Mittwoch, 15. Februar 2017

Zurück in die Höhle: Sozialer Wohnungsbau im Kapitalismus


Es ist eine bekannte systemimmanente und gängige Praxis im Kapitalismus, dass selbst Verwerfungen und Perversionen gerne genutzt werden, um Profit zu generieren. Die vollkommen abstruse, von jeglicher Sinnhaftigkeit befreite "Maßnahmen"-Industrie des Hartz-Terrors ist dafür ein gutes Beispiel: Da werden Menschen unter der Androhung des Entzugs der Existenzgrundlage gleich reihenweise in gänzlich sinnlose "Bewerbungs"-, "Fortbildungs"- oder "Beschäftigungs"-Maßnahmen oder gleich in die Zwangsarbeit ("Ein-Euro-Jobs") gezwungen, während die abzockenden "Anbieter" eben dieser Bullshit-"Maßnahmen" aus derselben Steuerkasse fürstlich bezahlt werden.

Dieses perverse, im Kapitalismus sehr logische Prinzip betrifft aber natürlich auch viele andere Bereiche des Lebens. Inzwischen verkauft die Propagandapresse beispielsweise gar die Reduktion des Wohnraumes, der verarmten Menschen zur Verfügung stehen solle, als begrüßenswerte "Innovation" – so als sei es ein massenhaftes "Phänomen" unserer Zeit (welches mit dem kapitalistischen Blödsinnsbegriff "Trend zum Minimalismus" bezeichnet wird), dass viele Menschen lieber in kleinen, grotesken Verschlägen anstatt in einigermaßen großen Wohnungen leben wollten (siehe "tiny houses"). Bei n-tv war kürzlich beispielhaft wieder einmal ein solches Pamphlet zu lesen:

Wohnen auf sechs Quadratmetern / (...) Bezahlbarer Wohnraum in Städten ist begrenzt – deswegen sollen die Dächer für die Idee eines Berliner Architekten-Duos herhalten. Wie Bausteine werden die Mini-Apartments auf vorhandenen Bauten platziert. Ein Raumwunder für alle Großstadt-Nomaden.

Der Artikel liest sich wie eine Reklameanzeige für staatlich verarmte Menschen. Und es wird nicht einmal mehr so getan, als gebe es keine Klassenunterschiede – stattdessen wird dem menschenfeindlichen Irrsinn noch die Krone aufgesetzt: Die "Mini-Wohnungen" sollen für 100 Euro im Monat "an Leute, die sich wohnen sonst oft nicht leisten können", vermietet werden, und: "In einem Gemeinschaftsraum sollen die Mieter zusammenkommen mit wohlhabenderen Bewohnern größerer Wohnungen im gleichen Haus."

Da wird gar nicht mehr gefragt, wieso es im kapitalistischen Paradies immer weniger "bezahlbaren Wohnraum" sowie zunehmend Menschen gibt, die sich das Wohnen "nicht mehr leisten" können – stattdessen werden passgenaue, zellenähnliche Gehege gezimmert und gleichzeitig ist sich die Bagage nicht zu blöde, auch noch das absurde Bild vom klassenübergreifenden "Miteinander" zu erbrechen, obgleich der Kapitalismus dies jedoch per definitionem ausschließt. Auf die Idee, "wohlhabendere" Bürger könnten in diesem perversen, auf den strikten Eigennutz zentrierten Konkurrenzsystem in breiter Masse ein gesteigertes Interesse daran haben, mit Habenichtsen "gemeinschaftliche Wohnräume" zu teilen, können nur zugekokste Reklametrottel oder zynische Menschenfeinde (was irgendwie dasselbe ist) kommen.

Wie lange wird es wohl noch dauern, bis das "bewährte" Nazi-Konzept der Ghettos und Konzentrationslager auch für Verarmte wieder aus der braunen Gruft gebuddelt wird? – Ich frage ja nur.

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Man wird bescheiden


"Ach, mit einer Hängematte ließe es sich schließlich in der Wohnung noch ganz bequem hausen!"

(Zeichnung von K.H. Böcher [1902-19??], in: "Der Simpl", Nr. 7 vom Juli 1946)

Kommentare:

Arbo hat gesagt…

Früher gab's mal für die Neubauten in der DDR den umgangssprachlichen Begriff "Arbeiterschließfächer". Mir scheint das auf die Idee, die Du hier beschreibst, noch viel besser zu passen.

Ansonsten fühle ich an diese dystopischen Cyberpunk-Romane (und Rollenspiele) erinnert, in denen auf Grund Platzmangels, bisweilen sogar Schlafstätten vermietet wurden...

