Mittwoch, 21. Oktober 2015

Der WDR und das faule Studentenpack


Der WDR glänzt wieder einmal durch maximale Realitätsferne. Pünktlich zum Beginn des Wintersemesters hat der Sender allen Ernstes eine Fotostrecke veröffentlicht, die insbesondere Studienanfängern eine Hilfestellung bieten soll. Dies allein wäre schon satirepreisverdächtig; allerdings setzt der Sender, wie gewohnt, dem Popanz noch die Plastikkrone auf und stellt das Konstrukt unter das absurde Motto:

Um nicht als Studienanfänger aufzufallen, gilt es einiges zu beachten.

Unabhängig von der absonderlichen Frage, wieso zum Teufel irgendein Studienanfänger sich darum bemühen sollte, nicht als solcher "aufzufallen", wird hier im weiteren Verlauf das gewohnte Klischee-Feuerwerk zum Thema Studium vom Stapel gelassen, das man sich seit Jahrzehnten an den Stammtischen dieses Landes erzählt. Kostproben dazu:

- Freitags sind die Hörsäle nur spärlich besetzt. Wer seine Vorlesungen clever plant, hat mehr feie Zeit und kann schon ab Donnerstag das Wochenende genießen.
- Acht Uhr Vorlesungsbeginn – auch das kann einen schon mal umhauen. Vor allem, wenn man die Nächte in der WG-Küche durchzecht oder sich ins Partyleben stürzt.
- Wer sich in die erste Reihe setzt und seinen Professor ständig mit Fragen bombadiert [sic!], gibt sich ebenfalls als Erstsemester und Streber [sic!] zu erkennen.

Und so geht das munter weiter - die BLÖD-"Zeitung" bekäme das nicht besser hin. Es ist müßig, auf den nicht vorhandenen Informationswert dieser "Fotostrecke" hinzuweisen, angesichts derer ich mich nicht entscheiden kann, ob nun die ausgewählten Symbolfotos oder die darunter platzierten Texte dümmer und inhaltsleerer sind. Dieser Blödsinn war schon vor den Bologna-Deformierungen des Hochschulwesens nichts als dummes Zeug - bezüglich der heutigen, kapitalistisch verseuchten und streng verschulten "Leistungs"-Hochschulen allerdings erreicht die Realitätsferne dieses WDR-Beitrages ein kaum zu übertreffendes Maximum, das nicht einmal mehr als Satire Bestand haben kann.

Ich vermute ja, dass der zuständige Praktikant in der Online-Redaktion des WDR hier aus "Effizienzgründen" einfach mal im Archiv oder im Internet gekramt hat, anstatt selbst etwas zu schreiben - anders kann ich mir dieses hirnfaulige Ergebnis nicht erklären. Ich kann jedem Studienanfänger nur raten: Bekämpft den neoliberalen "Effizienzwahn" nach Kräften, besucht die Seminare und Vorlesungen, die Euch besonders interessieren, setzt Euch dort möglichst in die erste Reihe und stellt um Himmels Willen stets Fragen - das ist nämlich der Sinn und Zweck eines wissenschaftlichen Diskurses, den Ihr schließlich an der Uni erlernen bzw. vertiefen sollt. - So jedenfalls lautete früher einmal der Tenor eines humanistisch orientierten Studiums ... bevor Unternehmensberatungen und deren aktenkoffertragenden Schlips-Borg das Hochschulwesen im kapitalistischen Auftrag mutwillig zerstört haben.

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Modernisiertes Hochschulwesen


Angesichts der Zunahme des Werkstudententums sieht sich die Professorenschaft genötigt, ihre Vorlesungen jeweils an der Arbeitsstelle ihrer Hörer abzuhalten.

(Zeichnung von Alfred Pichel [1896-1977], in "Simplicissimus", Heft 31 vom 02.11.1931)

Kommentare:

altautonomer hat gesagt…

Nach der Schule ist das Studium der vorerst letzte Lebensabschnitt mit Zeitautonomie.
Erst mit Beginn eines Arbeitsverhältnisses begibt man sich in ein Teilzeitgefängnis.

Ich kenne Universitäten, die stellen Erstsemestern auf Wunsch sogar einen Mentor zu Seite. Interessant wäre doch wirklich mal die Erklärung für die Behauptung, dass man sich nicht als Frischling identifizierbar machen soll. Die Selbstdisziplin beim Lernen dürfte auch abhängig vom Studienfach sein. In den Golfspielernachwuchsfächern wie Jura und Medizin dürfte wohl etwas mehr verlangt werden, als in den Sozialwissenschaften.

