Mittwoch, 3. Mai 2017

Zynismus 4.0: Tolle Tipps für Zwangsverarmte


Die Systempresse wird nicht müde, den kapitalistischen Terror schönzureden. Gelegentlich kommen dabei auch wahre Stilblüten heraus, wie beispielsweise dieser Text aus der Redaktion von n-tv, in dem RentnerInnen, die im kapitalistischen Glitzerparadies aus unerfindlichen, aber selbstverständlich stets eigenverantwortlichen Gründen in bitterer Armut vor sich hin vegetieren, "nützliche Tipps" präsentiert werden, wie sie trotz der mageren Rente dennoch ein gut funktionierendes Rädchen im Konsumterror bleiben können:

Nicht selten müssen ältere Menschen jeden Cent zweimal umdrehen. Vielen ist das unangenehm und sie ziehen sich zurück. Dabei kann es helfen, offen mit dem Thema umzugehen. Zum Beispiel gibt es auf Nachfrage oft Rabatte für Senioren.

Das muss man sich, wie so oft in dieser Zeit, auf der Zunge zergehen lassen: Hier wird einmal mehr nicht mehr nach den Ursachen für Altersarmut gefragt – diese wird einfach als gleichsam gottgegeben vorausgesetzt – und erst recht wird dieser grausige Zustand nicht mehr kritisiert oder gar skandalisiert. Die Armut ist einfach da, und anstatt etwas dagegen zu tun, empfiehlt man den Betroffenen lieber (ich fasse das mal zusammen):

  1. Man solle lernen, über die eigene Armut zu sprechen und selbstbewusst damit umzugehen. – Das tut so weh, dass ich mir ganz selbstbewusst einen Schraubenzieher ins Knie stechen will.
  2. Man solle ein Haushaltsbuch führen – denn bekanntermaßen können Arme mit Geld nicht umgehen (sonst wären sie nach kapitalistischer Unlogik ja nicht arm) und müssen daher schriftlich festhalten, dass sie zu wenig zum Leben haben.
  3. Man solle Geschenke für die buckelige Verwandtschaft und Freunde lieber "selber machen", anstatt sie zu kaufen. So lasse sich eine Menge Geld einsparen. – Mein Schädel ist spätestens an dieser Stelle geplatzt wie ein prall mit Wasser gefüllter Luftballon, den jemand vom Eiffelturm heruntergeworfen hat.
  4. Man solle sich Bücher leihen, anstatt sie zu kaufen. – Ich frage mich, welche Bücher hier wohl gemeint sind – denn philosophische, politische, literarisch hochwertige und vor allem aktuelle Werke können damit nicht abgedeckt sein, denn die gibt es in den immer weniger werdenden öffentlichen Bibliotheken, die zudem nur BewohnerInnen größerer Städte noch zugänglich sind, kaum noch. Wer Utta Danella lesen möchte, kann diesem Ratschlag freilich folgen.
  5. Es gibt "Rabatte" für Senioren, wenn es um die Freizeitgestaltung – Schwimmbäder, Zoo, Theater etc. – geht. Die nimmt freilich kein Rentner in Anspruch, egal ob er arm ist oder nicht, sondern er muss erst von der Propagandapresse darauf hingewiesen werden, sonst merkt es niemand. Die "Bildungsrepublik" lässt grüßen.
  6. Man solle seinen Hausrat durchsuchen und alles, was nicht mehr "benötigt" wird, auf Flohmärkten verkaufen. Das ist der vielleicht kreativste und perverseste Vorschlag von allen, denn wer braucht schon das dumme Gemälde an der Wand, das man einst von den lieben Eltern geerbt hat oder den antiken Tisch aus besseren Zeiten, der mindestens 100 Euro im Verkauf bringt? Schließlich kann man sich auch die BLÖD-"Zeitung" an die Wand hängen und an einem Sperrmüllbrett, das auf leeren Sprudelkästen liegt, ebenso komfortabel sitzen und das kärgliche Mahl einnehmen.

