Dienstag, 5. August 2014

Die Kapitaliban und der Kita-Wahn


Selbstverständlich ist es - ungeachtet des Inhalts - wichtig und richtig, stets scharfe Kritik an jedweder Maßnahme zu formulieren, die aus der CSU in die Welt blubbert. Im Falle des "Betreuungsgeldes", das momentan als aktuelle neoliberale Sau durchs verkommene Dorf getrieben wird, muss man aber wieder einmal differenzieren und genau hinschauen, um eine sinnvolle Beurteilung abgeben zu können.

Was wird uns also von den üblichen Verdächtigen der Mainstream-Journaille an Fakten genannt, die für eine Betreuung von Kleinkindern in staatlichen oder staatlich finanzierten Einrichtungen spricht? Exemplarisch zitiere ich dazu aus einem typischen Pamphlet aus der FAZ:

Das Betreuungsgeld hält benachteiligte Kinder von Bildungsangeboten fern und verringert ihre Chancen auf sozialen Aufstieg.

Aha, so ist das also: Kitas (und übrigens auch einzelne "Tagesmütter" bzw. "-väter") sollen gleichbedeutend mit "Bildungsangeboten" sein, die es zudem daheim in vergleichbarer Form nicht gebe - und das ganz besonders dort, wo der Kapitalismus bereits zugeschlagen und eine Schneise der Verarmung unter den Menschen hinterlassen hat. Das ist eine verwegene Behauptung, die zwar sicherlich durch entsprechende Auftragsstudien pseudowissenschaftlich belegt werden kann, die der einfachen Logik aber dennoch keine zwei Minuten standhält - und das gleich auf mehreren Ebenen.

Zum Einen ist es kein Geheimnis, dass gerade ausgebildete ErzieherInnen nicht gerade zu den bestbezahlten Menschen in diesem System gehören - sie befinden sich vielmehr selbst in einer meist prekären Lage und gehören zu den so genannten Niedriglöhnern, die den so gern propagierten "sozialen Aufstieg" (wohin auch immer) allein durch ihren Beruf nahezu niemals bewerkstelligen können. Zum Anderen sind in Kitas oftmals auch nicht pädagogisch ausgebildete Menschen prekär beschäftigt, so dass Kinder, die solche Einrichtungen besuchen müssen, keinerlei Vorteile in Sachen Bildung zu erwarten haben. Genauso sieht es bei den Tagesmüttern oder -vätern aus: Vom Jugendamt wird für eine solche Tätigkeit jeder erwachsene Mensch akzeptiert und auch bezahlt, völlig unabhängig davon, welche Befähigungen oder Ausbildungen er mitbringt - gerade das habe ich höchstpersönlich erlebt.

Sicherlich gibt es immer wieder auch in Kitas und bei "Tageseltern" gebildetete Menschen, die tatsächlich einen positiven Einfluss auf Kinder haben können - dasselbe gilt aber freilich verstärkt für die leiblichen Eltern, denn diese haben in der Regel ein weitaus größeres Interesse daran, dass ihre Kinder auf einen guten Weg gebracht werden, als die mit Hungerlöhnen abgespeisten Angestellten irgendwelcher Kitas oder - noch schlimmer - "freiberuflich" tätige "Tageseltern".

Es geht in diesem Falle - wie immer in diesem niederträchtigen System - nicht um das Wohl oder die Perspektiven der Kinder, sondern natürlich um Geld und Ausbeutung: Der neoliberale Ruf nach Kitaplätzen für Kleinkinder ist klar erkennbar darauf zurückzuführen, dass beide Elternteile sich nicht etwa mit der Kindererziehung befassen (und damit womöglich mündige, kritische Menschen aufziehen) sollen, sondern schnellstmöglich wieder der Ausbeutungsmaschinerie des "Arbeitsmarktes" zur Verfügung zu stehen haben. Dass Kleinkinder dabei nicht nur dem familären Umfeld entwöhnt, sondern auch systemkonform indoktriniert und konditioniert werden können, ist dabei sicher nur ein gern gesehener Nebeneffekt.

Ginge es tatsächlich um die Kinder und deren Wohlergehen und Bildung, wäre der Beruf des Erziehers bzw. der Erzieherin längst ein akademischer, der nach einer universitären Ausbildung auch entsprechend gut bezahlt wird. Das jedoch ist weder von der CSU, noch von irgendeiner anderen Partei jemals gefordert oder gar forciert worden. Dennoch werden die Systemmedien nicht müde, uns immer wieder denselben hanebüchenen Sermon zu präsentieren - hier zur Abwechslung mal ein Beispiel aus dem Tagesspiegel:

Das Betreuungsgeld lasse sich "als besonderer Anreiz für sozial eher benachteiligte Familien identifizieren, kein Angebot an frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung zu nutzen", schreibt die Autorin der Studie (...).

