Mittwoch, 25. Juni 2014

Realitätsflucht (3): Kingdoms of Amalur


Nun ist es wieder soweit: Während überall der Fußballterror den wirklichen Terror der kapitalistischen Ausbeutungs-, Überwachungs- und Unterdrückungsmaschinerie überlagert, habe ich mich mal wieder in virtuelle Landschaften geflüchtet und dieses Mal die "Königreiche von Amalur" gewählt.

Ich weiß (und wusste es vorher), dass dieses Spiel von vielen Seiten in der Luft zerrissen worden ist und offenbar auch ein ökonomischer Misserfolg für den "Premium"-Entwickler Electronic Arts war - dennoch wollte ich es mir nicht nehmen lassen, den kommerzialisierten Fehlschlag selbst auszuprobieren - einen herzlichen Dank an dieser Stelle an den edlen Spender, der mir das Spiel zur Verfügung gestellt hat.

Was soll ich sagen - es ist in der Tat ein "Rollenspiel für Dummies", das keine erwähnenswerten Rätsel oder andere Herausforderungen für den geneigten Rollenspieler bietet. Ich kann das zwar noch nicht abschließend beurteilen, da ich das Spiel erst (geschätzt aufgrund der bislang freigeschalteten Weltkarte) zu etwa zwei Dritteln durchgespielt habe, aber es würde mich arg wundern, wenn sich das jetzt im Endspurt noch änderte.

Trotzdem: Es ist ein wunderbares, unterhaltsames, fantasievolles Spiel, das in vielerlei Hinsicht überzeugen kann. Die Story ist zwar nicht progressiv, immerhin aber nicht langweilig und zudem stimmig erzählt - gerade die Umsetzung der Dialoge ist sehr professionell, was insbesondere für die englische Fassung gilt, denn die spiele ich: Es ist eine helle Freude, den verschiedenen englischen Dialekten zu folgen, die bestimmten Bevölkerungsgruppen von Amalur zugeordnet wurden. Es ist mitunter sehr erheiternd, den konsequent in konservativstem "British English", oftmals allzu arrogant vorgetragenen Predigden der "Feien" zuzuhören, während beispielsweise die Gnome ebenso konsequent mit einem überaus prägnanten schottischen Akzent reden.

Den einzigen Wermutstropfen mache ich hier bei den "Reisenden" ("Travellers") aus, die im Spiel die genrebekannte Gruppe der Diebe bildet. Die "Travellers" gibt es in Britannien und den USA allerdings wirklich, und es sind tatsächlich "Reisende" - wieso muss in einem solchen Spiel nun das altbekannte Ressentiment bedient werden, dass solche Menschen "Diebe" seien? Denken Menschen, die so etwas entwickeln, nicht nach - oder pflegen sie ein solches rassistisches Weltbild, frei nach dem Motto: "Zigeuner klauen eben"?

Davon abgesehen macht dieses Spiel einfach nur Spaß: Man kann die eigene Spielfigur in verschiedene Richtungen entwickeln und verschiedene Fähigkeiten erlernen und ausbauen - und die visuelle Umsetzung dieser Fähigkeiten in der Auseinandersetzung mit den vielen mehr oder weniger fiesen Gegnern, die überall in der großen Spielwelt lauern, ist fantastisch. Es versteht sich von selbst, dass man auch Tränke brauen, Waffen und Rüstungen schmieden und diese durch Magie verzaubern (also verbessern) kann - und im Gegensatz zu anderen Spielen darf ich hier resümieren, dass in den meisten Fällen die selbst hergestellten und verzauberten Gegenstände weitaus besser sind als alles, was man in der reichhaltig bestückten Welt von Amalur so findet.

In so mancher Kritik zu diesem Spiel habe ich Vergleiche zu "Skyrim" gefunden - was aber völliger Blödsinn ist, denn allein durch die comicartige Grafik wird ja schon klar, dass es hier um eine ganz andere Liga geht.

Ich jedenfalls freue mich tierisch darauf, das gebeutelte Amalur in Bälde von den fiesen Bedrohungen zu befreien ... :-)


Kommentare:

Störgröße hat gesagt…

Hey :-) - Ich habe nur mal 2 Stunden angespielt und naja, die Steuerung gefiel mir nicht, die Grafik so naja eben.
Aber ich hab mich anderweitig ausgeklinkt - hier im Netz bin ich nur noch selten. Gerade in der Phase "ich will das alles gar nicht mehr wissen" - ich verstehe die Menschen, die im Mittelalter in`s Kloster gingen.
Also, Balkon, Bücher, Kaffee, Kuchen :-) - Zeit ist ja genug, nachdem mein Chef meinte, 4 Stunden Arbeit reichen auch ;-) - Ich werde dabei bestimmt hundert Jahre alt - viel Spaß noch - Divinity hast du ja bestimmt durch und hoffentlich den Ballon am Ende gut beschützt, das war ja mal richtig schwierig! Man

Charlie hat gesagt…

@ Störgröße: Wenn Du irgendwann mal Langeweile haben solltest, gib dem Spiel einfach eine zweite Chance ... es ist wirklich lange nicht so schlecht wie sein Ruf, auch wenn es (auf der Stufe "leicht") so leicht ist, dass sogar ein Grobmotoriker wie ich bislang nicht ein einziges Mal den Löffel abgegeben und sogar nur zweimal einen Heiltrank gebraucht hat. Und das will wahrlich etwas heißen. :-)

Ansonsten kenne ich diese Rückzüge oder "innere Emmigration" sehr gut - ich habe immer mal wieder solche Phasen, in denen ich von dem ganzen Irrsinn um uns herum nichts mehr hören mag. Glücklicherweise ging das bisher stets wieder vorbei - ich wünsche Dir möglichst dasselbe.

Wobei: Bei mir sind es gerade die Bücher, die mich immer wieder zurück in die gruselige Realität finden lassen ... was aber vielleicht mit der Art meiner heute bevorzugten Lektüre zusammenhängt. ;-) Der Zeit, als ich noch ganze Sommer lang in irgendwelchen Romanen von Novalis oder Eichendorff versinken konnte, trauere ich schon ein wenig nach. Vielleicht kannst Du da besser gegensteuern als ich.

Zu dem Schluss des Divinity-2-Add-Ons sage ich aber besser nichts - so oft, wie ich da kläglichst verkackt habe, lässt sich darüber nur der gnädige Mantel des Schweigens und Vergessens legen. ;-) - Ein tolles Spiel bleibt es aber natürlich.

Liebe Grüße!

Störgröße hat gesagt…

Ok, ich geb`s zu, den Schluss habe ich weggelassen, nachdem ich in die Teppichkante beissen wollte ;-)
Ich les ja gerne Scifi-Bücher, es darf auch ruhig etwas kompliziert sein, so wie Greg Egan "diaspora" und im Moment Horror von Clive Barker, da bin ich dann froh, wenn ich wieder in der Realität bin ;-)