Dienstag, 20. Januar 2015

Das Merkel-Plagiat Hannelore und das "Ehrenamt": Schöne neue McKinsey-Welt


In ihrer Neujahrsansprache, die man sich schon aus hygienischen Gründen besser nicht komplett anhören sollte, hat die Ministerpräsidentin von NRW, Hannelore Kraft (SPD), wie bei solchen Anlässen üblich eine Menge gequirlten Blödsinn mit viel künstlichem Zuckerguss aus dem Baukasten des neoliberalen Propaganda-Blablas vom Stapel gelassen und sich damit brav in die Riege der salbungsvoll Salbadernden (Gauck, Merkel & Co.) eingereiht. Ich musste mir das Kraft'sche Geschwafel anlässlich eines Besuches bei der buckeligen Verwandtschaft dennoch in Gänze reinziehen, was außer akuten Übelkeitsanfällen zum Glück aber keine weiteren Folgen hatte. Dennoch ist mir eine Passage ganz besonders unangenehm aufgefallen, nämlich diese:

"Wir können stolz darauf sein, dass sich bei uns rund fünf Millionen [Menschen] ehrenamtlich engagieren", sagte Kraft weiter. "Am liebsten würde ich jedem Einzelnen direkt in die Augen schauen und persönlich danken."

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Das zerknitterte Merkel-Plagiat aus Düsseldorf begrüßt es ausdrücklich, dass allein in NRW fünf Millionen Menschen kostenlos soziale Arbeit erledigen, die eigentlich in den ureigensten Aufgabenbereich des Staates fällt und auch entsprechend bezahlt und durch gut ausgebildete Fachkräfte besorgt werden müsste. Wenn es in einem Land eine so erhebliche Masse an "ehrenamtlich" Tätigen gibt, ist das ein untrügliches Indiz dafür, dass der Staat seinen sozialen und kulturellen Pflichten in großem Umfang nicht nachkommt. Es ist eine asoziale Frechheit, dass Kraft sich dafür nicht nur öffentlich nicht entschuldigt und Besserung gelobt, sondern diesen Missstand im Gegenteil ausdrücklich begrüßt und auch noch sichtlich zu zementieren versucht.

Ich möchte nicht missverstanden werden: Ich bin selber "ehrenamtlich" aktiv und weiß, dass es verdammt viele Menschen in diesem Land gibt, die eine überaus wichtige und oft genug aufzehrende Arbeit leisten, die gar nicht hoch genug gewürdigt werden kann. Das ändert aber nichts daran, dass ein Großteil dieser "Ehrenämter" aus der puren Not geboren wurde, eben weil es in verschiedensten sozialen und kulturellen Bereichen keine staatlichen Hilfen bzw. Anlaufstellen (mehr) gibt oder der Staat sogar längst zum Kontrahenten pervertiert ist, der die BürgerInnen nicht mehr stützt bzw. unterstützt, sondern regelrecht bekämpft.

Wir können wahrlich nicht "stolz" darauf sein, dass es in diesem reichen Land einer derartigen Masse von unentgeltlich tätigen Menschen bedarf, die das tun, was eigentlich die Aufgabe des Staates ist - wir (und damit ist in erster Linie die korrupte Polit-Bande gemeint) sollten uns vielmehr heftigst dafür schämen und alles daransetzen, diese "Ehrenämter" endlich überflüssig zu machen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang natürlich auch, wer sich denn ganz besonders für das "Ehrenamt" stark macht - und es verwundert nicht weiter, dass hier insbesondere die global tätige "Unternehmensberatung" McKinsey, die unter anderem an der Konzeption der "Tafeln" beteiligt war, unangenehm auffällt. Ihre "Initiative startsocial" bewirbt diese Bande so:

startsocial fördert ehrenamtliches Engagement und lebt von ehrenamtlichem Engagement: In den bisherigen Wettbewerbsrunden haben sich rund 2.600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus über 300 Unternehmen und sozialen Organisationen in weit mehr als 120.000 Arbeitsstunden in Gremien, als Coaches oder als Juroren für startsocial eingesetzt. / Die Initiative steht unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel. Als Hauptsponsoren unterstützen Allianz SE, Deutsche Bank AG, Atos, ProSiebenSat.1 Media AG und McKinsey & Company den Wettbewerb.