Richtig perfide sind solche Angebote trotz Leerstands: Wenn also potenzieller Wohnraum aus spekulativen Gründen leer bleibt, während Wohnraum von anderen dringend benötigt wird.

Die Geschichte mit den TinyHouses könnte übrigens noch eine richtig üble Schlagseite bekommen. Nämlich dann, wenn Du als quasi im offenen Vollzug gehaltener Hungerleider vom Amt auf einmal die Weisung bekommst, Dir gefälligst ein "Arbeiterschließfach" für 100 Euro zu suchen, weil das billiger ist und es "der Staat" nicht mag, wenn Hungerleider ihm auf der Tasche liegen.

Martin Däniken hat gesagt…

Diese gefürchtete Ghetto-Einteilung wird doch wesentlich subtiler durch die Einteilung der Städte in solvente und nicht solvente Gebiete durch Kreditunternernehmen Onlinekaufhäuser usw betrieben...
Die ghettoisierung in offizielle Ghettos wird noch vermieden,jedenfalls in der Politik!
Noch..
spätestens dann wenn jemamd
aus guten Gründen
auf diese Einteilung aufmerksam macht,wird es interessant.
Dann werden die Populisten erfolgreich?! versuchen dieses Thema zunutzen um eine Spaltung der Bevölkerung weiterzubetreiben und Wähler zugenerieren

Troptard hat gesagt…

Ohne Kommentar: FAZ von heute

"Abgeordnetenpension in BaWü Reform-Rückbau in Rekordtempo "


"In Baden-Württemberg wollten Abgeordnete die Staatspension wieder einführen. Eigene Parteimitglieder haben den Beschluss nun aber gestoppt. Ministerpräsident Kretschmann schweigt.

Für das Vorgehen von Grünen, CDU und SPD im Südwesten beim Thema Wiedereinführung der Staatspension für Abgeordnete dürfte es in der Parlamentsgeschichte nach 1945 kaum Präzedenzfälle geben: Der innerhalb von drei Tagen durchgepeitschte Beschluss, für baden-württembergische Landtagsabgeordnete die Staatspension wiedereinzuführen und die Kostenpauschale für Abgeordnete und Mitarbeiter aufzustocken, hielt keine Woche. Unter dem Druck der eigenen Parteimitglieder entschieden der grüne Fraktionsvorsitzende Andreas Schwarz, der SPD-Fraktionsvorsitzende Andreas Stoch und der CDU-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Reinhart am Dienstag, zur heiklen Pensionsfrage eine Expertenkommission einzusetzen und das Gesetz vorerst nicht in Kraft treten zu lassen."

"In den Geschäftsstellen von SPD und Grünen in Stuttgart sollen Hunderte von Protest-E-Mails eingegangen sein, in denen sich Wähler und Mitglieder vor allem über die großzügige Pensionsregelung für Abgeordnete beschwerten. „War euch nicht klar, dass die AfD sich nun als verfolgte Unschuld aufspielen kann (und die FDP und die Linke)? Merkt ihr nicht, dass wir so unser wichtigstes Pfund, unsere Glaubwürdigkeit, verlieren?“, schrieb ein Mitglied der Grünen. Ein anderer bemerkte: „In einem Umfeld wo hart arbeitende Bürger nicht mehr von ihrem Verdienst leben können und mit ihrer Rente zum Sozialfall werden, erlauben Sie sich durch einen Wort- und Vertrauensbruch diesen dreisten Griff in die Steuerkasse.“

promenadenmischung hat gesagt…

Früher gab's mal für die Neubauten in der DDR den umgangssprachlichen Begriff "Arbeiterschließfächer". Mir scheint das auf die Idee, die Du hier beschreibst, noch viel besser zu passen.

Fast – aber in dem Fall wäre >Arbeitslosenschließfächer< angemessener ;-)

Troptard hat gesagt…

Wohnraum wird nicht vermietet, um das Bedürfnis nach Wohnraum zu befriedigen, das ist ohnehin Voraussetzung, sondern aus der Vermietung einen Ertrag, sprich Profit zu erzielen. Auch Wohnraum ist für das Kapital eine Ware, wie jede andere Ware auch, deren Produktion sich lohnen muss, Profit abwerfen.

Also wenn ein Zimmer in einer Studenten-WG zwischen 300 und 400 Euro abwirft, hier in Frankreich, so lässt sich darauf schliessen, dass die Kapitalanlage eine lohnende ist.

