Montag, 27. Januar 2014

Kritik des Tages: Der Kampf gegen intellektuellen Dünkel


(...) Es ist deshalb nicht einfach nur ein ästhetisches Ärgernis, dass unsere Journalisten wie die Wurstel schreiben, die sie meistens auch sind: Die endlos reproduzierte Formatierung der Erfahrung von Welt zerstört bereits die Möglichkeit von Erfahrung.

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Anmerkung: Nach dem ersten Lesen dieser bissigen, ziemlich verschwurbelten sonntäglichen Gärtnerei konnte ich mir ein gewisses Grinsen und Frohlocken nicht verkneifen - nach einer gewissen Zeit setzte jedoch (man mag es kaum glauben) ein Denkprozess ein, dessen Ende mich nun zu dieser Anmerkung geführt hat: Für den Maßstab einer nur noch von wenigen verstandenen Kritik in der Tradition Kafkas oder Kraus' ist der Text ein Juwel - für alle anderen Menschen dieses bildungsfernen und gewollt verdummten Landes ist er aber nichts weiter als ein Buch mit sieben Siegeln, das nicht mehr verstanden wird und daher auch keine Wirkung entfalten kann.

Zu den Zeiten von Kafka oder Kraus war das - zumindest noch in einem unter argen Schmerzen ertragenen und mit einem schlimmen elitärem Gesellschaftsbild verbundenen Maßstab - anders. Heute aber kann fast kein jüngerer Mensch, ganz egal aus welcher "Bildungsschicht" er stammen mag, mehr etwas mit Kant, Karl Kraus oder einem Kafka-Zitat ohne Quellenangabe und damit ohne Einordnungsmöglichkeit anfangen. Auch ich, der ich bekennender, glühender Kafka-Verehrer bin, kannte den zitierten Satz Kafkas bislang noch nicht und habe ihn nach einer kurzen Suche auch nur insoweit nachverfolgen können, dass er irgendeinem Text aus dem zweiten Band der "nachgelassenen Schriften und Fragmente" entstammt. Meine Kafka-Ausgabe ist eine andere, so dass ich aufgrund der fehlenden Quellenangabe hier zunächst kapitulieren musste. Auf die Suche nach der Quelle des Kraus-Bezuges habe ich mich gar nicht mehr begeben, weil gleich jedwede Angabe dazu fehlt.

Sicherlich kann und soll man diesen kapitalistisch gewollten und durchaus absichtlich herbeigeführten Verfall der humanistischen, literarischen, philosophischen und historischen Bildung der Menschen anklagen - ihn zu ignorieren bringt aber überhaupt nichts. Diese Gratwanderung zwischen einem einigermaßen anspruchsvollen Text und einer einigermaßen allgemeinen Verständlichkeit wird zunehmend schwieriger, wenn die nachwachsenden Generationen immer dümmer und kapitalismuskonformer gehalten werden - was angesichts der vorhergehenden Ergebnisse aus den 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ja schon mehr als nur ein Verbrechen ist. Auch ich habe mich jahrelang mit dem damals scheinbar unlösbaren, aus heutiger Sicht grotesken intellektuellen Widerspruch herumgeärgert: Hier befindet sich die "freiheitlich-demokratische" Welt, in der alles nach "Volkes Wille", nach "Recht und Gesetz" und somit zugunsten aller Menschen in diesem Land abläuft, während der Großteil des Planeten weiter im Irrsinn, in der Korruption, im Krieg, im Unrecht und in der Unfreiheit und bittersten Armut - bis hin zum Tod - versinkt. Es hat sehr lange gedauert, bis ich diese Zusammenhänge begriffen hatte - und Lehrer, Schulen und Universitäten hatten auf diesen Erkenntnisprozess einen eher geringen Einfluss. Auf diesem Gebiet befindet sich die kapitalistische, westliche Welt schon seit vielen Jahrzehnten nach der bösen Zäsur 1945 auf einem ganz üblen, bitteren Weg, der weit hinter das Niveau aus der Zeit vor den beiden Weltkriegen zurückfällt.

Vielleicht ist diese Überspitzung der Gärtnerischen Zitierhaltung ja auch ein Teil der Satire, den ich nur nicht richtig verstanden habe? Diese Idee ist mir mehrfach durchs Hirn geschossen, aber letzten Endes wäre das, wenn es der Fall wäre, doch auch nur eine Bestätigung meiner obigen Kritik.

