Dienstag, 12. Januar 2016

Konsumrausch und Armut : Die Schlips-Borg und die 40 Räuber


Im eskalierenden Bullshit- und Rassismus-Bingo der in den vergangenen Tagen durchs Dorf getriebenen Silvestersau geht so manche Nachricht kläglich unter. Gestern las ich beispielsweise beim WDR:

In NRW ist die Zahl der von Armut betroffenen Kinder gestiegen. Sie kletterte von 20,4 Prozent im Jahr 2005 auf 23,6 Prozent in 2014, wie das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung am Montag (11.01.2016) in Düsseldorf mitteilte.

Eine solche Nachricht ruft im reichen Deutschland allerdings weder mediale Empörung hervor, noch mobilisiert sie den Mob, um zur Abwechslung mal vor den Prunkvillen der Superreichen und den grotesken Konzernpalästen die "besorgten Bürger" zu geben. In Zeiten des sich verfestigenden staatlichen Hartz-Terrors, der für immer mehr Betroffene eben nicht "nur" Schikane, Drangsalierung, Demütigung und faschistoide "schwarze Pädagogik", sondern bittere und nachhaltige Zwangsverarmung bis aufs letzte Hemd bedeutet, sind selbstverständlich auch immer mehr Kinder betroffen. Das ist kein Zufall oder Versehen, sondern politische Absicht der neoliberalen Einheitspartei.

Deshalb wird nicht kritisch oder gar empört darüber berichtet - man versorgt das Publikum der Massenmedien stattdessen mit den ewig gleichen, infantilen Märchen aus Kapitalistans Epos "Die Schlips-Borg und die 40 Räuber", wie beispielsweise "2015 brachte dickes Kaufkraft-Plus", "Löhne klettern in Rekordtempo" oder "Reallohnanstieg durch geringe Inflation". Von den märchenhaften Lobeshymnen auf den "Arbeitsmarkt", der sich inzwischen laut Propaganda nahe an der "Vollbeschäftigung" befinde, sowie dem "zunehmenden Wohlstand der Deutschen", der gar in einem "Konsumrausch" sichtbar werde, spreche ich lieber gar nicht erst, um meine Stirn vor schlimmen Blutungen zu schützen.

Nun lebt also bald ein Viertel aller Kinder des so gerühmten, semireligiös gepriesenen Wunderdeutschlands in Armut, während den wenigen Superreichen weiterhin permanent und wie von Sinnen horrende Geldsummen in die prall gefüllten Geldspeicher gepumpt werden, bis sie aus allen Nähten platzen (und darüber hinaus). Das hatten wir alles schon einmal - zurzeit wird ja nicht zufällig wieder (sowohl geistig-verbal, als auch ganz konkret) Jagd auf "Ausländer" gemacht. Kinder in Armut interessieren die Jäger ebensowenig wie überquellende Geldspeicher einzelner "Elite"-Familien, denn eines ist im Kapitalismus stets sicher: Schuld ist immer der Jude / Moslem / Fremde / Kranke / Behinderte / Alte / Arbeitslose ... - und dafür werden alle verfügbaren medialen und gesellschaftlichen Hebel in Bewegung gesetzt.

So geht es auch diesmal wieder unter populistisch-menschenfeindlichem Politgeschrei und befeuernder, benzingetränkter Medienpropaganda im strammen Marschschritt rechts herum schnurstracks in die braune Finsternis - und während sich die Menschen gegenseitig die Köpfe einschlagen, hat die selbsternannte, grinsende "Elite" wieder einmal längst alle goldenen Schäfchen im Trockenen und muss keine Sekunde befürchten, dass ihr jemand den gestohlenen Reichtum ernsthaft streitig machen könnte.

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Eine persönliche Anmerkung: Ich mache mich nun auf den Weg, um mit den mir in diesem Monat zur Verfügung stehenden 44 Euro dem Konsumrausch zu frönen und mich im Feinschmeckerladen mit einer Monatsration Kaviar einzudecken. Es ist wahrlich ein Segen, in einem so reichen Wunderland wie Deutschland leben zu dürfen.

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Alter Bettler mit einem Knaben



(Gemälde von Pablo Picasso [1881-1973] aus dem Jahr 1903, Öl auf Leinwand, Pushkin Museum of Fine Arts, Moskau, Russland)

Kommentare:

epikur hat gesagt…

"und während sich die Menschen gegenseitig die Köpfe einschlagen, hat die selbsternannte, grinsende "Elite" wieder einmal längst alle goldenen Schäfchen im Trockenen und muss keine Sekunde befürchten, dass ihr jemand den gestohlenen Reichtum ernsthaft streitig machen könnte."

Und dennoch haben die Superreichen große Angst vor Aufständen und/oder sozialen Unruhen. Sie wissen eben ganz genau, dass sie ihren Reichtum nur durch die Verarmung der Bevölkerung erworben haben. Die Nachfrage nach abgeschiedenen Inseln, "Gated Communities", Alarm-, Sicherheits- und Wachsystemen sowie Personal, unterirdischen Notschutzbunkern usw. dürfte in den letzten Jahren unter den Superreichen explodiert sein.

frei-blog hat gesagt…

44 Euro für den Rest des Monats? Dann bist Du ja noch schlimmer dran als ich, besitze wenigsten noch 70 Euro, um als Konsument meiner Pflicht nachzukommen.
Kauf dir Bulgur, reicht für einige Mahlzeiten, ist universell einsetzbar und schmeckt gut. Das essen die Wilden ebenfalls gerne, mußt es ja nicht herumerzählen wie ich, sonst heißt es noch, wir würden als sittenlose Gesellen das Abendland aufrollen wollen.
Was Kinderarmut betrifft: Gehört zur Fürsorgepflicht staatlicher Erziehung, um halbverwilderte Plagen unter Kontrolle zu halten. Nur verhungern dürfen sie nicht, das Humankapital muß noch zu Kreuze kriechen können, ehe es entsorgt wird.

Also: Nutze die Dauerberieselung aus Medienkotztüten – unsere letzten Euros werden uns Hoffnung und Mut spenden. Dafür gibt es ja immerhin eine Grundsicherung am gedeckten Tafeltisch, ein Privileg, das uns gerade noch von den Wilden aus Negerland unterscheidet. Darauf können wir stolz sein –

:-)

Charlie hat gesagt…

Ich frage mich nur, was ich dem Mann sagen soll, der demnächst kommt, um mir den Strom abzustellen. Aber Hauptsache, ich habe genug Kaviar um satt zu werden und Deutschland geht es gut.