Mittwoch, 28. Dezember 2016

Realitätsflucht (35): The Stanley Parable


Der heutige Bericht über meine jüngste Realitätsflucht stellt mich vor einige Probleme, da ich über ein Spiel schreiben möchte, ohne es zu beschreiben - denn bereits eine schnöde Inhaltsangabe wäre schon ein unverzeihlicher Spoiler, der jenen LeserInnen, die das Spiel noch nicht kennen, es aber gerne ausprobieren möchten, sehr sauer aufstieße. Es handelt sich um das Indie-Adventure "The Stanley Parable" (2013) vom amerikanischen Entwickler Galactic Cafe, das auf eine "Mod" zur "Source Engine" von Valve aus dem Jahr 2011 zurückgeht.



"The Stanley Parable" ist eigentlich gar kein Computerspiel im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr eine interaktive, philosophische, sehr surreale Reise in die Untiefen der kapitalistischen Arbeits- bzw. Sklavenwelt und das damit verbundene Surrogat eines Lebens. Zu Beginn klärt der allgegenwärtige Erzähler den Spieler auf, dass er sogleich die Geschichte Stanleys, eines Angestellten einer nicht näher benannten Firma, erleben wird, indem er in dessen Rolle schlüpft. Schon dies ist aber nur die halbe Wahrheit, wie sich relativ schnell herausstellt.

Es ist nahezu unmöglich, dieses Werk spoilerfrei zu beschreiben, weshalb ich hier darauf verzichte und stattdessen den Trailer, der auch nur den groben Rahmen des Inhalts illustriert, sprechen lasse:



Das Spiel hat zwar einen Anfang, aber kein wirkliches Ende - inzwischen sind, wenn ich mich nicht irre, 18 mögliche Ausgänge bekannt - letztlich landet man aber sowieso immer wieder am Startpunkt, um eventuelle weitere Facetten neu zu entdecken. Immer wieder verändert sich durch den so erzwungenen Neustart die Umgebung, durch die Stanley irrt - wer also meint, diese oder jene Region sei bereits erkundet und könne damit vernachlässigt werden, verpasst den größten Teil des Spieles und damit auch die intellektuelle Herausforderung.

Es gibt hier keine Kämpfe oder typischen Rätsel - das Spiel eignet sich somit auch für Menschen, die sich mit diesem Medium noch nie auseinandergesetzt haben: Zur Steuerung muss man lediglich die Maus bewegen und zur Vorwärtsbewegung der Spielfigur die "W"-Taste drücken. Weitere Fähigkeiten sind nicht vonnöten.

Die Grafik ist auch heute noch durchaus ansehnlich; die Musik ist minimalistisch und durchaus passend; die Sprachausgabe beschränkt sich auf den fast ständig präsenten Erzähler, der den Spieler gekonnt und professionell durch die Geschichte führt - oder ihn davon abzuhalten versucht, je nach Sichtweise. Die Texte werden in gut verständlichem Englisch vorgetragen - optional kann man aber deutsche Untertitel einblenden lassen, wovon ich jedoch abrate. Auf meinem Win7/64-System läuft das Spiel problemlos und ohne jeden Absturz. Leider ist es an den Steam-Kraken gebunden, was sich aber mit ein wenig Geschick auch umgehen ließe. Das ist allerdings illegal und daher ausdrücklich nicht empfohlen.

Ganz besonders sei dieses Meisterwerk allen Menschen ans Herz gelegt, die sich im alltäglichen Irrsinn ihres Büroalltages in einem solchen "Borgwürfel" (Kiezneurotiker-Sprech für "Firma") befinden und die dennoch gelegentlich ein kritisches Bewusstsein bezüglich ihres Tuns pflegen. Die vielen kleinen Details im Spiel werden das Herz jedes Borgwürfelinsassen höher schlagen lassen - von hirnfreien Powerpoint-Präsentationen in dusseligen Meetings über nicht minder bescheuerte Flipcharts und firmeninterne Bekanntmachungen, die darüber aufklären, wie man es vermeiden kann gefeuert zu werden oder wie man dem Boss am besten Zucker in den widerwärtigen, verklebten Arsch bläst, ist bis zu den obligatorischen Kaffeetassen ("I hate Mondays" oder "I like work, I just hate my boss") alles dabei.

Dieser mehr oder weniger subtile Humor ist allerdings ebenfalls nur eine Facette dieses illustren, außergewöhnlichen Spieles; und er wird in manchen Szenarien auch gerne ins Absurde überhöht, wenn der arme Stanley beispielsweise aufgrund einer "falschen" Entscheidung samt der kompletten Firma mithilfe von Nuklearwaffen in die Luft gesprengt wird. Der überaus ernste und existenzielle Hintergrund der Geschichte, die am PC schon - je nach Spielweise - nach drei, vier oder fünf Stunden vorbei ist, hat mich noch sehr lange beschäftigt und tut das auch weiterhin. - Das ist großartige, wegweisende Computerkunst, die den Vergleich mit Kafka keineswegs scheuen muss.


Kommentare:

Hi-Dilly-Ho! hat gesagt…

DⒶschaurija
Frisch aus der Klein-Bloggersdorfer ��Glücksspiel-Szene��

Realitätsflucht № 36 - The Welli Gamble

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Charlie hat gesagt…

Ein hübsches Bildchen - aber was hat das mit "The Stanley Parable" zu tun? Ist Wellbrock nicht nur Marxens Inkarnation, sondern am Ende auch Stanley? - Ich weiß so wenig. ;-)