Mittwoch, 12. Juli 2017

Welch eine Jugend: "Krümm Dich beizeiten!"


Es ist ja ein sehr, sehr alter Hut, dass Ältere gerne mal auf die Jugend einprügeln, weil diese sich nicht ganz so verhält, wie der gesittete Ältere es gerne hätte – die vielen Beispiele dafür muss ich hier nicht zitieren. Als ich selber noch zu dieser jugendlichen Gruppe gehörte, habe ich mich beispielsweise köstlich darüber amüsiert, dass ich während meiner Zivildienstzeit von den mir damals "Vorgesetzten" – das waren zwei ultraspießige Hausmeister, die wohl zum ersten Mal einen "Untergebenen" hatten – konsequent als "Mädchen" bezeichnet wurde, weil ich auch damals schon lange (im Übrigen sehr schöne) Haare hatte. Ich fand das damals lustig und habe die beiden Gesellen im Gegenzug nur mit "Sire" und "Euer Hochwohlgeboren" angeredet, was die beiden wiederum gar nicht witzig fanden und mir das Zivildienstleben – freilich ohne Erfolg – erst recht zur Hölle zu machen versuchten.

Zuvor hatte ich in der Schule ausgerechnet einen Reserveoffizier der Bundeswehr als Deutsch- und Geschichtslehrer (nein, das ist kein Witz), der mich "gefressen" hatte und gerne vor dem versammelten Kurs einen "langhaarigen Affen" nannte. Als Antwort darauf habe ich mir damals eine dieser ausrangierten Bundeswehr-Jacken besorgt, die ich zuerst von dem schwarz-rot-pissgelbem Banner befreit und sodann über und über mit einem Edding beschriftet und mit drastischen Aufnähern versehen habe (ich danke noch heute meiner seligen Mutter für die sehr subversive Hilfe, denn ich konnte nicht nähen) – und auf dem Rücken prangte in großen Lettern der Schriftzug: "Lieber ein langhaariger als ein hirnloser Affe". Der Mann fand das ebenfalls nicht lustig und hat mich durch sämtliche Instanzen gezerrt und weiter gemobbt – allerdings ohne Erfolg. Er muss die Zeugnisübergabe an seinen linken Erzfeind am Tag der Abi-Feier als persönliches Waterloo empfunden haben und war danach nie wieder derselbe. Aber das nur am Rande. ;-)

Heute scheint der Wind aus einer gänzlich anderen Richtung zu wehen. Bei Zeit Online las ich vor einigen Tagen voller Entsetzen:

Die 17-jährige Julie Peuten aus Hamburg ist zufrieden, wenn sie von ihrem gerade erst bestandenen Abitur erzählt: "Es ist gut gelaufen." Tatsächlich ist es sogar sehr gut gelaufen: Julie hat einen Notendurchschnitt von 1,7 und ist damit eine von knapp 10.000 Abiturienten, die in diesem Jahr allein in Hamburg die Schulen verlassen. Sie alle wollen ihren Abschluss gebührend feiern. Doch mit einem improvisierten Fest in der Turnhalle oder Aula der Schule ist es schon lange nicht mehr getan. Abibälle folgen heute meist einem feierlichen Protokoll: Erst posieren die Schüler in einer repräsentativen Räumlichkeit vor einer Fotowand, dann folgt der Eröffnungstanz, es werden Reden gehalten und es wird diniert, bevor der Abend in eine Party übergeht.

Was zur Hölle ist da los? Die grausigen Fotos von völlig bekloppten, aufgetakelten und wie Huren geschminkten Teenagern, die diesem Bericht beigefügt sind, erinnern mich an die kapitalistische Teufelsgruft, die ich vielleicht in den USA ausmachen würde, aber doch nicht in Hamburg? Wenn man den Text in Gänze liest, wird das Grauen aber noch verstärkt und tut richtig weh:

Ein Ticket für den Abiball von Julie Peutens Jahrgang kostet 85 Euro. "Das ist schon viel Geld", meint sie, "man hätte es vielleicht auch etwas kleiner gestalten können. Andererseits: Wie oft geht man denn schon auf einen richtigen Ball?"

