Mittwoch, 19. Juli 2017

Das Wahltheater, oder: Der Zombie im Keller


Vor einigen Tagen habe ich bei Zeit Online einen interessanten Bericht gelesen, der sich mit dem Wahlverhalten junger Menschen befasst und dazu drei – freilich nicht repräsentative – Beispiele aus entsprechenden Interviews benennt. Ich halte die Auswahl zwar für wenig aussagekräftig, da es sich um drei junge Menschen handelt, die sich zumindest rudimentär mit politischen Gedanken auseinandergesetzt zu haben scheinen – dennoch ist die Lektüre spannend.

Ich zitiere keine Passagen aus diesem Text, sondern empfehle ausdrücklich, das Stück in Gänze zu lesen. Selbstverständlich wird auch hier überdeutlich, dass niemand der Beteiligten – weder die drei jungen Leute, noch die Autorin – über den sehr begrenzten Tellerrand des "alternativlosen", kapitalistischen Systems hinauszuschauen vermag. Es ist wie in einem schlechten Horrorfilm: Als Zuschauer (hier also Leser) weiß man unverzüglich, dass es eine ganz, ganz schlechte Idee ist, jetzt in diesen finsteren Keller, aus dem es nach Verwesung riecht und aus dem grausige Schreie zu hören sind, zu steigen – aber natürlich tun die jeweiligen Protagonisten das trotzdem und kommen folglich regelmäßig grausig ums Leben.

So liest sich auch dieser Text – auch wenn die Autorin und die Interviewten das selbstredend empört von sich wiesen, falls man sie fragte.

Ungeachtet der Tatsache, dass hier wie immer keine Ursachenforschung – also keine System- bzw. Kapitalismuskritik – stattfindet, ist es beachtlich, dass alle drei "Wahlverweigerer" aus unterschiedlichen, meist aber rein egoistischen (kapitalistischen) Gründen zu demselben nüchternen Ergebnis kommen und feststellen, dass Wahlen in dieser albernen Demokratiesimulation so sinnvoll sind wie das Dschungelcamp oder die Wettervorhersage. Sie ahnen vermutlich nicht, dass sie damit – wenn auch aus den "falschen" Gründen – des Pudels Kern getroffen haben.

In diesem Zusammenhang – und natürlich auch in den inzwischen 584 Kommentaren unter diesem Text – wird immer wieder die Frage gestellt, was hier denn – stets vorwurfsvoll: "Bitte schön!" – Abhilfe schaffen soll. Dabei ist die Antwort doch so einfach und offensichtlich, wenn man einfach mal über den besagten Tellerrand springt: Wenn Du merkst, dass Du innerhalb eines bestehenden Systems partout nichts bewirken kannst, egal was Du auch tust, dann musst Du natürlich die Systemfrage stellen! Anders gesagt: Wenn Du dich in einem billigen Horrorfilm befindest, solltest Du gewiss nicht in den finsteren Keller hinabsteigen, sondern stattdessen die Beine in die Hand nehmen und flugs das Weite suchen, bis die Schuhsohlen glühen. Das fängt im Schädel an – schließlich kann nur dort Veränderung beginnen. Wenn Du zu diesem ersten Schritt jedoch nicht bereit, fähig oder willens bist, bleibt alles beim Alten.

Ich habe, wenn ich meine Kindheit abziehe, satte 40 Jahre für diese schlichte Kindergartenerkenntnis gebraucht. Das macht mir große, wirklich sehr große Angst. Der Zombie im Keller wird wohl auch weiterhin der Normalzustand dieser verkommenen, sich einmal mehr auflösenden kapitalistischen Welt bleiben. Ich gehe dann mal aufs Klo.

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"Scheußlich, diese Demokratie! Man muss sich von Leuten wählen lassen, die man nicht mal als Stallknecht in seinem Hause dulden würde."

(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 7 vom 14.05.1928)

Kommentare:

altautonomer hat gesagt…

Sie haben noch nicht begriffen, dass man den Kapitalismus nicht abwählen kann.

