Montag, 7. August 2017

Wir haben die Wahl ... ?


Gestern ist der hochgeschätzte Stefan Gärtner in seinem sonntäglichen Frühstückskommentar zu gar wunderlichen Schlüssen gelangt: Neben vielen nachvollziehbaren Schlussfolgerungen kommt er dort unter anderem auch zu dieser:

Die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands, nebenbei, kann ich leider nicht wählen, denn neben durchgehend Richtigem will sie "Freiheit für Palästina", und ich muss im Leben nicht mehr viel werden, und linker Antisemit schon gar nicht.

Der Text sitzt wie gewohnt, und ich habe dem dennoch einiges hinzuzufügen. Denn ich fragte mich beim Lesen, ob es aus linker Sicht denn tatsächlich schon ausreicht, eine Partei, die ansonsten "durchgehend Richtiges" anstrebt, allein aufgrund dieser dummen, fast schon traditionellen Palästina-Groteske als "unwählbar" zu klassifizieren. Ich habe nicht einmal nachgeschaut, ob die MLPD diese dämliche Forderung tatsächlich in ihr Wahlprogramm geschrieben hat – ich vertraue darauf, dass der Herr Gärtner das stattdessen getan hat.

Freilich ist es dumm und kontraproduktiv, eine solche "palästinensische" Position einzunehmen, die weder etwas mit der Sozialpolitik, noch mit den gerade in Deutschland – dem großen "Vorreiter" des kapitalistischen Wahns – dringend notwendigen Korrekturen zu tun hat. Alberne Alibi-Parteien wie die korrumpierte "Linke" samt ihren Systemschranzen können und wollen dieses Vakuum nicht füllen, weshalb Alternativen zwingend nötig sind – und seien sie auch noch so marginal. Ich hätte dem Gärtner eine so überaus oberflächliche Behandlung dieses Themas jedenfalls nicht zugetraut. – Sicherlich ist die kapitalistische Politik-"Elite" in Israel ganz genauso scharf zu kritisieren wie in allen anderen kapitalistisch verseuchten Regionen dieser verkommenen Welt – weshalb der Mann aber ins propagandistische Gegenteil verfällt und dieser nötigen Kritik den Stempel "Antisemitismus" aufdrückt, weil sie gängigen pseudolinken Klischees widerspricht, erschließt sich mir nicht.

Es geht hier, daran sei noch einmal erinnert, um die "Wählbarkeit" einer linken Partei in Deutschland aus humanistischer Sicht. Wenn dem geschätzten Herrn Gärtner tatsächlich kein anderes Argument einfällt, um die MLPD als "unwählbar" zu diskreditieren, kann ich das nur als ideologisch verbohrten Blödsinn bezeichnen.

Ich wiederhole noch einmal: Ein Slogan wie "Freiheit für Palästina" ist so unsäglich dumm, dass das entsetzte Gebälk im Hirnbereich mit dem dumpfen Knarzen gar nicht mehr nachkommt; gleichzeitig ist aber die Aussage, dass eine Partei, die dies neben vielem anderen fordert, "unwählbar" sei, ebenso absurd. Die Fähigkeit zur Differenzierung hätte ich dem Gärtner dann doch noch zugetraut. Was wählt er stattdessen? Gar nichts? Die "Bibeltreuen Christen" oder die "Vegane Front"?

Ich jedenfalls werde diese kommunistische Splitterpartei im September wählen – und ich bin mir sehr bewusst, dass ich damit genauso viel erreiche wie mit meinen Bemühungen, die lästigen Fliegen vor meinem Computermonitor durch hektische Handbewegungen zu vertreiben. Durch alberne Wahlen ist der beschlossene kapitalistische Untergang ganz sicher nicht mehr aufzuhalten – dies ist lediglich ein letztes Zeichen meinerseits, das ich noch setzen kann, bevor das kapitalistische Grauen den letzten Rest der Hoffnung aufgefressen hat wie ein Zombie das kleine Kind.


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Aua.
Charlie nicht mehr lesbar.
Bye bye

Troptard hat gesagt…

Hallo Charlie,

wir wissen doch alle, dass das, was in Wahlprogrammen steht sehr wenig mit dem zu tun haben wird, was im Kapitalismus, und organisiert in einer parlamentarischen Demokratie oder auch in einer präsidialen, an linker Politik, geschweige denn im Sinne einer sozialistischen Perspektive, anschliessend dabei herauskommt, wie immer Enttäuschung!

Und dies nicht etwa weil ich mangelnde Redlichkeit unterstellen oder voraussetzen würde, sondern schlichtweg Ignoranz und mangelnde Reflektion im Hinblick auf das eigene Scheitern.

Ich bin immer wieder erschrocken, wenn ich lese, wie gerne linke Gruppierungen die sog. Arbeiterklasse als ihr Faustpfand für eine bessere Gesellschaft nehmen, obwohl diese Arbeiterklasse ihnen in den 30ger Jahren bereits davon gelaufen und zu den Nationalsozialisten übergelaufen ist.

Und heute sieht es wohl nicht viel anders aus, wenn Sozialwissenschaftler sich dieses Begriffs überhaupt noch ohne Scham bedienen mögen. Meistens geht es da nicht um eine soziale Zuordnung, sondern ganz im neoliberalen Sinne in den Kategorien von Gewinnern und Verlierern.

Um nicht zu ausschweifend zu werden: Was linke Parteien betrifft, so bin ich da mehr als pessimistisch. Auch wenn ich es mir wünschen würde, für mich ist das, was als Sozialimus im Programm als "Diktatur des Proletariats" zu haben war, als schlechte Kopie eines Staatssozialismus/Staatskapitalismus endgültig gescheitert.

