Montag, 6. Oktober 2014

Lesetipp des Tages: "Sparen mit dem Existenzminimum"


Der Kollege vom Frei-Blog hat am Wochenende, an dem ich mich auf meiner allzu kurzen virtuellen Urlaubs- und Erholungsreise vom neoliberalen, deutschtümelnden "Einheits"-Brei-Beschiss befand, einen kleinen, dafür aber umso aussagekräftigeren Text über seine eigene furchtbare Situation im menschenfeindlichen, grundgesetzwidrigen, rot-grün-schwarz-gelben Hartz-Terror verfasst, dem ich eine weite Verbreitung wünsche. Ein kleiner Auszug daraus:

Ich lebe von der Hand in den Mund, von Tag zu Tag, und am Ende eines Monats opfere ich meine drei angesparten Euros, um noch zwei Tage durchzuhalten. / Und dies schon seit Jahren, immer auf der Hut, nicht weiter brutal in die Gosse gekickt zu werden. Ich sollte mich gemütlich in der Armut einrichten, mein Almosen nicht verjubeln und dankbar dafür sein, dass ich noch geduldet bin.

In der Tat, die Betonung liegt hier auf dem "noch" - denn es ist absehbar, in welche braunen Abgründe die politisch forcierte Richtung geht und welche Konsequenzen sich in Zukunft daraus ergeben müssen, wenn das Ruder nicht doch noch herumgerissen wird. Dass bereits die gesamte vorangestellte Beschreibung - auch ohne dieses "noch" - bereits eine gesetzlich und politisch legitimierte, propagandistisch wohlwollend begleitete Kurssetzung in den faschistischen Sumpf darstellt, der von der großen Mehrheit der Menschen in diesem Land (und weit darüber hinaus) irrsinniger Weise gar nicht als solcher wahrgenommen wird, fällt da fast schon nicht mehr ins Gewicht.

Wenn heute nach wie vor immer wieder irgendwelche Huren und Callboys aus den Reihen der Propagandamedien und der Politik wie von Sinnen in die Welt tröten, das "Sozialsystem" in Deutschland sei eine "Hängematte", in der sich ein "wunderbares, von materiellen Sorgen freies Leben" führen ließe, dann muss man diesen (meist sehr üppig absahnenden) Figuren längst bösen Willen unterstellen, denn so dumm kann noch nicht einmal irgendein Hanswurst von der CSU oder irgendeine Schreckschraube von der BLÖD-"Zeitung" sein, dass er/sie nicht genau um die Absurdität einer solchen Behauptung wüsste. Die dahinter stehenden Absichten sind ja klar erkennbar - erst gestern hat beispielsweise Stefan Gärtner in seiner Titanic-Kolumne einen erhellenden, bissigen Text dazu veröffentlicht, der sich mit den furchtbaren Zuständen in privatisierten [sic!] "Asylunterkünften" in Deutschland und der schauderhaften Reaktion der FAZ darauf beschäftigt.

Das "Sozialsystem" in diesem Land ist von Rot-Grün mit tatkräftiger Unterstützung und Zementierung von Schwarz-Gelb von einer einstmals vielleicht wackeligen, längst nicht perfekten, immerhin aber halbwegs erträglichen Bruchbude zu einer schwelenden Geisterruine deformiert worden, für welche die Bezeichnung "Sozialsystem" nicht einmal mehr satirisch überhöht zulässig ist. Diese Bande hat ein staatliches Schikanierungs-, Unterdrückungs und Disziplinierungssystem der Willkür daraus gemacht, das permanent Angst, Unsicherheit, Zwangsverarmung und Zwangsarbeit verbreitet - eine "eiserne Hängematte" voller vergifteter Dolche über einem bodenlosen Abgrund, sozusagen.

Währenddessen schwillt der perverse Reichtum weltweit - natürlich auch in Deutschland - permanent an. Niemals zuvor gab es so viel Reichtum wie heute - das erzählen uns jedenfalls die Propagandamedien in schöner orwellscher Kontinuität immer wieder. Es wird dabei nur stets der "unwichtige" Hinweis "vergessen", dass dies nur eine kleine Mini-Clique betrifft, während die große Mehrheit der Menschen logischer Weise immer ärmer wird - solche Details sind aber auch nebensächlich, wenn es um den überbordenden Reichtum "unseres Landes" geht.

