Donnerstag, 5. Februar 2015

Zeitzeugen sprechen über Auschwitz (6): Schnipsel des alltäglichen Horrors


Der folgende Text ist ein kurzer Auszug aus der Zeugenaussage des Zahnarztes und Holocaust-Überlebenden Imrich Gönczi, die im Rahmen des sogenannten 1. Frankfurter Auschwitzprozesses am 08.06.1964 dokumentiert wurde. Die komplette Aussage kann - ebenso wie unzählige weitere Zeugenaussagen - auf den Seiten des Fritz-Bauer-Instituts nachgelesen und auch im Original angehört werden.

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Es war so: Wir sind damals schon zeitig in der Früh aufgeweckt worden, so um drei Uhr, denke ich, und wir sind marschiert, das Kommando. Dort haben wir solche Planierungsarbeiten, Vorbereitungen zu irgendeinem Bau, [gemacht]. Auf diesem Kommando habe ich mit meinem Vater gearbeitet. Eines Tages auf diesem Arbeitsplatz ist zu ihm ein SS-Mann gekommen, den ich nicht mit Namen kenne, es war ein Posten, hat die Mütze meines Vaters weggenommen und weggeschmissen. Und wie mein Vater sich die Mütze holen wollte, hat er ihn erschossen. Das war mein erster Eindruck von Auschwitz. Als ich zu diesem SS-Mann kam – ich war sehr jung noch, ich war 17, denke ich, 17 Jahre alt, ich dachte damals, dass mein Leben schon keinen Wert hat, weiter ohne meinen Vater zu leben –, sprang ich zu ihm, und er hat mich geschlagen und hat geschrien: "Dich erschieße ich nicht! Schade um die Kugel, du krepierst sowieso!" Und zur Strafe musste ich dann abends nach der Arbeitsschicht mit meinen Kameraden meinen Vater von diesem Platz auf dem Rücken zurück ins Lager tragen. Ich musste ihn auch aufheben von dem Platz, wo er erschossen wurde. Und noch warmes Blut habe ich an meinen Händen gespürt.

[...]

In diesem kleinen Raum haben sich die Kranken ausgezogen. Wir haben ihnen mit Tintenblei auf die Brust die Häftlingsnummer [schreiben müssen] und ich musste diese – einen nach dem anderen, das heißt immer einen – durch den Gang nach links führen. [...] Und ich führte diesen Kranken in den kleinen Raum, in das Laboratorium, welches ganz in der Ecke der Gebäude war. [...] Dort war ein Stuhl vorbereitet, und der Mithäftling, der dort Dienst hatte, hat [denjenigen] hingesetzt, den ich begleitet habe. Und der SS-Mann Klehr, in weißem Mantel gekleidet als Arzt, ist zu dem gekommen – der Mithäftling hat ihn gehalten – und hat ihm direkt in das Herz eine Injektion gespritzt. Der Kranke war sofort tot, es hatte nicht lange gedauert. Nach dem Einstechen hat er nur so einen Ton, so ein Ausatmen, [von sich] gegeben. Dann haben wir ihn genommen und durch die Türe, durch den Gang. Vis-à-vis war ein Badezimmer, so Duschen waren dort, dort haben wir die Leiche auf den Boden gelegt. Und so musste ich alle die Ausgewählten begleiten, und der SS-Mann Klehr hat sie alle nacheinander durch die Injektion getötet.

[...]

Später wurden wir von diesem Block 10 in das Kommando "Hygiene" in das Dorf Rajsko [verlegt]. Wir wohnten nicht dort, sondern jeden Tag sind wir in das Kommando marschiert. Hier habe ich ein kleines Laboratorium gehabt. Das hieß "Nährbodenküche". Und in diese Nährbodenküche hat mir der SS-Mann [Franz] Fugger jede Woche aus Krakau in einem Koffer Fleisch gebracht. Es war Rindfleisch oder Pferdefleisch. Es konnte so 15 Kilo wiegen. Ich musste das Fleisch zu kleinen Stücken zerkleinern, und in Erlenmeyerkolben – das sind solche Glasflaschen – habe ich es gekocht. Die Brühe, die ich dann abfiltriert habe, die haben wir benutzt als Nährboden. Das hieß Bouillon. Und das Fleisch war der Abfall. Das Fleisch haben wir zwischen uns Kameraden verteilt und aufgegessen. Das war sehr gut für uns. Nur kam eines Tages der SS-Mann Zabel, und der hat mir in zwei solchen keramischen Eimern – das waren so [...] Steintöpfe, die circa 15 Liter Inhalt haben, zwei voll mit Fleisch gebracht. Als ich das Fleisch in die Hand genommen habe, habe ich sofort gesehen, dass dieses Fleisch nicht von Vieh stammt [...].

