Montag, 22. August 2016

Realitätsflucht (34): Hard To Be A God


Das Action-Rollenspiel, um das es in der heutigen Realitätsflucht geht, stammt vom russischen Entwicklerstudio Akella, wurde 2008 veröffentlicht und basiert auf dem gleichnamigen Science-Fiction-Roman der russischen Gebrüder Arkadi und Boris Strugazki: "Hard To Be A God". Das Spiel stand viele Jahre unbeachtet in meinem hintersten Regal - ich habe es vor Jahren mal für einen Euro auf irgendeinem Grabbeltisch gefunden und es mitgenommen, weil ich den besagten, sehr guten Roman kannte. Danach habe ich die DVD vergessen.



Nun ist sie mir vor einigen Monaten beim Aufräumen und Ausmisten wieder in die Hände gefallen, und ich dachte, es sei wohl an der Zeit, das Spiel, das trotz des lächerlichen Preises in einer edlen Metallbox (daher der etwas merkwürdige Scan des Covers) vertrieben wurde, einfach mal auszuprobieren. Vorab sei gesagt, dass es nicht zwingend notwendig ist, den Roman zu kennen, wenn man das Spiel spielen möchte - allerdings erleichtert die Kenntnis des Buches das Verstehen mancher Dialoge und insbesondere Witze doch sehr.

Zur Handlung will ich nicht viel verraten, denn die hat es in sich (die Geschichte ist in einer Zeit angesiedelt, die nach den im Roman beschriebenen Ereignissen beginnt): Grob gesagt schlüpft man in die Rolle eines Einwohners des Planeten Arkanar, dessen humanoide Bevölkerung sich auf dem Entwicklungsstand des irdischen Mittelalters befindet. Dass hier vieles nicht so ist, wie es zunächst scheint, wird schon relativ schnell klar - ich denke, dass auch der Titel des Spieles schon genug Hinweise liefert, so dass ich zu diesem Thema nichts weiter verraten möchte. - Es bleibt aber festzuhalten, dass "Hard To Be A God" eines der ganz wenigen Rollenspiele ist, die mit einer überaus tiefgründigen, überraschenden und aufgrund der literarischen Vorlage äußerst durchdachten Geschichte aufwarten. Wer in "Gothic", "Skyrim" oder "The Witcher" stets verzweifelt auf der Suche nach einer Story war, wird hier im reichlichen Überfluss belohnt und - ich kann das nicht anders formulieren - zutiefst beglückt.

Auch dieses Spiel benutzt den sogenannten "Third-Person-Modus", der aus Rollenspielen dieser Art wohlbekannt ist. Die "Schulterkamera" folgt dem Helden in mittels Mausrad frei wählbarer Entfernung - wobei hier gleich das erste zu erwähnende Ärgernis wartet, denn der Blickwinkel lässt sich nicht frei einstellen, so dass es - zunächst - keine "Weitsicht" in diesem Spiel gibt. Das lässt sich aber ändern - dazu später mehr. Es handelt sich - ebenfalls zunächst - nicht um eine offene Welt, sondern um verschiedene Areale, die im Verlauf der Geschichte nach und nach freigeschaltet werden und die man nach etwa der Hälfte des - sehr umfangreichen! - Spieles dann doch jederzeit erneut besuchen kann.

Wie in solchen Spielen üblich, gibt es eine Hauptquest, die man verfolgen muss, um weiterzukommen, sowie eine ganze Reihe optionaler Nebenquests, die man erhalten kann, indem man ein Gebiet durchsucht und mit den Bewohnern redet. Es lohnt sich natürlich sehr, alle diese Nebenquests ebenfalls auszuführen - nicht nur des Spielspaßes wegen, sondern auch wegen der teilweise erheblichen Erfahrungspunkte, die man dafür bekommt und die man - wie gewohnt - in verschiedene Fähig- und Fertigkeiten investieren kann, um den Helden "fortzubilden".

Das Spiel ist in der deutschsprachigen Szene weitestgehend ignoriert worden - und die wenigen Rezensionen, die es dazu gibt, sind allesamt so abstrus ausgefallen, dass ich mich beim Lesen immer wieder gefragt habe, ob die Autoren tatsächlich dasselbe Spiel gespielt haben. Ein besonders krasses Beispiel ist dieser Bericht von 4players.de, in dem der Schreiberling sich gar dazu versteigt, das Spiel ins Genre des "Hack'n'Slay" einzuordnen. Das ist indes so absurd, dass mir dazu nichts Sinnvolles einfällt. Welches Rollenspiel besteht denn nicht zu einem recht erheblichen Teil daraus, mittels Nah- und/oder Fernkampf irgendwelche Gegner auszuschalten? Auch die übrigen Bemerkungen aus diesem "Test", beispielsweise bezüglich der angeblichen Schwierigkeit und "Hakeligkeit" der Kämpfe, kann ich nicht ansatzweise nachvollziehen. Nichts davon stimmt - das Spiel ist nicht schwieriger als "Sykrim" oder "Two Worlds II" und die Kämpfe sind ebenfalls nicht großartig unterschiedlich.

