Sonntag, 1. April 2012

Zitat des Tages: Die Führer

Und kriegt das Volk den alten Schwindel satt,
dann wird es langsam reif für einen neuen -:
zu diesem Zwecke finden Wahlen statt
mit einer Umgruppierung der Parteien.

Wer jetzt von Hugenberg die Nase voll hat,
der denkt sich: Hitler macht's - verdammt juchhe!
Und wem die SPD zu viel auf "Soll" hat,
erhofft ein "Haben" bei der KPD.

Man weiß nur: sooo kann es nicht weiter gehn
und träumt das alte Weltverbess'rungs-Träumchen -
um schließlich beim Erwachen einzusehn:
man spielte kindlich "Wechselt eure Bäumchen" --

Jedoch die Führer, die du dir erkoren,
die haben unterdessen sich saniert -:
du warst das Schaf - drum wurdest du geschoren --
und wirst zum Schluss zur Schlachtbank noch -- geführt --

(Karl Kinndt alias Reinhard Koester [1885-1956], in "Simplicissimus", Heft 36 vom 01.12.1930)

Anmerkung: Nach der hirnzersetzenden Wahl im Saarland und vor den ebenso lächerlichen Wahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen sollten wir uns nachhaltig bewusst machen, welchem Irrsinn wir aufsitzen, wenn wir weiterhin dem üblichen Wahlkampfgetöse folgen. Die Geschichte lehrt uns unmissverständlich dreierlei:

1. Ein Wahlboykott oder eine ungültige Stimme kratzt die Bande nicht - ganz im Gegenteil.
2. Ein Kreuz bei den etablierten Parteien stärkt die Bande sogar - ganz egal, ob es nun bei der CDU, der SPD, den Grünen oder der FDP erfolgt.
3. Ein Kreuz bei den Faschisten führt zur unmittelbaren und extremen Totalkatastrophe.

Welche Alternativen bleiben da wohl übrig? Dieser schwierigen Denkaufgabe sind Millionen von Wählern in Kürze wieder ausgesetzt. Es ist klar absehbar, dass sie auch diesmal wieder grandios daran scheitern werden.

Kommentare:

Dede hat gesagt…

Eigentlich darf man da nicht lachen, ich weiß .... aber ich habe mich vor Lachen verschluckt, als ich das gelesen habe. Charlie, manchmal ist dein trockener Humor, der die Kotze in die Eimer treibt, preiswürdig.

Zum Gedicht sage ich nichts - das spricht für sich selbst. Weimar 2.0, und alles ist beim alten.

Gerald45 hat gesagt…

Wenn Karl Kinndt 1930 bereits geahnt hätte, welchen Terror Hitler einige Jahre später über die Welt gebracht hat, wäre sein Urteil wahrscheinlich auch anders ausgefallen. Wobei das Bild von der Schlachtbank ja ziemlich gut passt!

Trotzdem ist es schon angsteinflössend dass sich die Situationen heute und damals doch so sehr gleichen....

Charlie hat gesagt…

Ja, die Ähnlichkeiten sind bestechend - auch wir träumen ja nach wie vor das "alte Weltverbess'rungs-Träumchen" wie die Progressiven in der Weimarer Zeit und so viele andere weit zuvor und erleben zeitlebens doch immer wieder nur die endlose Wiederholung der kapitalistischen Verarschung und Zerstörung ... und dennoch ändert sich nichts und wir sehen uns gefangen in einer Zeitschleife, die das immer Gleiche wieder von vorn beginnen lässt.

Das Bild von der Schlachtbank passt im Übrigen auch auf die Strategie die neoliberalen Bande heute - Hartz IV, Griechenland, Sozialabbau, Privatisierungen, Slums, grassierende Armut überall sind nur ein paar Schlagworte, die da weiterführen. Das alles gab es in Weimarer Zeiten auch schon und heute wird es schlicht wiederholt. Das ist kein Zufall, sondern systemimmanent.