Ist das Satire? Oder steckt diese Jugend tatsächlich schon so tief im kapitalistischen Enddarm, dass sie gar nicht mehr bemerkt, wie grotesk sie sich verhält? Was um alles in der Welt soll man von solchen jungen Menschen erwarten, die sich schon in ihrer "Sturm-und-Drang-Phase" dem System an den Hals werfen, als gebe es kein Morgen? Geht es auch noch angepasster, unkritischer, systemkonformer, dümmer oder devoter? Um des Spaghettimonsters Willen: Es muss ja nicht gleich so ein derber Konfrontationskurs sein, wie ich ihn seinerzeit einschlagen musste – aber geht denn vielleicht ein kleines bisschen Kritik? Ich lese in diesem Bericht nichts davon und kann nur hoffen, dass diese aalglatten, furchtbaren Hamburger Systemschranzen, die da zu reinem Eigennutz herangezüchtet wurden, hoffentlich, hoffentlich nicht repräsentativ sein mögen.

Wenn es stimmt, dass die Zukunft vornehmlich von der Jugend gestaltet wird, dann ist diese Welt wohl völlig im Arsch. – Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich selber solche Misstöne anschlagen werde, während ich auf meine eigene Rebellion aus der Jugendzeit nostalgisch zurückblicke. Bin ich korrumpiert – oder ist es doch eher die hier dargestellte Jugend? Ist es wirklich so, dass heute die Opas und Omas rebellischer sind als die Jugend? Falls das so ist, hat es sich sehr bald "ausrebelliert" und es kehrt schauderhafte Friedhofsruhe ein im kapitalistischen Katastrophensystem.

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Tele-Kolleg



(Zeichnung von Marie Marcks [1922-2014], in: "Krümm Dich beizeiten!", 1977)


Kommentare:

Arbo hat gesagt…

>>Wenn es stimmt, dass die Zukunft vornehmlich von der Jugend gestaltet wird, dann ist diese Welt wohl völlig im Arsch.<<

Ich musste herzlich lachen, fand ich mich doch an einen Spruch von Dieter Hallervorden erinnert, sinngemäß: Die Jugend von heute kann sich nur noch den Strick nehmen... und selbst dafür ist sie zu blöde. ;-)

Ansonsten würde ich den ZEIT-Artikel nicht allzu ernst nehmen. Es gibt sie ja, die politischen Jugendlichen. Nur begehren die anders auf oder machen dann selbst direkt etwass und reden nicht groß drüber. Ist Dir diese Seenot-Rettungs-Organisation von kürzlich, wo Jugendliche im Mittelmeer Flüchtlinge auffischen, nicht über den Weg gelaufen? (Habe jetzt kein Link dazu & bin zu faul, um zu suchen... ;-) ) Mein Eindruck ist, dass die zT halt kleverer als die Alten sind und bisweilen realistischer bzw. pragmatischer. Habe selbst oft genug auch jüngere Studierende erlebt, mit welchem Verve die Dinge organisieren etc. ... das haben die Alten nicht hinbekommen, stattdessen nur gelabert, sich in akademische Debatten verstrickt usw., um dann bekifft in die Nacht abzusinken. :-P

Aber eins stimmt: Von Hamburger Wohlstands-Schranzen kannst Du das natürlich nicht unbedingt verlangen.

LG
Arbo

Charlie hat gesagt…

@ Arbo: Nein, von diesen rebellischen Jugendlichen habe ich in der Tat nichts gehört. Und ohne Belege bleibt das leider auch nur ein Behauptung. Die Jugendlichen, mit denen ich zu tun habe (das ist selbstredend nicht repräsentativ), kommen dem Text aus der Zeit jedenfalls näher als dem Inhalt Deines Berichtes.

Marie Marcks hat schon 1977 den perfekten Titel für den heutigen Zeitgeist gefunden.

Liebe Grüße!

Eike Brünig hat gesagt…

50s reloaded! Spießig ist das neue Hip! Ich habe nichts Anderes erwartet. Aber wie soll Rebellion auch aussehen, wenn Oma & Opa vom Punkrock erzählen und Mami & Papi von den Technotempeln? Da bleibt nicht viel übrig, außer dem Spaßkassenmann aus der Werbung.
Bildung made by Bertelsman, Kultur made by IT-Monopolisten, TV (ach lassen wir das).
Die Gleichschaltung über das Netz tut Ihr Übriges zum Gelingen einer neuen Ameisenkultur und das weltweit. Hätte uns nur jemand mal vor der Globalisierung gewarnt!

Troptard hat gesagt…

Hallo Charlie,

das ist ein uralter Artikel, den die da wieder ausgegraben und mit gleichem Inhalt wieder neu aufgelegt haben. Die Bilder sind möglicherweise aktualisiert.

