Dienstag, 28. Februar 2012

Not und Elend in Griechenland - das zweite Versailles

Wenn die Arbeitslosigkeit den Rekordwert von 19,2 Prozent erreicht hat; wenn staatliche Spitäler Operationssäle sperren, weil sie kein neues Personal einstellen dürfen; wenn die Selbstmordrate sprunghaft ansteigt; wenn das Bildungsministerium Lebensmittelgutscheine an Schüler verteilen muss, weil immer mehr Kinder und Jugendliche an Mangelernährung leiden; und wenn gleichzeitig die nationale Wirtschaft im internationalen Ranking der Wettbewerbsfähigkeit um sieben Plätze auf den 90. Rang abgestürzt ist: Dann ist eigentlich alles so weit okay.

So funktioniert die Griechenland-Hilfe. Die griechische Bevölkerung hat dabei einen bedeutenden Part zu spielen, und sie erfüllt ihn ohne Tadel: Sie muss der Armut anheimfallen, und zwar möglichst anschaulich. Das übrige Europa verfolgt mit wohligem Grusel die Meldungen von Not und Elend und von Eltern, die ihre Kinder aussetzen, weil sie sich außerstande sehen, die Kleinen ordentlich zu versorgen.

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Anmerkung: So oder so ähnlich lauteten unzählige Meldungen der letzten Zeit, die die erzwungene Verarmung eines ganzen Volkes zum Inhalt hatten (siehe unter anderem in der Süddeutschen und in der taz). Es ist unerträglich, was in Griechenland auf Geheiß der Banken und der Regime der reichen europäischen Staaten - allen voran Deutschland - geschieht. Dabei ist als Randnotiz noch festzuhalten, dass das "Sparen" selbstverständlich nicht das griechische Militär betrifft, denn das wird für den nicht unwahrscheinlichen Fall eines Volksaufstandes schließlich noch gebraucht - außerdem verdienen deutsche und andere Rüstungskonzerne vortrefflich an den laufenden Geschäften mit dem griechischen Staat.

In seiner Rede zum politischen Aschermittwoch hat Gregor Gysi für diese Ausplünderung und Zerstörung Griechenlands einen treffenden Vergleich gewählt - er nannte den Vorgang "ein zweites Versailles". Der Versailler Vertrag hatte nach dem Ersten Weltkrieg dafür gesorgt, dass Deutschland bis in die 30er Jahre und die Weltwirtschaftskrise hinein erhebliche Reparationszahlungen zu leisten hatte, die damals zusammen mit der neoliberalen Austeritätspolitik Heinrich Brünings einen ähnlich desaströsen Effekt auf die Wirtschaft und eine immense Verarmung der Bevölkerung zur Folge hatten. Im Querschüsse-Blog findet sich ein lesenswerter ausführlicherer Text zu diesem Thema.

Es ist geradezu grotesk, dass ausgerechnet das deutsche Regime heute an vorderster Front dabei ist, wenn dieselbe Katastrophenstrategie nun an Griechenland durchexerziert wird - mit denselben furchtbaren sozialen Folgen, die durchaus auch wieder dramatische politische Konsequenzen haben können. Es ist kein Zufall, dass Schäuble gerade jetzt darüber sinniert, die regulär anstehenden Wahlen in Griechenland "auszusetzen" und damit die Demokratie auch hochoffiziell abzuschaffen.


"Meine Herren, dass Deutschland nicht bezahlen kann, steht fest. Aber dass Deutschland bezahlen muss, steht noch fester."

(Zeichnung von Erich Schilling, in "Simplicissimus", Heft 46 vom 16.02.1932)

Dennoch werden zu diesem Thema von der Politik und den Mainstreammedien ständig Nebelkerzen geworfen, wenn von einer "Griechenlandhilfe" oder einem "Rettungspaket für Griechenland" die Rede ist - es geht hier nicht um Griechenland bzw. die Menschen dort, sondern um private Banken. Nicht ein einziger Cent dieser "Hilfen", die gar keine Hilfen, sondern Kredite sind, kommt bei der griechischen Bevölkerung an - die Gelder fließen direkt an die "Gläubiger"-Banken. In diesem Zusammenhang ist auch dieses Ranking der sieben Staaten mit der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung sehr aufschlussreich:


(Quelle: The Weekly Standard)


Aus welchem Grund steht Griechenland doch gleich unter Dauerbeschuss? - Es gilt, Solidarität mit der griechischen Bevölkerung zu bekunden und dafür einzustehen. Diese Menschen sind die aktuellen Opfer der neoliberalen Ideologie und des Superreichtums - und sie sind uns nur einen Schritt voraus.

Nachtrag 02.03.12: In der taz gibt es einen interessanten Artikel zum Thema - zum besseren Verständnis der Diskussion um "historische Vergleiche" sollte man den auch gelesen haben. Ich rede in diesem Zusammenhang nach wie vor von "historischen Parallelen" und sehe sie auch hinreichend belegt.

Kommentare:

Dede hat gesagt…

Das ist wirklich gruselig was da zurzeit in Griechenland passiert. Man kann das gar nicht lesen, ohne sich ständig zu fragen, wie die Politik das überhaupt zulassen kann. Die Merkel und alle anderen beteiligten Polit-Verbrecher sollten sich schämen und lebenslang in der Ecke stehen müssen!

