Montag, 15. Juli 2013

Esoterik 2.0: Das "Achtsamkeitszentrum" und die "verehrten Meister"


Auf "Hinter den Schlagzeilen" geht es mal wieder um das alte und mir inzwischen so widerwärtige Streitthema Religion, "Spiritualität" und Esoterik. Ich habe zu dem Text ein paar Anmerkungen hinterlassen, die ich auch hier dokumentieren will:

---

Die eulenfeder benutzt zwar harte Worte, im Kern muss ich ihm/ihr aber beipflichten. Angesichts der himmelschreienden Zustände (nicht nur) in diesem Land und der furchtbaren, erst kürzlich von Holdger Platta auf diesen Seiten treffend als Elend (sic!) gebranntmarkten Situation von Millionen von Menschen ist ein solcher Text in der Tat ein blanker Hohn.

Und, lieber Roland, mit Verlaub: Eine Unterscheidung zwischen “Selbstmitgefühl” (= “gut”) und “Egoismus” (= “schlecht”) halte ich für so hanebüchen, dass es mir ausgesprochen schwer fällt, dazu überhaupt etwas zu schreiben. Für mich stellen sich solche Gedanken wie ein kafkaeskes Szenario dar, in welchem die Feuerwehr vor dem lichterloh brennenden Gebäude herumsteht und untereinander darüber zu diskutieren beginnt, ob man die noch im Gebäude befindlichen, um Hilfe rufenden Menschen nun besser tragend rettet oder sie doch eher dazu animiert, selber hinauszulaufen.

Abgesehen davon erinnert mich das Ganze nur allzu deutlich an die propagandistischen neoliberalen Dogmen, in denen die Wortschimären “Selbst” und “Eigen” ja eine zentrale Rolle spielen und die ganze Bevölkerungsteile, sogar ganze Staaten in die soziale Verelendung getrieben haben – und weiter treiben.

Zu den “großen Meistern, die wir verehren” und einigen anderen Teilen des Textes, die meine Fußnägel zum Aufrollen bringen, schreibe ich besser nichts, da ich nicht ausfallend werden möchte. Statt dessen lasse ich den “großen Meister” Heinrich Heine zu Wort kommen (aus seinen “Aphorismen und Fragmenten”):

“Kampf der Philosophen gegen die Religion – [Sie] zerstören die heidnische, aber eine neue, die christliche, steigt hervor, auch diese ist bald abgefertigt, doch es kommt gewiss eine neue, und die Philosophen werden wieder eine neue Arbeit bekommen, jedoch wieder vergeblich: die Welt ist ein großer Viehstall, der nicht so leicht wie der des Augias gereinigt werden kann, weil, während gefegt wird, die Ochsen drinbleiben und immer neuen Mist anhäufen”.

Liebe Grüße!

---

Lieber Eulenfeder, Roland und Holdger,

ich habe nach der Lektüre der Kommentare den diffusen Eindruck, dass die Kritik auf ein Sprachproblem reduziert werden soll, was der Sache nach meiner Meinung aber nicht im geringsten gerecht wird. Es mag stimmen, dass “die Esoterik”, die es in einer einheitlichen Form ja gar nicht gibt, dazu tendiert, gewisse Begriffe zu “okkupieren” – das ist jedoch Usus in nahezu allen Bereichen des menschlichen Daseins. Wenn die Physik beispielsweise von “Elementen” und “Energie” spricht, meint sie etwas völlig anderes als irgendwelche esoterischen Heilsbringer – und fast jeder einzelne von denen meint wiederum etwas anderes damit. Das ist ein alter Hut und war nicht Kern meines Anstoßes.