Ich erinnere mich genau an den Inhalt und habe zunächst gedacht, Du willst uns einen alten Artikel unterjubeln und nach dem Datum gesucht und das ist tatsächlich vom Juli 2017. Warum solltest Du auch!

Was für unfruchtbare Geister.

Was die heutige Jugend betrifft, so mag ich mir da kein Urteil erlauben. Fest steht für mich, dass der Grossteil von ihnen eine beschissene Zukunft vor sich hat und ich vermute, dass sie mit den Perspektivlosen, und dass sind in Europa eine Masse von Jugendlichen, noch enorme Probleme bekommen.

Erinnerst Du Dich noch an Sarkozy? Als in den französischen Armenghettos die Krawalle ausbrachen und die Autos brannten, da wollte er mit dem Karcher dort reinemachen. Es ist eine Riesenschweinerei was sich die Politik mit der Jugend erlaubt. Die haben kaum berufliche Perspektiven. Es gibt weder ausreichende Ausbildungs-noch Studienplätze und Arbeitsplätze ebenso wenig.

Aushilsjobs, um an ein bischen Geld zu kommen? Aber Hallo, da kannste suchen bis Du schwarz wirst. Aber Praktikum für lau, das geht immer. Also geh ich nicht mit der Jugend ins Gericht.

Und diejenigen, die mit den Eltern und der fetten Geldbörse, die konnte ich persönlich noch nie besonders leiden. Das Vorurteil hatte ich schon als Jugendlicher Proll. Und wenn die sich mal in unser Proletenviertel verirrt hatten, gabs häufig mal was auf die Nuss, wenn sie nicht schnell genug laufen konnten.

So das war es erstmal von mir: Bin noch zu sehr mit der Rechtsradikalisierung unser Politik und den Medien beschäftigt.

promenadenmischung hat gesagt…

Glaube kaum, das Julie P. im Schanzenviertel ihre Schulzeit und Jugend verbracht haben wird:
eher in einem der Schranzenviertel des Tors zur Hölle pardon Welt ;-)

85 Eurones sind für einen Abiabschlussball ganz schön happig – aber Peanuts im Vergleich
zur standesgemäßen Ballgarderobe. Auch dürfte niemand ihrer Klassenkameradinnen einem Haushalt
entstammen, der von ALG II sein Leben fristen muss. Ob das JC in diesem Fall überhaupt ein Darlehen bewilligen würde? Kaum anzunehmen …

Muss übrigens an den Highschool-Abschlussball in Charles Bukowski´s Jugendautobiografie
>Ham on Rye< denken, wo er durch die Fenster der damals noch Turnhalle (spielt ja alles Ende der 1930er) als soziales Schlusslicht seines Jahrgangs seinen noblichten MitschülerInnen beim Ball zuschaut und zuletzt von einer Hausmeistertype des Platzes
verwiesen wird …

frei-blog hat gesagt…

Charlie, welch Unverständnis in Deinem Alter gegenüber heranwachsenden Erfolgswillen – früh übt sich, wer ...
:-)
Das war vor über vierzig Jahren auch nicht anders. Wer sich anpasste, um nicht anzuecken, wurde lobend anerkannt. Ich kann nur vermuten, dass deren damaligen Eltern schon auf Anpassung getrimmt wurden, im Nationalsozialismus oder in der Nachkriegszeit. Wäre noch verständlich, im Rückblick auf meine Kindheit sowie auf mein soziales Umfeld, das sich schweigsam eigene Meinungsäußerungen verbat.
Im Prinzip hat sich nichts verändert, nur die manipulativen Möglichkeiten des Systems haben sich verändert, wie auch die Möglichkeiten, mit perfektionierter Gewalt über Leben und Willen zu bestimmen.
Gefragt ist der geistig-herangezüchtete Krüppel, heute mehr, als damals.
Liebe Grüße
Volker

jakebaby hat gesagt…

Hamburg http://jakester-express.blogspot.com/2010/02/germanischelitaere-teabagger.html

Ich bin Volksschueler. Meine Mutter hatte ganz andere Plaene und denen stand uA. vor allem ich im Weg.
Nach Kindheit, Kindergarten, Grundschule hatte ich schon genuegend soziale, gesellschaftliche/klassen, religioese Schlachten hinter mir um weiterhin den Sauerstoff mit Mittel&Oberklasse nicht mehr teilen zu koennen/wollen. (Ich musste nach links&rechts austeilen)
Waehrend und nach Handwerksausbildung und Bundeswehr, wonach auch Kohl auf den Fuss folgte, wurde ich noch graeziger und 13 Jahre spaeter nahm ich die erste Chance zur Flucht wahr. 22 Jahre spaeter ....

