Freitag, 21. November 2014

Orwellmania: Die geliebte Presse und die geliebten Hartz-Wohltaten


Der WDR hat einmal mehr investigativen Qualitätsjournalismus betrieben und ein doppelplusgutes Interview mit einem Schlips-Borg vom völlig unabhängigen, hochseriösen "Institut zur Zukunft der Arbeit" zum Thema "10 Jahre Hartz-Terror" geführt. Das Ergebnis kann sich wahrlich sehen lassen, denn der Leser lernt hier so überaus wichtige Dinge wie zum Beispiel:

  1. "Die Bilanz [nach 10 Jahren Hartz-Terror] ist durchaus positiv".
  2. "Positiv ist, dass die Zahl der Langzeitarbeitslosen (...) stark zurückgegangen sind [sic!]. (...) Negativ ist aber, dass die Zahl der Langzeitarbeitslosen konstant auf hohem Niveau geblieben ist." [Ja, echt!]
  3. "Aber die [Förder-]Instrumente müssen weiterentwickelt werden, noch mehr in Richtung Aktivierung der Langzeitarbeitslosen."
  4. "Nahles hat den Plan, 30.000 Langzeitarbeitslosen den Weg in die Betriebe zu ebnen, durch hundertprozentige Lohnkostenzuschüsse. Die Gefahr ist allerdings groß, dass sich zu wenige Unternehmen finden, die Langzeitarbeitslose einstellen – selbst bei massiver Subventionierung. Das zeigen Modellversuche."
  5. "Immerhin ist durch den Niedriglohnsektor zusätzliche Beschäftigung entstanden."
  6. "Das Wichtige ist nur, dass die Menschen nicht dauerhaft in der Grundsicherung verbleiben (...)."

In einer so komprimierten Form findet man die neoliberale Hasspropaganda eher selten - das "Interview" scheint direkt aus Orwells Liebesroman "1984: Während wir schliefen" entnommen zu sein. Der korrupte Lobbyist lügt dumm und dreist ins Mikrofon und der seriöse öffentlich-rechtliche Sender verbreitet den Schmutz unkommentiert, als stünde die superreiche "Elite" mit gezückter Pistole hinter ihm. Was unterscheidet dieses Land samt seinen Medien doch gleich von einem "Unrechtsstaat"?

Eigentlich hatte ich vor, diese schmierigen Aussagen Punkt für Punkt abzuarbeiten und so ihre Lächerlichkeit aufzuzeigen - je länger ich an diesem Text sitze, desto alberner kommt mir diese Absicht aber vor, denn eine Kommentierung ist hier ja völlig unnötig - der Unsinn entlarvt sich von selbst, auch ohne explizite Hinweise. Letztlich fällt mir dazu nur noch ein Dialog aus Star Trek - Voyager ein:

[Auf der Brücke findet wieder einmal eine Diskussion zwischen Tuvok und Paris statt.]
Paris: Argh! Ich gebe es auf!
Chakotay: Nach zwei Minuten schon? Tuvok, wie machen Sie das?
Tuvok: Ich warte, bis er von seiner eigenen Unlogik überwältigt wird.

Es ist bloß fatal, dass es in Deutschland offensichtlich zu wenige Tuvoks gibt, denn ich gehe jede Wette ein, dass es immer noch Massen von verblödeten, narkotisierten, rein eigenwohlorientierten Deppen da draußen gibt, die weder die grelle Unlogik, noch das völlig Absurde in den zitierten Propagandahülsen entdecken (wollen). Allein das wiederholte Bemühen der infantilen Phrase von der "Aktivierung von Langzeitarbeitslosen" ist dermaßen grotesk, dass meine sprachliche Fantasie schlicht versagt, um das zynisch zu kommentieren. Wer in der heutigen Zeit ernsthaft behauptet, Arbeitslose seien überwiegend selber an ihrer Situation schuld und müssten lediglich "aktiviert" werden, um endlich wieder in der Ausbeutungsmaschinerie einen Platz zu finden, ist nichts weiter als ein übler, menschenfeindlicher Faschist. Dasselbe gilt für die inzwischen schon obligatorische Gleichstellung von Langzeitarbeitslosen mit Suchtkranken.

Der korrupte Schlips-Borg vom Lobbyverein des Kapitals kommt in seinem Sermon zu demselben Schluss, wenn er abschließend bemerkt, dass ja nichts schlimmer sei als der "dauerhafte Verbleib" der Betroffenen außerhalb der Ausbeutung.

Die Hauptsache aber bleibt, dass der WDR wieder einmal ein durch Zwangsgebühren finanziertes Glanzstück des investigativen Journalismus abgeliefert hat - und die Herde wird es auch diesmal brav schlucken und weiterhin "Freiheit" und "Demokratie" mähen, während die Schlachtbank bereits in unmittelbarer Sichtweite ihren Betrieb aufgenommen hat.

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Herbstlied, heute neu

Die Technik schreitet munter fort,
Man sucht den Krebserreger,
Doch haben viele kaum das Geld
Für einen Bettvorleger.

Es dröhnt das blaue Himmelszelt
Vom Lärm der Zeppeline,
Die meisten haben kaum das Geld
Für eine Apfelsine.

Die Mode aber ändert sich,
Es blüht die Leichtathletik.
Die meisten Menschen hätten jetzt
Ein warmes Zimmer nötig.

Die Menschen grübeln vor sich hin,
Es ist bedeutend kälter,
Und außerdem, es kürzt der Staat
Die Löhne und Gehälter.

Die Menschen gehn zum Arbeitsamt.
Sie möchten gerne heizen,
Und pfeifen auf den Herbst mitsamt
Den schönen Farbenreizen.

(Theodor Riegler [18??-1942], in "Simplicissimus", Heft 28 vom 12.10.1931)

Kommentare:

Ex-Vermieter hat gesagt…

Langzeitarbeitslose
1. sowohl weniger
2. als auch gleich viele auf hohem Niveau
Das kann sogar beides stimmen, denn die H-4 Initialzündung bestand darin, ganz schnell ganz viele LA in andere Statistik-Schubladen zu vermitteln.
Später wurde und wird diese Technik auch noch benutzt, leider wachsen aber von diesen nichtsnutzigen Faulenzern immer zu viele nach! Wahrscheinlich hat sich rumgesprochen, dass man zwecks Frühverrentung erst mal 'n paar Jährchen arbeitslos sein muss, na, und die Frühverrentung ist gewiss für Millionen eine reizvolle Sache, und diese drängen eben in die Langzeitarbeitslosigkeit.
Man hat schon lange nichts mehr von Midlife Crisis gehört, vermutlich braucht die keiner mehr bei vorgenannten fantastischen Möglichkeiten des Lebensentwurfs z.B. nach dem Vollstudium.

Charlie hat gesagt…

@ Ex-Vermieter: Deine Anmerkung ist völlig richtig, allerdings bleibt das erwähnte Zitat des IZA-Schergen dennoch reiner Bullshit. Ich vermute, dass er eigentlich die übliche, altbekannte neoliberale Propaganda absondern wollte, die da lautet: "Die Arbeitslosenzahlen sind aufgrund der Reformen stark gesunken, die Zahlen der Langzeitarbeitslosen verbleiben aber leider auf einem hohem Niveau".

Es ist schon bezeichnend genug, dass dieser dumme Fehler auch den investigativen WDR-"Journalisten" nicht aufgefallen ist - ob das wohl am Schmalspurstudium der Marke "Bachelor" liegt? ;-)

Liebe Grüße!