Eine Formulierung wie “große Meister, die wir verehren” ist nicht auslegungsbedürftig – sie ist aus meiner Sicht schlicht zum Himmel (oder wohin auch immer) schreiender Irrsinn. Gerade der im Text hergestellte Zusammenhang zu Jesus oder Buddha macht das ja deutlich. Hier wird auch das ganze Dilemma dieses Themas sehr anschaulich: Man kann dreimal, zehnmal, gerne auch fünfzigmal darauf hinweisen, dass “die Kirchen” oder wer auch immer die “wahre, ursprüngliche Lehre” dieses oder jenes “Meisters” ja längst pervertiert haben, während man selbst ja zu den genannten “Ursprüngen” zurückgekehrt sei – das bleibt dennoch alles diffus, willkürlich und nicht belastbar, denn keine dieser “Lehren” existiert in einer solchen herbeifabulierten “ursprünglichen”, tatsächlich belastbaren Form. Man kann das alles stets so, so oder auch so auslegen. Es ist doch kein Zufall, dass es allein wer weiß wie viele “christliche Kirchen” gibt, die unterschiedlicher in ihren Grundsätzen und vor allem Zielen kaum sein könnten und die sich dennoch allesamt auf dieselben “Ursprünge” berufen. Wer will nun beurteilen, welche Sichtweise die “richtige” ist?

Dasselbe gilt, lieber Roland – und das weißt Du, denn ich halte Dich für sehr intelligent – für die Psychologie. Die ist eben keine “harte Wissenschaft”, in der irgendetwas unumstößlich “bewiesen” werden könnte, wie Du das darstellst, sondern in großen Teilen ebenfalls schlicht eine Glaubensfrage. Innerhalb der Psychologie gibt es mindestens ebenso viele unterschiedliche, sich teilweise vollkommen ausschließende Sichtweisen oder eben “Glaubensrichtungen” – und für fast jede Studie, die irgendetwas beweisen oder untermauern will, wirst Du entsprechende Gegenstücke finden. Auch dort gibt es freilich – wie in der Politik oder der Religion auch – gewisse Extreme, also radikale Sichtweisen, die auf wenig Zustimmung bei der Mehrheit treffen. Das sagt jedoch in den wenigsten Fällen tatsächlich etwas über die wirkliche Qualität dieser Richtungen aus. Das war früher so (siehe die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen um Kopernikus, Darwin etc.) und ist heute nicht anders. Das “Wissenschaftsargument” hast Du doch ganz bewusst als Nebelkerze gezündet – ein Versehen traue ich Deinem Intellekt da gar nicht zu. ;-)

An tatsächlichem Aussagewert, dem ich auch zustimmen kann, kristallisiert sich für mich aus dem Text eigentlich nur eines heraus – nämlich, dass man sich selbst mögen sollte, sofern man kein ausgemachtes Arschloch ist (wobei dieser Zusatz gar nicht vorkommt, aber meiner Meinung nach dazugehört). Das indes ist eine Binsenweisheit, für die es keinerlei Psychologie, keiner “Spirtualität” und erst recht keiner Neologismen wie dieses furchtbaren Wortes “Selbstmitgefühl” bedarf, das zudem unweigerlich zu Missverständnissen und Fehldeutungen einlädt. Dazu muss man keinen solchen Text schreiben.

Ich habe das an anderen Stellen schon mehrmals geschrieben: Auch wenn mir selbst nach vielen Jahren des Suchens und Erkennens jedes Verständnis für religiöse Gedanken oder Gefühle abgeht, verurteile ich das keineswegs generell – solange es das bleibt, was es nach meiner Meinung einzig sein sollte: Ein ganz persönliches Feld, das aber in einem größeren gesellschaftlichen Umfeld oder gar in der Politik nicht das geringste verloren hat. Und ich fürchte, in diesem Punkt wirst Du, Roland, mir sicher nicht beipflichten, denn Du trägst Deine diesbezüglichen Empfindungen und Meinungen ja immer wieder weit in die Gesellschaft und in die Politik hinein. Damit betreibst Du aber, wie ich finde, nichts anderes als Exklusion – denn wer Deinen oder den von Dir kolportierten Gedankengängen dabei nicht folgen kann oder will, bleibt automatisch außen vor und fühlt sich ausgegrenzt. Wie das eben immer so ist, wenn es um Glaubensfragen geht – deshalb haben diese in einem Diskurs über die Gesellschaft, die Politik und das System, in dessen Rahmen Menschen miteinander existieren bzw. leben wollen, nichts zu suchen.