Gruss
Jake


jakebaby hat gesagt…

22 Jahre spaeter https://www.youtube.com/watch?v=kFkKNJgXa4Y

Meine Mutter war schon vor ueber 50 Jahren der gefestigten und durchaus nachvollziehbaren Meinung, dass ich niemals ohne leitende Aufsicht durchs Leben schreiten sollte. Irgendwie hatte sie recht aber irgendwann akzeptierte sie mich, ausserhalb ihrer unerschuetterlichen Liebe, fuer wer ich bin und was ich tat, ... da ich nie allzu uebel war. :-)
Meine Mutter war Helmut Schmidt Fan und schmolz mit Schmidt vorm TV aufm Sofa.
Mein Papa mochte Schmidt kaum und liebte Brandt. Die beiden waren sicherlich konfus, was denn wohl meine politische/etc. Einstellungen sind, da ich nichts wirklich mochte.
ZB. brachte es vor Jahren ein amerikanischer Nachbar auf den Punkt. "You are the lessest racial Person, because you hate all Humans equally." Hate is a too strong of a Word. I just dont like you Motherfuckers, including myself. ....

Gluecklicherweise muss ich seit Mitte des letzen Jahrzehnt keinen Finger mehr ruehren. Feine Sache! Allzuleider kann ich damit nicht schlichtweg zufrieden sein. .... what the ...

altautonomer hat gesagt…

Charlie: Es ist die Generation, die uns später mal den Arsch abwischen wird. Mir macht das Angst.

Charlie hat gesagt…

@ Altauto: Es gibt vieles, das mir Angst macht - dazu gehört u.a. auch die Erkenntnis, dass selbst ein intelligenter Mensch wie flatter unverhohlen einem aufgeplusterten Dampfplauderer wie Pantoffel auf den Leim geht. Dass die "Dame von Welt" diesem gruseligen Beispiel folgt, kommentiere ich besser nicht. Ich zitiere lieber Reinhard Mey, aus seinem Lied "Das Narrenschiff":

"Sie rüsten gegen den Feind, doch der Feind ist längst hier.
Er hat die Hand an deiner Gurgel, er steht hinter dir.
Im Schutz der Paragraphen mischt er die gezinkten Karten.
Jeder kann es sehen, aber alle sehen weg,
Und der Dunkelmann kommt aus seinem Versteck
Und dealt unter aller Augen vor dem Kindergarten.
Der Ausguck ruft vom höchsten Mast: Endzeit in Sicht!
Doch sie sind wie versteinert und sie hören ihn nicht.
Sie zieh'n wie Lemminge in willenlosen Horden.
Es ist, als hätten alle den Verstand verlor'n,
Sich zum Niedergang und zum Verfall verschwor'n,
Und ein Irrlicht ist ihr Leuchtfeuer geworden.
"

Mehr ist nicht zu sagen. Liebe Grüße!

Charlie hat gesagt…

@ Troptard: Ich gehe nicht mit "den Jugendlichen" ins Gericht, sondern mit den Angepassten, Unkritischen, Systemkonformen. Mir ist es herzlich egal, ob diese Leute 17, 37 oder 67 Jahre alt sind - das gruselige Verhalten ist in jedem Alter gleich schlimm.

Trotzdem kommt der Jugend ja eine besondere Rolle zu, denn sie ist es, die die Zukunft maßgeblich gestaltet. Und wenn ich gerade dort solche Abziehbilder aus amerikanischen TV-Serien sehe, die nicht einmal verstehen, weshalb sie so schlechte Zukunftsperspektiven haben, kann ich gar nicht anders als mich geräuschvoll und vor den Augen aller zu übergeben.

Sicher gab es schlips- und aktenkoffertragende Hanswürste sowie aufgetakelte, geschminkte Bratzen auch schon zu meiner Zeit - die waren damals aber in der Minderheit und ein stetes Objekt der allgemeinen Lächerlichkeit. Vor kurzem sagte noch ein alter Freund, der heute Gymnasiallehrer ist, zu mir: "Angesichts der heutigen Schüler war ich damals wohl ein Revolutionär - weil ich heimlich auf dem Klo geraucht habe. [Pause] Also Tabak, ohne irgendwelche Zusätze."

