Montag, 18. Januar 2016

Bürgerlicher Rassismus (2): Staatliche Zwangsverarmung


Es geht munter weiter im rassistischen Treiben des "freiheitlich-demokratischen Westens" gegen Flüchtlinge. Am vergangenen Freitag war beim NDR diese hübsche Meldung über eine offenbar gängige Praxis in der Schweiz zu lesen:

Flüchtlinge in der Schweiz müssen nach ihrer Einreise alle Vermögenswerte über 1.000 Franken (umgerechnet gut 900 Euro) an die Behörden abgeben. Damit will das Land sie an den Kosten ihres Aufenthalts beteiligen. Wie das öffentlich-rechtliche Schweizer Fernsehen berichtet, ist dieses Verfahren laut dem Asylgesetz erlaubt. / (...) Der TV-Sender berichtet von einem Flüchtling, der bei seiner Einreise in die Schweiz knapp 2.400 Franken besaß. In dem Beitrag erzählt der Mann, dass ihn die Polizei kontrolliert und festgenommen habe. Anschließend hätten ihm die Beamten fast 1.400 Franken abgenommen und eine entsprechende Quittung ausgestellt.

So geht Humanismus in der kapitalistischen "Freiheit": Wenn ein Teil des Packs trotz aller Hürden und oft lebensgefährlichen Reiserouten den Weg in das tolle, paradiesische Land des reichen Westens gefunden hat und sich angesichts der religiös in die Welt posaunten "westlichen Werte" endlich in Sicherheit wähnt, wird es erst einmal schamlos bis aufs Hemd ausgeplündert - es kann schließlich nicht sein, dass jemand, der sich auf der Flucht vor Krieg, Not und Gewalt befindet, noch immer ein fürstliches Vermögen von 1.400 Franken bunkert und trotzdem Asyl beantragt. Ich habe nicht gewusst, dass derlei perverse Praktiken in der Schweiz tatsächlich "legal" sind - es ist nun gewiss nur eine Frage der Zeit, bis die kapitalistischen Menschenfeinde der politischen "Elite" auch in Deutschland dieses große Potenzial der Abschreckung und widerwärtigen Ausplünderung von Opfern neu entdecken. Hier gab es das bekanntlich schon einmal - es ist ja kein Geheimnis, dass vor 80 Jahren massenhaft Enteignungen von jüdischem Vermögen stattgefunden haben und es sogar offizielle, also damals "legale" Gesetze gab, die dafür sorgten, dass Deportierte bzw. deren noch nicht betroffenen Angehörige für die "Kosten" der Deportation und sogar die "Unterbringung" im KZ selbst aufkommen mussten.

Die Schweiz schreitet hier mutig auf dem faschistischen Weg ins Verderben voran - was sich auch in den Kommentaren zu diesem Bericht spiegelt, die man nur lesen sollte, wenn der möglichst große Kotzeimer in erreichbarer Nähe steht: Fast ausnahmslos finden unsere lieben Volksgenossen MitbürgerInnen die Schweizer Regelung äußerst nachahmenswert.

Nach der staatlichen Zwangsverarmung von Erwerbslosen, Kranken, Behinderten, Kindern und Alten sind nun auch Flüchtlinge an der Reihe - es gehört wahrlich nicht sonderlich viel Fantasie dazu, diese Entwicklung konsequent zuende zu denken:



Ich habe keine Lust mehr auf diesen unsäglichen Schmutz - kann jemand bitte, bitte endlich den "Beenden"-Button drücken oder mich heftigst kneifen, damit ich aus diesem finsteren Albtraum erwache?

Kommentare:

altautonomer hat gesagt…

Ich konnte den Medien bisher immer nur entnehmen, dass Flüchtlinge mit viel Geld in der Schweiz willkommen sind und dass ihnen von ihren zigtausend Euro niemals etwas abgenommen wurde. Im Gegenteil. Sie bekamen noch eine Steuerersparnis. Ich rede hier von insgesamt 2,3 Bio. Euro.

epikur hat gesagt…

Schwimmbad-Verbote. Zwangsenteignungen. Gründung von "Bürgerwehren". Facebook-Hetze. Die Flüchtlinge sind wohl die neuen Juden. Und alle machen wieder mit. Am Ende wusste wieder niemand, wie es zum großen Leid/Krieg je kommen konnte und niemand hat etwas gesehen oder gewusst.