"Fast nirgendwo in Europa war der Protest, der Widerstand gegen diese kannibalische Weltordnung so mächtig und vielstimmig wie in Griechenland. Es fanden zahlreiche Generalstreiks statt, die Oligarchie wurden bei den Wahlen 2015 abgewählt, ein neues Parteienbündnis „Syriza“ betrat mutig und aufrecht die politische Bühne, und bildete schließlich die neue Regierung. Auch ein Referendum über die Annahme bzw. Ablehnung des Troika-Diktats bekam über 60 Prozent der Stimmen. Aber …. die Wahlergebnisse spielten keine Rolle, bei dem was anschließend passierte. Die Antwort auf die Wahlen war auf Seiten der Troika die Macht des Kapitalismus, ein finanzpolitisches Waterboarding, bis die gewählte Regierung, im wahrsten Sinne des Wortes, keine Luft mehr bekam und kapitulierte. Was in diesem Land geht bzw. gar nicht geht, wurde nicht an den Wahlurnen entschieden."

Quelle: https://wolfwetzel.wordpress.com/2017/07/14/g20-gipfel-in-hamburg-und-der-politische-kassensturz/#more-7957

Charlie hat gesagt…

@ Altauto: Danke für das sehr erhellende Zitat. So deutlich formuliert habe ich das bislang noch nicht gelesen.

Liebe Grüße!

Arbo hat gesagt…

@Charlie:

Dein Kommentar macht mich ratlos, zumal mir Dein 'Füße in die Hand nehmen & das Weite suchen' etwas verkürzt scheint. Klar, Systemfrage stellen geht immer, aber ist dann die Empfehlung 'Aussteigen' nicht etwas wohlfeil, wenn sie nur diffus bleibt? Was sollen denn die Leute machen? Kommune gründen? Ins Ausland gehen? (Super, wohin?)

Du übersiehst mE, dass die Interviewten die Systemfrage eigentlich schon gestellt haben. Nur kommen die nicht zu einer für 'links' denkende Menschen wirklich erquicklichen Antwort, sondern geben sich - quasi fatalistisch (?) - 'dem Kapitalismus' hin. Du hast schon Recht, wenn Du darauf hinweist, dass die über die 'kapitalistische Logik', die mit den von ihnen kritisieren Zuständen zusammenhängt, nicht hinauskommen.

Im Übrigen zeigen die Interviews nicht nur Widersprüche, sondern ebenfalls, was in der Einstellungsforschung schon lange thematisiert wird: Die, die 'unten' sind oder sich 'unten' fühlen, verhalten sich genau so ökonomistisch denkend wie die 'Elite', in deren Augen diese nur ärgerliche Mitesser sind.

Was mich offen gestanden schockiert hat, das war die Antwort dieses 19jährigen Spezis. Da steckt viel autoritäres Denken drin, wenn er meint: "Wenn die Lehrer uns zwingen würden, uns besser zu informieren und wir im Unterricht diskutieren würden, dann könnte ich die anderen vom Losverfahren überzeugen." Das Ganze ist dann eingebettet in dem Widerspruch, einerseits gerne diskutieren zu wollen, andererseits aber Gruppenarbeit öde zu finden. Hallo? Will er womöglich nicht in der Gruppe diskutieren? Bricht sich da nicht argumentative Hilflosigkeit Bahn?

Ich find's auch deshalb krass, weil z.B. die Volkswirtschaftslehre an den Unis auch noch vom Frontal-Unterricht geprägt sind und Studies mehr alternative Lehrverfahren wünschen: Mehr Diskussion geht dann über Gruppenarbeit. Und dieser 19jähre Vollhonk mosert über Gruppenarbeit in der Schule rum. Meine Fresse, was wäre ich froh gewesen, wenn ich damals von diesem autoritären Frontalunterricht weggekommen wäre...

LG
Arbo

P.S.: Im Österreichischen Falter gab's mal eine Rezension zu "Gegen Wahlen", also das Buch, das der 19jährige so toll fand.

Eike Brünig hat gesagt…

Sie wollen auch nicht diskutieren, sondern Ihre Monologe zur alternativlosen Übermeinung erheben. Ganz im Sinne dessen, wie ein Chat oder Twitter im Moment funktionieren.