Ich weiß nicht, was ich widerlicher finde: Die kritikfreie Selbstverständlichkeit, mit der heute über Altersarmut mitten im "besten aller möglichen Systeme" gesprochen wird, oder doch eher die Impertinenz und tiefschwarzpädagogische Art und Weise, in der hier nutzlose und zynische Tipps zum Besten gegeben werden. Wer von der so genannten "Grundsicherung" leben muss – egal ob als Rentner oder als junger Mensch – kann sich weder ein aktuelles Buch, noch einen Theater-, Opern- oder Konzertbesuch leisten; gesellschaftliche, kulturelle und soziale Teilhabe findet schlichtweg nicht mehr statt. Die existenziellen Fragen dieser Millionen von Menschen in Deutschland drehen sich darum, was es nächste Woche zu essen gibt, wie die nächste Stromrechnung bezahlt werden soll, woher eine warme Winterjacke bezogen werden kann oder was um alles in der Welt geschehen soll, wenn die Brille, die man so dringend benötigt, zerbricht – um nur wenige Beispiele von so vielen zu nennen.

Dies sind die grandiosen Erfolge des kapitalistischen Terrors, der uns dennoch weiterhin brav und stur erzählt, "uns" gehe es so gut wie nie zuvor. Wer wählt doch gleich CDU, SPD, Grüne, FDP, AfD oder die Linkspartei? Ach, genau die Opfer dieser Politik? Ja, brat mir doch einer eine(n) Storch!

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Wiedergutmachung


"Alle durch die Nürnberger Gesetze Geschädigten erhalten 1 kg Erbsen. Papier ist mitzubringen."

(Zeichnung von K.H. Böcher [1902-19??], in: "Der Simpl", Nr. 9 vom August 1946)

Kommentare:

Mabel - Joy hat gesagt…

Was soll denn daran zynisch sein?

Sind doch wunderbare Ratschläge, vor allem der , der sich auf die Befreiung von Plunder bezieht. Eine befreite Wohnung lädt zum Meditieren ein und lässt sich auch leichter sauberhalten.Fördert die Spiritualität und diese Teilhabe kostet nichts.

Einen Rat hätte ich noch :
Wer im Bett bleibt, verbraucht weniger Kalorien!

Fasten ist allerdings das Allerbeste. Wenn man den Darm gründlich reinigt, hat man überhaupt keinen Hunger, egal wie lange man das durchzieht. Irgendwann ist man dann im Nirvana und das echte Leben beginnt.

Sind die Deutschen nicht alle Drecksnazis? So hört man das doch landauf, landab. Kein Mitleid wäre dann angebracht. Migrationshintergründige Betroffene verdienen auch kein Mitleid, weil sie ja selbst schuld sind, ins dieses Nazi-Drecksland eingewandert zu sein. Womöglich haben sie sich überassimiliert, völlig unverzeihlich. Es wird auf Hochtouren an der Endlösung gearbeitet, durchaus auf eine schonende, aber nachhaltige Art. Dann sind sie weg und der feuchte Traum vieler ist damit in Erfüllung gegangen.

Also ich finde die Tips sehr hilfreich. Sehr, sehr! Für das Flaschensammeln ist es heute schon zu spät.

Noch ein Tip: Wenn man eine Extra-Kanne Kaffee sich gönnen will, kann man sich mit nur einem zusätzlichen Löffel auf den alten Sud, die Illusion von Luxus verschaffen. Zwei Kannen voll! Oh, die ist auch schon wieder leer!

Pjotr56 hat gesagt…

Ich wähle DIE LINKE, weil sie - als einzige Partei im Bundestag - Auswege aus der skandalösen Armut in Deutschland aufzeigt und ihre Forderungen sich - nicht nur in dieser Frage - von den Positionen der xDU/xSU/xPD/Olivgrünen und AFD unterscheiden.