Das nur als Einwurf, aus welchen Einkommensquellen sich Vermögen generieren lässt: Betriebsvermögen, Grund- und Bodenrente, Zinsen aus Finanztiteln.

Aus Lohnarbeit eben nicht. Lohnarbeit reicht heute weitgehend wohl nur noch zum Überleben. "Die Welt" hat gerade wieder einen Ratgeber aufgelegt, wie sich vermeiden lässt, dass das Einkommen nach 14 Tagen bereits nicht mehr reicht.

Was Charlie in seinem Text beschreibt, ist ja gerade die perverse Denke von Innovativen, die sich dem Staat als Krisenlöser anschleimen und damit eine eigene profitable Geschäftsidee verfolgen, aus der Not der Ärmsten noch Profit rauszuschlagen.

Und den Verweis auf die ehemalige DDR mit den "Arbeiterschliessfächern" halte ich für ausgesprochen unpassend, weil es dort gerade um die Beseitigung von Wohnungsnot gegangen ist, welche auch im Westen zunächst nur durch Zwangsbelegungen überbrückt werden konnte. Habe selbst einige Jahre mit zwei Familien auf 59 qm gelebt.

Ob diese Missverhältnisse von rechten Populisten aufgegriffen werden, ist mir selbstverständlich egal, sofern sie aufgegriffen werden.

Warum soll ich mich bei denen beklagen? Mein Adressat sind die Verursacher dieser Verhältnisse und nicht diejenigen, die sie anprangern oder dies aus niederen Motiven
für sich nutzen. Und das sind für mich die sog. Demokraten.

Nichts für Ungut!

promenadenmischung hat gesagt…

Ach ja, es geht noch minimalistischer (!): in der Gründerzeit hatten
Proletarierfamilien als kleines Zubrot sog. Schlafburschen d.h. meist junge
Arbeiter mit einem zu geringen Einkommen selbst für die Anmietung eines Zimmers.
Die schliefen dann umschichtig in Betten, die häufig auf dem Dachboden aufgestellt
wurden. Die Luxusvariante war dann bed and breakfast (also Teilhabe am Familienfrühstück aus Margarineschrippen und Muckefuck).

Vielleich wird in Kürze dieses Modell wiederbelebt – unter dem Begriff
Schlafburschenschaften ;-) Klingt doch marrkig prreußisch Deutsch …

epikur hat gesagt…

Mal ganz nebenbei: ich finde ja, dass Du die Bildauswahl manchmal ruhig etwas prominenter (oder gleich zum Beginn des Artikels) platzieren könntest. Passt -wie auch in diesem Fall- oft sehr gut zum Thema. Und wenn man dann nachschaut, von wem und vor allem von wann das Bild ist, und man feststellt, dass es schon 50 oder mehr Jahre alt ist, kommt man ins Grübeln. Denn, die "Probleme" und "Konflikte" des Kapitalismus sind alles andere als "neu" oder "moderne Phänomene", wie besonders liberale Linke uns das häufig weismachen wollen. Sie sind uralt und systemimmanent.

Martin Däniken hat gesagt…

Dummheit und Habgier sind dem Menschen eingebaut,in unterschiedlichen Konstellationen.
Ist nicht zu ändern und vorallem nicht durch noch schönes Wortgeklingel wegzudiskutieren...
Sind halt systemimmanent!
Weil Menschen so ind wie sie sind...
Und was die Wphnsituation angeht,daachte ich an die Appartements im "fünften Elememt"
oder
"Das Wohnhaus „My Micro NY“ mit 55 Wohneinheiten soll vollständig aus vorfabrizierten Bauteilen gefertigt werden, die in nur zweiwöchiger Bauzeit aufeinandergestapelt werden sollen.
Die Wohnungen haben eine Größe von 23 bis 34 Quadratmeter,
eine „loftartige“ Raumhöhe von 2,70 bis 3,00 Meter und Loggien.
Einige der Wohnungen für niedrige Einkommen haben Mieten unter Marktniveau und sollen damit knapp 1.000 Dollar Monatsmiete kosten.
Gemeinschaftseinrichtungen wie Dachgarten, Vorhalle mit Picknick-Möglichkeit sowie ein gemeinsamer Speisesaal vervollständigen das Angebot. "
Das wird grade zusammen gepuzzelt!
In dem TV-Bericht vor ein paar Tagen hiess es,man sollte Geld haben um sich das leisten zukönnen.Aber ein paar Veteranen will man auch unterbringen,netter Zug ;-7