Deutschland ist, war und bleibt Stammwählerland! Wählen haben die Stammwähler so von ihren Eltern gelernt und daran wird natürlich nichts geändert. Daher kann man eben auch gut die Dinge Voraussehen. Das macht es für die Korruption natürlich auch besser. Die Lobbyisten müssen nicht mal die Durchwahlen ändern.

Das Wahlen doch was ändern können, kann man immer noch an Island eruieren (sofern man möchte). Selbst die Welt musste sich das irgendwann eingestehen (https://www.welt.de/politik/ausland/article128578611/Komiker-war-der-Gluecksfall-fuer-Islands-Hauptstadt.html).

Sowas ist natürlich in Deutschland niemals machbar, da die von Dominanz und Geltungssucht zerfressenen Deutschen Normalos da nicht mitspielen.

Genauso gut könnte man hier auch wieder eine Monarchie oder Diktatur einführen (was lt. Umfrage von Jung & Naiv auch 51 % wollen). Leider sind die Normalos aber auch in der jetzigen Politik tonangebend. Das ist, wie in fast jeder Firma. Scheiß was auf Kompetenz, besonders Durchschnittlich und Dominant muss es zugehen.
Das kann man auch gut an den letzten Gesetzten zur VDS, Überwachung, etc. pp., sehen.

Daher gibt es hier auch eine gelenkte Demokratie, damit nicht über Umwege doch wieder die Todesstrafe kommen kann.

Da allerdings auch hier seit über einer Dekade sich die autokratische Entwicklung austobt, ist das nur eine Frage der Zeit, bis der gleiche Status, wie in Polen oder Ungarn erreicht ist.

Demokratische Prozesse sind nun mal u. a. auch langwierig und passen daher schon mal nicht zum IT-affinen Zeitgeist. Flache Hierarchien bedeuten im Übrigen das Gegenteil und das finden die Leute toll. Noch toller freilich finden die Leute überbordenen Luxus mit goldenen Wasserhähnen, Maseratis zum sammeln und so.
Und wenn sie dann noch dominieren können...




frei-blog hat gesagt…

Harter Stoff, wen wundert es. Ist es nicht gerade das ersehnte Ziel des herrschenden Systems, Gleichgültigkeit zu erzeugen – du wirst es nicht ändern können, also füge dich?
Wer aufgrund seiner Geburt schon als "chancenlos" eingestuft wird, wem frühzeitig vermittelt wird, dass ein minderwertiger Hauptschulabschluss unterste Schublade sei, wird sich wohl kaum einer Hinterfragung des Systems stellen. Durchbeißen oder untergehen.
Die Tochter, der Sohn aus priviligierten Elternhause werden ihr bestehendes System ebenso nicht in Frage stellen, sich geübt durchbeißen, wie ihre Eltern, allerdings mit mehr Gleichgültigkeit.

Troptard hat gesagt…

Das ist eine richtig üble Marotte von diesen Parteien, dass die ständig mit ihren Wahlen nerven. Noch nerviger diese Wahlbarometer in den Qualitätsmedien, die den Bürger ständig daran erinnern , dass bald Wahlen sind und jede kleine Veränderung in Prozent ihm als sein Interesse an den Wahlen unterjubelt.

Also wenn nicht so ein ständiges Theater darum gemacht werden würde, ich persönlich würde Wahlen nicht vermissen. Ich vermute mal, dass es weit mehr die Parteigänger selbst sind, die die Vorteile einer Parteiendemokratie zu schätzen wissen, die sich da um die Pöstchen im Selbstbedienungsladen der Demokratie bewerben.

Und man muss sich auch nicht mehr unbedingt verbiegen, dem Wähler etwas versprechen. was man sowieso nicht halten kann und vom Wähler ohnehin als das leere genommen wird, und einem möglicherweise noch schadet.

Demokratie erweist sich immer mehr als ein Versicherungsunternehmen. Versicherungsunternehmen bedienen Angst und Unsicherheit um erfolgreich zu sein. Und wenn der Bürger Angst hat, dann verliert er schnell seine zivilisatorische Kontrolle und fordert den Staat auf, endlich auch mal die Schusswaffe gegen linke Störenfriede einzusetzen.
Jetzt noch einmal ganz seriös am Beispiel Frankreichs durchgenommen, um zu zeigen wie flexibel die Demokratie mit Wahlen umgeht. Präsident Hollande, Sozialist, hatte seinen linken Wählern viel versprochen (ohne Aufzählung), um dann harte Einschnitte in der Sozial-und Arbeitsgesetzgebung einzuleiten (Macron sein Wirtschaftsminister).

