Mittwoch, 4. Oktober 2017

Zum Tag der deutschen Rassisten


Rassismus ist eine Form der absoluten menschlichen Niedertracht, mit der sich insbesondere Deutschland traditionell ganz besonders gut auskennt. Heute, im sich allmählich dem Ende zuneigenden Jahr 2017, ist er von den Stammtischen, aus den Hinterzimmern und den verdeckten politischen Phrasen der Nachkriegsjahrzehnte keck herausgetreten und wieder salonfähig geworden, woran nicht zuletzt auch die als "Wiedervereinigung" postulierte Annexion der DDR durch die damalige BRD und die politisch-mediale Begleitung dieses Ereignisses einen großen Anteil haben. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich 1989 in nächtlichen Aktionen große Plakatklebeaktionen, die den Slogan "Wider Vereinigung ohne demokratische Abstimmung" trugen, in mehreren westdeutschen Großstädten unterstützt habe, die aber bekanntlich dem aufsteigenden schwarz-rot-uringelben Sog der patriotischen Kakophonie und dem wirren Gefasel der Kohls und Genschers von den "blühenden Landschaften" und der "neuen Freiheit" leider nichts mehr entgegenzusetzen hatten.

Dazu passt auch gut eine Szene aus Volker Schlöndorffs Film "Die Stille nach dem Schuss" (2000), in dem die (fiktive) Ex-RAF-Terroristin und Protagonistin des Films, die in jener Geschichte inzwischen unter einem neuen Namen in der DDR lebt und den Umbruch dort miterlebt, ihren verständnislos dreinblickenden MitbürgerInnen sinngemäß und verzweifelt zuruft: "Wisst ihr denn eigentlich, was ihr hier habt?" – Sie wussten es offensichtlich nicht.

Nun zeigt der Kapitalismus wieder sein wirkliches, monströses Gesicht, das weder etwas mit "Freiheit" oder "blühenden Landschaften", dafür aber ausschließlich mit Ausbeutung, Abhängigkeit, Staatsterror, Überwachung, Armut, Menschenfeindlichkeit, Rassismus und Faschismus zu tun hat – und das alles wegen der Profitgier einer kleinen, "elitären" Minderheit. Früher nannte man das Feudalismus.

Vor einigen Tagen habe ich dazu ein bezeichnendes Beispiel bei Zeit Online gelesen. Dort geht es zwar um Magdeburg – allerdings ist das Phänomen keineswegs auf Ostdeutschland beschränkt, auch wenn die Massenmedien das inzwischen gerne und oft so darzustellen versuchen. Ich zitiere sehr verkürzt aus dem Bericht und empfehle die komplette Lektüre:

In einem Magdeburger Stadtteil gibt es große Aufregung um neue Nachbarn aus Rumänien. Bürgermeister und Lokalzeitung sprechen von Ghetto, Sozialbetrug, Lärm und Müll. / (...) "Die Frage ist ja: Warum sind die Rumänen alle gerade hierher gekommen?", fragt Lutz Trümper [SPD, Oberbürgermeister]. "Sicher kann man das ja nicht sagen, aber: Ich glaube, das ist organisiert." / (...) Lutz Trümper sagt, wenn die Rumänen sich von Anfang an an "unsere Regeln und Normen" gehalten hätten, dann wäre man gar nicht aufmerksam geworden auf sie. Aber jetzt will er gegen den vermuteten Sozialbetrug vorgehen. / (...) Seit einigen Wochen patrouilliert jetzt der Ordnungsdienst täglich zwischen 6 und 20 Uhr durch die Neue Neustadt. Und auch die Polizei lässt sich häufiger mal blicken. Nicht, weil die Kriminalität gestiegen wäre: Laut der Kriminalstatistik, das sagt auch Lutz Trümper, hat es keinen Anstieg an Kriminalität in dem Viertel gegeben in den letzten Jahren.

Wer den Text aufmerksam liest, wird gleich an mehreren Stellen stutzig und erkennt die üblichen, rein rassistisch motivierten Ressentiments, in diesem Fall gegenüber den Sinti und Roma, die seit Jahrhunderten allzu bekannt sind. Politik, Medien und der "Wutbürger", den man einmal mehr besser "Dummbürger" nennen müsste, reichen sich die Klinke in die Hand und bestärken sich gegenseitig, wie man das aus solchen "Filterblasen" so kennt. Irgendwelche sinnvollen oder belastbaren Fakten, die zur strikten Ablehnung dieser Menschen taugen könnten, werden mangels Vorhandenseins nicht genannt – abgesehen vom Vorwurf des "Lärms". Auch der hat allerdings nichts mit der ethnischen Zugehörigkeit eines Menschen zu tun – davon kann ich in meinem dörflichen Umfeld, in dem fast ausschließlich Deutsche (Spießer) leben, ein langes, wirklich sehr langes Lied singen. Alles andere sind diffuse Wahnvorstellungen, haltlose Verdächtigungen und schnöde Diffamierungen, wie man sie aus der finstersten Zeit Deutschlands kennt.