Und so wird die schwelende Geisterruine des ehemaligen "Sozialstaates" auch weiterhin abgebaut, bis irgendwann nicht einmal mehr Fragmente davon übrig sind - denn irgendwoher muss der überbordende, stets wachsende Superreichtum der "Elite" ja kommen. Und woher soll die Bande ihn denn nehmen, wenn in Afrika und Asien und selbst in exotischsten Regionen dieses Planeten nicht mehr genug zu holen ist? Richtig: Zuerst sind "Asylanten" und Arbeitslose, gerne auch Kranke, Behinderte und Rentner im eigenen Land an der Reihe ... aber wer glaubt, dass die Habgier der Perversen dann plötzlich aussetzen und nicht auch den Rest der Bevölkerung ins Visier nehmen wird, der muss mindestens ebenso doof sein wie "Herr Karl" oder der Rest der in der kapitalistischen Propaganda gefangenen, völlig desinformierten Bevölkerung.

Wenn Volker im verlinkten Text schreibt: "Wissen Sie, [wovor] ich Angst habe, wenn ich an eine Zukunft denke, die ich möglicherweise noch erleben werde?" - dann habe ich für mich die Antwort zum Glück schon parat. Wer sie wissen möchte, sollte Christa Wolfs grandioses Werk "Kein Ort. Nirgends" aufmerksam lesen. Ich werde den Terror des Kapitalismus gewiss nicht bis zur letzten Konsequenz ertragen, soviel ist sicher. Meine letzten Kräfte hebe ich mir auf für den letzten Akt, der tatsächlich nur mich allein betrifft.

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Lebenszweck


"Mensch Aujust, bloß nich' schlapp machen! - Det Vaterland braucht dich noch for de Arbeetslosen-Statistik!"

(Zeichnung von Marcel Frischmann [1900-1952], in "Simplicissimus", Heft 45 vom 08.02.1932)

Kommentare:

altautonomer hat gesagt…

"Ich auch nicht. Ich habe nur einfach diese Parolen satt, die sich radikal üben, aber letztlich nur ein laues Lüftchen sind. Die Sanktionspraxis gehört reformiert. Ein-Euro-Jobs eingestellt. Nicht jede Arbeit darf zumutbar bleiben. Angedachte KontrollVERSCHÄRFUNGEN (!) müssen im Keim erstickt werden. Es ist schlicht gesagt die Frage zwischen Revolution und Reform, die sich hier auftut. Wieder mal. Typisch links (? - aa). Was nützen harte antikapitalistische Töne?"

Frage: Wer hat so etwas geschrieben? Ein Sozialdemokrat? Ein Job-Mitarbeiter? Ein Banker?

Nein diese Textauszüge entstammen einem Empörungsstatement des sich bisher als links und anarchistisch bezeichnenden Bloggers R. de Lapuente.

Und es kotzt mich an. So konvertieren welche, die früher selber in der Shice steckten, mit Verschlimmbersserungsvorschlägen in die gesellschaftliche Mitte hinein. Für die Zurückgebliebenen H-4-ler ein Schlag ins Gesicht.

Mit Genuss finde ich es daher noch einmal bestätigend richtig, dass der Klassenfeind ad sinistam hier aus der Blogroll entfernt wurde.

frei-blog hat gesagt…

@Charlie,
danke für den Hinweis zu meinem Text sowie deinen Ausführungen dazu.
Manchmal fällt es mir etwas schwer, über meine Lage, Ängste und Erfahrungen zu schreiben, bin allerdings auch der Meinung, dass es zu wenige Betroffene gibt, die über diese lebensfeindlichen, entwürdigenden Zustände berichten. Und: "einschlägige Blogs" scheinen mir auch kein Interesse daran zu haben, Betroffene zu Wort kommen zu lassen, die immerhin den Mut dazu aufbringen. Wer sonst, als die Betroffenen selbst, könnten die Lebensumstände in der Armut besser aufzeigen.

altautonomer hat gesagt…

frei-blog: Bei den "Notizen aus der Unteerwelt" ist H4 immer wieder ein Punkt der sich wie ein roter Faden durch die Themenagenda zieht.

Zuletzt das hier:
http://klausbaum.wordpress.com/2014/10/03/immer-feste-druff/

Charlie hat gesagt…

@ altautonomer: Diesen furchtbaren Absatz Lapuentes kannte ich noch gar nicht, danke dafür - ich sollte vielleicht gelegentlich doch noch dort nachlesen, um mich auf dem Laufenden zu halten.

Charlie hat gesagt…

@ frei-blog: Ich kann es sehr gut nachvollziehen, dass es Dir manchmal verdammt schwer fällt, über die eigene schlimme Situation in der staatlich zwangsverordneten Armut zu schreiben - umso beachtlicher finde ich es, dass Du es hier einmal mehr getan hast.

Ich kann Dich nur ermutigen, das immer wieder zu tun - und erkläre mich herzlich gerne bereit, entsprechende Texte auch immer wieder direkt zu verlinken oder - falls gewünscht - auch zu re-bloggen. Falls Du Interesse daran hast, kannst Du gerne unter editor@gmx.li Kontakt mit mir aufnehmen.

Solidarische Grüße!