Mittwoch, 30. Oktober 2013

"American Exceptionalism": Das faschistoide Selbstbild der USA


Die Ideologie des Tötens und Belauschens / Obama ist nicht anders als Bush

Unter Barack Obama bespitzeln die USA ihre angeblichen Freunde und töten ihre mutmaßlichen Feinde ohne Anklage und Urteil. Von "Change" und "Hope" ist nichts geblieben, jedenfalls nicht in der amerikanischen Außenpolitik. Es gibt eine direkte Linie von George W. Bush zu Obama. Sie reicht allerdings weiter zurück.

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Anmerkung: "That's what makes us exceptional" - diese Worte Obamas muss man sich wahrlich auf der Zunge zergehen lassen und darf sie selbstredend mit den hoffentlich leidlich bekannten Propagandaphrasen der Nazis aus den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts vergleichen. Wie im n-tv-Text schon erwähnt wird, ist Obama zwar der erste US-Präsident, der diese infantile Phrase der totalen Verblödung tatsächlich öffentlich benutzt - genau da enden aber bereits die Unterschiede zu den letzten Amtsvorgängern. Bush beispielsweise musste sie gar nicht benutzen - schließlich nennt man die Grundlagen der eigenen kranken Gedankenwelt nicht immer direkt beim Namen, wenn man ein halbwegs gut instruierter Propagandist ist. Das wusste sogar schon ein Monstrum wie Hitler: Den geplanten Massenmord an Juden und anderen Menschen hat er im Vorfeld vergleichsweise selten öffentlich herausposaunt - und nach dem Start der Mordmaschinerie der Vernichtungslager gar nicht mehr.

Wie kann und soll man die rhetorischen Ausfälle Obamas zum "American Exceptionalism" heute also bewerten und einordnen? Glaubt der Mann (und mit ihm viele andere Menschen in diesem verkommenen Land der Migranten) tatsächlich, dass die USA "außergewöhnlich" - und damit "besser", "höherrangig" oder gar "wertvoller" - seien als (alle) anderen Länder? Auch wenn diese Annahme die schlimmste aller möglichen Antworten ist, befürchte ich doch, dass sie stimmt. Es wäre zwar nicht schön, aber immerhin doch halbwegs beruhigend, wenn man wüsste, dass Figuren wie Obama und andere US-Amerikaner selbstverständlich verinnerlicht haben, dass sie genau dieselben armen kleinen Würstchen sind wie alle anderen Menschen auch und dass gerade ihr eigenes Land mindestens ebenso weit vom "Paradies" entfernt ist wie Somalia, Deutschland oder Indien - und dass sie einzig aus propagandistischen Gründen das Gegenteil behaupten. Wir müssen aber davon ausgehen, dass Letzteres nicht der Fall ist - und dass die Repräsentanten und wohl auch gewisse Teile der Bevölkerung der USA ihr korruptes, radikalkapitalistisches Land tatsächlich als "Garten Eden" der Demokratie und Freiheit empfinden - so absurd das den Außenstehenden auch anmuten mag.

Wie geht man also mit solchen Leuten um, die sich selbst für "außergewöhnlich" und "besser" halten als andere, obwohl schon ein kleiner Blick in das betreffende Land ausreicht um zu erkennen, dass es dort selbstverständlich nur einer sehr kleinen Minderheit sehr, sehr gut geht, während die große Masse in zunehmendem Maße verarmt und trotzdem bis auf die Knochen ausgepresst wird? Über die Phrasen "Freiheit" und "Demokratie" möchte ich im Zusammenhang mit den USA gar nicht erst reden - das wäre so, als versuchte ich etwas über die "klare und reinigende Luft auf dem Mond" zu schwadronieren. - Ich habe jedenfalls keine erschöpfende Antwort auf diese Frage - Spott und Häme allein können es ja nicht sein.

So ähnlich müssen sich BürgerInnen anderer Länder damals gefühlt haben, wenn sie in den Zeitungen von den "großdeutschen", "arischen" Plänen der Nazis aus Deutschland gelesen haben. Die haben sich damals sicherlich auch fassungslos an den Kopf gegriffen, lauthals darüber gelacht oder es einfach als verblödete Spinnerei irgendwelcher politischer Intriganten abgetan. Allein das ist schon Grund genug, die perverse amerikanische "Herrenmenschen"-Fantasie diesmal etwas ernster zu nehmen - zumal die ersten Lager ja längst wieder errichtet sind und die Menschen darin bis heute gefoltert und ihrer Freiheit beraubt werden.

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Amerika und Russland


"Die Einfuhr russischer Sträflingsarbeit verletzt die amerikanische humanity. Mr. Stalin soll für seine politischen Verbrecher lieber ein paar Schiffsladungen elektrischer Stühle bei uns bestellen."

