Montag, 15. August 2016

Zitat des Tages: Das letzte Kapitel


Am 12. Juli des Jahres 2003
lief folgender Funkspruch rund um die Erde:
dass ein Bombengeschwader der Luftpolizei
die gesamte Menschheit ausrotten werde.

Die Weltregierung, so wurde erklärt, stelle fest,
dass der Plan, endgültig Frieden zu stiften,
sich gar nicht anders verwirklichen lässt,
als alle Beteiligten zu vergiften.

Zu fliehen, wurde erklärt, habe keinen Zweck.
Nicht eine Seele dürfe am Leben bleiben.
Das neue Giftgas krieche in jedes Versteck,
man habe nicht einmal nötig, sich selbst zu entleiben.

Am 13. Juli flogen von Boston eintausend
mit Gas und Bazillen beladene Flugzeuge fort
und vollbrachten, rund um den Globus sausend,
den von der Weltregierung befohlenen Mord.

Die Menschen krochen winselnd unter die Betten.
Sie stürzten in ihre Keller und in den Wald.
Das Gift hing gelb wie Wolken über den Städten.
Millionen Leichen lagen auf dem Asphalt.

Jeder dachte, er könne dem Tod entgehen,
keiner entging dem Tod und die Welt wurde leer.
Das Gift war überall, es schlich wie auf Zehen.
Es lief die Wüsten entlang, und es schwamm übers Meer.

Die Menschen lagen gebündelt wie faulende Garben.
Andere hingen wie Puppen zum Fenster heraus.
Die Tiere im Zoo schrien schrecklich, bevor sie starben.
Und langsam löschten die großen Hochöfen aus.

Dampfer schwankten im Meer, beladen mit Toten.
Und weder Weinen noch Lachen war mehr auf der Welt.
Die Flugzeuge irrten mit tausend toten Piloten
unter dem Himmel und sanken brennend ins Feld.

Jetzt hatte die Menschheit endlich erreicht, was sie wollte.
Zwar war die Methode nicht ausgesprochen human.
Die Erde war aber endlich still und zufrieden und rollte
völlig beruhigt ihre bekannte elliptische Bahn.

(Erich Kästner [1899-1974]: "Das letzte Kapitel", in: "Ein Mann gibt Auskunft. Gedichte", mit Zeichnungen von Erich Ohser alias e.o. plauen, Deutsche Verlags-Anstalt 1930)





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Kommentare:

Bettina Beckröge hat gesagt…

Botschaften
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Ist der Blog, das Narrenschiff eigentlich dauerhaft von düsteren Botschaften durchzogen oder gibt dort auch mal was aufbauendes zu lesen? Es gibt tausender guter, sinnlicher Gedichte, die ein positive Weltanschauung vertreten. Selbst Erich Kästner beschreibt ein positives Weltbild, man glaubt es kaum...:
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Nachtgesang des Kammervirtuosen
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Du meine Neunte letzte Sinfonie!
Wenn du das Hemd anhast mit rosa Streifen ...
Komm wie ein Cello zwischen meine Knie,
und laß mich zart in deine Seiten greifen!
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Laß mich in deinen Partituren blättern.
(Sie sind voll Händel, Graun und Tremolo.)
Ich möchte dich in alle Winde schmettern,
du meiner Sehnsucht dreigestrichnes Oh!
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Komm, laß uns durch Oktavengänge schreiten!
(Das Furioso, bitte, noch einmal!)
Darf ich dich mit der linken Hand begleiten?
Doch bei Crescendo etwas mehr Pedal!
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Oh deine Klangfigur! Oh die Akkorde!
Und der Synkopen rhythmischer Kontrast!
Nun senkst du deine Lider ohne Worte . . .
Sag einen Ton, falls du noch Töne hast!
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(Erich Kästner)
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Ich reagiere lediglich auf diesen Blog- Entrag des Tages, weil dieser Tag mehr bietet, als eine düstere Hiobsbotschaft zum Wochenbeginn, z. B. Erinnerngen an Gebutstage bekannter Persönlichkeiten, lieber Herr/ Frau Blooger, schauen Sie mal hier:
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http://geboren.am/15-august
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Man achte v. a. auf den Geburtstag von Roger Willemsen. Eine schillernde Lebensfigur, lebensbejahend, die heute 61 Jahre alt geworden wäre, oder Napoleon, er wäre heute 247 Jahre als geworden. All das erzähle ich Ihnen nicht, um mich als Schlaumeierin hervorzuheben, ich erzähle es Ihnen nur, um in eine düstere Weltanschauungssicht etwas Sonne und Licht zu bringen. Ein echtes "Narrenschiff" ist nämlich mit Humor und Freude durchsetzt, beides lässt es hier zu wünschen übrig.
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Wer ich bin? Ich bin das LEBEN, ich brenne für DAS LEBEN.
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Ton ab für
Früchte des Zorns
Brennen
https://youtu.be/PWpo_cxQnnE

