Mittwoch, 25. April 2012

Zitat des Tages: Ausgesteuert

Ausgesteuert

[oder: Die ewig wiederkehrende Lüge vom wirtschaftlichen Aufschwung und vom Rückgang der Arbeitslosigkeit]

Soeben komm' ich vom Arbeitsamt,
müde und hungrig ... Herrgott verdammt,
drei Stunden musste ich draußen warten!
Ein paar "Kollegen" spielten Karten ...
Ich stand mir die Beine tief in den Bauch
und so viele, viele andere auch.

Der Herr am Schalter hat mir beteuert:
"Von heute ab sind Sie ausgesteuert --
Sie bekommen für jetzt noch sechs Mark dreißig --"
Ich apostrophierte: "Jawohl ... das weiß ich,
ich danke auch schön für diese Pleite --",
da stieß mich schon der nächste beiseite.

An der Ecke, wo immer die Hunde pissen,
widme ich meist mich geist'gen Genüssen.
Dort hängt für mich gratis in Holzbordüre
der Stadtanzeiger, meine ganze Lektüre ...
Jetzt stand da wahrhaftig und wirklich zu lesen,
dass dreihunderttausend erwerbslos - geweeesen!

Und viele kauften das Telegramm
vom neuen Arbeitsbeschaffungsprogramm ...
Ich konnte keins kaufen - ich dacht' nur verwundert:
Mein Gott, es waren doch viele hundert
neue Gesichter heut' morgen zu sehn!
Kopfschüttelnd musste ich weitergehn ...

(K. Kau, in "Simplicissimus", Heft 14 vom 06.07.1931)

Anmerkung: Ich konnte leider auf die Schnelle nicht herausfinden, welcher Autor sich hinter dem Pseudonym "K. Kau" alias "Kakao" verbirgt - im Simplicissimus ist es nur dreimal in Erscheinung getreten. Falls jemand weitergehende Informationen hat, bitte ich um Nachricht. Vielen Dank!

Dass die benannte Lügerei eine lange Tradition hat und heute noch perversere Blüten treibt als damals, zeigt uns einmal mehr, wie nahe wir dem Ende des systemischen Kartenhauses sind. Wenn neoliberale Jubelmeldungen über "XXL-Aufschwünge", die nahende "Vollbeschäftigung" und das "Ende der Krise" sich die Klinke in die Hand geben, während klar erkennbar das völlige Gegenteil der Fall ist und ein Großteil der Menschen in diesem Land sich um den Fortbestand der eigenen Existenz fürchtet, ist die Alarmstufe "Rot" angesagt.

Kommentare:

Gerald45 hat gesagt…

So siehts aus. Ich persönlich kenne niemanden (!) der in der letzten Zeit einen vernünftigen (aprich: unbefristeten, angemessen bezahlten) Job gefunden hat. Stattdessen sind immer mehr in Hartz 4 abgerutscht. Aufschwung, daß ich nicht lache!!!

Anabelle hat gesagt…

Danke für diesen Schatz! Eigentlich wäre es doch eine ziemlich gute Idee, all diese vergessenen Gedichte mal in einer Anthologie zusammenzufassen und neu in Buchform herauszubringen, oder? Sie passen so oft in unsere Zeit als wären sie heute geschrieben worden.

Wnde dich doch einfach mal an einen Verlag .... :-)

Charlie hat gesagt…

@ Gerald45: So geht's mir auch - außer prekären "Jobs" und Arbeitslosigkeit, stets verbunden mit massiven Schikanen durchs Amt, ist auch in meinem Bekanntenkreis nichts Neues passiert. Noch sind die InhaberInnen einer halbwegs vernünftigen Arbeitsstelle zwar in der Überzahl, aber der Kreis wird stetig kleiner. Und die Jubelmeldungen über irgendwelche XXL-Aufschwünge, sinkende Arbeitslosenzahlen und dergleichen mehr kann doch niemand mehr ernst nehmen.

@ Anabelle: Gute Idee - kennst Du einen Verlag, der so etwas tatsächlich drucken würde? ;-)

Anabelle hat gesagt…

Wenn ich einen Verlag hätte, ich würde es drucken! :-) Hast du inzwischen eigentlich herausgefunden, wer hinter dem Pseudonym steckt?