Montag, 17. November 2014

Zitat des Tages: Auf dem Boden des Grundgesetzes


1
Mein Vater ist vor Leningrad erfroren.
Als er im Schneesturm lag, hats ihn entsetzt.
Ich schütz vorm Ostwind meine Ohren.
Ich bin es nicht, der hier zum Aufruhr hetzt.

2
Ich bin in diese Zeit verschlagen,
noch nicht verkauft, doch schon geschätzt.
Ich tue, was die Herrn mir sagen.
Ich bin es nicht, der hier zum Aufruhr hetzt.

3
Man sagt mir: Leben oder leben lassen!
Wenn man den Fuß auf meinen Nacken setzt,
geb ich mir Müh, mich anzupassen.
Ich bin es nicht, der hier zum Aufruhr hetzt.

4
Ich habe Kalk geschleppt und Kies gefahren,
ich habe Stein auf Stein gesetzt.
Ich hab kein Haus: ich konnt mir keins ersparen.
Ich bin es nicht, der hier zum Aufruhr hetzt.

5
Am Abend füllt uns meine Frau den Teller:
zuerst den Kindern und sich selbst zuletzt.
Ich les die Zeitung und ich esse schneller.
Ich bin es nicht, der hier zum Aufruhr hetzt.

6
Durch meine Träume rasselt nachts der Schinderkarren.
Den Henker seh ich, der sein Fallbeil wetzt.
Die Krähen hör ich an den Himmeln schnarren.
Ich bin es nicht, der hier zum Aufruhr hetzt.

7
Ich frag mich oft, warum ich hier noch bleibe.
Noch ist kein Preis auf meinen Kopf gesetzt.
Noch halt ich mir die Polizei vom Leibe.
Ich bin es nicht, der hier zum Aufruhr hetzt.

(Volker von Törne [1934-1980], in: "Im Lande Vogelfrei. Gesammelte Gedichte", Wagenbach 1981)





Anmerkung: Ein treffendere Beschreibung der narkotisierten Bevölkerungsmehrheit dieses verkommenen Landes ist mir zumindest aus dem Bereich der Lyrik nicht bekannt. Glücklicherweise irren sich die Wikipedia-AutorInnen auch in diesem Fall, wenn sie schlicht behaupten, Törnes lyrisches Werk sei "weitgehend in Vergessenheit geraten" - ganz im Gegenteil erfährt es seit einigen Jahren eine regelrechte Renaissance. Die findet allerdings - wie inzwischen in nahezu sämtlichen kulturellen und künstlerischen Bereichen - tatsächlich weitgehend unter Ausschluss der dumm gehaltenen Öffentlichkeit statt.

Kommentare:

nightowl hat gesagt…

Sehr eindringlich - danke!
Ist Dir bekannt, woran er so früh gestorben ist?

Charlie hat gesagt…

@ Nightowl: Im "Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur" (Ausgabe 1990) heißt es: "Es ist wie Ironie, dass Volker von Törne (...) an der Arbeit für den Frieden starb: Ende 1980 erlag er einer Gehirnblutung, die er sich bei den Anstrengungen einer Vortragsreise anlässlich der Friedenswoche zuzog." - Törne war bis zu seinem Tode Geschäftsführer der Aktion Sühnezeichen und hat in dieser Funktion "wie ein Besessener, weit über seine Kräfte hinaus" gearbeitet (Zitat aus der Trauerrede anlässlich seiner Bestattung).

Im Internet gibt's leider nicht viel Biografisches über den Autor - einen ersten Eindruck sowie ein paar weitere spannende Gedichte von ihm kann man aber in diesem kurzen Referat eines Schülers finden.

Liebe Grüße!

nightowl hat gesagt…

Danke, Charlie! :)