Samstag, 19. September 2015

Freitag, 18. September 2015

Zitat des Tages: Auf die große Koalition


Dass Gott es mir verzeihe,
wenn ich um Hilfe schreie
vor soviel Dummheit hier:
drauf trinke ich mein Bier!

Dass Gott es gütig wende,
der ganze Spuk verschwände
samt Wehner, Strauß und Abs:
drauf trink ich meinen Schnaps!

Dass Gott es richtig mache
als Christ in eigner Sache,
die Kleinen groß, die Großen klein:
drauf trink ich meinen Wein!

(Volker von Törne [1934-1980], in: "Im Lande Vogelfrei. Gesammelte Gedichte", Wagenbach 1981; geschrieben und erstveröffentlicht 1967)


Donnerstag, 17. September 2015

Die großkoalitionären Menschenfreunde


Die nachfolgende Meldung ist inzwischen zwar bereits elf Tage alt, allerdings ist mir nichts davon bekannt, dass die dort erwähnten "Beschlüsse" der großkoalitionären Menschenfreunde wieder revidiert worden seien. Falls jemand nähere Informationen dazu hat, möge man das doch bitte mitteilen. Bei n-tv hieß es am Montag letzter Woche:

Die Leistungen für abgelehnte Asylbewerber sollen nach dem Willen der schwarz-roten Bundesregierung deutlich reduziert werden. Wie Bundesinnenminister Thomas de Maizière sagte, ist dies Teil der im nächtlichen Koalitionsausschuss getroffenen Vereinbarung. "Wir wollen die Asylbewerberleistungen für diejenigen erheblich verringern, die unser Land verlassen müssen." Es könne nicht sein, dass diese Menschen die gleichen Sozialleistungen bekämen wie diejenigen, die noch im Asylverfahren sind.

Diese Widerlinge betreiben ihre perverse, faschistoide Strategie, Menschen in verschiedene "Werteklassen" einzuteilen, unverdrossen weiter, ganz so als gäbe es kein Grundgesetz und keine Menschenrechtskonventionen. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie jene zwielichtigen Gestalten anlässlich ihres "nächtlichen" Zusammentreffens bei lecker-fürstlicher, natürlich steuerfinanzierter Bewirtung an diesen menschenfeindlichen Beschlüssen "gearbeitet" haben. Es fehlt eigentlich nur noch, dass Thomas "die Misere" oder eine andere der korrupten Sprechpuppen in Kürze einen Satz wie "Wir lieben euch doch alle!" in die begeisterte Presselandschaft kotet.

Angesichts der unverhohlenen Widerwärtigkeit dieser von CDU und SPD verantworteten Politik ist es gut nachvollziehbar, dass das Titanic-Magazin - ebenfalls am 07.09. - den "Internationalen Pressestimmen" zum Thema der deutschen Flüchtlingspolitik, die selbstredend ausschließlich aus den relevantesten internationalen Medien stammen, einen eigenen, unkommentierten Beitrag gewidmet hat:


(Screenshot titanic-magazin.de)

Mittwoch, 16. September 2015

Musik des Tages: Requiem




(Antonín Dvořák [1841-1904]: "Requiem" in b-moll für vier Solostimmen, Chor und Orchester, Op. 89 aus dem Jahr 1890; Cécile Perrin: Sopran, Sylvie Brunet: Mezzo-Sopran, Jean-Pierre Furlan: Tenor, René Schirrer: Bass, The Colonne Orchestra & Choir, Leitung: Antonello Allemandi, 2002)


Montag, 14. September 2015

Spaltungsmythen: Die "Linke" und ihre Trolle


Den nachfolgenden Text habe ich ursprünglich als Kommentar zu einem Beitrag des Duderichs, der ein Interview von Ken Jebsen mit Daniele Ganser zum Inhalt hat, geschrieben. Er ist nach meiner Meinung aber durchaus auch als generell kritischer Text zum inzwischen wiederholt auftauchenden Pseudovorwurf des "Spaltens" der Linken geeignet, weshalb ich ihn hier unverändert wiederhole. Den in Kleinbloggersdorf bekannten Apologeten des "Spaltmythos'" wie Dennis82, eb und anderen mag dieser Text eine kleine Hilfestellung bieten, das eigene Hirn nicht immer als den Nabel der Welt zu betrachten, sondern die Kunst des kritischen Infrage-Stellens zu erlernen. - Meine Hoffnung auf Erfolg hält sich derweil aber in argen Grenzen.

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Ich empfinde den infantilen Spruch "Links gegen links" in diesem Zusammenhang ebenfalls als überdeutlichen und völlig unangebrachten Vorwurf des "Spaltens", der keineswegs neu ist, sondern seit geraumer Zeit aus gewissen Kreisen immer wieder zu vernehmen ist. Das macht ihn nicht sinnvoller.

Altauto hat eigentlich bereits alles Relevante dazu gesagt - allerdings reagierst Du darauf wiederum nur mit Abwehr und Ablehnung, ohne auf den Kern seines Kommentars einzugehen, und verlangst stattdessen gar von ihm, "inhaltlich" zum verlinkten Interview Stellung zu beziehen - obwohl Du das selber ebenfalls konsequent unterlässt. Diese üble Taktik ist eigentlich symptomatisch für eine dumme Agitation der Marke "Herr Karl" oder ähnlicher Gesellen - allerdings will ich Dir hier (im Gegensatz zum Karl-Troll) keine Absicht, sondern höchstens Unachtsamkeit unterstellen.

