Mittwoch, 19. April 2017

Die schöne, bunte Horrorwelt des Kapitalismus


Die Journaille hat mich jüngst wieder einmal überrascht. Da wurde doch tatsächlich aufgedeckt, dass Konzerne rein profitorientiert handeln und zudem alles dafür tun, möglichst geringe oder gar keine Steuern zu zahlen. Nein, welch eine Offenbarung! Ich habe Stunden – ach was, Tage! – gebraucht, um diese unfassbare, zuvor nie gehörte Erkenntnis zu verdauen. Wie kann es denn bloß sein, dass Konzerne kein Interesse am "Gemeinwohl" haben?

Aber der Reihe nach. Bei n-tv hat der investigative Qualitätsjournalist Hannes Vogel vor einigen Tagen einen Beitrag veröffentlicht, in dem es heißt:

Die 50 größten US-Unternehmen verschieben jährlich mehr als 1,5 Billionen [Euro] in Steueroasen – ganz legal. Und Konzernen wie Netflix, Facebook und General Electric schenkt der Fiskus sogar noch Geld.

"Ei der daus!" dachte ich beim Lesen unwillkürlich und kratzte mir hilflos den Schädel. Dürfen die das denn? Und wieso tun die das bloß – schließlich soll es doch allen Menschen halbwegs gut gehen auf dieser wunderschönen Erde! Das sagt doch sogar die Kanzlerin?!? Herr Vogel klärte mich aber auf, indem er feststellte: "Die Steuertricks sind völlig legal: Gesetzeslücken ermöglichten es den Konzernen, sich um ihren fairen Beitrag zum Gemeinwohl zu drücken". – Ah, dann ist es also nur ein politisches, gesetzgeberisches Versehen, das – quasi absichtslos – diese unerwünschten Auswirkungen hat! Ich verstehe.

Da haben die PolitikerInnen allerorten aber mal so richtig geschlampt, indem sie den Konzernen versehentlich solche "Schlupflöcher" angeboten haben; und die Konzerne konnten ja gar nicht anders, als unversehens hindurchzuhuschen und die Geldsäcke in Sicherheit zu bringen. Ich bin gut informiert.

Setzen wir den Aluhut der Propagandapresse nun ab

Dieser Artikel ist ein beredtes Beispiel für das infantile, ausnehmend schrille Weltbild, das Propagandamedien wild verbreiten (sollen, möchten oder müssen). Die verharmlosend als "Steuertricks" bezeichneten Praktiken sind nichts anderes als mafiöse Handlungen; die ebenso hirnentkernt als "Steueroasen" bezeichneten schwarzen Geldspeicher, die sich jedem staatlichen Zugriff entziehen, sind nicht "versehentlich", sondern ganz bewusst und gewollt geschaffen worden und bleiben ebenso bewusst und gewollt weiterhin bestehen; und das "Gemeinwohl" interessiert im Kapitalismus ohnehin niemanden, der sich auch nur zu den Schuhputzern der "Elite" zählt wie beispielsweise ein Martin Schulz (SPD).

Des weiteren betrifft diese kriminelle Struktur keineswegs nur US-Konzerne, wie es im Titel und Teaser des verlinkten Beitrages behauptet wird. Der Autor erwähnt das beiläufig im Text, indem er einen "Oxfam-Experten" [sic!] zitiert: "Bei internationalen Konzernen ist Steuervermeidung mittlerweile Volkssport." – Ja, wie sollte es denn auch anders sein in diesem System, in dem es einzig um Profitmaximierung geht? Der "faire Beitrag zum Gemeinwohl" ist Konzernen selbstverständlich so wichtig wie ein Furunkel am Anus. Das darf oder will die Propagandapresse natürlich nicht so schreiben, weshalb sie in schöner Regelmäßigkeit das Kindergartenmärchen von den "Schlupflöchern" erzählt, das selbstverständlich nur die "schwarzen Schafe" benutzen. Dass es sich dabei vielmehr um einen logischen, systemischen Akt der kapitalistischen Habgier handelt, wird nicht einmal angedacht.

Ich fasse das mal zusammen:

  1. Hortungseinrichtungen für Hehler ("Steueroasen") gibt es – auch mitten in Europa – nicht zufällig oder versehentlich.
  2. Ebensowenig ist es auf politisches Versagen oder Unvermögen zurückzuführen, dass diese mafiösen Strukturen auch weiterhin bestehen bleiben.
  3. Konzerne haben kein Interesse am "Gemeinwohl" oder gar an Menschen, sondern einzig am Profit.
  4. Das kapitalistische System erfordert die oben genannten kriminellen Strukturen zwingend, um nicht frühzeitig zu kollabieren.
  5. Habgier ist das heilige, unumstößliche Credo der kapitalistischen Religion.
  6. Die Systempresse dient der religiösen Kapitalpropaganda sehr devot, selbst wenn sie sich gelegentlich "investigativ" gibt.
  7. Die schwarz-rot-grün-gelb-blaue neoliberale Einheitspartei (NED) ist ein korrupter Haufen von meist schlips- oder knopfleistentragenden Arschlöchern, wie sie wohl nur der Kapitalismus hervorbringt. Man darf solchen GesellInnen nicht einmal einen gebrauchten Toaster für drei Euro abkaufen, weil der vermutlich defekt ist.
  8. Die Verarmung, Ausbeutung und Verelendung breiter Bevölkerungsteile ist ebenso ein essenzieller Teil der kapitalistischen Agenda wie die absurde Mästung einiger weniger Superreicher. Ohne bittere Armut kann es keinen Superreichtum geben.