Dazu reicht es aus, sich das Beispiel des "vermuteten Sozialbetruges" auf der Zunge zergehen zu lassen: "Was Lutz Trümper so ärgert, ist die Tatsache, dass EU-Ausländer, die in Deutschland arbeiten, ebenso wie auch Deutsche ihr Einkommen mit Hartz 4 aufstocken können, wenn es nicht zum Leben reicht." Eigentlich muss man zu diesem ekelhaften Irrsinn nichts mehr sagen, denn er spricht für sich selbst. Die faschistische Devise des SPD-Mannes lautet: Wenn es den "Deutschen" schon so schlecht geht (weshalb das so ist und was seine Partei oder gar der Kapitalismus damit zu tun haben, fragt er gar nicht), soll es zumindest anderen, nämlich "Nicht-Deutschen" noch schlechter gehen, damit der "sozialen Gerechtigkeit" Genüge getan ist. Wenn das Geld für jene "Untermenschen" nicht mehr zum Leben reicht, ist das aus seiner Sicht "sozial gerecht". Auf diesem unterirdischen, tiefbraunen Niveau bewegt sich inzwischen nicht nur wieder die Politik der neoliberalen Bande, sondern auch die begleitende Medienpropaganda (siehe u.a. die MDR-Zitate im Bericht). Mich macht das völlig fassungslos.

Ein weiteres Beispiel aus der rechtsdrehenden Politik hat der Kollege Arbo kürzlich gepostet. Er schrieb:

Nicht nur die CDU hat am rechten Rand gefischt. Sondern, wie an anderer Stelle behandelt, auch Teile der Linken taten und tun das. Nun, nach der Wahl, hat sich Herr [Lafontaine] dazu angehalten gesehen, seiner Partei und insbesondere der Parteiführung die Leviten zu lesen: Zu viel Zurückhaltung in der Flüchtlingsfrage, d.h. dass die Ängste der Bürger hätten ernster genommen werden sollen, denn es kann ja nicht jede(r) nach Deutschland kommen; die Interessen der Geflüchteten [seien] ernster genommen worden als die der Einheimischen [Quellenangaben im verlinkten Text]. Das klingt wie bei Tillich (CDU), also nach einem Einschwören auf einen Rechtskurs.

Es ließen sich noch dutzendweise ähnliche Äußerungen aus sämtlichen etablierten Parteien (natürlich einschließlich der Linkspartei) sowie den Massenmedien zitieren, die allesamt in dieselbe, gruselige Richtung tendieren. Einmal mehr wird hier nahezu flächendeckend ein unbeteiligter, schwacher Sündenbock bemüht und übelst geschlagen, der für die Misere gar nicht verantwortlich, sondern seinerseits ein noch viel schlimmer gestraftes Opfer desselben menschenfeindlichen Systems ist – und keiner will's bemerken, zur Kenntnis nehmen oder auch nur flüsternd aussprechen. Das ist nicht nur kafkaesk, sondern die Betonierung des Rassismus' im "freiheitlich-demokratischen" System Kapitalismus.

Den aus meiner Sicht treffendsten Kommentar zum Thema hat am vergangenen Sonntag wieder einmal Stefan Gärtner verfasst, dem ich, wie so oft, nichts weiter hinzuzufügen habe (auch hier empfehle ich dringlich die komplette Lektüre):

Der "den Linken nahestehende" Kultursoziologe fand gestern, es müsse darum gehen, "auch Dinge sagen zu können, wie einem der Schnabel gewachsen ist, ohne sich sogleich außerhalb des Kreises der zur Äußerung Zugelassenen wiederzufinden". / Also eine Protestwahl gegen das Verbot, "Neger" zu sagen, gegen Neger, die nach Deutschland wollen, und dagegen, im wunderbaren Wettbewerb immer bloß der Neger zu sein. Also eine genuin faschistische Wahl, wenn auch weniger aus Überzeugung denn aus Angst mal autoritärem Charakter. Dass die AfD dann auch noch wirtschaftsfreundlich ist, macht es dem Proseminar zum Thema Faschismus aber vielleicht ein bisschen sehr einfach.

