Sonntag, 26. Februar 2012

Kinderarmut in Deutschland: Perspektive Hoffnungslosigkeit

  1. Neue Statistiken der Bundesanstalt für Arbeit und eine Studie der Bertelsmann-Stiftung belegen angeblich eine positive Entwicklung bei der Kinderarmut. In Wahrheit unterstreichen sie einen ganz anderen Trend. (...)

    Unabhängig von allen statistischen Interpretationen enthüllen beide Untersuchungen bei genauerem Hinsehen vor allem drei Phänomene, die für die Entwicklung unserer Gesellschaft charakteristisch sind: Die Verfestigung sozialer Ungleichheit, eine wachsende gesellschaftliche Polarisierung und eine immer größere Hoffnungslosigkeit am unteren Ende der sozialen Leiter. (...)

    Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos beschworen Wissenschaftler angesichts der Gefahren durch die Weltwirtschaftskrise die Vision von einer Welt der "Dystopie" (Gegenteil von "Utopie", zu Deutsch: das Zerplatzen aller Hoffnungen) herauf. Allen noch so beschönigenden Worten und Statistiken zum Trotz ist diese Vision für arme Kinder im kapitalistischen Deutschland des Jahres 2012 bereits bittere Realität.

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  2. Kinder und Jugendliche leiden besonders, wenn ihre Eltern arm sind. Sie spüren den Druck ihrer Klassen- und Spielkameraden, weil sie nicht mithalten können. Darauf weist Christoph Butterwegge hin. Armut löst soziale Ausgrenzung aus und stellt eine Gefahr für die Demokratie dar.

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Anmerkung: Die gezielte Verarmung ganzer Bevölkerungsschichten durch den Hartz-Terror, Lohndumping und den immer weiter ausfasernden Niedriglohnsektor schreitet unaufhörlich voran. Es ist nur noch zynisch, dass von der Leyen, wie im ersten verlinkten Artikel berichtet, die Zahlen dennoch umdeutet und eine "positive Entwicklung" sehen will. Deutlicher könnte es diese Bande nicht machen, dass ihr das Schicksal der zwangsverarmten Menschen - einschließlich der betroffenen Kinder - nicht nur am Allerwertesten vorbei geht, sondern dass auch nicht im Ansatz darüber nachgedacht wird, dies rückgängig zu machen.

Mit anderen Worten: Das neoliberale Credo findet es super, dass es immer mehr verarmte Menschen auf der einen und immer weniger Reiche auf der anderen Seite gibt und dass sich diese Polarisierung weiter verstärkt und verfestigt. Es bestehe kein Handlungsbedarf - "Deutschland geht es gut" (Angela Merkel).

Angesichts eines solchen Zynismus und einer solchen unverhohlenen Dreistigkeit packt mich der blanke Zorn. Wieviel wollen sich die Superreichen denn noch in die eigenen überquellenden Taschen stopfen, bis ihre blinde, geifernde Gier nach immer mehr endlich gestillt ist? Ich fürchte die Antwort zu kennen - diese schamlose Gier ist wohl unstillbar.

Wer hier gelegentlich mitliest, wird nicht überrascht sein, dass dieses "Konzept" der Verarmung der Bevölkerung selbstverständlich eine lange Tradition in Deutschland hat. Werfen wir also einen Blick in das Jahr 1932 - wohl wissend, wohin die neoliberale Katastrophenstrategie seinerzeit geführt hat:

Trost in Tränen


"Zu arbeiten gibt's schon lange nichts mehr - das letzte Hemd haben wir auch schon hergeben müssen - wenn jetzt noch die Preise so weit gesenkt werden, dass man alles umsonst haben kann, dann ist Deutschland das reinste Paradies!"

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine, in "Simplicissimus", Heft 46 vom 16.02.1932)

Kommentare:

Anabelle hat gesagt…

Diese Polarisierung ist jeden Tag zu spüren - ich bin ja Lehrerin und bekomme hautnah mit, dass es einige Jugendliche aus dem Mittelstand gibt, denen es noch vergleichsweise gut geht, während immer mehr Familien ganz offensichtlich abrutschen. Dieser "Klassenkampf" wird auch tatsächlich unter den Jugendlichen ausgetragen - freilich ohne den eigentlich nötigen Hintergrund. Dabei geht es vornehmlich um "Ich habe das - du hast das nicht". Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, dagegen angehen zu wollen. Sie werden augenscheinlich größtenteils von den Eltern dazu angehalten, den eigenen Status Quo zu verteidigen oder - bei nicht mehr ausreichendem Wohlstand des Elternhauses - wenigstens so zu tun, als sei der Status Quo noch derselbe.

Das bricht alles auseinander. Übrigens macht das auch vor Kollegen nicht Halt. Eine Kollegin war befristet angestellt an unserer Schule, der Vertrag wurde nicht verlängert - heute ist sie Hartz-IV-Empfängerin. Und sie ist eine gute Lehrerin, findet aber keine neue Anstellung. Sie ist kein Einzelfall. Und was sie von ihren Erlebnissen mit dem Jobcenter zu erzählen hat, toppt jeden Gruselfilm.

