Mittwoch, 22. April 2015

Song des Tages: The Night of the Living Dead, oder: Deutschland.




(The Vision Bleak: "The Night of the Living Dead", aus dem Album "The Deathship Has a New Captain. 9 Songs of Death, Doom and Horror", 2003)

It was a chilly eve as fog rose from the tombs
and owls were howling, proclaiming our doom.
Look and behold! Shadows walking,
The dead are calling ...

This is the night of the living dead,
A nightmare -
The devil's called his creatures,
all are out to get your head!
This is the night of the living dead -
Oh Baby, this is the night of the undead ...

They creep and crawl down from the hills,
with penetrating stench, the air is slowly filled.
Look and behold! Shadows walking,
The dead are calling ...

This is the night of the living dead,
A nightmare -
The devil's called his creatures,
all are out to get your head!
This is the night of the living dead -
Oh Baby, this is the night of the undead ...



Anmerkung: An diesen Song musste ich unwillkürlich denken, als ich kürzlich nach längerer Abstinenz mal wieder in die "City" musste und mit den konsumwütigen Zombiehorden, die dort in Massen wie gedanken- und bewusstlos durch die schrille Einkaufshölle der glitzernden Fassaden stapften, konfrontiert wurde. Die üblichen und deutlich sichtbar zunehmenden kapitalistischen "Kollateralschäden" - wie beispielsweise Obdachlose, Bettler, herumirrende, offensichtlich narkotisierte Gestalten oder Alte, die in Mülleimern nach Pfandflaschen oder sonstigen "Wertgegenständen" suchen - gehörten wie selbstverständlich dazu, und kaum jemand nahm irgendeine erkennbare Notiz davon.

"Welch ein furchtbarer Horror", dachte ich noch, als ich mich endlich wieder auf der Rückfahrt ins ländliche, abgelegene Idyll - froh, der Zombiehölle einmal mehr entkommen zu sein - befand. Dort angekommen, musste ich mich aus Gründen, die ich hier nicht erläutern will, tatsächlich des Sonntags in die örtliche Kirche begeben. Dort erlebte ich das Folgende:

In gebührlichem Abstand zum Eingang der Kirche saß ein offensichtlich völlig verarmter, "südländisch" aussehender Mensch in zerrissener Kleidung, der eine Dose in den Händen hielt und ansonsten nichts tat - er sprach nicht, er gestikulierte nicht, er war völlig regungslos und blickte die vorbeilaufenden KirchgängerInnen lediglich an. Das war alles. Ich war gespannt, was sich nun ereignen würde und stellte mich etwas abseits unter einen Baum, rauchte eine Zigarette und beobachtete.

Ich fürchte, dass jeder schon ahnt, wie die Geschichte weiterging: Niemand beachtete den Mann - die an ihm vorbeigehenden "Gläubigen" unterließen es konsequent, ihn auch nur eines einzigen direkten Blickes zu würdigen, und es dauerte keine zehn Minuten (eher waren es fünf), bis der hochverehrte Herr Pfarrer persönlich erschien und den Mann leise, aber bestimmt des Platzes verwies.

Als ich meine Zigarette aufgeraucht hatte und das "Gotteshaus" äußerst widerwillig ebenfalls betrat, sprach mich im Foyer direkt eine ältere Dame in empörtem Tonfall an (Originalzitat): "Diese Penner werden aber auch immer dreister! Ist das eigentlich erlaubt?" - Ich hätte gerne geantwortet: "Zombie, geh' doch endlich Gehirne fressen - vielleicht wirkt's ja!", aber leider hat's nur zu einem gezischten "Ich finde es extrem beschämend, wie Sie sich hier verhalten" gereicht. Die Empörung der nach Luft schnappenden Dame wuchs dennoch und sie würdigte nunmehr mich keines Blickes mehr. Auch die Umstehenden sahen mich entgeistert an - mein relativ geruhsames Leben in der scheinbaren Dorfidylle ist nun wohl vorbei.