frei-blog hat gesagt…

@Bettina,
was sollte an Kästners Erkenntnis so düster sein? Die Beschreibung einer möglichen Zukunft, die sich in der Realität 2016 leider wiederspiegelt?
Und: Solltest Du Charlie ernsthaft lesen wollen, mit einigen Bemühungen zu verstehen, ergäbe sich ein Bild verzweifelter Hoffnung auf Menschlichkeit.
Das solltest Du hierbei nicht vergessen!
Ich darf Dich daran erinnern, dass Du – ja Du – auf "Eulenfeders" Beschimpfungen zu meiner Person – in Verbindung zu Charlie – leider den gewissen Überblick verloren hattest, nicht einmal daran dachtest(?), einen Faschistenvergleich zu kommentieren.
Es genügt sicherlich nicht, händklatschend auf HdS Kommentare zu hinterlassen, mit Zitaten und Scheinwissen aus Wikipedia.
Die Nummer nehme ich Dir nicht mehr ab –

jakebaby hat gesagt…

Howdy Bettina,

Du hast deinen Kommentar hier natuerlich nicht gepostet, ohne, auf die gewohnt *teabagg'erische Weise, -Hinter dem Schliessmuskel- darauf aufmerksam zu machen. http://hinter-den-schlagzeilen.de/2016/08/11/im-zweifel-fuer-die-freiheit/comment-page-1/#comment-324380
Ausgerechnet zu einem typisch verdummt apokalyptisch amargeddonischen Faulfuss-Beitrag.
Hoechstmoeglich, um die ueblen Antworten der boesartig marxistischen Narren mit deinen wunderbar bekloppten Spinnern hinter dem Schliessmuskel zu teilen.

Mit meiner bisherig rueden Antwort habe ich euch sicherlich nicht enttauescht.
Euch nur auf eure spirtuel, esoterisch, religioesen Inhalte zu nageln, waere naiv und nahezu komplimentaer. Dieserart verwandt seid ihr auch gelegentlich rechtslastig. ... nur ein juengstes Beispiel: http://hinter-den-schlagzeilen.de/2016/08/08/der-terror-der-uebergroesse/

Grusl
Jake

PS. *teabagg'erisch https://en.wikipedia.org/wiki/Teabagging (gilt natuerlich auch fuer die maennlichen Sacklutscher hinter dem Schliessmuskel ;-)







Charlie hat gesagt…

@ Bettina: "Ein echtes 'Narrenschiff' ist nämlich mit Humor und Freude durchsetzt (...)."

Da Du dich offenbar exzellent mit dem jahrhundertealten Topos des "Narrenschiffes" auskennst, kannst Du doch sicher auch begründen und exemplarisch belegen, wie Du zu Deiner o.g. Meinung gelangt bist, hoffe ich?

Offenbar kennst Du dieses Blog gar nicht, denn so finster, wie es Dir dünkt, geht es hier wahrlich nicht zu. ;-) Gerade Dein Lieblingsblog "Jenseits der Realität" bietet hier doch immer wieder Anlass für schenkelklopfende Heiterkeit und schwarzen Humor.

Des weiteren hast Du dir die verlinkte Dokumentation über Kästner wohl nicht angesehen: Gerade das von Dir gepostete "frivole" Gedicht kostete den Autor seinerzeit den Job in Leipzig, so dass er die Stadt verlassen (!) und nach Berlin gehen musste. So überaus witzig dürfte er das zunächst wohl nicht gefunden haben, da er zu jener Zeit bettelarm war. Zudem passt "Das letzte Kapitel" zu einem Buch wie "Luzifers Hammer" (siehe vorheriges Posting) geringfügig besser als eines der vielen wirklich humorvollen Gedichte Kästners, meinst Du nicht auch?

Schönredner, Realitätsleugner und hirnfaulige "Denk-positiv"-Apologeten haben wir in der Politik, den Medien, manchen Blogs und esoterischen Zirkeln schon mehr als genug - da erscheint mir ein kleiner Gegenpol weitaus wichtiger als eine wie auch immer geartete "Ausgewogenheit" innerhalb dieses kleinen Blograhmens.

Liebe Grüße!