Des weiteren ist es unseriös und eigentlich ebenfalls typisch für Verschwörungsdeppen, die an die "Hohlwelt" oder "Chem-Trails" glauben, auf irgendwelche Texte, Videos bzw. Interviews zu verlinken und dabei ausschließlich und ausdrücklich auf den jeweiligen "Inhalt" zu verweisen. Dieser Inhalt gehört aber nunmal immer in einen gewissen personellen Kontext - in diesem Falle also zu den Personen Ken Jebsen und Daniele Ganser. Es ist schlicht und ergreifend sinnfrei, einzelne Passagen, Texte oder ganze Interviews aus diesem Kontext herauslösen zu wollen. Es ist ein sehr alter Hut, dass man gleich seitenweise Texte oder Textpassagen aus Büchern, Artikeln oder Reden von sehr üblen Figuren zitieren kann, die auf Anhieb "einleuchtend", "wahr" oder anderweitig positiv klingen mögen, es bei näherer Betrachtung des Kontextes aber ganz und gar nicht mehr sind.

Wenn Du beispielsweise tatsächlich glaubst, dass Du einer Gestalt wie Elsässer auf die Schliche kommen kannst, indem Du einige Minuten (oder meinetwegen auch einige Stunden) "googelst", dann bist Du weitaus naiver, als ich das für möglich gehalten habe.

Ich muss zwar auch dem Altauto ein wenig widersprechen, denn einen Satz wie "Und es ist nun mal so, dass man hinter eine einmal gewonnene, gesicherte Erkenntnis nicht mehr zurückgehen kann" kann ich nicht unwidersprochen so stehen lassen - es gibt schließlich immer die Möglichkeit, dass ein Mensch sich irgendwann eingestehen muss, sich geirrt zu haben. Das hat allerdings nichts mit einer äußerst naiven Einstellung zu tun, wie Du sie hier vertrittst: Nein, man "muss" nicht offen für alle und alles sein, und man darf bzw. muss sogar gewisse, "gesicherte" Überzeugungen auch vehement verteidigen, wenn man dabei auch für eventuelle Gegenargumente (sofern diese denn vorgebracht werden, was vorliegend nicht der Fall ist) offen bleibt.

Das hat nun rein gar nichts mit einem absurden "in den Block diktieren" zu tun, sondern mit persönlicher Überzeugung. Das "Diktieren" übernimmst in diesem Falle ja Du, da Du anderen eben diese Überzeugungen absprichst.

Ganser ist für mich persönlich ein sehr gutes Beispiel dafür: Vor einigen Jahren fand ich den Knaben auch noch bemerkenswert, nachdem ich sein Buch "Gladio" gelesen hatte. Ich habe ihn damals sogar zwei- oder dreimal im Blog verlinkt. Mit zunehmender Auseinandersetzung kamen mir jedoch arge Zweifel - und heute bin ich an einem Punkt angelangt, an dem mir diese Entgleisung ziemlich peinlich ist. In der Pädagogik nennt man das lapidar "Erkenntnisgewinn". Und den musst Du anderen Menschen zugestehen, auch wenn Du selber ihn vielleicht noch nicht erfahren hast.

Jeder Mensch, der einigermaßen bewusst lebt und nicht nur vor sich hin vegetiert, durchlebt diesen Prozess, der oft genug mit vielerlei Irrungen, Wirrungen und auch Rückschlägen verbunden ist (ich kann davon ein langes Lied singen!). Dir könnte vielleicht der Roman "Narziss und Goldmund" von Hermann Hesse hier weiterhelfen, der mir in jungen Jahren erste, wenn auch zunächst kleine, Augen geöffnet hat. Falls Du das möchtest, schenke ich Dir das Buch.

Wenn Du heute also Ken Jebsen, Daniele Ganser und meinetwegen sogar den Elsässer gut findest, ist Dir das unbenommen - dann begründe das aber bitte auch möglichst genau und lasse Dich auf eventuelle Kritik daran ein. Das hat nicht das geringste mit "Spaltung" oder "Links gegen links" zu tun, sondern ist sogar zwingend notwendig, um irgendwann überhaupt zu einer "gesicherten" Erkenntnis zu gelangen, die man vor sich selbst und anderen guten Gewissens vertreten kann und die nicht nur - wie so oft in dieser perversen, dummgehaltenen Welt - lediglich aus nachgeplapperten Sprechblasen besteht.

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Ach, knallige Welt, du seliges Abnormitätenkabinett!



