Mittwoch, 13. April 2016

Film des Tages: Die Unsterblichkeits-Formel


Gestern lief auf Arte die Dokumentation "Die Unsterblichkeits-Formel" von Sylvie Blum, die sich mit dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung zur menschlichen Unsterblichkeit sowie den ethischen und philosophischen Aspekten dieses gruseligen Themas beschäftigt. Der sehr sehenswerte Film ist für kurze Zeit noch unter dem obigen Link in der Mediathek verfügbar - wer ihn sich anschauen möchte, sollte das also schnell tun. Auf der Arte-Seite heißt es dazu:

Unsterblichkeit und ewiges Leben: Wird dieser große Menschheitstraum wahr werden? Die Kryonik macht jedenfalls immer größere Fortschritte, das Klonen von Menschen scheint nicht mehr unmöglich, und an der digitalen Vervielfältigung des Gehirns wird geforscht. Bestandsaufnahme in den USA, in Kanada, Europa und Russland.

Oktober, 2013: Google verkündet, den Tod töten zu wollen. Der Konzern beschränkt sich nicht mehr auf Autos ohne Fahrer; die nächste Herausforderung heißt "ewiges Leben". Viele sind bereits heute davon überzeugt, dass Altern eine Krankheit ist und Sterben eine Form des Versagens. Der Dokumentarfilm führt in die USA, nach Kanada, Europa und Russland und zeigt die verschiedenen Formen auf, die das menschliche Streben nach Unsterblichkeit angenommen hat. Mit Wissenschaftlern, Anthropologen, Zukunftsforschern, aber auch mit Statements von Menschen, die sich nach ihrem Tod einfrieren lassen wollen, wird hinterfragt, was dieses Streben über unsere Gesellschaft und uns selbst aussagt.

In Arizona verspricht die Kryokonservierung eine Auferstehung nach dem Tod. Auch das Klonen von Menschen ist wissenschaftlich bereits möglich. Die Anhänger von Transhumanismus und digitalem Gehirn sowie Forscher weltweit versuchen, den Alterungsprozess zu verlangsamen und den Tod in immer fernere Zukunft zu rücken.

Der Dokumentarfilm taucht ein in eine Welt, in der allzumenschliche Menschen sich weigern, vom Tod einfach ausgelöscht zu werden. Er zeigt, wie schwer es ist, den Versprechungen eines ewigen Lebens zu widerstehen und macht auch die wirtschaftlichen Interessen deutlich, die hinter solchen Bestrebungen stehen. Der Vorstoß von Google ist nur ein Anzeichen für eine mögliche Zwei-Klassen-Gesellschaft der Zukunft: auf der einen Seite die Reichen, die Zugang zu solchen "Angeboten" haben, auf der anderen der Rest der Gesellschaft.

Mir liefen beim Ansehen reihenweise eisige Schauer über den Rücken. Ich bin heilfroh, dass ich die "schöne neue Welt", auf die wir zusteuern, nicht mehr erleben werde, und es ist mir ein völliges Rätsel, dass all die im Film vorgestellten Menschen, die sich auf unterschiedlichste Arten mit diesem hanebüchenen Thema beschäftigen - sei es als Forscher, Philosoph oder einfach als todesängstlicher Mensch -, nicht bemerken, auf welch abstrusen, dystopischen Wegen sie sich befinden.


Kommentare:

altautonomer hat gesagt…

Wenngleich der Titel zunächst widersprüchlich erscheint, so passt der heutige Text wie Arsch auf Eimer zu meinem Gastbeitrag vom 20.10.2015 "Auslaufmodell Mensch".

Ohne den Film gesehen zu haben: Da der Geist und damit das Bewusstsein immer an die Materie gekoppelt ist, frage ich mich, wie die Übertragung von Identität und vorherigem Bewußtsein, Erinnerungen und Prägungen auf einen anderen Zellhaufen möglich sein soll.

Außerdem würde angesichts einer genetisch bedingten Unsterblichkeit die Angst vor den mit alltäglichen Gefahren (z. B. Ernährung, Straßenverkehr) verbundenen Unfalltod ins Unermessliche steigen, weil es viel mehr zu verlieren gilt.

