Dienstag, 28. April 2015

"Cold Calls": Neue Tricks der Werbefuzzis im rechtsfreien Raum


Ein Gastbeitrag von Altautonomer.

Mit Inkrafttreten des Gesetzes gegen unseriöse Geschäftspraktiken am 9. Oktober 2013 wurden die gesetzlichen Regelungen über nervende Werbeanrufe verschärft. Die mögliche Bußgeldhöhe wurde von 50.000 Euro auf 300.000 Euro angehoben. Auch sind seit der Gesetzesänderung Werbeanrufe, die mittels einer automatischen Anrufmaschine durchgeführt werden, bußgeldbewehrt. Dieses Gesetz ist aus Sicht der der Call-Center und insbesondere deren Betreiber jedoch ein rechtsfreier Raum, denn das Geschäft muss wohl dermaßen profitabel sein, dass sich die Personalkosten, die Investitionen in ein Großraumbüro und die einkalkulierten Bußgelder beim Erwischtwerden immer noch amortisieren. So gingen beispielsweise von Juli bis Dezember 2009 über 28.000 Beschwerden wegen unerlaubter Telefonwerbung bei der Bundesnetzagentur (BNA) ein, von denen nicht einmal 10% in ein Bußgeld mündeten.

Während kurz nach der Gesetzesnovelle einige Werbezentralen mit der verbotenen Rufnummerunterdrückung noch einige Monate eine Meldung des belästigten "Verbrauchers" bei der BNA verhindern konnten, haben sich die Trickser inzwischen eine neue Masche, die im Merkblatt der BNA noch gar keine Berücksichtigung bei der Verbraucheraufklärung findet, einfallen lassen, mit der sie das Verbot neuerdings - angeblich juristisch einwandfrei - umgehen.

Es folgt ein persönlicher Erfahrungsbericht - aber der Reihe nach:

Ich habe niemals an irgendwelchen Gewinnspielen, Preisrätseln oder Umfragen teilgenommen und auch niemanden um einen Anruf gebeten. Mein Festnetzanschluss ist in keinem Telefonbuch vermerkt, meine Rufnummer bei ausgehenden Anrufen unterdrückt. Und trotzdem wurde ich im März über mehrere Wochen regelmäßig von Werbeanrufen belästigt (Namen der Call-Center-Sklaven und der Betreiber wurden von mir im Folgenden geändert). Dabei waren die Akteure rhetorisch dermaßen plump und einfallslos, dass ich das System bereits beim zweiten Anruf durchschaut hatte.

Eines Tages klingelt das Telefon. Im Display eine mir unbekannte Nummer mit Hamburger Vorwahl. Ich hebe ab:

Ich: Ja, bitte?
Weibliche Stimme: Mein Name ist Janine Kempf, ich hätte gern mit Frau Karin Rothe gesprochen.
Ich: Da haben Sie sich wohl verwählt. Welche Nummer hat Frau Rothe denn?
(Sie nennt meine Festnetznummer und erklärt dazu, Frau Rothe habe per E-Mail um einen Rückruf gebeten.)
Ich: Da hat sich Frau Rothe wohl vertan.
Janine: Da ich Sie aber gerade in der Leitung habe, würde ich Ihnen gerne unsere Mobilfunk-Sondertarife der "funkfit" vorstellen, die sicher auch für Sie interessant sein könnten.
(Ich will reingrätschen und sagen, dass ich nicht interessiert bin, doch sie rasselt ohne Luft zu holen weiter.)
Janine: Wir könnten Ihnen z.B. zwei Prepaid-Karten zum Preis von einer anbieten.
(Mir reicht's. Ich schalte auf Angriff.)
Ich: Hören Sie mal, was Sie hier machen, ist verbotene Telefonwerbung. Ich habe Ihre Nummer notiert. Sie werden demnächst Post von der Bundesnetzagentur bekommen.
Janine: Wieso das denn, ich habe Sie doch gar nicht angerufen, sondern wollte Frau Rothe sprechen.
Ich: Ja, nee, is' klar. Und der Papst ist Moslem.

