Dienstag, 8. August 2017

Das Jägerschnitzel


Ich gehe bzw. ging ja sehr gerne essen. Aus bekannten, finanziellen Gründen kann ich mir das heute aber so gut wie nie leisten, so dass es ein kulinarisches Highlight war, dass ich am vergangenen Sonntag endlich wieder in diesen Genuss kam. Ich hatte mich mit einem alten Freund verabredet und wollte – hungrig, wie ich war – eines dieser wundervollen Jägerschnitzel zu mir nehmen, das ich Wochen zuvor in jenem Etablissement am Nachbartisch gerochen und gesehen hatte.

Natürlich hatte ich extra nicht gefrühstückt – einen solchen kulinarischen Höhepunkt gilt es schließlich zu feiern. So saßen wir also entspannt quasselnd in diesem Bistro, mit einem Tässchen Kaffee und einem weitläufigen Blick über den geruhsam in der Sonntagssonne dahinplätschernden Fluss, als mein Blick irgendwann auf die Karte fiel: Das Jägerschnitzel war durchgestrichen.

Mir stockte das Herz. Da hatte ich nun wochenlang gespart, um endlich mal wieder mein Leibgericht zu mir nehmen zu können – um vom Kellner sodann zu erfahren, dass dieses Gericht, das als "Snack" auf der Karte aufgeführt ist, in den kommenden drei Wochen nicht mehr verfügbar sei. Der Grund ist natürlich ein kapitalistischer: Da der Inhaber des Bistros mehrere Geschäftsstätten betreibt und die "Mutter" gerade Betriebsferien habe, könne das Essen nun auch in diesem "Tochterunternehmen" zeitweise nicht angeboten werden. Ich glotzte wohl wie eine Dampflok oder sedierte Kuh, während der junge Mann mir das offenbarte.

Ähnlich erging es anderen Gästen dieses Bistros – ich schnappte Gesprächsfetzen auf wie "Aber wir sind doch gerade wegen der Schnitzel hier!" – Mein Freund und ich beschlossen also, den Kaffee schnell auszutrinken und eine andere Futterstelle aufzusuchen. Nach einigem Herumirren – am Sonntagmittag ist es in dörflichen Gefilden sogar mitten im Ruhrgebiet nicht so einfach, eine geöffnete Küche jenseits des üblichen Fast-Food-Mists zu finden – nahmen wir also Platz in einem anderen Bistro. An den Nachbartischen saßen schon die besagten Herr- und Frauschaften, die wir schon vom Schnitzel-Gate-Bistro kannten.

Inzwischen war mein Hunger auf die Stufe "Ich esse jetzt alles, Hauptsache es macht satt" angeschwollen. Der Kellner pries mir das Tagesgericht an: Ein Schweinebraten mit köstlicher Soße an Salzkartoffeln mit Rotkohl. Ich bestellte es begierig. Kurze Zeit später kam der Mann wieder an unseren Tisch und sagte: "Tut mir leid – es handelt sich um einen Rinder- und nicht um einen Schweinebraten." Ich winkte ab und sagte: "Egal, ich habe Hunger!" Zehn Minuten später bekam ich endlich mein Essen: Zwei dünne Scheiben Rindfleisch, die so zäh waren wie meine Schuhsohlen, garniert mit sechs maschinell geschälten Kartoffeln (vermutlich aus dem Glas) und einem Haufen Rotkohl, der ebenfalls aus dem Glas stammte. Dazu gab es eine leckere Tüten-Soße. Das ganze war offenbar in der Mikrowelle – ohne Abdeckung – erhitzt worden, so dass sowohl das Fleisch, als auch die Kartoffeln eine trockene Haut aufwiesen, die dem Messer tapfer widerstand.

Ich aß nicht einmal ein Viertel dieser Speise, bezahlte dennoch 8,90 Euro und ging hungrig nach Hause. Mein Freund meinte beim Abschied nur lachend: "Loriot war ein Realist."


(Wovon ich träumte)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Falls du mal in die Braunschweiger Gegend bist lade ich dich zum Jägerschnitzel essen bei mir zu Hause ein.