Weil sowohl die Linke als auch die Konservativen (Korruptionsskandele) in der Bevölkerung mehr als verhasst sind und die Bourgeoisie/ Kapital das wusste, hat man schnell den Macron mit seiner Partei "Frankreich in Bewegung" aus dem Hut gezaubert.

Bei 57 % Wahlenthaltung bei den Parlamentswahlen, hat die kaum jemand gewählt und dort tummeln sich jetzt alle möglichen Politiker aus Parteien von links bis rechts. Eine Mehrheit aus dieser Partei hat heute zugestimmt, die Notstandsgesetzgebung in "abgeschwächter Form" in die Verfassung zu übernehmen. Wenn das mit Macron nicht funktionieren sollte, dann ist da immer noch die Option mit Marine Le Pen. Glaubt jemand von Euch, dass die Demokraten mit denen ein Bündnis ausschlagen würden?

Eine linke Option gibt es hier nicht mehr! Charlie ich übergebe wieder an Dich!



Eike Brünig hat gesagt…

Eine linke Option gibt es nirgendwo auf der Welt mehr (vielleicht noch in Cuba?). Das bedingt schon die Gleichschaltung durch das Netz.

Troptard hat gesagt…

@frei-blog,

ist ja nicht unbedingt neu, dass unsere Sozialwissenschaftler soziales Verhalten in einen kausalen Zusammenhang mit dem Bildungsabschluss und der sozialen Stellung bringen. Was da scheinbar so objektiv neutral daherkommt, in Prozenten eingepackt, soll ein Vorurteil bestätigen, was in der akademischen Fachterminologie in Begriffen wie "bildungsfern" und "präkarisiert" daherkommt.

Ich habe selbstverständlich eine eigene Erklärung für die "bildungsferne" Enthaltsamkeit. Ich empfinde es als sehr gesunde Reaktion, wenn man nicht dieser typisch deutschen Volksgemeinschafts-Ideologie anhängt, dass Menschen sich ihr verweigern und wenn es einem möglich ist, ihr auch sein Hinterteil oder den Stinkefinger zeigt.

Es sind allerdings eben nicht diejenigen, die Du genannt hast. Es gibt ja Statistiken darüber, wieviele deutsche Staatsbürger jedes Jahr ihr Land verlassen und das sind wohl nicht wenige.

Im Gegensatz zu Arbo bin ich nicht der Meinung, dass es nichts bringen würde sein Land zu verlassen. Das kann sehr befreiend sein, sich von der geliebten Scholle zu vrabschieden, eine andere Sprache zu lernen, etwas schätzen zu lernen, eine Kultur, die wesentlich leichter daherkommt ohne dieses permanent wichtige Geschwätz über die Arbeit.
Und natürlich hat mich damals meine Familie und die Verwandschaft für Irre erklärt und alle haben mir und meiner Familie das Scheitern an den Hals gewünscht wie die Pest, weil man sein Land eben nicht verlässt, weil man dort aushalten muss und eben auch leiden soll wie alle anderen Insassen in einem Gefängnis.

Nun gut! Damals war 1991 und wir sind 2017. Die "Fluchtperspektiven" schrumpfen enorm.


jakebaby hat gesagt…

Troptard,

"Und natürlich hat mich damals meine Familie und die Verwandschaft für Irre erklärt und alle haben mir und meiner Familie das Scheitern an den Hals gewünscht wie die Pest, weil man sein Land eben nicht verlässt, weil man dort aushalten muss und eben auch leiden soll wie alle anderen Insassen in einem Gefängnis."