Lieber Herr Gärtner, auch wenn Du diesen Text sicher nie lesen wirst: Gib Deinen LeserInnen doch bitte mehr Anhaltspunkte, anhand derer sie Deinen Gedankengängen folgen können! Sonst sind nämlich nicht nur die Gedankengänge, sondern gerade auch die Intention, die Du (vielleicht / hoffentlich) beim Schreiben hattest, für die berühmte Tonne. Das Prahlen mit solchem Wissen mag Dir einen sehr steifen Penis oder ein pulsierendes Hirn bescheren - aber sonst bringt es niemanden in irgendeiner Form etwas.

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"Wir leben im Zeitalter der Überarbeiteten und Unterbildeten: dem Zeitalter, in dem die Menschen so tüchtig sind, dass sie völlig verdummen."

(Oscar Wilde [1854-1900]: "Der Kritiker als Künstler". Essay, 1890)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

vielleicht ist die kunst des lesens von text auf papier ein prozess, der andere geistige arbeit erfordert als die technik des scannens von zeichen auf dem monitor.

ich jedenfalls musste mir kein grinsen verkneifen angesichts dieses bitteren ausfalls gegen unsere feuilletonhelden. ging es nicht um die verwurstung des gedenktags für die opfer des nationalsozialismus?

...in der Vermittlung dieser Vernunft mit seinem Verstand muß der Mensch nun seine Urteilskraft entwickeln,... und so weiter

Charlie hat gesagt…

@ Anonym: Es ist wunderbar, dass Du den Gärtner offenbar problemlos zu verstehen glaubst - das ändert aber nichts an meiner Kritik. Deinem Resümee dürfte sich nur eine sehr kleine Minderheit der Menschen in diesem Land anschließen - und damit meine ich ausdrücklich nicht die Horden der bis ins Knochenmark manipulierten BLÖD-LeserInnen oder Tagespropagandaschau-GuckerInnen.

Ich wünsche mir von der Titanic, die ja nun glücklicher Weise eine relativ breite Leserschaft hat, die nicht bloß aus fürchterlich gebildeten Menschen besteht, etwas anderes - und der Gärtner kann das, das hat er ja schon mehrfach und eindrucksvoll bewiesen.

Es könnte sich gar der Eindruck einstellen, dass auch der Herr Gärtner gar nicht mehr erfasst, um was es eigentlich geht - er befindet sich durch seinen Job ja ebenfalls noch auf der Seite der eher "abgesicherten", nicht unmittelbar armutsgefährdeten Minderheit. Würde er immer noch einen solchen Text schreiben, wenn er sich gleichzeitig darum sorgen müsste, dass morgen noch die Miete bezahlt, die Krankenversicherung gewährleistet und die Kosten für Strom und Lebensmittel gedeckt sind? Millionen von Menschen in diesem Land (von der übrigen Welt will ich gar nicht reden) schlagen sich immer wieder mit eben diesen existenziellen Fragen herum und verzweifeln im Kampf gegen die staatliche Verarmungs- und Überwachungsbürokratie des Hartz-Terrors.

Ein solches Privileg,wie z.B. ich es genossen habe und das mir erlaubt hat, trotz einer schlechten gymnasialen Schulbildung und einer ebenso schlechten universitären Ausbildung dennoch zu gewissen logischen Schlussfolgerungen zu gelangen, gibt es heute nicht mehr. An den Schulen und besonders in den Universitäten herrscht heute ein anderer Geist - und der erstickt jede Eigeninitiative, jeden Weg abseits des vorgegebenen "Lehrplans" im Keim. Wenn ich heute noch einmal studieren müsste, würde ich mich vermutlich sofort exmatrikulieren und die Uni anzünden, bevor ich diesem perversen "Lehrplan" folgen würde.

Es ist höchste Zeit für einen Aufstand gegen den kapitalistischen Wahnsinn - dieser Text des Herrn Gärtner trägt allerdings nichts dazu bei, dass das auch endlich geschieht.

Liebe Grüße!

Anonym hat gesagt…

ich 'glaube' nicht, irgendwas problemlos zu verstehen und finde die unterschwellige botschaft zwar bezeichnend aber auch bescheuert!

'ich wollte aber was ganz anderes lesen. vor allem wollte ich was lesen, das mein beifälliges grinsen rechtfertigt, schließlich habe ich ein recht auf satire'.

ich weiss, hart aber grausam. bin mal gespannt, wie das durch den filter geht.