B.M.Q.B.

Troptard hat gesagt…

Hallo Charlie,
das geschieht Dir recht und ich habe kein Mitleid mit Dir!

Eine Regel, die ich leider selbst nur selten befolge ist, nie mit leerem Magen einzukaufen oder in ein Restaurent zu gehen.

Warum ich/wir nur noch ungern auswärts etwas essen gehen: Weil es kaum noch Restaurents bzw. hauptsächlich nur noch Kaufleute gibt, die ihr Geld mit der Verabreichung von vorgefertigten Speisen verdienen, die sie günstig eingekauft haben und teuer weiter verkaufen.
Es gab hier in Frankreich eine zeitlang mal Tests von sog. Spitzenköchen, die herausfinden sollten, ob das Angebot von Restaurents aus eigener Küche stammt oder fertig zubereitet eingekauft und anschliessend nur aufgewärmt wurde.

Selbst für die war es nicht einfach, dies herauszufinden.Daraufhin wurde ein eigenes Label für Restaurents vorgeschlagen und entworfen, die ihre Speisen noch selber zubereiten.
Die Chemielabosr haben unendlich viele Fortschritte gemacht und wenn es denn schmeckt und satt macht und kaum ein Unterschied feszustellen ist, was sollte daran verwerflich sein? Schliesslich muss der Hunger ind der Welt bewältigt werden.

Es stört sich doch auch niemand daran, dass ein Jägerschnitzel nicht vom Jäger, sondern aus dem Schlachthof kommt.

Noch ein eigenes Erlebnis: Nun werde ich als langjähriger und mit Informationen gesättigter Vegetarier von meiner Tochter stets bedrängt, mich endlich der veganen Ernährung zu öffnen und habe mich breitschlagen lassen ein veganes Restaurent im 85 km entfernten Montpellier zu besuchen. Um dieses Restaurent zu finden, musste ich meine müden Beine ziemlich lange bemühen , um dann in irgendeiner Seitenstrasse erwartungsvoll zu warten.

Eine halbe Stunde wurde uns gegönnt, um das herauszufinden, was uns zusagen würde.
Danach schon ziemlich ermüded kam endlich das, was unseren Sinnen Flügeln geben sollte. Meine Beste hatte ein kleines Schälchen mit selbstgebackenen Süsskartoffeln, ich ein volles Schälchen mit etwas geröstetem Gemüse, Nüssen und darunter jede Menge Couscous für die Sättigung und meine Tochter etwas ähnliches mit Reis.

Meine Beste war anschliessend ziemlich gereizt, weil sie das alles finanziert hat. Weiss nicht mehr wieviel der Spass gekostet hat. Kann mich nur erinnern, dass die handvoll Süsskartoffeln in Kräutern der Provenz fast 6 Euro gekostet haben.




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Fluchtwagenfahrer hat gesagt…

Moin Charlie,ich setzt da mal einen drauf.
Es trug sich zu das ein müder "Krieger" in einer Ostdeutschen Werft mittags zu Tisch ging. In der Woche zuvor wählte er ein Jägerschnitzel (ankreuz)
Am Tresen bei Gieeeeselllaaaa angekommen gab er die Bestellung ab:
Ein Jägerschnitzel bitte.
Un nü.
Auf dem Teller befand sich eine dünne, parnierte Scheibe Jachtwurst(5mmm)eine dünne Wassersuppe mit ein paar Dosenpilzresten versehen names Jägersosse und ein paar dröge Potacken.
Hättest mal mein Gesicht sehen sollen, ich schlang wutentbrannt diese Ostdeutsche Spezialität hinunter, schimpfte auf alle Ossis und ging an Bord zurück.
Quintessenz: Ein panierter Bierdeckel war im Osten ein Jägerschitzel und alle Gemeinsam nun, Ost & West lassen sich ein x für nen u vormachen.
Oh Evolution du verdammte .....
LG

p.s. Troptard alter Hühnerschrecker das nennt man convenience food :)))

Eike Brünig hat gesagt…

Das lässt sich toppen. Kurz vor der Wende ass ich einen Ostburger am Alex. Der kostete zwar nur 50 Pfennig Ost, aber schmeckte leider schlimmer, fermentierter Hase. Bis dahin hatte ich immer geglaubt, das man bei einer Frikadelle im Brötchen nicht viel verkehrt machen kann. Ich habe allerdings auch nicht gehungert dafür, denn mit meinem Schwarztausch von 1:7 war da einiges möglich. Damals habe ich auch erst kapiert, was Kaufkraft eigentlich meint.