(Zeichnung von Wilhelm Schulz [1865–1952], in "Simplicissimus", Heft 43 vom 19.01.1931)

Kommentare:

pantoufle hat gesagt…

Moin Charlie
Ich möchte Dir nicht direkt widersprechen; schon gar nicht auf das vielfache Missverständnis, das immer dann im Raum steht, wenn von Barack Obama die Rede ist: Er agiert eben genau in der ideologischen Nachfolge eines R. Reagan und G.W. Bush Jr., was gerne übersehen wird. Obama aber für den »Erfinder« des Begriffes des »American Exceptionalism« zu halten, schießt weit über das Ziel hinaus. Der Begriff ist erheblich älter; in die Schlagzeilen kam er nicht zuletzt 1997 durch das Buch gleichen Namens des Stanford-Politsoziologen Seymour Martin Lipset, der sich mit diesem Begriff sehr kritisch auseinandersetzte.
Und selbst Lipset setzt sich da mit einer uralten Theorie auseinander, deren theoretische Grundlagen in der Amerikastudie De la démocratie en Amérique ) des Politikers und Publizisten Alexis de Tocqueville zu suchen sind (Paris 1835/1840).
Faschistoide Tendenzen in den USA zu suchen, fällt leicht: Sie beginnen mit der Besiedlung des Kontinents und liegen auch im Selbstverständnis, das sich aus dem Vernichtungsfeldzug gegen die Urbevölkerung entwickelte, mit dem sie einherging. Ganz abgesehen vom geistigen Hintergrund derjenigen, die diese Verbrechen begingen: Kriminelle Abenteurer und religiöse Fanatiker. Ein Konglomerat, das sich bis in die Neuzeit erhalten hat. Der »american way of live« reicht erheblich tiefer als Coca Cola zu trinken und große Autos zu fahren; zu Unrecht wird dabei nur eine Konsumhaltung unterstellt.
Aus diesem Grund fällt mir der Vergleich schwer, diese »Außergewöhnlichkeit« der US-Amerikaner mit dem faschistischen Deutschland der dreißiger und vierziger Jahre zu vergleichen. Um es kurz (und historisch unkorrekt) zu formulieren: Der Faschismus in Deutschland war etwas, was sozusagen über Nacht kam, um sich umso explosiver auszudrücken, während der Faschismus der USA sozusagen in seiner Geschichte angelegt ist. (Um es zu wiederholen: Die historische und soziologische Korrektheit fällt hier der Kürze zum Opfer!)
In der momentanen Situation (NSA,Tempora) scheint mir genau das der Punkt zu sein, der geflissentlich übersehen wird. Wenn ein tumber H.P.Friedrich von der Obama-Administration eine Entschuldigung fordert – wofür eigentlich? Daß man sich dort aufgrund der eigenen Lebensweise ohnehin für den besseren Teil der Menschheit hält? Bisher ging man mit diesem Weltbild durchaus d'accord, wenn es darum ging, das angeblich überlegene Weltbild des Westens nach Afrika, Asien oder den nahen Osten zu exportieren. Nun stellt sich wenigstens in Europa heraus, daß die USA sich eben nicht nur den erklärten Gegnern im Kampf gegen den Terrorismus überlegen fühlen, sondern auch ihren Verbündeten. Das Zitat Obamas verrät eigentlich genau das.
Das kann man jetzt als faschistisch titulieren – oder als Binsenweisheit.

Charlie hat gesagt…

@ pantoufle:

Ich verstehe Deine Kritik nicht wirklich. Einerseits behaupte ich ja nirgends, Obama sei der "Erfinder" der unsäglichen "american exceptionalism" - ganz im Gegenteil wird ja im verlinkten und teilweise zitierten n-tv-Text darauf hingewiesen, dass Obama lediglich der erst US-Präsident ist, der es tatsächlich wagt, diese Phrase öffentlich zu benutzen - und das unter Anderem auch noch ausgerechnet vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen. Allein in dieser Hinsicht geht er bezüglich dieses Themas noch ein ganzes Stück weiter als seine Amtsvorgänger. Ich finde das durchaus bedeutsam.

Deinen zweiten Einwand kann ich ebenfalls nicht wirklich nachvollziehen. Ich könnte jetzt einen langen Monolog darüber halten, dass der Faschismus in Deutschland und in vielen weiteren Teilen Europas in den 20er, 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts alles andere als "über Nacht" oder gar "unerwartet aus dem Nichts" aufgetaucht ist - das würde aber den Rahmen hier sprengen und letztlich auch das Thema des Postings verfehlen.

Selbstverständlich sind die Situationen in den heutigen USA nicht 1:1 mit denen im Europa des beginnenden 20. Jahrhunderts vergleichbar - aber es gibt mehr als genügend Ähnlichkeiten, die sich - unabhängig von der Zeit und dem Ort - immer aufs Neue wiederholen. Und genau darauf möchte ich den Fokus richten, denn auch in Europa stehen wir längst wieder an einem Punkt, an dem der Faschismus nicht mehr nur leise an die Tür klopft, sondern sich einmal mehr polternd und wütend in allen Bevölkerungsschichten breitmacht.

Wenn Du versuchst, faschistoide Tendenzen in den USA auf die Historie dieses Landes zu reduzieren, verkennst Du zum Einen die tatsächlich auch vorhandenen positiven, demokratischen Aspekte der amerikanischen Geschichte (auch wenn diese heute keine Relevanz für die USA mehr besitzen), und zum Anderen erliegst Du dem "Guido-Knopp-Syndrom".