Déjà-vu, so aehnlich gings mir auch inklusive Teile meines Freundeskreis.
Natuerlich ist nicht alles Colt was ballert, aber wenn ich mir ein Deutschland heute betrachte, welches ich schon damals'95 nicht mehr ausstehen konnte, bin ich lieber woanders ungluecklich. ;-)

Gruss
Jake

Charlie hat gesagt…

@ Arbo: Die Unzulänglichkeiten und beißenden Widersprüche in den Aussagen der drei Beispielpersonen sind natürlich erheblich. Ich habe es nicht für nötig gehalten, darauf extra hinzuweisen, weil ich das für offensichtlich halte – aber das hast Du ja nun nachgeholt. Danke. :-)

Allerdings empfinde ich den Teil meines Kommentars, auf den Du dich beziehst, keineswegs als "verkürzt" – schließlich schrieb ich doch: "Das fängt im Schädel an – schließlich kann nur dort Veränderung beginnen." Genau das trifft auf die drei aber offenbar nicht zu, denn anders als Du halte ich es für paradox, die "Systemfrage zu stellen" und sich hernach in eben jenem System (wieder) einzurichten. Nach jenem ersten Schritt, der eben gedanklich vonstatten gehen muss, kann logischerweise keine solche Reaktion erfolgen, ohne ihn gleich wieder ad absurdum zu führen. Das wäre vergleichbar mit dem Szenario: "Oh, das Haus brennt – ich sollte dringend die Feuerwehr rufen, Wassereimer füllen und die MitbewohnerInnen wecken!! – Aber ich lege mich doch lieber wieder schlafen." – Die Frage, was denn nach diesem ersten Schritt folgen kann, ist wieder ein neues, sehr komplexes Thema.

Den Wahlzirkus, zumal in Deutschland, kann man aus meiner Sicht getrost abhaken und als lustige Folklore kennzeichnen. Du siehst das anders? Dann bin ich auf Deine Ausführungen zu diesem Thema wirklich sehr gespannt! :-) Nebenbei: Ich übe mein "Wahlrecht" selbstverständlich stets gewissenhaft aus und mache meine Kreuze dort, wo "anständige Deutsche" den Leibhaftigen vermuten. ;-) Einzige Ausnahme war die letzte Bürgermeisterwahl meiner Heimatstadt: Dort standen ganze drei geklonte Schlips-Borg von der CDU, der SPD und den Grünen zur "Wahl", so dass ich gar keine andere Wahlmöglichkeit hatte als einen dicken, energischen Strich über den Zettel zu ziehen und "Gewiss keiner von diesen!" darunter zu schreiben.

Liebe Grüße!

Charlie hat gesagt…

@ Troptard: Zum Thema "Fluchtperspektiven" fiel mir gerade ein Gedicht wieder ein (erklärende Links finden sich im verlinkten Posting):

Trübes Lied
[oder: Wohin soll man flüchten?]

Herr, wissen Sie einen Ort auf der Welt,
wohin Sie gern führen, wo's Ihnen gefällt?
Ich selbst muss die Frage verneinen:
ich weiß nämlich leider keinen -

Bei uns ist überall Elend und Not,
man redet, verleumdet und schießt sich tot;
statt Silberstreif-Horizonten
grün-rot-braun-eiserne Fronten!

In Amerika gibt's keinen Alkohol,
in Indien fühlt man sich auch nicht wohl,
und China und Japan bereiten
sich vor zu "großen Zeiten".

In Spanien ist immer noch Revolution,
in Polen hängt man dich auf als Spion -
und wo die Gewehre nicht knallen,
hört man die Währungen fallen.

Am liebsten führ' man nach Afrika,
doch leider sind nur noch Filmleute da,
die alles niedermähen,
um einen Kulturfilm zu drehen.

Auch die Südsee war schön. Doch gerade zur Zeit
treten dort Vulkane in Tätigkeit.
Weshalb ich abends oft bete:
Herr, schenk' uns die Mondrakete!

-- Na und? Dann wäre sofort der Mond
von Kapital-Flüchtlingen bewohnt
und man träfe am Ende der Mondfahrt
womöglich grad Herrn von Gontard -

Groß war die Welt und schön war die Welt,
bis der Mensch sie verkleinert und bös entstellt!
Man kann nur auf geistigen Gleisen
per Alkohol flüchtend verreisen ---

(Karl Kinndt alias Reinhard Koester [1885-1956], in "Simplicissimus", Heft 45 vom 08.02.1932)

Liebe Grüße!