Wer also arm oder von Armut bedroht ist bzw. zu den 99% gehört und am 24.09. nicht DIE LINKE wählt, ist mit dem geltenden Mindestlohn von 8,84 € und den vielfältigen Ausnahmen sowie drohender Altersarmut zufrieden und sollte den Mund halten oder einfach nur zu dumm, um den Unterschied zwischen 10 €* und 8,84 € auszurechnen?
*Mit einer starken Linken und Gewerkschaften, die sich wieder als unsere Interessenvertreter betätigen, ist auch ein höherer Mindestlohn als 10 € durchsetzbar. Wir müssen es nur wollen.

Zu den Hintergründen der sog. repräsentativen Demokratie empfehle ich immer wieder dringend
Prof. Rainer Mausfeld: Die Angst der Machteliten vor dem Volk bei yt.

Charlie hat gesagt…

@ Pjotr56: Ich zeige Dir nun die "gelbe Karte". Wenn Du weiterhin und trotz besseren Wissens Wahlwerbung für eine aus meiner Sicht unwählbare Partei abgeben möchtest, kannst Du das jederzeit und überall tun, aber nicht mehr hier. Ich hoffe, Dein demokratisches Verständnis ist ausgeprägt genug, um diese Entscheidung nachvollziehen zu können.

Du kannst jederzeit Beispiele dafür posten, welche grandiosen Wohltaten die Linkspartei in Regierungsverantwortung umgesetzt hat (mir sind keine bekannt), aber haltlose Reklame, die sich einzig auf Absichtserklärungen stützt, behandele ich als das, was sie sind: Bullshit.

Danke und liebe Grüße!

Ralf hat gesagt…


Man könnte auch rechtzeitig nach Dänemark auswandern wo es eine steuerfinanzierte Grundrente für jeden gibt...

Ich wollte hier noch meinen Kommentar über diesen Artikel hinterlassen, aber mir fällt wirklich nichts dazu ein... Mich überkam einfach nur eiskalte Wut beim lesen......

Pjotr56 warum willst du Charlie hier ständig mit demselben Mist provozieren. Das wurde doch schon in zig anderen Posts durchgekaut.....

Fluchtwagenfahrer hat gesagt…

Moin Charles,
also der mit dem extra Löffel (Zweitraffinat)der war gut.
Kenne ich aus meiner Nachlehrzeit.
Aber einen hätte ich noch,
man könnte ja auch die Kleidung auf Links anziehen, modisch chic, extravagant &
Trend setzend.
Habe mal meine Unterhose auf dem Kopf getragen, aber meine Frau intervenierte und sagte: so geh ich nicht mit dir raus. Ich meine das spart doch den/die Sonnenhut/-Creme.
Na ja was willste machen, irgendwas ist ja immer.

frei-blog hat gesagt…

Erinnert mich an diese unsäglichen Hartz IV-Kochbücher vor Jahren. Die Armutsrealität sieht anders aus, ist allerdings weitgehendst ein gesellschaftliches Tabu-Thema. Von wegen darüber kommunizieren, das will doch wirklich keiner wissen. Aber, sich bitte nicht zurückziehen und einiegeln, nicht daran verzweifeln oder gar erkranken – lebe deine Armut aus und sei glücklich.
Wer in seinem gesellschaftlichen Umfeld darüber spricht, wird als lästige Wahrheit aus der Wahrnehmung ausgeschlossen.

