehört meiner Meinung nicht in diesen Kontext.
Es liegt mir fern, mich für den meinen Text zu entschuldigen – er hat an irgend einer Stelle eine Eigendynamik bekommen, die ihn von Deinem Artikel mehr und mehr entfernt hat. Es ging mir um... wenn ich das wüsste! In letzter Zeit beschäftigen mich viel mit anderen Denkmodellen – der Konfuzianismus ist eines davon. Dort haben Machtstrukturen einen anderen Stellenwert, eine andere Bedeutung. Bell versucht in diesem Zusammenhang einen Brückenschlag, der unendlich schwer ist. Es gibt nicht nur ein abendländisches Paradigma der Physik, sondern auch des Denkens. Es fällt mir schwer, darüber einen Gedanken zu formulieren, weil ich noch so wenig weiß. Es ist lediglich das Gefühl, daß dort eine der Antworten liegt, nach denen ich suche. Vielleicht liege ich bei Bell auch vollkommen falsch – als junger Mensch habe ich u.A. Oswald Spengler gelesen, wenn auch missverstanden; der nächste Fehler war dann Nietsche: C'est la vie.

Den von Dir zitierten Albtraum, den ich in dieser Form durchaus unterschreibe, kann ich Dir nicht verständlicher machen – geschweige denn erklären - , als er in seiner Erscheinungsform daherkommt. Er ist widerlich, bleibt es auch und verlangt keine Erklärung, weil sein Zweck den Inhalt bestimmt. Zweckphilosophie ist keine.
Jetzt bekomme ich langsam ein schlechtes Gewissen wegen dem Posting. Ich wollte doch gar nicht... vielleicht hätte ich besser über Zen-Buddhismus schreiben sollen...
Ach:
Liebe Grüße
das Pantoufle

Charlie hat gesagt…

@ pantoufle: Bitte kein "schlechtes Gewissen" - wenn sich Deine Kritik vornehmlich auf die Nennung von Bells Namen im Text konzentriert, muss ich ohnehin passen, da ich mich mit diesem Menschen und seinen Theorien bisher nicht weiter beschäftigt habe - mein Wissen ist da auf die kleinen Ausschnitte beschränkt, die mir bisher in einigen wenigen Texten begegnet sind. Die waren allesamt eher furchtbar und haben mich nicht dazu eingeladen, mich näher mit diesem Mann zu beschäftigen.

Das kann durchaus ein Fehler sein - es gibt ja mehr als genug Beispiele für solche Begebenheiten. Beurteilen kann ich das aber momentan nicht. Das, was Konicz im vorliegenden Text von Bell zitiert, finde ich jedenfalls furchteinflößend und widerlich - ob es korrekt zitiert und in den richtigen Kontext gerückt worden ist, vermag ich aber nicht zu beurteilen.

Vielleicht hast Du ja den einen oder anderen Link parat, der mir (und möglicherweise auch anderen) dabei helfen würde, die Standpunkte Bells detaillierter kennen zu lernen? Ich habe mal kurz gesucht, bin aber nur auf die bereits erwähnten Quellen gestoßen.

In jedem Fall aber ist ein Aussage bezüglich des Wahlrechtes wie "Denkbar wären mehr Stimmen für Menschen mit besserer Erziehung" nicht mit Demokratie in Einklang zu bringen - ganz egal ob es sich um ein westliches, östliches oder marsianisches Demokratieverständnis handelt. Wer so etwas sagt, dem schwebt etwas anderes als Demokratie vor - dann muss er es aber auch klar benennen und darf sich nicht mehr auf Demokratie berufen.

Das gilt gleichermaßen selbstverständlich auch für die heimischen Verhältnisse - die rot-grün-schwarz-gelbe Bande hat auch nichts mit Demokratie im Sinn und es ist lächerlich, dass sie sich immer und immer wieder darauf beruft. Das kann aber doch kein Anlass dafür sein, den Begriff der Demokratie immer weiter zu verbiegen und zu pervertieren und alle möglichen anderen Vorstellungen ebenfalls zur Demokratie zu erklären.

Ich persönlich bin ein entschiedener Gegner jedweden "Elite"-Denkens. Ich will keinen "guten König", keine "wohlwollende Autorität", keine "für meine Interessen kämpfende Partei", keinen "durchgreifenden Führer" oder was auch immer es da an Vorstellungen auch geben mag. Das hat es alles schon so oft gegeben, und niemals hat es für die Mehrheit der Menschen funktioniert - ganz im Gegenteil: Es endete allzu oft in gigantischen Katastrophen und immer in himmelschreiender Ungerechtigkeit und gnadenloser Ausbeutung der Mehrheit durch eine Minderheit. Eben deshalb bin ich Demokrat und gestehe jedem Menschen die gleichen Rechte und die gleichen Stimmen zu - und niemand ist "gleicher" als die anderen, um Orwells "Farm der Tiere" zu bemühen.