Trotzdem gibt es auch aus meiner Sicht Kritikpunkte, die erwähnenswert sind. Da sind beispielsweise einige kleine und ein paar wenige größere Bugs, die manchmal lustig, manchmal nervig und in wenigen Fällen auch so erheblich sind, dass man ohne die Eingabe eines Cheats gar nicht mehr weiterspielen kann. Meines Wissens gibt es keinen Patch dafür - ich habe jedenfalls in einer vertrauenswürdigen Quelle keinen gefunden. Ich führe im Anhang noch aus, wie man das selber sehr leicht beheben kann. Auch die verfügbare Bildschirmauflösung und die Position der Kamera gehören zu diesen Kritikpunkten. Es gibt im Spiel einige Längen, die vermeidbar gewesen wären, wenn die Entwickler die Gebiete sowie die Gegner etwas abwechslungsreicher gestaltet hätten.

Die Musik ist durchweg unaufdringlich und passend, die englische Sprachausgabe (mit optional angezeigten deutschen Untertiteln, die allerdings zuweilen fehlerhaft sind) ist äußerst professionell und spielt - ähnlich wie in "Amalur" - augenzwinkernd mit dem britischen und amerikanischen Akzent, und die Grafik ist dem Jahr 2008 durchaus angemessen. Auf meinem Win7/64-System läuft das Spiel vollkommen problemlos und ohne jeden Absturz.

"Hard To Be A God" ist ein wirklicher Geheimtipp für all jene, die neben den üblichen Erkundungen einer solchen Welt zu Fuß oder auf dem Rücken eines Pferdes sowie den unvermeidlichen Kämpfen auch eine tiefsinnige Geschichte suchen. Dass diese auch gleich eine mögliche Antwort darauf liefert, wieso sich eine intelligente Spezies ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr weiterentwickelt, sondern auf dem barbarischen Status quo der Gegenwart verbleibt, ist da nur ein kleines Bonbon: Parallelen mit unserer heutigen Zeit sind hier - wer die literarischen Werke der Strugazki-Brüder kennt, weiß das - gewiss nicht zufällig. Es dürfte nicht überraschen, dass Religionskritik - um nicht zu sagen: eine permanente Verächtlichmachung alles Religiösen - ein Zentralpunkt dieser wundervollen Geschichte ist. Ein Herr Faulfuß sähe hier schon den Teufel auf dem Altar tanzen, wenn er wüsste, dass man im Rahmen einer Nebenquest einem Priester helfen soll, der Beim Poker leider sein Gewand verzockt hat und sich seither weigert, weiterhin Predigten in der Kirche zum Besten zu geben. - Ich habe ihm auf meine ganz eigene "Charlie-Art" geholfen ... ;-)

Ich habe dieses Spiel sehr genossen! Selten war eine unverhoffte Flucht ins Unbekannte angenehmer als diese.



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Anhang

  1. In meinem Spieldurchlauf kam es an zwei Stellen vor, dass mir unsichtbare Türen oder Hindernisse den Weg versperrten. Das lässt sich folgendermaßen beheben:

    In der Datei "HardToBeGod.ini", die man im Programmordner im Unterverzeichnis "TBB" findet, sowie in der Datei "local.ini" im Unterverzeichnis "Profiles" muss die folgende Zeile eingefügt bzw. entsprechend modifiziert werden, um die "Konsole" aktivierbar zu machen: g_console 1.

    Danach lässt sich im Spiel eben jene Konsole durch Drücken der "^"-Taste aktivieren. Dort gibt man dann zu Deaktivierung unsichtbarer Hindernisse den Befehl no_script 1 ein und bestätigt das mit der Enter-Taste. Wenn man fertig ist, sollte man das tunlichst wieder aktivieren, indem man no_script 0 eingibt.

  2. Die Bildschirmauflösung lässt sich ebenfalls in diesen beiden Dateien ändern. Die für mein System passenden Parameter g_width 1920 und g_height 1200 funktionieren problemlos.

  3. Die Kameraposition und das nähere Heranzoomen lassen sich hier ebenfalls einstellen, indem man die vorhandenen Einträge in den beiden Dateien wie folgt ändert bzw. hinzufügt: camera_angle_min 5 und camera_distance_min 3.

