Freitag, 18. März 2016

Glücks-Propaganda, Folge 763


In regelmäßigen Abständen versorgt uns die Kuhpresse mit jubilierenden Meldungen über das zunehmende Glücksgefühl in Kapitalistan. Vorgestern war es bei n-tv mal wieder so weit und ich durfte fasziniert lesen:

Im "Happiness Report" aufgestiegen / Deutschland ist glücklicher geworden

Beim Barte des Propheten!, ging es mir unwillkürlich durch den Kopf, und ich sinnierte, welche grandiose Entwicklung da nun schon wieder an mir vorbeigegangen ist, ohne dass ich sie bemerkt habe. Schließlich bin ich nicht glücklicher als gestern oder vor einem Jahr, sondern, ganz im Gegenteil, höchst und zunehmend entsetzt - unter anderem wegen der grassierenden rassistischen und faschistischen Tendenzen in der Politik und Bevölkerung.

Aber so funktioniert kapitalistische Propaganda: Ein "Ranking" muss in jedem Falle her, so sinnfrei es auch sein mag, und selbstverständlich wird darüber berichtet als handele es sich um eine wissenschaftlich fundierte Sensation, auch wenn es in Wahrheit nur schnöder Bullshit ist. Es werden wiederum nur wenige Wochen vergehen, bis die nächste gleichlautende Meldung durch die Propagandakanäle getrieben wird - bis es auch das letzte Kalb im Staate begriffen hat: "Du hast glücklich zu sein bist glücklich!"

Dazu passt das Geschwalle eines Gastes aus der Schwachmatenrunde bei Markus Lanz, das ich vor einigen Tagen im Vorübergehen aufgeschnappt habe. Dieser schlipsgewürgte, gegelte Geselle namens Florian Schroeder, der sich allen Ernstes "Kabarettist" nennt, gab dort zum Thema "Partnersuche" das folgende Statement zum Besten:

Sicher kann man sagen, dass die ewige Weitersuche und der Glaube daran, es könnte etwas besseres geben; dass das mit Sicherheit etwas ist, dass einen daran hindert, eine gute Entscheidung zu treffen. Und das ist ja so ein bisschen das Problem unserer Zeit, dieser Zwang zur Selbstoptimierung, dass wir eigentlich permanent suchen und Optimierer sind und glauben, es könnte etwas besseres geben als dieses Beste, was wir schon haben - und das ist natürlich auch bei der Partnerwahl so.

"Auch bei der Partnerwahl" - dieser kleine Zusatz beleuchtet die ganze bittere Perversion unserer verkommenen Zeit, die von sämtlichen Protagonisten in den Medien und der Politik stets als das "Beste", das überhaupt zu erreichen sei, gepriesen wird. So erklärt sich die immer wiederkehrende Glückspropaganda noch aus einem anderen Blickwinkel: Wer tatsächlich - aus welchen absurden Gründen auch immer - der Meinung ist, dass der Kapitalismus das beste aller möglichen Systeme sei, muss unweigerlich zu äußerst bizarren, hanebüchenen Schlüssen kommen, die mit der Realität nichts zu tun haben.

Die Frage am Schluss bleibt stets dieselbe: Tun all diese Leute das wider besseres Wissen oder weil sie tatsächlich einem derartig infantilen Glauben anhängen? Mein persönliches Glücksgefühl stiege deutlich an, wenn sich diese Frage endlich einmal fundiert beantworten ließe.

Kommentare:

epikur hat gesagt…

Ich denke, es würde viel zu viel Energie, Zeit, Geld und Mühen kosten, die Menschen ständig gegen ihre inneren Widerstände ankämpfen, also verführen, zu lassen. Da ist es doch viel einfacher sie einmal komplett zu brainwashen und sie dann öffentlichkeitswirkam auf die Meute der Unwissenden, Unglücklichen und Unbekehrten los zu lassen. In diesem Sinne: ich glaube schon, dass ein Markus Lanz und Konsorten daran glauben, was sie sagen und denken.

frei-blog hat gesagt…

Erinnert mich an die Lautsprecher-Beschallung im Rewe Markt, sinngemäß (hab's gottseidank nicht mehr im Ohr: " Wir sind glücklich, wenn DU es bist."
Demnächst singt noch ein Chor zum ausgelassenen Herumhüpfen glücklicher Kunden.

Die Masse wird täglich veralbert, verhöhnt und beschissen – von der Wiege bis zur Bahre – und klatscht dazu freudig den Takt.

Anonym hat gesagt…

Die Frage die sich mir stellt lautet: Warum ziehen sich intelligente den Mediendreck noch rein? Diesen Müll konsumiere ich seit Jahrzehnten nicht mehr. Er ist auch nur Medienjunkies relevant.

Hubert Farnsworth hat gesagt…

@Anonym: das Problem ist, dass gefühlte 98% der Bevölkerung das Coolaid getrunken haben und dadurch dass für diese Zombies solch ein Dreck relevant ist wird er es auch für die 2% die noch nicht völlig hirntot sind irgendwie. Man kann zwar versuchen sich dem zu verschließen, aber besser wird es davon auch nicht.

Charlie hat gesagt…

@ Anonym: Hubert ist mir zuvorgekommen. Natürlich kann man vor der Jauchegrube die Augen verschließen und stattdessen in eine andere, schönere Richtung schauen - das ändert aber nichts an der Existenz jener Grube, in welche die Mehrheit unserer lieben Mitmenschen nach wie vor beherzt hineinspringt und sich darin intellektuell und informativ bestens aufgehoben fühlt.

Als TV-Abstinenzler weiß ich sehr genau, wovon ich hier rede, da ich immer wieder mit absurden Meinungen, die aus eben jener Jauchegrube (zu der freilich nicht bloß das TV gehört) stammen, konfrontiert werde. Die stinkende Grube ist ein fatales Problem - ganz egal, ob man hinsieht oder auch nicht. Deshalb lese ich n-tv, WDR, Zeit, FAZ & Co. immer noch und kommentiere das gelegentlich.