Ich nahm ein Stück dieses Fleisches und ging in das Laboratorium vis-à-vis, wo ein bekannter tschechischer Bakteriologe war: Professor [Vaclav] Tomašek aus Brünn. Ich kam zu ihm und sage ihm: "Herr Professor, schauen Sie. Dieses Fleisch kann nicht von einem Rind oder von einem Pferd sein. Das sind doch kleine Stücke. Ich denke, dass es Menschenfleisch ist." Und der Professor Tomašek sagt zu mir: "So [grausame] Mörder sind die nicht, dass die das Menschenfleisch [...] für diese Zwecke bringen." Aber als ich das Fleisch verarbeitet habe, wo auch zwei Stück Leber dabei waren, habe ich ein Stückchen Fleisch gefunden, wo die Haut in der Größe [...] so zwei mal ein Zentimeter [noch vorhanden] war. Und da konnte man sofort sehen, dass das die Haut eines Menschen ist. Und seit diesem Tag haben wir gewusst – unser kleiner Kreis, denn wir haben Angst gehabt, davon zu sprechen –, dass ich in Wirklichkeit Menschenfleisch für bakteriologische Zwecke verarbeitet habe. Und ich habe circa ein halbes Jahr Menschenfleisch gekocht [anstelle der] Ration, die die SS-Männer bekommen haben, damit die selbst sich Beefsteaks und andere Sachen davon machen konnten. Also habe ich fast jede Woche diese zwei Gefäße voll mit Fleisch bekommen, worin Menschenleber war. Und das habe ich dort verarbeitet. Der Doktor Münch könnte bestimmt über diese Ereignisse dort viel Näheres sagen, denn ich weiß nicht, von wo das Fleisch stammte. Ob die Menschen wegen dieses Fleisches getötet wurden oder ob es Menschen waren, die getötet wurden, und dann das Fleisch von ihnen genutzt wurde.

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Das Entsetzen



(Kreidelithographie von Walter Gramatté [1897-1929] aus dem Jahr 1917, unbekannter Verbleib)

Kommentare:

altautonomer hat gesagt…

Charlie! Deine Zeitzeugenschnipsel sind ja eine anerkennenswerte Fleißarbeit und auch als Doku für Deine Bloghistorie gut geeignet. Kommentare gibt es wohl kaum, da es zu diesem Grauen nicht viel zu sagen gibt. Es spricht für sich.

Auf einer Metaebene fällt mir beim Lesen derartigen Aussagen, insbesondere nach der Lektüre der über 600 seitigen Doku "Das Urteil im Frankfurter Auschwitz-Prozess"
immer wieder auf, dass über 90 % der unter dem Stichwort Auschwitz subsumierten Ereignisse auf Aussagen der Opfer und Recherche von Historikern (Goldhagen/Browning) beruhen. Die Täter haben in den Prozessen, in den Verhören und in ihrer rechtfertigenden Literatur (Holocaustleugnung wie David Irving)entweder alles abgestritten, behauptet, nichts gewußt zu haben, oder sich nicht mehr erinnern zu können, während sich die Überlebenden selbst noch nach 70 Jahren an Details und Gesichter ihrer Peiniger erinnern, weil diese Erlebnisse sie für ein Leben lang traumatisiert haben.

Ein exemplarisches Beispiel für Verdrängung, Verharmlosung und Zynismus (Zit.: "Auschwitz war ein 5-Sterne-Hotel") ist der ehemalige SS-Mann Paul Hafner, über den 2007 ein umstrittener Dokumentarfilm gedreht, jedoch dessen Ausstrahlung das öffentl.-rechtl. Fernsehen verweigert hat.

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=kpV-9hcemdo

Charlie hat gesagt…

@ Altautonomer: Danke für diese Rückmeldung. Ja, ich höre mir seit über einer Woche in meiner freien Zeit die Aussagen jener überlebenden Opfer an und kopiere einzelne Passagen daraus ins Blog, weil es mir ein dringliches Anliegen ist, dass gerade diese Stimmen nicht im Nirwana der historischen Beliebigkeit verschwinden.

Dabei verschlägt es mir regelmäßig, immer aufs Neue, die Sprache, so dass ich das nicht kommentieren, sondern allenfalls durch Bilder illustrieren kann.

Ich habe es hingegen bislang nicht fertiggebracht, mir auch Beispiele der ebenfalls abrufbaren Aussagen der damals Angeklagten anzuhören. Angesichts des unfassbaren, in schier unendlich vielen Details offenbarten Horrors des "Alltags" in Auschwitz fällt mir das unendlich schwer. Ich hoffe aber, dass der eine oder andere Mitlesende hier weniger Hemmungen hat und sich auch die Aussagen der Gegenseite anhört oder durchliest.

Ich persönlich schaffe das nicht - ich kann ja nicht einmal einem Freiheitsapostel Gauck oder einer marktkonformen FDJ-Merkel zuhören, ohne extremen Bluthochdruck zu bekommen und mich maßlos aufzuregen - wie also sollte ich die Kraft aufwenden, dem ehemaligen Auschwitz-Personal mein Ohr schenken zu können ...

