Donnerstag, 2. Juni 2016

Realitätsflucht (31): Fable III


Die heutige Realitätsflucht führt mich in ein äußerst umstrittenes Gebiet, nämlich in die Welt von "Fable III", das vom britischen Entwicklerstudio Lionhead geschaffen wurde. Über dieses Spiel aus dem Jahr 2010 ist schon viel geschrieben worden - für mich persönlich war es seinerzeit eines der ersten dieses Genres, das ich überhaupt gespielt habe. Nach dem Vorgänger "Fable - The Lost Chapters" (der zweite Teil dieser Reihe ist nur für die Konsolenkacke erschienen und daher nicht weiter relevant) war "Fable III" eine Pflichtveranstaltung für mich.



Viva la Revolución!

Zur Handlung gäbe es eine Menge zu sagen, wenn man spoilern möchte - ich beschränke mich daher auf das Wesentliche: Es geht hier um nichts Geringeres als eine umfassende Revolution gegen ein feudalistisches Regime, das einer sehr kleinen "Elite" unermesslichen Reichtum und Luxus beschert, während die Bevölkerungsmehrheit in sklavenähnlichen Zuständen ausgebeutet und die Umwelt konsequent zerstört wird. Es gibt meines Wissens kein anderes Spiel dieses Genres, das den Irrsinn des Kapitalismus ähnlich deutlich abbildet wie dieses.



Der Spieler startet - wahlweise als Bruder oder Schwester - des amtierenden Tyrannen im 19. Jahrhundert und wird gleich zu Beginn von diesem vor die ekelhafte Wahl gestellt, entweder den/die Geliebte/n oder die AnführerInnen der Demonstration, die gegen den Tyrannen auf die Straße gegangen sind, ermorden zu lassen. Wie schon im ersten Teil hat man hier die Wahl, den Spielcharakter in eine "gute" oder "böse" Richtung zu entwickeln - und jede Entscheidung hat selbstverständlich Konsequenzen. Ich habe mich natürlich für die "gute" Seite entschieden und meine Heldin zur Retterin des Königreiches Albion gemacht. - Beim zweiten Durchspielen einige Jahre später habe ich aber auch das Gegenteil ausprobiert - und ein verwüstetes, fast menschenleeres Land hinterlassen.

Die Kapitalismuskritik dieses Spieles ist allerdings nicht ganz so platt, wie man das zunächst vermuten mag. Selbst wenn man sich für den heldenhaften Weg entscheidet und sein eigenes Vermögen zur Rettung des Landes spendet, bleiben die Superreichen stets die Nutznießer und quasi sakrosankt: Es gibt keine Möglichkeit, den elitären Arschlöchern beizukommen. Ganz im Gegenteil scheffeln sie weiterhin Geld, selbst wenn man als RevolutionsführerIn soziale Wohltaten veranlasst. Mein ausgeprägtes Verlangen, dem Vertreter der geldgeilen "Elite" in diesem Spiel namens Reaver endlich doch mein virtuelles Schwert in die Gedärme zu stoßen, blieb leider - aber logischerweise - unerfüllt. Eine kleine Nebenquest am Rande, in der man für einen weiblichen Fan eine getragene Unterhose Reavers besorgen muss, verdeutlicht das sehr anschaulich. Parallelen zu unserer bizarren Realität sind keineswegs zufällig. Ich bin mir sicher, dass es auch in Kapitalistan verwirrte Menschen gibt, die an den bremsspurverzierten Unterhosen von Liz Mohn, Friede Springer, Susanne Klatten oder Warren Buffett Freude haben.

Die Umsetzung dieses Konzeptes ist indes weniger gelungen. Man merkt an allen Ecken und Enden dieses Spieles, dass es ursprünglich für die Konsolenkacke programmiert wurde. Die vergleichsweise schlechte Grafik, die äußerst grobe Steuerung und das hier sogar gänzlich entfallende (!) Inventar sprechen Bände. Leider ist dieses Spiel so konzipiert, dass auch der letzte Dorfdepp aus Sachsen-Anhalt, Ostfriesland, Berlin oder Bayern hier noch dumm grinsen und trotzdem erfolgreich sein kann. Es ist erfreulich, dass der einstellbare Schwierigkeitsgrad immerhin eine partielle Abhilfe schafft. Weniger erfreulich ist hingegen, dass man in den zuhauf auffindbaren Schatztruhen, Grabungsstätten und sogar hinter "Dämonentüren" größtenteils nur belanglosen Schrapel findet. Was sich die Entwickler dabei gedacht haben, wird wohl ewig ein Rätsel bleiben.

Den allgegenwärtigen Humor klammere ich hier aus. Wer das Spiel ausprobiert, benötigt ausgeprägte Lachmuskeln. Und der betrifft - entgegen der Vermutung manch eines Kenners des ersten Teiles - keineswegs nur Hühner. ;-)

Letztlich scheitert dieses Spiel - wie auch alle anderen profitorientiert geschaffenen Werke wie beispielsweise Jacksons "Herr der Ringe" - am kapitalistischen System. Es hätte ein Meisterwerk werden können, wenn die Geldgier nicht das Hauptziel der ganzen Unternehmung gewesen wäre. Die deutsche Synchronisation ist professionell, die Musik ist nicht erregend, aber passend, und auf einem Win-7-System läuft das Spiel problemlos und ohne Abstürze (was nicht weiter verwundert, da es ja von Microsoft vertrieben wird).

Vorsicht - Spoiler folgen!

Wer das Spiel als glänzender Held absolvieren möchte, muss unbedingt darauf achten, möglichst frühzeitig selbst zum Geldhai zu werden und Häuser und Geschäfte kaufen. Wenn der Tag der Abrechnung kommt, sind mindestens 6,5 Millionen Goldstücke nötig, um das Königreich Albion zu retten. Sofern man früh im Spiel damit beginnt, ist das nicht weiter schwierig - wer aber untätig bleibt und lieber fleißig Banditen, Balverine (Werwölfe), Hobbs (Gnome) oder Untote niedermetzelt, wird trotz guter Absichten böse erwachen.

"Fable III" ist trotz aller Unzulänglichkeiten ein grandioses Spiel, das jede Minute lohnt, die man darin verbringt.


Kommentare:

Siewurdengelesen hat gesagt…

Die ganze Fable-Reihe ist nicht ohne, obwohl ich Adventure/Rollenspiele nicht so mag.
Spellforce ist für Strategen auch nicht zu verachten.

Charlie hat gesagt…

@ Siewurdengelesen: Die "Spellforce"-Reihe kenne ich leider nicht - Du bist aber herzlich eingeladen, dazu einen Gastbeitrag zu verfassen. Meine Mailadresse steht oben rechts. Für Anregungen dieser Art bin ich stets sehr dankbar! :-)

Siewurdengelesen hat gesagt…

Keine Ahnung, ob meine Schreibe so gut ist, aber vielleicht habe ich mal einen Lauf;-)