Danach habe ich aufgelegt. Beim nächsten Anruf ein paar Tage später, wieder mit Hamburger Vorwahl im Display, eine männliche Stimme: Frank Storchmann von der Firma "Callmobile", der ebenfalls Frau Rothe sprechen möchte und mich fragte, wie denn mein Name sei:

Ich: Ich bin der Sohn von Frau Rothe und hüte momentan ihr Haus, weil sie verreist ist. Wie kommen Sie überhaupt an diese Telefonnummer?
(Er geht gar nicht auf meine Frage ein.)
Frank: Herr Rothe, wie wäre es denn, wenn ich Ihnen bei dieser Gelegenheit einmal unsere Sonderkonditionen für Handytarife vorstelle?
Ich: Ich habe kein Handy und Sie rufen hier einfach ohne meine Zustimmung an, das kann teuer werden.
Frank: Ihre Frau Mutter hat an einem Gewinnspiel teilgenommen und ihre Telefonnummer für Werbezwecke freigegeben. Dass nun Sie sich melden, konnte ich nicht ahnen.
(Das stimmte natürlich nicht, wie sich später herausstellte - siehe weiter unten.)
Ich: Herr Stroh..., äh, Storchmann, ich nehme unser Gespräch ab jetzt auf Band auf, sind Sie damit einverstanden?
(Meine Basisstation hat wirklich diese Funktion. Frank legte jedoch einfach wortlos auf.)

Eine Weile machte ich mir einen Spaß daraus, die Anrufer auf eine immer wieder andere Art zu verarschen - bis es mir schließlich zu viel wurde, weil die Netzagentur trotz meiner wiederholten Beschwerden erst reagierte, nachdem ich mich beim Bundesministerium beschwert und beim letzten Mal nach dem Abheben des Telefonhörers (wieder Hamburger Vorwahl im Display, und es war ganz sicher nicht Thomas Ebermann oder Rainer Trampert dran) auch gleich mit den Worten "Fick dich ins Knie!" verabschiedet und aufgelegt hatte.

Das System ist folgendermaßen aufgebaut: Es wird in einem Ortsnetz eine x-beliebige Festnetznummer mit niedriger Endziffer ausgesucht. Name und Anschrift des Teilnehmers stehen ja meist im Telefonbuch. Dann wird mit einem IT-Programm automatisch diese Nummer angewählt, jedoch mit jeweils anderer Endziffer. So ist garantiert, dass unter der Vortäuschung des Verwählens neue potenzielle Kunden bzw. Werbeopfer kontaktiert werden können, ohne dass das Gegenteil bewiesen werden kann.

Frau Rothe (72) wohnt in meiner Heimatstadt, nicht weit von meiner Wohnung entfernt, und hat eine bis auf die letzte Ziffer identische fünfstellige Rufnummer wie ich. In der fraglichen Zeit habe ich mehrmals mit ihr telefoniert und sie auf dem Laufenden gehalten. Sie selber habe nie einen Werbeanruf erhalten, sagte sie mir. Sie versende auch keine E-Mails, nehme an keinen Gewinnspielen teil und habe auch niemals und niemanden um einen Anruf zu irgendeiner Produktinformation gebeten. Allerdings sei sie schon einmal von einem anderen Mann angerufen worden, der ihr dasselbe geschildert habe.

Fazit: Dieses Verbraucherschutzgesetz ist wieder einmal ein Placebo.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Peinlich, wie sich ein Möchtegernautonomer auf Gesetzte beruft und Amtsstellen bemüht.
Geh zum Arzt.

Matthias Eberling hat gesagt…

Dreh doch mal den Spieß um und ruf bei denen an. Versuche, den Call-Center-Sklaven ein Abo für "Punk today" oder "antifa-news" anzudrehen ;o)

Gerd hat gesagt…

Der Gastautor ist ein Spießer wie er im Buche steht.