Diese Leiche lässt sich ohnehin nicht wiederbeleben und aus meiner beschränkten Sicht auch keine Perspektive zum Kommunismus, weil der eh nie im Programm war.

Wer Interesse hat, warum ich zu dieser Einschätzung gekommen bin, den spiele ich hier gerne ein paar Textpassagen vom Sozialisten Lenin ein.

Charlie hat gesagt…

@ Anonym alias André alias Herr Karl: Es wäre eine Wohltat, wenn Du hier nicht mehr mitliest und vor allem Deine gewohnt unqualifizierten Kommentare unterlässt. Darf ich Deine verheißungsvolle Ankündigung, dass Du dich nun endlich verpisst, ernst nehmen?

Ich träume manchmal noch.

Charlie hat gesagt…

@ Troptard: Es ist allzu menschlich, angesichts des Untergangs zum letzten Strohhalm zu greifen - hingegen bleibt es dumm, eben jenen Strohhalm selbst in dieser untergehenden Zeit noch zu verdammen, wie der Herr Gärtner es tut.

Selbstverständlich war Kommunismus nie ein ernsthaftes Thema, das irgendeine Chance auf Verwirklichung gehabt hätte. Heute ist die Wahrscheinlichkeit, dass die SklavInnen des Kapitals diesen sinnvollen Ausweg in Betracht ziehen, auf die Nulllinie abgesunken: Besser könnte es für die selbsternannte "Elite" gar nicht laufen.

Ich kann nur noch schreiend davonlaufen - wenn ich nur wüsste, wohin.

Liebe Grüße!

Sach ma hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
Charlie hat gesagt…

@ Sach ma: Wenn Du inhaltlich nichts beizusteuern hast und nicht einmal einfache literarische Bilder (Kapitalismus - Zombie - Verwesung - Fliegen) begreifst, darfst Du gerne auch weiterhin schweigen. Danke. :-)

altautonomer hat gesagt…

Eine Reise durch das Dickicht der Widersprüche:

MLPD wg. Palästina nicht wählbar.

Charlie als fleischessender Anthropozentriker nicht glaubwürdig.

Ich wg. Genuss kernloser Weintrauben kein Linker.

usw. usw.

Nu hör ma hat gesagt…

Sehr einfaches literarisches Bild:

charlie + fliege = einen an der Klatsche!

Is doch einfach zu begreifen. Oder?

Troptard hat gesagt…

Hallo Altautonomer,

ich werde das sicher nicht schlüssig begründen können, habe allerdings immer mehr den Eindruck, dass uns die neoliberale Ideologie, die Ideologie von Gesellschaft, die rational nicht zu begreifen ist, deren Bewegungsgesetze irrational verlaufen und nicht über die Vernunft zu begreifen sind, sondern deren Zugang ein rein technisch-instrumenteller sein kann, ein rein verstandesmässiger ist, in einer ständigen Annäherung über Versuch und Irrtum, als ein nie abgeschlossener Prozess.

Also wenn ich hier noch einmal den Begriff der Fragmentierung einbringe, als die bewusste Zerstückelung des bürgerlichen Subjektes in all seinen Lebensäusserungen, seine technisch-instrumentelle Anpassung an Gesellschaft, was der Neoliberalismus bewusst befördert, die Ungleichheit der Gesellschaftsmitglieder als Vorraussetzung nimmt, für was eigentlich?

So hat dieser Neoliberalismus mit dem Liberalismus überhaupt nichts mehr gemein, sondern ist die Beerdigung von der Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und lässt sich als Fortsetzung der Ideologie des Faschismus begreifen.

Um wieder an Deinen Text anzuknüpfen: Ich habe lange überlegt, warum es Seiten gibt, die ich länger verfolgt habe als mir eigentlich lieb ist, die sich mit einer unendlichen Ausdauer in einem unendlichen und vergeblichen Kampf gegen Menschen in Stellung bringen, die den eigenen Anschauungen nicht folgen wollen, die einen anderen Zugang zur Welt haben, ihre eigenen Gründe und Motivationen.

Ich hoffe, dass ich nur dort meine Hürden aufbaue, wo
Menschenverachtung und Menschenfeindlichkeit sich als gesellschaftliche Praxis etablieren wollen, egal wie sie sich ideologisch einschleimen wollen.

Troptard hat gesagt…

Nu hör ma hat gesagt...

Jetzt bin ich ja richtig froh, dass Charlie das nicht gleich gelöscht hat.
Solche Einlassungen sind für mich nicht unbedingt ein Ärgernis, sondern tragen dazu bei, dass mein Tag oft entspannter verläuft als erwartet.

@ Charlie,
lösch das doch nicht immer gleich! Gönne mir die doch die Freude in die Tiefen des bürgerlichen Bewusstsein. Ist doch kostenloses Anschauungsmaterial ohne Rückgriff auf sozialwissenschaftliche Studien.

Eike Brünig hat gesagt…

Mich stört dabei eher die Fixierung auf Lenin, den ich nicht wirklich für ein Vorbild halte. Da wäre mir ein Trotzki schon lieber. Auch halte ich sonst nicht viel von Führungspersönlichkeiten. Es wäre bestimmt besser, wenn alle paar Monate jemand anderes den Kanzler gibt, um Hofschranzenstaaten, wie sie jede Fa. gebiert, zu vermeiden und dem Lobbyisten zu zumuten, öfter einen neuen Kontakt aufbauen zu müssen.