Da schreibt man finstere Dystopien, aber der gemeine, braune Deutschmob übertrifft mal wieder jede Satire. ich fühle mich wahrlich fremd unter diesen "Deutschen".

frei-blog hat gesagt…

Möchte keine schlafenden Hunde wecken, aber Organspenden könnten schon angedacht werden, wenn ein mutmaßlicher Organspender eine Flucht überlebt, somit zur ersten Ware ausgezeichnet wird, wenn seine Organe jeglichen Stresstest standhalten.
:-)

Charlie hat gesagt…

@ Altauto: Diese Art von Flüchtlingen ist nach wie vor - keineswegs nur in der Schweiz - hochwillkommen. Wer vor dem Fiskus flüchtet, muss lediglich dann mit Repressionen rechnen, wenn er so unsäglich dumm wie der kleine Wurstfabrikant Uli H. ist. Solange der Kapitalismus existiert, werden wir es niemals erleben, dass ein Superreicher aus einem der Raubclans der Quandts, Mohns, Springers oder Albrechts zur Rechenschaft gezogen wird - es sei denn, er oder sie ist intern in "Ungnade" gefallen.

Die feudalen, sich "freiheitlich-demokratisch" tarnenden Strukturen unserer schönen dystopischen "Heimat" sind nicht versehentlich oder zufällig entstanden. Die Mehrheit der Schafherde bemerkt es auch nach Jahrhunderten schlicht nicht, dass sie ausgepresst, instrumentalisiert und nach Strich und Faden verarscht wird.

Liebe Grüße!

Charlie hat gesagt…

@ Epikur: "Ich fühle mich wahrlich fremd unter diesen 'Deutschen'.

Oh ja. Ja! Dazu berufe ich mich auf Friedrich Hölderlin:

"So kam ich unter die Deutschen. Ich forderte nicht viel und war gefasst, noch weniger zu finden. [...]

Barbaren von Alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark [...], in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes [...].

Deine Deutschen aber bleiben gerne beim Notwendigsten, und darum ist bei ihnen auch so viel Stümperarbeit und so wenig Freies, Ächterfreuliches. Doch das wäre zu verschmerzen, müssten solche Menschen nur nicht fühllos sein für alles schöne Leben, ruhte nur nicht überall der Fluch der gottverlassnen Unnatur auf solchem Volke. [...]

Die Tugenden der Deutschen aber sind ein glänzend Übel und nichts weiter; denn Notwerk sind sie nur, aus feiger Angst, mit Sklavenmühe, dem wüsten Herzen abgedrungen, und lassen trostlos jede reine Seele, die von Schönem gern sich nährt, ach! die, verwöhnt vom heiligen Zusammenklang in edleren Naturen, den Misslaut nicht erträgt, der schreiend ist in all der toten Ordnung dieser Menschen.

Ich sage dir: es ist nichts Heiliges, was nicht entheiligt, nicht zum ärmlichen Behelf herabgewürdigt ist bei diesem Volk, und was selbst unter Wilden göttlichrein sich meist erhält, das treiben diese allberechnenden Barbaren, wie man so ein Handwerk treibt, und können es nicht anders, denn wo einmal ein menschlich Wesen abgerichtet ist, da dient es seinem Zweck, da sucht es seinen Nutzen [...]. [...]

Ich wollte nun aus Deutschland wieder fort. Ich suchte unter diesem Volke nichts mehr, ich war genug gekränkt, von unerbittlichen Beleidigungen, wollte nicht, dass meine Seele vollends unter solchen Menschen sich verblute."


(Friedrich Hölderlin [1770-1843]: "Hyperion, oder: Der Eremit in Griechenland", Roman, 1797/99)

Charlie hat gesagt…

@ frei-blog: Zu dem Thema gibt es ein empfehlenswertes Buch, nämlich den Roman "Die Entbehrlichen" von Ninni Holmqvist aus dem Jahr 2008. Aus dem Klappentext:

Ein Sanatorium voller Luxus und Komfort. Eine Gesellschaft, die nur auf ihre produktivsten Mitglieder, die "Benötigten", setzt. Und eine Frau, die ihnen ihren Körper und ihr Leben opfern soll. Weil sie fünfzig ist. Weil sie keine Kinder hat. Und weil sie liest. Eine "Entbehrliche". Dorrit Wegner lebt in nicht allzu ferner Zukunft. Sie gehört zu den "Entbehrlichen", denjenigen, die ihre Produktivität nicht durch die Geburt eines Kindes unter Beweis gestellt haben. Und so wird sie an ihrem 50. Geburtstag in die "Einheit" eingewiesen, eine Anlage, die – obwohl mit allem nur erdenklichen Luxus ausgestattet – nur einem Zweck dient: Die Bewohner müssen sich für psychologische Tests und Organentnahmen zur Verfügung stellen – bis hin zu einer radikalen Operation, der so genannten "Endspende" für die "Benötigten", die zum sicheren Tod des Spenders führt.