Das Thema der Predigt des "Gottesdienstes", dem ich sodann unter üblen Brechreizattacken folgen musste, lautete zu allem Überfluss: "Unsere christliche Solidarität mit Flüchtlingen", und die versammelte Gemeinde warf zwischen den frommen Liedern und Gebeten fleißig Spenden in den "Klingelbeutel".

Allerspätestens seit diesem surrealen Erlebnis weiß ich: Der obige Song sollte (wohl nicht nur) in dieser Kirche zur ständigen Beschallung eingesetzt werden. Zombieland ist überall in Deutschland - gewiss nicht nur in den Großstädten.


Kommentare:

epikur hat gesagt…

Wenn "die Deutschen" (ich sag es mal so) etwas wirklich gut beherrschen, dann ist es die allseits gepflegte und kultivierte Bigotterie. Ich, als Stadtmensch, erlebe das fast täglich.

Anonym hat gesagt…

Fundstück, 1889 geschrieben:

"Ich fühlte mich überall fremd. Ich hasste dieses Volk, welches nur arbeitet, um die Zeit zu töten, das ohne Arbeit Langeweile hat. (...) Dabei tat dieses Pack so bieder, als hätten sie allein eine Berechtigung zum Leben." (Paul Scheerbart)

oblomow

Charlie hat gesagt…

@ epikur: Da bin ich ja heilfroh, dass ich diesen widerlichen Charakterzug einiger/vieler Mitmenschen in meiner selbst gewählten Eremitage "nur gelegentlich" hautnah mitbekommen muss. Es ist auch so schon unerträglich.

Charlie hat gesagt…

@ oblomow: Dazu fallen mir zwei Textpassagen ein - beide von bedeutenden Vertretern dieses "Landes der Dichter und Denker". Einmal Heinrich Heine:

Sklaverei der Deutschen: Der Sklave, der dem Herrn gehorcht ohne Fessel, ohne Peitsche, durch das bloße Wort, ja durch einen Blick – die Knechtschaft ist in ihm selbst, in seiner Seele.

Und passend dazu Friedrich Hölderlin:

So kam ich unter die Deutschen. Ich forderte nicht viel und war gefasst, noch weniger zu finden. [...]

Barbaren von Alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark [...], in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes [...].

Deine Deutschen aber bleiben gerne beim Notwendigsten, und darum ist bei ihnen auch so viel Stümperarbeit und so wenig Freies, Ächterfreuliches. Doch das wäre zu verschmerzen, müssten solche Menschen nur nicht fühllos sein für alles schöne Leben, ruhte nur nicht überall der Fluch der gottverlassnen Unnatur auf solchem Volke. [...]

Die Tugenden der Deutschen aber sind ein glänzend Übel und nichts weiter; denn Notwerk sind sie nur, aus feiger Angst, mit Sklavenmühe, dem wüsten Herzen abgedrungen, und lassen trostlos jede reine Seele, die von Schönem gern sich nährt, ach! die, verwöhnt vom heiligen Zusammenklang in edleren Naturen, den Misslaut nicht erträgt, der schreiend ist in all der toten Ordnung dieser Menschen.

Ich sage dir: es ist nichts Heiliges, was nicht entheiligt, nicht zum ärmlichen Behelf herabgewürdigt ist bei diesem Volk, und was selbst unter Wilden göttlichrein sich meist erhält, das treiben diese allberechnenden Barbaren, wie man so ein Handwerk treibt, und können es nicht anders, denn wo einmal ein menschlich Wesen abgerichtet ist, da dient es seinem Zweck, da sucht es seinen Nutzen [...]. [...]

Ich wollte nun aus Deutschland wieder fort. Ich suchte unter diesem Volke nichts mehr, ich war genug gekränkt, von unerbittlichen Beleidigungen, wollte nicht, dass meine Seele vollends unter solchen Menschen sich verblute.


Liebe Grüße!