Wenn Frau Merkel so einen Satz ausstößt wie "Deutschland geht es gut", kann ich noch nicht einmal mehr lachen. Hier geht es Millionen von Menschen alles andere als gut, und es werden täglich mehr. Die Frau sollte man zum Mond schießen, und ihre ganze Clique gleich mit.

Charlie hat gesagt…

Dem kann ich nichts hinzufügen, Anabelle - insbesondere Deinem Fazit spende ich reichlich Applaus.

Diese Abschottungs- und Vertuschungsreflexe der "Mittelschicht" kann ich auch in meinem eigenen Umfeld klar erkennen - da wird massiv "nach unten" getreten, während "nach oben" masochistisch gebuckelt wird. Dazu gibt's bald aber ein separates Posting.

Lisa hat gesagt…

Als Betroffene will ich dazu auch mal was sagen. Ich arbeite in der altenpflege, habe Kinder und bin alleinerziehend. Trotz Schichtarbeit in Vollzeit muß ich Hartz beziehen weil es sonst nicht reicht, schon gar nicht für die Kinder. Was soll ich sonst noch machen. Letztes Jahr hat das Jobcenter die Leistungen gekürtzt weil ich nebenher noch als Babysitter gearbeitet hab, neben dem Job und ich kam fast nicht zum schlafen. Ich hab das als Verdienst angegebn und da kam die Kürzung. Jawieso soll ich denn noch mehr arbeiten wenn das sowieso alles angerechnet wird. Ich kann bald nicht mehr.

Mensch wie gern würd ich mal wieder wie früher in Urlaub fahrem und den Kinderns was richtiges bieten, das geht alles nicht. Wieso bekomm ich so wenig für meine Arbeit und hab immmer mit diesem scheißAmt zu tun. Ich mach doch alles und trotzdem muß ich da immer wider hinund alles offenlegen. Das machen die doch mit Absicht so!!

Ehrlich wenn ich allein wär würd ich ernsthaft drüber nachdenken dem echt ein Ende zu machen.

Dede hat gesagt…

@Lisa:

So wie du das schreibst, kann ich dich vollkommen verstehen. Es ist schlimm, wenn Menschen die z.B. in die Altenpflege arbeiten, so wenig Lohn bekommen, daß es zum Leben nicht reicht. Das geht nicht! Wenn das nicht endlich (!!) geändert wird, gibts hier einen Aufstand. Was ist das denn bloß für ein Land, in dem es über 5 Billionen Euro Privatvermögen und gleichzeitig solche Zustände gibt??? Wie kann das sein?

Überhaupt -- daß jemand "Arbeitslosengeld" beziehen muss der voll arbeitet, das ist doch ein schlechter Witz. Und dann noch diese Schickanen! Nee, ich komme immer mehr zu der Überzeugung, daß hier nur ein ganz radikaler Schnitt hilft. Dieses Pack muss weg daß uns das eingebrockt hat! Und diese Sesselpupser in ihren Amtsstuben, die meinen so mit Leuten umspringen zu können, die gehören genauso angeklagt.

Lisa, meine volle Unterstützung hast du! Falls dir das was bedeutet. Lass dich bloß nicht fertigmachen.

Charlie hat gesagt…

Da schließe ich mich Dede an, liebe Lisa - gib nicht auf, denn das ist der eigentliche Sinn dieser perversen Strategie. Sie wollen Dich klein, arm, niedergedrückt und möglichst resigniert halten, damit Du auch ja nicht auf die Idee kommst, auch Deinen Kindern und Dir stünde etwas mehr vom Kuchen zu. Du sollst aus kapitalistischer Sicht nur Sklavin sein und neue Sklaven in die Welt setzen. Und genau deshalb darfst Du Dich nicht in dieses Schicksal ergeben.

Ich weiß, das ist leicht gesagt - aber Du zeigst durch Deine Kommentare hier ja schon, dass Du genau weißt, wie ungerecht, unfair, menschenfeindlich und bodenlos unverschämt dieses kapitalistische Verhalten der "Elite" und dieses System ist.

Zögere auch nicht, Dir Hilfe im Umgang mit diesem fürchterlichen Amt zu holen - es gibt nahezu überall in Deutschland unabhängige Hilfs- und Beratungsstellen, wo man hingehen, anrufen oder auch anonym um Auskunft und Hilfe bitten kann. Lass Dir nichts gefallen - insbesondere keine Schikanen und keine Willkür.

Verliere nicht den Mut.

Liebe Grüße,
Charlie

Lisa hat gesagt…

Danke an euch beide. Das tut echt gut. :)

Charly, mit Beratungstellen hab ich aber leider schlechte Erfahrungen gemacht. Vieleicht gibts auch gute aber das weiss ich nicht. Ich muss damit alleine klar kommen.

Trotzdem DANKE. Man fühlt sich ein bischen weniger alleine... :)