Deklariert ist das momentan noch als "Science Fiction Literatur". Ebenso wie Orwells "1984" oder Huxleys "Brave New World". Und morgen kommt der Osterhase und führt uns ins Paradies.

Liebe Grüße!

Ich bin kein Roboter hat gesagt…

So viel kann ich gar nicht essen, wie ich kotzen möchte...

Danke für deinen Blogeintrag, Charlie, und für deinen Buchtipp!

Hatte letztens ein Gespräch mit Verwandten, da musste ich an dein Weihnachtsfest denken... bei mir war es ähnlich...

"Die Wirtschaftsflüchtlinge, die Wirtschaftsflüchtlinge ...!" *kreisch kreisch*

"Sollen die Leute zuhause bleiben und sehen, wie die eigenen Kinder verhungern?"

"ähm... ähm... ähm....
....
Die Wirtschaftsflüchtlinge!!!"

Ich (Neusprech): Triplefacepalm

Manfred hat gesagt…

Auch ich fühle mich wie auf dem falschen Holodeck und möchte dass das Programm endlich beendet wird. Oftmals bin ich richtig wütend, dann wieder sprachlos weil ich mit keiner Steigerung gerechnet habe. Aber resignieren werde ich niemals.

Charlie hat gesagt…

Nachtrag: Selbstverständlich ist diese rassistische Praxis, was ich zuvor nicht wusste, auch in Deutschland bereits üblich, zumindest in Bayern und Baden-Württemberg:

Flüchtlinge müssen bei der Einreise in Baden-Württemberg und Bayern einen Großteil ihres Bargelds abgeben. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann sagte der "Bild", dass Asylbewerber bei der Ankunft in den Aufnahmeeinrichtungen auf Dokumente, Wertsachen und Geld durchsucht würden. "Barvermögen und Wertsachen können sichergestellt werden, wenn es mehr als 750 Euro sind und wenn ein Erstattungsanspruch gegen die Person besteht oder erwartet wird". Weiter sagte er: "Die Praxis in Bayern und die bundesgesetzlichen Regelungen im Asylbewerberleistungsgesetz entsprechen im Wesentlichen dem Verfahren in der Schweiz."

Es versteht sich von selbst, dass Flüchtlinge in Deutschland noch weniger "Vermögen" behalten dürfen als in der Schweiz - wie sollte es in diesem verkommenen Land auch anders sein. Außerdem deutet die Formulierung "bundesgesetzliche Regelungen" darauf hin, dass diese widerliche Ausplünderung von Menschen - zumindest theoretisch - offenbar bundesweit möglich ist. Ob das tatsächlich auch überall geschieht, ist mir nicht bekannt.

jakebaby hat gesagt…

Davon ausgehend, dass Hoelderlin seine Eindruecke vor satten 200 Jahren beschrieb, sind diese, in Folge zutreffend, dann auch weiterhin mutiert/pervertiert.
Und auch seit dem letzten Deutschland ging es von Anfang an absolut in ein und dieselbe verschissene Richtung, auf welch vorlauefig/reales Zwischenresultat wir gerade Zeuge sind. .... Sagte ich gerade Wir? ... Wir ist ein winzig gallisches Dorf ohne Asterix, Obelix und Druid und selbst der Rest unseres Dorfes neigt zunehmend Pro-Roemer.
Ich selbst zaehle nicht wirklich/physisch mehr zu diesem erbaermlichen Wir.
Ich hatte schon vor 20 Jahren die Schnauze gestrichen voll und ergriff gluecklicherweise die Moeglichkeit zur Flucht.

Ich koennte die letzten 20 Jahre und Heute nicht vorort ertragen. Diese extrem deprimierende Hilflosigkeit tut schon aus der Ferne betrachtet weh.

"..., denn wo einmal ein menschlich Wesen abgerichtet ist, da dient es seinem Zweck, da sucht es seinen Nutzen [...]. [...]" .....

Grusel
Jake

Charlie hat gesagt…

@ Jake: Ich wünschte, ich wäre meinem Drang, dieses Land zu verlassen, ebenfalls schon vor Jahrzehnten gefolgt. Heute habe ich weder die materiellen Möglichkeiten dazu, noch wüsste ich, wohin ich überhaupt flüchten sollte. Ohne Kohle, dafür aber mit "linksversifften" Gedanken im Schädel ist man heute allenfalls noch auf dem Mond willkommen.