Hier ist die Elite der raffgierigen Asozialen unter sich - und die SPD wäre nicht "unsere" SPD, wenn sie nicht laut, schief und aufdringlich ins selbe ekelhafte Horn trötete. Wie gern würde ich all diesen schmierigen Gesellen direkt in die Augen schauen, bevor ich ihnen mit tiefempfundenem, ehrenamtlichem Engagement voller Überzeugung in die vollgefressenen Hintern träte.

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Lokalpolitiker



(Gemälde von George Caleb Bingham [1811-1879] aus dem Jahr 1849: "Country Politician", Öl auf Leinwand, Fine Art Museum of San Francisco. Es ist auf dem Scan nicht so gut zu erkennen: Rechts neben dem "Lokalpolitiker" sitzt ein "Geschäftsmann", der in der Hand einen Sack mit Geld hält, während im Zylinder auf dem Boden ein Bündel Banknoten zu sehen ist.)

Kommentare:

Kramladen hat gesagt…

IIch befürchte, Kraft, Gabriel und wie sie alle heißen mögen, glauben dieses Gesülze mittlerweile selbst, bzw. haben es bereits in ihre politische DNA implementieren lassen.
Als ich unlängst den neuen Beruf des Pfandflaschensammlers, Suppenküchen, Tafeln und die damit einhergehende Wohlfahrtsindustrie als den "nachhaltigsten" Beitrag der einstigen Arbeiterpartei zur Entsolidarisierung bezeichnete, schlug mir aus berufenem Munde der Prätorianergarde namens Jusos die sowohl mir als auch Google bislang unbekannte Beschimpfung Links-Braune-Front entgegen.
Da verwundert es dann natürlich nicht, daß solch eine Partei systematisch ihr Wirken verklärt und lieber Gustav Noske in Ehren hält als solch einen Judas wie Lafontaine.

altautonomer hat gesagt…

Habs mir auch angesehen und fand diese Passage ebenfalls unmöglich und dreist.

Anonym hat gesagt…

Unter 5 Millionen ehrenamtlichen Fallen aber auch Mitglieder der freiwilligen Feuerwehren, der BMI-Anstalt THW und des Katastrophenschutzes der Hilfsorganisationen (DRK etc).

Im caritativen Bereich kann ich deiner Argumentation durchaus zustimmen, im Bereich der nicht-polizeilichen Gefahrenabwehr funktioniert es wahrscheinlich tatsächlich nicht anders.
Der fehlende Nachwuchs in dem Bereich wird einen hauptamtlichen KatS vielleicht irgendwann unabdingbar machen. Oder ihn durch das Militär ersetzen - dann lieber Ehrenamt.

Warum die zusätzliche Betreuung von alten, psychisch erkrankten, behinderten oder in andererweise eingeschränkten Mitmenschen (als Beispiel) von Ehrenamtlern ausgeführt wird, ist mir schleierhaft. Pure Ausbeutung.

Charlie hat gesagt…

@ Kramladen: Der Begriff "links-braune Front" ist mir in der Tat auch neu. Woher haben diese Kasper das bloß? Gehen die zum Schwimmen auch ins "trockene Wasser" oder schlemmen im Hochsommer "heißes Eis"? Man weiß ja so wenig. ;-)

Ich befürchte allerdings, dass gerade die tonangebenden Sozen wie Gabriel, Kraft und Konsorten im Grunde sehr genau wissen, welch ein widerliches, menschenfeindliches Spiel sie treiben - oftmals versuchen sie ja gar nicht mehr, es auch nur rudimentär zu verschleiern. Der berühmte "Parasiten"-Vergleich Clements oder das perverse Bibelzitat "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" Münteferings sind uns allen ja noch gut im Gedächtnis.

Sie wissen, was sie tun. Und sie wissen selbstverständlich auch, weshalb sie es tun.