Arbo hat gesagt…

@ Troptard:

Weil Du mich angesprochen hattest. Dich wird es vielleicht verwundern, aber ich sehe es durchaus ähnlich wie Du: einmal raus gehen, andere Luft atmen etc. - so ein Perspektivwechsel kann schon gut tun. Wobei ich dann aber eindrücklich auch auf Deinen Schlusssatz hinweisen würde: "'Die Fluchtperspektiven' schrumpfen enorm."

Ich selbst habe "Ausland" auch bisweilen als befreiend empfunden. Sprache ist wg. einem Handicap bei mir so eine Sache. Aber dessen ungeachtet bin ich mit vielen Ländern auch nicht so war geworden. Überall ist's meistens ähnlich. ;-) Aktuell bin ich ja in Österreich gelandet und da ist auch nicht alles Gold was glänzt. Was ich aber gemerkt habe, dass es einen großen Unterschied macht, ob Du mit Leuten in Kontakt kommst, die selber mal im Ausland waren, oder die immer nur "vor Ort" blieben. Zumindest in Österreich sind erstere wesentlich offener. Ansonsten kann ich mir ob der Politik hier ähnlich aufregen wie über die in Deutschland: Die Posse um den Bundespräsidenten, dann die etablierte Ösi-AfD called "FPÖ" oder diesen Schmierlappen Kurz, der teflon- und ölgestählte Jungstar der Konservativen, der sich gerne unwissend gibt, wenn sein (!) Ministerium Studien frisiert (in Richtung seiner fremden- und islamfeindlichen Parolen).

Anders formuliert: Du kannst halt vom Regen in die Traufe kommen. Und zu glauben, dass es anderswo anders wäre als "in der Heimat", das könnte sich als Trugschluss herausstellen.

Es gibt da mE auch noch eine andere Entwicklung: Rückzug und sich halt nur um sich & Familie kümmern.

Ansonsten könnte bei mir so ein Ossi-Wessi-Ding eine Rolle spielen. Als Ossi hast Du ja den "Mega-Exit" sozusagen "im Haus" gehabt. Viele wollten gerne mal "rüber", die kapitalistische Konsumwelt schnuppern (und wer soll's ihnen verdenken: Westfernsehen & Reklame konntest Du ja prima empfangen). Mit der Wende war nun die Möglichkeit da, nicht mehr "rüber" zu müssen, sondern "drüben" wurde in den Osten geschoben, dick geschmiert mit Mitteln aus der Portokasse. Wie gesagt: Du hattest den Systemwechsel im eigenen Haus.

Nun gibt's heute aber zumindest diesen großen Systemunterschied zu früher nicht mehr (ok, Nordkorea... ;-) ). Ich meine, wenn dann ein Ossi etwas resigniert abwinkt, sobald Du ihm mit "Ausstieg" und "Systemwechsel" kommst, dürfte zumindest etwas verständlich sein. ;-)

LG
Arbo

Arbo hat gesagt…

@Charlie:

>>>Allerdings empfinde ich den Teil meines Kommentars, auf den Du dich beziehst, keineswegs als "verkürzt" – schließlich schrieb ich doch: "Das fängt im Schädel an – schließlich kann nur dort Veränderung beginnen."<<<

OK, geschenkt. Habe ich wirklich überlesen.

>>>denn anders als Du halte ich es für paradox, die "Systemfrage zu stellen" und sich hernach in eben jenem System (wieder) einzurichten.<<<

Wer sagt, dass "Kapitalismus" nicht paradox sei? Warum muss alles so schön logisch aufgehen?

Im Ernst: Ich denke, dass sich das zumindest etwas 'verstehen' lässt. Wenn Du keinen Ausweg siehst, Dir der Horizont dazu fehlt, was bleibt Dir denn dann anderes übrig, als sich mit dem, was Du kritisiert, irgendwie zu arrangieren?

Ich will das nicht falsch verstanden wissen. Mir ist klar, dass das auch zur Lähmung führt. Gut finde ich das nicht. Ich kanns aber auch verstehen, wenn Leute sagen 'Mensch, das ist doof, stimmt. Aber am End meines Lebens will ich nicht sagen müssen, dass mein Leben aus dem Kampf gegen Windmühlen bestand."