Daran, @ Pjotr56, wird auch die Linke nichts ändern oder ändern wollen; erinnere Dich an die achtziger Jahre, als die Grünen mit Fischer Veränderungen einforderten, bis sie sich schließlich von allem verabschiedeten, für das wir sie doch bitteschön wählen sollten: irgendwas mit Öko und eine friedliche Welt. Ist leider dumm gelaufen, nachdem Grüne mitregieren durften, Kriege plötzlich als normal ansahen sowie auch die Verwaltung zunehmender Armut unter einer Hartz IV-Gesetzgebung, an der sich die Linke noch empören darf, bis sie sich ebenfalls und wohlbehütet von Allem verabschieden wird, wozu wir sie doch – bitteschön – wählen sollten.
Und: komme mir bitte nicht mit gewerkschaftlicher Verantwortung oder sonstigem Müll dieses hochlöblichen Vereins gesättigter Interessenvertreter wirtschaftlicher Interessen. Mit Armut lässt sich punkten –

altautonomer hat gesagt…

Perverses frisch von den Bohrinsel:

http://www.faz.net/aktuell/stil/mode-design/nordstrom-bringt-dreckige-luxus-jeans-auf-den-markt-14989750.html

Die passende Jacke gibts auch dazu: Modell Drecksack"

Mabel - Joy hat gesagt…

Modell Drecksack, eine geniale Idee!

Vor ein paar Wochen begegnete ich einem Obdachlosen an einem Bach auf meiner täglichen Laufstrecke. Zuerst dachte ich, dass es eine Frau wäre, die Pflanzen ausgraben will. Näher rangekommen, war zu erkennen , dass es ein Mann mit langen Haaren war, aber völlig ungegendert. Wir kamen ins Gespräch und ich war von dem Typ ziemlich angetan. Als er sich zu voller Größe aufrichtete, war mein 1. Gedanke: Der Kerl gehört auf den Laufsteg! Aus 3 Hosen machte er eine. Bermudas von einer, Beine bis zum Knie von der 2. und ein Kniestück aus der 3.Genial mit Bindfaden verbunden.Dazu ein ärmeloses ,löchriges, knopfloses Westchen, das er um sich wickeln konnte und in die Hose steckte. Der Kerl, ein Soldat, hatte eine excellente Figur, sah trotz ziemlich vielen Zahnlücken gut aus und in Gedanken habe ich ihn durchgestylt und auf den Laufsteg geschickt . Viel Aufwand wäre nicht vonnöten gewesen! Marke: Trashdesign!

Aus dem Bach schöpfte er Wasser, das er auf einem genialen Kocher abkochte. Dazu brauchte er nur 2 Getränkedosen,eine davon als Brenner zuge"richtet", Wachsreste und Grillanzünder. In die Öffnung der ganzen Dose hängte er den Teebeutel. Super Konstruktion!

Schade, dass die , die die genialen Ideen haben, nicht über die Vermarktungsmacht verfügen.

Ich muss zur Bank und werde wohl in die Frankfurter von heute investieren. Mit meiner Gartenjeans , von der ich die getrocknete Erde abgeklopft habe, in Verbindung mit dem sichtbar platzierten Artikel, werde ich bestimmt eine gute Verhandlungsposition haben.Ganz wichtig: Saubere Fingernägel und geputzte Zähne, damit der gewollte "Design-Aspekt" überzeugend rüberkommt.

Fluchtwagenfahrer hat gesagt…

Moin Altauto,
Perverses? Das ist ne ganz klare Dreckigkeit,
eine Verhöhnung der Proleten, der Drecksack der das anzieht
sollte mal vor meine dreckige Faust laufen. Einfach nur noch
widerwärtig, die sog. Zivilisation ist im Ar....
LG

Charlie hat gesagt…

@ frei-blog: "Wer in seinem gesellschaftlichen Umfeld darüber spricht, wird als lästige Wahrheit aus der Wahrnehmung ausgeschlossen." - Das deckt sich sowohl mit den Erlebnissen aus meiner Mitarbeit in einem Sozialverein, als auch mit meinen ganz persönlichen Erfahrungen aus der buckligen Verwandtschaft. Es gibt in der Tat genug fruchtbaren Boden in dieser verkommenen Gesellschaft, auf den selbst solch üble Presseauswürfe wohlwollend keimend fallen.

Liebe Grüße!