Freitag, 3. Juli 2015

Realitätsflucht (23): Risen 2 - Dark Waters


Heute möchte ich anlässlich der zur Erhaltung meiner geistigen Gesundheit aktuell extrem notwendigen Realitätsflucht über ein Spiel berichten, das ein sehr schweres Erbe angetreten hat - nämlich "Risen 2: Dark Waters" aus dem Jahr 2012. Dieses Spiel, das wie der Vorgänger "Risen" sowie die "Gothic"-Reihe (Teile 1 bis 3) vom deutschen Entwickler Piranha Bytes stammt, habe ich seinerzeit heiß erwartet - und nach dem Erscheinen dann doch nicht gekauft. Dazu gleich mehr.

Das Spiel, das ich vor gut einem Jahr unerwartet als Geburtstagsgeschenk doch noch erhalten habe, hat mich extrem enttäuscht. Einerseits habe ich meine durch diverse Rezensionen und Videos vorgefasste negative Meinung in weiten Teilen bestätigt bekommen - andererseits haben mich wenige Abschnitte dieses Spiel aber auch schmerzlich daran erinnert, welch wunderbare Spielwelt da verloren gegangen ist.

Zunächst war es die übliche DRM-Pest - im vorliegenden Falle eine zwingend vorgeschriebene Anbindung des Spiels an die "Steam"-Krake, die unter anderem Zwangsupdates, eine lückenlose Überwachung der Spielaktivität sowie eine nicht wieder verkaufbare DVD zur Folge hat -, die meine Lust auf das Spiel gänzlich verscheuchte. Darüber habe ich mich nach dem unerwarteten Geschenk schweren Herzens hinweggesetzt und einmal mehr einen Wegwerf-Steam-Account mit entsprechender Trash-Mailadresse eröffnet - was die Sache aber nicht weniger unschön macht, da interessierte Kreise über die IP und andere Mechanismen in unserem "freiheitlich-demokratischen" Überwachungsstaat ja trotzdem an die gewünschten (also meine) Daten kommen.

Das Spiel hat mit dem Vorgänger "Risen" und erst recht mit der "Gothic"-Reihe nicht mehr viel zu tun - man merkt an sämtlichen Details, dass hier auf Massen- und damit auch Konsolenseuchen-Kompatibilität hin entwickelt wurde. Ecken und Kanten gibt es in diesem Spiel allenfalls noch als lästige Bugs, nicht mehr als "Features". Nach dem Start wird der Spieler in eine quietschbunte, allzu kleine und nahezu nirgends tatsächlich überzeugende Südsee-Welt des frühen 19. Jahrhunderts geworfen, in der sich der aus dem Vorgänger bekannte "namenlose Held" aufmacht, als Pirat die Welt einmal mehr vor dem drohenden Untergang zu retten. Die offene Welt vergangener Piranha-Spiele ist damit Geschichte: Es gibt hier lediglich einige Inseln, die man im Verlauf des Spieles besucht und nacheinander "freischaltet"; diese bestehen aber größtenteils aus schlauchartig angelegten Arealen und haben mit einer frei begehbaren Spielwelt, wie man sie aus der "Gothic"-Reihe kennt, nichts mehr zu tun.

Wie das immer so ist, wenn "die Masse" das Ziel irgendwelcher Unternehmungen bzw. Entwicklungen ist, sucht man auch hier halbwegs fordernde Rätsel oder auch nur Dialogoptionen, welche die intellektuellen Fähigkeiten eines durchschnittlich begabten Primaten überschreiten, vergebens. Entsprechend vorhersehbar und stinklangweilig gestaltet sich auch die Geschichte. Der Titel "Risen" ist eigentlich nicht mehr gerechtfertigt, denn die aufgestiegenen, rätselhaften Ruinen, die im ersten Teil noch zumindest eine ansatzweise storybedingte Relevanz besaßen, verkommen hier zur bloßen Staffage, die man im Verlauf der Geschichte "mitnehmen" - also erkunden - darf, dies aber größtenteils auch bleiben lassen kann.

"Risen 2" ist nicht nur furchtbar langweilig, sondern ebenso furchtbar einfach, wobei ich das Adjektiv hier durchaus im Sinne von "grässlich" verstanden wissen möchte. Es ist, selbst in höheren Schwierigkeitsgraden, praktisch unmöglich, in diesem Spiel zu scheitern (vom Endkampf einmal abgesehen). Darüber hinaus stehen dem geneigten Schummler natürlich auch hier vielfältige Möglichkeiten des "Cheatens" zur Verfügung, falls eine Aufgabe trotz alledem unlösbar erscheinen sollte. Ich verstehe die Entwickler in dieser Hinsicht ja nun so gar nicht: Wenn sie die Möglichkeit des auch für Deppen leicht erlernbaren "Cheatens" schon in ihr Spiel einbauen, wieso machen sie es dann trotzdem so leicht, dass es auch in der regulären Version sogar für schwerfällige Grobmotoriker wie mich völlig problemlos spielbar ist?