(Aquarell von George Grosz [1893-1959] aus dem Jahr 1916, in: "Ecce Homo", Malik 1923; Verbleib des Originals unbekannt)

Samstag, 12. September 2015

SPD: Konsequent asozial


Die SPD übertrifft sich in jüngster Zeit immer wieder selbst, wenn es um möglichst asoziale, offen populistische und stets menschenverachtende Forderungen geht - ich habe mich schon mehrfach darüber ausgelassen. Leider reißt diese Serie nicht ab, sondern gewinnt weiter an Fahrt. Erst vorgestern las ich mal wieder beim WDR:

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) will Langzeitarbeitslose als Flüchtingshelfer einsetzen. Auf WDR2 erklärte sie am Donnerstag (10.09.2015), der Bund solle die Programme für öffentlich geförderte Beschäftigung massiv ausweiten. Kraft, die auch SPD-Bundesvize ist, sagte weiter, es sei für die gesellschaftliche Akzeptanz nicht gut, wenn der Eindruck entstünde, dass viel für Flüchtlinge, aber wenig für diejenigen getan werde, die es auf dem Arbeitsmarkt schwer hätten. Man müsse im Einzelfall prüfen, wer qualifiziert für die Betreuung sei und infrage käme.

Schon angesichts dieser Kurzmeldung, die es auf den Seiten des Senders auch in ausführlicher, pseudo-kritischer Form gibt, ahnt man, dass es hier wieder einmal darum geht, qualifizierte, gut entlohnte und eigentlich dringend notwendige Arbeitsplätze durch Zwangsarbeit zum Null- oder Billigtarif zu ersetzen. Jeder, der sich mit dem Terror des Hartz-Systems ausführlicher befasst hat, weiß schließlich, was es bedeutet, wenn diese Behörde die "Qualifikation" eines ihr auf Gedeih und Verderb ausgelieferten Menschen "prüfen" soll. Ich möchte lieber nie erfahren, zu welchen staatlichen Zwangsexzessen es käme, wenn dieser sozialdemokratische, menschenfeindliche Vorschlag tatsächlich umgesetzt werden sollte.

Ich traue diesen rotlackierten Gesellen der neoliberalen Einheitspartei (NED) inzwischen ja fast alles zu; allerdings muss ich auch konstatieren, dass die ständige menschenfeindliche Propaganda längst tiefe Wurzeln geschlagen hat und entsprechend üble Früchte trägt. Im oben verlinkten Langbeitrag zum Thema wird dazu (freilich ohne kritischen Bezug) beispielhaft zitiert:

Der Ökonomie-Professor Ulrich von Suntum von der Uni Münster hält Krafts Vorstoß für eine "bizarre Idee". Langzeitarbeitslose sollen Flüchtlinge betreuen? "Was werden die ihnen wohl beibringen?"

Über das Menschenbild dieses ehrenwerten Herrn Professors, der Langzeitarbeitslose offenbar generell für Minderbemittelte, Betrüger, Schmarotzer oder noch Schlimmeres hält, möchte ich nichts weiter wissen, da ich mich für Fäkalien nicht interessiere. Es ist bezeichnend, dass dieser Mensch, passend wie die neoliberale Faust aufs Auge, selbstverständlich ein Ökonom - also ein verwirrter Esoteriker - ist. Diese Haltung ist symptomatisch für den neoliberalen Wahn, dem auch die SPD gänzlich erlegen ist und dem sie nach wie vor "alternativlos" und willfährig huldigt wie jeder andere radikale Fundamentalist seiner jeweiligen Religion. Das hirnzersetzende Mantra in diesem Fall lautet: "Wer (langzeit-)arbeitslos ist, ist selbst daran schuld und muss staatlich 'aktiviert' werden, um wieder in den ausbeuterischen Sklavendienst zurückzukehren." Dieser infantile, in jeder Hinsicht völlig groteske Unsinn hat sich inzwischen rostbeulengleich festgesetzt und zerfrisst die Gehirne - und zwar nicht nur die korrupter PolitikerInnen, sondern auch die weiter Teile der Bevölkerung. - Schon Orwell wusste nur zu genau, wie das geht.

Selbstverständlich hat das ganze Brimborium überhaupt nichts mit Flüchtlingen oder gar deren Wohlergehen zu tun - dafür benötigte man schließlich viele gut ausgebildete Sozialarbeiter und anderweitig psychologisch, pädagogisch und sozialwissenschaftlich gut geschultes Personal. In der Tat dürfte es in diesem verkommenen Land mehr als genug hochqualifizierte (teils auch momentan arbeitslose) Menschen geben, die sich auf entsprechende Stellenausschreibung freudig und mit lieblicher Kusshand bewerben würden - genau das wollen SPD (und gewiss auch die übrigen Blockparteien der NED) aber vermeiden und werfen daher den "Vorschlag" des absurden Umweges über den behördlichen Zwang des Hartz-Terrors in die mediale, politische Löwenarena.

Diesen Parteien, diesem politischen und wirtschaftlichen, konsequent asozialen und durch und durch korrupten System ist schon lange nicht mehr zu helfen.

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Pfälzer Auslese
[gilt jedoch bundesweit]


"Einer der Herren Minister ist noch nicht vorbestraft. Ich hoffe, Sie sind trotzdem zuverlässig."

(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 35 vom 26.11.1923)

Freitag, 11. September 2015

Zitat des Tages: Sonnenuntergang


Als nach dem ersten großen Frühlingstag
die Sonne aufstieß und zerfließen wollte,
wie da der Horizont sich weit entrollte,
den Glanz zu fassen, der im Raume lag.