Wenn Bell feststellt, dass es offenbar einige Menschen gibt, die "besser erzogen" sind als andere (was auch immer er damit meint), müsste seine erste Frage lauten: Wie kommt es, dass nicht alle gleich gut erzogen sind? Und da wäre dann der Ansatzpunkt - und nicht in der Zementierung dieser Unterschiede, indem die "Besseren" mehr Rechte erhalten als die "Schlechteren".

Das ist meine Sicht der Dinge - und ich hoffe, dass ich dem Bell damit kein Unrecht tue, lasse mich aber jederzeit sehr gern eines Besseren belehren.

Liebe Grüße!

pantoufle hat gesagt…

Moin Charlie
Zum Thema Demokratie und Autoritäten: Wie Du ja weißt, ist mein Avatar das Bild von Gustav Landauer. Ohne jetzt im Detail auf meine politische Einstellung einzugehen, verweise ich auf dessen Werke. Das Bild benutze ich nicht nur deswegen, weil wir uns erschreckend ähnlich sehen :-)
Die Geschichte mit Bell hat sich ergeben, als ich an einem Text über Nordkorea feilte. Um die Situation dort auch nur ansatzweise zu begreifen, mußte ich beinahe mehr über China lesen als über Korea – so bin ich auf Bell gestoßen.
Was ich im Moment von ihm lese (auf Papier), ist »China's New Confucianism: Politics and Everyday Life in a Changing Society« und »Ancient Chinese Thought, Modern Chinese Power«. Im Netz sind nicht viele Sachen zu finden. Ein paar stehen in der Huffington Post. Da steht leider nicht besonders viel, außer daß Bell nachdrücklich um Verständnis für China wirbt. Seine Kritik hält sich in Grenzen – sein Kernanliegen sind eher die Folgen, die sich aus Chinas Geschichte für die heutige Situation ergeben. In diesem Zusammenhang lesen sich die Bücher doch erheblich anders als seine kurzen Statements im Netz.
Was Konicz betrifft, so muß ich gestehen, daß er bis jetzt an mir vorbeigegangen ist; eine echte Wissenslücke. Jetzt sonnt sich sein Blog wenigstens in meiner »unbedingt lesen« - Liste.
Liebe Grüße
das Pantoufle

dani hat gesagt…

@ pantoufle

man kann nicht "über" zen schreiben, wenn man "es" nicht praktiziert! denn im zen geht es um meditation und die damit verbundenen erfahrungen. deswegen gibt es die unsäglichen koans, die dir den verstand rauben. genau!!!
abschalten und fließen lassen.
ich bin nicht meine gedanken, ich bin nicht mein körper, ich bin nicht "ich".

deswegen ist es auch für uns westler so schwer. denn wir identifizieren uns über unseren verstand. seit descartes "ich denke, also bin ich".
den körper und das "innere wissen" lassen wir außen vor. dabei gehört beides zusammen.

hat was mit alchemie zu tun. verbinden der beiden pole.
solve et coagula (löse und verbinde)
wandle das niedere zum höheren - die wiedervereinigung des gelösten auf einer neuen stufe.
um nix anderes geht es beim menschwerden. reifen und wachsen!

rilke und hesse drücken dies auch wunderbar aus. die seele. und natürlich gedichte von rumi und kabir!

und nietzsche ist kein fehler. im gegenteil. einer der größten denker überhaupt. zwar teile ich nicht alle seiner ansichten, aber viele.

es gibt ein sau-gutes buch:
"und nietzsche weinte" von irvin d. yalom
auch hervorragend verfilmt.

sehenswert!

herzlichst
dani

Mythrantopos hat gesagt…

"Stattdessen solle eine strikte Auslese der Führungselite nach "intellektuellen Fähigkeiten und moralischen Standards" stattfinden."

Darauf war das ganze bezogen. Ich wüsste jetzt nicht was daran verwerflicher wäre, als die Art und Weise wie in der heutigen Demokratie Politik gemacht wird. Wenn ich mir ansehe, dass bei uns jemand, der vor einiger Zeit die Entwicklungshilfe noch abschaffen wollte, kurz darauf zum Minister derselbigen ernannt wird, bekomme ich Brechreiz.


Die Faschismus-Keule kann die werte Anabelle im Übrigen stecken lassen. Kein Mensch ist besser als ein anderer mag stimmen. Und sie sollten durchaus gleichwertig behandelt werden. Nichtsdestotrotz bestehen bildungstechnische Unterschiede, ich nehme mich da selbst nicht von aus.
Mir ging es lediglich darum, dass Menschen die Ressorts leiten, von denen sie auch Ahnung haben. Und dazu auch noch so etwas wie soziales Moralempfinden.

Die Degradierung zu Untermenschen geschieht nicht dadurch, dass gescheite Leute in den richtigen Positionen sitzen (auch wenn das aktuelle System natürlich extrem anfällig für Korrumption ist - ist aber ein anderes Thema), sondern weil ein Großteil der Menschen zu doof ist, die wahren Ursachen für viele unserer Probleme zu erkennen und sich einen Sündenbock als einfache Ursache viel leichter mit der zuprostetenden Menge am Stammtisch vereinbaren lässt. Schließlich hat auch jetzt (noch) jeder Mensch die freie Entscheidung darüber, was er denken will. Das ist gut und richtig so, aber wohin es führt, sehen wir an der aktuellen Stigmatisierung des Islams oder den Hartz-Empfängern. Die Leute wollen Feindbilder um sich selber besser zu fühlen.
Und das Problem ist: In einer Demokratie muss ich es hinnehmen, dass viele Menschen so kurz denken. Und mir gefällt die Richtung ganz sicher nicht, die wir da gerade einschlagen, aber so wie es aussieht, kann man niemanden zu seinem Glück zwingen.