In der Branche ist es ja üblich, nach der Veröffentlichung eines Spieles noch weitere, "zusätzliche Inhalte" nachzuliefern, was inzwischen längst zu einem bekannten Geschäftsmodell zur Profitmehrung geworden ist. Meist werden dafür reguläre Inhalte zuvor einfach herausgenommen und dann später als "DLC" erneut verkauft. Piranha Bytes haben dieses Prinzip bei "Risen 2" auch angewandt - und sind dabei böse aufgeflogen: Die "zusätzlichen Inhalte" waren nämlich bereits auf der regulären DVD enthalten und konnten anfangs noch via Cheat-Konsole kostenfrei freigeschaltet werden, was man nach Bekanntwerden aber schnellstens mit einem über "Steam" eingespielten Zwangsupdate unterbunden hat. - So macht man sich gewiss keine Freunde, liebe Abzocker.

Das Spiel besitzt ein paar Momente, die an die zurückliegenden Glanzlichter aus diesem Entwicklerstudio erinnern - insbesondere sind hier einige wenige, gewohnt freche Dialoge hervorzuheben. Die deutsche Vertonung inkl. der aus dem Vorgänger bekannten SprecherInnen ist wie gewohnt professionell und durchaus stimmig. In Gänze aber verkackt das Spiel auf ganzer Linie und kann auf keiner relevanten Ebene an "Risen" oder gar "Gothic" anknüpfen. Der Soundtrack erklingt lieblos, geradezu austauschbar und zuweilen gar nervig hingerotzt; die dünne Geschichte kann nur in seltenen, kurzen Momenten fesseln und ist ansonsten schlicht langweilig; die Grafik bleibt weit hinter dem zurück, was 2012 machbar gewesen wäre; und die karibische Piratenwelt kann ich nur als einen dünnen Abglanz des Potenzials beschreiben, das nach "Risen" erwartet werden konnte. Über die äußerst eingeschränkten Möglichkeiten der Charakterentwicklung samt spezieller Fähigkeiten wie beispielsweise das Schmieden, die Alchemie, die Magie (die hier zum "Voodoo" konvertiert wurde) etc. lasse ich mich besser gar nicht erst aus.

"Risen 2" ist letzlich belanglose Konsolenkacke vom Fließband, die jemandem, der die Vorgängerspiele kennt, nur bitterste Tränen der Wehmut in die Augen treibt.

Piranha Bytes sind diesem - trotz allem offenbar profitträchtigen - Irrweg inzwischen weiter gefolgt und haben mit "Risen 3: Titan Lords" das wenige, das in "Risen 2" noch einigermaßen erträglich war, rigoros ausgemerzt und den schlimmen Rest dafür konsequent ausgebaut. Aber das ist eine andere Geschichte, von der ich vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt berichten werde. Stattdessen hier noch ein offizieller Trailer zu "Risen 2", der dem wirklich schlechten Spiel nicht einmal dann gerecht wird, wenn man alle Bedenken über Bord und sich kritiklos dem Mainstream an den Hals wirft:


Kommentare:

Hubert Farnsworth hat gesagt…

Du gehst mit steam ein wenig zu hart ins Gericht finde ich. Wenn du dich da einmal erfolgreich angemeldet hast und das Spiel dann aktiviert hast kannst du denn offline Modus aktivieren und keiner von GabeN's Minions kann dich mehr beim zocken überwachen. Desweiteren kann man steam sehr gut mit aktivem vpn betreiben und dann weiss auch niemand mehr wer du bist und wo du herkommst.

Ich seh das mit dem ganzen DRM- und always online-Mist bei Spielen ja auch sehr skeptisch, aber das werden wir nicht mehr los. Dafür gibts zu wenige die sich da Gedanken drüber machen. Und Steam ist, was DRM-Maßnahmen angeht tatsächlich das kleinere Übel. Guck dir mal die Plattform von EA an, oder Ubisofts abgründig schlechtes Uplay.

Muss allerdings auch zugeben dass ich bei dem Thema nicht ganz objektiv bin, ich nutze steam nämlich nicht nur als Spiele-Launcher und DRM-Gängelei, sondern auch um mit gleichgesinnten Spielern in Kontakt zu kommen (und bleiben), für Multiplayer-Games, als Chatprogramm und zwei bis dreimal im Jahr (Stichwort Summer Sale) um mich mit günstigen Titeln einzudecken, die du für den Preis in keinem echten Laden der Welt kaufen kannst. Die Vorteile überwiegen die Nachteile IMHO bei weitem.

Die Angst, dass meine Steam Games Sammlung eines Tages einfach im Orkus verschwindet, weil die pleite gehen oder mir den Account sperren, ist unbegründet, da es Mittel und Wege (sehr einfache, möchte ich hinzufügen) gibt, sämtliche DRM-Funktionen von Steam zu deaktivieren.