Ich versteige mich gar zu der These: Wer religiöse, sprituelle oder wie auch immer geartete Glaubensinhalte zum Thema gerade in einem politischen Blog macht, der möchte auch ausschließlich solche Menschen ansprechen, die diesen Gedanken folgen (oder sie dazu missionieren, das zu tun). Mit Aufklärung bzw. Information hat das nichts zu tun – es ist das genaue Gegenteil, nämlich Propaganda und – wenn vielleicht auch ungewollt – Sektierertum.

Ich bitte auch darum, diese Kritik nun wirklich nicht persönlich zu nehmen – es geht dabei nicht um Personen, die hier schreiben. Vielleicht kann mir ja auch jemand plausibel erklären, was solche Texte in einem solchen Blog verloren haben bzw. wie sie dazu beitragen könnten, in Glaubensfragen völlig uneinheitliche Menschen gleichermaßen und nicht diskriminierend anzusprechen? Oder sind hier tatsächlich nur LeserInnen erwünscht, die bei Begriffen wie “Achtsamkeitszentrum” oder “verehrten Meistern” nicht mit Schmerzen den Kopf auf die Tischplatte schlagen? Das will ich nicht glauben.

Nicht teilen – sondern zusammenführen muss doch das oberste Gebot sein, da hast Du, lieber Roland, völlig recht!!! Es gibt so wenige Menschen in diesem Land, die sich dem kapitalistischen Terror bewusst widersetzen wollen – wenn die nun auch noch alle nach Glaubensfragen aufgespalten werden in streng gläubige Christen samt den 100 verschiedenen christlichen Richtungen, dasselbe bei den Muslimen, den Juden, den Buddhisten, den Hinduisten, den Atheisten ... und keinen "streng Gläubigen" – egal welcher Richtung – kannst Du mit einem solchen Konglomerat verschiedenster Religionen auch nur entfernt locken oder gar überzeugen – dann gilt der alte Asterix-Spruch ohne jede Einschränkung, und zwar zugunsten des Untergangs:

Alea jacta est.

Liebe Grüße!

---

Der letzte Halt [Esoterik]


"Ich glaube nicht mehr an Gott, ich glaube nicht mehr an die Menschen - und jetzt wollen Sie mir auch noch die Karten verekeln!"

(Zeichnung von Olaf Gulbransson [1873-1958], in "Simplicissimus", Heft 44 vom 31.01.1923)

Kommentare:

jakebaby hat gesagt…

Ne Menge heisse Luft um einen Spirit der niemanden besoffen macht da er nicht existiert.

Charlie hat gesagt…

@ Jake: Erst einmal: Es ist sehr schön, wieder von Dir zu lesen! Ich hatte mir schon Sorgen gemacht.

Zum Thema: Das Problem ist ja, dass das Thema leider (!!) nicht nur heiße Luft ist, weil es eben eine Menge Menschen gibt, die diesem Hokuspokus auf den Leim gehen - und wenn man gewissen Berichten glauben will, ist die Tendenz da sogar wachsend.

Ich schreibe solche Kommentare auch weiterhin, weil ich hoffe, dass es dort Mitlesende gibt, die sich so ein etwas ausgewogeneres Bild vom Thema machen können - den Autor des Artikels werde ich so oder so niemals davon überzeugen können, dass er meiner Meinung nach auf dem Holzweg ist. ;-)

Religion, "Spiritualität", Esoterik und Aberglaube (was für mich allesamt ein und dasselbe ist) sind auch heute noch Themen, mit denen sich so viele Menschen beschäftigen bzw. in die Irre führen und ausnehmen lassen - so unfassbar das auch sein mag - und dagegen muss man etwas tun.