Lichthungrig pilgerten die Wälder an,
Gehölze knieten vor der Sonne nieder,
die Vögel opferten die letzten Lieder,
ein Bittdienst vor dem Gold, ein großer Wahn.

Doch eh man's dachte, niemand war bereit,
versank das letzte Stück der hellen Schäume,
vergeblich bettelten die nackten Bäume
und spreizten ihre Finger, starr und weit.

(Gottfried Kölwel [1889-1958], in: "Gesänge gegen den Tod", Kurt Wolff 1914)


Mittwoch, 9. September 2015

Wenn Esos weinen


Ich habe in der Vergangenheit ja ausführlich dargelegt, was ich von esoterischen SpinnerInnen und ihren Auswürfen halte - wer das nicht verfolgt hat, kann das unter dem Label "Esoterik" gerne jederzeit nachlesen. Besonders stand dabei das Wecker-Blog "Jenseits der Realität" in meinem Blickfeld, dessen Schreiberlinge sich gern hochtrabend als "Redakteure" bezeichnen und trotz religiöser Wirrnis politisch "links" verorten.

Nach meiner langen, massiven Kritik am esoterischen Unsinn, der dort ebenso lange verbreitet wurde, erntete ich bekanntlich lediglich eine infantil herausgestreckte, leider übelriechend belegte und anonymisierte Zunge - und seitdem ist es, was esoterische Spinnereien betrifft, erstaunlicherweise relativ ruhig dort geworden. Offenbar nutzt massive Kritik letzten Endes doch etwas, auch wenn es nur ein oberflächlicher "Nutzen" ist, denn die spinnerten, wirren Gedanken sind ja nicht aus den weichen Köpfen der Macher verschwunden, nur weil sie nicht mehr ganz so offensiv in die Welt geplärrt werden.

Jüngst hat sich nun einer der dortigen Schreiberlinge darüber echauffiert, dass er auf eine Spendenanfrage bei der Rosa Luxemburg Stiftung keine explizite Antwort, sondern lediglich die Aufforderung "Bitte löschen Sie meine Adresse aus Ihrem Verteiler" erhalten hat. In epischer Breite lässt er sich über dieses böse "Sakrileg" aus und macht sich damit - freilich ohne es zu bemerken - so lächerlich, dass es eine wahre Wonne für ein Lästermaul wie mich ist. Ich hatte endlich mal wieder richtig Spaß beim Lesen im Netz.

Der Autor bezeichnet sich an anderer Stelle selbst als "Agnostiker" [sic! bzw. *lol*] und hat trotzdem kein Problem damit, mit radikalen Esos wie Häuptling Faulfuß unter der Schirmherrschaft der Weckers (deren Bücher zur Realsatire zu zählen sind, wie beispiesweise "Mönch und Krieger" von Konstantin W. oder "Anniks göttliche Kuchen" von Annik W.) gemeinsame Sache zu machen. Und selbstverständlich benennt er in seiner weinerlichen Anklage, die er an die Rosa Luxemburg Stiftung richtet, auch nicht den offensichtlichsten, naheliegendsten Grund für diese lapidare Antwort: Wie sollten progressive, gar sozialistische Ideen mit dem esoterischen, religiösen Bullshit vereinbar sein?

Es ist doch - bei aller Heiterkeit, die diese Peinlichkeit auslöst - auch immer wieder erhellend, mit welcher "Selbstverständlichkeit" sich manche EsoterikerInnen inzwischen als "Teil der linken Szene" darzustellen versuchen. Dabei möchte ich nicht missverstanden werden: Mir ist es völlig gleichgültig, was Menschen in ihrem privaten Umfeld tun - sie können herzlich gerne Gott, Baal, den Teufel, mich oder das Spaghettimonster anbeten, Voodoo-Puppen basteln, im Kaffeesatz lesen, Heilsteine in ihren Enddarm einführen oder leidenschaftlich mit Mett kopulieren - sobald aber der elendige, widerwärtige Missionsgedanke sichtbar wird, muss ich widersprechen und meine Stimme erheben. Und daran ändern auch Aktionen nichts, die zunächst unterstützenswert erscheinen, es aber aufgrund des dubiosen Umfeldes gar nicht sein können. Wenn beispielsweise Nazis zu Spenden für Verarmte aufriefen, käme schließlich auch kein gesunder Mensch auf die absonderliche Idee, das unterstützen zu wollen. Wer Menschen beispielsweise in Griechenland helfen möchte, kann das auf vielfältige Weise tun und bedarf gewiss keiner esoterischen Unterstützung aus einem derartig halbseidenen Umfeld.

Ich lege dem merkbefreiten Autor, der ausgerechnet den MitarbeiterInnen der Rosa Luxemburg Stiftung - wohlgemerkt aufgrund eines einzigen Satzes - in seinem ausfälligen, unterhaltsamen Text ausdrücklich empfiehlt, "wieder mal Rosa Luxemburg [zu] lesen", nahe, endlich einmal Rosa Luxemburg zu lesen, auch wenn der Erkenntnisgewinn vermutlich weiterhin ausbleiben dürfte:

Da die Arbeiterklasse ihre Erlösung nur erhalte, wenn sie die kapitalistische Produktionsweise beherrsche und diese nicht als “Spielball unkontrollierbarer Mächte” betrachte, sondern als Produkt ganz konkreter gesellschaftlicher Zustände, die es zu erkennen gelte, ergebe sich die Distanz der Arbeiterbewegung zur Religion. / Nur so sei deren Losung von der Religion als einer Privatsache richtig zu würdigen. Doch werde diese Losung in der Sozialdemokratie inzwischen missbraucht von Leuten, die gern "religiöse Elemente" einbringen möchten. Ludwig Feuerbachs "Das Wesen des Christentums" zitierend, wendet sie sich gegen solche Bestrebungen. Der "Befreiungskampf der modernen Arbeiterklasse" ist das Gegengift gegen jede Religion.