Wer, wenn nicht die Jugend, soll denn bitte rebellieren? Im Freundeskreis meiner Kinder, die inzwischen im postpubertären Alter sind, befindet sich kein einziger Mensch, der ohne Dumpf-Phone auskommt oder auch nur ansatzweise kritisch darüber reflektiert. Für diese Generation ist das so selbstverständlich wie es für uns das warme Wasser in der Dusche war. Da gibt es kein kritisches Bewusstsein, keine Gedanken darüber, was der Überwachungsstaat da anstellt. Bessere Untertanen kann sich die "Elite" gar nicht wünschen. Für diese jungen Menschen (einschließlich meiner eigenen Brut) bin ich ein verschrobener Zausel, weil ich aus guten Gründen weder ein Handy, noch ein Dumpf-Phone habe.

Gerade weil viele junge Menschen heute eine so beschissene Zukunftsaussicht haben, müssten sie doch erst recht auf die Barrikaden gehen und laut STOP schreien, anstatt sich so dämlich zu verhalten, wie das im Zeit-Artikel beschrieben wird.

Liebe Grüße!

Eike Brünig hat gesagt…

Tun sie aber nicht. Das System ist für sie passend. Sie wollen nur mehr Luxus (für sich selbst) und aufgehen in einer homogenen Masse. Mehr nicht. Ameisenkultur. Warum masse ich mir das Urteil an? Weil ich mit jungen Leuten noch häufig zu tun habe.

promenadenmischung hat gesagt…

>Charlie: Es ist die Generation, die uns später mal den Arsch abwischen wird. Mir macht das Angst.<

@Altauto: Die werden sich eher mit uns den eigenen A. abwischen …

Troptard hat gesagt…

Hallo Charlie,

ich habe da sicherlich, zugegeben, ziemlich viele Vorurteile gegenüber meinen Landsleuten. Und ausdrücklich deshalb: Warum sollten die Jugendlichen in Deutschland sich eigentlich anders verhalten oder andere Ansprüche reklamieren als ihre grossen Vorbilder, die Erwachsenen und Eltern, also in einem Land, wo nicht Konfrontation, sondern Sozialpartnerschaft die politische Kultur bisher dominiert hat, wo die Menschen mehr Wert auf Arbeitsdisziplin, Fleiss, Pünktlichkeit und Gehorsam legen, als auf weniger Arbeit, mehr Freizeit und mehr Lebensfreude.

Und wo ökonomische Ungleichgewichte instinktiv aus dem eigenen Verzicht und der Entsagung abgeleitet werden. So überschrieb die FAZ vor einigen Tagen einen Aufmacher mit: "Sind Franzosen wirklich fauler als Deutsche?"

Und das passt dann irgendwie doch so gar nicht mit dem französichen Bewusstsein zusammen, was ich bisher kenne und auch meine Beste aus dem Arbeitsleben. Das fängt schon beim Streikrecht an, was hier ein individuelles Recht ist und nicht an eine Gewerkschaft gebunden.
Wenn hier eine einzelne Person streikt oder eine Gewerkschaft, dann gibt es z.B auch kein Streikgeld, dann wird gestreikt auch ohne materielle Rückendeckung. Auch die Gewaltdiskussion und die praktische Anwendung in der politischen Auseinandersetzung ist eine vollkommen andere.

Und die Unterschiede in der gesellschaftlichen Praxis, die anderen Vorbilder, unterschiedliche Einübung und Erfahrung, bringen auch eine ganz andere Jugend hervor.
Sicher ist Dir noch in Erinnerung, wer massgeblich den Widerstand gegen die Verschlechterung der Arbeitsgesezgebung in Frankreich mitgetragen hat, das war die Jugend: Schüler, Stundenten, Auszubildende, junge Arbeitnehmer und Lohnarbeiter.

Wie soll das denn bitte schön anders gehen, mit der Jugend in Deutschland, mit dem was die Erwachsenen dort vorleben und was können die denn einüben unter einem reaktionären und disziplinierenden Arbeits-und Streikrecht und wo Mülltrennung, Energiewende und Elektroauto schon als tägliche revolutionäre Tat simuliert wird.

Ansonsten, volle Zustimmung von mir, was Du zu "Pantoffel" und "Dame.von.Welt" abgesondert hast.

Liebe Grüsse