Mittwoch, 2. März 2016

Armut im Kapitalismus, oder: Wasser ist nass


Ach, wie überraschend: Die Armut nimmt in Deutschland, dem es laut Merkel und ähnlichen Stiefelleckern der "Elite" ja "gut" gehe, kontinuierlich zu. Potzblitz, wie kann das inmitten des "besten aller möglichen Systeme" denn bloß sein, fragt sich da der verzweifelte Michel und bekommt die Antwort ohne Umwege von ganz rechts (AfD, NPD, CDU etc.), jüngst noch verstärkt durch das braune Megaphon der SPD: Der böse Flüchtling ist es, der "uns" alles wegnimmt. Im Kindergarten kann es wahrlich nicht infantiler zugehen.

Die Propaganda wird entsprechend nicht müde, immer neue Grotesken aus dem Hut zu zaubern. So behauptete der WDR unter Bezugnahme auf den jüngsten Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes vor einigen Tagen ganz dreist: "Demnach ging bundesweit die Armutsquote im Jahr 2014 um 0,1 Prozentpunkte auf 15,5 Prozent zurück." - Wer sich den Bericht etwas genauer ansieht, erkennt sofort den Bullshit-Faktor dieser Behauptung, die nur durch statistische Tricksereien ("Wir nehmen als Bezugspunkt 2013 und blenden den Rest einfach mal aus!") zustande kommen kann. Das wissen freilich auch die gut bezahlten Autoren des WDR und ergänzen hilflos:

Seit 2006 nimmt die Armut [in NRW] stetig zu - von 13,9 Prozent auf jetzt 17,5 Prozent. Ein Anstieg von 26 Prozent, den es so in keinem anderen Bundesland gegeben hat. Zum Vergleich: Bundesweit stieg die Quote um zehn Prozent.

Selbstverständlich ist auch das statistischer Schwachsinn, der aber immerhin der Realität etwas näher kommt. Nicht einmal die im Beitrag präsentierte Grafik, die ebenso zum Bullshit-Bingo gehört, belegt die anfängliche Behauptung eines bundesweiten angeblichen Rückgangs der Armut, die zynischerweise auch noch unter dem Titel "Zahl der Woche" veröffentlicht wurde:



Etwas ehrlicher - wenn auch immer noch weit von der Realität entfernt und ebenso zynisch - präsentiert sich zu diesem Thema n-tv, wo kürzlich zu lesen war:

Arm trotz guter Wirtschaftslage / Das Ruhrgebiet ist der neue Osten [sic!] / (...) Forscher und Sozialverbände stellen fest: Der Osten ist nicht mehr das Armenhaus Deutschlands und die Freude auf ein sorgloses Leben im Alter ist ein Trugbild.

Wer hier aber nach Informationen sucht, weshalb die bittere Armut zukünftig immer mehr Rentner betrifft oder welche Rolle das perverse Hartz-Zwangsverarmungssystem in diesem bösen Spiel innehat, wird selbstverständlich enttäuscht. Den deutlichen Knick nach 2005 (Einführung des Hartz-Terrors) in der obigen Grafik muss der geneigte Leser selbst interpretieren. Es gibt auch hier keine Informationen, geschweige denn Hintergrundberichte - gehen Sie bitte weiter und akzeptieren Sie das Fiasko als gottgegeben und nicht etwa von asozialen Elementen aus der Politik verursacht: "Schuld sind die Flüchtlinge, die faulen Arbeitslosen, die Kranken und die Rentner." Das wird zwar in keinem der beiden Texte so gesagt, schwingt aufgrund der fehlenden Information über die wirklichen Hintergründe aber stets mit. Wer das für einen Zufall oder ein Versehen hält, darf in Kürze gemeinsam mit meinen Kindern den Osterhasen jagen.

Wenn ein Journalist oder Politiker auch nur eine einzige Stunde seiner belanglosen Lebenszeit damit verbrächte, in einer Bibliothek einschlägige Texte zum Thema zu lesen, wüsste er oder sie sofort, wieso es in der Endphase des Kapitalismus selbstverständlich zu vermehrter, tendenziell stark zunehmender Verarmung der Massen kommen muss. Den größtenteils akademisch gebildeten Herr- und Frauschaften aus diesen illustren Kreisen darf also guten Gewissens unterstellt werden, hier ganz bewusst - und natürlich aus purem Eigeninteresse - zu verschleiern und zu lügen.

Es ist schlicht hirnzersetzend, dass es der elitären Bande im 21. Jahrhundert immer noch gelingt, irgendwelche arme Schlucker, denen es noch drei- oder gar zehnmal mieser geht als den verarmten "Volksgenossen", für den Niedergang der hiesigen "Mittelschicht" verantwortlich zu machen. Die superreichen Arschlöcher, die tatsächlich verantwortlich sind, lachen sich derweil einen Ast und freuen sich vermutlich diebisch auf den kommenden Faschismus, der ihnen erneut riesige Profite verspricht. Das "Perpetuum Mobile" der absurden Perfidie soll sich schließlich weiter drehen - auch nach dem kommenden Zusammenbruch.