Charlie hat gesagt…

@ Anonym: Peinlich sind in erster Linie anonyme Kommentatoren.

Davon abgesehen: Worauf bitte soll man sich denn "berufen", wenn nicht auf bestehende Gesetze? Auf das "Recht des Stärkeren"?

Wenn Du nichts Konstruktives zum Thema beizutragen hast, solltest Du einfach schweigend weiterziehen.

Anonym hat gesagt…

"Frau Rothe (72) wohnt in meiner Heimatstadt, nicht weit von meiner Wohnung entfernt, und hat eine bis auf die letzte Ziffer identische fünfstellige Rufnummer wie ich. In der fraglichen Zeit habe ich mehrmals mit ihr telefoniert und sie auf dem Laufenden gehalten."

Zwei Rentner, die viel Zeit haben. Und wie viele Falschparker hat der Altautonome schon denunziert?

altautonomer hat gesagt…

Anonym und Gerd: Ihr habt beide nichts verstanden.

1. habe ich mir einen Spass daraus gemacht, mit den Werbern zu plänkeln,

2. habe ich die für den Verbraucherschutz zuständigen Behörden "vorgeführt" und

3. ging es mir in diesem Beitrag darum, eines von vielen Gesetzen für die hilflosen Verbraucher als wirkungslos zu entlarven, wie sich unter anderem an dem Verhältnis Bußgeldverfahren versus Anzeigen zeigt.

Aber immer wieder interessant zu lesen, wie der Teil des Publikums, der vermutlich selber nie den Arsch hoch bekommt,jede Gelegenheit nutzt, seine Vorurteile gegen Ex-linksradikale
abzusondern.

Dabei lassen meine Kritiker gern außer Acht, dass viele Anrufe bei naiven, insbeondere älteren Menschen zu kostenintensiven Abos und dergl. führten, aus denen sie nur mit juristischer (!!) Hilfe wieder herauskamen.

altautonomer hat gesagt…

Nachtrag für Anonym und Gerd:

Ich schlage Euch so eine Art Lackmustest für den linken Spießer vor. Jeder, der glaubt, er sei so etwas wie regierungskritisch, grün oder sonst wie alternativ, ergo: gegen das Establishment eingestellt, soll sich fragen, wo er sich von dieser Regierung vertreten fühlt. Findet er auch nur eine einzige Übereinstimmung, in der kleinsten taktischen Frage, dann wäre er dem Spießer in sich auf der Spur. Und das sollten wir offensiv vertreten. So kritisch wie selbstkritisch. Wir dürfen diesem Spießer – also sich selbst, unter Umständen –, keine Gelegenheit geben, sich fortschrittlich zu wähnen, revolutionär gar.

Anonym hat gesagt…

Anonym 8:05 Uhr: Du plädierst also für Selbstjustiz?



Anonym hat gesagt…

Anonymer Charlie: Benenne doch deinen Blog in "Anarchistische und autonome Spießer" um!

BG 87601980 - 809 hat gesagt…

Das Traurige daran ist, daß da oft genug ein armes Schwein am anderen Ende sitzt, welches mehr oder weniger vom Jobcebter dazu verdonnert worden ist. Ich bekomme jeden Monat etliche Schreiben, mich umgehend bitte bei der Zeitarbeitsfirma xyz zu bewerben, die mich dann für 8,64€ in ein Call-Center zur Kundenaquise stecken wollen. Man ist da auch sofort ein wie auch immer gearteter verdenglischter Assistant. Da ich dies jedoch regelmäßig verweigere, werden mir natürlich reichlich Sanktionen angedroht, um alsbald fallengelassen zu werden. Auf die Frage, warum ich immer wieder mit solch einem Sch... behelligt werde, erfuhr ich dann, daß das ja schließlich "was mit Medien und IT" sei, was der Computer meinem Profil entsprechend für mich rausgesucht habe. Sie (PAP) könne da auch nichts machen.