Dienstag, 8. September 2015

Song des Tages: My Witness, Your Victim




(The Agonist: "My Witness, Your Victim", aus dem Album "Eye of Providence", 2015)

Confess to your sins
Immorality's my witness
The search for redemption
A never-ending trial - your victim

The battlefield has transformed
Blades unto bullets
Killing is easy but Ruling is key
Strike millions of targets at once
Bullets unto light

The means for authority imposed upon mankind
False sense of security interacting as your guide
A woven fabrication as a radiant design
Enclosing all written access, there's no place left to hide

We bare ourselves to the eye of the Sun
Take all you need in the name of
Killing is easy but Ruling is key

Confess to your sins
Immorality's my witness
The search for redemption
A never-ending trial - your victim

A saint-like figure you demand
Take a look at your reflection
The world's not your own to command
Imperfection staring right back at you

Anytime, anywhere
With Five Eyes watching
We bear witness
Anytime, anywhere
With Five Ears listening
We will attend the Eye of Providence

Thus, I present my final words
A moment is all I ask for
My greatest fear, eternally
Is that nothing will ever change



Montag, 7. September 2015

Religiöse Irre: Morden für die Profitmaximierung


Ein us-amerikanischer Waffenhersteller hat jüngst in aller Deutlichkeit offengelegt, wie die christliche Nächstenliebe im Kapitalismus auszulegen ist. Bei n-tv durfte ich lesen:

Mit Kreuz und Bibelvers / [...] [Die Schnellfeuerwaffe] "Crusader" ["Kreuzritter"] wird mit einem ebenfalls eingebrannten Kreuz für den Preis von 1.395 Dollar (1.268 Euro) angeboten. "Wir haben schon einige Vorbestellungen. Das Interesse ist enorm", sagte Unternehmenssprecher James Judge [vom Waffenhersteller Spike's Tactical]. / [...] Auf dem Sturmgewehr steht Psalm 144,1: "Gepriesen sei der Herr, mein Fels, der meine Hände unterweist zum Kampf, meine Finger zum Krieg."

Das Portal zeigt auch ein hübsches Foto von dieser Gravierung, die nebenbei besonders durch die gewählte Schriftart auffällt, die wohl nicht zufällig an gewisse altdeutsche Varianten erinnert. Ganz am Rande sei nur angemerkt, dass es sicher nur ein versehentlicher Zufall ist, dass dieses Bild stark an eine digitale Fälschung erinnert und wenig mit einem regulären Foto gemein hat.


(Screenshot n-tv.de vom 6.9.15)

Die Marketinghuren und -callboys dieser Firma verkaufen dieses widerliche Mordinstrument laut n-tv nun ausgerechnet mit der hirnschmelzenden Vermutung, "kein Muslim würde zu dieser Waffe greifen", womit - nach amerikanischer Marketing- bzw. Sonderkindergartenlogik - diese Waffe niemals von den "Bösen", sondern stets nur von den "Guten" zum Morden verwendet würde. Ich habe bei der Nachformulierung dieser "Marketingstrategie" schon meine Probleme, mir nicht unentwegt den Kopf blutig zu schlagen vor lauter Irrsinn, der da auf mich einhämmert - und gleichzeitig glaube ich den verkommenen Krämergesellen durchaus, dass es eine gewisse "Nachfrage" für dieses "Gottesgewehr" gibt, was die Einströmung des Irrsinns in mein Gemüt noch erheblich vergrößert. Es werden sich, wie gewohnt, überall gewiss auch hier Pfaffen und andere "Gauckler" finden, welche die Mordwaffen zusätzlich mit einem "göttlichen Segen" versehen.

Dabei ist mit Händen zu greifen, dass auch dieser Waffenproduzent einen solchen infantilen Quatsch nicht aus "religiöser Überzeugung" oder irgendwelchen anderen esoterischen, patriotischen oder gar "ethischen" Gründen [an dieser Stelle muss ein dumpf gegrunztes *LOL* sein] heraus betreibt, sondern dass auch hier der einzige Beweggrund, weshalb Firmen im Kapitalismus überhaupt "unternehmerisch" tätig werden, im alleinigen Zentrum des Tuns steht: Sie wollen Profite generieren, und zwar so viele wie möglich und egal auf wessen Kosten.

