Mittwoch, 16. Dezember 2015

Rettungsmission: Mehr Überwachung


Es ist ein alter Hut, dass die technische Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten mit Siebenmeilenstiefeln vorangeschritten ist und diese Geschwindigkeit auch weiterhin beibehält. Dadurch wurden den Menschen manche begrüßenswerte, sehr viele lächerliche und nicht wenige äußerst gefährliche Neuerungen beschert, die klar belegen, dass es alles andere als wünschenswert ist, dieser Entwicklung tatenlos zuzusehen und sie einfach geschehen zu lassen.

Bei n-tv habe ich letzte Woche einen kleinen Bericht gefunden, der mich einmal mehr an die gruselige Orwell-Welt von "1984" erinnert hat. Dort war zu lesen:

Kamera kann um die Ecke schauen / (...) In Kombination mit einem Laserstrahl ist es einer neuen Kamera möglich, die Bewegung verborgener Objekte darzustellen - eine Weltneuheit.

Konkret geht es darum, dass diese Kamera - auch wenn die Entwicklung noch nicht ausgereift ist - nicht nur Bewegungen aufzeichnen kann, die außerhalb des eigentlichen Sichtfeldes stattfinden, sondern tatsächlich auch nutzbare Bilder davon liefern soll, die Aufschluss darüber geben, wer oder was sich in welcher Weise dort bewegt. Das ist in der Tat ein Meilenstein für den sich manifestierenden Totalüberwachungsstaat, der sich gewaschen hat. Die Entwickler äußern sich dazu natürlich extrem beschönigend (was mich an Einsteins Brief an Präsident Roosevelt erinnert, in dem er diesem zur Entwicklung der Atombombe geraten hat):

Das System könnte beispielsweise bei der Überwachung, bei Rettungsmissionen oder zur Vermeidung von Unfällen eingesetzt werden.

Gewiss, Rettungsmissionen ... - man darf sich auch heute wieder gerne dreimal überlegen, für welche Alternative sich die kapitalistische Terrorbande in ihrem grenzenlosen, menschenfeindlichen Überwachungswahn entscheiden wird, wenn dieses System einsatzbereit ist.

Nun lässt sich die technische Entwicklung freilich nicht aufhalten. Umso dringlicher wird es, die Bürger- und Menschenrechte sowie die Privatsphäre vor derlei Orwell'schen Übergriffen umfassend zu schützen und den unbedingten Datenschutz zu festigen. Ich habe allerdings keine Ahnung, wie das funktionieren soll - mit dem derzeitigen politischen Personal der neoliberalen Einheitspartei ist da selbstverständlich nichts zu machen, da es gegenteilige Ziele verfolgt.

Ich mag mir nicht ausmalen, was die widerliche Nazibande vor 80 Jahren noch alles angestellt hätte, wenn sie über die heutigen technischen Möglichkeiten verfügt hätte. Ebenso will ich mir nicht vorstellen, was aus der heutigen lächerlichen Demokratiesimulation in einigen Jahrzehnten geworden sein mag, wenn die Überwachungstechnik zur Perfektion gelangt ist. Die Rettungsmission "Menschheit und Planet Erde" besitzt keine Auftraggeber, keine Koordination, keine Mehrheit und erst recht keinerlei Aussicht auf Erfolg.

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Polnische Aufständige im Wald bei Nacht



(Aquarell von Aleksander Orłowski [1777-1832], entstanden zwischen 1811 und 1820, Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland)

Kommentare:

frei-blog hat gesagt…

Mein Heizungsableser wird künftig meine Werte per Funkdaten ablesen dürfen, weil's eben einfacher ist. Sollten meine Werte dazu noch Anlass zur Besorgnis geben, sehe ich mich ausgeliefert, wenn auch mit vorgezogenem Vorhang.

epikur hat gesagt…

Klar wird das zur Rettung benutzt werden. Zur Rettung der Kapitalisten, der Finanzhaie und Bonzen vor den bösen Kommunisten, Aufrührern und Querulanten.

Charlie hat gesagt…

Eben deshalb wird es höchste Zeit, dass es endlich wieder "Aufständige im Wald bei Nacht" gibt. In Deutschland ist damit allerdings nicht zu rechnen - hier ist wie gehabt das Radfahren (nach oben buckeln, nach unten treten) angesagt.

Eike Brünig hat gesagt…

Man sollte sich das allerdings vorstellen, was die damit machen würden und ggf. ein Buch schreiben. Es kommt nicht von ungefähr, dass kurz nach den Wahlen in Frankreich plötzlich ein NPD-Verbot in greifbare Nähe rückte. Wenn man sich die Entwicklungen in unseren direkten Nachbarländern anschaut, so ist es nur ein Frage der Zeit, wann wir diese toppen werden. Für den Fall sollte man vorbereitet sein.

Charlie hat gesagt…

@ Eike: Jede/r Autor/in sollte sich sowieso - unhabhängig von diesem speziellem Thema - motiviert fühlen, jede Menge Bücher, Texte, Gedichte, Dramen etc. zu den absurden, menschengemachten Katastrophen unserer Zeit zu verfassen. Möglicherweise geschieht das ja sogar, wie in früherer Zeit, auch heute - nur erfährt man nichts mehr davon, da solche Werke heute kaum noch Verleger finden?

Aus rein literaturwissenschaftlicher Sicht sehe ich für den Beginn des 21. Jahrhunderts regelrecht schwarz: Mir ist keine Zeit seit der Aufklärung (mit Ausnahme der Zeiten diktatorischer Herrschaften) bekannt, in der mehr politisch redundantes oder gar reaktionäres Zeug veröffentlicht wurde als heute. Mahnende, kritische oder gar revolutionäre Stimmen gibt es in der heutigen veröffentlichten Literatur allenfalls noch in Nischenbereichen oder Kleinstauflagen.

Zur Vorbereitung auf das Kommende bleibt dem geneigten Leser kaum etwas anderes übrig, als auf ältere Literatur zurückzugreifen und die nötigen, aktuellen Rückschlüsse selbst zu ziehen.

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Wer läutet draußen an der Tür?

Wer läutet draußen an der Tür,
kaum dass es sich erhellt?
Ich geh schon, Schatz. Der Bub hat nur
die Semmeln hingestellt.

Wer läutet draußen an der Tür?
Bleib nur; ich geh, mein Kind.
Es war ein Mann; der fragte an
beim Nachbar, wer wir sind.

Wer läutet draußen an der Tür?
Lass, Schatz, die Wanne voll.
Die Post war da; der Brief ist nicht
dabei, der kommen soll.

Wer läutet draußen an der Tür?
Leg du die Betten aus.
Der Hausbesorger war’s; wir soll'n
am Ersten aus dem Haus.

Wer läutet draußen an der Tür?
Die Fuchsien blühn so nah.
Pack, Liebste, mir mein Waschzeug ein
und wein' nicht: sie sind da.

(Theodor Kramer [1897-1958], in: "Verbannt aus Österreich", London 1943)