Bei meiner Großmutter (91) und Mutter (81) habe ich miterleben können, wie die Angst vor dem Tod im Laufe der Jahre durch ein Gefühl der Erleichterung und der Erlösung von den Mühen des Alters und der Bewältigung des Alltags abgelöst wurde. Unsterblichkeit wäre für sie eine Qual gewesen.

Charlie hat gesagt…

@ Altauto: Ich habe ähnliche Erfahrungen im familiären Umfeld gemacht. Dennoch muss man ja bedenken, dass die "schöne neue Welt" eben jene Leiden, die zu diesen Haltungen geführt haben, ausmerzen will - so dass sich eine ganz andere Fragestellung ergibt. Ob die Menschen, die nach physischen Leiden den Tod ersehnten, das imnmer noch so sähen, wenn es diese Leiden nicht gegeben hätte, steht auf einem anderen Blatt.

Das ändert freilich nichts daran, dass eine solche Entwicklung, wie sie im Film prognostiziert wird, vollkommen pervers ist und nicht nur im Rahmen des Kapitalismus (dort aber umso vehementer) zu dystopischen Zuständen führen muss. Außerdem wäre jede - auch noch so kleine - Weiterentwicklung der Spezies Mensch automatisch ausgeschlossen und die endlose Stagnation des Stumpfsinnes wäre nach der gesellschaftlichen endlich auch biologische Realität.

Ich frage mich ohnehin, was irgendwelche alte Säcke dazu animieren kann zu glauben, dass irgendwer in 100 oder 200 Jahren ein Interesse daran haben könnte, alte Tiefkühlleichen aus der finsteren Vergangenheit wieder zum Leben zu erwecken (selbst wenn das dann möglich wäre). Exemplarisch täte man das sicherlich ... aber im großen Stil wohl eher nicht.

Dasselbe gilt für die "digitale Unsterblichkeit", die im Film ausführlich beleuchtet wird. Das ganze hat wohl eher esoterisch-religiöse Gründe, die mit Wissenschaft und Logik nichts zu tun haben. Wenn die Götter nicht mehr weiterhelfen, muss es eben die Wissenschaft tun.

Das ist so absurd, dass es fast schon ein Thema für "Jenseits der Realität" ist. :-)

HF hat gesagt…

... Angst vor den mit alltäglichen Gefahren verbundenen Unfalltod
Das glaube ich weniger. Als Zwanzigjährige sind wir alle unsterblich gewesen :-)

altautonomer hat gesagt…

Die am Anfang des Films diskutierte Kryotechnologie ist für mich ein ähnliches Horrorszenario, wie die Altenstadt "sun city". Verlängertes Leben nur für privilegierte Weiße. Für mich ein Beweis, dass der Kapitalusmus auch nach Ausbeutung der Bodenschätze in armen Ländern (Ressourcenraub) immer wieder Nischen findet.

Leider beschreibt der Film nicht die biologischen Ursachen der Degeneration. Falls es möglich wäre, den Alterungsprozess zu stoppen, dann gibt es das Problem, in welchem Alter dies geschehen soll. Mit 30 ohne die Lebenserfahrung, Klugheit und Weisheit eines 70-jährigen? Oder mit 60, wenn der Verfall der Beweglichkeit, die sich ankündigende Arteriosklerose, die nachlassende Seh- und Hörfähigkeit und die dritten Zähne unweigerlich das herannahende Ende ankündigen? Noch älter werden mit nicht behandlungsfähigen oder behandlungsbedürftigen Prostatakrebs, mit einer Hepatitis B oder C über Jahrzehnte auf die Zirrhose warten oder regelmäßig zum Austausch der Hüft- und Knieprothesen in die Klinik?

Wenn ich mir heute so manch 90-Jährigen anschaue, so erscheint es mir nicht attraktiv, 120 oder 150 Jahre alt zu werden. Dass die Zukunft nicht zum Optimismus verleitet, mag ja stimmen, aber dass früher alles besser war, haben unsere Eltern ja auch schon behauptet. Heute würde ich sagen: Mit 120 entspannt in die Klimakatastrophe.