Es verwundert nicht weiter, dass diese Reklamestrategen sich einen der widerlichsten Texte aus der Bibel ausgesucht haben, den man zu diesem Thema überhaupt finden kann - wer mag, kann sich den in Rede stehenden "Psalm 144" gerne mal in Gänze durchlesen, wenn ein großer Kotzeimer bereit steht. Auch liegt es auf der Hand, weshalb diese schmierigen Profitmaximierer sich stattdessen nicht etwa für ein Zitat entschieden haben, das laut Bibel vom "Sohn Gottes" höchstselbst stammen soll und das auf Muslime womöglich einen noch viel "abschreckenderen" Einfluss ausüben könnte, wie etwa "Was siehst du aber den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken aber in deinem Auge bemerkst du nicht?" (Matthäus 7,3) oder "Jesus aber sprach: Du sollst nicht töten" (Matthäus 19,18). Schließlich müssten diese schlichten Zitate auch die - offenbar noch schlichteren - "Guten" vom Morden abhalten - und das ist im Kapitalismus bekanntermaßen unerwünscht.

Weit, sehr weit ist es gekommen - nun zitiere ich tatsächlich schon Bibelverse, um den Irrsinn als solchen kenntlich zu machen, obwohl er sowieso offensichtlich ist.

Vor einiger Zeit hat mich die evangelische Kirche aber ohnehin darüber aufgeklärt, was sie vom Thema "Krieg" bzw. "Frieden" hält: Anlässlich meines bereits vor knapp fünf Monaten erwähnten Besuches in dieser surrealen Institution habe ich im aktuellen Gesangbuch dieser Sekte das folgende Zitat entdeckt, das unterhalb eines sogenannten "Segensliedes" [sic!] abgedruckt ist:

Friede ist nicht Abwesenheit von Kampf, aber Anwesenheit von Gott. (Eva von Tiele-Winckler)

Also denn, lasst uns munter rauben, vergewaltigen, foltern und morden - solange "Gott anwesend" ist, was selbstverständlich stets nur geglaubt, nie aber belegt werden kann, ist alles gut. Mir fällt zu diesem religiösen, steinzeitlichen Wahn - egal ob instrumentalisiert oder tatsächlich auch im 21. Jahrhundert "des Herrn" immer noch geglaubt - nichts Sinnvolles mehr ein.

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Te deum laudamus!
[Dich, Gott, loben wir!]


Dankgottesdienst der internationalen Rüstungsindustrie nach Beendigung der Londoner Konferenz.

(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 6 vom 05.05.1930)

Samstag, 5. September 2015

Zitat des Tages: Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!




Wacht auf, – denn eure Träume sind schlecht!
Bleibt wach, – weil das Entsetzliche näher kommt.

Auch zu dir kommt es, der weit entfernt wohnt
von den Stätten, wo Blut vergossen wird,
auch zu dir und deinem Nachmittagsschlaf,
worin du ungern gestört wirst.
Wenn es heute nicht kommt, kommt es morgen,
aber sei gewiss.

"Oh, angenehmer Schlaf
auf dem Kissen mit roten Blumen,
einem Weihnachtsgeschenk von Anita,
woran sie drei Wochen gestickt hat.

Oh, angenehmer Schlaf,
wenn der Braten fett war und das Gemüse zart.
Man denkt im Einschlummern an die Wochenschau von gestern Abend:
Osterlämmer, erwachende Natur,
Eröffnung der Spielbank in Baden-Baden,
Cambridge siegte gegen Oxford mit zweieinhalb Längen –
das genügt, das Gehirn zu beschäftigen.

Oh, diese weichen Kissen, Daunen aus erster Wahl!
Auf ihnen vergisst man das Ärgerliche der Welt,
jene Nachricht zum Beispiel:
Die wegen Abtreibung Angeklagte sagte zu ihrer Verteidigung:
'Die Frau, Mutter von sieben Kindern,
kam zu mir mit einem Säugling,
für den sie keine Windeln hatte und der
in Zeitungspapier gewickelt war.'
Nun, das sind Angelegenheiten des Gerichtes, nicht unsre.
Man kann dagegen nichts tun, wenn einer etwas härter
liegt als der andere. Und was kommen mag ... -
unsere Enkel mögen es ausfechten."


Ach, du schläfst schon? Wache gut auf, mein Freund!
Schon läuft der Strom in den Umzäunungen,
und die Posten sind aufgestellt.

Nein, schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind!
Seid misstrauisch gegen ihre Macht,
die sie vorgeben für euch erwerben zu müssen.
Wacht darüber, dass eure Herzen nicht leer sind, wenn mit
der Leere eurer Herzen gerechnet wird!
Tut das Unnütze, singt die Lieder,
die man aus eurem Mund nicht erwartet!
Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!

(Günter Eich [1907-1972], aus dem Hörspiel "Träume", geschrieben 1950, erstmals produziert und gesendet vom NWDR 1951; gedruckt zuerst erschienen in: "15 Hörspiele", Suhrkamp 1966)



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Anmerkung: Das gesamte Hörspiel ist auf youtube in verschiedenen Versionen kostenfrei verfügbar. Wer es nicht kennt, sollte sich etwas Zeit nehmen und es aufmerksam verfolgen. Hier beginnt beispielsweise die Originalproduktion aus dem Jahr 1951.

