Mittwoch, 27. Dezember 2017

Ach, wie überraschend: "Reiche Menschen sind sozial schwächer"


Nun ist die alte These, die eigentlich längst eine Gewissheit ist, auch wissenschaftlich "bewiesen": "Sozial schwach" sind vornehmlich reiche Menschen bzw. solche, die sich der "Oberschicht" zugehörig fühlen. Das jedenfalls meldete vor kurzem spektrum.de:

Wer weniger Geld hat, ist bewusster im Umgang mit den Mitmenschen.

Wer hätte denn das auch ahnen können, nicht wahr. Wir dürfen also getrost festhalten und nun auch wissenschaftlich belegt konstatieren: Reiche sind öfter asozial, Arme hingegen öfter "sozial stark". Wie um Himmels Willen soll man das nun unseren (oft asozialen) "Eliten" und ihren (ebenfalls oft asozialen) Schergen in der Politik und den Medien nahebringen? Deren Narrativ beschwört ja semi-religiös das genaue Gegenteil. Es ist wie im Tollhaus.

Mich erinnert das an die kleine Anekdote, die ich vor einigen Monaten erlebt habe: Vor dem Supermarkt, in dem ich meine Lebensmittel einkaufen wollte, stand eine ältere Dame und bot eine Straßenzeitung an. Ich kramte derweil in meiner Tasche und bemerkte, dass ich den dämlichen Chip für den Einkaufswagen zuhause vergessen hatte – eine Euro-Münze hatte ich ersatzweise ebenfalls nicht parat. Ich fragte also einige Passanten, ob sie Geld wechseln können, hatte aber keinen Erfolg. Daraufhin gab mir jene Dame, die das mitbekommen hatte, ungefragt eine solche Münze und sagte nur lächelnd: "Hier, nehmen Sie."

Ich war so verdutzt, dass ich nur verwirrt lächelnd "Danke" sagen konnte und meinen Einkauf sodann startete. Während ich durch den Laden schlich, rotierte es aber in meinem Schädel und ich begriff endlich, was da gerade geschehen war. Ich beschloss also, die Dame ebenso zu überraschen und freute mich schon – als ich aus dem Laden wieder heraustrat, war sie aber leider nicht mehr dort, denn es regnete inzwischen in Strömen. Das war sehr beschämend und hat mich noch lange beschäftigt. Ich habe die Frau leider nie wieder gesehen.

Die Frage nagt noch heute an mir: Wieso habe ich der Dame eigentlich nicht vorher schon etwas Geld gegeben? Ich gehe doch sonst auch nicht an Bettlern oder anderen offensichtlich Bedürftigen vorbei, ohne zumindest ein paar Münzen, die ich irgendwie entbehren kann, abzugeben. Wie gesagt, ich schäme mich noch heute dafür. – Gleichzeitig erinnere ich mich an den schnell durch die Straßen hechelnden Schlips-Borg, der mir vor einiger Zeit mal ins Gesicht rotzte, nachdem ich einem Bettler ein belegtes Brötchen in der Bäckerei, vor der er saß, gekauft hatte: "Wenn Sie diesem Penner etwas geben, sitzt der morgen wieder hier! Denken Sie doch mal nach!" Dann ging er hektischen Schrittes weiter.

Es ist – wie schon erwähnt – wie im Tollhaus. Und die Irren, die Psychopathen, die Asozialen haben das Sagen.

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Rationalisierung


"Seht ihr, Kinder, früher hat mein Vater noch tausend deutsche Arbeiter gebraucht, um sich ein Kapital zu schaffen, und heute braucht er nur noch eine einzige Schweizer Bank, um keine Arbeiter mehr zu brauchen."

(Zeichnung von Eduard Thöny [1866-1955], in "Simplicissimus", Heft 19 vom 04.08.1930)

7 Kommentare:

promenadenmischung hat gesagt…

"Es ist – wie schon erwähnt – wie im Tollhaus. Und die Irren, die Psychopathen, die Asozialen haben das Sagen."

Genau wie in E. A. Poe´s Short-Story "The Method of Dr. Tar and Professor Feather" – behandelt (oder eher misshandelt) werden die Falschen.

Troptard hat gesagt…

Hallo Charlie,

noch kein Spendenaufruf von Dir zum Jahresende?. Überall, und über allen Tannenspitzen, sieht man jetzt die Spendenaufrufe blitzen.

Der Herr Feynsinn hat sich inzwischen für die grosszügigen Spenden, für seine "Betteley" bei seinen Spendern bedankt und ihnen etwas dafür versprochen, möglicherweise Gedanken, worauf sie selbst nicht kommen.

Ehrlich gesagt bist Du für mich genau derjenige, der es gebrauchen könnte und sich für einen solchen Aufruf schämen würde.

Für mich wäre das aber in Ordnung, wenn es nicht in der Verbindung auftauchen würde, "Ware gegen Geld".