Natürlich gibt es stets Gründe für einen aufkommenden oder auch latent vorhandenen Faschismus - sie liegen aber fast nie dort, wo geschichtsverfälschende Propagandisten wie beispielsweise Knopp sie ausmachen. In den allermeisten Fällen der Neuzeit hat dieses furchtbare Geschwür der Menschheit namens Faschismus in erster Linie mit Existenzangst, Habgier, ausuferndem Kapitalismus und daraus zwingend folgenden gesellschaftlich-sozialen Verwerfungen zu tun. Das war in den 20er und dreißiger Jahren in Europa - und damals eben aufgrund der vorausgegangen humanitären Katastrophe des 1. Weltkrieges ganz besonders in Deutschland - so, und das ist heute in Europa und insbesondere in den USA nicht anders.

Kapitalismus führt zwangsweise immer zum Faschismus - diese "Binsenweisheit" muss ich jemandem wie Dir doch nicht wirklich erklären, oder?

Liebe Grüße!

pantoufle hat gesagt…

Zum Einen: Ich versuche nicht zu reduzieren – ich stelle fest, daß die Anfänge eines latenten Faschismus sozusagen in der Wiege der Staatsgründung liegen. Weitere Beispiele ließen sich ohne Mühe anfügen. Ob man dabei die Sklavenhaltung (nicht nur) der Südstaaten als Beispiel nimmt, den Menschenhandel im Norden, der die Einwanderer direkt in die weiße Sklaverei der Schlachthöfe oder andere Fabriken führte, Chinesen beim Eisenbahnbau, die Zeit der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts während der großen Dürre – das kann eine lange, lange Aufzählung werden, wie sich faschistische Tendenzen durch die Geschichte der USA ziehen.
[...] verkennst Du zum Einen die tatsächlich auch vorhandenen positiven, demokratischen Aspekte der amerikanischen Geschichte [...]
Das fällt mir wenigstens für das 19. und 20. Jahrhundert sehr schwer. Beispiele?

Zum Anderen finde ich tatsächlich nichts bemerkenswertes an der Tatsache, daß Obama (wo auch immer) laut das ausspricht, was diese Nation seit einigen Jahrhunderten sehr deutlich auf ihre Fahne geschrieben hat. Andere Präsidenten haben das nicht getan? Vielleicht nicht in der Wortwahl, sehr wohl aber in diesem Sinne. Das hohe Lied des Kapitalismus und seiner Exzeptionalität haben sie alle gesungen. Spätestens seit Beginn des kalten Krieges gehörte es zum Stammvokabular nicht nur der amerikanischen Außenpolitik. Seit dem Ende des Ostblocks wurde es zur Staatsreligion erhoben.
»Kapitalismus führt zwangsweise immer zum Faschismus«
Eben genau deswegen.
Über die historische Bedeutsamkeit des Ausspruchs Obamas kann man geteilter Meinung sein – darüber müssen wir uns nicht die Köpfe einschlagen. Grundsätzlich sind wir da einer Meinung.

Ebenso über das Thema »Faschismus über Nacht«, daß ich gleich zweimal mit dem Kommentar versehen hatte, daß diese These in dieser Form nicht haltbar ist; die Genauigkeit der Kürze zum Opfer gefallen war. Was ich allerdings tatsächlich so sehe, ist, daß der Faschismus in Europa auf anderen Wurzeln fußt, eine vollkommen andere Geschichte hat. Wie Du so richtig sagtest: Es würde den Rahmen sprengen, den Historikerstreit der späten achtziger Jahre jetzt zu wiederholen :-)

»denn auch in Europa stehen wir längst wieder an einem Punkt, an dem der Faschismus nicht mehr nur leise an die Tür klopft, sondern sich einmal mehr polternd und wütend in allen Bevölkerungsschichten breitmacht.«

Das ist wohl einer der Hauptgründe, warum wir beide einen Blog betreiben.

Charlie hat gesagt…

Mein lieber pantoufle,

ich werde den Teufel tun und mich hier zum Anwalt der US-amerikanischen Geschichte machen lassen. ;-) In diesem Zusammenhang möchte ich einzig an einen Präsidenten wie Roosevelt erinnern - der zwar gewiss keine antikapitalistische Linie vertreten hat, aber immerhin - mit vielen Ecken und Kanten - vergleichbar ist mit einem Willy Brandt in Deutschland.

Davon abgesehen sehe ich keine wirklich bedeutsamen Unterschiede in unseren Sichtweisen bei diesem Thema - wir finden doch offensichtlich alle beide nicht, dass es so etwas wie einen "American Exceptionalism" im positiven Sinne gibt - wenn überhaupt, dann doch eher in negativer Hinsicht - oder?

Also lass uns nicht streiten, sondern den Faschisten Paroli bieten - ganz egal, in welcher Form und aufgrund welcher Historie sie uns heute wieder begegnen.

Liebe Grüße!