Es wird mir stets ein bizarres Rätsel bleiben, weshalb eine Mehrheit der Geknechteten, Ausgebeuteten, Verfolgten, Verarmten, Kontrollierten und Aussortierten dennoch weiterhin an diesem abgrundtief perversen System festhält, anstatt endlich, endlich aufzubegehren und die Arschlöcher – gerne auch geteert und gefedert – in Schimpf und Schande vom Platz zu jagen, ohne dabei in nationalistisches Gebrüll zu verfallen.

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A Box of my Tears


(www.moonbeard.com)

Kommentare:

Pjotr56 hat gesagt…

"Es wird mir stets ein bizarres Rätsel bleiben, weshalb eine Mehrheit der Geknechteten, Ausgebeuteten, Verfolgten, Verarmten, Kontrollierten und Aussortierten dennoch weiterhin an diesem abgrundtief perversen System festhält, ... ."
Ich denke, es liegt an der - das, aber auch nur das, muss man ihnen lassen - sehr professionell erfolgenden Propaganda durch die Eliten und ihre Helfershelfer/innen aus Politik und Medien.

Die Zerstrittenheit der linken Kräfte wirkt im System wie ein regelmässiger Ölwechsel im Motor - er minimiert den Verschleiß.

Vorläufig schlage ich vor, sich mit "Die Angst der Machteliten vor dem Volk", die Prof. Rainer Mausfeld sauber diagnostiziert hat, zu beschäftigen:
https://www.youtube.com/watch?v=Rk6I9gXwack

R@iner hat gesagt…

Diese Steuergeschichten sind wie zu erwarten Ausbildungs-/Vorlesungsthema. Z.B. hier sind ein paar Folien von Prof. Axel Bader von der FH Ingolstadt dazu: Steuerplanung mit Holdinggesellschaften

Bei allen großen Rechtsanwaltskanzleien und Hedgefond-Gesellschaften geht es um nichts anderes als die Organisation rechtlich erlaubter Anhäufung von Vermögen und damit Macht. Und sollte es nicht ganz legal zugegangen sein, dann muss sich erst ein Whistleblower finden, der die Geschichte ausplaudert. Wie man mit denen umgeht, das können wir den Verlagsmedien entnehmen.

Eine Bekannte von mir arbeitet in so einem Laden als kleines Licht. Sie erzählte mir von einem Jurastudenten, der während eines Praktikums in der Bude sinngemäß meinte: "Ich hatte mir die Arbeit als Jurist ganz anders vorgestellt. Ich dachte, es ginge darum, den Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen. Jetzt weiß ich, dass es um die Suche nach Lücken im Gesetz geht."
Zusätzlich muss man sich ja überlegen, wie Gesetze entstehen und wer sie schreibt.

Eine anderes schönes Beispiel sind besondere Firmenkonstrukte wie die SICAVs: Für Mirabaud ist Spanien das neue Eldorado

Wer jetzt noch von "Steuerschlupflöchern" spricht, ist ein unwissender Idiot oder ein Arschloch. Ich sehe da leider keine Möglichkeit weiterer Zwischentöne. Ich meine: Verarschen kann ich mich alleine.

Fluchtwagenfahrer hat gesagt…

Moin,
Rainer sooo nicht!
Wer jetzt noch von "Steuerschlupflöchern" spricht, ist ein unwissender Idiot oder ein Arschloch.
Unwissenheit schütz vor Strafe nicht.
Es sind immer, absolut immer, asoziale Arschlöcher.
Charles,
es wäre aber schön wenn du im End Game mir dann zumindest
die Steine oder die Pompfe reichst und auf meine Backdoor/front achtest.
https://www.youtube.com/watch?v=Aae_RHRptRg
LG

R@iner hat gesagt…

@Fluchtwagenfahrer: Du hast die Kinder vergessen! Denk doch mal an die Kinder!!1!

GabrielMaisko hat gesagt…

Zitat: "Es wird mir stets ein bizarres Rätsel bleiben, weshalb eine Mehrheit /../ perversen System festhält, ... ."

Weil wir dazu miteinander reden müssten. Tut und soll aber keiner. Siehste; sitzen alle nur vorm Rechner und schreiben sich ihr Leid aus, anstatt es festzuhalten um es da auszuleben, wo´s benötigt wird.

Lernen wir uns erstmal selbst kennen, dann geht alles andere automatisch. Jeder trägt in sich, was wir alle wollen.

Charlie hat gesagt…

@ R@iner: Danke für die Ergänzungen.

Charlie hat gesagt…

@ Fluchtwagenfahrer: Sorry, aber das "Endgame" werde ich, wenn überhaupt, wohl nur als Lagerinsasse erleben. Selbst ein kleiner Pimpf aus Kleinbloggersdorf wie ich dürfte den Herrschaften ein lästiger Dorn im Auge sein, den es zu ziehen gilt, wenn die Zeit wieder einmal "reif" ist. ;-)

Liebe Grüße!

Charlie hat gesagt…

@ Gabriel (hoffentlich nicht Siggi): Meinst Du das ernst? Wenn ja, bitte ich um entsprechende Vorschläge, wie man die Kommunikation (mit wem?) noch weiter verbessern könnte und außerdem um eine Erklärung, was das genau bezwecken soll. Herzlichen Dank!

Liebe Grüße!