Freitag, 4. September 2015

Kapitalistischer Zynismus, nächstes Level


Gestern las ich bei n-tv einen kurzen Text, der mich wieder einmal ziemlich schockiert zurückgelassen hat. Dort wird unter anderem berichtet:

Der Spitzenverband der 295 deutschen Landkreise schlägt vor, den Mindestlohn für Asylbewerber vorübergehend zu senken. Die ankommenden Menschen sollen so schneller zu Lohn und Brot gelangen.

Zum einen ist es ja so, dass Asylsuchende und sogenannte "Geduldete" in den ersten drei Monaten ihres Aufenthaltes in Dunkeldeutschland ohnehin keine Ausbildung beginnen bzw. nicht arbeiten dürfen. Eine Ausnahme stellt hier lediglich die Schulpflicht für Kinder dar - wobei auch diese bereits in gewohnt asozialer Weise in Frage gestellt wird. Auch staatlich "anerkannte" Flüchtlinge müssen zunächst eine behördliche "Arbeitserlaubnis" beantragen, bevor sie sich um einen Job oder einen Ausbildungsplatz bemühen dürfen - dabei gilt für "Arbeitgeber" allerdings, dass "bevorrechtigte Arbeitnehmer" (also Deutsche und EU-Bürger) stets zu bevorzugen sind. Für Menschen, deren Asylverfahren sich in die Länge zieht oder die in diesem Land nur "geduldet" sind, endet das staatlich verordnete Arbeitsverbot erst nach ganzen 15 Monaten - erst dann dürfen auch diese Menschen eine "Arbeitserlaubnis" beantragen.

Dies als generelle Info vorweg, da sie im n-tv-Artikel vollständig fehlt. Im Text ist zunächst nur von "Asylbewerbern" die Rede, also von Menschen, die einen Asylantrag gestellt haben, über den noch nicht entschieden wurde. Später wird als Synonym plötzlich das Wort "Flüchtling" benutzt, das ja weitaus umfassender als der Begriff "Asylbewerber" ist. Ob das schlicht journalistische und/oder politische Schluderei ist oder ob hier ganz bewusst Konfusion erzeugt bzw. verstärkt werden soll, vermag ich nicht zu entscheiden.

Im Kern zielt auch dieser Vorstoß klar erkennbar darauf ab, das allgemeine Lohnniveau weiter massiv zu drücken und den ohnehin lächerlichen und längst nicht "flächendeckend" gültigen Mindestlohn noch weiter ad absurdum zu führen. Es geht hier natürlich nicht darum, einen "guten Beitrag zur Integration" von Flüchtlingen zu leisten, sondern um möglichst billige Arbeitssklaven, die sich zum Zwecke der Profitmaximierung der Unternehmen willig und umfassend ausbeuten lassen.

Das Geheul des DGB und der SPD, das im Text zitiert wird, ist indes genauso infam und verlogen wie der Vorschlag selbst - schließlich gibt es längst "Arbeitnehmer zweiter und sogar dritter Klasse", für die der Mindestlohn nicht gilt und die ständig von (teils sogar völlig entgeltlos zu leistender) Zwangsarbeit bedroht sind, nämlich die Millionen Opfer des staatlichen Hartz-Terrors, für den DGB und insbesondere SPD und Grüne hauptverantwortlich sind. Wenn DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell nun also in die Pressemikrofone plärrt, einzelne Beschäftigungsgruppen vom Mindestlohn auszunehmen und das als Beitrag zur Integration zu bezeichnen sei "reiner Zynismus", ist die zynische Kafkaeske komplett und ich kann nur noch irre schreiend und wild die Haare raufend davonrennen.

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Das letzte Bad



(Lithografie von Honoré Daumier [1808-1879], aus der Serie "Sentiments et passions", in: "Le Charivari", 1840)

Mittwoch, 2. September 2015

Musik des Tages: Klavierkonzert a-moll




  1. Allegro affettuoso
  2. Intermezzo. Andantino grazioso
  3. Allegro vivace

(Robert Schumann [1810-1856]: "Konzert für Klavier und Orchester" a-moll, Op. 54 aus den Jahren 1841-45; Klavier: Khatia Buniatishvili, Radio-Sinfonieorchester Frankfurt, Leitung: Paavo Järvi, 2012)


Dienstag, 1. September 2015

Zitat des Tages: Nachts


Zwischen den Schornsteinen eines zerschossenen Hauses
sitzt der Mond und glotzt ins brennende Dorf
und heult.
Wie Schleier kriechen seine Tränen über die Dächer.
Manchmal kläfft ein Gewehr,
und eine Kugel frisst sich durch Holz oder Scherben -
Manchmal grölt ein Geschütz,
und dann flattern singende Fetzen umher
wie Fledermäuse,
irgendwo stürmt ein Schrei durch die Gassen.
Am Christuskreuz blinkt hell ein Schädel.