Der Film erinnert mich auch an den Film "Herbstgold" aus dem Jahr 2010. Der Film erzählt die lebensbejahende Geschichte von fünf alten Menschen aus ganz Europa, die als gemeinsames Ziel die Leichtathletik-Weltmeisterschaften der Senioren im finnischen Lahti verbindet. Die größte Herausforderung ist ihr hohes Alter. Die potentiellen Weltmeister sind zwischen 80 und 100 Jahre alt. Die Hauptdarsteller waren gesundheitlich privilegierte, aber im Grunde bemitleidenswerte, vom Ruhm abhängige Figuren, die nicht loslassen können. Bei einer öffentlichen Diskussion mit dem Regisseur war ich der einzige Gast, der den Film kritisierte. Alle anderen waren beeindruckt von den fitten Alten.

Andererseits kenne ich Stars und Sternchen, die schon seit 10 Jahren auch noch an ihrem Vierzigsten von sich sagen, sie seien 30 Jahre alt. Andere aus dieser Branche versuchen verzweifelt mit Hilfe der plastischen Chirurgie an allen Ecken und Enden des Körpers bis hin zum Analbleeching jugendlich attraktiv zu bleiben. Stichwort Schlauchbootlippen, Facelifting. Manchmal wird daraus ein irreparabler Körperschaden.

Genug für ein derart komplexes Thema.

EutinOH hat gesagt…

Als langjähriger Science Fiction Leser ist mir das Thema der relativen Unsterblichkeit natürlich nicht fremd.
Ich habe darüber selber schon sehr intensiv nachgedacht, mich gefragt: ist das erstrebenswert, will ich das ?
Ich kann das nicht mit Ja oder Nein beantworten, da ich, wie wahrscheinlich die meisten Menschen, eine gewisse Angst, aber auch, in meinem Fall, eine gewisse Neugierde vor dem Tode habe. Was kommt danach ist mit Sicherheit eine (die) der interessantesten Fragen, die sich mir stellen.
Um es mal andersherum zu sagen: irgendwann will ich es wissen! Die Frage ist: wann ? Möchte ich noch 100/200 Jahre länger leben ? Wenn ja, unter/zu welchen Bedingungen, bei guter Gesundheit oder als “Loser Generale“ wie zu heutigen Zeiten ? Ich weiss nur eines, ich lebe gerne, aber ich bin mir sicher, das ich nicht für “immer“ leben möchte, das wäre mir zu stressig! Außerdem gehöre ich sowieso schon dem älteren Semester an, d.h. ich habe mich schon damit auseinandergesetzt das alles endlich ist, und das ist auch gut so.
Btw, den Film habe ich mir gar nicht erst angeschaut, dazu ist mir meine “Restzeit“ zu schade.

Charlie hat gesagt…

@ EutinOH: Ein interessanter Kommentar, vielen Dank dafür. Ich finde es spannend, wie unterschiedlich Menschen, die sich mit dem eigenen Lebensende bereits auseinandergesetzt haben, über dieses Thema denken.

Ich empfehle Dir, den Film trotzdem anzuschauen, da er einen komprimierten Überblick zu verschiedensten Aspekten dieses Themas bietet, die dem eigenen Standpunkt durchaus fruchtbare oder auch kritische Anreize geben können.

Man kann aus meiner Sicht tatsächlich davon sprechen, dass dieser Forschungszweig die wissentschaftliche Entsprechung zum magischen Geisterreich der Esos und Religioten darstellt - entsprechend unkritisch wird es von unterschiedlichsten Seiten auch angegangen. Die Endlichkeit der eigenen Existenz und des eigenen Bewusstseins scheint für viele Menschen unsäglich furchteinflößend zu sein (was ich persönlich überhaupt nicht nachvollziehen kann).

Bei der letzten Beerdigung, der ich beiwohnen musste, hat der Pfaffe bezüglich des Verstorbenen die salbungsvollen Worte abgesondert: "Er ist nun wahrhaft frei und in der liebenden Obhut Gottes." Viele Menschen, die mit dem mittelalterlichen, esoterischen Jenseits- und Gott-Geschwätz nichts mehr anfangen können, scheinen dennoch eine ähnliche, abstruse Sehnsucht zu entwickeln. Ich finde das äußerst erschreckend.

Deine Haltung kann ich indes gut nachvollziehen.

Liebe Grüße!

altautonomer hat gesagt…

Letzte Frage: Wie finanziere ich mein ewiges Leben? Arbeit? Rente?

Ex-Vermieter hat gesagt…

Altauto, die Antwort gab Münte: wer nicht arbeitet.....
Ob unter den Begriff Arbeit auch die "Verwaltung" ausreichenden Kapitals fällt?