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Die weiße Rose


(Spielfilm von Michael Verhoeven aus dem Jahr 1982)

Kommentare:

Fluchtwagenfahrer hat gesagt…

Moin Charlie,
ein, zwei Anmerkungen hätte ich da noch.
Rassismus, eine kurze Erklärung leistet dazu die:
http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/213678/was-ist-eigentlich-rassismus
Für mich bedeutet dies, das Rassismus a)kein traditionelles Merkmal der Deutschen ist, auch und insbesondere vor und nach 45. b)das dieser Dreck (Rassismus)scheinbar immer und immer wieder hoch kommt. (haben wahrscheinlich alle zu kleine Pillermänner)c) sich alle Parteien in diesem widerlichen Gemengelage desmaskiert haben, scheinbar verkommt auch ein H4 oder Behinderter, Alter, Kranker hier zur minderwertigen Ehtnie.

Annexion= kurz gefasst, Eine Annexion ist die erzwungene, gewaltsame oder unter Androhung von Gewalt, einseitige, endgültige Eingliederung eines bis dahin unter fremder Gebietshoheit stehenden Territoriums in eine andere geopolitische Einheit.
Auch hier verweise ich auf die Präambel des GG vor 1990.
Das die sog. Wiedervereinigung für viele jenseits (hüben wie drüben) der antifaschistische Bananenmauer überraschend kam sei unbenommen und auch hier wieder wie immer, gut gedacht ist noch lange nicht gut gemacht.
Wobei die üblichen Verdächtigen sicher ihren Reibach gemacht haben.
LG

Charlie hat gesagt…

@ Fluchtwagenfahrer: Es dürfte doch inzwischen bekannt sein, dass ich gelegentlich provokante Vokabeln und überspitzte Formulierungen benutze. Das ändert aber nichts daran, dass ich daran festhalte: "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland" (Paul Celan, "Die Todesfuge").

Zur Annexion der DDR müsste man indes ein ganzes Buch schreiben, denn dieses Thema lässt sich kaum im Rahmen eines Online-Postings abhandeln. Die heute übliche Darstellung jener Ereignisse in Politik, Medien und Unterhaltung [sic!] ist jedenfalls derartig grotesk und verzerrt, dass die Benutzung des überspitzten Begriffes "Annexion" aus meiner Sicht durchaus berechtigt ist.

Liebe Grüße!

Fluchtwagenfahrer hat gesagt…

Charlie,
ich wollte mich doch nur schützend vor dich hin kugeln.
Gerade weil heute viele unpräzise bzw. populistisch unterwegs sind.
LG

Troptard hat gesagt…

@ Charlie,

1989! Ist halt schon so lange her, das, was wir damaligen linken Deppen und Konkret-Leser als Wiederverschweinung bezeichnet haben. Es gibt da so für mich einige Besonderheiten, welche meiner Meinung nach in Diskussionen kaum benannt werden:

- Der Ostteil des ehemaligen deutschen Reiches wurde ja nicht dadurch nazifrei, weil man dort '60 einen antifaschistischen Schutzwall errichtet hat. Der kleine, braune Mitläufer mit seinen Ressentiments lebte auch dort ziemlich unbehelligt weiter und hat sich mit Progromen gegenüber vietnamesischen "Gastarbeitern" und anderen nicht deutsch Aussehenden wenig Zurückhaltung auferlegt.

- Vor '60 sollen über 2 Millionen ehemalige deutsche Reichsbürger aus der SBZ "rübergemacht" haben, also meine Vermutung, die haben das mit dem Sozialismus auf deutschem Boden, mit Arbeiter-und Bauernstaat, für keine gute Idee gehalten.

-Dann steht da die Behauptung der Trotzkisten des WSWS im Raume, dass die ehemaligen SED-Mitglieder der heutigen Linkspartei kräftig mitgeholfen haben, die ehemalige DDR
abzuwickeln.

Jetzt, wo die Sezzionsbestrebungen sich in ganz Europa vermehrt artikulieren und die europäischen Herrschaften ziemlich blöd aus der Wäsche schauen, hier eine kleine Erinnerung, dass so etwas durchaus auch in der BRD eine Option sein kann:

Im Dezember 2016 hatte das Bundesverfassungsgericht eine Volksabstimmung, welche die BayernPartei über den Austritt Bayerns aus der BRD abhalten wollte, als illegal, also nicht mit der Verfassung vereinbar bezeichnet:

"Bayern sei zwar ein Freistaat, so der Beschluss des Bundesverfassungsgerichts, werde aber Teil der Bundesrepublik Deutschland bleiben. Das Grundgesetz sehe keine Abspaltung einzelner Bundesländer vor."
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/streit-um-unabhaengigkeit-kataloniens-wird-hitziger-15209954.html

Liebe Grüsse

Arbo hat gesagt…

@Charlie:

Du triffst ins Schwarze. Viele der Dinge, die Du schreibst, sind mir auch durch die Rübe gegangen. Da sitzt eine üble Abwertungs-Haltung so tief, die will niemand sehen. Da ist mir der erwähnte sPD-Herr mit seiner Angst vor den ausländischen Aufstockern nicht weit von all den 'Obergrenzlern' und Kapatzitätsgrenzlern und offen ausländerfeindlichen Menschen entfernt. Alles das Gleiche, nur mit anderem Vokabular, um sich vom pöpelenden Stereotyp des Bier saufenden, Springerstiefel tragenden usw. Faschos abzugrenzen (wohl eher eine Strohpuppe, die es so heute weniger gibt... umso effektiver aber zur Reinwaschung a la 'Das wird man(n) ja wohl noch sagen dürfen...' dient).

Bei aller Kritik an den Linken, muss ich aber sagen, dass im Vergleich zu anderen Parteien dort noch zumindest ein paar Leute herumspringen, die den rechten Braten riechen. Das wird jetzt vielleicht nicht das große Bollwerk des Antifaschismus werden. Aber ich erwähn's nur, damit es nachher nicht heißt, mensch hätte es ja nicht wissen können...

Im Übrigen gibt es zwei lesenswerte Beiträge, die ich hier noch als Ergänzung empfehlen möchte.

1) Stefan Sells Wahlnachlese
2) Interview mit Wilhelm Heitmeyer: "Erwachen aus wutgetränkter Apathie" (SZ)

LG
Arbo

altautonomer hat gesagt…

Troptard: " Vor '60 sollen über 2 Millionen ehemalige deutsche Reichsbürger aus der SBZ "rübergemacht" haben, also meine Vermutung, die haben das mit dem Sozialismus auf deutschem Boden, mit Arbeiter-und Bauernstaat, für keine gute Idee gehalten."

Ich habe da eine Ahnung, warum das so war:

"Die Redaktion (konkret, Heft 8 aus 2003) wird der historischen Tatsache, daß die Teilnehmer des Juniaufstands wie die Deutschen des Jahres 1953 insgesamt zu zirka 95 Prozent aus Wählern der NSDAP, gerade von ihren Heldentaten aus Leningrad, Lidice, Oradour, Distomo, Theresienstadt, Auschwitz und so weiter zurückgekehrten Männern der Wehrmacht, der SA, der SS, der Hitlerjugend, der Reichsarbeitsfront, des Reichsnährstandes, des NS-Rechtswahrerbundes oder des Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps und aus Frauen der NS-Frauenschaft bzw. des Bundes Deutscher Mädel bestanden, stets ein mahnendes Gedenken bewahren. Und niemals vergessen, daß das Volk, das am 17. Juni 1953 aufgestanden ist, vom 30. Januar 1933 bis zum 8. Mai 1945 keine Sekunde daran gedacht hat, sich zu erheben und nicht immer nur die rechte Hand."

Charlie hat gesagt…

Danke für die Anmerkungen und Ergänzungen!

@ Arbo: Die SZ verschanzt sich leider und ist für LeserInnen mit einem - was stets zu empfehlen ist - aktivierten Reklame-Blocker nicht erreichbar. Das - bestimmt lesenswerte - Interview mit Herrn Heitmeyer konnte ich also nicht zur Kenntnis nehmen. Man sollte diese Bestrebungen nicht unterstützen und auf eine Verlinkung besser verzichten.

Liebe Grüße!

Fluchtwagenfahrer hat gesagt…

Moin Charlie,
als kleines Präsent an dich zwo Dinge:

Thema Rassismus: Film auf ARTE "Heil"
https://www.arte.tv/de/videos/055190-000-A/heil/
Viele bittere Gags? in hoher Kadenz, hätte man besser machen können, aber er zeigt deutlich wo Deutschland steht.

Thema Schranke bei den üblichen etc.:
http://www.dkriesel.com/blog/2016/0703_verschluesselung_von_spiegelonline-bezahlartikeln_extrem_einfach_knackbar
Disclaimer: Dieser Blogartikel soll nicht dazu anstiften, Spiegel Plus fortan gratis zu lesen. Wenn ihr das Angebot dort wahrnehmt, bezahlt es bitte auch. Mein Artikel dient als Proof of Concept für technisch interessierte User. Wenn man die Einfachheit der eingesetzten Verschlüsselung betrachtet ist außerdem davon auszugehen, dass sie einfach nur ein Testlauf bei SpiegelOnline ist, und irgendwann eine „richtige“ Verschlüsselung ausgerollt wird. Beschwert euch also nicht, wenn die hier gezeigte Entschlüsselung irgendwann nicht mehr funktioniert.
LG