Das perverse Spiel "Monopoly" endet stets damit, dass einer alles besitzt und alle anderen nichts mehr haben - nichts anderes passiert in der kapitalistischen Realität. Da gibt es nur den kleinen Unterschied, dass dies kein Spiel ist und man nicht so einfach wieder bei "Null" neu beginnen kann.

Anabelle hat gesagt…

Und wieder ein vergessenes Kleinod der politischen Lyrik, das ich nur allzu gerne an meine Schüler weitergeben werde! Vielen Dank, auf die Diskussionen bin ich schon jetzt gespannt!

Mynona hat gesagt…

Gerade bei Feynsinn gelesen:

"Aktuell haben wir Spitzenkandidaten zur Landtagswahl in NRW, die mit folgenden Ergebnissen gekürt wurden:

Röttgen: 96,4%
Lindner: 99,8%
Kraft: 99%
Löhrmann: 98,4%.

Der gute freiheitlich-demokratische Wähler entscheidet sich dann für eine der neoliberalen Geschmackssorten, in deren Namen die oben Genannten den Einheitsbrei servieren."

http://feynsinn.org/?p=13405

Diese Wahlen sind mehr als nur eine Farce. Das Wort "hirnzersetzend" trifft es ziemlich gut. Wieso nur werden diese Vollpgosten noch immer von so vielen Vollpfosten gewählt?

Anabelle hat gesagt…

Ganz einfach: Weil in Deutschland offensichtlich größtenteils Vollpfosten leben. Die SED musste noch auf Repression und Wahlfälschungen zurückgreifen - die NED kann offenbar auf tatsächliche Mehrheiten bauen.

Es gehen zwar nur noch 60, 50, 40, 30 Prozent der BürgerInnen zur Wahl, aber die machen ihre Kreuzchen fleißig bei der NED. Und schon haben wir ein Wahlergebnis, das den real-existierenden Kapitalismus fast hundertprozentig befürwortet!

Na ja, ganz so ist es natürlich noch nicht .... aber wir sind nicht mehr weit davon entfernt. Und die Schlachtbank ist schon wieder in greifbarer Nähe.

terry hat gesagt…

Ein klasse Gedicht! Wieso steht das eigentlich nicht in den Schulbüchern?

Charlie hat gesagt…

Die Antwort auf Deine Frage, Terry, ist allzu einfach und wurde vor kurzem erst hier wiederholt: "Analphabeten lassen sich leichter regieren".

Darkmoon hat gesagt…

Wir sehen: Das Problem ist sehr alt, es war offensichtlich schon immer so, daß etablierte Parteien nicht das Wohl des Volkes im Sinn hatten. Trotzdem wurden und werden sie immer wieder gewählt (oder man wählte einfach niemanden mehr, was aber ja auch keine Lösung sein kann). Eine Veränderung, und zwar eine noch tausendmal schlimmere, gab es erst, als eine neue Partei gewählt wurde, die noch weiter rechts angesiedelt war. Die wurde allerdings wirklich gewählt.

Es gibt keinen Grund anzunehmen, daß sich das heute irgendwie verändert hat. Bei kommenden Wahlen werden wieder die Zerstörer gewählt - je rechter sie sich vor der Wahl geben, desto mehr Stimmen werden sie bekommen. Dieses Volk will es nicht anders, es muss ganz offensichtlich mehrheitlich aus üblen Masochisten bestehen, die sich liebend gern ausrauben, belügen, verarschen und letzten Endes umbringen lassen.

Es ist extrem demotivierend, wenn ich lesen muß, daß es vor 80 Jahren (!!!!) schon genauso war, wie es heute ist. Leben wir doch in einer irrsinnigen Zeitschleife???

Charlie hat gesagt…

@ Darkmoon: Ja.

Pirat hat gesagt…

es hat sich ja wircklich nix verändert!!! wie furchtabr ist das denn???