Ich hoffe, es geht Dir gut!

Liebe Grüße!

jakebaby hat gesagt…

Mach dir keine Sorgen, ich bin nur ein wenig upgefucked. :-)

Eigentlich moecht ich mich ueber dieses Thema nicht groesser auslassen. Habt ihr ja schon zur Genuege und das war aetzend genug, da sich durch die Argumentation Standpunkte weiter verhaerteten, womit dann nur noch heisse Luft blieb, ueber Etwas, was nicht existiert.

Ja, ich weis, dass es eine Menge Menschen gibt, die diesem Hokuspokus auf den Leim gehen und es ist ein Fakt, dass die Tendenz da sogar wachsend ist.
Religion und saemtlich trittbrettfahrende Rattenfaenger radikalisiert sich zunehmend, versucht sich wieder vermehrt und nachdruecklichst in die Gesellschaft, Soziales und Politik zu pruegeln, und folgt schlichtweg der gewohnt beschissenhistorischen Vorgabe, zusammen mit ihrer industriellpolitischfaschistischen Bruderschlampe, zum Grossen Arschficken zu blasen.
Die Zeit ist doch wieder Reif(good Job!!) Armut/Elend, Sorge/Angst um alles Erdenkliche und Jene, die dieses gezielte Chaos so nachhaltig etablierten erklaeren zunehmend aggressiver, dass Alternativen ausser Frage stehen, man ihnen Glauben/Hoffen und Vertrauen solle .... um natuerlich damit die Menschen/etc. noch tiefer zu f*****. Kontraer dazu ein altes Sprichwort: "Wenn Scheisse was wert waere, haetten Arme keine Arschloecher."

Gruss
Jake


jakebaby hat gesagt…

Dazu nochmal der George: http://search.yahoo.com/search;_ylt=ArCLXwQ8bLkgfI.rxn4xfWWbvZx4?fr=yfp-t-900-34-s&toggle=1&cop=mss&ei=UTF-8&p=george%20carlin%20youtube

ueber Religion: https://www.youtube.com/watch?v=t0vOxfl6suo

und den kennst du sicher auch:
http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=vaaSc0fj9Mw

Charlie hat gesagt…

Jou, den Carlin und auch den Schmickler kannte ich schon, aber trotzdem danke für die Links. Die beiden Videos sind es allemal wert, immer wieder verlinkt zu werden.

"Upgefucked" bin ich im Übrigen auch. ;-)

Ich finde übrigens nicht, dass die Diskussion bei HdS zu verhärteten Fronten geführt hat - die waren ja bereits vor Diskussionsbeginn so steinhart, dass sie gar nicht mehr härter werden konnten. Es geht mir dabei - wie gesagt - um schweigende MitleserInnen - das sind wohl die einzigen, bei denen das eine oder andere Argument - von welcher Seite auch immer - noch etwas bewirken kann. Ansonsten würde ich mit Roland nicht mehr über solche Themen diskutieren, weil ich sowieso weiß, wie der in dieser Hinsicht tickt - und er weiß das umgekehrt von mir ebenfalls. Solange er aber immer wieder einen solchen - man verzeihe mir das böse Wort - Stumpfsinn veröffentlicht, werde ich dazu auch meinen Gegen-Sermon ablassen. Jedenfalls ab und zu.

Wenn so etwas auf irgendwelchen ominösen Astro-Seiten im Netz erscheint, kratzt mich das nicht - aber "Hinter den Schlagzeilen" ist ein verdammt gut besuchtes, ansonsten auch recht gutes und wichtiges linkes Polit-Blog - und da explodiert mein Schädel, wenn ich ausgerechnet dort solchen esoterischen Unsinn lese.

Liebe Grüße!