Troptard hat gesagt…

Was macht eigentlich der Charlie?
Mag er uns nicht mehr?

LG

Arbo hat gesagt…

@ Troptard, zum ersten Posting:

Ich erinnere mich noch an eine Doku im deutschen TV, die letztes Jahr lief bzw. in der Mediathek abzurufen war: Da ging es genau um das, was Du beschrieben hast. Sauce Hollandaise zum Spargel? Lieber nachfragen, ob die wirklich selbst zubereitet ist. Oft ist es eine vorbereitete Sauce, die dann - wenn Du Glück hast - nochmal "verfeinert" wird. Kartoffeln? Gibt's schon vorgeschnippelt - je nachdem, was Du brauchst (Bratkartoffeln etc.). Die haben in der Doku auch noch ein Unternehmen gezeigt, dass für gehobenere Restaurants vorkocht.

Ich meine, in gewisser Weise kann ich es schon verstehen, wenn eine kleine Klitsche auf bestimmte vorbereitete Produkte zurückgreift. Aber so, wie ich es verstanden habe, ist das viel weiter verbreitet. Da fragst Du Dich, warum Du überhaupt einmal Essen gehen sollst. (Von einer gesunden - im Vergleich zur eigenen Kochkunst - Küche, fange ich noch nicht mal an...)

Was Dein Erlebnis in Montpellier betrifft. So etwas Ähnliches habe ich in Paris erlebt. Bin zum Geburtstag in ein entsprechendes Restaurant eingeladen worden, ewig gewartet und dann war's geschmacklich auch noch bäh. Richtig übel war, dass wir halt "hungrig" auf unser Essen warteten, weils auch lange gedauert hat, während gegenüber eine Pizzaria auch vegetarische Pizzen ausgab... Ich hab' dann mal auch ein anderes Restaurant ausprobiert. Aber das war auch bäh. Mein Eindruck war jedenfalls, dass das speziell in Paris so ein Schickimicki-Mode-Ding war.

Naja, wenn ich Paris mit Leipzig vergleiche oder Wien, da liegen halt ziemliche Welten dazwischen. Hier in Wien gibt's z.B. so ein Reformhaus mit Kantine, wo streng vegetarisch ("vegan") und vegetarisch gekocht wird. Als strenger Vetetarier (= Veganer) hast Du es hier in der Regel allerdings auch schwer. Vegetarisch geht aber auf jeden Fall schon eher - da würde ich dann ganz pragmatisch asiatisch und indisch machen, weil's da meist auch vegetarische Gerichte gibt. (Asiatisch war dann auch meine Wahl in Paris.)

Nur generell: Ich kann mir bei "vegan" kaum vorstellen, was da sinnvoll auswärts zubereitet werden soll, was Du nicht auch zu Hause hinbekommst. Das ist schon bei vegetarischen Gerichten schwierig. Insofern ist das für mich eher ein Anreiz, mich dem "kapitalistischen System" zu verweigern und zu Hause zu kochen, braten etc.

LG
Arbo

Arbo hat gesagt…

@Charlie:

Da hat mir meine DDR-Sozialisation einen gehörigen Streich gespielt: Jägerschnitzel war dort panierte Jagdwurst, die mit Tomatensoße zu Spirelli-Nudeln gereicht wurde (siehe z.B. hier). Der absolute Klassiker in der Schule oder im "dreggschen Löffel" (Kantine).