Diese Werte sind nur Vorschläge - da kann jeder selbst experimentieren; zudem lassen sich hier eine Menge weiterer Details verändern, wie beispielsweise die Schnelligkeit der ablaufenden Spielzeit, das Wetter, einige grafische Elemente u.v.m. In jedem Fall gilt aber wie immer: Bevor irgendwelche Veränderungen an diesen Dateien vorgenommen werden, sollte man Sicherheitskopien der Dateien anlegen, um im Fall der Fälle den ursprünglichen Zustand wieder herstellen zu können. - Sämtliche Befehle lassen sich auch über die Konsole eingeben, sind dann aber nur temporär gültig - nämlich bis man ein neues Gebiet betritt oder einen Spielstand lädt.

Kommentare:

Martin hat gesagt…

Eine Geschichte, die einfach mal so alles Religiöse verachtet, kann ja nur zutiefst banal sein. Aber es ist ja nicht umsonst ein FANTASY-Rollenspiel und da kann man auch mal etwas von der Realität abschweifen. Nur wäre sowas in der Art nicht gerade von hohem Niveau bzw. als pädagogisch wertvoll zu betiteln wie die Story eines Amnesia. Nun, offenbar nutzt man jedoch diese Propaganda gerne für Vermarktungszwecke so wie Stephen Hawking es mit seinem Buch versucht hat. Leider hat so jemand bei mir die Authentität eines Physikers verloren.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum das Spiel hier kaum jemand kennt. Da bleibe ich doch beim religiösen Gothic.

Ich bin dir aber trotzdem dankbar für die ständig gegen den Strom rudernden Spieletipps. Neverending Nightmares schon gespielt? Sehr tiefsinnig depressives Trauerspiel einer gebeutelten Psyche. Qualitätshorror von bester Manier.

Grüße
Martin

jakebaby hat gesagt…

"Eine Geschichte, die einfach mal so alles Religiöse verachtet, kann ja nur zutiefst banal sein. Aber es ist ja nicht umsonst ein FANTASY-Rollenspiel und da kann man auch mal etwas von der Realität abschweifen."

Geiler Spruch! Was traegst du als Schuhzeug ... Fettnaepfe?

Charlie hat gesagt…

@ Martin: Es ist doch immer wieder lustig, wenn jemand ein Buch oder Spiel bewertet, ohne es zu kennen - das gilt ganz besonders, wenn eine derartig groteske Begründung dafür herhalten muss. ;-)

Im Übrigen ist "Hard To Be A God" gerade kein Fantasy-Rollenspiel. Es basiert, wie beschrieben, auf einem äußerst gesellschaftskritischen Science-Fiction-Roman und spielt lediglich in einer mittelalterlichen Welt (ganz ohne den im RPG-Genre sonst üblichen magischen Krimskram).

Lies das Buch und/oder probiere das Spiel aus - erst dann kannst Du auch beurteilen, ob es für Dich "banal" ist oder nicht.

Hubert Farnsworth hat gesagt…

Klingt ja garnicht mal so schlecht. Ich kenne von Hard to be a god nur den Film von Aleksey German, den ich schon dreimal an und wieder ausgemacht habe weil er mir einfach zu strange war. USK 12? Dann muss es da doch schon gewaltige Unterschiede zum Film geben. Bei dem hat mich die USK 16 Freigabe schon gewundert. Sowas schräges habe ich lange nicht gesehen.

Aber das game lohnt sich vielleicht zu besorgen wenn ichs mal irgendwo billig sehe.

Charlie hat gesagt…

Es gibt wohl doch einen Patch, den man beispielsweise hier herunterladen kann (danke, darkmoon!). Was der bewirkt, weiß ich allerdings nicht. Dazu müsste ich das Spiel erneut starten. ;-)

Charlie hat gesagt…

@ Hubert: Die Verfilmung aus Russland kenne ich leider nicht. Ich wünschte, ich könnte sie mir mal ansehen.

Die Freigabe des Spieles "ab zwölf Jahren" ist hier so sinnfrei wie in vielen anderen Fällen auch: Es gibt im Spiel keine "expliziten Gewaltdarstellungen", allerdings ist die Handlung für Zwölfjährige dennoch völlig ungeeignet, da Kinder sie in der Regel noch nicht verstehen können. Das sind die bekannten Grotesken der Altersfreigaben.

Ich könnte Dir natürlich eine Kopie dieses DRM-freien Spieles zukommen lassen, wenn ich das dürfte - aber selbstverständlich darf ich das nicht tun. ;-)

Liebe Grüße!