Steile (nicht ganz ernstgemeinte) These:
Die Menschen brauchen einen Humanistischen Diktator. ;)


Nochmal zusammenfassend: Der Kommentar oben war überwiegend auf den zitierten Satz bezogen.


PS: Ich wäre z.B. auch schwer dafür mehr moralische Komponenten, in Ausbildungen und Studien einzubinden. Gerade im Wirtschaftsbereich.

Charlie hat gesagt…

@ Mythrantopos: Vielen Dank für die Klarstellung. Ich stoße mich aber dennoch an der Formulierung, denn eine "Auslese" in Bezug auf Menschen halte ich generell für abwegig und tendenziell faschistisch. Trotzdem glaube ich zu verstehen, was Du meinst - es ist eigentlich eine Sache der Logik und Selbstverständlichkeit, dass Menschen dort aktiv werden bzw. "arbeiten", wo sie Kompetenzen besitzen bzw. erworben haben. Das hat aber nicht das Geringste mit einer "Auslese" oder einer "Elite" zu tun - es ist ja fast überall Realität, nur eben in den Chefetagen nicht. Allein das Wort "Führungselite" ist schon zum Davonlaufen und offenbart ein elitäres Denken, das ich nicht einmal diskussionswürdig finde.

Es sollte selbstverständlich sein, dass sämtliche Posten nach Fachkompetenz vergeben werden - für die höchsten Posten in der Politik und in der Wirtschaft galt das aber noch nie - da ist Niebel nun wirklich keine Ausnahme, sondern die (wenn auch eine besonders eklatante und widerliche) Regel. Ob Merkel als Kanzlerin, Niebel als Entwicklungsminister, Mehdorn als Bahn- oder "BER"-Chef - Kompetenzen waren und sind eher hinderlich, um an solche höchst einträglichen Posten kommen. Je mehr Inkompetenz, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass der/die Betreffende den Posten antreten kann.

Diese groteske, andauernde Situation instrumentalisieren die in Rede stehenden "Wissenschaftler" aber doch nur, um ihr widerliches "Elite"-Denken weiter zu etablieren. Diese "elitäre" Bande muss zerschlagen werden, damit die Menschen, die wirkliche Kompetenzen besitzen, an die Positionen kommen können, in denen sie etwas Positives für alle bewirken können. Ein Prof. Butterwegge als Sozialminister zum Beispiel, oder ein Jean Ziegler als Entwicklungsminister (auch wenn er Schweizer ist), um nur zwei Beispiele zu nennen.

Was die "moralischen Komponenten" betrifft: Auch da müssen wir ja verdammt aufpassen - ein solcher schwammiger Begriff eignet sich trefflich für Demagogen, um ihren geistigen Müll unter die Leute zu bringen. Wer entscheidet, was "moralisch gut" oder "moralisch schlecht" ist? Die Definitionen gehen so weit auseinander (man vergleiche nur einmal die Vorstellungen der katholischen Kirche zu diesem Thema mit denen beispielsweise eines Karl Marx), dass es schwerlich möglich sein wird, da auf einen Nenner zu kommen, der tatsächlich positiv zu bewerten ist. Ich halte klare Regeln für sinnvoller - beispielsweise die Menschenrechtskonvention. Allein danach dürfte schon der Großteil der heutigen Wirtschaft und Politik nicht weiter so handeln, wie sie es gegenwärtig tut.

Die völlige Abschaffung der "Eliten" und ihre Ersetzung durch "Kompetenzen", die alle Menschen in gleicher Weise - unabhängig vom finanziellen Status des Elternhauses und anderen Barrieren - erwerben können - das ist meine erste Antwort auf dieses groteske Problem.

Liebe Grüße!

dani hat gesagt…

@ charlie

ach, wie fachlich und eloquent du dich ausdrücken kannst. gestern gingen mir ähnliche gedanken durch den kopf, nur das mit dem schreiben........na, das hast du prima hingekriegt. danke :-)

übrigens gibt es ein hervorragendes buch von julia friedrichs "gestatten: elite"

da kriegt man das kalte gruseln beim lesen!

lieben gruß
dani

Mythrantopos hat gesagt…

Hallo Charlie,
das wäre natürlich sehr begrüßenswert. Ich bin mir nur nicht sicher, wie genau man die Etablierung einer, wie auch immer gearteten "Elite", verhindern könnte.
Hast du da eine Idee?

PS: Danke für die Erwähnung des Herren Butterwegge. Ich werde mir mal das ein oder andere Buch besorgen und hoffe inständig, dass er nicht nur wertet, sondern auch Lösungsvorschläge parat hat. Ich bin gespannt.