Es ist gut, dass Du auf diesen Aspekt explizit hinweist.

Liebe Grüße!

jakebaby hat gesagt…

Ich persoenlich schaffe das auch nicht, aber habe ich mir ueber Jahrzehnte hinweg grausliches Material reingegrueckt, wobei sich der diverse Ekel ueber Opfer/Taeter irgendeine Waage haelt.
So auch die Waage der realen Taeter, zwischen Rechtfertiger, nichts gewusst/erinnert, verharmlost .. und den weiterhin vom Richtigtuen Ueberzeugten. Letztere sind zwar extrem abstossend, aber zumindest ehrlich.

Der Nazi kam mit weniger denn einem blauen Auge davon und marschierte wohlbehalten, befuersorgt und gesamtgesellschaftlich in das neue, bundesrepublikanische Deutschland. Gaenzlich etabliert und zunehmend gewichtig. Gestern wie heute so offensichtlich wie der morgige Sonnenaufgang.
Ein zunehmendes Deja'vu, in Welchem, nicht nur in Deutschland, unter Anderen gegen all Jene/Fremdlinge gehetzt wird, welche gerade unter Nazis&Co vernichtet wurden.
Schwarz auf weiss, verbal, audio/video .... massiv ... einfach So .. von Politik bis zum Penner. Quo vadis? ... Mensch!

Willst du das alles dem Kapitalismus zuschreiben, solltest du die Bezeichnung Sapiens nach dem Homo aendern.

Charlie hat gesagt…

@ Jake: Dazu ein einfaches (und daher hinkendes, aber dennoch illustrierendes) Beispiel: Wenn Du einen Menschen in ein Haifischbecken wirfst, wirst Du beobachten können, wie er verzweifelt versuchen wird, diesem Höllenpfuhl wieder zu entkommen. Wenn Du aber gleich hundert Menschen gemeinsam hineinstößt, wirst Du sehr schnell bemerken, dass es - vielleicht zunächst einzelne, dann immer mehr - darunter geben wird, die ihre eigene Haut zu retten versuchen, indem sie anderen schaden. Genau das ist das simplifizierte, faschistoide Prinzip des Kapitalismus, bezogen auf die ausgebeutete, breite Masse.

Ich halte es für ziemlich wahrscheinlich, dass sehr viele dieser Menschen, die sich in einer solchen, also heutigen Situation asozial und inhuman verhalten, in einem anderen Rahmen ganz und gar nicht so furchtbar agieren würden.

Es mag durchaus sein, dass ich mich da irre - da es aber noch nie, seit das Geld "erfunden" wurde, irgendeinen ernstzunehmenden alternativen Versuch, bei dem sich nicht innerhalb kürzester Zeit doch wieder dieselben Strukturen der selbsternannten "Eliten", die sich wildester Macht- und Habgier erfreuten, herausgebildet haben, steht ein Gegenbeweis noch immer aus.

Solange verbleiben wir alle im Haifischbecken und sehen zu, dass wir unsere Haut retten - und zunehmend mehr Menschen tun das wieder einmal auf Kosten anderer, nämlich zumeist Schwächerer.

Nicht alle Menschen sind Arschlöcher, und selbstredend sind auch nicht alle Menschen gut. Also gilt es doch, ein gesellschaftliches System zu etablieren, in dem das "Gut-Sein" belohnt wird - und nicht das "Arschloch-Sein", wie es gegenwärtig und schon seit so langer Zeit der Fall ist.

Just my two cents.

Liebe Grüße!

jakebaby hat gesagt…

".... steht ein Gegenbeweis noch immer aus." ..."schon" immer aus"

Es brauchte nicht erst Geld, um mehr, von was auch immer, zu wollen.

"Nicht alle Menschen sind Arschlöcher, und selbstredend sind auch nicht alle Menschen gut."
Wer seit Steinzeit die Oberhand hatte, muss ich mit Sicherheit auch nicht erklaeren, und was Mensch seit Fehlbeschreibung Homo Sapiens errungen, ist evolutionaer ausschliesslich zu Ueblerem 'gut. Siehe gerade Eben.

Wenn eine absolute Mehrheit Mensch nahezu ausschliesslich damit beschaeftigt ist den naechsten beschissenen Tag zu ueberleben und die naechsten Mehrheiten jeden Scheiss/Status Quo mitmachen, um glauben und hoffen zu wollen/muessen, nicht nach 'unten durchzurutschen, bleibt nur wenig Spielraum darueber nachzudenken, dass Dies Alles nicht So sein muesste.
Schachmatt durch Un-sicherheit/wissen Angst&Verzweiflung. Homo Dementus!

Diverse sonstig negative Einflusse/Um'Zustaende tragen sicherlich auch zu einer unpositiven Betrachtung zukuenftiger Entwicklungen zu.

"If there's a new Way, I'll be the First in Line ... "
Nicht mal am Horizont!

Gruss
Jake