Charlie hat gesagt…

@ Martin Däniken: Das ist die alte Frage, ob es zuerst das Ei oder das Huhn gab. Ich gebe zu bedenken: Es besteht immerhin eine - empirisch aufgrund mangelnder historischer Alternativen nicht widerlegbare - Möglichkeit, dass Dummheit und Habgier letztlich doch nur "anerzogene" Symptome dieses kranken kapitalistischen Systems sind. Es gab ja reichlich kluge Geister, die weit über den kapitalistischen Rahmen hinausgedacht haben - und dazu gehören keineswegs nur "abgehobene" Philosophen, sondern auch so ordinäre Personen wie Literaten, Komponisten, ehemalige Punk-Musiker (siehe Biafra) oder sogar Fernsehmacher (siehe "Star Trek").

Es ist also eine steile, nicht belegbare Behauptung, "der Mensch" sei eben einfach "von Natur aus" dumm, egoistisch und habgierig. Es gibt heute freilich reichlich Beispiele für diese Verkommenheit - aber ebenso gibt es auch andere Tendenzen, auch wenn die zurzeit wieder einmal größtenteils vom Kapitalismus erfolgreich vereinnahmt werden (siehe z.B. Gender-, Vegan- oder Eso-Kacke). Dies wiederum legt die Vermutung nahe, dass die kapitalistische Indoktrination und Kanalisierung doch sehr erfolgreich funktioniert. Das darf man Betroffenen aber nicht sagen, denn dann werden sie fuchsteufelswild und bezeichnen den Kritiker als "ewig Gestrigen" oder einen "Vertreter der reinen Lehre", was auch immer sie als kapitalistische Apologeten damit auch meinen mögen.

Du siehst: Das Thema ist keineswegs so einfach, wie Du es darzustellen versuchst. Nach mehr als hundert Jahren [sic!] der kapitalistischen Propaganda ist es nicht so leicht, Menschen dazu zu animieren, sich zumindest gedanklich von diesem System zu lösen - und das gilt ganz besonders dann, wenn sie - meist fälschlicherweise - meinen, persönlich vom Kapitalismus und stets auf Kosten anderer (was sie meist ausblenden) zu profitieren.

Im Haifischbecken gibt es scheinbar keine alternativen Rettungsmöglichkeiten, wenn man die eigene Haut in Gefahr sieht, als selber zum Hai zu werden. Exakt dies wird den Menschen in Kapitalistan seit Jahrzehnten von klein auf auf perfide Weise eingeimpft - und es kann nicht weiter verwundern, dass die Befreiung von dieser faschistoiden Denksperre mindestens ebenso lange dauern muss - trotz all der Freigeister, die es deutlich früher schaffen.

Ich wollte gar nicht so viel schreiben. :-)

Liebe Grüße!

Charlie hat gesagt…

@ Epikur: Danke für die Anmerkung. Allerdings folgt die Platzierung der Bildbeiträge hier ja durchaus einem Konzept, denn sie sollen - im Idealfalle, der mir keineswegs immer gelingt - den vorangegangenen Text knapp zusammenfassen und möglichst (manchmal auch satirisch) überspitzen. Das wäre indes nicht mehr möglich, wenn ich das Bild in den Fließtext einfügte.

Liebe Grüße!

Martin Däniken hat gesagt…

Unter Habgier und Dummheit verbuche ich auch Neugierde und Sturheit. Bei letzterer-ein (fast) unbeirrbarer Wunsch/Drang sein Ding durch zuziehen,weder Joint noch Diy-Vorhaben sind damit gemeint!
Oder der menschliche Überlebenswille,das Menschen sich ans Leben klammern obwohl in einemselbst und ausserhalb Stimmen sagen:
"Lass los,es ist gut!"
Und Neu"gier",zu gucken gegen Widerstände wo gehts weiter...wo andere sagen:
"Lass das mal,da gibt es nix neues."
Insofern sind Gierigkeit und Dummheit nicht das Ergebnis der modernen Welt sondern exixtieren in unterschiedlichster Ausprägung in jeden.
Was aber von der Umgebung,dem sozialen Milieu,kommt ist keine Angst vor dem Neuen zuhaben sei es durch Anregung oder Aversion..
Mir fällt da immer Oberschwester Ratchet ein mit strukturiertem Tagesablauf die Menschen zubeschränken-zu ihrem Besten,natürich(Konkret fällt mir des blonden Fallbeils Tochter ein)
Jetzt wollte ich auch nicht soviel schreiben ;-)