Montag, 21. März 2016

Die Rückkehr des Faschismus: Leseempfehlung 2.0


Heute möchte ich zum bösen Thema aus der Überschrift gleich zwei Leseempfehlungen loswerden. Die erste betrifft einen Text von Fridolin Schley, der ausgerechnet bei ZEIT-Online erschienen ist, wo ich ansonsten beim Lesen eher selten bis über die ersten Absätze eines Textes hinauskomme, bevor ich entnervt wegklicke - im Feuilleton ist aber selbst dort gelegentlich noch etwas Raum für die kläglichen Reste humanistischen Denkens, die es in dieser verkommenen Weltruine noch gibt.

Schley lässt sich dort - freilich viel zu abschweifend und bieder-bürgerlich eingenordet - über den wieder erstarkenden Faschismus in Deutschland und im Rest der "westlichen Welt" aus. Es bedarf einer gewissen Nervenstärke, das trotz der gelegentlichen Ausfälle ins Lächerliche ganz zu lesen; unterm Strich aber halte ich diesen Text - gerade der stupiden bürgerlich-gesetzten Zielgruppe wegen - für ziemlich wichtig und möchte insbesondere, aber nicht einzig, den Schluss hier herausheben. Dort schreibt der Autor:

Vor ein paar Tagen bin ich nachts schweißgebadet aus dem Schlaf aufgeschreckt. Ich weiß nicht mehr, was ich geträumt hatte, aber ich weiß, dass meine Furcht mit dem Erwachen nicht verschwand, sondern ich wie erstarrt verharrte und ohne zu atmen nach draußen horchte, vollkommen sicher, dass sich von dort etwas mit großer Geschwindigkeit näherte, vielleicht ein Angriff, vielleicht ein Sturm. Meine Freundin, die von meinem schnellen Hochschrecken neben mir aufgewacht war, fragte verschlafen "Was hast du, was ist denn da?", und nach einem längeren Moment, in dem ich weiter nur reglos in die Stille lauschte, flüsterte ich: "Ich weiß es nicht, aber ich glaube, es geht los."

Auch den Rest des Textes sollte man sich trotz aller Längen und Nebensächlichkeiten sehr aufmerksam durchlesen.

Ins gleiche Horn stößt wieder der aktuelle Gärtner in seiner Titanic-Kolumne. Dazu muss ich indes gar nicht viel schreiben, denn der Mann redet - ohne Herumgeschwurbel - wie immer für sich selbst:

Und so es des Kieler Gastronomen Onuegbu gutes Recht ist, "Mohr" für harmlos (oder selbstironisch) zu halten, gibt es eine halbe Million Afrodeutsche, die lieber Menschen als Mohren sind und es vermutlich präferieren, dass Leute wie ich, wenn es schon sonst keiner tut, die Grenze des Sagbaren ziehen, als dass es der nächstbeste "Beistrichjunge" (Gremliza) tut, der für das legitime Recht der Mehrheit streitet, die Minderheit so zu nennen, wie es der Mehrheit passt. / Auf gut muttersprachlich: fürs Recht auf Gewalt.

Gärtner zitiert in seinem Text Victor Klemperer, der in seinem sprachwissenschaftlichen Werk "LTI – Notizbuch eines Philologen" (publiziert 1947) detailliert die Sprache der Nazis dokumentiert und analysiert hat ("Lingua Tertii Imperii" = "Sprache des Dritten Reiches"). Auch dieses Werk sei jedem sehr ans Herz gelegt. Es verwundert nicht weiter, dass die heutige Sprache (nicht bloß die der AfD und NPD, sondern aller kapitalistischer Blockparteien inklusive der stürmisch begleitenden Medien) sich dort wiederfinden lässt.

Der Faschismus ist wieder da in Deutschland und Europa. Anders als vor 90 Jahren gibt es heute allerdings keine ernstzunehmenden politischen Kräfte mehr, die ihm entgegentreten könnten - eine düstere Prognose des Ausgangs dieser humanistischen Groteske dürfte also nicht allzu schwer fallen.

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Nach Einschmelzung der Denkmäler


"Das war mal Goethe!"

(Zeichnung von Eduard Thöny [1866-1950], in "Simplicissimus", Heft 9 vom 28.05.1918)

Kommentare:

darkmoon hat gesagt…

Ich weiss nicht was ich dazu sagen soll. Mir gehts ganz genauso, wobei ich die Frage Schleys, wann das angefangen hat, völlig nebensächlich finde. Das wird / kann nicht gut ausgehen.

Charlie hat gesagt…

@ darkmoon: Ich finde die Frage nicht ganz so nebensächlich. Schließlich weist der Autor ja wiederholt darauf hin, dass eine Rückkehr des Grauens für eine lange Zeit völlig ausgeschlossen schien. Ich habe das ebenso erlebt - vor 30 Jahren hätte ich jeden, der mir die heutigen Realitäten prophezeit hätte, für einen durchgeknallten Spinner gehalten, den man nicht ernst nehmen muss.

Offensichtlich war dieses Gefühl - diese scheinbare Gewissheit -, der Faschismus sei endgültig überwunden, falsch. Es ist daher sehr ratsam, schon jetzt nachzuforschen, wie, wo und wann das wieder angefangen hat.

Liebe Grüße!

jakebaby hat gesagt…

"Es ist daher sehr ratsam, schon jetzt nachzuforschen, wie, wo und wann das wieder angefangen hat."

Im Grunde genommen halte auch ich dies fuer relativ nebensaechlich, da es nie aufgehoert hat.

Natuerlich wurde auch ich, trotz meiner pessimistischsten Schwarzmalerei immer mal wieder von noch uebleren Entwicklungen kalibriert, bis ich an einem Punkt angelangt war, wo schlichtweg schlimmer immer geht, welche Gewissheit sich Anfang 80ger und danach staendig zunehmend etablierte.
Ich habs mir, zum Missfallen einiger, denkbar einfach gemacht, scheiss auf Zeitung/Nachrichten, setze penetrant Rechthaberisch immer nur das Uebelste voraus, fuck Definition und werde im Laufe der Entwicklungen staendig befriedigt/bestaetigt.
Simple as that ...
Einen Zeitpunkt des Anfangs ... nach Hitler? ... nach Hitler ...

Gruss
Jake