Dienstag, 8. April 2014

Der Terror des Kapitalismus'


Der Kiezneurotiker hat mal wieder einen wunderbaren und wichtigen Text geschrieben, der die gruseligen Dinge auf den Punkt bringt und der eigentlich in der Zeit oder den feuilletonistischen Ruinen der FAZ hätte erscheinen müssen. Lest das bitte: "Die Schere im Kopf", und zieht Eure Konsequenzen daraus: Auch, wenn ich ebenfalls keine Ahnung habe, ob das laienhafte Verschleiern der eigenen Identität mittels vieler verschiedener Mailadressen und Pseudonyme überhaupt irgendeine sinnvolle Aussicht auf Erfolg hat. Mehr bleibt uns aber heute gar nicht mehr.

Wenn auch diese Maßnahmen nicht mehr ausreichen, um uns vor der Totalüberwachung - vielleicht auch nur rudimentär - zu schützen, dann wäre das Horrorszenario der staatlichen Komplettüberwachung aller BürgerInnen längst Realität. Der gute Kiezneurotiker verirrt sich zwar gelegentlich auf Nebenschauplätze - denn beispielsweise die persönlichen Gefahren durch die Nennung des Klarnamens eines widerwärtigen kapitalistischen Eigennutzmehrers haben nichts mit der Überwachung der Menschen durch staatlich-geheime Terrororganisationen zu tun - aber dennoch ist das Fazit gewiss nicht von der Hand zu weisen: Es mag sicherlich bereits Menschen geben, welche die "Schere im Kopf" parat haben und manche Meinungen nicht mehr kund tun, die sie ohne diese Überwachung ohne zu zögern geschrieben hätten.

Für mich persönlich gilt das nur bedingt, denn ich bin mir völlig bewusst, dass ich zwar den "Falschen" - also den Nutznießern dieses perversen Systems - stetig ans Bein pinkle und das auch richtig gut und wichtig finde, allerdings stelle ich für diese Leute nichts weiter als eine lächerliche Schmeißfliege dar, die - sofern sie überhaupt wahrgenommen wird - mit einer einzigen Handbewegung wieder verschwände, wenn sie der Aufmerksamkeit denn wert wäre.

Für Leute wie Fefe, die im Text explizit genannt werden, gilt das natürlich nicht: Der gute Mann sollte sich tatsächlich warm anziehen und auf alles gefasst machen - wenn sein Einfluss den einer lästigen Fliege vielleicht einmal übertreffen sollte, wird die Bande keine Sekunde zögern und ihm "Kinderpornographie" oder irgendeinen anderen Schmutz auf die Festplatte kopieren oder ihn auf andere Weise mundtot machen. Illusionen bezüglich dieses furchtbaren Systems sind hier völlig fehl am Platze.

Die Frage ist nun, wie wir mit dieser bedrohlichen Situation umgehen: Halten wir das Maul oder schreien wir den schändlichen Propagandisten auch weiterhin ein lautes "Nein!" ins Gesicht? Meine Entscheidung ist da ganz klar und eindeutig, aber wie sieht das wohl beim Rest der Bevölkerung aus - zumal in den Teilen, die längst erkannt haben, welches perfide Spiel hier gespielt wird? Wirkt die Drohung der Totalüberwachung, haben Menschen wie Fefe Angst vor einem gezielten Terrorschlag des Kapitals? Ich kann mir das nicht vorstellen - was aber vielleicht auch nur daran liegt, dass in meine Wohnung bislang noch keine bewaffnete Einheit des "Verfassungsschutzes" eingedrungen ist und mich in Haft genommen oder mit dem Vorwurf der "Kinderpornographie" belastet hat. Ehrlich gesagt: Ich rechne damit, dass das irgendwann geschieht.

Ich habe schon an anderer Stelle darauf Bezug genommen: Lesenswert ist dazu der jüngste Text des Titanic-Gärtners, der abschließend bemerkt: "Dass es so kam und dass es so bleibe, dafür sorgte und sorgt der Boulevard, der längst nicht mehr nur [BLÖD] heißt. Sondern, man hat's geahnt, auch Süddeutsche Zeitung." Da geht's zwar um Krieg und dessen propagandistische Begleitung, aber die Ursachen und Wege sind exakt dieselben.