So werden die Jugendlichen nicht denken. Aber ich kann mir vorstellen, dass "Alte" so denken.

Mir ist da auch noch ein persönliches Erlebnis in Erinnerung geblieben, die das Thema auch irgendwie streift. Ich hatte mich mal mit einer Sozialpädagogin unterhalten, die u.a. Jugendliche mit Migrationshintergrund betreute, ihnen dabei half gesellschaftlich Fuß zu fassen, u.a. mit Bildungsangeboten etc. Die war ganz begeistert, engagiert und freute sich, wenn die Jugendlichen einen Beruf lernten. Und ich misantropischer Klotz frage, ob das nicht etwas zynisch sei, diesen Jugendlichen vorzumachen, dass sie es in unserer Gesellschaft irgendwie zu etwas bringen. Schließlich wissen wir doch, dass bereits der Name ein Einstellungshinderungsgrund sein kann...

Ich habe für solche Dilemmata auch keine Lösung. Ich sehe nur, dass sich viele "mit dem System" arrangieren - und vermutlich deshalb, weil sie halt der Meinung sind, nichts ändern zu können oder im Ausland auch nichts Besseres vorzufinden (wenn die Möglichkeit, ins Ausland zu gehen, überhaupt besteht).

Das ist halt auch einer der Punkte, den ich meinte, als ich oben schrieb, Dein Text macht mich etwas ratlos. ;-)

LG
Arbo

Charlie hat gesagt…

@ Arbo: Die Ratlosigkeit ist wohl das zentrale Thema, das alle Menschen der heutigen "alternativlosen" Welt, die jenseits des kapitalistischen Systems nach Auswegen suchen, vereint ... deswegen kommt es immer wieder zu solch grotesken Szenarien, dass manche Personen wieder innerhalb des bestehenden Systems (siehe SPD oder Linkspartei) nach Lösungen suchen.

Selbstverständlich wissen oder ahnen diese Menschen allesamt, dass sie auf einem toten Gaul zu reiten versuchen - mangels klarer Alternativen tun sie es aber trotzdem und reagieren zuweilen sehr trotzig oder auch militant, wenn man ihnen das vorwirft.

Flatter hat vor einiger Zeit mal sinngemäß geschrieben, dass es im Rahmen seiner verleibenden Lebenszeit selbstverständlich keine Änderung der Verhältnisse geben werde - und damit hat er nach meiner Einschätzung völlig recht. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir - so jung oder alt wir heute auch sein mögen - keinen "Aufbruch" in neue, andere, "bessere" Zeiten erleben werden: Das ist, sofern die Menschheit und der Planet das bis dahin überleben (was fraglich ist), ein Projekt der fernen Zukunft.

Und das ist beileibe kein Fatalismus, sondern purer Realismus. Ich persönlich halte es für wahrscheinlicher, dass die herrschende "Elite" der Superreichen auch weiterhin Wege finden wird, um ihre Vormachtstellung und ihre Privilegien zu zementieren - da ist nirgends der Hauch eines kritischen Bewusstseins oder eines Umdenkens zu erkennen. Die schlimmsten Dystopien der Science-Fiction-Literatur waren nur ein Vorgeschmack auf das Potenzial, das unseren Nachkommen bevorsteht.

Liebe Grüße!

jakebaby hat gesagt…

"Das ist, sofern die Menschheit und der Planet das bis dahin überleben (was fraglich ist), ein Projekt der fernen Zukunft."
Thats the positiv Spirit. Bis auf dass Zukunft zunehmend uebler ausschaut.

"Ich persönlich halte es für wahrscheinlicher, dass die herrschende "Elite" der Superreichen auch weiterhin Wege finden wird, um ihre Vormachtstellung und ihre Privilegien zu zementieren - ...."

Das ist nicht nur eine Wahrscheinlichkeit, da uA. nirgends der Hauch eines kritischen Bewusstseins oder eines Umdenkens zu erkennen ist. Sorry for mocking ya. Realitaet schliesst nur Wahrscheinlichkeiten aus.

Gruss
Jake