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Das neue Proletariat


"Ein armer geistiger Arbeiter bittet um einen warmen Löffel."

(Zeichnung von Eduard Thöny [1866-1950], in "Simplicissimus", Heft 7 vom 12.05.1920 [Beiblatt])

Kommentare:

Matthias Eberling hat gesagt…

Es geht doch noch viel schlimmer: in Amerika kämpft ein Milliardär mit einer Multimillionärin um das Weiße Haus - und ein Außenseiter, der sich "Sozialist" nennt, möchte die Lage für die abgehängte Masse der Bevölkerung immerhin nicht weiter verschlechtern ...

Da sind wir mit unseren Pfarrerstöchtern, verhinderten Studienräten und Weinköniginnen noch gut bedient :o)))

Charlie hat gesagt…

@ Matthias: So kann man es natürlich auch sehen, wenn man sich genügend Sarkasmus zusammengespart hat. ;-)

Matthias Eberling hat gesagt…

@ Charlie

Sarkasmus wird bei mir aus vollen Fässern gezapft. Ich werde im Sommer fünfzig und will noch das Ende des Neoliberalismus erleben. Mit Witzblattfiguren wie Trump oder Gabriel geht es eben schneller dem Abgrund entgegen. Klimawandel ist einfach zu langsam für einen Mann in meinem Alter :o)

Charlie hat gesagt…

@ Matthias: In dieser Hinsicht unterscheiden wir uns offenbar, Altersgenosse: Ich bete jeden Tag inständig dafür (obwohl ich gar nicht weiß, zu wem, da ich ja Atheist bin), dass ich rechtzeitig vor dem Showdown den Löffel abgeben darf.

Allerdings befürchte ich, dass es ohnhin unerheblich ist, welche Sockenpuppen da gerade ihre hässlichen Fratzen in die Kameras halten - ob sie nun Trump, Clinton, Gabriel, Schäuble oder Hinzkunz heißen, macht wohl keinen Unterschied. Der Knall wird kommen, das ist so sicher wie der liebevolle Priester in der Jugendarbeit der Kirchen.

Ich schaue mir zu diesem Anlass doch lieber die Radieschen von unten an. ;-)

Matthias Eberling hat gesagt…

Willst du denn nicht wissen, wie der Film ausgeht? Wir sitzen jetzt schon so lange im Kino, wir wissen, dass Sklaven unser Popcorn hergestellt haben und die Cola mit Blut gemischt ist ... ich habe meinen Traum von den Laternenpfählen, an denen die Kapitalisten baumeln, noch nicht aufgegeben. Wir werden Rollatorpolo unter ihren Lackschuhen spielen, Alter :o)))

Charlie hat gesagt…

Aber nein - ich weiß doch jetzt bereits, wie der Film ausgeht. Das muss ich wirklich nicht live erleben. Wer das möchte, ist ja "frei", das auch zu tun. ;-)

Was meine feuchten Träume von baumelnden Kapitalisten angeht, gehören die offensichtlich in den Bereich der privaten Illusion. Ich hege und pflege sie auch, natürlich, und es ist stets ein Genuss, sie immer mal wieder aufleben zu lassen, wenn ich Brecht, Hasenclever (seine Nachdichtung des "Antigone"-Stoffes ist großartig) oder Tucholsky lese - aber seien wir doch mal ehrlich: Was ist wohl wahrscheinlicher: Baumelnde Kapitalisten und ein Start in eine neue, gerechtere Welt - oder die allzu bekannten, größtenteils bereits "erprobten" Fantasien eines Orwell oder Huxley? Die Antwort dürfte nicht schwerfallen.

Allein in Deutschland müssten ja so unsäglich viele Schlips-Borg baumeln, dass die widerlichen Ergüsse des dann ebenfalls baumelnden Sarrazin angesichts eines stark entvölkerten Landes eine ganz neue Bedeutung bekämen ... :-)

Ich bleibe bei meinen Radieschen. :-)

Matthias Eberling hat gesagt…

Du kannst hundert Jahre alt werden und deine Hoffnungen, deine linken Utopien nicht aufgeben. Schau mal am 7. März in meinen Blog, wenn ich über Theodor Bergmann schreibe.

jakebaby hat gesagt…

Der Neoliberalismus ist zuende wenns nix profitables mehr zum kaputtmachen gibt.

Mir geht das auch zu langsam.