"Und nach sowas tropft Dir der Zahn?", hatte ich gedacht - und das Foto im Beitrag ganz und gar nicht mit dem, was ich unter "Jägerschnitzel" verstehe, unter einen Hut bekommen. *GGG*

LG
Arbo

Charlie hat gesagt…

@ all: Verzeihung - ich war leider aus gesundheitlichen Gründen einige Tage arg indisponiert.

Zum Thema: Die ostdeutsche Wurst- und Tomaten-Variante des "Jägerschnitzels" war mir bis dato tatsächlich unbekannt. Wenn ich davon Kenntnis gehabt hätte, wäre dem Text selbstredend eine kleine Beschreibung dessen, worauf ich so einen Heißhunger hatte, beigefügt gewesen. ;-) Es handelt sich also um ein (meist recht großes) paniertes Schweine- oder Kalbsschnitzel mit einer sämigen Sahne-Champignonsauce und Beilagen (meist Pommes und Salat).

Dass es hier gigantische Qualitätsunterschiede gibt, versteht sich von selbst: Vom ungenießbaren Billigfraß aus dem Bahnhofsgrill (frittiertes, paniertes Tiefkühl-Formfleisch mit Fertigsauce und Dosenpilzen) bis zum Gourmet-Gericht gibt es auch hier unzählige Abstufungen und Varianten - natürlich auch bezüglich der Beilagen.

Das Thema "Con­ve­ni­ence-Food" ist in der Tat ein längst flächendeckendes Problem nicht nur in Imbissen oder "kleinen Klitschen", das ich äußerst kritisch sehe - denn wenn ich industriell erzeugte Fertiggerichte - "leicht verfeinert" - essen will, kann ich das schließlich weitaus billiger und meistens um Längen schmackhafter zuhause tun. Das zweite Bistro, das ich im obigen Text erwähnt habe, wird mich daher allenfalls noch als Kaffee-Gast begrüßen dürfen - etwas zu essen werde ich dort gewiss nicht mehr bestellen.

Und das Thema reicht längst auch viel weiter: Es ist beispielsweise kinderleicht, selbst innerhalb kurzer Zeit frische Pommes herzustellen. Eine kleine Schneidemaschine, die geschälte Kartoffeln der passenden Sorte in entsprechende "Sticks" schneidet, gibt's für ein paar Euro. Ich kenne dennoch kaum ein Restaurant (der erschwinglichen Preisklasse), das hier nicht lieber auf die Tiefkühlvariante zurückgriffe - obwohl die frische Zubereitung nicht nur wesentlich schmackhafter, sondern auch preiswerter wäre. Sie kostete halt "nur" ein paar Minuten mehr Zeit in der Küche.

Dasselbe gilt für unzählige weitere Produkte, die in Restaurants verarbeitet bzw. benutzt werden - inzwischen bis hin zu vorgeschnittenem Salat, geschältem Spargel oder fertigen Röstzwiebeln (um nur drei Beispiele zu nennen).

Nun kann man freilich einwenden, dass man selbstredend damit rechnen muss, aufgewärmtes Essen zu bekommen, wenn man in einem Restaurant ein Gericht wie einen Schweine- oder gar Rinderbraten bestellt. Das ist richtig. Ich war bislang aber noch so naiv zu glauben, dass ein "Tagesgericht" dieser Art halt "in der Regel" am Morgen des betreffenden Tages in der hauseigenen Küche vorgekocht wird, um es dann im Laufe des Tages portionsweise auszugeben - und wer schon einmal den aufgewärmten Rest eines solchen selbstgemachten Sonntagsbratens am Montag verzehrt hat, der weiß, dass er dann in der Regel noch einmal doppelt so lecker ist.

Aber ich möchte ja keinen Food-Blog betreiben, so dass ich mich lieber darauf freue, das besagte Jägerschnitzel in zwei oder drei Monaten vielleicht doch noch genießen zu dürfen - auch wenn ich dann vermutlich nicht mehr auf der sonnenbeschienenen Terrasse direkt am plätschernden Flüsschen sitzen und im "Heinrich von Ofterdingen" des Novalis lesen kann. :-)

Liebe Grüße!