(Edlef Köppen [1893-1939], in "Die Aktion", Jahrgang 5, 1915)

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Die Strafe



(Gemälde von Hans Baluschek [1870-1935] aus den Jahren 1915/19, Öl auf Leinwand, unbekannter Verbleib)

Montag, 31. August 2015

"Vergesst uns nicht, erzählt es weiter": Die letzten Zeugen


Als bekennender und überzeugter TV-Boykotteur habe ich aus Gründen, die hier nichts zur Sache tun, die Nacht vom vergangenen Samstag auf den Sonntag dennoch vor einer Flimmerkiste verbringen müssen und bin dabei auf 3sat unfreiwilliger, zufälliger Zuschauer eines Bühnenprojektes des Burgtheaters Wien geworden, von dem ich, obwohl es bereits im Oktober 2013 erstaufgeführt wurde, bislang nichts gehört hatte. Momentan ist diese Aufzeichnung noch in der Mediathek des Senders abrufbar - wer sich das ansehen möchte (und das lege ich wahrlich jedem Menschen nahe), sollte das also tunlichst sehr bald tun, da in Kürze - wie gewohnt - die kapitalistisch motivierte Depublizierung droht.

Das Video findet Ihr zurzeit hier oder alternativ bei youtube:



Es handelt sich um ein Projekt, in dem sieben recht unterschiedlichen Zeitzeugen aus den finsteren Jahren zwischen 1933 und 1945 eine Bühne geboten wird, um ihre jeweilige persönliche Geschichte des grauenhaften Leids und glücklichen, meist zufälligen Überlebens zu dokumentieren. Dies geschieht - trotz der Anwesenheit von noch sechs dieser Personen, die zur Zeit der Aufführung noch lebten - durch Schauspieler, die jene Berichte ausschnitthaft und abwechselnd - am Redepult stehend und manches Mal um Fassung ringend - vortragen. Unterbrochen werden diese himmelschreienden, teilweise unkommentierbaren Berichte aus der tiefsten Hölle, von denen mir viele trotz meiner jahrelangen Beschäftigung mit diesem Thema bislang unbekannt waren, von Auftritten der hochbetagten Überlebenden, die mit persönlichen Botschaften ans Publikum ihre Motivation zur Teilnahme an diesem Projekt erklären.

Dies waren die härtesten und unerträglichsten 133 Minuten, an die ich mich in meiner jüngeren Vergangenheit erinnern kann. Wer sich das nicht anschaut, verpasst eine zwar tränenvolle, aber auch unermesslich erkenntnisreiche Gelegenheit, die Zeit des Nazi-Terrors zumindest in Ansätzen nachempfinden zu können und die notwendigen Rückschlüsse für unsere heutige Zeit, die auch in diesem Projekt thematisiert werden, zu ziehen. Einer der Überlebenden, Ari Rath aus Wien, sagt am Schluss der Aufzeichnung deutliche, wichtige Worte dazu (Minute 127:46):

Es hat bis 2012 gedauert, bis auch Österreichs Regierung des Bundeskanzlers Faymann den 8. Mai 1945 als "Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus" anerkannt hat. Ich bin mir schon viele Jahre der Tatsache bewusst, dass es bei den Österreichern nicht viel Reue über ihre aktive Teilnahme an den Nazi-Verbrechen gab. Obwohl zwei Drittel der österreichischen Juden noch rechtzeitig fliehen konnten und den Holocaust überlebt haben, war der Anteil der Juden, die nach Österreich zurückkehren durften, nur minimal. Es dauerte noch über 40 Jahre, bis als Folge der Waldheim-Affäre Österreich begonnen hat, sich mit seiner Nazi-Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die Verbrechen, die während der Nazi-Zeit begangen wurden, waren grausam und unmenschlich. Doch eines kann ich bis heute nicht begreifen: Dass man bis zum letzten Ende Juden ermordet hat, obwohl schon alles verloren war. Bei seinem Staatsbesuch in Jerusalem 1993 hat Bundeskanzler Franz Vranitzky im Gedenkbuch der Shoah-Gedenkstätte Yad Vashem den folgenden Satz eingetragen: "Die Gefahr ist noch nicht gebannt - wir müssen wachsam sein." - Dieser Satz stimmt leider noch heute - mehr als je zuvor.

Schaut euch das an. Hört aufmerksam zu, auch wenn es sehr, sehr weh tut. Und glaubt insbesondere keinem Politiker, der salbungsvolle Sätze in Gedenkbücher schreibt oder in Mikrophone absondert, ohne entsprechende und unmissverständliche Taten unverzüglich folgen zu lassen - und das gilt gewiss nicht bloß für Österreich. Wenn gerade ein Überlebender des Nazi-Terrors befindet, dass die Wachsamkeit heute "mehr als je zuvor" geboten sei, spricht das angesichts der grauenhaften, beispiellosen Ereignisse, von denen in diesem außergewöhnlichen Theaterprojekt berichtet wird, mehr als nur Bände.

Faschismus, Rassismus und Menschenfeindlichkit stehen nicht mehr vor unseren Türen, sondern sitzen längst auf unseren Wohnzimmersofas und machen es sich inmitten der verrohten, ausgebeuteten, verarmten und ohnmächtigen Gesellschaft wieder gemütlich. Die nächste, wiederholte Runde des kapitalistischen Ablenkungsterrors mit den immer gleichen, nie benannten Ursachen beginnt spätestens heute.

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Ein Zeitkind


"Lasst mich aus mit Idealismus, Ehrlichkeit und so weiter. Die jetzige Zeit verlangt Politiker."

(Zeichnung von Rudolf Grieß [1863-1949], in "Simplicissimus", Heft 49 vom 04.03.1919)