Charlie hat gesagt…

@ Anonym: Danke für Deinen Kommentar. Deshalb schrieb ich ja, dass ich bitte nicht missverstanden werden möchte. Gerade das Beispiel der freiwilligen Feuerwehren ist doch dazu geeignet, den Sinn dieser Institution zu hinterfragen: Es sollte doch ein völlig selbstverständliches Ziel allen staatlichen Handelns sein, flächendeckend für eine Berufsfeuerwehr zu sorgen, in der gut ausgebildete, anständig bezahlte Menschen tätig sind - ansonsten landen wir doch sehr schnell bei "freiwilligen Polizisten", "freiwilligen Rettungssanitätern" oder meinetwegen auch "freiwilligen Straßenbauarbeitern". Und wenn's mal keine oder nicht mehr genügend "Freiwillige" gibt, wird der "Service" eben eingestellt - oder durch Zwangsarbeiter ersetzt?

"Ehrenamtliche" Tätigkeiten sprießen überall da aus dem Boden, wo der Staat versagt oder sich bewusst zurückzieht - und man darf ruhigen Gewissens davon ausgehen, dass ein solcher Rückzug niemals etwas mit dem "Wohl der Bevölkerung" oder gar dessen "Verbesserung" zu tun hat.

Der Katastrophenschutz ist da in der Tat eine große Ausnahme - dabei handelt es sich aber nicht um stetig zu absolvierende Arbeiten, sondern eben um Ausnahmefälle, die glücklicherweise nur recht selten vorkommen. Es ging mir im Text nicht um eine generelle Verdammung der freiwilligen Hilfen, sondern um die zunehmende politische Instrumentalisierung dieser Hilfsbereitschaft für ständig und dauerhaft notwendige Arbeiten, vor allem im sozialen und kulturellen Bereich.

Dass es nun ausgerechnet wieder jemand von der SPD ist, die auf diesen neoliberalen Zug jauchzend aufspringt und ihn hündisch adelt, ist mehr als bezeichnend für diese degenerierte Partei.

altautonomer hat gesagt…

Kramladen/Charlie: "Linksbraune Front" besteht aus "rotlackierten Faschisten". So hat man mich beim Spiegelfechter und auf Herrn Karls Blog gerne tituliert.

Charlie hat gesagt…

@ altauto: Du hast diesen "Vorwurf" doch hoffentlich nicht ernst genommen? Wer sich auf ein derartiges Diskussionsniveau begibt, das von jeder BLÖD-"Zeitungs"-Ausgabe locker überboten wird, kann nur verlieren.

Im Übrigen bitte ich herzlich darum, den Schweizer Dumpftroll hier nicht mehr zu erwähnen - ich bin heilfroh, dass ich den Deppen endlich los bin und seine Dummheiten nicht mehr ständig löschen muss.

Zum Spiegelfechter sage ich besser nichts - es ist jedenfalls kein Zufall, dass ich mich dort so gut wie nie zu Wort melde.

Kramladen hat gesagt…

In diesem Kontext paßt tinyurl.com/q9dlkve von gestern auch sehr schön. Scheinbar dämmert vielen langsam, daß diese Volksverarsche Bufdi nur eine übel verkleidetes Schmarotzen der Politik ist, um noch mehr schlecht bezahlte Jobs im Sozialbereich zu vernichten. Ein paar Wochen Einblick in die reglementierte Altenpflege öffnen nicht nur Betroffenen mittlerweile schnell die Augen. Das sage ich als jemand, dem einst als sogenanntem Drückeberger nach entsprechender staatlicher Inquisition das Vorhandensein eines Gewissens bescheinigt wurde, und der nach dem Zivildienst aus Überzeugung noch 15 Jahre lang "ehrenamtlich" als Rettungssanitäter gearbeitet hat.

Zu den Sozzen (H. Kohl) hat E. Mühsam schon alles Relevante gesagt.

Dann ist er zuhaus geblieben
Und hat dort ein Buch geschrieben:
Nämlich, wie man revoluzzt
Und dabei doch Lampen putzt.
(1907)