Martin hat gesagt…

@jakebaby
Verlangst du jetzt von mir, dass ich auf deinen Kommentar eingehe?

@Charlie
Sorry, ich wollte nicht das Spiel kritisieren, denn das kenne ich ja gar nicht. Ich habe nur auf deine Zeilen bezüglich der Story geantwortet. Und ob Fantasy oder Science-Fiction ... so groß ist der Unterschied auch wieder nicht. Ich meine "Star Wars" ist für mich auch mehr Fantasy als dass es wirklich etwas mit ernstzunehmender Wissenschaft zutun hat. Und man wird niemals dazu in der Lage sein, die Existenz, noch die Nicht-Existenz von Gott beweisen zu können, aber ich kann (für mich) Gott spüren. Dazu brauche ich nur meinem Hund in die Augen zu sehen und aus wissenschaftlicher Sicht gibt es kein Bauwerk ohne einen Erbauer, kein Universum ohne eine Ur-Macht, nennen wir sie mal Schöpfer oder eben Gott.

Ich wollte damit sagen, dass Geschichten, die auf Teufel komm raus gegen Religion lestern, nur von einem verwirrten Schreiber kommen können, der wohl leider eine kaltherzige Kindheit erlebt haben muss.

Hubert Farnsworth hat gesagt…

Boah Martin...
Mit Sprüchen wie "Eine Geschichte, die einfach mal so alles Religiöse verachtet, kann ja nur zutiefst banal sein." und "... dass Geschichten, die auf Teufel komm raus gegen Religion lästern (FTFY), nur von einem verwirrten Schreiber kommen können, der wohl leider eine kaltherzige Kindheit erlebt haben muss." machst du dir hier glaube ich keine Freunde.

Is ja deine Sache, wenn du einen unsichtbaren Freund brauchst, aber bitte lass diese albernen Verallgemeinerungen bei Dingen, von denen du keine Ahnung hast. Ich geh ja auch nicht hin und erzähl dir was davon dass dein (mutmasslicher) lieber Gott ein mieser Soziopath ist, eifersüchtig und auch noch stolz darauf, kleinlich, ungerecht, ein Kontroll-Freak, ein "ethnischer Bereiniger", ein misogynistischer, homophober, rassistischer, massenmörderischer, kindstötender, megalomanischer, mieser Schlägertyp.

Atheisten sind nicht böse auf Gott, oder verletzt. Sie rebellieren nicht gegen ihren "Herrgott" und versuchen auch nicht cool zu sein. Sie weigern sich lediglich eine Lüge zu leben, nur weil es sich gut anfühlt an etwas zu glauben und sich dadurch behütet zu fühlen.

Ach und die kaltherzige Kindheit kann man sehr sehr gut in den frommsten, "gotgefälligsten" Häusern erleben, da könnte ich dir ein Lied von singen. [/rant]

Sorry, das musste raus.

@Charlie: Ich könnte dir sagen wo du den Film äußerst günstig herbekommst, wenn ich dürfte. aber selbstverständlich geht das nicht ;-)
Die Cinematographie ist großartig, die Musik ist toll, die Atmosphäre das düsterste was ich seit Ewigkeiten gesehen habe, aber irgendwie kam ich nicht richtig rein, es ist kein angenehmer Film zum gucken. Aber irgendwann, wenn ich mal die passende Stimmung habe werde ich ihn mir auch mal ganz angucken.

jakebaby hat gesagt…

"Verlangst du jetzt von mir, dass ich auf deinen Kommentar eingehe?"

Noe, ich hab nur ganz leicht getriggert.
Mehr brauchts zumeist nicht, um das zu erwartende Resultat zu generieren.

Fluchtwagenfahrer hat gesagt…

Moin,
jetzt ist hier aber Ruhe im Puff, ihr verdammten, gottlosen SEELEN.
Mein Freund Harvey hat gesagt, das er es sonst dem ALTEN sagt.
LG
Elwood P.D.

Charlie hat gesagt…

@ Fluchtwagenfahrer: Im ersten Moment habe ich ja geglaubt, dass Du mit "Harvey" auf das wunderbare, schwarzhumorige PC-Spiel "Harveys neue Augen" anspielst, aber das ist wohl eher nicht der Fall und ich beuge mich demütig und gottpreisend dem überwachenden Police Department. ;-)

Muss ich jetzt trotzdem nach Guantánamo, um christliche Nächstenliebe zu erlernen??? :-/

Fluchtwagenfahrer hat gesagt…

Hallo Charlie,
ne ich meine den da:
https://de.wikipedia.org/wiki/Mein_Freund_Harvey
LG