Donnerstag, 22. Oktober 2015

Zitat des Tages: TILT


Ich schrieb, als die Nachricht wie eine gesengte Sau um die Welt flog, noch immer dagegen an. Anna, die wilde Deutsche von nebenan, bis vor kurzem malte sie Bilder aus, mit und über ihr Menstruationsblut, jetzt war sie schwanger, überbrachte sie mir.

Rauchschwaden hingen im Zimmer. Die Schreibmaschine glühte. Ich hatte mein bestes gegeben, paarhundert Seiten, wie immer, dicht beschrieben mit meinem einzigen Satz, wie immer: BEI DER GEBURT IST ALLES SCHON ZU SPÄT. Ich zählte gerade zusammen, wie oft ich ihn diesmal geschrieben hatte, als sie plötzlich dastand im Nachthemd und mit einer Gurke im Maul sagte:

"Heh, Tripper, rat mal, was ich eben im Radio gehört habe ...?"

"13.479, 13.480, stör mich jetzt nicht", sagte ich, "13.481, 13.4..."

"Kommst du nie drauf, wetten ...?"

Sie schmatzte und führte meine Hand von der Schreibmaschine an ihren Bauch: "Bewegt sich schon ganz doll, nä?"

"... 486, 13.487, 13. ..."

"Übrigens, weshalb ich komm, der sunile Sack in den Vereinigten Anstalten hat den Knopf gefunden."

"Ach ja? 13.489 - der hat WASSS ...?"

"Ja, und Tommy lässt fragen, ob du nicht, ich meine ..." - Sie schluckte den Rest der Gurke hinunter, leckte sich die Fingerspitzen. Dann, ich starrte sie an wie vom Presslufthammer gefickt, bat sie lächelnd um etwas Zyankali.

"Für alle Fälle", sagte sie, "obwohl - bei dem sunilen Sack weiß man ja nie, vielleicht hat er vergessen wie man drückt ..."

Das Rattern im Hirn ließ irgendwie nach. "Ja", sagte ich, müde plötzlich. "Zyankali ... hier!" Und gab ihr, für alle Fälle, ein Foto der neuen Regierung. "Das ist schmerzloser", sagte ich. "Wenn du genau hinsiehst, trifft dich der Schlag!"

"Vielen Dank auch", sagte sie und: "Übrigens, wenn du rüberkommen willst, ich meine ..." - "Lass nur, schon gut!" - "Ja, dann ... halt die Ohren steif, Tripper!" - Sagte sie und war verschwunden.

Das Radio! Ich stürzte zum Knopf, drückte ...: Trauermusik. Tatsächlich! Mahler. Die Kindertotenlieder. Warten. Rauchen. Bei Mahlers Kindertotenliedern warten und rauchen. So hast du dir die Scheiße immer vorgestellt, Tripper! Mit Hermann Prey in die Versaftung!

"... unterbrechen wir unser Mitternachtsprogramm für eine wichtige Durchsage", drang die Stimme wie von weither in den Schädel: "Wie bereits gemeldet, hat der Präsident der Vereinigten Anstalten gestern abend, kurz vor Mitternacht, den Knopf gefunden. Wie aus diplomatischen Kreisen in Bonn verlautbart wurde, besteht für die Bevölkerung im Augenblick jedoch kein Anlass zur ..."

Ja, und dann war plötzlich der Ton weg. Das Licht aus. Nacht plötzlich, dunkel alles und Schreie überall. Ich zum Fenster, als die Sirenen losbrüllten. Blaulicht zuckte auf, Martinshörner tönten, die Kirchenglocken. Drunten Gewimmel wie in einem Ameisenhaufen.

"Wahnsinn, nä?" brüllte Anna mit einer Essiggurke im Maul. Tommy schrie auch etwas, aber die Lautsprecher übertönten ihn:

"... BEWAHREN SIE RUHE! BITTE ZUCKERN SIE SICH SORGFÄLTIG EIN! DIE VERSAFTUNG HAT SOEBEN BEGONNEN! BITTE BEWAHREN SIE RUHE! BITTE ZUCKERN SIE SICH ..."

So ging das bis halb fünf. Dann dämmerte es. Dann wurde es hell. Der Himmel hing wie eine zwischen Gelb und Rot zerplatzte Ampel über der Stadt. Drunten die Leute schienen zu schreien, Lautsprecher, Sirenen schienen zu brüllen.

Ich hörte es nicht. Ich war taub. Sah den Himmel, so rot, sah die Leute, sah Tommy am Fenster und Anna, ohne Essiggurke, und dachte dann plötzlich:

ES LEBE DER PRÄSIDENT DER VEREINIGTEN ANSTALTEN!

Und wusste plötzlich, Anna und Tommy und all die andern dachten in diesem Moment genau dasselbe wie ich:

ES LEBE DER PRÄSIDENT DER VEREINIGTEN ANSTALTEN!

Jemand lenkte mich zu meinem Schreibtisch. Jemand spannte ein Blatt Papier ein. Und streute Würfelzucker darauf. Dann blitzte es. Und mir wurde auf einmal von innen ganz heiß ---

LT + + + TILT + + + TILT + + + TILT + + + TILT + + + TILT + + + TILT + + + TILT + + + TI

---

(Dieter Klink, in: Wolfgang Fienhold / Harald Braem (Hg.): "Die letzten 48 Stunden. Science Fiction-Erzählungen vom Weltuntergang", Heyne 1983)


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Welch ein abgrundtief böser, großartiger Text. Danke dafür!

greggy hat gesagt…

Auf die Idee, jemanden, der grade im dreizehntausender Bereich zählt, wie oft er den Satz "Bei der Geburt ist alles schon zu spät" geschrieben hat, ausgerechnet den Bauch einer Schwangeren fühlen zu lassen, muss man auch erstmal kommen. War Kafka 1983 echt schon tot? ;-)

Anregende Geschichte mit vielen Facetten!!

Ich bin kein Roboter hat gesagt…

Danke - direkt mal bestellt :)

Charlie hat gesagt…

@ No robot: Viel Spaß bei der Lektüre! :-) Für diesen Band, der selbst für die SF-Sparte des Heyne-Verlages, in der in den 80ern neben Gassenhauern ja durchaus auch avantgardistische, teils geradezu "experimentelle" SF-Literatur veröffentlicht wurde, außergewöhnlich ist, haben die Herausgeber eine Menge skurrile, absurde, satirische, bestürzende und tiefschwarze Texte von deutschsprachigen AutorInnen gesammelt, die heute wohl niemand mehr kennt.

Greggy liegt mit seinem Hinweis auf Kafka gar nicht so falsch. ;-)