Ich habe mich Steam auch jahrelang verweigert, aber ich muss sagen dass ich heute froh bin meine Meinung geändert zu haben (als Team Fortress 2 damals herauskam), weil ich einen nicht unbeträchtlichen Teil meiner sozialen Interaktionen über Steam ausführe. Würde ich ab heute auf Steams Community Funktionen verzichten müssen, mir würde definitiv etwas fehlen.
Nur um mal einen anderen Gesichtspunkt des "Kraken" zur Sprache gebracht zu haben ;-)

Liebe Grüße

Charlie hat gesagt…

@ Hubert: "Steam" ist ja nur ein Randthema dieses Postings, aber ich gebe gerne zu, dass es auch ein rotes Tuch für mich ist. ;-) Wenn Du damit zufrieden bist und sogar einen gewissen Nutzen daraus ziehst, sei Dir das von Herzen gegönnt. Meine Kritik in diesem Zusammenhang berührt das aber nicht, denn selbstverständlich speichert die "Steam"-Software auch im "Offline"-Modus sämtliche Daten und gibt sie dann eben bei der nächsten Online-Verbindung weiter. Auch Zwangsupdates lassen sich meines Wissens nicht verhindern.

Das Argument "das werden wir nicht mehr los" ist auch wenig überzeugend, denn sogar Piranha Bytes haben inzwischen auf die vielfältige Kritik aus der Spielerszene (und die damit offenbar verbundenen Umsatzeinbußen) reagiert: "Risen 3" ist zumindest in der DVD-Version DRM-frei und benötigt keinen "Steam"-Account mehr. Scharfe Kritk "lohnt" sich also. ;-)

Wenn das ganze freiwillig wäre, hätte ich ohnehin nie ein Wort darüber verloren - es ist dieser absurde Zwang, über den ich mich so aufrege, in Kombination mit der generellen und nicht rückgängig zu machenden Bindung eines Spieles an einen bestimmten Account, der das Wiederverkaufen von einmal erworbenen Spielen ebenso unmöglich macht wie das Erstellen eines neuen Accounts (was gelegentlich durchaus sinnvoll sein kann, wenn man einen solchen Dienst nutzt).

Die "schönen Erfahrungen" beispielsweise mit "Uplay" stehen mir noch bevor, da ich vor kurzem "Assassin's Creed 2" bekommen habe, das diesen Bockmist ja erfordert. Ich bin noch unschlüssig, ob ich auch dieses üble Überwachungstool installieren soll - vielleicht verzichte ich auch einfach auf das Spiel, das mich ohnehin nur sehr mäßig reizt.

Liebe Grüße!

Hubert Farnsworth hat gesagt…

Ja das Argument war lahm, ich gebs ja zu :-)
Aber bei 5,5 bis 10 Millionen Nutzern, die man zu jeder Zeit Online findet, ist es ne ziemlich sichere Sache, das Steam uns noch eine Weile erhalten bleibt.
Autoupdates kann man uebrigens sehr wohl abschalten, allerdings solltest du das Spiel dann besser erst aktivieren und vor (!) der Installation schon in den Einstellungen "automatische Updates fuer dieses Spiel deaktivieren" auswaehlen.
Eins noch zu Steam: Dadurch dass Valve nicht an der Boerse gehandelt wird und weil Gabe Newell im Herzen ein Gamer ist, sind den Steam-Nutzern die Gewinnoptimierungsmassnahmen anderer Firmen weitgehend erspart geblieben. Dem sitzt halt kein Aufsichtsrat im Nacken. Und die Datensammelwut haelt sich auch in Grenzen. Es hat da mal irgendwo im Netz nen Bericht gegeben was Steam so alles sammelt, ich finds jetzt nicht wieder, aber es war wirklich nicht so dramatisch wie man denken koennte.
Zum Spiel: Ich habs nicht gespielt, aber mir schon einige Male Reviews davon durchgelesen (noch so ein plus von Steam, scnr ;-)) und da die sich mit deinen Erfahrungen soweit decken, hab ich mich dagegen entschieden und meine paar Kroeten lieber fuer was anderes ausgegeben.
Von Assassins Creed 2 kann ich dir auch nur abraten, allein aus dem einen Grund: uplay. Diese schlecht als Steam-Clone getarnte Ausgeburt der Hoelle ist DIE SCHLIMMSTE Software die ich je auf meinem PC hatte. Das Spiel an sich soll wohl deutlich besser als das erste sein (welches ich als hübsch aber relativ langweilig und sehr repetitiv erlebt hab), aber uplay, omg uplay. Hinzu kommt ein völlig unfähiger Support wenn was schieflaeuft (und schieflaufen wird es mit uplay, da kannst du dir fast sicher sein).
Mit dem Erscheinen von uplay und den Problemen die ich damit schon gehabt habe, hat Ubisoft sich erfolgreich an die Spitze meiner Gaming-Company-Shitlist gesetzt, knapp vor EA. So schlimm ist uplay (Hint: always-online-zwang, oder du kannst nicht speichern, bei mir hat es nach der Installation von Farcry 3 "vergessen" dass ich Anno 2070 besitze und der unfähige Support war nicht in der Lage mir mein nachweislich gekauftes Spiel wieder zu aktivieren. Fazit: Nie wieder sieht Ubisoft einen Cent von mir). Wenn du wirklich AssGreed spielen willst besorg dir vorher nen Crack.

Lieben Gruss