Das Vorurteil von monotonen Mensaessen durfte natürlich nicht fehlen. Björn Moschinski, bekannter Vegan Head Chef in Berlin, hatte im Oktober 2010 in der Mensa der Uni Bochum Gulasch aus Sojawürfeln gekocht. Die Studenten bekamen das Gericht als üblichen Rindergulasch angeboten. Und siehe da: Sie speisten wie immer, das Gulasch lief gut. Die anschließende Befragung ergab dann Staunenswertes: 264 (88%) der 300 Gulasch-Esser hatten vom veganen Charakter des Essens NICHTS GEMERKT.

Charlie hat gesagt…

@ Altauto: Genau das, nämlich der erste Absatz Deines Kommentars, stimmt heute längst nicht mehr. Die kapitalistisch verseuchte Hochschule unserer heutigen Zeit ist nichts anderes als das vorweggenommene Gefängnis der darauf folgenden Arbeits- bzw. Ausbeutungswelt. Ein Studium heute hat nichts mehr damit zu tun, was unsereins aus eigener Erfahrung noch damit verbinden mag.

Ich persönlich habe mein Studium beispielsweise allein dadurch um einige Semester verlängert, weil ich mir die angebotenen Veranstaltungen auf keinen Fall entgehen lassen wollte - ich habe also länger studiert als "vorgesehen", weil ich mehr lernen wollte. Das ist heute unmöglich - man würde zwangsexmatrikuliert, wenn man so etwas täte.

Die heutigen Universitäten sind nur noch ein perverses Zerrbild dessen, was sie einst waren.

Liebe Grüße!

epikur hat gesagt…

Ich persönlich habe mein Studium beispielsweise allein dadurch um einige Semester verlängert, weil ich mir die angebotenen Veranstaltungen auf keinen Fall entgehen lassen wollte - ich habe also länger studiert als "vorgesehen", weil ich mehr lernen wollte. Das ist heute unmöglich - man würde zwangsexmatrikuliert, wenn man so etwas täte.

Nicht nur das, wer nicht aus einem reichen Familienhaushalt kommt und auf Bafög angewiesen ist, bekommt ein zusätzliches Problem. Die zahlen Bafög nämlich nur für die Regelstudienzeit. Nicht ein Semester länger. Danach darf man sich einen schönen "Bildungskredit" von der KfW oder einer anderen Bank, natürlich mit Zinsen, "gönnen". Und selbst wenn alles nach Plan läuft, kann man in diese Spirale kommen, wenn beispielsweise bestimmte Pflichtkurse nicht jedes Semester angeboten werden und man dann doch ein Semester über die Regelstudienzeit hinaus länger studieren muss.

Aber solche und ähnliche Probleme haben heute die wenigsten Studenten. Dank Studiengebühren, Semesterbeiträgen, Buchkosten etc. studieren heute eh fast nur noch Leute aus gut situierten Familien. Und genau das ist auch gewollt. Wäre ja noch schöner, wenn der Pöbel zuviel Bildung bekommen würde.

Stefan Rose hat gesagt…

Kein neues Phänomen. Schon in den Achtzigern gefiel es dem Moderator einer Mittagssendung auf WDR 2 seine Zuhörer mit der brüllulkigen Bemerkung "Es ist 13.05 Uhr. Guten Tag meine Damen und Herren, guten Morgen liebe Studenten." zu begrüßen. Was haben wir gelacht!

jakebaby hat gesagt…

"Nicht nur das, wer nicht aus einem reichen Familienhaushalt kommt ...."

Diese Klassentrennung greift schon prekondotioniert vor, spaetestens nach der Befruchtung.
Hierzu, inklusive eines haesslichen Zusammenhang, http://jakester-express.blogspot.com/2010/08/bescheuerlte-kik-story.html (letztes Video), und zur Bildungselite "Selbst in diesem krassen Fall moechte, muss und will sich die deutsche Elite exklusiv nur die eigenen Saeckel lutschen. Die offene Ehrlichkeit ihrer Aussagen ist fast bewundernswert und extremst aufschlussreich." http://jakester-express.blogspot.com/2010/02/germanischelitaere-teabagger.html

Welch erfolgreich elitaere Volksverdummung. Und das ist nur ein Beispiel im Ganzen.
"Duemmer geht Uemmer"

Gruss
Jake