Es ist wahrlich an der Zeit, einmal mehr laut und vehement "Nein!" zu sagen. Wenn wir kleinen Leuchten im Internet das nicht tun, tut es niemand sonst, der wahrgenommen wird. - Und dennoch sagt die unten wiedergegebene Karikatur mehr zu diesem Thema aus, als alle meine Worte es jemals könnten.

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Gottvertrauen


"Halb sechs - sie muss kommen, die Weltrevolution!"

(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 15 vom 08.07.1919)

Kommentare:

M hat gesagt…

Paranoid - sag ich doch ;) Da wären ganz andere, die wirklich offentlich ihre Meinung kundtun viel gefärderter. Die leben allerdings seit Jahren ohne Verfolgungswahn. Vielleicht sollte man sich nicht immer zu wichtig nehmen?! Die wunderliche Maskerade entwertet die Meinung, mag sie auch noch so gut begründet sein. http://www.taz.de/!119767/

M hat gesagt…

*gefährderter

Der Duderich hat gesagt…

"Die wunderliche Maskerade entwertet die Meinung, mag sie auch noch so gut begründet sein."

Warum kommentierst Du dann nicht unter Klarnamen?

M hat gesagt…

In privaten Blogs zu kommentieren ist schon hardcore. Das sind Freundeskreise die sofort über jede abwegige Meinung herfallen - schade eigentlich! Denke anstatt über Pseudoprofile sollten wir besser über ein menschliches Miteinander schreiben. Und es ein Stück weit in den Kommentaren auch leben! Hätte ich mich mit meinem Profil hier anmelden können, ich hätte es getan. Geht aber nicht, also ein Nick, weil es alle hier so machen. Wobei das M nicht mal gelogen ist und der Blogbetreiber meinen Klarnamen kennt!

Der Duderich hat gesagt…

Cool bleiben! Es war eine einfache Frage! Ich denke nicht, dass ich über Dich hergefallen bin.

Charlie hat gesagt…

@ M: Ehrlich gesagt, verstehe ich die Kritik nicht. Es geht hier doch gar nicht um "Verfolgungswahn" oder die Frage, wer denn wohl gefährdeter sei in diesem schrecklichen System - es geht doch einzig und allein um die nicht mehr bestreitbare Totalüberwachung des Internets durch die NSA und "befreundete" (auch deutsche!) Dienste und die Möglichkeiten, die uns NutzerInnen noch bleiben, um uns davor (ein wenig?) zu schützen.

Wer im Internet - zumal in Bereich der politischen Blogs - mit seinem Klarnarmen auftreten will, soll das doch bitte herzlich gerne tun - aber raten kann man dazu angesichts der Erkenntnisse, die Snowden ermöglicht hat, doch wahrlich niemandem. Das Gegenteil ist doch der Fall: Man sollte dringlichst jedem Nutzer nahelegen, seine Identität im Internet möglichst gut zu verschleiern, damit die Überwachungsfetischisten der neoliberalen Bande nicht ein ganz so leichtes Spiel haben. Noch sind wir fast alle unbedeutend und eben nicht mehr als lästige Fliegen - aber das kann sich auch schnell ändern, wenn das scheindemokratische Spuk-Gefüge wieder einmal aus dem Lot gerät und staatliche Stellen wieder einmal ein großes Interesse daran bekommen, "Andersdenkende" bzw. Systemkritiker ausfindig zu machen. Das ist nun alles andere als "Paranoia" ... sondern nach meinem Empfinden eine der ganz wenigen und extrem wichtigen Vorsichtsmaßnahmen, die wir heute überhaupt noch zur Verfügung haben.

Selbstverständlich sind wir Blogger und Kommentatoren heute ungefährlich für das perverse kapitalistische System - genauso ungefährlich waren aber auch beispielsweise all die Mitglieder der umgefallenen SPD nach 1933 - und trotzdem sind sie zu einem nicht unerheblichen Teil damals verfolgt und ermordet worden. Spätestens hier solltest Du bemerken, dass "Ungefährlichkeit" nicht vor Verfolgung schützt.

Liebe Grüße!