R@iner hat gesagt…

Dieses Endzeitgelaber geht nun schon seit Jahrzehnten. Ich teile diese Einschätzung nicht, denn im einfachsten Fall gibt's ein paar Kriege mehr und dann geht's mit dem Wiederaufbau wieder von vorne los.
Formulierungen wie "Die superreichen Arschlöcher, die tatsächlich verantwortlich sind" halte ich für wenig hilfreich, besonders dann, wenn man auf ME-Werke hinweist. Ich meine, genau das steht da nämlich nicht drin.

epikur hat gesagt…

Auf den Punkt gebracht!

Die Verachtung der Armen ist die stetige Rechtfertigung und Ablenkungsstrategie davon, dass die Reichen nur reicher werden können, wenn die Armen (noch viel) ärmer werden. Die Erkenntnis über diesen Zusammenhang gilt es unter allen Umständen zu verhindern. Dafür sind sie da, die Lohnschreiber.

Matthias Eberling hat gesagt…

@ Rainer

"ME-Werke" - damit bin ich gemeint, oder?

Und genau da stehen solche Sachen auch drin :o)

MT hat gesagt…

@Matthias

Nee, ich glaube er meint Marx und Engels.

Andy Bonetti hat gesagt…

@ MT

Echt jetzt? Nee, oder? Dann ist die MEGA also gar nicht die Matthias-Eberling-Gesamtausgabe? So'n Mist, verdammt ...

MT hat gesagt…

@Matze_the_Godfather_of_bad_Jokes

Na ja, bei Dir weiß man ja nie, wie Du das meinst. Aber Asche auf mein Haupt. Ich kann mit Deinem Humor wirklich nicht viel anfangen. Ich bin mir aber sicher mit Deinem Bonetti-Kram kommst Du auch noch mal richtig groß raus. Dann gibt's da auch keine Verwechslung mehr... ;-)

Charlie hat gesagt…

@ Matthias: Es ist mir ja rätselhaft, wie man (Vorsicht: es folgt Humor aus der untersten Schublade, den nicht einmal die Titanic veröffentlichte und der nur Wenigen zugänglich sein mag) angesichts des Links ("mlwerke") darauf kommen kann, es seien möglicherweise die Bücher des Schweinemann-Lings gemeint. ;-) Oder heißt Du in Wahrheit gar Matthias Lästerling? :D

Selbstverständlich stelle ich mich nach diesem unsäglich peinlichen Kommentar mit dem Eselshut auf dem Kopf unverzüglich in die nächste Ecke. Er musste dennoch sein. ;-)

Charlie hat gesagt…

@ R@iner: Du bist lustig. Das "Endzeitgelaber" findest Du "nicht hilfreich" (allein diese Formulierung reizt schon zu unkontrolliert zuckenden, an den Kopf greifenden Handbewegungen), beschwörst aber im selben Satz genau die finsteren Aussichten, die der kapitalistisch gebeutelten Menschheit höchstwahrscheinlich unmittelbar bevorstehen ("ein paar Kriege mehr").

Wieviel "Endzeit" benötigst Du denn noch? Selbstverständlich wird es nach dem kommenden Zusammenbruch wieder einen Neustart des kapitalistischen Terrors geben - diese unschöne These vertrete ich seit Jahren und weise immer wieder darauf hin. Was könnte denn "hilfreicher" sein als dies?

MT hat gesagt…

Ach ja und sorry für meinen blöden Kommentar. Ich habe gestern in der Eile die Kommentare nur überflogen und dabei wohl den Superwitz übersehen, der sich im Kommentar von Herrn Eberling versteckt hat. Beim zweiten Lesen habe ich es dann auch kapiert. Der Kommentar war aber schon draußen und ich dachte mir: Was soll's. Gibt's schlimmeres. Beim nächsten Mal werde ich genauer lesen und jeden Kommentar auf einen Brüller scannen.

Harri hat gesagt…

"Wieviel "Endzeit" benötigst Du denn noch? Selbstverständlich wird es nach dem kommenden Zusammenbruch wieder einen Neustart des kapitalistischen Terrors geben - diese unschöne These vertrete ich seit Jahren und weise immer wieder darauf hin."

Mooooment mal, nicht so eilig. ;-)
Vorher wird sich erst noch mal (nach reiner Wahrscheinlichkeitsrechnung) innerhalb der nächsten vier Jahre ein GAU in einem französischen Atommeiler entlang der Rheinebene ereignen. Westwinde herrschen hier bevorzugt. Ich weiß nicht genau, ob ich das hier dann einsetzende Hauen und Stechen noch miterleben will. Die Wolke macht übrigens auch vor den Kindern der Reichen nicht halt, was zeigt, dass auch sie vom Profit und nichts anderem beherrscht werden. "Als Leich' ist jeder gleich." (EAV).