Das ganze steht dort unter der reißerischen Überschrift "Kohle oder Kita?" und suggeriert dem geneigten Leser nicht nur die nicht hinterfragte Behauptung, dass Kitas und "Tageseltern" für Kleinkinder gleichbedeutend mit "Bildung" seien, sondern unterstellt armen und verarmten Familien sogleich auch die in diesem System eher in "höheren" Kreisen verbreitete Habgier - frei nach dem widerwärtigen Motto: "Wenn Millionäre auch nach der 100. Million den Hals noch nicht voll haben und wie von Sinnen weitere Millionen an sich raffen wollen, gilt das für Habenichtse natürlich erst recht."

Die Vorstellung, dass es Menschen geben könne, die nicht unablässig dem Mammon hinterhergieren, kommt in diesem Narrativ gar nicht mehr vor - ebenso wie die schlimme Tatsache, dass dieses furchtbare System längst Bedingungen geschaffen hat, in denen für nicht wenige Menschen 100 Euro mehr oder weniger im Monat tatsächlich eine existenzielle Bedeutung haben.

Ich selbst bin übrigens glücklicher Weise vollkommen kita- und kindergartenfrei aufgewachsen - und habe schon in frühkindlichen Jahren Bekanntschaft mit ernsthafter Musik, Kunst und Kultur gemacht. Und das in einem nicht-akademischen Haushalt, in dem mir sehr nachhaltig kritisches Denken beigebracht wurde.

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Ein Philosoph


"Ja, Frau Meier, die Zeit is' wirklich demokratisch - jeder kriegt sein Packl Sorgen und Opfer!"

(Zeichnung von Rudolf Grieß [1863-1949], in "Simplicissimus", Heft 41 vom 07.01.1919)

Kommentare:

Anabelle hat gesagt…

Es sind Texte wie dieser die mir erklären, wieso ich dich einst liebte. :)

Ruby hat gesagt…

Danke Charlie für deine Gedanken zu diesem Thema. So verstehe ich Aufklärung. Du wirst damit so einige zum Nach- und Umdenken animieren.

Charlie hat gesagt…

Kein Kommentar, olle Hexe. Ich drück' Dich. :-)

Charlie hat gesagt…

Ruby, ich wünschte, Du hättest recht. Ich befürchte aber, dass weder mein kleiner Text, noch irgendein anderer zum selben Thema irgendeine messbare Auswirkung auf das weitere Geschehen haben wird.

Ich habe mich schon lange von der hübschen Vorstellung verabschiedet, dass mein Geschreibsel hier (oder das vieler anderer BloggerkollegInnen anderswo) irgendetwas bewirken könnte.

Dein Optimismus ist da sehr erfrischend und ich danke Dir herzlich dafür. :-)

Liebe Grüße!

Ruby hat gesagt…

Charlie, täusch dich da mal nicht. Nach dem Motto: "Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen." werden deine Texte Wirkung zeigen, auch wenn du sie jetzt vielleicht noch nicht spürst.
Ich bin das beste Beispiel dafür. Noch vor 8 Jahren gehörte ich zu den unaufgeklärten Manipulierten, wurde von einem Kollegen gaaanz lieb auf meine Irrungen und Wirrungen aufmerksam gemacht und bekam auch als Leseempfehlung die Nachdenkseiten, die mir schon lange nicht mehr genügen. Hungrig auf mehr, lese ich nun auf verschiedenen Blogs und informiere mich. Da auch ich von "dummen" Menschen umgeben bin, die mir auch gern zuhören, gehe ich genauso vor wie mein ehemaliger Kollege...und so geht das immer weiter und weiter und irgendwann platzt das Fass. ich habe da meine Hoffnung noch nicht aufgegeben. ich sehe auf den Aufklärungsblogs (links wollt ihr ja komischerweise nicht hören) das Problem, dass die vermeintlich Unaufgeklärten oft sehr herablassend und diffamierend behandelt werden. Da wundert es mich nicht, dass die inhaltlich guten Texte nur so langsam verbreitet werden. Kluge Menschen wissen, dass Aufklärung seine Zeit braucht und hier Geduld und Beharrlichkeit Tugenden sind.
Liebe Grüße Ruby