Was den geschichtlichen Vergleich angeht: Ich hab irgendwo mal gelesen, dass schlimme Dinge in der Geschichte immer zweimal passieren: das erstmal als Tragödie, das zweitemal als Farce. Das hier scheint so ein Fall zu sein.

Man fühlt sich so ohnmächtig! Mann was tun mir die Leute in Griechenland leid!!!! :-(((

Charlie hat gesagt…

Damit bist Du nicht allein - mir geht es ganz genauso. Ich kann nur hoffen, dass die gruseligen Pläne bezüglich der Aussetzung der Wahlen in Griechenland aufgegeben werden und die Menschen dort diese neoliberale Bande mit Pauken und Trompeten abwählen ... und dabei nicht auf irgendwelche Rattenfänger von der rechten Seite hereinfallen.

Anonym hat gesagt…

Ich glaube aber leider, das zur Zeit die rechten Rattenfänger Hochkonjunktur haben. Nicht nur in Griechenland, sondern auch in DE oder Frankreich.

Fefe hat hier einen Interessanten Gedanken geäussert, weshalb die USA ein grosses Interesse dran haben könnten, das die Griechen nicht pleite gehen: http://blog.fefe.de/?ts=b1b3fa93

Desweiteren gibt es da auch einen Link, wo es um das geht, was Hans Werner Sinn rausgefunden hat: Das die Bundesbank unseren Export mit Krediten finanziert hat.

Griechenland darf also nicht Pleite gehen, deshalb kam das Hilfspaket auch auf ein Sperrkonto. Sie hätten den Betrag doch wenigstens irgendwie splitten können, für zum Beispiel Schulen. Den Bedarf ermitteln, und dann die Gelder in die Einrichtungen fliessen lassen, natürlich mit einer ordentlichen doppelten Buchführung.

Dede hat gesagt…

@Anonym:

Das mit den rechten Rattenfängern glaube ich auch, wobei ich aber nicht weiss wie das in Griechenland zurzeit aussieht. Gibts da ne aussichtsreiche echte Linke (also keine SPD- oder Grünen-ähnliche Partei)? In Ungarn sind die Rechten ja schon am Ruder, und in den meisten anderen Ländern (einschl. Deutschland) auch, auch wenn sie sich da "bürgerlich" oder "konservativ" oder "sozialdemokratisch" usw. nennen.

Was fefe schreibt kann ich nicht beurteilen. Wenn es zu Wahlen in Griechenland kommt, dürfte das aber sowieso egal sein, denn HOFFENTLICH werden die Griechen dieses Pack dann abwählen und eine Regierung bekommen die diesen ganzen Sozialabbau wieder rückgängig macht.

Charlie hat gesagt…

Wenn Hans-Werner Unsinn irgendetwas herausgefunden haben will, wäre ich mal von Anfang an extrem skeptisch. ;-) Zudem ist unser gesamtes Wirtschaftssystem ja kreditgebunden - ohne Kredite funktioniert da überhaupt nichts. Das ist ja auch einer der Gründe, weswegen die neoliberale Bande den Banken "Systemrelevanz" unterstellt. Dass das ganze System völlig absurd ist, ist ein anderes Thema.

Ich bin mir nicht so sicher, was einen möglichen Staatsbankrott von Griechenland angeht - warten wir es mal ab. Das gab es ja alles schon häufiger - und als es noch unterschiedliche nationale Währungen gab, war das meist auch die beste Lösung für den betreffenden Staat. Bei einem Staatsbankrott verliert auch keine Bank tatsächlich reales Geld - sondern lediglich erwartete Gewinne, die dann als virtuelle rote Zahlen in ihrer Bilanz auftauchen. Sobald aber Forderungen verkauft oder sogar staatlich garantiert werden, sieht die Sache wieder anders aus - da sind dann auch die erwarteten Gewinne der Banken garantiert. Man sieht also - die Bank verliert nie, ganz egal, was nun geschieht. Und da Banker das Sagen haben ... kann eigentlich alles passieren.

Ich pflichte Dir allerdings bezüglich der Gefahr durch Rechts bei - die sehe ich auch sehr deutlich und empfinde sie als sehr bedrohlich. Da müssen wir sehr aufpassen und alle Tendenzen, die auch in Deutschland längst wieder sichtbar sind (siehe Sarrazin, Broder, PI und allgemein viele Positionen aus CDU/CSU, SPD, FDP und sogar den Grünen). Dass die NPD zu einem größeren Problem wird, glaube ich indes nicht. Möglich ist aber auch eine neue Partei - wir müssen da die Augen weit offen halten.

Darkmoon hat gesagt…

Es ist nach meiner Meinugn doch überhaupt nicht relevant, ob Griechenland nun pleite geht bzw. gelassen wird. Man muss doch doch jetzt erstmal an die ganzen Leute denken, denen es da so dreckig geht! Ob die nun Euro, Drachmen oder Hutzeputz genanntes Geld bekommen um zu überleben, dürfte denen sehr egal sein.

Ich unterstreiche das: SOLIDARITÄT mit dem dem griechischen Volk!

Mo331 hat gesagt…

Fefe hat seine Meinung inzwischen auch korrigiert: http://blog.fefe.de/?ts=b1a082e7