Gerd hat gesagt…

beim Bundesministerium beschwert...
Verbraucherschutzgesetz...
Gespräch auf Band...
auf dem Laufenden gehalten...

Fick dich ins Knie!

epikur hat gesagt…

Ja, der Telefonterror ist wirklich lästig. Eigentlich können einem die armen Würstchen leid tun, die da arbeiten wollen/müssen, wenn es nur nicht so dermaßen nerven würde.

Anonym hat gesagt…

Gerd 10:38 Uhr:
Paul Panzer würde sagen "Rrrrrrichtig!"

altautonomer hat gesagt…

Ein späterer Whistleblower tritt Anfang August 2008 eine neue Stelle an: im Callcenter „Lübecker Hanseservice“.

Seine Aufgabe: Verträge für Glücksspielbeteiligungen im Auftrag von „Europachance“ und „Eurochance“ zu verkaufen, also Leute anrufen und sie zum Mitmachen animieren. Sein Chef übergibt ihm dazu eine umfangreiche Datensammlung von Tausenden von Personen mit

Telefonnummer
Adresse
Geburtsdatum
Bankverbindung und Kontonummer.

„Sie haben doch mal bei der Süddeutschen Klassenlotterie gespielt? Jetzt haben wir ein neues Angebot für Sie!“ So soll er seine Anrufe beginnen.

Die Daten sind allesamt aktuell. Das merkt der Mann schnell und sieht auch sofort die Probleme: Zum einen müssen die Daten auf illegalem Wege zu seinem Arbeitgeber gelangt sein – die Weitergabe und erst recht ein Verkauf sind verboten.

Zum zweiten: Mit solchen Informationen, insbesondere mit den Bankverbindungsdaten, lassen sich ganz einfach „vertraglich vereinbarte Zahlungen“ von den Konten abbuchen, wenn ein Telefongespräch mit einem angeblichen „Neukunden“ nachweislich zustande gekommen ist. Auch wenn der „Neukunde“ abgelehnt hat. In der Branche heißt das „Kaltaquise am Telefon“.

Dem Mitarbeiter wurde gekündigt und wegen des Verrats von Geschäftsgeheimnissen angezeigt.

Hier scheinen sich einige Freunde der Kaltaquise und virtuellen Beutelschneider angepisst zu fühlen.

MT hat gesagt…

Ist schon richtig, dass man diesen Telefonterror als übelsten Betrug bennent. Ich finds auch schlimm, wie diese Heinis vor allem die Omas und Opas übelst abzocken. Ich selber bin zwar noch keine Oma, mich hat man früher aber auch schon mit solchen Anrufen belästigt. Wenn man denen klar macht, dass man am Telefon kein Geschäft abschließt und schon gar nicht an irgendwelchen obskuren Lotterien teilnimmt, hören die irgendwann auf. Bei mir war es jedenfalls so. Ist aber trotzdem höchst unangenehm das Ganze und natürlich auch höchst kriminell.

altautonomer hat gesagt…

Dann bin ich jetzt mal wieder weg (Spießer gehen früh schlafen, stehen früh auf und machen erstmal bei Sonnenaufgang Liegestütze im Stadtpark. Weisse Bescheid?))

Von denen, die einfach nur ihren Kotzeimer hier vor die Tür stellen, sich darauf beschränken, mich persönlich anzumoppern und sich dann flugs aus dem Staub machen hsind sowieso keine inhaltlichen Kommentare zu erwarten. Diese Typen sind vermutlich dieselben, die auch beim Kiezneurotiker aufschlagen und ihn permanent mit ähnlichen Verbalinjurien vollrotzen.

Anonym hat gesagt…

Man reiche dem Zeloten ein Taschentuch...