LG



Charlie hat gesagt…

@ Troptard: Das ist hier zwar OT, aber ich gehe davon aus, dass flatter ebenso auf die zusätzliche Kohle angewiesen ist wie viele andere der "Freigestellten", Zwangsverarmten, Armutsrentner, Erkrankten etc. in diesem gruseligen Land. Wenn ich das könnte, würde ich ihm ebenfalls eine Spende zukommen lassen - nicht, weil er darum - im Gegensatz zu so manch anderem übrigens sehr verhalten und bescheiden - bittet, sondern weil ich weiß, wie furchtbar das Leben am Rande des Existenzminimums bzw. darunter ist und weil ich viele seiner Texte überaus schätze.

Was mich betrifft, könnte ich es in der Tat nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, für mein Geschreibsel regelmäßig oder auch nur "zu Weihnachten" um Spenden zu bitten. Lapuente, Wellbrock oder die Gebetsschwestern von den Esos haben da eine deutlich schmerzfreiere Gewissenshornhaut. - In einer akuten Notsituation habe allerdings auch ich schon einmal um monetäre Hilfe gebeten, wie Du weißt. Ich bin also auch kein "Heiliger" in dieser Angelegenheit.

Ein Leser hat mir ungeachtet dessen vor einigen Wochen von sich aus eine Geschenk-CD samt Spende geschickt, worüber ich mir ein Loch in den Bauch gefreut habe. Ein herzliches Dankeschön an J. an dieser Stelle! :-)

Dir, Troptard, und einigen wenigen anderen Menschen bin ich ebenfalls zu großem Dank verpflichtet, weil sie mir in der Vergangenheit gelegentlich mit kleinen, mittleren und manchmal sogar größeren Beträgen aus eine bedrohlichen Klemme geholfen haben. Das soll und darf aber kein "Dauerzustand" werden. Es gibt Millionen von Menschen in diesem Land und im Rest der Welt, die viel dringender als ich auf solche Beihilfen angewiesen sind.

Liebe Grüße!

Charlie hat gesagt…

@ Promenade: Dazu passt vorzüglich: "(The System Of) Dr. Tarr And Professor Fether". :-)

Liebe Grüße!

epikur hat gesagt…

Toller Artikel und auf den Punkt gebracht!

Vor bald vier Jahren habe ich schon einmal von den sozialresistenten Schichten geschrieben. Wie man Steuerhinterzieher, Chef-Psychopathen, Umweltsünder, Pharma-Lobbyisten, Konzernbosse, Mafia-Kumpel usw. als "sozial stark" bezeichnen kann, nur weil sie eben mehr Geld haben, war mir schon immer ein Rätsel. Aber so ist das wohl, wenn Vermögen, Besitz und Eigentum der Maßstab sein soll, mit dem alles und jeder bewertet wird.

promenadenmischung hat gesagt…

Grand! You´re taking me back, dear Charlie …

Die LP hab ich mir damals gleich nach ihrem Erscheinen gekauft – für einen Poe-Fan wie mich ein Must Be! Wusste damals noch nicht, das ich mit diesem System später einmal in Berührung kommen würde (in zeitgemäß pharmazeutischer und therapeutischer Form …)

Troptard hat gesagt…

@ Epikur,

ich vermute , dass die Geldbesitzer im gesellschaftlichen Bewusstsein nicht nur mit erfolgreichen Menschen gleichgesetzt, sondern zugleich als diejenigen wahrgenommen werden, die durch unternehmerische Tätigkeit und Einsatz ihres Geldes als Kapital den gesellschaftlichen Mehrwert produzieren.

Der Lohnarbeiter hingegen in eigener und gesellschaftlicher Wahrnehmung nur als Bittsteller um Arbeit und dessen Lohn eben zu nichts mehr reicht, als für den Konsum, verbraucht ist, und keinen neuen Werte schafft. Seine Arbeitskraft als etwas beliebig Verfügbares, also keine besondere Qualität beanspruchen kann.

Ich überlege gerade, ob Begriffe wie "sozial stark bzw. sozial schwach" sich überhaupt dafür eignen, sie auf gesellschaftliche Gruppen, Personen bzw. Klassen anzuwenden.
Da kommt mir dann unweigerlich in den Sinn, dass solche Differenzierungen in einer
gesellschaftlichen Situation stattfinden, wo der sog.Sozialstaat im bismarkschen Sinne seine friedenstiftende Funktion nicht mehr erfüllen will oder kann und auch die Notwendigkeit dafür nicht mehr einsieht. Nach dem Motto, probieren wir einfach aus, wie weit wir gehen können und was passiert und ob etwas passiert.

Für mich wäre es die schlechteste aller Situationen, wenn die Reichen zu den "sozial starken" gekürt werden. Das würde dann wohl bedeuten, das sich der Sozialstaat vollkommen aus der Verantwortung zurückgezogen hat und diese medialen Spendenshows über den Bildschirm flimmern.

Ein Thema, was 2018 noch einmal an Brisanz gewinnen wird. Was in Frankreich gerade so von den Notstandserlassen des Präsidenten Macron durchsickert ist z.B., dass auch kleine Renten ab 2018 besteuert werden und die Nachtzuschläge für die Bereitschaft in Krankenhäusern bereits jetzt deutlich gesenkt worden sind.

Was ich dazu vom "mündigen Bürger" erwarte, meine Gedanken dazu, die behalte ich jetzt mal für mich.